Das Wunder der Natur und Kunst der unterirdischen Mühlen Col-des-Roches

Die Niederlande sind seit jeher als Land der Polder, der Tulpen und der Mühlen bekannt. In der Schweiz fehlen die Tulpen, doch die Wasserwerke blicken ebenfalls auf eine jahrhundertelange Geschichte der Kanalisierung, der Veränderung von Flusseinzugsgebieten, der Trockenlegung von Moorgebieten und sogar der Absenkung des Wasserspiegels in Seen zurück.

Die Schweizer Wassermühlen 

Mühlen scheint es auf den ersten Blick nicht zu geben (abgesehen von den heutigen Windkraftanlagen). Doch der Schein trügt. Das Land zählt Tausende von Mühlen; nur sind sie aus der Ferne nicht gut zu erkennen. Sie funktionieren nämlich ausschliesslich über Wasserräder, die von der Wasserkraft von Bächen, Wasserfällen und anderen Wasserläufen angetrieben werden. Aus der Entfernung wirken sie wie grosse oder kleine Bauernhöfe oder Lagerhäuser – in Wirklichkeit sind es Wassermühlen.

Sammlung: Museum Les Moulins souterrains du Col-des-Roches

Unterirdische Wassermühlen

Zudem haben innovative Unternehmer im 16. und 17. Jahrhundert Mühlen auch unterirdisch angelegt – also für das blosse Auge unsichtbar. Unterirdische Wasserräder trieben 1555 am Lac de Tallières (Kanton Neuchâtel) Getreidemühlen und Sägereien an. Die unterirdischen Wasserräder der Mühlen von La Ronde in La Chaux-de-Fonds waren bereits 1489 in Betrieb. Die Mühlsteine und Sägen waren jedoch oberirdisch angebracht. Beide Mühlenanlagen wurden schon vor langer Zeit stillgelegt (Lac de Tallières 1923, La Ronde 1870).

Le Locle (r) und das Tal, le Cold-des Roches (l). Lithographie von Fritz Huguenin-Lassauguette (1842-1926), 1876. Sammlung: Museum Les Moulins souterrains du Col-des-Roches

Die unterirdischen Mühlen bei Col-des-Roches

Die jahrhundertealten Mühlen bei den Col-des-Roches wurden im 17. Jahrhundert jedoch vollständig unterirdisch angelegt – bis in mehrere Dutzend Meter Tiefe! Der Col-des-Roches bei Le Locle (Kanton Neuchâtel) ist eine Felsformation, die über Millionen Jahre hinweg durch die Bildung des Juragebirges sowie durch die Wirkung von Meeren, Gletschern und Schmelzwasser entstanden ist. Le Col-des-Roches liegt etwa 2 Kilometer von Le Locle entfernt.

Die Geschichte der Wassermühlen in dieser Region reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Le Gros Moulin von Le Locle datiert aus dem Jahr 1370, der Seigneur von Vallangin verkaufte seine Mühlen in La Sagne, Brenets und La Chaux-de-Fonds im 16. Jahrhundert. Le Moulin de la Roche am Saut-du-Doubs wurde 1642 Eigentum von Daniel Sandoz (1604–1668).

Les moulins im 17. Jahrhundert

Les moulins im 19. Jahrhundert

Viele Grotten und verschiedene Bäche haben sich im weichen Kalkstein des Jura gebildet. Dieses Gebiet war traditionell sumpfig und wurde erst im 20. Jahrhundert trockengelegt. Der Bach Le Bied wurde im 20. Jahrhundert teilweise kanalisiert und fliesst z.T. noch immer unterirdisch, um bei La Grotte du roi de Prusse in den Doubs zu münden – im Lac des Brenets, nahe dem Saut-du-Doubs.

Sammlung: Museum Les Moulins souterrains du Col-des-Roches

Berühmte Besucher

Die unterirdischen Wassermühlen waren inzwischen in Europa eine Berühmtheit.. Der Philosoph Karl Viktor von Bonstetten (1745–1832) formulierte es gegen Ende des 18. Jahrhunderts wie folgt: « les fameux moulins sont connus dans le monde entier ».

Der Name „roi de Prusse“ bezieht sich auf das Fürstentum Neuenburg (Neuchâtel) des Königs von Preussen (1706 formell bis 1857, obwohl Neuchâtel seit 1815 ein Kanton der Eidgenossenschaft und seit 1848 eine Republik war!).

In der Geschichte der unterirdischen Mühlen von Col-des-Roches taucht der Name des Fürsten von Neuenburg mehrfach auf: als Konzessionsgeber für Mühlen, als Besucher dieser Mühlen und im Zusammenhang mit der Regulierung des Getreidemarktes. König Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861) und Fürst von Neuenburg besuchte die Grotten im Jahr 1842.

Auch verschiedene europäische Politiker, Schriftsteller, Ingenieure und andere Würdenträger besuchten dieses „Wunder der Natur und Kunst“ (so Frédéric-Samuel Osterwald (1713–1795), darunter der venezolanische Freiheitskämpfer Francisco de Miranda (1750–1816), Prinz Edward (1767–1820), Herzog von Kent (der Vater von Königin Victoria) sowie Hans Christian Andersen (1805–1875).

Das Wappen der Familie Sandoz. Sammlung: Museum Les Moulins souterrains du Col-des-Roches

Daniel und Jonas Sandoz

Daniel Sandoz erwarb Konzessionen für Mühlen in der Nähe von Col-des-Roches in der damaligen Gemeinde Rochefort. Sein Sohn Jonas Sandoz (1626–1690) war anschliessend 1659 der Initiator des unterirdischen Mühlenkomplexes mit Getreidemühle, Sägewerk, Dreschmühle und Ölpresse.

Die Konzessionen. Sammlung: Museum Les Moulins souterrains du Col-des-Roches

Er richtete in der Grotte Räume für fünf Radwerke ein, die vertikal übereinander am Wasserfall des Le Bied liegen. Dafür liess er die Grotte weiter ausgraben und dazwischen Aquädukte für das Wasser anlegen. Jedes Radwerk war mit einer Mühle verbunden – oder in den Worten des Conseil d’État von Neuchâtel im Jahr 1663:

“….il y puisse bastir et construire tels harnois et engins qu’il trouvera à propos, et qui luy soyent le plus commodes, utiles et profitables, soit moulins raise, rebattre, huilière, et autres artifices”.

