Die wahre Europäische Union von 26 Kantonen

Die Kelten und Römer

Keltische und rätische Stämme besiedelten das Gebiet der heutigen Schweiz schon Jahrhunderte vor Christus. Sie standen in engem (Handels-)Kontakt mit germanischen Stämmen, dem Mittelmeerraum und nördlichen Ländern.

Mit der Ankunft der Römer im ersten Jahrhundert v. Chr. begann auch der systematische Bau von Strassen und der Transport über Bergpässe, Flüsse und Seen. Die vier Jahrhunderte währende römische Herrschaft führte zu einer weitreichenden „Romanisierung“ der keltischen und rätischen Bevölkerung.

Es entwickelte sich eine gallorömische Kultur und Sprache, eine Art Vulgärlatein (Latein mit keltischen und rätischen Einflüssen). Nur die Oberschicht wurde vollständig romanisiert.

Das Gebiet wurde zu einem wichtigen europäischen Handels- und Verkehrsknotenpunkt. Mehrere Alpenpässe wurden bereits in römischer Zeit überquert. Der Gotthardpass wurde erst um 1230 passierbar, ist aber bis heute ein wichtiges Bindeglied im europäischen Handels- und Personenverkehr.

 Das Mittelalter

Um das Jahr 500 lebten auf dem Gebiet der heutigen Schweiz rund 200 000 Menschen, um das Jahr 1000 schätzt man die Bevölkerung auf 500 000. Das Mittelalter in der Zeit von 500 bis 1000 war auch in der Schweiz eine Zeit grosser Veränderungen und keineswegs „dunkel“.

Die Bedeutung des Juras, des Drei-Seen-Gebietes, der Alpen, der Flüsse und Pässe für den Güter- und Personenverkehr blieb auch in dieser Zeit eminent. Die Kirche, die Klöster, die Bistümer (Genf, Lausanne, Sitten, Chur, Basel und Konstanz (heute Deutschland)) spielten in den Jahrhunderten nach dem Abzug der Römer eine herausragende politische (und militärische) Rolle.

Nach dem Abzug der Römer wanderten deutschsprachige Alemannen ein. Alemannen und später Walser verdrängten in einem jahrhundertelangen Prozess die gallorömische Sprache und Kultur, ausser im Gebiet des heutigen Kantons Graubünden.

Dort hielt sich das Rätoromanische bis ins neunzehnte Jahrhundert (abgesehen von einigen Enklaven der Walser), danach verdrängte das Deutsch die romanische Sprache mit Ausnahme von fünf Regionen und Idiomen.

Im westlichen Teil des Landes wurde das Französische zur Hauptsprache. Italienisch war die Sprache der im 15. und 16. Jahrhundert eroberten Gebiete. Die französischen, italienischen und deutschen Sprachgebiete der heutigen Schweiz waren bereits um das Jahr 1000 weitgehend etabliert.

In den Jahrhunderten nach 1000 folgten der Aufstieg der Städte und ihrer Bürgerschaft, die (faktische) Unabhängigkeit der ländlichen Orte in der Zentralschweiz und die ersten Bündnisse zwischen Orten oder Kantonen ab dem 14. Jahrhundert.

Erst nach dem Jahr 1000 traten Adelsgeschlechter wie die von Kyburg, Habsburg, Savoyen, Zähringen und Schwaben sowie andere lokale Herrscher im Heiligen Römischen Reich in den Vordergrund, die auf die Periode der Merowinger, Karolinger und Burgunderkönige folgten.

Päpste, Bistümer, Abteien, burgundische Herzöge und (meist habsburgische) Kaiser des Heiligen Römischen Reiches waren bis zur faktischen Unabhängigkeit 1499 (Friede von Basel) und der Souveränität 1648 (Westfälischer Friede) ihre wichtigsten weltlichen Gegenspieler oder Verbündeten.

Die Konföderation

In einem langen Prozess entwickelte das Land ab dem 14. Jahrhundert eine einzigartige dezentrale und demokratische Struktur. Habsburg hatte nach 1499, abgesehen von einigen wenigen Gebieten (Unterengadin und Val Müstair (bis 1652), Fricktal (bis 1803), Tarasp (bis 1803) und Rhäzuns (bis 1819) und durch die Ernennung von Äbten, Bischöfen und befreundeten/verwandten lokalen Herrschern, keine Macht mehr.

Die französische Besatzung in den Jahren 1798-1813 löste Reformen aus, die nicht mehr rückgängig gemacht werden konnten und schliesslich zur heutigen Föderation mit 26 Kantonen und vier Sprachen führten.

