Das Strandbad Weggis – vom Schandbad bis zum Lido-Hallenbad

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) führte auch in der Schweiz zu vielen Veränderungen in der Politik, in der Kunst und in der Gesellschaft.

Der Kurverein Weggis (kanton Luzern) eröffnete zum Beispiel 1919 das Strandbad Weggis om Vierwaldstättersee. Es war in der Schweiz die erste Anlage, in der Männer und Frauen gemeinsam am offenen Strand, also nicht abgetrennt in eigenen abgeschirmten Bereichen, badeten.

Das neue Strandbad in der Rigi-Region war sehr erfolgreich und wurde zum Vorbild für andere solche Bäder in Luzern, Genf, Fürigen am Fusse des Bürgenstocks, in Wesen am Walensee, am Mythenquai in Zürich, in Stansstad, Flüelen, Gersau, Vitznau und Buochs.

Es gab selbstverständlich auch viele Gegner („ein schändliches Treiben“, „das Schandbad“), die sich in Zeitungen und in (lokaler) Politik aufmerksam machten.

Es gab auch satirische Stimme: „Früher hätte es geschadet der Moral, heut jedoch wird gestrandbadet überall. Erst fing es in Weggis an und dann kam Luzern (das Lido) daran…“

Oder melancholische: “Das waren noch Zeiten der ‚Poesie‘, in denen man öffentlich muckte und heimlich von beiden Seiten durch die Astlöcher und Ritzen guckte …“ (Der Nebelspalter, am 8. August 1922).

Das Lido-Hallenbad Weggis existiert noch immer und hat sich seit 1919 stark erweitert. Das Konzept und der Standort haben sich jedoch nicht geändert.

(Quelle und weitere informationen: Gemeinde Weggis)

Impressionen von Weggis

 

Die Dufourkarte und die Europäische Union

Die topografische Karte der Schweiz im Massstab 1:100 000, besser bekannt als Dufourkarte, bietet noch heute zahlreiche historische, kulturelle und politische Orientierungspunkte. Der Schöpfer dieser Karte, Guillaume-Henri Dufour (1787–1875), war General im Sonderbundskrieg (1847) und Mitglied des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) bei dessen Gründung (1863).

 Die Dufourkarte

Die Karte ist eine interessante Quelle in kultureller, historischer und politischer Hinsicht, denn sie zeigt erstmals die föderalistische Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Kantonen des Landes. Sie ist ein Symbol für die Entstehung des modernen schweizerischen Nationalstaats, der 1848 gegründet wurde.

Die Dufourkarte im Bundeshaus in Bern symbolisiert die Gründung der Confoederatio Helvetica. Die Symbolik des Rütlischwurs und die Karte veranschaulichen die lange Geschichte ihrer Entstehung vom späten Mittelalter bis in die Moderne.

Die Karte zeigt nicht nur die Regionen, sondern auch die Grenzen zu den Nachbarländern. Sie verweist auch auf die politische Struktur der Schweizerischen Eidgenossenschaft, die aus Kantonen besteht, deren Vertreter im Nationalrat und im Ständerat vom Volk gewählt werden und dort das Land regieren.

Darüber hinaus symbolisiert diese Karte auch Werte wie Exaktheit, Präzision und Pionierleistungen der Schweiz sowie, in einem weiteren Sinne, Tradition, Integration und Zusammenleben in einer weltoffenen, multikulturellen und mehrsprachigen Gesellschaft.

 Das Machbare und die Vielfalt

Diese Karte und die Schweiz zeigen jedoch auch, was für eine gut funktionierende direkte Demokratie, die auf Subsidiarität, Dezentralisierung und Föderalismus beruht, in hohem Masse machbar ist.

Wenn ein sehr junges Parlamentsmitglied (vielleicht sogar der Präsident des Nationalrats im Jahr 2027) nach mehr Abwechslung und Vielfalt strebt, zeugt dies vor allem von einem Mangel an Kenntnis, Verständnis und Einsicht in die Schweiz.

Wie vielfältig kann ein Land mit vier Sprachen, 26 souveränen Kantonen, Dialekten und Kulturen, zahlreichen Mischehen und Einwanderern, verschiedenen Religionen und einer grossen landschaftlichen Vielfalt sein? Offenbar soll die bereits sehr vielfältige Schweiz in eine Stammesgesellschaft aus vielen kleinen Gemeinschaften ohne allzu viel „Swissness“ verwandelt werden, die wenig oder gar nichts miteinander zu tun haben.