Die Blütezeit im 18. Jahrhundert

Der Eigentümer betrieb die Mühlen nicht selbst, sondern verpachtete sie an Müller. Dieses besondere und einzigartige Projekt zählte in seiner Blütezeit im 18. Jahrhundert noch immer vier unterirdische Mühlen. Die Uhrenindustrie, Textilindustrie und Spitzenklöppelei leiteten eine Phase der Industrialisierung, des Wohlstands und der Zuwanderung in der Region ein – unter anderem in Le Locle, La Chaux-de-Fonds, Val-de-Travers (Asphaltminen!) und Cortaillod.

Die Nachfrage nach Weizen und Holz wuchs daher enorm, doch gegen Ende des 18. Jahrhunderts waren nur noch drei Mühlen in Betrieb. Madame de Gauthier, ein Flüchtling vor der Französischen Revolution, erwähnt in (Voyage d’une Française en Suisse et en Franche-Comté. Depuis la Révolution):

“Le moulin des Roches est situé à une quart heure de lieue du Locle dans une chaîne de montagnes, oû la nature a creusé une énorme caverne. Un ruisseau qui parcourt le vallon s’y précipite, et fait mouvoir aussi trois roues. Des escaliers taillés dans le roc, rendent ce voyage souterrain facile. Deux moulins servent à la mouture des blé ; le troisième au sciage des planches”.

Das Ende im 19. Jahrhundert

Im Laufe der Jahrhunderte folgten verschiedene Besitzer aufeinander und führten Veränderungen durch. Die einschneidendste Umgestaltung war die Installation von Turbinen im 19. Jahrhundert. Doch es half nichts. Die Zeit der unterirdischen Mühlen war am Ende des 19. Jahrhunderts vorbei.

Der Bauer holt das gemahlene Getreide ab. Sammlung: Museum Les Moulins souterrains du Col-des-Roches

Die Instandhaltung der Mühlen war kapital- und arbeitsintensiv; die Arbeitsbedingungen waren sehr hart. Zudem war die Feuchtigkeit in der Grotte für Getreide nicht ideal, und die Bauern mussten ihr gemahlenes Mehl so schnell wie möglich abholen. Über den Getreidemühlen war ein Dach angebracht, um Tropfen und Feuchtigkeit zurückzuhalten. Die Baumstämme für die Holzsägerei gelangten über einen Eingang und ein Aquädukt zur Holzmühle.

Über diesen Schacht gelangten die Baumstämme zur Sägemühle

Im 19. Jahrhundert hielten neue Techniken (Elektrizität und Turbinen) Einzug, und die Wasserkraft verlor rasch an Bedeutung. Danach kamen neue Verkehrsmittel (Zug, Auto). Sie transportierten und importierten Getreide und Holz kostengünstig und schnell über grosse Entfernungen, und die Bedeutung lokaler Produktion und der Mühlen nahm rapide ab.

Um 1880 stellten die Mühlen ihren Betrieb ein, doch daraus ergab sich eine neue Möglichkeit: die Erzeugung von Elektrizität. Und 1890 brannte in Le Locle die erste Strassenbeleuchtung mit Strom aus einem angelegten, 90 Meter hohen Wasserfall bei den Col-des-Roches.

Das Museum Les Moulins souterrains du Col-des-Roches

Die Mühlen in der Grotte waren damals jedoch bereits verfallen, und die Grotte erhielt 1899 eine ganz andere Bestimmung, sie wurde eine Schlachterei. Aufgrund der konstant niedrigen Temperatur (7 Grad) ist die Grotte nämlich ideal zum Entsorgen tierischer Kadaver. Auch diese Tätigkeit wurde 1966 endgültig eingestellt.

Nach Jahren der Räumungsarbeiten öffnete am 1. Juli 1987 das heutige Museum seine Türen. Es beherbergt eine Dauerausstellung, Wechselausstellungen sowie einen Rundgang durch die Grotte mit ihren noch sichtbaren unterirdischen Radwerken und Mühlen.

(Quelle und weitere Informationen: Caroline Calame, Les Moulins souterrains du Col-des-Roches, Hauterive 2005; Les Moulins souterrains du Col-des-Roches).

Korrektur: Giuanna Egger-Maissen, Korrektorin und Lektorat

Sammlung: Museum Les Moulins souterrains du Col-des-Roches

Neue Strassen und eine Eisenbahnverbindung von Frankreich in den Schweizer Jura, Ende des 19. Jahrhunderts. Sammlung: Museum Les Moulins souterrains du Col-des-Roches

Le Col-des-Roches, rond 1880. Sammlung: Museum Les Moulins souterrains du Col-des-Roches

Am 27. September 1842 besuchte der König von Preussen, Prinz von Neuchâtel, les moulins 

Die Kelten, Römer, Störche und Natur von Möhlin

Die Salzminen von Ryburg gehören heute zur Schweizer Salinen AG, einem Zusammenschluss der drei Minen in Bex, Pratteln und Ryburg. Ryburg ist Teil der Gemeinde Möhlin im Kanton Aargau, nur wenige Kilometer von Rheinfelden entfernt. Bereits in römischer Zeit war dieser Ort am Rhein besiedelt. Das überrascht angesichts der Nähe von Augusta Raurica nicht, die eine der grösseren römischen Städte nördlich der Alpen war.

Der Möhlinbach

Die Kelten und Römer

Die erste Erwähnung von Möhlin stammt aus dem Jahr 794, zur Zeit der karolingischen Herrschaft. Danach war das Dorf Teil des burgundischen Königreichs (888–1032), gehörte zu den Herrschaftsgebieten lokaler Machthaber (u. a. den Zähringer) und war bis 1803 als Teil des Fricktals Bestandteil Vorderösterreichs innerhalb des österreichisch-habsburgischen Kaiserreichs. Seit 1803 gehört Möhlin zum Kanton Aargau.

Die Kapelle

Es überrascht nicht, dass sich die Kelten bereits vor 3.000 Jahren an diesen fruchtbaren Ufern niederliessen. Melina oder Melin war der keltische Name der Siedlung. Die alte Dorfkirche St. German wurde im 7. Jahrhundert nach dem Abt des Klosters Moutier-Grandval benannt. Später wurde die Kirche nach St. Leodegar, dem Bischof von Autun, benannt. Heute ist sie eine christkatholische Kirche an einem wunderschön erhöhten Standort.

St. Leodegar

Im Süden wird die Gemeinde durch den Sonnenberg mit dem Aussichtsturm (632 m ü. M.) begrenzt, im Norden durch den Rhein.

Das langgestreckte Dorf wird vom Möhlinbach durchzogen, und das alte Zentrum weist stellenweise noch eine Bebauung auf, die die Bedeutung der Landwirtschaft widerspiegelt.

Die Störche

Nicht nur die Kelten und Römer, sondern auch Störche finden den Weg nach Möhlin. Die Storchenwiese Möhlin ist ein Dorf im Dorf – allerdings für Störche. Dort ist sogar ein seltener Schwarzstorch zu sehen!

Die  Natur

Wie an den meisten Orten in der Schweiz ist auch hier die Natur auf lokaler Ebene in guten Händen. Verantwortungs- und respektvoller Umgang mit Natur und Klima beginnt bei den Bürgerinnen und Bürgern – bottom-up und nicht top-down!

Im Süden liegen die Dörfer Magden, Zeiningen und Maisprach (Kanton Basel-Landschaft) sowie ihre Moränen, Juraberge, Wälder, Wiesen und Weinterrassen. Auch in dieser Region ist Musik nie weit entfernt, und ein Musikweg begleitet die Wandernden.

(Quelle und weitere Informationen: Gemeinde Möhlin)

Korrektur: Giuanna Egger-Maissen, Korrektorin und Lektorat

Duett zwischen dem Serpent und dem Saxophon in St. Imier

In der Stiftskirche  in St. Imier (Kanton Bern) fand am 19. April ein einzigartiges Konzert mit mehr als 15 Serpenten statt. Der Höhepunkt des Konzerts war das Duett zwischen dem Serpent und dem Saxophon.

Das Instrument ist im 16. Jahrhundert in Frankreich erfunden worden. Es wurde zur Begleitung gregorianischer Gesänge und anderer Kirchenlieder eingesetzt. Der Serpent wird aus Hartholz, meist aus Nussbaum, in zwei Hälften gefertigt.

Dann werden die Hälften zusammengeleimt und mit einer dünnen, pergamentartigen Lederschicht überzogen. Zum Schluss wird es mit einem speziellen Lack lackiert. Ursprünglich hatte der Serpent sechs Löcher. Im Laufe der Zeit sind noch mehrere hinzugekommen, die zum Teil  mit Klappen bedient wurden.

Michel Godard

Weil der oberste Teil mit einem Metallmundstück versehen ist, gehört der Serpent zu den Blechinstrumenten, obwohl der überwiegende Teil aus Holz besteht.

Nach der französischen Revolution wird das Serpentspiel wieder aufgenommen. Es kommt jedoch vermehrt in der Militärmusik zum Einsatz. Bis zum 19. Jahrhundert verliert der Serpent zunehmend an Bedeutung. Die Ophikleide, ein Blechinstrument, welches ganz aus Blech besteht und auch mehrere Windungen hat, verdrängt den Serpent. Wahrscheinlich auch, weil sie lauter klingt.

Der Serpent geriet in Vergessenheit, bis der französische Musiker Michel Godard ihn in den 1970er Jahren wieder entdeckte. Michel Godard lernte klassische Trompete, fand dann über das Tubaspiel zum Jazz und ist heute auch der weltweit beste Serpentist.

Wie Stephan Berger zum Serpentbauer wurde

 Stephan Berger, ursprünglich aus Läufelfingen (Kanton Basel-Landschaft) stammend, machte eine Lehre als Landmaschinenmechaniker. Später erlernte er die Lederverarbeitung und gründete eine eigene Werkstatt. Dort erfand er unter anderem eine spezielle Hundeleine für Blindenhunde. Diese Erfindung war ein grosser Erfolg.

Als Stephan 2005 ein Jazzkonzert von Michel Godard und seiner Band besuchte, war er total hingerissen vom warmen, sonoren Klang dieses Instruments. Stephan, ein Tüftler und sehr talentierter Handwerker, gelang es, den Serpent von Grund auf zu bauen. Bis heute baut er das Instrument für Musiker aus aller Welt und spielt es leidenschaftlich gern.

Korrektur: Giuanna Egger-Maissen, Korrektorin und Lektorat

Eindrücke aus dem Konzert

und aus der Stiftskirche in Saint-Imier

 

Das Schloss Nidau und die Juragewässerkorrektion

Der Graf von Neuenburg zu Nidau erbaute die 1196 erstmals  urkundlich erwähnte Wasserburg um 1140. Der Bielersee hatte im Mittelalter einen rund  2 Meter höheren Wasserspiegel. Die Burg ragte als imposante und schwer einnehmbare „Wasserfestung“ in die Höhe.

Die Grafen von Nidau, deren offizielle Bezeichnung „Grafen von Neuenburg, Herren von Nidau“ lautete, spielten bis 1375 (Guglerkrieg) eine tragende Rolle in der Region. Der letzte Graf von Nidau, Rudolf IV., starb 1375 in der Schlacht gegen die Gugler.

Die Gugler waren englische und französische Söldner, die während des Hundertjährigen Krieges (1337-1453) zwischen den Königreichen Frankreich und England ins Schweizer Mittelland zogen. Offensichtlich fraternisiert der Krieg auch.

Die Schweizer Söldner in späteren Jahrhunderten waren keine Ausnahme, sondern die besten Soldaten. Die Stadt Bern (und Solothurn) organisierte den Widerstand und fügte den Guglern grosse Verluste zu. 1376 zogen sich die Gugler wieder zurück.