Fazit

Die Stärke des Landes liegt auf dezentraler und lokaler Ebene, in der Subsidiarität, in industriellen und innovativen Zentren in den entlegensten Dörfern und Gebieten, in jahrhundertealten Exportnetzen, in einer ausgezeichneten (Berufs-)Bildung, in den weltbesten Universitäten und Forschungsinstituten, im öffentlichen Verkehrssystem, in einem guten Gesundheitssystem, im Milizsystem und im direkten Einfluss der Bürger auf kommunaler, kantonaler und nationaler Ebene. Die Bürger sind letztlich der Souverän.

Es ist eine Gesellschaft von unten nach oben, Bottom-up. In diesem Zusammenhang funktioniert der Aufenthalt von 2 Millionen Einwohnern ohne Schweizer Pass, die Aufnahme einer relativ grossen Zahl von Asylbewerbern und das tägliche Pendeln von fast 400 000 (!!!) Grenzgängern aus Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich auch (relativ) gut. Die Schweiz ist die wahre Europäische Union von 26 Kantonen.

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Die Alpen und der Dichter Albrecht von Haller

Jahrhundertelang waren die Berge für Stadt- und Dorfbewohner, die dort nichts zu suchen hatten, ein „No-Go-Gebiet“. Nur Viehzüchter und Händler stiegen auf die Berge, um ihr Vieh im Sommer auf die Weide zu bringen oder um Vieh und dessen Fleisch- und Milchprodukte zu transportieren.

Bellwald. 

Niemand dachte daran, zum Vergnügen einen Berg zu besteigen. Obwohl die niederländischen und flämischen Meister des Goldenen Zeitalters idyllische Berglandschaften auf die Leinwand brachten, hatten nur wenige die Berge oder die Schweiz besucht, geschweige denn gesehen. Die Schweizer Maler folgten diesem Beispiel, und nicht umgekehrt.

Jan Haeckert (1628-1690), um 1670. Sammlung: Rijksmuseum Amsterdam. 

Der erste Schweizer, der eine Ode an die Berge schrieb, war der Arzt, Biologe und Dichter Albrecht von Haller (1708-1777). Er studierte Medizin in Bern und ging dann für einige Jahre nach Leiden.

Johann Rudolf Huber (1668-1748), Albrecht von Haller, 1735. Foto: Datei:Albrecht von Haller 1736.jpg – Wikipedia

Dort studierte er unter anderem bei Herman Boerhaave (1668-1738). Danach studierte er in Basel Mathematik bei dem Mathematiker Johann Bernoulli (1667-1748). Bernoulli war der erste, der Statistiken über die Wirksamkeit von Pockenimpfungen vorstellte.

Danach arbeitete er von 1729-1735 als Bibliothekar in Bern. In seiner Gedichtsammlung „Versuch Schweizerischer Gedichte“ von 1729 beschreibt das Gedicht „Die Alpen“ auf lyrische Weise die Berge und ihre Bewohner.

Von Haller wurde 1735 Professor für Botanik in Göttingen und besuchte regelmässig die Alpen, sein Heimatland. Er veröffentlichte unter anderem über die Flora der Alpen.

Wichtig ist jedoch, dass seine Ausflüge in die Berge den Menschen die Angst nahmen. Dort lebten keine Drachen, Teufel oder andere Ungeheuer, wie man damals glaubte.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam der grosse Durchbruch, auch dank Malern wie dem Engländer William Turner (1775-1851), der die Schweizer Alpen nach 1802 zeitweise besuchte und malte.

Der Aletschgletscher

Es waren jedoch nicht die Schweizer, die die Berge „salonfähig“ machten, sondern die Engländer, so wie die Meister aus den Niederlanden zwei Jahrhunderte zuvor die Alpen als Thema der Kunst in der Schweiz eingeführt hatten.

Die Geschichte des Aufstiegs von Bauerndörfern zu mondänen Fremdenverkehrsorten nach 1850 in den Schweizer Alpen ist wohlbekannt. Wer im Winter die Schneeschuhe anschnallt, um eine der vielen Wanderungen in den verschneiten Alpen zu unternehmen, kann sich Gedanken über das Gespenst der Berge bis 1800 machen.

Scuol, Motta Naluns. 

Heutzutage gibt es keine Bergtour, kein Skifahren, kein Langlaufen oder Schneeschuhwandern ohne Lawinengefahr, aber Drachen und andere Ungeheuer leben dort sicher nicht, auch wenn der Wolf in letzter Zeit wieder aufgetaucht ist.

Albert von Haller ist für seine botanischen Forschungen im Winter wahrscheinlich nie in die Berge gegangen, aber er verhalf zu einer anderen Wahrnehmung der Alpen.

Das Matterhorn

Für eine Reise durch den Schnee lohnt sich ein Blick auf die erste poetische Wahrnehmung der Alpen aus dem Jahr 1729 in einer damals noch unbekannten und sicher nicht touristischen Landschaft. Das Gedicht hat 41 Strophen. Die Verse 12 und 14 von Die Alpen lauten:

Hat nun die müde Welt sich in den Frost begraben,

Der Berge Thäler Eis, die Spitzen Schnee bedeckt,

Ruht das erschöpfte Feld nun aus für neue Gaben,

Weil ein krystallner Damm der Flüsse Lauf versteckt,

Dann zieht sich auch der Hirt in die beschneiten Hütten,

Wo fetter Fichten Dampf die dürren Balken schwärzt;

Hier zahlt die süße Ruh die Müh, die er erlitten,

Der Sorgen-lose Tag wird freudig durchgescherzt,

Und wenn die Nachbarn sich zu seinem Herde setzen,

So weiß ihr klug Gespräch auch Weise zu ergötzen.

 

Dann hier, wo Gotthards Haupt die Wolken übersteiget

Und der erhabnern Welt die Sonne näher scheint,

Hat, was die Erde sonst an Seltenheit gezeuget,

Die spielende Natur in wenig Lands vereint;

Wahr ists, daß Lybien uns noch mehr neues giebet

Und jeden Tag sein Sand ein frisches Unthier sieht;

Allein der Himmel hat dies Land noch mehr geliebet,

Wo nichts, was nöthig, fehlt und nur, was nutzet, blüht;

Der Berge wachsend Eis, der Felsen steile Wände

Sind selbst zum Nutzen da und tränken das Gelände.

 

Wenn Titans erster Strahl der Gipfel Schnee vergüldet

Und sein verklärter Blick die Nebel unterdrückt,

So wird, was die Natur am prächtigsten gebildet,

Mit immer neuer Lust von einem Berg erblickt;

Durch den zerfahrnen Dunst von einer dünnen Wolke

Eröffnet sich zugleich der Schauplatz einer Welt,

Ein weiter Aufenthalt von mehr als einem Volke

Zeigt alles auf einmal, was sein Bezirk enthält;

Ein sanfter Schwindel schließt die allzuschwachen Augen,

Die den zu breiten Kreis nicht durchzustrahlen taugen.

(Bron: Albrecht von Haller, Versuch Schweizerischer Gedichte, Berliner Ausgabe 2013)

Korrektorin: Melinda Fechner

Meiertal

Ardez

Die Rhätische Bahn, ein Grand Hotel auf Rädern

Welche Bahngesellschaft hat eine Rutsche für Kinder in den Waggons und Spiele auf und in den Tischen? Welche Bahngesellschaft ist (fast) immer pünktlich, zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter? Welche Gesellschaft hat Hunderte Kilometer von Schienennetz über Hunderte von Viadukten, Tunneln, Tälern, Bergpässen und Flüssen gebaut?

Welche Bahngesellschaft fährt einen 1.906 Meter langen Zug, zusammengesetzt aus 25 mal 4 Wagen, über eine 25 Kilometer lange Strecke von Preda nach Alvaneu, vom Albulatunnel bis zum Landwasserviadukt im Kanton Graubünden?

Die Geschichte der Rhätischen Bahn, wie diese Bahngesellschaft im Kanton Graubünden heisst, begann 1867 mit einem holländischen Kaufmann. Willem Jan Holsboer (1834-1898) wanderte in diesem Jahr wegen seiner kranken Frau Margaret Elisabeth Newell Jones (1847-1867) nach Davos aus. Holsboer kannte den Eisenbahnbau  aus den Niederlanden und aufgrund seiner Geschäftsverbindungen in London, wo er viele Jahre bei einer Bank gearbeitet hatte.

Willem-Jan Holsboer (1834-1898), Heimatmuseum Davos. Foto: Wikipedia

Foto im Zug der Rhätischen Bahn. Quelle: www.rhb.ch/fahrzeugnamen

Holsboer ergriff die Initiative, um in den Jahren 1871-1874 zusammen mit dem deutschen Arzt Alexander Spengler (1812-1901) die ersten Kurorte in Davos zu gründen.

Davos war jedoch nicht auf der Schiene erreichbar. Deshalb gründete er 1889 die AG Schmalspurbahn Landquart-Davos und schon 1890 fuhren die ersten Züge! 1897 wurde dann eine neue Aktien-Gesellschaft ins Leben gerufen, die Rhätische Bahn mit Sitz in Chur, in der Villa Planta.

Danach dehnte sich das Eisenbahnnetz rasch in fast alle Ecken des Kantons aus. Heute verfügt die Rhätische Bahn über ein Schienennetz von 345 Kilometern. Die bekanntesten (touristischen) Verbindungen sind der Bernina Express und der Glacier Express.

Der Bernina Express fährt eine 122 Kilometer lange Strecke von Thusis am Hinterrhein nach Tirano in Italien. Sie führt unter anderem durch das Albulatal mit dem Landwasserviadukt in Filisur, nach St. Moritz und über Pontresina, vorbei am Morteratschgletscher und dem Piz Bernina (4049 m) zur Alp Grüm, dem Berninapass (2 253 m) und durchs Val Poschiavo bis nach Tirano.

Der Bernina Express. Plakat der Rhätischen Bahn  

Die Glacier Express-Strecke führt von Chur über die Rheinschlucht (die Ruinaulta) nach Zermatt.

Nicht nur der Status als UNESCO-Welterbe macht die Rhätische Bahn zu allen Jahreszeiten zu etwas Besonderem. Insgesamt sind die Qualität, der Service und der Komfort der Züge aussergewöhnlich.

Die Rhätische Bahn ist, wie die SBB, eine Schweizer Uhr auf Rädern mit dem Komfort eines Bündner Grand Hotels! Das Verwaltungsgebäude der Rhätischen Bahn  in Chur sieht nicht umsonst so aus!

Chur, Hauptgebäude der Rhätischen Bahn, rechts die Villa Planta (das Bündner kunstmuseum Chur)

Verkehrshaus der Schweiz, Luzern

Freunde und Passagiere der Rhätischen Bahn können einen informativen und unterhaltsamen Zwischenhalt machen im Bahnmuseum Albula in Bergün/Bravuogn.

(Quelle und weitere Informationen: Rhätische Bahn, Bernina Express, Glacier Express)

Im Winter

Filisur, Landwasserviadukt

Und im Sommer

Pinocchio in Riom

Für Weihnachten steht  Carlo Collodis (1826-1890) grosser Kinderroman «Pinocchio» in Rioms romantischer Clavadeira auf dem Programm: Eine grosse Erzählung über das Menschwerden. Eine humorvolle Meditation über Freiheit, ein berührender Abend für die ganze Familie.

Jedes Kind kennt Pinocchio, den störrischen Hampelmann aus der Schreinerwerkstatt von Meister Gepetto. Wenn er lügt, wächst seine Nase. Wenn er frech ist, weint sein Schreinervater. Aber der Holzbengel ist weit mehr als eine ungehorsame Marionette. Pinocchio will ein richtiger Junge werden, ein vollwertiger Mensch. Der Weg dorthin ist lang, kühn und abenteuerlich.

Yaiza Colls (*1994) neue Choreographie für Origens Wintertheater wird von Borja Bermudez, Marc Jubete, Nicolas Gläsmann, Alex Vazquez Gala und Júlia Martí Gasull getanzt. Die Darstellenden sind bekannte Gäste auf Origens Bühnen. Zuletzt haben sie auf der Freilichtbühne von Lantsch das Jubiläumsspiel «1524» zum Geburtstag des Freistaats der Drei Bünde interpretiert und den historischen Figuren viel Leben eingehaucht.

Aufführungen: Riom, Clavadeira, 17.30 Uhr: 23, 27. 28. 29. und 30. Dezember 2024  und 2. 3. Und 4. Januar 2025

(Quelle und weitere Informationen: Nova Fundaziun Origen)

Die Landsgemeinde und direkte Demokratie

Für ein gutes Verständnis der Entstehung und Funktionsweise der direkten Demokratie in der Schweiz ist eine (historische) Kenntnis der Landsgemeinde eine wichtige Voraussetzung.

Dieser Beitrag beschränkt sich auf die groben Umrisse. Er zeigt jedoch, dass die Grundlage der direkten Demokratie Jahrhunderte alt ist, dass aber die politische Wahl im neunzehnten Jahrhundert das Ergebnis heftiger Diskussionen und tiefgreifender Kontroversen war. Die Einführung der direkten Demokratie war keine Selbstverständlichkeit.

Die Bundesverfassung, Plakat 1848. Nationalmuseum Zürich. Foto: TES.

Die Landsgemeinde

Die mittelalterliche Schweizer Landsgemeinde war eine politische Organisation mit weitgehender Autonomie, Selbstverwaltung und direkter Demokratie für die (männlichen) Bürger. Die Landsgemeinde und direkte Demokratie formierten sich nicht in einem linearen Prozess, sondern in Schüben.

