Der Heilige Nepomuk und die Strassenbahn Linie 10

Die internationalste und längste Strassenbahn der Welt ist die Linie 10, die von Dornach (Kanton Solothurn) über Arlesheim und Münchenstein (Kanton Basel-Landschaft), Basel (Kanton Basel-Stadt), Binningen, Bottmingen, Oberwil, Therwil, Ettingen, Witterswil (wieder Kanton Basel-Landschaft) nach Bättwil und Flüh (Kanton Solothurn) führt und von dort aus nach Leymen im Elsass (Frankreich) und zum Schluss nach Rodersdorf (Kanton Solothurn).

Bättwil (Kanton Solothurn)

Der Verlauf dieser fast 27 Kilometer langen Tramlinie sagt auch etwas über die kapriziösen Grenzen der Kantone und der im Laufe der Geschichte entstandenen Länder aus.

Diese Linie verbindet aber auch eine historische Figur, sogar einen Heiligen. Johannes Nepomuk (1350-1393) war Priester und Beichtvater von Sophie von Bayern (1376-1425), der Gemahlin von König Wenzel von Luxemburg (1361-1419), römisch-deutscher König im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.

Rodersdorf

Er residierte in Prag, der wichtigsten Stadt Böhmens (Tschechische Republik). Nicht nur die Prager Pracht hat ihren Ursprung in dieser Zeit, sondern auch die Nepomuk-Statue auf der Karlsbrücke ist mit ihr verbunden.

Witterswil

Wenzel liess Nepomuk durch Ertränkung in der Moldau töten, weil der Priester das Beichtgeheimnis seiner Frau nicht verraten wollte (im Hintergrund stand ein politischer Konflikt zwischen dem Bischof und dem König). Er wurde 1729 heiliggesprochen. Er ist unter anderem der Schutzpatron des Beichtgeheimnisses und der Brücken.

Aus diesem Grund steht er auch auf der Brücke über der Birs in Dornach, obwohl der Heilige nicht verhindern konnte, dass die Brücke 1813 durch das Hochwasser der Birs zerstört wurde.

Die Nepomuk Kapelle

In der Nähe von Rodersdorf, im elsässischen Dorf Wolschwiller, gibt es eine kleine Kapelle, die diesem Heiligen (Jean Népomucène auf Französisch) gewidmet ist. Die alte Kapelle wurde während der Französischen Revolution 1789 zerstört und 1893 wieder aufgebaut.

Wanderer des Schweizer Alpen Clubs (SAC) oder aus Rodersdorf singen gelegentlich unter der Leitung des ehemaligen Wanderleiters Jürg Weber an oder in der Kapelle das Dona nobis pacem zu seinem und später zu ihrem eigenen Seelenheil.

Albert Hofmann (1906–2008) vermittelte eine ganz andere spirituelle Erfahrung. Er wohnte auf der Rittimatte, in der Schweizer Gemeinde Burg im Leimental. Er entdeckte LSD im Jahr 1943. Er wurde damit sehr alt, was man nicht von allen LSD-Konsumenten in der Flower-Power-Zeit der sechziger Jahre behaupten kann.

Grenzstein der Kantone Solothurn und Basel-Landschaft

Der alte Brunnen und weitere Eindrücke aus Therwil

Der Dorenbach, Kanton Basel-Stadt und

Kanton Basel-Landschaft

La Suisse

Nahe Oberwil

Kanton Solothurn und Kanton Basel-Stadt (links die Roche-Turme, rechts das Bruderholz Spital)

Die Aktualität des Konzils von Nicäa

Es hat wenig Beachtung gefunden und doch ist dieses Ereignis bis heute aktuell: Das erste Konzil der christlichen Kirche im Jahr 325 in Nicäa, dem heutigen Iznik (Türkei). Die Kaiser des Römischen Reiches herrschten seit Jahrhunderten über weite Teile Europas, Asiens und Afrikas, darunter auch die heutige Türkei und die Schweiz.

Das Christentum verbreitete sich in den ersten Jahrhunderten vor allem im heutigen Nahen Osten, in der Türkei und den umliegenden Regionen. Was das Christentum seit seinen Anfängen kennzeichnete, war die grosse theologische Spaltung. Es entstanden Dutzende christlicher Abspaltungen.

Nicäa (Nikaia), 3. Jahrhundert n. Chr. Sammlung: Antikensammlung Basel und Sammlung Ludwig

Das Konzil von Nicäa wollte die Einheit der Kirche wiederherstellen, zumindest die offizielle Dogmatik festlegen. Es war sozusagen die erste ökumenische Initiative.

Bekanntlich spaltete sich die christliche Kirche danach noch mehrmals (unter anderem durch das Schisma von 1084 und die Reformation ab 1517), aber es ist gut, bei dieser ersten Initiative im Jahr 325 innezuhalten, einer Mediation avant la lettre.

Mégalo Metéoron Kloster (Griechenland): Eine Ikone, die das Konzil von Nicäa darstellt, der verurteilte Arius liegt auf dem Boden . Bild: Wikipedia

Es ist kein Zufall, dass gerade in der Schweiz dieses Konzil gedacht wird. Während der Reformation waren die „Disputatio”, das „Simultaneum”, der Kompromiss, „agree to disagree”, Staatskunst und vor allem die Stimme der Bürger (z. B. Appenzell 1597) Voraussetzungen für die Verhinderung gnadenloser Religionskriege, abgesehen von einigen kleineren bewaffneten Konflikten. Selbst oder gerade in der ehemaligen calvinistischen und heutigen internationalen Hauptstadt des Rechts steht „Nizäa“ heute im Mittelpunkt des Interesses!

Grabsteine aus Phrygien (dem heutigen Anatolien), 3. Jahrhundert n. Chr. Sammlung: Antikensammlung Basel und Sammlung Ludwig

Am Konzil von Nicäa diskutierten die Bischöfe über die christliche Dogmatik. Einige Beschlüsse von damals sind für die heutige christliche Kirche noch immer von Bedeutung! Der Inhalt ist aus historischer Sicht nicht relevant, zeigt aber, wie lange Beschlüsse nachwirken können, wenn sie nicht allzu positive unvorhergesehene Folgen haben.

Was für das Konzil von Nicäa gilt, trifft auch auf aktuelle institutionelle Verträge zu, auch wenn die Bischöfe und die christliche Religion glücklicherweise gewählten Politikern und nicht auf Religion basierenden Gesetzen Platz gemacht haben.

Via Engadina und Via imperiale, von Casaccia nach Vinadi

Die Via Engiadina ist ein Wanderweg (teilweise auch mit dem Fahrrad möglich) von Casaccia (Bergell) im Oberengadin an der Grenze zu Italien nach Vinadi im Unterengadin an der Grenze zu Österreich.