Die Burg gelangte für kurze Zeit an den Bischof von Basel und anschliessend an den Grafen von Neu-Kyburg. Bern und Solothurn eroberten 1388 die Burg und die Stadt.

Nach der Eroberung diente die Burg als Landvogteisitz der Berner. Im 19. Jahrhundert wurde der südliche Abschnitt der Ringmauer abgebrochen und die Gräben wurden zugeschüttet.

Nach der Eroberung diente die Burg als Sitz des Vogts von Bern. Im 19. Jahrhundert wurde der südliche Teil der Ringmauer abgerissen und die Gräben wurden zugeschüttet. Dies wurde auch durch die Juragewässerkorrektion (1868–1891) ermöglicht. Der Wasserstand des Bielersees sank um zwei Meter.

Richard La Nicca (1794–1883)

Wegen seiner Lage  am Ausfluss der (Alten) Zihl (Thielle auf Französisch) und als Grenzort zum Fürstbistum Basel war Nidau bis Anfang des 19. Jahrhunderts eine wichtige Zollstätte. Der Verwaltungskreis Biel (Bienne) hat heute seinen Sitz im Schloss Nidau.

(Quelle und weitere Informationen: Schlossmuseum Nidau)

Korrektorin: Melinda Fechner

Die Juragewässerkorrektionen und Seeland

Nach dem Rückzug des Rhonegletschers am Ende der letzten Eiszeit vor 15.000 Jahren bildete sich im Raum zwischen den heutigen Städten Solothurn und La Sarraz (Kanton Vaud) ein grosser zusammenhängender See.

Schweizer Ingenieure können nicht nur Tunnel bohren und Eisenbahnstrecken bauen, sondern sind auch hervorragende Wassermanager.

Seeland 

Nachdem der Seeabfluss die Endmoräne abgetragen hatte, sank das Wasser. Der von den Bergen gespülte Schutt füllte die Ebene auf, bis in der Steinzeit die drei heutigen Seen übrig blieben: Neuenburgersee, Murtensee und Bielersee.

Die Zihl zwischen Nidau und Büren vor der Juragewässerkorrektion mit Hochwasserstand von 1817. Staatsarchiv des Kantons Bern

Seit dem Mittelalter hat sich der Wasserstand verschlechtert. Die Ebenen des Seelandes wurden zu Sumpfgebieten und es gab viele Überschwemmungen und  Hochwasserkatastrophen. Erst die technischen Möglichkeiten der Industrialisierung und die Entstehung des Bundesstaates im Jahr 1848 brachten den Durchbruch.

Die Juragewässerkorrektion im Drei-Seen-Land (Neuenburger-, Murten- und Bielersee) im 19. Jahrhundert ist ein hervorragendes Beispiel für ausgezeichnetes Ingenieurwesen .

St. Peterinsel

Die erste Jura-Gewässerkorrektion. Bild: Amt für Wasser und Abfall (AWA, Kanton Bern).

Bild: Musée d’Yverdon et région

Das Projekt des Ingenieurs Richard La Nicca (1794–1883) wurde zwischen 1868 und 1891 durchgeführt. Es umfasste Kanäle zwischen den Seen: den Zihlkanal (2), den Broyekanal (3), den Hagneckkanal (1) und den Büren-Nidaukanal (4) sowie die Absenkung des Wasserspiegels in den drei Seen.

Ansicht nach der Absenkung des Wasserspiegels im Neuenburgersee und die Überreste keltischer Pfahlbauten um 1880

Hagneckkanal. 

Die Überschwemmungen hielten jedoch an. Die zweite Juragewässerkorrektion wurde zwischen 1962 und 1973 durchgeführt, darunter der Bau des Wasserwerks Flumenthal sowie der Ausbau und die Verbreiterung des Hagneck-, Broye, Zihl- und Nidau-Büren-Kanals.

Nidau-Büren-Kanal

(Quelle und weitere Informationen: Besucherzentrum Wasserkraftwerk Hagneck,www.bielerseekraftwerke.ch; Schlossmuseum Nidau

Korrektorin: Melinda Fechner

Nidau, Richard la Nicca (1794-1883). 

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) wurde 1930 gegründet, um die 1919 (Vertrag von Versailles) festgelegten Reparationszahlungen Deutschlands zu verwalten. Mehr als zehn Jahre später, in einer Zeit sehr hoher Inflation und eines Börsencrashs (1929), wurde deutlich, dass diese Reparationszahlungen für Deutschland wirtschaftlich unrealistisch und politisch gefährlich waren.

Aus diesem Grund hat die BIZ auch einen englischsprachigen Namen, die Bank for International Settlements (BIS). Sie wurde auf der Haager Konferenz in den Niederlanden gegründet. Ein Übereinkommen zur Gründung der BIZ wurde von Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan und dem Vereinigten Königreich einerseits sowie der Schweiz andererseits unterzeichnet. Basel wurde aufgrund des neutralen Status der Schweiz, ihrer zentralen Lage in Europa und ihrer guten Erreichbarkeit als Standort gewählt.

Von ihrer Gründung bis heute hat die BIZ eine Reihe von Schlüsselrollen in der Weltwirtschaft gespielt, von der Abwicklung der Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg auferlegten Reparationszahlungen bis hin zur Unterstützung der Zentralbanken bei ihrem Streben nach monetärer und finanzieller Stabilität.

Die BIZ befindet sich heute im Besitz von 63 Zentralbanken und nimmt weiterhin neue Mitglieder auf, die Länder aus aller Welt vertreten, auf die zusammen etwa 95 % des weltweiten BIP entfallen. Ihr Hauptsitz befindet sich in Basel, Schweiz, und sie unterhält zwei Repräsentanzen: in der Sonderverwaltungszone Hongkong und in Mexiko-Stadt sowie Innovationszentren weltweit.

