CERN, weltweite naturwissenschaftliche Forschung und das World Wide Web in Meyrin

Stephen Hawking (1942-2018) ist berühmt für seine Arbeit und seine Entdeckungen über den Ursprung und die Struktur des Universums, vom Urknall bis zu schwarzen Löchern. Er reduzierte das Universum auf einen Daumen. Aber als er nach dem Ursprung dieses allerersten Anfangs des Universums gefragt wurde, antwortete er etwas in der Art von: „Dann höre ich auf zu denken“.

So kann es einem auch ergehen, wenn man sich mit dem CERN befasst, dem grössten Forschungs- und Experimentierzentrum der Physik in Meyrin (Kanton Genf). Dieser Beitrag gibt eher praktische als technische Hinweise und basiert auf Informationen des CERN.

Die Schweiz ist bekannt für ihre hervorragenden Forschungsinstitute und Universitäten, und auch das CERN fühlt sich zu Hause in dieser Region!

CERN

Die Gründung des CERN (Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire) geht auf die 1940er-Jahre zurück. Eine Reihe von Wissenschaftlern in Europa und Nordamerika identifizierte den Bedarf nach einem Spitzeninstitut für Physik in Europa.

Die erste Resolution zur Gründung eines Europäischen Rates für Kernforschung wurde im Dezember 1951 angenommen. Gegründet im Jahr 1954, liegt das CERN-Labor in Meyrin an der französisch-schweizerischen Grenze. Es war eines der ersten gemeinsamen Unternehmen Europas und hat heute 23 Mitgliedstaaten, viele assoziierte Mitgliedstaaten und weltweite Kooperationsvereinbarungen.

Die Zusammenarbeit zwischen Nationen, Universitäten und Wissenschaftlern war von Anfang an die treibende Kraft hinter der Forschung von CERN. Mehr als 17.500 Menschen aus der ganzen Welt arbeiten zusammen, um die Grenzen des Wissens zu erweitern.

Die Mitarbeiter von CERN, etwa 2500 an der Zahl, nehmen am Entwurf, Bau und Betrieb der Infrastruktur für Forschung und Experimente teil. Sie tragen auch bei zur Vorbereitung und Durchführung der Experimente sowie zur Analyse der gesammelten Daten für die grosse weltweite Gemeinschaft der Nutzer, die aus mehr als 12.200 Wissenschaftlern aus 110 Nationen von Instituten in mehr als 70 Ländern besteht.

Forschung

Die Forschung von CERN hat das Verständnis des Universums transformiert, aber es bleiben noch viele grundlegende Geheimnisse bestehen. Die Physiker und Ingenieure verwenden die grössten und komplexesten wissenschaftlichen Instrumente der Welt, um die Grundbestandteile der Materie zu studieren – die fundamentalen Teilchen.

Die Instrumente, die bei CERN verwendet werden, sind speziell gebaute Teilchenbeschleuniger und Detektoren. Beschleuniger erhöhen die Energie der Teilchenstrahlen, bevor die Strahlen miteinander oder mit stationären Zielen kollidieren. Detektoren beobachten und registrieren die Ergebnisse dieser Kollisionen.

Subatomare Teilchen werden mit nahezu Lichtgeschwindigkeit miteinander kollidiert. Der Prozess gibt uns Hinweise darauf, wie die Teilchen miteinander interagieren und bietet Einblicke in die grundlegenden Naturgesetze. CERN untersucht somit die kleinsten Bausteine unseres Universums.

Alle sichtbare Materie im Universum besteht aus einer kleinen Anzahl von Teilchen, deren Verhalten durch verschiedene Kräfte bestimmt wird. CERN hat eine wesentliche Rolle beim Zusammentragen dieses Wissens gespielt.

Im Laufe der 1960er-Jahre wurden Theorien bezüglich zweier Kräfte entwickelt – die schwache Kraft und die elektromagnetische Kraft. In den 1980er-Jahren brachte die Entdeckung der W- und Z-Teilchen – Träger der schwachen Kraft – die Bestätigung der Theorie. CERN-Forscher teilten sich 1984 den Nobelpreis für Physik für diese Entdeckung.

LHC (Large Hadron Collider)

Während der 1990er-Jahre testeten CERN-Experimente die sogenannte elektroschwache Theorie mit extremer Präzision, wodurch die Ergebnisse dieser Experimente zuverlässig sind.

Im Jahr 2010 begann der Beschleuniger LHC (Large Hadron Collider) in dem 27 Kilometer langen Tunnel, Teilchenkollisionen in einem neuen hochenergetischen Bereich zu liefern, wobei die Bedingungen einen Bruchteil einer Sekunde nach dem Urknall reproduziert wurden.

Der LHC ist eine Konstruktion, die in einem Tunnel tief in der Erde in Frankreich und der Schweiz verläuft. Dieser 27 Kilometer lange Tunnel wird im Jahr 2040 ersetzt. Der neue Tunnel wird möglicherweise der sogenannte Future Circular Collider mit einer Länge von 91 Kilometern sein, in Frankreich und der Schweiz und unter dem Genfer See verlaufend. Derzeit finden Machbarkeitsstudien statt. Die teilnehmenden Länder werden  im Jahr 2026 entscheiden.

Der LHC führte zur Entdeckung des Higgs-Teilchens (higgs-boson)– lange gesucht als das Teilchen, das mit dem Mechanismus verbunden ist, der den elementaren Teilchen Masse verleiht.

 Das Labor

Neben dem LHC von CERN hat das Labor ein reichhaltiges und vielfältiges wissenschaftliches Programm. Experimente an anderen Beschleunigern und Einrichtungen, sowohl vor Ort als auch anderswo, sind ein wichtiger Bestandteil der Aktivitäten des Labors.

Obwohl die Grundlagenforschung die primäre Mission von CERN ist, spielt die Institution auch eine führende Rolle bei der Entwicklung neuer Technologien, der Zusammenführung von Nationen, Universitäten, Wissenschaftlern und Unternehmen sowie der Ausbildung und Schulung von Experten.

CERN ist auch ein wichtiges Labor für die Industrie – einschliesslich grosser Unternehmen, KMUs oder Start-ups. Zudem pflegt CERN die Zusammenarbeit mit anderen Interessengruppen  wie politischen Entscheidungsträgern, Mitgliedstaaten und assoziierten Mitgliedstaaten.

Industrie, Anwendungen, Zusammenarbeit und Erfindungen

Die bekannteste CERN-Technologie ist das World Wide Web (WWW), erfunden von Tim Berners-Lee im Jahr 1989, um einer immer grösser werdenden Anzahl von Wissenschaftlern bei CERN den Austausch von Informationen zu ermöglichen.

