Kilchberg, Lindt Home of Chocolate. Foto/Photo: TES

Schweizer Schokolade eroberte die Welt und John Bowring

Wie kommt es, dass ein kleines Land ohne Kakaobäume und weit entfernt vom Meer seit zwei Jahrhunderten ein bedeutender Schokoladenproduzent ist? Der wichtigste Rohstoff für Schokolade ist schliesslich Kakao.

Gibt es einen Zusammenhang mit den „Zuckerbäckern“ in Graubünden? In dieser Region waren Konditoreien oder Confiserien im 18. Jahrhundert völlig unbekannt. Dennoch gründeten Tausende von Bündnern während zwei Jahrhunderten (1700–1900) weltweit Konditoreien, Kaffeehäuser und später Hotels, Restaurants, Brauereien und ähnliche Unternehmen. Dies erklärt auch teilweise den Erfolg des Tourismus ab 1850.

Kakao

Ursprünglich, nämlich vor der Kolonialisierung durch europäische Länder (ab Ende des 15. Jahrhunderts), war Mittelamerika der wichtigste Kakaoproduzent. Die Bewohner, darunter die Maya und die Azteken, verwendeten Kakao aus der Kakaobohne als Getränk, Medizin, Tauschmittel, Geschenk oder Opfergabe für die Götter. Heute ist Westafrika der wichtigste Kakao-Lieferant.

Nach der Eroberung Mittelamerikas lernten die Europäer Kakao und Schokolade kennen und schätzen. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war dieses für Europa neue Produkt jedoch der Elite der Geistlichen, der Adligen und der Bourgeoisie vorbehalten.

Die Schokoladenrevolution

Das 19. Jahrhundert läutete jedoch das Zeitalter der Schokolade für alle Bevölkerungsschichten ein. In dieser Zeit fand nicht nur eine industrielle Revolution statt, sondern auch eine Schokoladenrevolution, und die Schweiz spielte dabei die Hauptrolle.

Die neue Konföderation von 1815, ihre Unternehmer und Händler waren nicht nur weltweit Vorreiter in der Uhren– und Textilindustrie, bald auch im Maschinenbau und in der Elektrotechnik, in der Herstellung von Haarkämmen, im Eisenbahnbau, im Tunnelbau, im Bau von Wasserkraftwerken, sondern auch in der Schokoladenherstellung.

Erfindungen entstehen nie in einem Vakuum, sondern immer in einem bestimmten Kontext und Zeitgeist. Schweizer Händler brachten die Kakaobohnen in die Schweiz, Bauern lieferten Milch in Hülle und Fülle, innovative Unternehmer brachten neue Schokoladensorten auf den Markt und begleiteten diese mit für die damalige Zeit originellen Werbekampagnen. Nicht nur Europa, sondern die ganze Welt war ihr Markt!

Die Schweizer Schokoladenpioniere

Rodolphe Lindt (1855-1909), François-Louis Cailler (1796-1852), Philippe Suchard (1797-1884), Theodor Tobler (1876–1941), Henri Nestlé (1814–1890) und Daniel Peter (1836–1919) sind nur einige der vielen Schweizer Schokoladenpioniere.

François-Louis Cailler revolutionierte die Schokoladenherstellung mit seiner Dampfmaschine. Seine Schokoladenfabrik, die erste in der Schweiz, wurde 1819 in Vevey gegründet.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass Henri Nestlé in Vevey Kondensmilch für Kinder auf den Markt brachte. Sein Mitbürger Daniel Peter wandte dieses Verfahren auf Schokolade an, und das Ergebnis war Milchschokolade.

Philippe Suchard, der erste Schokoladen-Multinational, führte in Neuchâtel die weltweit erste Marketingkampagne ein. Seine Anzeigen in Zeitungen, Plakate, Wandmalereien und -bilder sind noch immer Sammlerstücke!

John Hassall (1868-1948), 1900. Sammlung: Musée d’Art et d’Histoire de Neuchâtel

In Neuchâtel sind die Plakate und Wandmalereien von Suchard noch immer an Wänden und an Plakatwänden zu sehen. Theodor Tobler entwarf daraufhin Plakate, die heute im Museum of Modern Art in New York als Kunstwerke zu sehen sind!

Rodolphe Lindt machte für Schokoladenliebhaber eine der vielleicht bahnbrechendsten Entdeckungen. Seine Conche ist ein Gerät, das Schokolade mit anderen Zutaten mischt und so lange rührt, bis sie weich wird, einen unwiderstehlichen Geschmack hat und „auf der Zunge zergeht wie Schokolade“.

Rodolphe Lindt und die Conchemachine. © Foto: Lindt Home of Chocolate

Kurz gesagt, die industrielle Revolution hat die Kakaobohne in Europa zu einem Massenprodukt für alle Bevölkerungsschichten gemacht. Die meisten Schweizer Schokoladenhersteller aus dem 19. Jahrhundert sind im Laufe der Zeit in multinationale Konzerne aufgegangen; einige sind jedoch unabhängig geblieben, darunter Lindt & Sprüngli.

Ihre Geschichte und die heutige Funktionsweise werden in verschiedenen Dauerausstellungen thematisiert. Das Maison Cailler in Broc (Kanton Freiburg), das Chocolarium in Flawil (Kanton St. Gallen), das Alimentarium in Vevey oder das Lindt House of Chocolate in Kilchberg (Kanton Zürich) sind nur einige Beispiele. Die Fotos in diesem Artikel wurden im Lindt House of Chocolate aufgenommen.

Lindt House of Chocolate

Die Welt der Schokolade in Bildern, Zahlen und Geografie

Das Lindt House of Chocolate bietet nicht nur einen Überblick über die Geschichte der Kakaobohne bis hin zu modernen Produktionsmethoden und Forschung, sondern auch die Möglichkeit, zahlreiche Schokoladensorten und deren Inhaltsstoffe hautnah zu erleben und zu probieren.

Schlussfolgerung

Ein weiterer Aspekt ist der jahrhundertealte Schweizer Export, die industrielle Innovation, der Unternehmer- und Handelsgeist sowie die auf das Ausland ausgerichtete Mentalität. Die „Dörfer“ in der Innerschweiz, Appenzell, ihr grossstädtisches Ansehen  und ihre Anerkennung als unabhängige Orte (die Reichsunmittelbarkeit) im Heiligen Römischen Reich seit dem Mittelalter passen ebenfalls in dieses Muster.

Der Vergleich mit den Zuckerbäckern ist auch nicht aus der Luft gegriffen. Die Chocolatiers und Zuckerbäcker waren nicht erfolgreich, weil sie Süssigkeiten liebten. Aus dem Nichts schufen sie weltweit neue Produkte, weil es eine Nachfrage dafür gab.

Obwohl die Schweiz unbestritten im Herzen Europas liegt und gute Beziehungen zu den europäischen Ländern unterhält, bedeutet dies nicht, dass eine institutionelle Anbindung an eine internationale Organisation erforderlich ist.

Im Gegenteil, die Schweiz, ihre wissenschaftliche Forschung, ihre Berufsbildung, ihre Universitäten, ihre Industrie, ihr Handel, ihre Institutionen und ihre Währung sind auf Subsidiarität, direkte Demokratie und Dezentralisierung ausgerichtet. Die noch junge Europäische Union ist mit diesen Grundsätzen nicht vereinbar. Die Europäische Union hat in diesen Bereichen meist eher die Quantität im Blick.

Bei der Übertragung von Gesetzgebungs-, Rechtsprechungs- und Exekutivbefugnissen an diese internationale Organisation ist es ratsam, den Bericht und die Schlussfolgerung John Bowrings aus dem Jahr 1835 zu berücksichtigen. Er hielt es damals für unklug, dass die Schweizerische Eidgenossenschaft der Deutschen Zollunion beitrat. Angst, Aktivismus und Opportunismus sind noch immer schlechte Ratgeber.

Eindrücke aus dem Lindt Home of Chocolate

 

Kilchberg