Aarau oder das Entstehen einer Hauptstadt
7 März 2024
Die Stadt Aarau (Kanton Aargau) hat ihren Namen von der Aare, dem grössten Zufluss des Rheins. Wenige Kilometer weiter mündet die Aare im schweizerischen Koblenz in den Rhein und setzt ihre Reise nach Rotterdam fort.


Die Aare und das Wasserkraftwerk bei Aarau
Aarau ist nicht irgendeine Stadt, sondern die Hauptstadt des Kantons Aargau. Weder die Kelten noch die Römer, auch nicht die Habsburger oder die Einwohner von Aarau hatten bis 1798 diesen Status im Sinn.

Graf Hartmann von Kyburg
Dank der Lage an der Aare war diese Region bereits in keltischer und römischer Zeit besiedelt. Die Grafen von Kyburg gründeten den Ort um 1250. Aus dieser Zeit stammen auch das Schloss, die Mühle sowie die alten Stadtmauern und Türme.




Die mittelalterliche Mühle und die Burg
König Rudolf I. von Habsburg (1218-1291) erwarb den Ort 1273 und verlieh ihm 1283 die Stadtrechte. Doch 1415 eroberten Bern und Solothurn einen Grossteil des Aargaus (nur das Fricktal blieb bis 1803 in habsburgischem Besitz). Aarau wurde dann von Bern als Untertanengebiet (mit relativ grosser Autonomie) verwaltet.


Aarau war bis 1415 habsburgisches Territorium. Der habsburgische Doppeladler und das Berner Wappen sind überall in der Stadt zu sehen
Während der Reformation wählten die Bürgerinnen und Bürger mit knapper Mehrheit den evangelischen Glauben, und ab 1531 fand in Aarau regelmässig die Tagsatzung der Vertreter der reformierten Kantone statt.
Baden blieb jedoch der Hauptort der Tagsatzung aller (katholischen und protestantischen) Kantone, auch wenn religiöse (und andere) Spaltungen die Effizienz beeinträchtigten.
Der französische Einmarsch von 1798 beendete im März fast vier Jahrhunderte Berner Herrschaft. Die französischen Revolutionsideale fanden auch in Aarau ein begeistertes Publikum, und am 12. April wurde vom Rathaus aus die von den französischen Besatzern aufgezwungene Helvetische Republik (1798-1803) proklamiert.
Das Parlament dieses Einheitsstaates tagte im Rathaus, die Regierung (das Direktorium) im Haus zum Schlossgarten. Aarau wurde damit zur ersten Hauptstadt der Schweiz. Dieser Status war nur von kurzer Dauer. Es fehlte an Infrastruktur, und ab September 1798 war Luzern die neue Hauptstadt der Helvetischen Republik und Sitz des Parlaments und des Direktoriums.

Doch die revolutionären Ideale von 1798 wichen auch in Aarau bald der Realität der französischen Besatzung und des unerwünschten Einheitsstaates. Überall in dieser Republik kam es zu (bewaffneten) Aufständen, und 1803 griff Napoleon persönlich ein.
Er löste die Helvetische Republik auf und stellte mit der Mediationsakte (Acte de Médiation) den alten Kantonsverband wieder her. Es wurden sechs neue Kantone geschaffen, darunter der Kanton Aargau (mit dem Fricktal).

Regierungsgebäude

Städtisches Rathaus. Den ältesten Teil bildet der Adelswohnsitz Turm Rore aus dem 13. Jahrhundert.
Aarau wurde die Hauptstadt des neuen Kantons. Wie andere Kantonshauptstädte, die im Grunde genommen Dörfer sind, zum Beispiel in den Kantonen Schwyz, Glarus, in den beiden Appenzeller Kantonen, in Obwalden und Nidwalden, ist auch Aarau eine Metropole auf Mikroebene so wie Basel, die Hauptstadt des Kantons Basel-Stadt, eine kosmopolitische multikulturelle Metropole mit dem Lebensrhythmus eines Dorfes ist.
(Quelle und weitere Informationen A. Lüthi, Aarau, Historisches Lexikon der Schweiz, 25.11.2016; Gemeinde Aarau)
Eindrücke aus Aarau










Die Stadtkirche (1478)






Heinrich Zschokke (1771-1848). Er wurde 1771 in Magdeburg geboren und kam als junger Mann in die Schweiz. Als Anhänger der Revolution musste er 1798 aus Graubünden fliehen. Während der Helvetik vermittelte er für die Regierung in Aarau. In Aarau fand er schliesslich seine Heimat und ein liberales Umfeld für seine Ideen und publizistische Arbeit. Mit der Wochenzeitschrift ‚Der Schweizerbote‘ schuf er ein Blatt, das zu einem wichtigen politischen Sprachrohr für einen liberalen Staat wurde. Der wichtige Vordenker des Bundesstaates starb 1848 am Tag, als die moderne Schweiz gegründet wurde.