Ihre Aufgabe besteht darin, die Zentralbanken in ihrem Streben nach Währungs- und Finanzstabilität durch internationale Zusammenarbeit zu unterstützen und als Bank der Zentralbanken zu fungieren. Die BIZ bietet Zentralbanken und Finanzaufsichtsbehörden ein Forum für Dialog und Zusammenarbeit, in dem sie frei Informationen austauschen, ein gemeinsames Verständnis entwickeln und gemeinsame Massnahmen beschließen können.

Zweimonatliche Treffen

Die Zentralbankpräsidenten und andere hochrangige Vertreter der BIZ-Mitgliedszentralbanken treffen sich alle zwei Monate, in der Regel in Basel, um aktuelle Entwicklungen sowie die Aussichten für die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte zu erörtern. Ausserdem tauschen sie Meinungen und Erfahrungen zu Themen aus, die für Zentralbanken von Interesse sind.

Weitere Treffen der Zentralbankpräsidenten

Die Gruppe der Zentralbankpräsidenten und Aufsichtschefs ist ein hochrangiges Forum, das für die internationale Zusammenarbeit in der Bankenaufsicht zuständig ist. Sie trifft sich regelmässig.

Das Financial Stability Institute unterstützt Zentralbanken und Regulierungsbehörden bei der Stärkung ihrer Finanzsysteme. Es fördert die Anwendung globaler Regeln und eine gute Aufsicht. Dies geschieht durch politische Arbeit, Wissensaustausch und Schulungen.

Durch dieses Programm aus regelmässigen Treffen und der Unterstützung der wichtigsten globalen Normungsgremien des internationalen Finanzsystems trägt die BIZ dazu bei, den Dialog zwischen Zentralbanken und Aufsichtsbehörden zu fördern und so die weltweite Währungs- und Finanzstabilität zu stärken.

Die Zukunft des Zentralbankwesens ist untrennbar mit Innovation verbunden. Um dem wachsenden Bedarf an Zusammenarbeit der Zentralbanken in diesem Bereich gerecht zu werden, bieten die BIS Innovation Hub Centres eine Plattform für verantwortungsvolle Innovation, während das Cyber Resilience Coordination Centre den Zentralbanken ermöglicht, sich vor den damit verbundenen Risiken zu schützen.

Das Botta-Gebäude 

Es ist eine Bank

Wie der Name schon sagt, fungiert die BIZ auch als Bank. Sie bietet Finanzdienstleistungen ausschliesslich für Zentralbanken, Währungsbehörden und internationale Organisationen an. Ihre Bankgeschäfte finanzieren Aktivitäten, Gehälter, Büros und Projekte. Die BIZ ist finanziell selbsttragend – eine Ausnahme unter den internationalen Organisationen!

Tower headquarters building

Die derzeitigen und geplanten Standorte

Die BIZ verfügt derzeit über zwei Hauptgebäude in Basel: das Hauptsitzgebäude «Tower» (entworfen von Martin Burckhardt im Jahr 1977) am Centralbahnplatz und das Botta-Gebäude (entworfen von Mario Botta im Jahr 1986) am Aeschenplatz. Zudem besitzt sie zwei ältere Gebäude an der Centralbahnstrasse und der Gartenstrasse.

Nach einem internationalen Wettbewerb hat die BIZ beschlossen, die Erweiterung ihres Komplexes um einen neuen Turm fortzusetzen. Die erste Phase wird voraussichtlich bis 2027 dauern.

(Quelle und weitere Informationen: Bank for International Settlements)

Die Taubenlochschlucht, Petinesca, das Bistum Basel und Bern

Die Geschichte der Taubenlochschlucht als Nord-Süd-Verbindung und als Eintrittstor in den Jura reicht weit zurück in die Römerzeit.

Die römische Zeit

Die Hauptachse von Marseille über den Genfersee hin zum Rhein bildete einen Zweig, ein zweiter verlief von Bern (Engehalbinsel) her bis weit in den Jura hinein. Der Kreuzungspunkt der beiden Achsen lag bei Petinesca bei Studen. Der römische Tempelkomplex auf dem Gumpboden nahe Studen zeugt davon.

Petinesca, Standort des römischen Tempelkomplexes bei Studen

Der Juraweg führte über den Bözingenberg, hoch über der Taubenlochschlucht. Ein römischer Wachtturm am Geissrücken oberhalb von Frinvillier unterstreicht die strategische Bedeutung der Verbindung.

Sie zog entlang der Schüss bis Sonceboz, um dann über den Pierre Pertuis, den von den Römern durchbohrten Felsen (piedra pertusa), ins Tal der jungen Birs zu gelangen.

Die heutige Zeit

Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts reichte diese Strassenverbindung ins Erguel und ins Bistum Basel. Mit der Abtrennung des Bistums Basel und der anschliessenden Integration in den Kanton Bern im Jahr 1815 wurde die Verkehrslage kritisch.

Am Anfang der Taubenlochschlucht

Die neue Strasse von Biel bis Sonceboz mit der Bogenbrücke über die Schüss wurde im Jahre 1859 vollendet. Die Jurabahn wurde 1874 erstellt. Sie bedeutete jedoch das Ende des Postkutschenverkehrs.

Das Wasserkraftwerk

Seit 1889 besteht der Fussweg durch die Schlucht, der vom Schweizerischen Alpenclub (SAC) initiiert wurde. Zur Unterhaltung und Pflege wurde die Taubenlochgesellschaft gegründet. 1969 begann der Bau der Taubenlochstrasse. Sprengungen, Brücken, Viadukte, Stützpfeiler und viele weitere Bauten mussten in der Taubenlochschlucht verankert werden.

(Quelle und weitere Informationen: Verein Taubenlochschlucht)

Korrektur: Giuanna Egger-Maissen, Korrektorin und Lektorat

Erlenbach, Pfannenstiel, Natur, Meilen und die Burg Friedberg

Die Ufer des Zürichsees wurden während des Vorrückens der Rhein- und Linthgletscher in der letzten Eiszeit geformt. Der See verdankt seine Existenz zu einem grossen Teil dem Abschmelzen dieser Gletscher. Der Zürichsee und seine Flora und Fauna haben in den vergangenen 150 Jahren verschiedene ökologische Tiefpunkte erlebt.

Aufgrund der intensiven Uferbebauung und der Verschmutzung durch Abwasser ist ein grosser Teil des natürlichen Lebensraums an Land und im See verloren gegangen. In den letzten Jahren hat sich jedoch die Wasserqualität verbessert und die Natur an Land erholt – zum Nutzen des Menschen wie auch der Flora und der Fauna.

Es ist noch nicht perfekt, aber der menschliche Eingriff in die Natur wurde angesichts der hohen Bebauungsdichte sowie der intensiven Nutzung der Landwirtschaft und für Freizeitaktivitäten auf ein akzeptables Mass reduziert. Die grösste Bedrohung geht heute von sogenannten „invasiven Exoten“ – Tieren und Pflanzen aus anderen Kontinenten, zum Beispiel amerikanischen Flusskrebsen – aus.

Im Dorf Erlenbach, das einige Kilometer bergaufwärts liegt, ist von alldem noch wenig zu spüren. Der gleichnamige Bach fliesst seit Jahrtausenden Richtung See und mündet bei Meilen in den Zürichsee.

Diese strategische Lage blieb auch den lokalen Machthabern nicht verborgen. Um das Jahr 1200 errichteten sie die Burg Friedberg. Um 1350 wurde die Burg zerstört und nicht wieder aufgebaut.

Hotel‑Restaurant Pfannenstiel

Der Greifensee und Uster

Das Schnebelhorn

An einer anderen, aus touristischer Sicht strategischen Stelle steht heute das Hotel‑Restaurant Pfannenstiel mit herrlichem Blick auf die Alpen, den Greifensee, Uster und das Schnebelhorn (1291 m), den höchsten Berg des Kantons Zürich.

(Quelle und weitere Informationen: Gemeinde Meilen)

Korrektur: Giuanna Egger-Maissen, Korrektorin und Lektorat

Meilen

Wasserfels, ehemaliges Wasserkraftwerk und Textilindustrie

Ortsmuseum Meilen

Und die Natur

 

Das Prämonstratenserkloster Gottstatt und der Nidau-Büren-Kanal

Jedes Dorf, jede Stadt oder jeder andere Ort in der Schweiz hat meist die eine oder andere kulturelle, industrielle oder historische Besonderheit oder eine sehenswerte Umgebung. Das ehemalige Prämonstratenserkloster Gottstatt in der Gemeinde Orpund (Kanton Bern) bietet von allem etwas.

Das Prämonstratenserkloster Gottstatt

Das Kloster Gottstatt liegt zwischen dem Büttenberg und dem Nidau-Büren-Kanal, der im 19. Jahrhundert im Zuge der ersten Juragewässer-Korrektur (1868–1891) angelegt wurde. Diese Deltawerke avant la lettre (ein Jahrhundert vor den Deltawerken in den Niederlanden) veränderten den Wasserhaushalt in diesem Teil des Landes für immer.

Der Nidau-Büren-Kanal

Der Remonstrantenorden wurde um 1120 in der Ortschaft Prémontré (Département Aisne in Frankreich) gegründet. Das Prämonstratenserkloster Gottstatt war die letzte Niederlassung dieses Ordens auf dem Gebiet der heutigen Schweiz. Die Grafen von Neuenburg-Nidau waren die Stifter im Jahr 1247.

Im Jahr 1255 wurde das Kloster geweiht. Mehrere Generationen der Grafen von Neuenburg-Nidau sind in der Kirche begraben. Die Abtei Bellelay war die Mutterabtei. Das Kloster gehörte zum Bistum Lausanne.

 

Bern

Die Grafen von Kyburg erwarben Nidau und das Kloster im Jahr 1375, verpfändeten jedoch die Stadt und das Kloster an Herzog Leopold III. von Habsburg. Nach dessen Niederlage bei Sempach (1386) gegen die Eidgenossen erwarb Bern 1388 Nidau und das Kloster. Dies führte 1528 zur Reformation und bis 1798 zur Berner Vogtei. Der Komplex hat heute verschiedene Funktionen, unter anderem eine religiöse und eine Wohnfunktion.

Safnern

Das nahegelegene Dorf Safnern wurde erstmals im Jahr 1251 urkundlich erwähnt. Ulrich von Biel schenkte Safnern (feuchte Wiese, Ort mit saftigem Gras) der Abtei Bellelay. Nach der Juragewässer-Korrektur setzte der wirtschaftliche Aufschwung des Dorfes ein, und das wunderschöne Naturschutzgebiet Häftli an der alten Aare nahm Gestalt an.

(Quelle und weitere Informationen: D. Amacher, B. Blaser, Die reformierte Kirche und das ehemalige Prämonstratenserkloster Gottstatt, Bern, 2005)

Korrektur: Giuanna Egger-Maissen, Korrektorin und Lektorat

Aufstieg und Fall der Confoederatio Helvetica

Von der Eidgenossenschaft zur EUgenossenschaft: die demokratische, soziale und gesellschaftliche Erosion und Verelendung der ältesten Demokratie Europas. Für zu viele hochgelehrte Schweizer Akademiker, Beamte, Journalisten und andere sogenannte „Hochgebildete“ (was das heutzutage auch immer bedeuten mag und als ob Metzger, Maurer, Bauer oder Spengler nicht hochgebildet wären) ist diese jahrhundertealte Konföderation ein mittelalterliches Kuriosum, das keinen Platz in der heutigen Zeit der Europäischen Union haben soll.

Das systematische Kleinreden der Konföderation

In ihren zahlreichen  Publikationen lassen sie keine Gelegenheit ungenutzt, diese Konföderation herabzuwürdigen. In ihrer Ideologie – denn mit Geschichte hat das wenig zu tun – verdankt die Schweiz ihre Existenz ausschliesslich der Gnade Frankreichs nach 1515 (Marignano und dem ewigen Frieden 1516/1521) sowie dem Wiener Kongress (1814–1815).

Historisch ist dies jedoch falsch. Bereits 1648 wurde die Schweizerische Konföderation aus 13 (souveränen) Kantonen als unabhängiger Staat anerkannt, ebenso wie die Republik der Sieben Vereinigten (souveränen) Provinzen der Niederlande.

Zudem war die Konföderation bis 1515 eine militärische Grossmacht, die nicht nur die Habsburger, sondern auch das Herzogtum Burgund besiegt hatte. Ohne diese Konföderation wäre das schwächelnde Königreich Frankreich möglicherweise von diesem Herzogtum von der Landkarte getilgt worden und das Königreich Burgund wäre die neue Realität.

Frankreich hat die Konföderation ausserdem stets mehr gebraucht als umgekehrt (der ewige Frieden 1516/1521), nämlich als Puffer gegen die Habsburger, als Quelle für Söldner, wegen der Alpenpässe, Verkehrswege und des Handels.

Grandson 1476-2026

Politisch geprägter Anachronismus

Ein Historiker in französisch-deutschen Diensten bagatellisiert sogar die weltweit einzigartige direkte Demokratie („Die direkte Demokratie wird überschätzt“). Das muss man sich trauen – ausgerechnet aus dem zentralistischen, bürokratischen und explosiven Frankreich sowie dem dahinsiechenden Deutschland.

In einer anderen Publikation werden plündernde Eidgenossen des 15. und 16. Jahrhunderts mit  Mafia-Clans verglichen. Das ist nicht nur Anachronismus, sondern auch gezielte Stimmungsmache, denn alle militärischen Formationen plünderten und verwüsteten damals Städte und Landstriche.

Ein anderer Akademiker spricht in dieser Periode von „Neidgenossen“, obwohl Rivalitäten zwischen Städten, Provinzen und Fürstentümern ebenso in den Niederlanden, in Deutschland,  in Italien und in ganz Europa üblich waren.

Die Kompromisse und kurze Kriege in den religiösen Auseinandersetzungen des 16. und 17. Jahrhunderts, das Simultaneum, der kurze Sonderbundskrieg sowie die gemeinsame Verwaltung von Untertanengebieten, beispielsweise in den Kantonen Waadt, Aargau und Thurgau, eröffnen eine ganz andere Perspektive.

Schloss Grandson, Bern und Freiburg verwalteten gemeinsam Grandson bis 1798

Auch der absurde Eifer, die Nichtexistenz von Wilhelm Tell oder die ersten Bündnisse zwischen den heutigen Kantonen aus dem 13. und 14. Jahrhundert beweisen zu wollen, passt in dieses Konzept. Romulus und Remus, die Göttin Athene, Kenau Simonsdochter Hasselaer oder Marianne werden in Italien, Griechenland, Frankreich oder den Niederlanden niemals infrage gestellt. Es geht um Symbolik – und Wilhelm Tell bringt sie auf treffende Weise zum Ausdruck.

Romeyn de Hooghe, 1690, Spanische Belagerung von Haarlem in den Jahren 1572 und 1573. Kenau Simonsdochter Hasselaer vorne links.

 Die demokratische Verelendung in den Niederlanden

Vom Fisch sagt man, der Fäulnisprozess beginne immer am Kopf. Das gilt auch für Länder, Unternehmen und Universitäten sowie für deren demokratisches, wirtschaftliches und wissenschaftliches Funktionieren. Dies betrifft nicht nur das oben genannte, politisch gefärbte und nicht wertfreie Agieren von Schweizer Akademikern, sondern auch die Demokratie selbst.

In den in der Praxis wenig demokratischen Niederlanden und ihrer institutionalisierten corruption à la néerlandaise überrascht es nicht, dass die Bürger niemals auch nur das Geringste über Umfang, Tempo und Themen der europäischen Integration mitentscheiden durften.

Mit einer einzigen Ausnahme: 2005 organisierten Parlament und Regierung ein Referendum über „Eine Verfassung für die Europäische Union“. Bei Wahlen zum Europäischen Parlament (mit einer Wahlbeteiligung zwischen 30 % und 40 %) oder zum nationalen Parlament spielen europäische Themen ohnehin nie eine Rolle.

Im Jahr 2005 lag die Wahlbeteiligung bei diesem Referendum bei 63,3 % und 62 % stimmten gegen diese weitere Integration. Die Reaktion des Establishments: Das Ergebnis wurde nicht nur ignoriert, sondern das Referendum wurde anschliessend wieder abgeschafft – das erste Referendum seit 200 Jahren! Zudem fanden die geplanten Referenden in zehn weiteren Ländern ebenfalls nicht statt.

Seitdem schreitet die demokratische Verelendung in den Niederlanden unvermindert voran. Alle paar Jahre Wahlen mit vielen Versprechen, die nie eingehalten werden (Migration, Euro, weniger bürokratische, geldverschwenderische, technokratische und hochverschuldete EU etc.).

Die Bürger sind inzwischen der corruption à la néerlandaise gegenüber –mit Amsterdam als verkommenem,  politischem, antisemitischem, kriminellem und Drogenmüllabladeplatz – abgestumpft. Laut Umfragen haben nur noch 4 % der Bürger in diese Politik und in die Politik als Geschäftsmodell mit lukrativen (europäischen und internationalen) Arbeitsplätzen Vertrauen.

Charles Howard Hodges (1764–1837), 1809, Ludwig Bonaparte (1778–1846), König der Niederlande 1806–1810. Sammlung: Rijksmuseum Amsterdam

Die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen und Napoleon

Was hat das mit der Schweiz zu tun? Sehr viel. Die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen wurde 1795 von Napoleon Bonaparte (1769-1821) aufgelöst – zunächst wurde sie zur Batavischen Republik (Bataafse Republiek), von 1806 bis 1810 (König Louis Bonaparte, 1778-1846) ein Königreich und von 1810 bis 1813 war sie vom Französischen Kaiserreich annektiert. Auf dem Wiener Kongress (1814/1815) wurden diese Monarchie (Dynastie Oranien-Nassau) und der zentralistische Einheitsstaat bestätigt. Wiederstand der Provinzen gab es nicht.

die Konföderation und Napoleon

Napoleon Bonaparte musste aufgrund des heftigen Widerstands der Kantone die Helvetische Republik (1798–1803) wieder aufheben. Die souveränen Kantone der neuen Konföderation (mit 19 Kantonen) wurden als Fortsetzung der Konföderation von 1648 wiederhergestellt (1803-1813). Die Grossmächte (Preussen, Frankreich, England, Russland und Österreich) anerkannten 1815 die Schweiz als wichtige wirtschaftliche und neutrale bewaffnete Konföderation  im Herzen Europas.

Stans (Kanton Nidwalden)

Dies hatte nichts mit einer Gunst zu tun, sondern mit einer jahrhundertealten diplomatischen, politischen, sozialen, kulturellen, wissenschaftlichen, militärischen und wirtschaftlichen Geschichte seit dem 13. Jahrhundert.

Die Dörfer der Innerschweiz wurden – einzigartig in Europa – bereits im 13. und 14. Jahrhundert als freie Orte (Reichsunmittelbarkeit) im Heiligen Römischen Reich anerkannt und mit Städten wie Basel, Strassburg, Köln, Bern oder den Hansestädten gleichgestellt.

Entsprechend weisen sie ein städtisches Gepräge auf – geprägt von Handel, militärischen Erfolgen, europäischen Netzwerken, Diplomatie und Austausch. Die heutigen Schweizer urbanen Eliten, what is in a name, könnten sich gegenüber der Innerschweiz etwas respektvoller verhalten.

Trogen (Kanton Ausserrhoden)

Es ist auch ein Mythos, dass diese Konföderation im Vergleich zu anderen Ländern sehr arm war. Die Armut in Amsterdam des Goldenen Zeitalters war genauso gross wie in Schweizer Städten. Der Bauernstand war in beiden Ländern relativ wohlhabend und auf jeden Fall frei, was jedoch keine Armut ausschloss. Schweizer meldeten sich wegen Überbevölkerung massenhaft als Söldner, Niederländer gingen massenhaft zur See, wanderten in die Handelsposten, nach Polen, Dänemark oder in andere Gebiete aus.

Die politische Verelendung in der Schweiz

Was hat das mit der Gegenwart zu tun? Sehr viel. Die Politik der Innerschweiz ist bis heute geprägt von Pragmatismus, Realismus und Zurückhaltung und verzichtet seit 1515 auf politische Abenteuer.

Das Establishment des Landes der direkten Demokratie ignoriert  jedoch heute die Verfassung, das Ständemehr– und die souveränen Kantone und bevorzugt ein politisches Abenteuer mit der Europäischen Union. Vielleicht kann das schweizerische Establishment dieses „mittelalterliche“ Ungeheuer gleich ganz abschaffen – nach dem Vorbild der Abschaffung des Referendums in den Niederlanden.

Aktivismus, mangelnde Qualität und Erfahrung sowie immer weniger Swissness (aus verschiedenen Gründen) prägen heute auch die schweizerische Politik. Das ist kein gutes Omen für die Gesellschaft. Kein Ständemehr bedeutet nicht nur politische Verelendung, sondern  ist auch verfassungswidrig und das Ende der einzigartigen Schweizer direkten Demokratie und der Konföderation von Kantonen und Volk. Das Vertrauen in der Politik is weg, wie in den Niederlanden, Frankreich, Deutschland, Belgien und Italien, Gründer der Europaischen Union

Der Politiker und Unternehmer Alfred Escher (1819–1882) formulierte 1848, was noch heute die Grundlage des föderalen und demokratischen Systems ist:

„Der schöne Baum unseres neuen Bundes, der seine schützenden Zweige über das ganze Vaterland ausbreitet, hat zu seinen Wurzeln die Kantone. Würden wir diese Wurzeln verkümmern und absterben lassen, so wäre damit auch dem Baum der sichere Untergang bereitet. Die Kantone sind die Säulen, auf denen das ganze Bundesgebäude ruht“ (J. Jung, Alfred Eschers Thronreden, Zürich 2021).

Bern, Bundeshaus, die 26 Kantone

Schlussfolgerung

Nach mehr als zweihundert Jahren haben sich das Establishment der ehemaligen Republik der Sieben Vereinigten Provinzen und der Eidgenossenschaft wiedergefunden, in einer zentralistischen „One‑size‑fits‑all“-Verwaltung. Die neuen Monarchen residieren in Brüssel, ihre Richter in Luxemburg. Die Eidgenossenschaft auf dem Weg zu einer Genossenschaft der EU und ihrer hochprivilegierten Bürokraten, Technokraten und Lobbyisten. Die direkte Demokratie, der Föderalismus, die Subsidiarität, die Eigenverantwortung der Bürger und die Dezentralisierung waren einmal.

Und das ist keine gute Perspektive in wirtschaftlicher, demokratischer, moralischer und sozialer Hinsicht, um dieses multikulturelle Land zusammenzuhalten. Die Schweiz mit ihrer zukunftweisenden multikulturellen Demokratie, Innovation, Wirtschaft, Bildung und Verfassung schafft sich selbst ab, und genau das ist auch das Ziel des Establishments. Die altmödische Confoederatio Helvetica (CH) soll endlich die Schweiz (SCH) werden.

Angstmacherei, Angst vor Sanktionen der EU, lukrative europäische Posten, vermeintliches europäisches Prestige, geschäftliche Interessen und fiktive multikulturelle Brüderschaft locken in den immer tieferen europäischen monetären, megalomanen, wirtschaftlichen, demokratischen und sozialen Sumpf.

Die Ära der „Sept sages“ des Bundesrates ist vorbei. Aktivismus, Demagogie und Opportunismus haben Einzug gehalten. Innerhalb von zehn Jahren herrschen auch in der Confederatio Helvetica „niederländische, deutsche oder schwedische soziale und politische Verhältnisse und Spannungen“.

Die Geschichte vom Aufstieg und Fall einer einzigartigen Gesellschaft mitten in Europa. Die Confederatio wird in diesem Fall ein ’normales‘ europäisches Land sein, und das ist kein Kompliment.