Ebenso revolutionär ist das Grid, das die Rechenleistung von Computern auf der ganzen Welt nutzt. Es wurde bei CERN entwickelt, um die enormen Datenmengen zu verarbeiten, die durch die LHC-Experimente gesammelt werden.

Die erstaunlichsten am CERN gemachten Entdeckungen und Erfindungen sind: das Higgs-Teilchen, das W-Teilchen, das Z-Teilchen, das World Wide Web und die Antimaterie.

Die grundlegenden Instrumente von CERN – Teilchenbeschleuniger und Detektoren – finden auch Anwendung im täglichen Leben. Erfunden als Forschungsinstrumente, funktionieren heute Tausende von Teilchenbeschleunigern  in Anwendungen, die von medizinischer Diagnose und Therapie bis zur Herstellung von Computerchips reichen.

Schlussfolgerung

CERN ist der Prototyp für weltweite wissenschaftliche Zusammenarbeit, die selbst während des Kalten Krieges funktionierte, und hat Organisationen hervorgebracht, deren Aufgaben von Astronomie bis Biologie reichen.

Die neueste Organisation, die in die Fussstapfen von CERN tritt, ist SESAME, ein Labor für den Nahen Osten in Jordanien. Israel und die Palästinensische Autonomiebehörde gehören zu den Gründern von SESAME.

Es ist also möglich, dass nicht nur Kunst, sondern auch Wissenschaft über Grenzen, Sprachbarrieren, Herkunft, Politik, Religion und Nationalität hinweg verbindet!

(Quelle und weitere Informationen: CERN)

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

 

Cerniat, Charmey und Broc, kleine Dörfer mit einer grossen Vergangenheit und Gegenwart

Cerniat, noch nie davon gehört? Doch dieses Dorf in der Gemeinde Val-de-Charmey (Kanton Freiburg) ist der Sitz der einzigen Chartreuse (Kartause, Kartäuserkloster) der heutigen Schweiz, in der noch Kartäuser leben.

Die Chartreuse de la Valsainte (le val de tous les saints) wurde 1924 von Girard de Corbières, dem Seigneur de Corbières, gegründet. Freiburg erwarb die Seigneurie im Jahr 1553. Abgesehen von der Kapelle ist die Chartreuse für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Foto: Les moines Chartreux ©: Monastère de la Grande Chartreuse

Auch der Name des Dorfes hat eine lange Geschichte. Das Wort Cerniat leitet sich von dem Wort cierne“ im Patois ab und bedeutet Wiese. Seine Ursprünge gehen auf das lateinische Wort circinus, französisch cerné“, zurück.

Das Dorf liegt im heutigen Bezirk Gruyère (Greyerz), und die Grafen von Gruyère spielten bis zu ihrem Konkurs im Jahr 1553 ebenfalls eine wichtige Rolle in dieser Region.

Cerniat und das nahe gelegene Charmey schlossen sich 2014 zur Gemeinde Val-de-Charmey zusammen. Die Seigneurs de Corbières regierten bis 1454 auch Charmey. In diesem Jahr erwarben die Grafen von Gruyère das Dorf. Seit 1555 ist Charmey Teil des Kantons Freiburg.

Im 17. und 18. Jahrhundert war Charmey ein wichtiger Handelsplatz an der Strasse nach Lyon. Der berühmte Gruyère-Käse und die einzigartigen Reifungskeller (les caves à fromages de la Tzintre) waren die wichtigsten Errungenschaften der Stadt.  Die prächtigen Herrenhäuser erinnern noch heute an diese beiden „goldenen Zeitalter“ des kleinen Dorfes.

Musée Charmey

Heute ist das Dorf unter anderem für seine Badeanstalt, seine Hotelanlagen, seine schöne Natur und seine vielfältigen Möglichkeiten für den Winter- und Sommertourismus bekannt und beherbergt ausserdem ein interessantes Museum.

Auch Broc ist ein Dorf, das ausserhalb der Schweiz bestimmt nicht allzu bekannt ist. Doch schon der Eingang des Dorfes birgt eine lange Geschichte. So ist das jahrhundertealte Schloss (Château) d’En Bas (12. Jahrhundert) das Tor zum Dorf.

Die Barone von Montsalvens bewohnten die Burg von 1340 bis 1555. In diesem Jahr erwarb Freiburg auch diese Baronnie. Die heutige Steinbrücke stammt aus dem Jahr 1580 und ersetzte die viel ältere Holzbrücke. Das Schloss wurde im 19. und 20. Jahrhundert noch mehrmals umgebaut.

Die kapelle de Notre-Dame des Marches (18. Jahrhundert) am Fusse des Dent de Broc, weniger als einen Kilometer vom Dorf entfernt, ist die religiöse Hauptattraktion.

Broc hat aber auch viel Süsses zu bieten, nämlich die Schokoladenfabrik Cailler, eine der ältesten Schokolademarken der Welt, wo eigentliche Schokoladenkünstler am Werk sind. Das Maison Cailler macht die Ankunft der Kakaobohne in Europa im 16. Jahrhundert, den Aufstieg der Schweizer Schokoladenhersteller und insbesondere von Cailler interaktiv und buchstäblich greifbar. Man riecht, schmeckt und erlebt die Welt der Schokolade.

Kunst im Maison Cailler 

Von anderer Art ist das Informations- und Auskunftszentrum Electrobroc. Diese Einrichtung zeigt anhand von Dokumentationen, Filmen, Geräten, Modellen und anderen Visualisierungen  die faszinierende Welt der Elektrizität, die (aktuellen) Veränderungen und Anpassungen sowie die Funktion und Rolle der Elektrizität für Umwelt, Klima und Energieversorgung.

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Impressionen aus Charmey

Die Spa und Hotel Cailler

Eine Weltpremiere religiöser Reformen in Zürich im Jahr 1525

Martin Luther läutete am 31. Oktober 1517 mit seinen 95 Thesen in Wittenberg die grösste Trennung der christlichen Kirche seit 1054 (die Trennung zwischen der römisch-katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche) ein.

Diese Spaltung war nicht nur religiös und politisch, sondern auch geografisch inspiriert. West- und Mitteleuropa auf der einen Seite, Osteuropa (das Byzantinische Reich) auf der anderen Seite. Die Orthodoxen hatten zwar einen gemeinsamen Nenner, entwickelten aber bald ihre eigenen regionalen Identitäten.

Papst Leo IX (1002-1054) und Michael Kerularios (1000-1059), Patriarch von Konstantinopel (1000-1059). Griechisches Manuskript. 15. Jahrhundert. Staatsbibliothek Palermo. Bild: Wikipedia

Protestanten und Wiedertäufer

Fünf Jahrhunderte und diverse gescheiterte Reformversuche später war das römisch-katholische Europa reif für eine Spaltung. Die von Luther vorgeschlagenen Reformen waren zwar der direkte Anlass, aber die Diskussionen waren schon jahrhundertealt. Erasmus war einer der vielen kritischen Theologen, Jan Hus war ein Jahrhundert zuvor noch auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden.

Durch den Buchdruck, die Renaissance, den Humanismus und die Armut in Städten und ländlichen Gebieten erreichten Luthers Reformpläne in kurzer Zeit ein grosses Publikum. Ausserdem schrieb er auf Deutsch statt Latein (obwohl ein grosser Teil der Bevölkerung noch Analphabeten war).

Die Ideen von Luther erreichten bald die Eidgenossenschaft, zunächst die grossen Städte (Basel, Bern, Zürich, Schaffhausen). Zürich hatte eine Weltpremiere: In kurzer Zeit entstanden um 1525 zwei neue Weltreligionen: die evangelisch-reformierte Kirche nach Huldyich Zwingli (1484-1531) und die Wiedertäufer oder Täufer. Luther und Zwingli unterschieden sich in einigen dogmatischen religiösen Punkten, lehnten jedoch beide die Täufer ab und verfolgten diese.

Collégiale in Neuchâtel mit der Statue von Guillaume Farel (1489-1565)

Calvinismus

Nicht nur die städtischen Gebiete in der alten Eidgenossenschaft, sondern auch die unabhängige Republik Genf und das Fürstentum Neuenburg waren zehn Jahre später Brutstätten einer eigenen Reformation: des Calvinismus. Die Schweiz war daher das Epizentrum des Humanismus auf der einen und dogmatischer Diskussionen neuer Weltreligionen auf der anderen Seite.

Genf blieb jahrhundertelang die Hauptstadt des Calvinismus. Tausende Studenten aus den Niederlanden, Deutschland, England und Skandinavien besuchten beispielsweise die von Calvin gegründete Akademie. Wilhelm von Oranien wird sogar an der Mauer der Reformatoren in Genf geehrt, wie Michiel de Ruyter sein Plakat im Grossmünster in Zürich (und sein Grab in der Nieuwe Kerk in Amsterdam und einen ihm gewidmeten Feiertag in Ungarn) hat.

Wilhelm von Oranien an der Mauer der Reformatoren: “Le 26 juillet 1581 les Etats-Generaux reunis a la Haye adpotent la déclaration d’indépendance des Provinces-Unies”.

Disputatio in Zürich

Die Reform in Zürich war die erste in der alten Eidgenossenschaft, auf Schweizer Art nach einer „Disputatio“, Diskussion und Abstimmung in der Regierung. Diese Reform ging einigen Reformierten jedoch nicht weit genug. Sie lehnten die Taufe von Babys ab, weil der Glaube ein Bekenntnis ist und ein Baby dieses Urteilsvermögen noch nicht hat.

Und sie wollten keine Staatskirche, sondern privat organisierte Glaubensgemeinschaften. Mit anderen Worten, sie anerkannten keine kirchliche, also staatliche Hierarchie. Zu dieser Zeit gab es noch keine Trennung von Kirche und Staat.

Auch in diesem Fall gab es am 17. Januar 1525 ein Disputatio zwischen dem Protestanten Zwingli und dem Täufer Konrad Grebel (1498-1526). Zwingli gewann das Streitgespräch, aber dies verhinderte die Taufe der ersten Erwachsenen am 21. Januar 1525 nicht, darunter Grebel und Felix Manz (1498-1527).

Danach eskalierte der Konflikt, weil die Täufer keine Staatskirche (die reformierte Kirche war das, die katholische Kirche seit Jahrhunderten) und keinen bewaffneten Dienst für die Regierung anerkannten.

Die Disputation vom 17. Januar 1525. Weltliche Herren (l), Theologen (r), davor die Täufer, sitzend die Reformatoren (Zwingli). Sammlung: Zentralbibliothek Zürich

Eine neue Weltreligion mit Wurzeln in Zürich

Anabaptismus (Täufer) bedeutete für die Machthaber Anarchie, keine Steuern zahlen und keinen Militärdienst leisten. Damit untergruben die Täufer die Staatsgewalt (und die Privilegien der Machthaber). Sie wurden verfolgt (von Protestanten und Katholiken) und manchmal wie Felix Manz hingerichtet.

Gerade wegen der Verfolgung in Städten suchten und fanden sie Zuflucht auf dem Land, wo die Täufer viel Sympathie und Anhänger fanden. Es war schliesslich die Zeit der Bauernaufstände. Die religiös inspirierten Täufer und die politisch motivierten Bauern hatten sich gefunden. Eine Ausstellung im Dreiländermuseum in Lörrach geht ausführlich auf diesen Kontext ein.

Die Täufer aus Zürich flohen schliesslich in die USA, wo sie amische und mennonitische Gemeinschaften gründeten.

Die Ausstellung „Verfolgt, Vertrieben, Vergessen – 500 Jahre Täufertum im Kanton Zürich“ in der Zentralbibliothek Zürich zeigt diese wenig bekannte, aber bewegte Geschichte mit Dokumenten aus dem eigenen Bestand und anderen Institutionen. Sie findet anlässlich des 500. Geburtstags der ersten Erwachsenentaufe in Zürich statt.

Am 29. Mai finden in Zürich zudem die Mennonitische Weltkonferenz und ein Gottesdienst im Grossmünster statt. Der Kreis schliesst sich, keine 100 Meter entfernt, wo 1527 Manz in der Limmat durch Ertränken hingerichtet wurde!

(Quelle und weitere Informationen: Zentralbibliothek Zürich, M. Jost, Unpassend. Roman zu den Anfängen der Täuferbewegung, St. Gallenkappel, 2024; Mennonitica. Schweizerischer Verein für Täufergeschichte).

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Das rätoromanische Kulturfestival FESTIVALET

Die rätoromanische Sprache (Romontsch oder Rumantsch in Graubünden, Romanisch für die übrige Deutschschweiz, le Romanche in der französischen Schweiz, il Romancio auf Italienisch) wird in der Schweiz nur im Kanton Graubünden gesprochen. Oft wird der Ausdruck Bündnerromanisch verwendet.

 Ursprünge

 Rätoromanisch hat ihre Ursprung in der Sprache der rätischen Stämme des heutigen Graubündens (und weiter nördlich) und des Lateinischen aus der Zeit der römischen Herrschaft bis zum fünften Jahrhundert. Es handelt sich also um eine der ältesten lebenden Sprachen in Europa!

 Danach entwickelte sich die Sprache in einem jahrhundertelangen Prozess. Langobardische Dialekte, die alemannische (deutsche) Sprache, die Einwanderung von (deutschsprachigen) Walsern und französische Einflüsse von fränkischen und karolingischen Herrschern prägten die Sprache. Rätoromanisch ist die stolze vierte Sprache der Schweiz.