 Die Europäische Union

Nicht nur diese Ideologie — heute unter dem Namen „europäischer Föderalismus statt europäischer Sozialismus“ — bedroht das dezentrale, föderale, direktdemokratische und subsidiaritätsorientierte Modell.

Auch eine (zu) grosse Zahl von Nachfahren der Generation der neuen Eidgenossenschaft von 1848, deren Gründer das Volk und die Kantone sind, verfolgt dieses Ziel. Dabei sind die Angst vor Sanktionen der Europäischen Union, das systematische Kleinreden der Schweiz sowie geopolitische Motive (vorübergehend, unsicher und instabil) die wichtigsten Triebkräfte.

Tatsächlich spricht jedoch wenig für die Aufgabe des Schweizer Modells und für einen (vorerst begrenzten) Beitritt zur Europäischen Union. Eine Übertragung verfassungsrechtlicher, exekutiver, judikativer und legislativer Kompetenzen an die EU bedeutet selbstverständlich einen EU-Beitritt.

Die instabile politische, gesellschaftliche, soziale, demokratische, monetäre und finanzielle Lage in Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien und teilweise in den Niederlanden ist eine Warnung, ganz zu schweigen vom bürokratischen, technokratischen, antidemokratischen und vor allem auf Subventionen beruhenden Modell der EU.

 Schlussfolgerung

Die Schweiz beruht auf Globalisierung, Qualität und dem innovativen Bottom-up-Modell, während die EU auf Quantität, Protektionismus, Top-down-Subventionen, grössenwahnsinnige Projekte, immer mehr Schulden und (steuerliche) Kompetenzen sowie einheitliche Massnahmen für die ganze EU in immer mehr Bereichen setzt.

Die Dufourkarte sollte aus dem Bundeshaus entfernt werden, wenn die Kantone in einem Staatsstreich à la suisse durch Parlamentsmitglieder unter Missachtung des Textes und des Geistes der Verfassung von 1848 ignoriert würden.

Dogmatische Ideologie, Wunschdenken und das Bedürfnis, „dazu zu gehören“, ersetzen den schweizerischen Pragmatismus, Realismus, Sinn für das Machbare und die Liebe zum Detail. Nicht nur die grossen Linien, sondern auch die Einzelheiten und die zahlreichen tiefgreifenden, vorhersehbaren oder unvorhersehbaren Folgen des angestrebten neuen Vertrags mit der EU sind für die Schweiz wenig verheissend.

Ardez, die Burg Steinsberg und der Vonzun Turm

Erstmals wird Ardez (Gemeinde Scuol, Kanton Graubünden) urkundlich 842 erwähnt. Ardez ist bis heute ein typisches Engadiner Bauerndorf geblieben. Das Dorf wurde letztmals 1622 während der Bündner Wirren (1618-1639) vollständig von kaiserlichen Habsburger Truppen zerstört.

Seit dem Wiederaufbau gehört Ardez zu den wenigen Dörfern des Unterengadins, die nicht von Bränden heimgesucht wurden. Die wertvollen Kulturgüter aus dem 17. Jahrhundert sind bis heute gut erhalten.

Die Burg Steinsberg wurde schon während des Schwabenkriegs im Jahr 1499 niedergebrannt. Sie wurde irgendwann vor 1200 erbaut. Erste Besitzer waren die Herren von Fricklingen aus Überlingen am Bodensee. Danach wechselte sie als Pfand mehrmals den Besitzer bis 1499. Noch immer ragt der Turm hoch über das Dorf hinaus und ist das Wahrzeichen des Dorfes.

Der Vonzun-Turm, auch la Parschun genannt, gehört zusammen mit der Burg Steinsberg zu den ältesten Gebäuden des Dorfes. Der Turm wurde um das Jahr 1250 errichtet.

(Quelle und weitere Informationen: www.ardez.ch).

Fürstbistum Basel, Bern und Saint-Ursanne

Saint-Ursanne, benannt nach dem heiligen Ursicinus (vom Lateinischen Ursus, Bär auf Deutsch), liegt am Doubs im Kanton Jura. Die Stadt feiert seit 1‘400 Jahren den Tod ihres Gründers St. Ursanne. Zu den wichtigsten und interessantesten Gebäuden gehören die Pfarr- und Stiftskirche aus dem 12. und 13. Jahrhundert.

Ursicinus war einer der irischen Mönche, die im 7. Jahrhundert in dieser Region Klöster gründeten. Der heilige Gallus zog zum Beispiel nach dem späteren St. Gallen, der heilige Kolumban nach Luxeuil und nach Bobbio.

Die Stadt und ihre romanische Benediktinerabtei haben ihren mittelalterlichen Charakter bewahrt. Die Abtei wird erstmals 830 in Dokumenten erwähnt. Die (mutmasslichen) sterblichen Überreste des heiligen St. Ursanne sind unter dem Altar der Stiftskirche begraben.

Die Stadt ist nur durch eines der drei historischen Tore zugänglich. Das Peterstor (Porte Saint-Pierre), das Johannestor (Porte Saint-Jean) und das Paulstor (Porte Saint-Paul) prägen das Städtchen. Verschiedene andere Gebäude und Objekte verdienen ebenfalls Aufmerksamkeit.

Die Brücke Saint-Jean Népomucène (St. Nepomuk) und die sogenannte Glocke La Berbatte sind nur einige Beispiele.

Die wunderschöne Lage im Jura und im Naturpark Doubs wird dem Denkmalstatus und der Einstufung als eine der schönsten Städte und Dörfer der Schweiz voll und ganz gerecht.

Das Fürstbistum Basel, Frankreich, Kanton Bern und Kanton Jura

Das Fürstbistum Basel erwarb 1146 die Benediktinerabtei Saint-Ursanne im heutigen Kanton Jura. Im 13. Jahrhundert war das Fürstbistum die stärkste weltliche Macht am Oberrhein.

Das Territorium des Fürstbischofs umfasste den heutigen Kanton Jura sowie das nördliche Gebiet des Kantons Bern, den Sundgau, das südliche Elsass, das Birseck, das Birstal und Besitztümer in Süddeutschland.

Die Äbte von 1119 bis 1793

Der Bischof war auch Fürst des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, daher der Titel Fürstbischof. Wegen der Reformation in Basel liess sich der Fürstbischof 1529 in Pruntrut (Porrentruy), ebenfalls im heutigen Kanton Jura, nieder.

Der südliche Teil des Juras mit den Städten Biel und Moutier geriet unter den Einfluss des protestantischen Berns, der nördliche Teil mit den Städten Delémont, Porrentruy und St. Ursanne blieb katholisch.

Die Eidgenossenschaft kontrollierte den protestantischen Südteil des Juras faktisch (und militärisch). Formell blieb dieses Gebiet jedoch Teil des Fürstbistums Basel und damit des Heiligen Römischen Reiches.

Diese Situation änderte sich nach der französischen Annexion des katholischen Nordteils am 17. Dezember 1792. Dieser Teil des Jura wurde zur République rauracienne. Am 23. März 1793 wurde es mit dem französischen Département Mont-Terrible zusammengeführt.

Im Jahr 1797 annektierte Frankreich auch den südlichen Teil des (protestantischen) Juras. Dies bedeutete das Ende des Fürstentums. Der nördliche und der südliche Jura wurden am 17. Februar 1800 dem Departement Haut-Rhin angegliedert. Diese Situation bestand bis zur Niederlage Napoleons im Jahr 1813.

St. Ursanne und seine Bär

Im Jahr 1815 erwarb der Kanton Bern das Gebiet des heutigen Kantons Jura, darunter auch Saint-Ursanne. Am 1. Januar 1979 wurde schliesslich der neue Kanton Jura gegründet, in dem eines der ältesten Klöster der Schweiz und Europas steht.

(Quelle und weitere Informationen: Jean-Paul Prongué, Saint-Ursanne, DHS, 18.05.2020)

 

 

Von den Sternen zu den Atomen oder die Geschichte der Präzisionsuhrmacherei in Neuenburg

Die kantonale Sternwarte Neuenburg (l’Observatoire cantonal de Neuchâtel)  ist ein kulturelles und wissenschaftliches Erbe von nationaler und internationaler Bedeutung. Sie ist ihrer Rolle in der Geschichte der Zeitmessung und der Präzisionsuhrmacherei gewidmet. Sie beleuchtet die engen Verbindungen zwischen Uhrmacherei und Astronomie. Lange Zeit war die Beobachtung des Himmels die einzige Möglichkeit, die Genauigkeit einer Uhr zu überprüfen.

Pavillon Hirsch

Diese Beziehung spiegelt sich sowohl in der Arbeitsweise der Uhrmacher als auch in den Ausbildungseinrichtungen und lokalen Initiativen zur Standardisierung der Zeitmessung wider. Die Astronomie wurde so zu einer wichtigen Bezugswissenschaft im Dienste einer Industrie, die nach Zuverlässigkeit und Anerkennung strebte.

Die kantonale Sternwarte Neuenburg

Die Gründung der Sternwarte und ihre Einbindung in eine umfassendere Wirtschafts- und Wissenschaftspolitik entsprangen der Notwendigkeit, die Zeitmessung zu professionalisieren, Chronometer zu kontrollieren und die Wettbewerbsfähigkeit der Neuenburger Uhrenindustrie gegenüber der internationalen Konkurrenz zu stärken. Zertifizierung, Reglemente, technische Geräte und Gangscheine zeugen von der schrittweisen Etablierung einer echten Qualitätswirtschaft.

Fernrohr des Observatoriums von Neuenburg. Le Musée international d’horlogerie de La Chaux-de-Fonds

Die Chronometrie-Wettbewerbe nahmen in diesem System einen wichtigen Stellenwert ein. Sie dienten dazu, die Exzellenz der Produkte zu bestätigen, das Know-how der Regulierer zu würdigen und ein Prestige zu pflegen, das die Uhrenwerbung ausgiebig nutzte. Die Ausstellung zeigt sowohl die technischen Herausforderungen als auch die symbolischen Triebkräfte und deren Grenzen.

Christiaan Huygens (sitzend links) im Kreise anderer Gelehrter seiner Zeit. Wandmalerei Musée International d’Horlogerie

Die Ausstellung Von den Sternen zu den Atomen

Mittels eines auf vier Standorte verteilten Dispositivs und eines Begleitprogramms lädt die Ausstellung (Des étoiles aux atomes) dazu ein, die verschiedenen Arten zu erkunden, wie die Zeit beobachtet, gemessen, aufgezeichnet und verbreitet wurde – von astronomischen Praktiken bis hin zu zeitgenössischen Atomtechnologien.

Entlang dieses chronologischen und thematischen Fadens beleuchtet die Ausstellung die engen Verbindungen zwischen der Beobachtung des Himmels und den Atomen, zwischen wissenschaftlichen Messgeräten und der Entwicklung präziser Zeitmessung sowie zwischen der gemessenen Zeit und ihren sozialen und wissenschaftlichen Nutzungsmöglichkeiten. Das Projekt wird vom Verein Automates & Merveilles getragen.

Kopie der Klepsydra aus Karnak (Ägypten), um 1400 v. Chr. Sammlung: Musée international d’horlogerie de La Chaux-de-Fonds

Als kohärentes Ganzes konzipiert, gliedert sich die Ausstellung in vier eigenständige Teile, die jeweils die Zeitmessung aus eigener Perspektive betrachten. Wer die vier Standorte besucht, kann diese Ansätze miteinander verbinden und nachvollziehen, wie die Zeit im Lauf der Jahrhunderte beobachtet, gemessen und weitergegeben wurde – vom Himmel bis zu den präzisesten Instrumenten.

 Sie beleuchtet die Entstehung einer Präzisionskultur im Neuenburger Jura sowie die Rolle der Sternwarte bei der Zertifizierung von Uhrmacherei-Produkten und der Organisation von Chronometrie-Wettbewerben. Diese Aufgaben werden in einen grösseren historischen Zusammenhang eingebettet, an der Schnittstelle zwischen Navigation, Astronomie und Uhrenindustrie.

Ausrüstung für die Femtosekunde. Sammlung: Musée international d’horlogerie de La Chaux-de-Fonds.

Die Ausstellung bietet einen chronologischen und thematischen Überblick über die Geschichte der Präzisionsuhrmacherei und zeigt, wie sich diese an der Schnittstelle zwischen wissenschaftlichen Herausforderungen, wirtschaftlichen Interessen und institutionellen Entscheidungen entwickelt hat.

Sie beginnt mit den Ursprüngen dieser Präzisionskultur, die seit dem 18. Jahrhundert durch die Suche nach der Längengradbestimmung auf See geprägt wurde. