La cathédrale de Lausanne. Photo/Foto: TES

Die Bistümer und die kulturelle und linguistische Vielfalt der Schweiz

In den Jahrhunderten zwischen der (langsamen) Auflösung des Römischen Reiches (im 5. Jahrhundert) und dem Aufstieg der grossen Monarchien (vom 10. bis 13. Jahrhundert) waren die Kirche, die Klöster und die Bistümer die wichtigsten sozialen, wirtschaftlichen und politischen Institutionen mit grosser weltlicher Macht in der heutigen Schweiz.

Das Bistum war eine neue Souveränität, die sich auf ein kirchliches Gebiet (die Diözese), (Land-)Besitz und weltliche, politische und militärische Macht in diesem Gebiet und manchmal weit darüber hinaus stützte.

Der Bischof war die höchste religiöse Autorität, mit dem Erzbischof des Erzbistums und dem Papst in Rom als seinen Vorgesetzten sowie mit lokalen weltlichen Herrschern und Fürsten als direkten Konkurrenten oder Verbündeten. Die Aufteilung in Bistümer in der Schweiz  vermittelt einen guten Eindruck vom reichen kulturellen Erbe. Auch die Klöster spielten eine wichtige Rolle, da die Äbte oft von den Herrschern des Heiligen Römischen Reiches ernannt wurden.

Basel

Der erste Bischof von Basel hatte seinen Palast in der römischen Stadt Augusta Raurica, dem heutigen Augst (Kanton Basel-Landschaft). Wahrscheinlich verliess der Bischof diese Stadt im 5. Jahrhundert aus Sicherheitsgründen (wegen der Alemannenüberfälle). Der Basler Hügel, auf dem das Münster erbaut wurde, bot mehr Schutz.

Das Bistum Basel unterstand seit dem Mittelalter dem Erzbistum Besançon, wodurch die französischsprachige Kultur weit in die deutschsprachigen Gebiete hineinreichte. Das Bistum Basel erstreckte sich bis weit ins Elsass und in die Nordwestschweiz hinein. Das auf der Nordseite des Rheins gelegene Kleinbasel hingegen unterstand bis 1803 dem Bischof von Konstanz und dem Erzbistum Mainz.

Der Bischof von Basel, ebenfalls Fürst im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, verlegte 1529 aufgrund der Reformation seinen Sitz in das französischsprachige Porrentruy (im heutigen Kanton Jura gelegen).  Seit 1828 ist Solothurn der Sitz des Bistums Basel.

Solothurn

Im kleinen Bauerndorf Arlesheim (im heutigen Kanton Basel-Landschaft) mit damals wenigen hundert Einwohnern bauten die Domherren (Kapitelherren) Ende des 17. Jahrhunderts den Dom und verschiedene Stadtpaläste. Immerhin lag das katholische Arlesheim nicht weit von Basel entfernt.

Lausanne

Die römische Stadt Aventicum, die Hauptstadt der Helvetier, das heutige Avenches im Kanton Waadt, war im 6. Jahrhundert Sitz des Bischofs. Davor hatte er sich in Vindonissa befunden, dem heutigen Windisch (Kanton Aargau). Lausanne (Lousanna) wurde zu Beginn des 7. Jahrhunderts zur neuen Bischofsstadt.

Freiburg

Die Diözese Lausanne wurde 1536 nach der Eroberung durch Bern aufgelöst. Der Bischof floh nach Savoyen. Heute umfasst das Gebiet der Kantone Freiburg, Genf, Neuenburg und Lausanne das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg, benannt nach den drei Kathedralen in Lausanne, Genf und Freiburg.

Chur und Konstanz

Das Bistum Konstanz (heute in Deutschland) erstreckte sich bis 1801 auch auf Gebiete in der Zentral-, Nordwest- und Nordostschweiz, unter anderem auf Kleinbasel, den Aargau, den Thurgau sowie die beiden Appenzeller und St. Gallen. Die Diözese war seit 843 Teil des Erzbistums Mainz. Das Bistum wurde 1821 aufgehoben. Wegen der Reformation war der Bischof bereits 1527 nach Meerburg geflohen.

Die Kathedrale von Konstanz

Chur (Curia) ist ein Bistum aus römischer Zeit. Der erste bekannte Bischof von Chur (451) hiess Asinio. Chur ist eine der ältesten Bischofsstädte nördlich der Alpen. Das Bistum Chur war bis 843 (Vertrag von Verdun) dem Erzbistum Mailand unterstellt.

Die Kathedrale von Chur

In dieser Zeit gab es viele kulturelle Einflüsse aus der Lombardei, den Bistümern Como und Aquileia sowie aus der Republik Venedig und ihrer byzantinischen Kultur. Seit 843 gehört das Bistum Chur zum Erzbistum Mainz. Dadurch wurde auch der Einfluss der deutschen Kultur verstärkt.

Das Bistum überstand die vielen politischen Umwälzungen und sogar die Reformation, obwohl auch die Stadt Chur zum Protestantismus übertrat, wie die meisten Städte und Einwohner des heutigen Graubündens.

Sitten

Im Kanton Wallis war die römische Stadt Forum Claudii Vallensium, das heutige Martigny, die erste Bischofsstadt. Im 6. Jahrhundert liess sich der Bischof in Sion/Sitten (Sedunum) nieder. Das zweisprachige Bistum Sitten war bis 1801 dem Erzbistum Tarentaise (Frankreich) unterstellt. Das Bistum stand in direktem Kontakt mit Savoyen und seiner französischsprachigen Kultur auf der einen Seite und mit der deutschen Kultur des Oberwallis auf der anderen Seite.

Genf

Die Diözese Genf gehörte zum Erzbistum Vienne in Frankreich. Folglich hatten die provenzalische Kultur und Sprache grossen Einfluss. Isaak ist der erste Bischof, der um 400 schriftlich erwähnt wird. Die ersten Fundamente der Kathedrale stammen aus der ersten Hälfte des 4.  Jahrhunderts. Die archäologische Stätte vor Ort bietet einen faszinierenden Überblick über die Anfänge dieses Bistums und der Kathedrale.

Allerdings ist Genf seit der Reformation (erste Hälfte des 16. Jahrhunderts) keine Bischofsstadt mehr. Im Gegenteil, die Stadt wurde sogar zur Hauptstadt des Calvinismus (ein Museum, das der Reformation in Genf gewidmet ist, erzählt von dieser Geschichte). Das Bistum wurde im Zuge der Reformation 1536 aufgehoben und ist heute Teil der Diözese Lausanne, Genf und Freiburg.

1801

Seit 1801 sind die Bistümer der Schweiz direkt dem Vatikan unterstellt und nicht mehr Teil eines Erzbistums ausserhalb der Schweiz.

St. Gallen

Das Bistum St. Gallen wurde 1847 gegründet und umfasst die Kantone Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden und Sankt Gallen. Die berühmte Abtei St. Gallen besteht seit dem 7. Jahrhundert und hat in dieser Region stets eine wichtige Rolle gespielt.

Lugano

Diese Diözese besteht seit 1971 und umfasst den Kanton Tessin. Nach der Unabhängigkeit Italiens war das Tessin bis 1971 dem Bistum Basel unterstellt. Im Jahr 1971 wurde der erste Bischof für das Bistum Tessin ernannt, das damit faktisch zu einem eigenständigen Bistum wurde.

Fazit

Die Diözesen auf Schweizer Gebiet stehen seit dem frühen Mittelalter in direktem Kontakt mit verschiedenen Sprachen und Kulturen. Nicht zuletzt deshalb war und ist die Schweiz ein kultureller Kreuzungspunkt.

Die sechs heutigen Bistümer St. Gallen, Lugano, Sitten, Basel, Chur sowie Lausanne, Freiburg und Genf spiegeln noch immer den multikulturellen Charakter des Landes wider.

(Sources: K. Speich, H. Schläpfer, Églises et monastères suisses, Zurich 1979; F. Mazel, L’Évêque et le territoire.) L’invention médiévale de l’espace (Ve-XIIIe siècles, Paris 2008).

Korrektorin: Eva Maria Fahrni