Die Landsgemeinde war die Versammlung aller Landleute (aller mehr als 16 oder 14 Jahre alten Männer), die im Besitz des Landsrechts waren. Die Landleute versammelten sich mindestens einmal jährlich. Die Landsgemeinde war der Souverän in den souveränen Eidgenossen.

Ein Kanton oder Bezirk im heutigen Sinne ist wohl der naheliegendste Begriff. Es gab grosse und kleine Landsgemeinden. Diese politische Einheit entstand im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert in acht heutigen Kantonen: Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden (bis 1597 Appenzell), Zug, Uri, Schwyz, Glarus und Unterwalden (Nidwalden und Obwalden).

Darüber hinaus gab es ähnliche staatliche Organisationen in Graubünden (Gerichte) und im Wallis (Zenden oder Dizains). Der Zehngerichtebund (1436) in Graubünden (ab 1524 zusammen mit dem Gotteshausbund (1367) und dem Grauen Bund (1395) der Freistaat der Drei Bünde, Kanton Graubünden ab 1803) und die Republik der Sieben Zenden, la République des sept Dizains (1476-1798), Kanton Wallis/Valais ab 1803) erinnern daran. (Siehe auch Swiss Spectator 26.01.2021, Die dreizehn Sterne des Wallis).

Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert gehörte die Landsgemeinde noch (formal) zum Territorium des Landesherrn, meist eines Grafen oder Abtes. Allerdings spielte Habsburg als Landesherr eine wichtige Rolle.

Das Bundeshaus in Bern

Der Landvogt vertrat den Landesherrn. Er regierte im Auftrag des Landesherrn und war der oberste Richter (Gerichtshoheit). Aufgrund der schwierigen Erreichbarkeit des Gebietes traten die Landsgemeinde und der Ammann, der höchste Beamte der Landsgemeinde, zunehmend an die Stelle der Landtage und des Vogtes.

Ende des dreizehnten/Anfang des vierzehnten Jahrhunderts war die Landsgemeinde effektiv der oberste Richter und Gesetzgeber. In den sogenannten Urkantonen Uri, Schwyz, Obwalden und Nidwalden entstanden die Landsgemeinden in der Zeit von 1231-1309.

Die Landsgemeinden waren (kleine) Bauern- und Handelsrepubliken. Nicht umsonst gab es während dieser Zeit das Bündnis der ersten Eidgenossen (1291), die Legende von Wilhelm Tell, die Kriege gegen die Habsburger (u.a. Morgarten 1315, Sempach 1386) und (gegenseitige) Konflikte mit anderen (habsburgischen) Städten in der Schweiz.

Uri, Schwyz und Unterwalden kamen durch die Eröffnung des St. Gotthardpasses (1230) auch in Kontakt mit den italienischen Republiken auf der anderen Seite des Gotthards. Vielleicht war dies auch eine Quelle der Inspiration.

Zudem gewährte ihnen der habsburgische Landesherr im 13. und frühen 14. Jahrhundert Reichsfreiheit (Reichsunmittelbarkeit), sodass sie (formal) direkt von diesem Landesherrn ohne Einmischung lokaler Herrscher regiert wurden.

Diese Gebiete handelten aufgrund der Unzugänglichkeit mehr und weniger ohne Einmischung des Landesherrn.

Die Republik Gersau, Gemeindehaus. Foto: TES.

Politisches Konzept

Das politische Konzept dieser autonomen demokratischen Republiken war erfolgreich und wurde zunehmend nachgeahmt. Es folgten Zug (1376), Glarus (1387) und Appenzell (1387). Auch die kleinste Republik der Welt, der Freistaat Gersau, war ab 1433 eine Landsgemeinde.

Die Landsgemeinde war die höchste richterliche und gesetzgebende Behörde und die Exekutive. Die Gewaltenteilung gab es noch nicht. Die Bürger wählten jedoch in direkter Wahl die Beamten für die Ämter oder stimmten über die Politik der Landsgemeinde ab. Diese Abstimmungen und Wahlen erfolgten jährlich, und bei Bedarf auch häufiger, durch Handaufheben.

Die Landsgemeinde stimmte über Krieg und Frieden, Verhandlungen und Verträge,Konfliktmanagement, die Verleihung des Bürgerrechts und viele andere Themen ab. Die Bürger waren der Souverän.

Damals bedeutete Demokratie etwas anderes als heute. Auch in diesen Republiken herrschten oft einige wenige mächtige Familien und Korruption, Bestechung und andere Praktiken waren an der Tagesordnung. Das änderte aber nichts daran, dass die Zustimmung der Bürger der Landsgemeinde immer erforderlich war.

Bei den Wählern handelte es sich um männliche Bürger im Alter ab 16 Jahren (manchmal 14). Die Bürgerschaft war streng definiert.

Als faktisch souveräne Republik mit direkter Demokratie erlangte die Landsgemeinde grosses Ansehen in der Schweiz und weit darüber hinaus.

Die fünf anderen Kantone, Bern, Solothurn, Zürich, Basel und Schaffhausen, waren keine Landsgemeinden und hatten keine direkte Demokratie. In den Städten herrschte eine Oligarchie oder Aristokratie aus Zünften und alten Familien, wie es in der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen, in Amsterdam, Haarlem und anderen Städten der Fall war.

Glarus. Foto: TES

1798-1891

Viele europäische Schriftsteller, Staatsmänner, Philosophen und Reisende im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert waren tief beeindruckt von dieser Institution und der Abwesenheit von Königen, Fürsten und Aristokraten. Es war in der Tat einzigartig.

Richtig populär wurde die Landsgemeinde aber erst, als Napoleon sie 1798 abschaffte. Die Helvetische Republik (1798-1803) stand im Widerspruch zu jahrhundertelangen demokratischen und vor allem dezentralen Errungenschaften. Sie wurden 1803 wiederhergestellt (Mediationsakte) und dann in der neuen Eidgenossenschaft (1815-1848) verankert.

Das Prestige der Landsgemeinde und ihrer direkten Demokratie blieb auch nach 1815 hoch. Die meisten der 22 Kantone der Eidgenossenschaft von 1815 verfügten jedoch nicht über eine Landsgemeinde oder direkte Demokratie. Sie waren Republiken mit einer (politischen) Oligarchie oder Aristokratie von (alten) Familien ohne direkte Demokratie.

Nach 1830 (und den Revolutionen in Europa) kam die sogenannte “Regenerationsbewegung”, die in immer mehr Kantonen und Städten direkte Demokratie à la die Landsgemeinde forderte und dies am Ende auch erreichte.Es war eine Konfrontation zwischen dem Ancien Régime, vor allem in den Städten, und dem (neuen) liberalen Bürgertum, das sich an den Idealen der Französischen Revolution, der amerikanischen Verfassung von 1786 und der Landsgemeinde orientierte.

Der Kanton Waadt war der erste, der 1845 die direkte Demokratie einführte, und andere Kantone folgten. 1848 wurde mit der Verfassung der neuen Eidgenossenschaft das obligatorische Referendum. Nach 1848 führte Kanton für Kanton das fakultative Referendum und/oder die Volksinitiative ein.

Diese Entwicklung führte zur Einführung des fakultativen Referendums auf Bundesebene im Jahr 1874 und zur Einführung der Volksinitiative im Jahr 1891.

Auch die Kantone und Gemeinden verfügen über diese und weitere Instrumente der direkten Demokratie, die im 19. Jahrhundert in den Kantonsverfassungen und in den Gemeindegesetzen eingeführt wurden.

  • Altdorf, Kanton Uri. Foto: TES.

Schlussfolgerung

In den Kantonen Glarus und Appenzell Innerrhoden funktioniert die Landsgemeinde noch in der traditionellen Form. In den anderen Kantonen gibt es die traditionelle Landsgemeinde (schon lange) nicht mehr.

Das Konzept der direkten Demokratie hat sich jedoch nicht verändert und ist ein unverzichtbares, erfolgreiches und fundamentales Element des politischen Systems der Schweiz auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene.

Dieses System war auch in der Schweiz nach 1815 keine Selbstverständlichkeit, aber eine im Jahrhundert von den Kantonen und dem Volk als Begründer der Eidgenossenschaft und ihrer Verfassung getroffenen politischen Entscheidung.

Das Land und die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger wollen und können auf die direkte Demokratie und diese dezentralisierte Konföderation nicht mehr verzichten. Schliesslich sind die Bürger auch Politiker.

Das Konzept der Landsgemeinde und der direkten Demokratie ist nicht altmodisch, überholt oder folkloristisch, sondern modern, transparent, effektiv und zukunftsorientiert, mit oder ohne Handaufheben.

(Source : Hans Stadler, „Landsgemeinde“ in: Historisches Lexikon der Schweiz; Louis Carlen, ‚Die Landsgemeinde‘, in : Andreas Auer (e.a.): Die Ursprünge der schweizerischen direkten Demokratie, Basel 1996; B. Adler, Die Entstehung der direkten Demokratie, Zürich 2006.

PS: Der Glarner Regierungsrat hat beschlossen, die Landsgemeinde vom 2. Mai 2021 aufgrund der Coronapandemie zu verschieben. Stattfinden soll sie am 5. September.

Das Rathaus von Freiburg und der ewige Friede

Nach der Niederlage der Eidgenossen in Italien 1515 (Marignano) wurde am 29. Im November 1516 im Rathaus (hôtel de ville) von Freiburg wurde ein Friedensvertrag (La Paix éternelle, der ewige Friede) mit Frankreich unterzeichnet.

Dieser Frieden bestand bis zur französischen Invasion im Jahr 1798. Der grosse Sturm war die Reformation, die nach 1517 die Eidgenossenschaft teilte. Freiburg blieb katholisch und wurde eine katholische Bastion.

Wandern mit Jean-Jacques Rousseau

Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) war einer der wichtigsten Philosophen der Aufklärung (zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts). Seine politischen, pädagogischen und literarischen Werke und Romane waren zu seinen Lebzeiten Bestseller. Das brachte ihm nicht nur Ruhm, sondern auch Ärger mit den Behörden ein.  Seine Leidenschaft für das Wandern ist jedoch weniger bekannt.

Er zog es vor, wenn möglich, seine Reisen zu Fuss zu unternehmen. Er wanderte viele tausend Kilometer im Gebiet der Rhone, der Alpen und des Juras.

Jean-Jacques Rousseau, musée Antoine Lécuyer, Saint-Quentin

Rousseau wurde in Genf geboren, damals eine unabhängige Republik und Hauptstadt des Calvinismus. Der Genfer See, die Alpen und die Natur faszinierten ihn von klein auf.

Im Jahr 1728 verliess er als junger Mann seine Heimatstadt zu Fuss und ging nach Annecy und Turin, der Hauptstadt der katholischen Herzöge von Savoyen, die auch Könige des Königreichs Sardinien -Piemont waren. Der Kontrast zur calvinistischen Republik Genf hätte nicht grösser sein können. In Annecy konvertierte er zum Katholizismus (1754 wurde er jedoch wieder Protestant).

In dieser Stadt begann sein Wanderleben. Seine Streifzüge führten ihn unter anderem nach Lyon, Grenoble, Chambéry (ehemalige Hauptstadt der Herzöge von Savoyen), Lausanne, Solothurn, Neuenburg, Biel, Boudry, Môtier und dazwischen mehrmals nach Paris. Im Jahr 1766 verbrachte er sogar ein Jahr in England – dahin begab er sich allerdings nicht zu Fuss, das ist sicher.

Auvernier, Tjeerd Alkema, Die Wanderer: Foto: TES

Bemerkenswert ist, dass er seiner Vorliebe für Reisen zu Fuss und das Wandern frönte. In der Klassengesellschaft des Ancien Régime war dies nämlich ein Zeichen von Armut. Man ist Philosoph oder man ist es nicht, und Rousseau sagte dazu:

Je voyageais, voyageais à pied et je voyageais seul dans l’immensité d’être. La vue de la campagne, la succession des aspects agréables, le grand air, le grand appétit, la bonne santé que je gagne en marchant, la liberté du cabaret, tout cela dégage mon âme.

Zwischen 1762 und 1765 lebte er im Exil im Kanton Neuenburg und auf der Insel St. Peter im Bielersee (Kanton Bern). Er verband das Wandern mit seiner Leidenschaft für und dem Schreiben über Pflanzen. Er nannte es:

La ferveur botanique est le véritable amusement d’un solitaire qui se promène et ne veut pas penser à rien„.

Besonders begeistert war er von der Natur des Juras und seinem Aufenthalt im Kanton Neuenburg. Der Kanton verlieh ihm am 16. Mai 1763 das Bürgerrecht und am 1. Januar 1765 erhielt er auch das Bürgerrecht der Gemeinde Couvet im Kanton Neuenburg. Am 12. Mai 1763 gab er das Genfer Bürgerrecht auf.

Wegen seiner grossen Hingabe und seines Respekts für die Natur wird er auch der erste Ökologe genannt. Bestimmt wäre er Mitglied des 1863 gegründeten Schweizer Alpen Clubs (SAC)/Club Alpine Suisse (CAS) geworden.

(Quelle: R. Bourgeois, Rousseau. Ses itinérances entre Rhône et Alpes, Veury Frankreich).

Waldenburg, die SAC-Waldweidhütte und Regionalpark Waldweide

Waldenburch wurde 1244 erstmals urkundlich erwähnt. Der Name geht auf Walenburg zurück, was «Burg der Walen», der Welschen, bedeutet. Im frühen Mittelalter war die Gegend von Waldenburg (Kanton Basel-Landschaft) Besitz des elsässischen Klosters Murbach und später der froburgischer Herrschaft.

Nach der Eröffnung des Gotthardpasses um 1230 gründete Hermann von Froburg die Stadt Waldenburg. Der Bischof von Basel erwarb 1366 das Städchen und 1400 fiel sie an die Stadt Basel.

Im Jahre 1525 besass Waldenburg ein Hammerwerk und eine Eisenschmiede, die später in eine Papiermühle umgewandelt wurde. Diese Handwerksbetriebe nutzten die Wasserkraft  der Frenke.

Im neuen Kanton Basel-Landschaft wurde Waldenburg 1833 Bezirkshauptort. Nachdem der Passverkehr über den Oberen Hauenstein durch den Bau der Bahn zum Erliegen gekommen war, führte die Gemeinde 1853 die Uhrenindustrie ein.

Die SAC-Waldweidhütte und die Bergwirtschaft Waldweide liegen auf 1028 m.ü.M. in  der Region Wasserfallen.

SAC-Waldweidhütte

Bergwirtschaft Waldweide

Quelle und weitere Informationen: Gemeinde Waldenburg; B. Degen, Waldenburg, Historisches Lexicon der Schweiz)

Eindrücke aus Waldenburg

       

Regionalpark Waldweid

Carte Blanche und Zusammenarbeit am Bodensee

Die Internationale Bodensee-Konferenz (IBK) versteht sich als politisches Dach und Impulsgeber der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit am Bodensee.

Die IBK besteht aus der Konferenz der Regierungschefinnen und -chefs sowie einem breiten Netzwerk aus Fachleuten der Verwaltungen der Länder Baden-Württemberg und Bayern (Deutschland), Vorarlberg (Österreich), der Kantone St. Gallen, Thurgau, Schaffhausen, Zürich, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden (Schweiz) sowie des Fürstentums Liechtenstein.

Die IBK kooperiert mit weiteren grenzüberschreitenden Vereinigungen und Organisationen, etwa denen der Parlamentarierinnen und Parlamentarier und der Städte, den staatsvertraglich geregelten Kommissionen für Gewässerschutz oder Schifffahrt, mit dem Interreg-Programm Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein, dem Wissenschaftsverbund Vierländerregion Bodensee.

Gemeinsam mit ihren Partnern strebt die IBK an, dass die Bodenseeregion eine europäische Vorzeigeregion mit hoher Wirtschaftskraft, sozialer Gesinnung und Engagement für Nachhaltigkeit ist. Dazu pflegt sie auch die Vielfalt ihrer regionalen Kulturen und stärkt deren Zusammenhalt.

Mit der Carte Blanche bietet die IBK Fachleuten eine Plattform, auf der sie Impulse zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit geben und ihre Visionen darlegen können.

(Quelle und weitere Informationen: Internationale Bodensee-Konferenz)

Siehe auch: Zusammenarbeit am Oberrhein

Le Landeron und die Natur

Vor der Gründung der Stadt Le Landeron gab es eine erste befestigte Stadt, Nugerol, die der Graf von Neuenburg als Verteidigung gegen das Bistum Basel errichten liess.

Nugerol wurde bereits im 12. Jahrhundert während des bewaffneten Grenzkonflikts zwischen Graf und Bischof zerstört. Im Jahr 1325 begann der Graf mit dem Wiederaufbau der zerstörten Stadt an einem neuen Standort. Er wählte eine Moräneninsel, Le Landeron.

Die neue Stadt liegt in kurzer Entfernung von der Zihl (la Thielle) und den Bieler und Neuenburger Seen und profitierte von den damals so wichtigen Wasserverbindungen.

Das 19. Jahrhundert markierte den Beginn der Neuzeit mit der Niederlassungsfreiheit, dem Wandel der politischen Institutionen durch die Gründung des Kantons Neuenburg (1815), der Entwicklung der Strassen- und Bahnverbindungen, den ersten Industrien, der Trockenlegung der grossen Sumpfgebiete nach der ersten Juragewässerkorrektion (1868-1891), der Entwicklung des Gemüseanbaus, der Landwirtschaft und des Weinbaus.

Der Bielersee (lac de Bienne)

Die Anwesenheit von malerischen architektonischen Zeugen der vergangenen Jahrhunderte und der Natur verleiht dem Landeron heute einen ganz besonderen Charme.

(Source: Die Schönsten Schweizer Dörfer, www.borghisvizzera.ch)