Heute lebt jedoch rund ein Drittel der Rätoromaninnen und Rätoromanen ausserhalb ihres ursprünglichen Sprachgebiets. Im Rahmen des Projekts «Rumantsch en la diaspora», (Rätoromanisch in der Diaspora), der Lia Rumantscha wurden schon fünf rätoromanische Gemeinschaften in der Deutschschweiz gegründet. Der Bund hat die Förderung der Sprache und Kultur ausserhalb Graubündens 2021 bereits zu einer Priorität erklärt.

Kulturfestival FESTIVALET

Der Verein Cultura Rumantscha en la Bassa (CRB) organisiert jetzt das rätoromanische Event FESTIVALET am 20. und 21. Juni in Zürich. Das Ziel des Vereins ist die rätoromanische Kultur im gesamten Unterland (la Bassa) zu verbreiten.

Am FESTIVALET gehört die Bühne sowohl Musikern und Musikerinnen der lebendigen und bunten rätoromanischen Pop- und Lieder-Musikszene als auch den besten rätoromanischen Chören.

Wer kennt nicht das traute Echo der Buna not, dorma bain, Chara lingua da la mamma, Il bös-ch rumantsch, oder Sch’eu füss ‘na randulina! Im Zentrum des Festivals steht somit die rätoromanische Musik, und zwar die traditionelle wie die zeitgenössische.

Aber auch andere künstlerische Sparten haben hier ihren Platz: Literatur, eine Spoken-Word-Performance, eine Filmprojektion, Kunst, Lesungen, die Bündner Küche und ein Familienprogramm für die Jüngsten.

FESTIVALET, emprim festival da cultura rumantscha

20 en 21 zercladur/Juni 2025

 Turitg/Zürich: X-Tra Haus der Musik e Johanneskirche 

Tickets ed infuormaziun: FESTIVALET

Correctura: Giuanna Egger-Maissen

Die Mittlere Brücke über den Rhein, Augusta Raurica, Augst und Kaiseraugst

Die römische Legion, die am 11. März die Brücke von Kleinbasel nach Grossbasel überquerte, verstand nicht viel davon. Der Centurion war überzeugt, dass es vor zweitausend Jahren bereits eine Brücke über den Rhein gab. Die Inschrift auf dem Gebäude auf der Seite von Kleinbasel liess jedoch keinen Zweifel: Diese Brücke ist 800 Jahre alt.

Die Verwirrung bei den Römern war jedoch verständlich. Sie waren seit mehr als 16 Jahrhunderten nicht mehr in dieser Region gewesen, seit ihrem Abzug im Jahr 410 n. Chr. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass das kleine keltische Oppidum mit Siedlungen auf dem Münster und bei der alten Gasanstalt und der kleine Vicus (Basilia?) eine Brücke hatte und noch dazu eine aus Stein. Diese Brücke ist der Ersatz für die teilweise hölzerne, teilweise steinerne Brücke, die seit 1225 Kleinbasel mit Grossbasel verband.

Aufgrund schwerer Verkehrsmittel wie Strassenbahnen, Autos und Lastwagen wurde diese Brücke 1905 durch die heutige Brücke ersetzt. Diese Verbindung führte zu einem grossen Anstieg des Handels- und Personenverkehrs und machte Basel auf einen Schlag zur wichtigsten Stadt in dieser Region.

Nicht lange danach fand die Vereinigung von Kleinbasel und Grossbasel zu einer Gemeinde statt. Der Lallekönig in Grossbasel und der Vogel Gryff in Kleinbasel halten die Animosität jedoch in Ehren aufrecht. Kleinbasel gehörte aber bis 1803 zum Bistum Konstanz.

Der Lallekönig am 11. März 2025

Die römische Legion hat vor 16 Jahrhunderten tatsächlich eine Rheinbrücke überquert. Diese Brücke lag jedoch in Augusta Raurica (dem heutigen Augst und Kaiseraugst). Die Fundamente und ein Verteidigungswerk sind noch immer nachweisbar. Vor 16 Jahrhunderten war die römische Kolonie Augusta Raurica die einzige Stadt in dieser Region.

Wie andere Städte entlang des Rheins (zum Beispiel Rheinfelden und Laufenburg) wurde auch das römische Augusta Raurica im Laufe der Geschichte in zwei Teile geteilt: Augst im Kanton Basel-Landschaft und Kaiseraugst im Kanton Aargau. Bis zum 14. Jahrhundert war Augst der Name für das römische Augusta Raurica.

Napoleon hat für einmal nichts mit dieser Trennung zu tun. Im 14. Jahrhundert erwarb das habsburgische Rheinfelden das Gebiet des heutigen Kaiseraugst, daher der Name mit „Kaiser“.

Die Herren von Farnsburg erwarben 1461 das Gebiet des heutigen Augst. Die Stadt Basel erwarb dieses Gebiet von den Herren von Farnsburg. Kaiseraugst gehörte ab 1803 zum Kanton Aargau, Augst zum Kanton Basel und ab 1833 zum Kanton Basel-Landschaft.

(Quelle und weitere Informationen: Die Stadtgeschichte Basel; Geschichte der Stadt Basel)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Huningue, Schweizer Neutralität, Alemannisch, Dreiländerbrücke und Zusammenarbeit

Huningue ist bekannt für die Dreiländerbrücke (la Passerelle des Trois Pays), die seit 2007 die Schweiz, Deutschland (Weil am Rhein) und Frankreich (symbolisch) verbindet, oder genauer gesagt Baden, das Elsass und den Kanton Basel-Stadt. Diese weitere Abgrenzung ist aufgrund der Geschichte dieser kleinen Stadt am Rhein interessant.

Die erste Erwähnung von Huningue erfolgte in einem Dokument aus dem Jahr 828 unter dem Namen „Villa Huninga“. Dieses Dokument war eine Schenkungsurkunde an das Kloster von St. Gallen. Die Urkunde erwähnt Villa Huninga als Ort der Unterzeichnung. Der Name Villa und die Unterzeichnung einer Urkunde deuten bereits auf eine gewisse Relevanz hin.

Nach dem elften Jahrhundert war das Fürstbistum Basel Eigentümer (Dinghof) von Huningue. Kulturell gab es auch eine starke Verbindung, Alemannisch war die gesprochene Sprache. Ausserdem ist Basel nur wenige Kilometer entfernt.

Im 12. oder 13. Jahrhundert erwarb jedoch Habsburg diesen Ort. Aufgrund (chronischen) Geldmangels verpfändete Habsburg ihn 1310 erneut an Basel. Einige Zeit später regierte Habsburg wiederum über die Stadt, aber Basel gewann die Kontrolle nach Abschluss einer neuen Pfandurkunde zurück.

Huningue war auch in die Rivalität zwischen Habsburg – mit seinen anderen Besitzungen im Elsass und Teilen von Baden und adeligen Loyalisten (Domherren/Kapitel) in Basel – und Basel verwickelt. Im Jahr 1509 stellten sich die Einwohner von Huningue im Konflikt (dem sogenannten Türkenpfennig) auf die Seite von Basel.

Viele Bürger von Huningue dienten in der Miliz von Basel. Musée historique et militaire de Huningue

Infolgedessen konvertierte Huningue während der Reformation Basels im Jahr 1529 auch zum Protestantismus, als einzige Gemeinde im habsburgischen und katholischen Sundgau!

Unter der Obhut von Basel blieb die Situation bis 1623 stabil, als die Pfandurkunde auslief und Habsburg wieder das vollständige Eigentum erwarb. Basel versuchte noch, Huningue zu erwerben, jedoch erfolglos.

Es war die Zeit des Dreissigjährigen Krieges (1618-1648) und der protestantische Ort am Rhein war von grossem symbolischem und strategischem Interesse für das katholische Habsburg, das damals noch Herr und Meister im Elsass war.

Infolgedessen wurde dieses habsburgische Gebiet im Sundgau 1648 durch den Westfälischen Frieden französisch. Ludwig XIV. (1638-1715), der Sonnenkönig, besuchte Huningue 1681 nach der Eroberung des gesamten Elsass, einschliesslich Straßburgs (und vorübergehend des Breisgaus und Freiburgs in Baden). Am 20. Oktober 1681 kam er nach Huninque nach einer Reise mit 400 Kutschen über Sainte-Marie-aux Mines, Sélestat, Breisach, Freiburg und Ensisheim.

In Ensisheim (der alten Hauptstadt Vorderösterreichs) überhäuften die 13 Kantone der Konföderation und ihr Verbündeter (zugewandter Ort) Mulhouse den Sonnenkönig mit Lob und Ehrungen. Mulhouse blieb bis 1798 (!) noch Mühlhausen, unabhängig und zugleich assoziiertes Mitglied der Konföderation.

Der König war gegenüber den Abgeordneten der Kantone (finanziell) grosszügig und der Gouverneur des Forts, der Marquis de Puisieux, drückte es wie folgt aus:

„Que le roi l’avait chargé de veiller le mieux possible à l’amitié portée à la ville de Bâle et aux bonnes relations avec à la ville de Bâle“.

Modell des Forts von Vauban in Huningue. Musée historique et militaire de Huningue.

 Seit 1516 und 1521 hatten Frankreich und die Konföderation den „Ewigen Frieden“ (la Paix éternelle).Das erste, was der Sonnenkönig jedoch in Huningue tat, war, das neue Fort von Sébastien Le Prestre de Vauban (1633-1707), seinem Festungsbauer (siehe unter anderem die (verschwundenen) Forts in Neuf-Brisach, Breisach und Belfort) zu besuchen. Während dieses Besuchs erklärte Seine Majestät:

„Dass die Schweizer Nation sich keine Sorgen über die Errichtung des Forts machen müsse; dass die Stadt Basel nichts zu befürchten habe, dass ihr Handel nur unter diesem Schutz profitieren könne, der die Unverletzlichkeit ihrer Grenzen garantiere; dass das Fort von Huningue gebaut wurde, um Invasionen zu verhindern und die Schweizer Neutralität zu respektieren“.

Bild: nach einer Zeichnung von Emanuel Büchel (1705-1775), Ville de Huningue. Die (illegale) Erweiterung des Forts Vauban auf der Schusterinsel und dem Gebiet von Basel und teilweise Baden ist am rechten Rheinufer sichtbar. Das Dorf gegenüber von Huningue ist Kleinhüningen im Kanton Basel (heute ist es ein Stadtteil von Basel). Der Fluss ist die Wiese, auf der anderen Seite liegt die Stadt Basel.

Mehr als ein Jahrhundert später, im Jahr 1796, war Huningue eine Frontstadt im Ersten Koalitionskrieg (1792-1797). Österreichische Truppen hatten den Rhein erreicht. Frankreich hatte bereits die Schusterinsel (auch bekannt als Kälberinsel) im Rhein direkt an und über die Grenze von Basel besetzt. Die Garnison zählte mehr als 3‘000 Offiziere und Soldaten unter General Jean Charles Abbatucci (1770-1796).

Place d’Abbatucci 

L’église St. Louis (1700). Die Kirche der Garnison des Forts von Vauban. Nur diese Gebäude des Forts wurden 1815 nicht zerstört. Modell: Musée historique et militaire de Huningue.

Die Neutralität der Konföderation stand auf dem Spiel, weil sich Basel nicht gegen die französische Verletzung ihrer Neutralität gewehrt hatte. Die Situation wurde weiter durch den Vormarsch Österreichs durch das Gebiet von Basel ohne Widerstand und sogar in Zusammenarbeit mit anderen prominenten Bürgern und Gegnern des revolutionären Frankreichs, darunter Johann Rudolf Burckhardt (1750-1813), dem Vater von Sheik Ibrahim ibn Abdallah, kompliziert.

Ein anderer Basler, Peter Ochs (1752-1821), der später eine prominente Rolle in der Helvetischen Republik (1798-1803) spielte, verurteilte insbesondere die Verletzung der Neutralität durch Österreich. Ochs unterstützte die Ideen der Französischen Revolution und wollte die alte Konföderation und ihr Ancien Régime verändern.

Neutralität war bereits damals eine Quelle von Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten. Ochs schrieb ausführlich über diese Neutralität in seiner Geschichte der Stadt und Landschaft Basel/Histoire de Bâle (1786-1821). Dieses Thema hat nichts an Relevanz verloren.

Kapitulation der französischen Truppen vor Österreich. Musée historique et militaire de Huningue. 

Napoleon ignorierte die Worte des Sonnenkönigs und eroberte die alte Konföderation und Basel im Jahr 1798. Das Fort von Vauban wurde nach der französischen Kapitulation im Jahr 1815 abgerissen.

Die Überreste des Forts

Nach drei Kriegen (1870-1871, 1914-1918 und 1939-1945) und der Neutralität der Konföderation verbindet die Dreiländerbrücke/Passerelle des Trois Pays nun das Elsass, Baden und Basel. Die sprachliche Trennung in Französisch, Hochdeutsch und Baseldeutsch scheint jedoch endgültig.

Der Rhein bei Huningue, April 1945

Die Bildungs-, Kultur-, Politik-, Wirtschafts- und Sozialkontakte, Projekte und Austausche sind jedoch intensiv und erfolgreich. Von den 6000 Einwohnern von Huningue arbeiten etwa 1500 in Basel. Der Dichterpfad (Sentier des poèts des trois pays/DreylandDichterweg) entlang des Rheins hat mehr als nur symbolischen Wert. Einst sprachen und schrieben sie dort alle Alemannisch.