Das Bergell (Val Bregaglia) grenzt an das Veltlin (Valtellina), das über zweihundertfünfzig Jahre (1512–1798) ein Untertanengebiet des Freistaats der Drei Bünde, des Vorläufers des Kantons Graubünden, war.

Die 140 Kilometer lange Strecke lässt sich aufgrund der hervorragenden Unterkünfte leicht zu Fuss (oder mit dem Fahrrad) in Etappen zurücklegen. Der Höhenunterschied beträgt in Vinadi  2 500 bis 1 086 Meter.

Kunst, Tourismus, Geschichte, Natur und weltberühmte Orte und schöne Dörfer mit engadiner Architektur und berühmten Bergpässen begleiten den Wanderer.

Schellen-Ursli (Uorsli) Museum Guarda

Replik des Schellen-Ursli Hauses in Rust (Europapark, (Baden-Württemberg)

Maloja, Sils Maria (und See) und St. Moritz (und See) sind die ersten grösseren Dörfer in der schönen Berglandschaft. Giovanni Segantini (1858-1899) und das ihm gewidmete Museum in St. Moritz verleihen dieser Landschaft eine künstlerische Dimension.

Von Sils mit seinem berühmten Waldhaus und Museum (Nietsche-Haus), dem Haus Friedrich Nietzsches (1844–1900), führt der Inn (En in romanischer Sprache) nach Vinadi.

Susch

Der Rundgang führt durch Celerina, Bever, Zuoz (mit seinen schönen Häusern (u.a. Chesa Planta) und Platz (Plazzet), Brail (die Grenze zwischen Oberengadin, Putèr-Romanisch, und Unterengadin, Vallader-Romanisch), Zernez (und dem höchsten Gipfel des Engadins, dem Piz Linard mit 3 410 Metern), Schloss Wildenberg und das Zentrum des Nationalparks der Schweiz) Susch, Lavin, Guarda, Ardez, Ftan, Scuol (Bogn Engiadina und das Unterengadiner Museum), Vulpera Tarasp (Schloss Tarasp und Trinkhalle, Stiftung Nair in Vulpera), mit Blick auf die Engadiner Dolomiten, Sent, Vnà, Val Sinestra, Ramosch, Tschlin, Martina und schliesslich Vinadi.

Vinadi ist die alte Grenzstadt des Freistaates der Drei Bünde, das Schloss Altfinstermünz auf der österreichischen Seite erinnert daran.

Die Via imperiale

Die Via imperiale ist die alte römische Verbindungsstrasse Como-Tirol durch das Unterengadin und folgt teilweise der Via Engiadina. Bei Ardez befindet sich im ehemaligen, inzwischen verlassenen Weiler Chanoua eine Herberge, die bis 1867 in Betrieb war. In diesem Jahr wurde die Verkehrsstrasse Lavin-Scuol im Tal in Betrieb genommen und die Herberge aufgegeben.

Sie diente jahrhundertelang als Umsteigestation für Pferde und Kutschen, als Stall für Vieh, als Raststätte für Reisende und Händler sowie als Lager für Waren. Die beeindruckende Ruine ist ein stiller Zeuge des grossen Komplexes, der bereits in einem Dokument aus dem 9. Jahrhundert erwähnt wird.

Die Via imperiale in Guarda

 

Ruine Chanoua, die Via imperiale bei Ardez

Bild: Stiftung Chanoua, Grafik Atelier George Jenny Grusch/ Gravure SA Erlach

(Quelle: A. Planta, T. Planta, Alte Talwege im Unterengadin (Chur, 2022)

Eindrücke aus Guarda

 

Ardez, die Burg Steinsberg und der Vonzun Turm

Erstmals wird Ardez urkundlich 842 erwähnt. Ardez ist bis heute ein typisches Engadiner Bauerndorf geblieben. Das Dorf wurde letztmals 1622 während der Bündner Wirren (1618-1639) vollständig von kaiserlichen Habsburger Truppen zerstört.

Seit dem Wiederaufbau gehört Ardez zu den wenigen Dörfern des Unterengadins, die nicht von Bränden heimgesucht wurden. Die wertvollen Kulturgüter aus dem 17. Jahrhundert sind bis heute gut erhalten.

Die Burg Steinsberg wurde schon während des Schwabenkriegs im Jahr 1499 niedergebrannt. Sie wurde irgendwann vor 1200 erbaut. Erste Besitzer waren die Herren von Fricklingen aus Überlingen am Bodensee. Danach wechselte sie als Pfand mehrmals den Besitzer bis 1499. Noch immer ragt der Turm hoch über das Dorf hinaus und ist das Wahrzeichen des Dorfes.

Der Vonzun-Turm, auch la Parschun genannt, gehört zusammen mit der Burg Steinsberg zu den ältesten Gebäuden des Dorfes. Der Turm wurde um das Jahr 1250 errichtet.

(Quelle und weitere Informationen: www.ardez.ch).

Die Fondation Beyeler zeigt 300 Werke von Yayoi Kusama

Die Fondation Beyeler zeigt die erste umfassende Retrospektive in der Schweiz des Werks von Yayoi Kusama (*1929) – einer der einflussreichsten Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts.

Die Ausstellung, die in enger Zusammenarbeit mit Kusama und ihrem Atelier entsteht, versammelt über 300 Werke aus Sammlungen in Japan, Singapur, den Niederlanden, Deutschland, Österreich, Schweden, Frankreich und der Schweiz.

Bild aus der Ausstellung ‚Yayoi Kusama‘. © Yayoi Kusama

Sie verdeutlicht die weltweite Strahlkraft und die anhaltende Relevanz ihres künstlerischen Schaffens. Die Ausstellung bietet einen umfassenden Einblick in Yayoi Kusamas über sieben Jahrzehnte umfassendes Schaffen – von ihren Anfängen im Nachkriegsjapan bis zu ihrem heutigen Status als Ikone der Gegenwartskunst.

Taihaku leaves, Loquat leaves

Untitled (Monkey sketches). Die ersten Zeichnungen, 1948. Sammlung: © Yayoi Kusama

Den Auftakt bilden bislang wenig bekannte Gemälde und Aquarelle aus den frühen 1950er-Jahren, die in Matsumoto (Japan) entstanden. Es folgt ein intensiver Blick auf Kusamas prägende Jahre in New York, wohin sie Ende der 1950er-Jahre übersiedelte und in den 1960er- und 1970er-Jahren zu einer zentralen Figur der Avantgarde avancierte. Nach ihrer Rückkehr nach Japan setzte sie in den 1970er-Jahren ihre künstlerische Entwicklung fort – mit einer zutiefst persönlichen Bildsprache.

Infinity Mirrored Room – The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe, 2025. © Yayoi Kusama. Foto: TES

Kusama gilt heute als eine der bedeutendsten lebenden Künstlerinnen weltweit, die sich durch ihre erstaunlich innovativen und signifikanten Arbeiten auszeichnet und mit unverminderter Energie neue Werke schafft.

Angesichts des breiten Spektrums an Medien – Malerei, Zeichnung, Skulptur, Installation, Performance, Collage, Mode, Literatur und Film – gilt sie als eine der vielseitigsten und einflussreichsten Künstler:innen unserer Zeit.

Mirrored Room. © Yayoi Kusama. Foto: TES

Die Ausstellung präsentiert die wichtigsten Perioden ihrer radikalen, innovativen Kunst und zeichnet ein dynamisches Porträt einer Künstlerin, die noch immer unser Verständnis von Kunst und Erfahrung verändert. Die Ausstellung vereint sowohl ikonische Werke – darunter über 130 bisher in Europa nicht gezeigte Arbeiten – als auch neue, für diesen Anlass geschaffene Werke.

(Quelle und weitere Informationen: Fondation Beyeler)

Die vier jahrhundertealten Lesegesellschaften der Schweiz

In vielen europäischen Ländern gab es in den grossen Städten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts eine Lesegesellschaft. Nur in der kleinen Schweiz bestehen diese Organisationen noch immer in den vier grössten Städten des Landes: Basel, Genf, Lausanne und Zürich.

Die Mitglieder können seit über zwei Jahrhunderten eine grosse Anzahl in- und ausländischer Zeitungen und Zeitschriften, literarischer Werke, wissenschaftlicher Publikationen, Landkarten, Wörterbücher und verschiedener anderer Schriften in grosszügigen Lesesälen lesen oder aus der Bibliothek ausleihen.

Salon in la Société de lecture de Genève

Ausserdem hatten diese Organisationen anfangs eine soziale Funktion als Begegnungszentrum, und es gab Räume mit Billard, einer Bar sowie weiteren Einrichtungen. Heute erfüllen literarische, musikalische und andere Veranstaltungen diese Funktion.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war eine Mitgliedschaft ausschliesslich Männern vorbehalten. Danach schritt die Emanzipation schnell voran, und heute sind beide Geschlechter in gleicher Zahl Mitglieder.

Le Cercle de littérature de Lausanne

Bis zum Ersten Weltkrieg (1914–1918) stammten die Mitglieder vor allem aus dem wohlhabenden Bürgertum; ebenso kamen die Gründer aus diesen Kreisen. Nach 1918, insbesondere nach 1945, ist auch diese Trennlinie weitgehend verschwunden.

Die (von Zigarren) rauchgefüllten Säle gehören ebenso wie die „Men Only Clubs“ der Vergangenheit an, aber was diese Lesegesellschaften nach (über) zwei Jahrhunderten immer noch auszeichnet, ist ihre Qualität, Kontinuität, gute Verwaltung, Innovation und Anpassung an veränderte gesellschaftliche Umstände. In gewisser Weise symbolisieren sie damit auch die Schweiz.

Nachfolgend folgt eine kurze chronologische Übersicht (nach Gründungsjahr) der vier Lesegesellschaften (die Allgemeine Lesegesellschaft Basel, la Société de Lecture de Genève, Le Cercle littéraire de Lausanne und die Museumsgesellschaft Zürich).

Die Allgemeine Lesegesellschaft Basel

Die Allgemeine Lesegesellschaft Basel

Basel ist nicht nur die Stadt mit der ersten Universität des Landes (1460) und der weltweit ersten öffentlichen Kunstsammlung (1671), die wir heute als Museum bezeichnen. Einige Bürger gründeten 1787 auch die erste Schweizer Lesegesellschaft, nämlich die Allgemeine Lesegesellschaft Basel.

Es war die Zeit der Aufklärung und der Salons und „Sociétés“, Voltaires, Rousseaus und Diderots sowie des Aufstiegs des „Bildungsbürgertums“. Der Adel spielte in der Schweiz zwar keine bedeutende politische Rolle, die wohlhabende Oberschicht orientierte sich jedoch vor allem an der französischen Kultur (und Sprache).

In Basel, an der Grenze zu Frankreich, war das nicht anders. Ausserdem hatte die Stadt eine Universität und eine wohlhabende Klasse von Kaufleuten und Industriellen. Die Nachfrage war da und die Finanzierung gesichert.

Reinacherhof 18

Das Gebäude der Lesegesellschaft stand von Anfang an am Münsterplatz. Der Reinacherhof war bis 1832 Standort der Bibliothek und der Lesesäle. In dieser Zeit war die Lesegesellschaft auch eine „Casino-Gesellschaft“, ein Begegnungszentrum mit sozialer Funktion. Basel erhielt jedoch 1826 ein Stadtcasino für Musikaufführungen und 1831 ein Stadttheater. Diese übernahmen zunehmend die soziale Funktion der Casino-Gesellschaft.

1830  wurde das Gebäude am Münsterplatz 8 (der heutige Standort) zum Verkauf angeboten. Das Gebäude liegt nicht nur am Rheinufer, sondern auch direkt neben dem Münster und seiner romanischen Galluspforte.

Nach dem Erdbeben im Jahr 1356 wurde an dieser Stelle die Wohnung des Schaffers und des jeweiligen Meisters der Bauverwaltung des Münsters errichtet. Die Domschule befand sich auch in diesem Haus; zudem war es der Sitzungssaal der Domherren. Am Vorabend der Reformation veranlassten die Kanoniker den Bau eines neuen Stifthauses, das 1528 fertiggestellt wurde. Basel wurde 1529 reformiert und die Kanoniker zogen fort.

Das Kaffeezimmer

Das Haus blieb im Besitz des Kapitels, diente fortan jedoch bloss noch der Aufnahme von Waren und Naturalzinsen an Korn und Früchten. 1806 kaufte Johann Rudolf Gemuseus (1764–1836) das Haus. Er veräusserte es 1830 an die Allgemeine Lesegesellschaft. Sie realisierte in den Jahren 1830–1832 einen der frühesten neogotischen Bauten in der Schweiz.

Der kleine Lesesaal

Der grosse Lesesaal

Die Lesegesellschaft ging das Projekt energisch an und ernannte eine Baukommission: Die ersten Renovierungsarbeiten begannen bereits 1830. Vielleicht waren die prestigeträchtigen Gebäude der 1818 (Genf) und 1819 (Lausanne) gegründeten Société de Lecture und Cercle littéraire eine zusätzliche Motivation. Sie befanden sich in den Hauptstädten der neuen Kantone Genf und Waadt und es gab eine (unausgesprochene) Konkurrenz zwischen den Kantonen.

Wie dem auch sei, der neugotische Dekorationsstil im klassizistischen Konzept entstand in dieser Zeit. Zwei Persönlichkeiten prägten die Renovierung ganz besonders: Johan Huber (1767–1832) und Marquard Wocher (1760–1830), der vor allem für das Panorama von Thun bekannt ist, aber auch in Basel seine neugotischen Spuren hinterlassen hat.

Das Haus ist auch eines der ersten neugotischen Gebäude in der Schweiz. Die Inspiration für diesen neugotischen Stil hängt auch mit der Lage neben dem gotischen Münster zusammen. Sogar die Farbe ist auf das Münster abgestimmt.

Nach der feierlichen Einweihung des neuen Gebäudes am 26. Oktober 1832 erfolgten noch weitere Anpassungen, Renovierungen und Änderungen. Der Charakter ist jedoch unverändert geblieben. Ausserdem sind viele authentische Details zu sehen, die sogar bis in die Zeit der Domherren zurückreichen.

Der gotische Erker (1528) im grossen Lesesaal

Die Lesegesellschaft hatte von Anfang an viele bekannte Mitglieder, darunter Friedrich Nietzsche (1844-1900) und Jakob Burckhardt (1818-1897). Die Eule als Symbol der Weisheitsgöttin Athena – und daher auch der Lesegesellschaft – ist in jedem Buch vorne eingestempelt.

Anfangs war die Lesegesellschaft nur für Männer zugänglich; seit 1901 können auch Frauen Mitglied werden. Heute zählt die Lesegesellschaft etwa 1‘300 Mitglieder, die nicht nur die Bibliothek und ihre 80‘000 Publikationen, das Kaffeezimmer und die Lesesäle nutzen, sondern auch regelmässig Vorträge, literarische Lesungen und andere Veranstaltungen besuchen können.

Die Bibliothek mit etwa 80’000 Publikationen und vielen Sitzplätzen

Zum zweiten Mal organisiert die Lesegesellschaft am 21. November einen Tag der offenen Tür (Kindernacht am Münsterplatz) mit Übernachtung für Kinder. Denn wer die Jugend hat, hat auch die Zukunft für diese fast 240 Jahre alte Organisation!

(Quelle und weitere Informationen: Allgemeine Lesegesellschaft Basel; Doris Huggel, Haus der Allgemeinen Lesegesellschaft in Basel, Bern, 1996)

La Société de lecture de Genève

La Société de Lecture de Genève

Genf war schon jahrhundertelang eine Stadt der Kaufleute, Industriellen, Uhrmacher, Theologen, Juristen, Schriftsteller, Wissenschaftler und Verleger, als 1818 die Société de Lecture de Genève gegründet wurde. Seit 1536 war die Stadt sogar Europas calvinistische Hauptstadt mit einer Akademie (dem Vorläufer der Universität) und einem weit verzweigten europäischen Netzwerk.

 Jules Pizzetta (1820-1900), Augustin-Pyramus de Candolle (1778-1841), 1893. Ein Gründer der Société de Lecture, Wikipédia

Die Aufklärung fand auch hier einen fruchtbaren Boden, und Frankreich, insbesondere Paris, war eine Quelle künstlerischer und kultureller Inspiration. Obwohl Genf französischsprachig ist, gehörten das Bistum (bis 1536) und die souveräne Republik bis 1798 nie zu Frankreich. Nur das unabhängige Herzogtum Savoyen lauerte jahrhundertelang, bis die Escalade von 1602 die letzte Belagerung war.

Die Annexion durch Napoleon (1798–1813) verringerte jedoch die Begeisterung für Frankreich erheblich, und die Bürger entschieden sich 1815 in grosser Zahl für den Anschluss an die neue Schweizerische Eidgenossenschaft.

Das bedeutete jedoch nicht, dass die französische Kultur und die Ideale der Aufklärung an Bedeutung verloren hätten. Im Gegenteil: Auch nach 1815 bestanden enge kulturelle, soziale und wirtschaftliche Verbindungen zu Frankreich.

Ausserdem suchten viele französische Exilanten Zuflucht in oder bei Genf, viele waren schon vor 1789 (Französische Revolution) und nach Napoleon (Wiederherstellung der französischen Monarchie) gekommen. Das Konzept einer Société de Lecture war in Genf bekannt, und 1818 war die Zeit reif.

Die Société de Lecture befindet sich in einem Stadtpalast aus dem 18. Jahrhundert. Die Bibliothek verfügt heute über eine Sammlung von 200‘000 Büchern. Diese Sammlung entstand im Laufe der Jahrhunderte durch Spenden und Kauf, darunter einzigartige Ausgaben, unter anderem die erste Ausgabe  des Buches Un Souvenir de Solférino (1862) des Mitglieds Henry Dunant (1828–1910), l’Histoire universelle von Théodore-Agrippa d’Aubigné (1616), le Discours de la méthode von Descartes (1637), l’Histoire naturelle von Buffon (1749) und De la démocratie en Amérique von Tocqueville (1835).  Die Sammlungen umfassen auch Bücher mit Anmerkungen von Jean Calvin und Lenin.

Ihr internationaler Ruf war schnell gefestigt. Louis-Napoleon Bonaparte (1808–1873), der zukünftige Kaiser Napoleon III. (1852–1870), traf dort 1835 zum Beispiel Camille Benso di Cavour (1810–1861), einen der Begründer der italienischen Unabhängigkeit und der Einigung 1861. Wladimir Iljitsch Uljanow (1870–1924), besser bekannt als Lenin, wurde 1904 Mitglied. Er war ein regelmässiger Besucher eines der Lesesäle, wo er mit vielen deutschen, englischen und französischen Zeitschriften und Zeitungen verkehrte.

Die Société de Lecture bietet zwei literarische Treffen pro Woche an und veranstaltet seit drei Jahren am ersten Wochenende im November ein Jugendliteraturfestival namens „Croque-Livres”.

Die Jury des renommierten Prix Europa Nostra begründete die Auszeichnung im Jahr 2020 wie folgt:

„Diese universelle Bibliothek und Diskussionsstätte existiert seit 200 Jahren ohne Unterbrechung. Während dieser ganzen Zeit ist die Société de lecture ihren ursprünglichen Zielen treu geblieben, Menschen zusammenzubringen, die sich für Literatur, Wissenschaft und Kunst interessieren.

Sie ist zu einem Zentrum für die aufgeklärtesten Vertreter der verschiedenen europäischen Kulturen geworden, und ihre Aktivitäten drücken den Geist der Offenheit und den Willen zur Innovation aus – Qualitäten, die die Société in ihren Mauern weiterhin fördert.

Der Beitrag der Société de Lecture zur Förderung und Verbreitung kultureller Werte in ihren verschiedenen Formen wird als aussergewöhnlicher Fall der Schweizer Mehrsprachigkeit anerkannt und ist auf europäischer Ebene relevant.“

(Quelle und weitere Informationen: La Société de Lecture)

Le Cercle littéraire

Le Cercle littéraire de Lausanne

Die Société de Lecture in Genf bestand noch nicht ein Jahr, als am 24. Januar 1819 der Cercle littéraire de Lausanne gegründet wurde. Der neue Kanton der neuen Konföderation von 1815 sprühte vor Energie in einem Neuanfang nach Jahrhunderten der Berner Herrschaft. Wie Genf war auch Lausanne eine kosmopolitische Stadt:

„Fréquenté par les élites, habité par les familles distinguées qui entretenaient une vie mondaine de bon aloi, le chef-lieu du département du Léman affichait un cosmopolitisme intellectuel et artistique excitant pour l’esprit et de nature à nourrir autant les conversations que les rêves” (Maurice Denuzière, Helvétie, Paris 2010).

Der Kanton war seit Jahrhunderten ein europäischer Knotenpunkt für Kultur, Handel und Wissenschaft. Nyon und Avenches waren in der Römerzeit wichtige Städte. Lausanne wurde kurz nach dem Abzug der Römer zur Bischofsstadt; der Diplomat Frédéric-César de la Harpe (1754–1838) war jahrelang Gouverneur des jungen Zaren Alexander I. (1777–1825). Er unterhielt während der Helvetischen Republik (1798–1803) enge Kontakte zu Napoleon und spielte beim Wiener Kongress (1814–1815) eine wichtige Rolle für die Schweiz und den Kanton.

Der französische kulturelle Einfluss im französischsprachigen Kanton war zudem unverkennbar. Die sozialen und wirtschaftlichen Kontakte zu Frankreich und zum Herzogtum Savoyen (Königreich Piemont-Sardinien) waren eng.

Der Weinbau prägte seit Jahrhunderten das Bild an den Ufern des Genfer Sees. Zwischen Montreux, Vevey, Nyon, Lausanne und Genf gab es einen florierenden Handel und Schiffsverkehr zwischen dem französischen und dem Schweizer Ufer des Genfer Sees (St. Gingolph, Kanton Wallis).

Darüber hinaus war der Salon von Madame de Staël (1766–1817) in Coppet einer der bekanntesten Treffpunkte Europas für Wissenschaftler (unter anderem den Historiker Edward Gibbon, 1737–1794), Schriftsteller, Politiker und Exilanten. Auch andere Frauen prägten das literarische Leben in Lausanne, darunter die in Colombier lebende Schriftstellerin Isabelle de Charrière (1740–1805).

Cercle littéraire de Lausanne, 1955. Archiv: Cercle littéraire de Lausanne

Kurz gesagt, auch in Lausanne war die Zeit für eine Société de Lecture reif, in diesem Fall unter dem Namen Le Cercle littéraire. Auch hier war es das Ziel, den Mitgliedern Zeitungen, Zeitschriften, Bücher und Fachliteratur in den wichtigsten Sprachen in Lesesälen sowie in einer Bibliothek zur Verfügung zu stellen.

Salon in der Cercle littéraire de Lausanne, 1955. Archiv: Cercle littéraire de Lausanne

Le Cercle littéraire ist seit 1821 im Gebäude Saint-François an der Place Saint-François untergebracht, gegenüber der gleichnamigen Kirche und nur wenige Minuten von der Kathedrale entfernt. Dieses Gebäude hat darüber hinaus einen symbolischen Wert für diese literarische Organisation: Es ist das Geburtshaus von Benjamin Constant (1767–1830).

Die Bibliothek verwaltet heute mehr als 70‘000 Publikationen (darunter zahlreiche einzigartige Werke aus den vergangenen Jahrhunderten) aus vielen Bereichen sowie Zeitschriften und Zeitungen in verschiedenen Sprachen. Heute ist das Gebäude auch Veranstaltungsort für Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen.

(Quelle und weitere Informationen: Le Cercle littéraire)

Die Museumsgesellschaft

Die Museumsgesellschaft von Zürich

Die grösste Stadt des Landes hat seit 1834 die Museumsgesellschaft, eine andere Bezeichnung für eine Lesegesellschaft. Zur Zeit der Gründung war ‚Museumsgesellschaft‘ eine gängige Bezeichnung für eine Lesegesellschaft. Museum bezeichnete damals nicht in erster Linie einen Ausstellungsort, sondern einen Ort des gelehrten Tuns.

Die Handelsstadt stand nicht nur am Vorabend einer industriellen Revolution, die unter anderem von Alfred Escher (1819-1882) mit der Schweizerischen Kreditanstalt, der späteren Crédit Suisse, als wichtigem Finanzier inspiriert wurde.

Der Kanton hatte 1830 gerade eine demokratische Revolution mit für die damalige Zeit einzigartigen verfassungsmässigen Freiheiten und Garantien für die Bürger hinter sich. Darüber hinaus wurde 1833 die Universität gegründet.

Auszug aus dem ersten Jahresbericht der Museumsgesellschaft von 1934. Sammlung: Archiv Museumsgesellschaft

Wie Basel, Lausanne und Genf war auch Zürich seit jeher eine kosmopolitische Stadt und Zufluchtsort für politische Flüchtlinge aus anderen europäischen Ländern, was den autoritären Nachbarländern sehr zum Missfallen war. Auch während des Ersten Weltkriegs (1914-1918) und des Zweiten Weltkriegs (1939-1945) war die Stadt ein Zentrum für Emigranten und Flüchtlinge.

Im Jahr 1834 entstand der Bedarf an einem Ort mit einer grossen Sammlung in- und ausländischer Zeitungen, Zeitschriften, Fachliteratur zu verschiedenen Themenbereichen sowie Literatur. Jeder konnte Mitglied werden, unabhängig von Religion, Beruf oder politischer Ausrichtung – ab 1894 auch Frauen.

Sophie Heim (1845–1916), Eintritt in die Museumsgesellschaft 1894 und die erste Schweizer Ärztin. Bild: Verena E. Müller, Marie Heim-Vögtlin, die erste Schweizer Ärztin (Baden, 2008).

Ganz im Sinne der liberalen Verfassung des Kantons spiegelte auch das Angebot in den Lesesälen und der Bibliothek ein breites Spektrum an (politischen) Meinungen, (sozialen) Hintergründen und Religionen wider.

Der Zürcher Gottfried Keller (1819–1890), damals einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren, zählte zu den berühmten Mitgliedern. Verschiedene prominente Ausländer wurden ebenfalls Mitglieder und besuchten die Lesesäle und Bibliotheken regelmässig, darunter (wieder) Lenin, Lev Bronstein alias Trotski (1879–1940), James Joyce (1882–1941), Kurt Tucholsky (1890–1935), Stefan Zweig (1881–1942) sowie viele Dadaisten.

Sammlung: Archiv Museumsgesellschaft

Die Museumsgesellschaft gab in den 1860er Jahren den Bau eines eigenen Gebäudes am Limmatquai in Auftrag, das 1867 in Betrieb genommen wurde.  Sie wurde im Jahr 2000 um ein Literaturhaus für Lesungen und andere Veranstaltungen erweitert.

 

Der grosse Lesesaal. Foto: Verein Museumsgesellschaft

(Quelle und weitere Informationen: Museumsgesellschaft und Literaturhaus Zürich)

Giuanna Egger-Maissen, Korrektorin und Lektorat

Die Abtei St. Blasien, Ihre Dom, Glasherstellung und der Klosterweg

Die Abtei St. Blasien (Baden-Württemberg) im Naturpark Südschwarzwald und im Albsteig wurde im 11. Jahrhundert gegründet. Eine Urkunde des Klosters Rheinau nahe Schaffhausen aus dem 8. Jahrhundert berichtet von einer Gemeinschaft von Mönchen an diesem Ort im Albtal.

Die Benediktinerabtei war dem heiligen Blasius (316 getötet), einem Märtyrer aus Armenien, geweiht. Die Abtei Cluny übernahm das Kloster im 11. Jahrhundert und errichtete die erste grosse Steinkirche auf den Fundamenten des alten Münsters aus dem 9. oder 10. Jahrhundert.

Der Abt Martin II. Gerbert

In den folgenden Jahrhunderten wurde der Komplex weiter ausgebaut. Romanische, gotische und barocke Neuerungen, Erweiterungen und Stile wechselten einander ab. Ein Brand im Jahr 1768 zerstörte dann die Kirche, die dann um 1783 wie Phönix aus der Asche als überwältigende Kuppelkirche nach dem Vorbild der Marienkirche, des Pantheons in Rom, auferstand.

Der Fürstabt (Abt und Fürst des Heiligen Römischen Reiches) Martin II. Gerbert (1729–1793) war der Bauherr. Er war ein Mann zwischen Barock und Aufklärung und die neue Kuppelkirche zeigt Merkmale aus beiden Epochen.

Hauszeichen (datiert 1563) des Bläsihofs (1909 abgebrochen) an der unteren Rebgasse 27–29 in Basel. Dort befand sich im Mittelalter der Sitz des Basler Gutsverwalters des Klosters St. Blasien. 

Als Vorbild dienten nicht nur Rom, sondern auch die Kirchen von Saint-Geneviève, Saint-Sulpice und Val-de-Grâce sowie der Baustil des Dôme des Invalides in Paris. So wuchs die kleine Anlage im Schwarzwald, unweit der Wiese- und Albquelle am Feldberg, zu einem der grössten Dome Europas heran. Die hohe Brunnenfigur des St. Blasius mit Blick auf den Dom schaut seit 1716 vom Marktplatz zu.

Doch 1806 wurde das Kloster aufgelöst und der stolze Dom zur Pfarrkirche degradiert. Zu allem Übel wurde diese Pfarrkirche mit einer der grössten Kuppeln Europas 1874 völlig zerstört.

Der Wiederaufbau der Kuppelkirche erfolgte im Jahr 1913. In den 1970er- und 1980er-Jahren fand eine gründliche Renovierung statt, um den Dom und seine Innenausstattung von 1783 mit seinem Narthex, den Lauben und den dorischen Säulen so weit wie möglich wiederherzustellen.

Die Rotunde und ihre klassizistische Architektur, die Ausschmückung mit spätbarocken Elementen (u. a. Gemälde in der Kuppel und an den Chorbögen), die vier grossen Fenster, die ionischen und korinthischen Säulen sowie die Einfachheit der Rundkirche zeigen den Zeitgeist von 1783 in diesem Teil Deutschlands.

Der Mönchschor mit seinem hölzernen Chorgestühl war das letzte Stück der Renovierung von 1983, die gerade rechtzeitig zum 200. Jubiläumsfest der Domweihe fertiggestellt wurde.

Die Kuppel hat einen Durchmesser von 36 Metern und eine Höhe von 32 Metern. Die Innenkuppel ist 18 Meter hoch, während die  Aussenkuppel 14 Meter misst. Die Säulen, die die Kuppel tragen, sind 18 Meter hoch. Die Gesamthöhe des Gebäudes beträgt 62 Meter. Die erste Holzkonstruktion der Kuppel, die 1874 zerstört wurde, wurde 1913 durch eine Stahlkuppel ersetzt.

Der Abt Martin II. Gerbert sah sich bereits 1783 der Kritik seiner Zeitgenossen ausgesetzt, die seine Kuppelkirche für ein grössenwahnsinniges Projekt hielten. Er konterte dies mit den Worten:

„Wenn schon die Mächtigen der Welt ihre Prunkschlösser und ihre Paläste bauen, sei doch wohl dem majestätischen Herrn und Gott ein glanzvolles Haus angemessen“.

Der majestätische Anblick des Domes und des ehemaligen Klosterkomplexes ist unter dem wachsamen Auge des heiligen Blasius noch immer vorhanden. Mit der grossen weltlichen Macht und den weit verstreuten Ländereien, anderen Besitztümern und politischen Beziehungen in Baden, Österreich und der Schweiz war es jedoch nach 1806 Schluss. Nur der Klosterweg zeigt heute die damaligen Beziehungen in der Region.

Die Glasherstellung 

Der professionelle Glasträger tauchte erstmals in den Quellen des 16. Jahrhunderts auf. Er war unentbehrlich in der Produktionskette. Bild: Gemeinde St. Blasien. Foto: TES

Die Glasherstellung in den Glashütten war damals eine wichtige Industrie der Abtei. Die Gründungen der St. Blasianischen Glashütten, ihre Standorte und Betriebszeiten waren:

1480-1515  Bernau am Todtmooserweg

1516-1567  Glashof St. Blasien

1560-1587  Bernau am Rechberg

1579-1684  Blasiwald Habsmoos

1597-1684  Blasiwald Munchenland ob Neuhäuser Bach

1611-1716  Grünwald bei Kappel

1622-1684  Blasiwald Schmalzberg Althütte

1684-1712  Glashütte am oberen Windbergbach

1716-1878  Glashütte Äule

Ein Eindruck aus einer Glashütte. Bild: Gemeinde St. Blasien. Foto: TES

(Quelle und weitere Informationen: J. Adamek, St. Blasien: Kirche-Kloster-Kolleg, St. Blasien, 1992)

Weitere Eindrücke

750 Jahre Kathedrale Notre-Dame von Lausanne

Der Bau der Kathedrale von Lausanne wurde bis zur ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts von mehreren Baumeistern geleitet. Der Bischof Landry de Durnes gab den Anstoss zum Bau um 1170.

Sammlung: Musée Historique Lausanne

Der erste Baumeister begann mit der Errichtung der romanischen Apsis, doch die weitere Ausführung des Monuments zeigte schnell eine Hinwendung zur gotischen Architektur und wurde um 1235 mit dem bemalten Portal an der Südfront abgeschlossen. Am 20. Oktober 1275 wurde die Kathedrale von Papst Gregor X. (1210-1276) in Anwesenheit des Kaisers Rudolf von Habsburg (1218-1291) geweiht.

Die erste Bauphase der Kathedrale begann 1173 mit der romanischen Apsis. Zwanzig Jahre später korrigierte der zweite Baumeister die Ausrichtung des Gebäudes, veränderte die architektonische Komposition und baute bis 1215 die Kirche, wie wir sie heute kennen. Der dritte Baumeister setzte die Arbeiten nach Westen fort und errichtete das Westwerk mit einem Vorbau und zwei Türmen, von denen einer den Glockenturm trägt, während der andere nie vollendet wurde.

Das Portal ist ein Beispiel für eine originelle Gestaltung sowohl in architektonischer als auch in ikonografischer und polychromer Hinsicht. Es veranschaulicht ein komplexes Programm. Das allgemeine Thema ist die Evokation des Geheimnisses der Inkarnation und die Fürsprache der Jungfrau im Rahmen der Wallfahrt zur Kathedrale Notre-Dame.

Das bemalte Portal an der Südfront vervollständigte das Bauwerk zwischen 1225 und 1235. Zwei Teile des ursprünglichen architektonischen Ensembles, der ehemalige Kreuzgang und der Durchgang des grossen Jochs, sind heute nicht mehr erhalten. Sie verfielen nach und nach und wurden im 17. Jahrhundert zerstört.

Le Château Saint-Marie  (1430 errichtet), Residenz des Bischofs bis die Reformation

Nach der Reformation

Nach der Reformation von 1536 fanden mehrere Restaurierungszyklen statt. Eine der wichtigsten Massnahmen wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom französischen Architekten Eugène Viollet-le-Duc (1814–1879) umgesetzt. Der letzte Restaurierungszyklus begann 1968 mit dem Nordchor-Turm.

Bild: die Kathedrale von Lausanne 

(Quelle und weitere Informationen: Cathédrale de Lausanne)

Giuanna Egger-Maissen, Korrektorin und Lektorat

 

Sammlung: Musée Historique Lausanne

Die Bistümer und die kulturelle und linguistische Vielfalt der Schweiz

In den Jahrhunderten zwischen der (langsamen) Auflösung des Römischen Reiches (im 5. Jahrhundert) und dem Aufstieg der grossen Monarchien (vom 10. bis 13. Jahrhundert) waren die Kirche, die Klöster und die Bistümer die wichtigsten sozialen, wirtschaftlichen und politischen Institutionen mit grosser weltlicher Macht in der heutigen Schweiz.

Das Bistum war eine neue Souveränität, die sich auf ein kirchliches Gebiet (die Diözese), (Land-)Besitz und weltliche, politische und militärische Macht in diesem Gebiet und manchmal weit darüber hinaus stützte.

Der Bischof war die höchste religiöse Autorität, mit dem Erzbischof des Erzbistums und dem Papst in Rom als seinen Vorgesetzten sowie mit lokalen weltlichen Herrschern und Fürsten als direkten Konkurrenten oder Verbündeten. Die Aufteilung in Bistümer in der Schweiz  vermittelt einen guten Eindruck vom reichen kulturellen Erbe. Auch die Klöster spielten eine wichtige Rolle, da die Äbte oft von den Herrschern des Heiligen Römischen Reiches ernannt wurden.

Basel

Der erste Bischof von Basel hatte seinen Palast in der römischen Stadt Augusta Raurica, dem heutigen Augst (Kanton Basel-Landschaft). Wahrscheinlich verliess der Bischof diese Stadt im 5. Jahrhundert aus Sicherheitsgründen (wegen der Alemannenüberfälle). Der Basler Hügel, auf dem das Münster erbaut wurde, bot mehr Schutz.

Das Bistum Basel unterstand seit dem Mittelalter dem Erzbistum Besançon, wodurch die französischsprachige Kultur weit in die deutschsprachigen Gebiete hineinreichte. Das Bistum Basel erstreckte sich bis weit ins Elsass und in die Nordwestschweiz hinein. Das auf der Nordseite des Rheins gelegene Kleinbasel hingegen unterstand bis 1803 dem Bischof von Konstanz und dem Erzbistum Mainz.

Der Bischof von Basel, ebenfalls Fürst im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, verlegte 1529 aufgrund der Reformation seinen Sitz in das französischsprachige Porrentruy (im heutigen Kanton Jura gelegen).  Seit 1828 ist Solothurn der Sitz des Bistums Basel.

Solothurn

Im kleinen Bauerndorf Arlesheim (im heutigen Kanton Basel-Landschaft) mit damals wenigen hundert Einwohnern bauten die Domherren (Kapitelherren) Ende des 17. Jahrhunderts den Dom und verschiedene Stadtpaläste. Immerhin lag das katholische Arlesheim nicht weit von Basel entfernt.

Lausanne

Die römische Stadt Aventicum, die Hauptstadt der Helvetier, das heutige Avenches im Kanton Waadt, war im 6. Jahrhundert Sitz des Bischofs. Davor hatte er sich in Vindonissa befunden, dem heutigen Windisch (Kanton Aargau). Lausanne (Lousanna) wurde zu Beginn des 7. Jahrhunderts zur neuen Bischofsstadt.

Freiburg

Die Diözese Lausanne wurde 1536 nach der Eroberung durch Bern aufgelöst. Der Bischof floh nach Savoyen. Heute umfasst das Gebiet der Kantone Freiburg, Genf, Neuenburg und Lausanne das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg, benannt nach den drei Kathedralen in Lausanne, Genf und Freiburg.

Chur und Konstanz

Das Bistum Konstanz (heute in Deutschland) erstreckte sich bis 1801 auch auf Gebiete in der Zentral-, Nordwest- und Nordostschweiz, unter anderem auf Kleinbasel, den Aargau, den Thurgau sowie die beiden Appenzeller und St. Gallen. Die Diözese war seit 843 Teil des Erzbistums Mainz. Das Bistum wurde 1821 aufgehoben. Wegen der Reformation war der Bischof bereits 1527 nach Meerburg geflohen.

Die Kathedrale von Konstanz

Chur (Curia) ist ein Bistum aus römischer Zeit. Der erste bekannte Bischof von Chur (451) hiess Asinio. Chur ist eine der ältesten Bischofsstädte nördlich der Alpen. Das Bistum Chur war bis 843 (Vertrag von Verdun) dem Erzbistum Mailand unterstellt.

Die Kathedrale von Chur

In dieser Zeit gab es viele kulturelle Einflüsse aus der Lombardei, den Bistümern Como und Aquileia sowie aus der Republik Venedig und ihrer byzantinischen Kultur. Seit 843 gehört das Bistum Chur zum Erzbistum Mainz. Dadurch wurde auch der Einfluss der deutschen Kultur verstärkt.

Das Bistum überstand die vielen politischen Umwälzungen und sogar die Reformation, obwohl auch die Stadt Chur zum Protestantismus übertrat, wie die meisten Städte und Einwohner des heutigen Graubündens.

Sitten

Im Kanton Wallis war die römische Stadt Forum Claudii Vallensium, das heutige Martigny, die erste Bischofsstadt. Im 6. Jahrhundert liess sich der Bischof in Sion/Sitten (Sedunum) nieder. Das zweisprachige Bistum Sitten war bis 1801 dem Erzbistum Tarentaise (Frankreich) unterstellt. Das Bistum stand in direktem Kontakt mit Savoyen und seiner französischsprachigen Kultur auf der einen Seite und mit der deutschen Kultur des Oberwallis auf der anderen Seite.

Genf

Die Diözese Genf gehörte zum Erzbistum Vienne in Frankreich. Folglich hatten die provenzalische Kultur und Sprache grossen Einfluss. Isaak ist der erste Bischof, der um 400 schriftlich erwähnt wird. Die ersten Fundamente der Kathedrale stammen aus der ersten Hälfte des 4.  Jahrhunderts. Die archäologische Stätte vor Ort bietet einen faszinierenden Überblick über die Anfänge dieses Bistums und der Kathedrale.

Allerdings ist Genf seit der Reformation (erste Hälfte des 16. Jahrhunderts) keine Bischofsstadt mehr. Im Gegenteil, die Stadt wurde sogar zur Hauptstadt des Calvinismus (ein Museum, das der Reformation in Genf gewidmet ist, erzählt von dieser Geschichte). Das Bistum wurde im Zuge der Reformation 1536 aufgehoben und ist heute Teil der Diözese Lausanne, Genf und Freiburg.

1801

Seit 1801 sind die Bistümer der Schweiz direkt dem Vatikan unterstellt und nicht mehr Teil eines Erzbistums ausserhalb der Schweiz.

St. Gallen

Das Bistum St. Gallen wurde 1847 gegründet und umfasst die Kantone Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden und Sankt Gallen. Die berühmte Abtei St. Gallen besteht seit dem 7. Jahrhundert und hat in dieser Region stets eine wichtige Rolle gespielt.

Lugano

Diese Diözese besteht seit 1971 und umfasst den Kanton Tessin. Nach der Unabhängigkeit Italiens war das Tessin bis 1971 dem Bistum Basel unterstellt. Im Jahr 1971 wurde der erste Bischof für das Bistum Tessin ernannt, das damit faktisch zu einem eigenständigen Bistum wurde.

Fazit

Die Diözesen auf Schweizer Gebiet stehen seit dem frühen Mittelalter in direktem Kontakt mit verschiedenen Sprachen und Kulturen. Nicht zuletzt deshalb war und ist die Schweiz ein kultureller Kreuzungspunkt.

Die sechs heutigen Bistümer St. Gallen, Lugano, Sitten, Basel, Chur sowie Lausanne, Freiburg und Genf spiegeln noch immer den multikulturellen Charakter des Landes wider.

(Sources: K. Speich, H. Schläpfer, Églises et monastères suisses, Zurich 1979; F. Mazel, L’Évêque et le territoire.) L’invention médiévale de l’espace (Ve-XIIIe siècles, Paris 2008).

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Die Basler Herbstmesse 1471-2025

Die Basler Herbstmesse ist  seit 1471 Teil des Basler Festkalenders. Die Herbstmesse ist  die grösste Vergnügungsmesse der Schweiz und wurde nur 1721 und 1722 (Pest), 1831 (Cholera), 1918  (Spanische Grippe), 2020 und teilweise 2021 (Corona) abgesagt.

 

Die Geschäftsherrensocken, Sonntagssocken, der Blaustrumpf, die Inésbadersocken, shawls and other Strickereien auf dem Petersplatz. Inés Bader Textildesign Basel

Petersplatz, der Kunsthandwerksmarkt

1471

Im Mittelalter war ein Markt nur mit der Erlaubnis des Landesherrn möglich. Im Jahre 1471 war Basel noch Teil des Heiligen Römischen Reiches. Der Eintritt in die Eidgenossenschaft sollte erst 1501 erfolgen.

Dank des Basler Konzils (1431-1449) und der Unterstützung von Papst Pius II. (1405-1464), der 1460 auch die Universität Basel gründete, hatte die Stadt einen guten Ruf. Die Präsenz von Verlegern, Druckern, Gelehrten, Humanisten und die gute Erreichbarkeit erhöhten ihren Status zusätzlich. Zudem war Basel nicht irgendeine Bischofsstadt, sondern der Bischof war auch Reichsfürst.

Der Bürgermeister Hans von Bärenfels (ca. 1430-1495) hatte 1471 endlich Erfolg: In diesem Jahr erteilte Kaiser Friedrich III. (1415-1493)  das lang ersehnte Messeprivileg. Von Bärenfels war übrigens einer der letzten adeligen Bürgermeister. Die Bärenfelserstrasse im Kleinbasel ist nach ihm benannt.

Kasernenareal

Am 27. Oktober 1471 fand die erste Basler Herbstmesse statt. Gemäss dem Privileg muss der Herbstmarkt vor dem 11. November, dem Martinstag, stattfinden. Am letzten Samstag im Oktober, in diesem Jahr am 25. Oktober, läuten um 12 Uhr die Glocken der Martinskirche, und der Markt (bis zum 9. November) wird mit einem Gottesdienst eröffnet.

Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen  findet der Markt seit 1471 auf dem Münsterplatz statt. Die Herbstmesse  besteht heute aus 500 Ständen und Attraktionen an sechs Standorten (Münsterplatz, Petersplatz, Barfüsserplatz, Messeplatz, Rosentalanlage und Kasernenareal).

Barfüsserplatz

Ein jährliches Fest

Es ist ein jährliches Fest für die Kinder, die Bewohner*innen der Stadt, der Schweiz und der Nachbarländer. In früheren Zeiten gehörten auch wilde Tiere, zum Beispiel Elefanten, zu den Sehenswürdigkeiten.

Das heutige Angebot an Attraktionen umfasst u.a. ein Pferdekarussell (Rösslìritti), die Berg- und Talbahn, den Freefall-Tower, die Geisterbahn, Schiess- und Wurfbuden, das Spiegellabyrinth, die Autoscooter, eine Achterbahn und ein immer höher werdendes Riesenrad.

(Quelle und weitere Informationen: www.herbstmesse.ch).

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Münsterplatz

St. Petersplatz