(Quelle und weitere Informationen: (Le Bulletin 2023, Societe d’Histoire Huningue, Village-Neuf et de la Région frontalière; Ville de Huningue)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Musée historique et militaire de Huningue

Die Dreiländerbrücke/la Passerelle des Trois Pays von der Place d’Abbattucci aus gesehen

Le canal de Huningue und Park Des eaux vives

Die reformierte Kirche

Verein Kloster Schönthal feiert ein Jubiläum

Idyllisch liegt das Kloster Schönthal bei Langenbruck (Kanton Basel-Landschaft)  inmitten von 100 Hektaren Wald, Wiesen und Juralandschaft. Auf dem Areal des mittelalterlichen Klosters treten heute  Kunst und Natur in Dialog.

Die Anlage bietet einen frei zugänglichen Skulpturenpark mit über 30 zeitgenössischen Kunstwerken sowie wechselnde Ausstellungen und Kulturveranstaltungen.

Der Verein «Kloster Schönthal» feiert in diesem Jahr das 25-jährige Bestehen und er nimmt das Jubiläum zum Anlass, Kunst- wie Naturliebhaber*innen ein vielfältiges Kulturprogramm zu bieten.

Konzipiert ist es im Einklang mit dem Zyklus der Jahreszeiten. Den Auftakt macht im Frühling der britische Künstler Richard Long (*1945), der bereits mit dem Werk Cowshed Ellipse im Skulpturenpark zu sehen ist: Vor Ort schafft er je eine neue ortsspezifische Arbeit im Kirchenraum und eine im Klosterhof.

Vom 1. Mai bis 7. Dezember 2025 werden diese neuen Werke neben weiteren Arbeiten aus anderen Schaffensperioden von Richard Long zu sehen sein.

(Quelle und weitere Informationen: Der Verein Kloster Schönthal)

Das Tulpenfest in Morges und die Gärten des Schlosses Vullierens

Morges ist erneut Gastgeber des Tulpenfestes, einer Veranstaltung mit mehr als 140.000 Blumen und rund 350 Tulpensorten. Vom 28. März bis zum 11. Mai 2025 lautet das diesjährige Thema „Wasser“ und die Besucher können in die Welt des „Wassers“ und des Genfersees eintauchen.

Das Festival wird vom Verein Morges Fleur du Léman organisiert und zelebriert die Schönheit der Blumen und der Natur, genau wie das Dahlienfest, das jedes Jahr von Juli bis Oktober stattfindet.

PS: Auch das Schloss Vullierens zeigt seine Gärten wieder!

(Quelle und weitere Informationen: Schloss Vullierens; Verein Morges Fleur du Léman)

Die Gebrüder Van Lymborch, Maelwael und die Bibel von Moutier-Grandval

Am 21. März fand die Eröffnung des Jahres der Gebrüder Van Lymborch (Gebroeders Van Lymborch) und Johan Maelwael in der Stevenskerk in Nijmegen (Nimwegen) statt.

Herman (1385-1416), Paul (1386-1416), Johan (1388-1416) van Lymborch und ihr Onkel Johan Maelwael (1370-1415) werden als die Begründer der flämischen Primitiven (Vlaamse Primitieven) und des Goldenen Zeitalters der niederländischen und flämischen Malerei anerkannt. (Siehe unter anderem die Vereinigung der Gebrüder Van Lymborch, die Maelwael Van Lymborch Stiftung und das Museum Maelwael Van Lymborch Huis in Nijmegen).

Die Rembrandts des Mittelalters

Nijmegen war ihre Heimatstadt und sie arbeiteten für den mächtigen Herzog von Gelre (bis 1543 das letzte unabhängige Gebiet in den Niederlanden!). Sie waren jedoch so talentiert, innovativ und vielseitig, dass die Herzöge von Burgund und Mitglieder der französischen Königsfamilie (der Herzog von Berry) sie nach 1400 in Dienst nahmen.

Maelwael leitet sich vom deutschen Malen (Malen) und wael (gut) ab, also war er ein guter Maler und stammte ursprünglich aus der Region Xanten. Das „Maelwael en Gebroeders Van Lymborch Huis“ in der Burchtstraat in Nijmegen und das Jahr 2025 sind ihren atemberaubend schönen Künsten gewidmet. Inbesondere in Dijon, Saumur, Bourges, Paris und Chantilly haben diese „Rembrandts des späten Mittelalters“ ihre Spuren hinterlassen.

Die Belles Heures (links) des Duc de Berry, die Très Riches Heures (rechts) des Duc de Berry, Faksimiles, Maelwael Van Lymborch Huis

Zwischen 1375 und 1420 gaben also Künstler aus dem Herzogtum Gelre den Ton für die flämischen Primitiven und die Hochkultur am französischen und burgundischen Hof an. Die Très Riches Heures und die Belles Heures (Stundenbücher) des Duc de Berry (1340-1416) sind die bekanntesten Werke der Brüder. Seiten (Folios) aus den Belles Heures wurden 2005 im Valkhof in Nijmegen, im Getty Museum in Los Angeles und 2010 im Metropolitan Museum in New York ausgestellt. In New York marschierte sogar eine Prozession von Rittern, Damen und ihrem Gefolge aus dem Herzogtum Gelre durch die Strassen und den Grand Central!

Die Très Riches Heures werden bald teilweise (vom 7. Juni bis 5. Oktober) im Musée Condé im Château de Chantilly bei Paris ausgestellt. Auch hier wird das edle Gefolge aus Gelre erscheinen!

Wandgemälde im Maelwael Van Lymborch Huis , Très Riches Heures (Ms 65, fol. 2r), Original: Sammlung Musée Condé im Château de Chantilly

Maelwael Van Lymborch Huis, Johan van Maelwael, Piétas, um 1400, Originale im Louvre, Paris 

Maelwael Van Lymborch Huis , Johan van Maelwael, um 1400, Kopie, Original im Louvre. 

Die Bibel von Moutier-Grandval

 Vor mehr als 600 Jahren waren es jedoch ausschliesslich Mönche, die sich diesen Werken widmeten. Wer die Très Riches Heures im Musée Condé im Château de Chantilly in den Sommermonaten bewundern möchte (mit einem Besuch im Louvre und den einzigartigen Werken von Johan Maelwael), kann vorher nach Delsberg (Delémont, Kanton Jura) reisen, gefolgt von einer schönen und interessanten Route über Dijon, Chapmol, Bourges, Saumur nach Chantilly.

Das Museum von Delémont (Musée jurassien d’art et d’histoire) zeigt ein ebenso aussergewöhnliches Werk, nämlich die Bibel von Moutier-Grandval. Die Abtei von Moutier-Grandval gehörte ab 999 zum Bistum Basel. Eines seiner Manuskripte war diese Bibel.

Eindruck aus der Ausstellung ‚Die Bibel von Moutier-Grandval. Auf den Spuren eines Meisterwerks‘, Musée jurassien d’art et d’histoire

Der Ursprung dieser Bibel liegt um 840 in der Abtei St. Martin in Tours (Frankreich). Diese schöne karolingische Bibel reiste dann zur Abtei von Moutier-Grandval. Die Karolinger waren die Schirmherren der Abtei, ihre Blütezeit war im 9. und 10. Jahrhundert.

Die Abtei wurde 1499 zerstört, die Klosterkirche während der Reformation im Jahr 1531. Die Bibel und andere Kunstschätze gingen nach Solothurn und Delémont. Die (adligen) Chorherren von Moutier-Grandval bauten Stadtpaläste und ein Schloss auf ihre bekannte Weise.

Die Stiftskirche von Moutier-Grandval. Sammlung: Musée jurassien d’art et d’histoire

 Jahrhundertelang ging alles gut, bis zur französischen Invasion und Besetzung von Delémont im Jahr 1792. Die Bibel von Moutier-Grandval entging erneut der Plünderung und tauchte 1822 in den Händen von Joseph Alexis Bennot (1753-1837), Bürgermeister von Delémont, wieder auf.

Er verkaufte die Bibel dann dank der Vermittlung von Baron Konrad Karl Friedrich von Andlau (1766-1839), dem ehemaligen Gouverneur (1814-1815) des ehemaligen Fürstbistums Basel in Arlesheim.

Der neue Besitzer war Johann Heinrich von Speyr-Passavant (1782-1852) aus Basel. Von Speyr-Passavant war ein Sammler von Manuskripten. Die Universitätsbibliothek Basel verwaltet heute seine grosse Sammlung.

Zu dieser Zeit stieg auch das Interesse an beleuchteten mittelalterlichen Manuskripten und Kunst. Von Speyr war nicht nur Sammler, sondern auch Kunsthändler. 1836 verkaufte er die Bibel an das British Museum.

Seitdem ist London ihr neues Zuhause, aber sie bleibt ein Kulturerbe der Welt. 1981 kehrte die Bibel von Moutier-Grandval zum ersten Mal nach Delémont zurück. Fast fünfzig Jahre später kommt die Bibel für kurze Zeit wieder nach Hause in die Nähe des Schlosses des Kapitels.

Eindruck aus der Ausstellung ‚Die Bibel von Moutier-Grandval. Auf den Spuren eines Meisterwerks‘, Musée jurassien d’art et d’histoire

 Schlussfolgerung

Was die Très Riches Heures und die Belles Heures des Duc de Berry von den Gebrüdern Van Lymborch und die Bibel von Moutier-Grandval gemeinsam haben, ist ihre aussergewöhnliche Schönheit, Handwerkskunst und Innovation. Wieso dunkles Mittelalter?

Wie würde ein mittelalterlicher Mensch auf das 20. und 21. Jahrhundert mit seinen Atombomben, Giftgas, Konzentrationslagern, Holocaust, Kommunismus, Nazismus und Umweltverschmutzung reagieren? Jede Ära hat ihre Sünden.

Die Kunst bringt jedoch Licht, auch in den dunkelsten Zeiten. Sowohl die Ausstellung (8. März bis 8. Juni) in Delémont als auch im Musée Condé im Château de Chantilly (7. Juni bis 5. Oktober) sind eine einzigartige Gelegenheit, mittelalterliche Kunst vor Ort zu bewundern. Vielleicht lässt sich ja ein Besuch chronologisch kombinieren.

(Literatur und weitere Informationen: L. Marti, Le Bible de Moutier-Grandval. Sur les traces d’un chef-d’œuvre, Delémont, 2025; A. Stufkens, Cl. Verhoeven, Johan Maelwael en de Gebroeders van Lymborch. Grondleggers van de Nederlandse schilderskunst, Nijmegen, 2025)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Direkte Demokratie, das Volk und die Regierung in der Schweiz

Es ist dem Ausland völlig entgangen, dass am 12. März 2025 die Vereinigte Bundesversammlung des Schweizer Parlaments (der Nationalrat und der Ständerat) ein neues Mitglied der nationalen Regierung (Bundesrat) auf der Grundlage der Zauberformel gewählt hat. Martin Pfister von der Partei Die Mitte ist damit Nachfolger einer Parteikollegin, die aus persönlichen Gründen vorzeitig zurückgetreten ist.

Für weitere Informationen über das Funktionieren der Regierung und die Wahlverfahren der Regierungsmitglieder wird auf frühere Veröffentlichungen verwiesen. Was diese Wahl jedoch besonders macht, ist die Wahl eines Kandidaten durch das Parlament entgegen der Präferenz des Vorstands der Mitte/Centre.

Bundeshaus, Sitzungszimmer des Bundesrates. Foto: www.admin.ch

Wahl und Zusammensetzung des Bundesrates

Auf der Grundlage der Zauberformel setzt sich die Regierung seit den 1950er Jahren aus Mitgliedern der vier grössten Parteien zusammen: heute zwei Sitze für die SVP,  zwei Sitze für die FDP, zwei Sitze für die SP und einen Sitz für die Mitte. Im Grossen und Ganzen entspricht dies der Stimmung im Land: etwa 60-65 % konservativ-liberal-mitte und etwa 35-40 % links-grün.

Die Rekrutierung von Regierungsmitgliedern ist eine der wichtigsten Aufgaben einer Regierungspartei aufgrund der Zauberformel. Dieses Konzept funktioniert nur, wenn die Minister von rechts bis links qualifiziert sind und auch zusammenarbeiten können, nicht auf der Grundlage eines Regierungsprogramms, sondern basierend auf der notwendigen Politik und aktuellen Themen.

Die Mitglieder des Parlaments sind daher frei in ihrer Wahl. Und es ist schon früher vorgekommen, dass andere als die offiziell von der Partei vorgeschlagenen Kandidaten die absolute Mehrheit der 246 Stimmen erhalten haben. Oft sind zudem mehrere Wahlrunden erforderlich. Die Regierung basiert auf den Prinzipien der Zusammenarbeit, dem Finden von Kompromissen (Konkordanz) und dem Sprechen mit einer Stimme (Kollegialität).

Die Wahl eines Ministers ist zudem keine Angelegenheit einer einzelnen Person, wie eines Premierministers, denn einen solchen kennt die Schweiz nicht. Die Regierung ist ohne Hierarchie und alle sieben Mitglieder sind völlig gleichwertig.

Jedes Jahr wählt das Parlament eines der Regierungsmitglieder zum Bundespräsidenten mit hauptsächlich einer zeremoniellen Funktion. Eine Wiederwahl ist möglich, jedoch nicht zwei Jahre hintereinander.

Der erste Bundesrat, gewählt am 16. November 1848. (Foto: www.admin.ch)

Darüber hinaus werden Kandidaten für die Wahl im Parlament ausführlich auf der Ebene der Partei in den Kantonen (den Brutstätten der Schweizer Demokratie) gescreent und abgesehen von Charaktereigenschaften und Qualitäten wird vor allem auf die politische Laufbahn, gesellschaftliche Erfahrung und nachweisbare Beteiligung an der öffentlichen Verwaltung geachtet.

Tatsächlich werden diese sieben Minister in einem imaginären Raum der Kollegialität ohne Chef und ohne die Möglichkeit, nach aussen (Öffentlichkeit und Medien) abweichende Politik zu verkünden, eingesperrt und also zur Einstimmigkeit, Kompromissbereitschaft verurteilt.

Es ist unmöglich, dass Kandidaten einfach „eingeflogen“ werden, um eine Partei zu führen oder nach einer langen Abwesenheit im Land Minister zu werden. Es ist schliesslich eine ernsthafte Angelegenheit und eines der höchsten Ämter des Landes. Für Opportunismus, Demagogie und „den starken Mann/ die starke Frau“ ist im Schweizer System, das zudem auf dem Milizsystem basiert, (fast) kein Platz.

Darüber hinaus verdienen dieses Verfahren und die Zusammensetzung der Regierung einen Platz im Guinness-Buch der Weltrekorde. Seit 1848 hat die Schweizer Regierung 7 Mitglieder und 7 Departemente, nicht mehr und nicht weniger. Dieses System im multikulturellen, mehrsprachigen und multireligiösen Land mit seinen 26 souveränen Kantonen hat seinen Wert und Nutzen bewiesen.

Bern, das Bundeshaus

Reformen

Das bedeutet nicht, dass es keinen Bedarf und keine Notwendigkeit für Reformen in einigen Bereichen gibt, beispielsweise hinsichtlich des Aufkommens neuer Parteien (Grüne und Grünliberale) und eines möglichen Sitzes in der Regierung auf Kosten einer anderen Partei.

Auch eine Erweiterung der Regierung um zwei Mitglieder ist aufgrund der gestiegenen staatlichen Aufgaben und (internationalen) Komplexität angebracht. Das Fundament ist jedoch das Respektieren der Kollegialität und die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen (Konkordanz).

Darüber hinaus unterliegt die Anzahl der fakultativen Referenden und Volksinitiativen einer Inflation. Bei der Einführung im Jahr 1874 bzw. 1891 war es keine leichte Aufgabe, die notwendigen Unterschriften zu sammeln. Heutzutage ist es nicht schwierig, mit Hilfe moderner und sozialer Medien die erforderlichen 50‘000 bzw. 100‘000 Unterschriften zu sammeln.

Genf, den 25. September 2022, ein fakultatives Referendum

Direkte Demokratie

Dieses Milizsystem aus dem Jahr 1848 funktioniert seit über 175 Jahren. Die Bereitschaft und Notwendigkeit, von rechts bis links Kompromisse einzugehen, kommen auch durch die direkte Demokratie: Wenn ein Gesetz oder europäische Politik zur Debatte steht, wird vor allem auf die Umsetzbarkeit aufgrund eines (verpflichtenden oder fakultativen) Referendums geachtet.

Dieses System funktioniert zur Zufriedenheit, obwohl es natürlich nicht perfekt ist. Im Allgemeinen akzeptieren die Gesellschaft und die Bürger dank der umfassenden Beratung von Organisationen und Beteiligten und grundlegender öffentlicher Diskussion die (neue) Politik.

Und doch nehmen auch in der Schweiz Polarisierung, persönliche Angriffe durch einige Medien und Politiker auf Regierungsmitglieder und eine abnehmende Kollegialität innerhalb der Regierung zu. Dies untergräbt das Fundament des Systems: Konkordanz und Kollegialität.

Die Schweizer Gesellschaft und Politik basieren zudem weitgehend auf dem Milizprinzip. Wenn Polarisierung und Aggressivität zunehmen, werden – auch durch die Rolle der (sozialen) Medien – immer weniger gute Kandidaten und Kandidatinnen bereit sein, ihre andere Karriere für eine öffentliche Funktion aufzugeben.

Der neue Bundesrat, am 12. März 2025, rechts der Kanzler (Foto: www.admin.ch)

Schlussfolgerung

Das einzigartige Schweizer System ist daher nicht selbstverständlich. Nicht nur die Minister machen den Unterschied, sondern auch die Bürger, die Medien und die Gesellschaft. In der Schweiz ist das Volk schliesslich der Souverän und das schafft auch eine Verpflichtung. Der Bürger ist die politische Perle des Landes, noblesse oblige, und die Minister sind „nur“ die ausführende Macht.

Oder mit und in anderen Worten:

„Demokratie kann anstrengend sein, mühsam und Entscheidungen brauchen oft länger als in anderen Staatsformen. Dennoch ist die direkte Demokratie auch aus ethischen Überlegungen die richtige Staatsform.

Der Zusammenhang ist mittelbar: Die Menschen, die von einer Entscheidung betroffen sind, fällen diese gemeinsam. Und die Menschen, die eine Entscheidung getroffen haben, tragen auch die Konsequenzen gemeinsam.

Die urliberale Forderung nach mehr Freiheit und Eigenverantwortung wird in der direkten Demokratie am umfassendsten umgesetzt. Ebenso leuchtet ein, dass in einem Staat mit gut ausgebauten Mitbestimmungsrechten ein wesentlich besseres Vertrauensverhältnis zwischen Bürger und Staat besteht.

Wenn der Bürger den Staat nicht als Feind betrachtet, sondern als Gemeinschaft, in die er eingebunden ist und in der er mitbestimmen kann, dann akzeptiert er die Entscheidungen eher und ist eher bereit, seinen Beitrag zu leisten.

Das mag erklären, warum die Schweizer partout nicht der Europäischen Union beitreten wollen. Immerhin hat die Schweiz ihre Europäische Union, die Eidgenössische Union, bereits 1848 hinter sich gelassen und durch ein modernes und nachhaltigeres System ersetzt.

Ob vielleicht die EU der Schweiz beitreten sollte?“ (Th. Lötscher, Demokratie mit Zukunft. Die Erschaffung der modernen Schweiz, Thun, 2022)

Oder vielleicht das Elsass, Baden in Baden-Württemberg und der Vorarlberg? Und würde die Europäische Union aufgrund ihrer demokratischen Funktionsweise überhaupt zugelassen werden?

(Quelle: A. Vatter, Der Bundesrat, Zürich 2020; G.Malinverni, M. Hottelier, M. Hertig Randall, A. Flückiger, Droit Constitutionnel suisse, Berne 2021 Zwitserse regering; Zwitsers parlement)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen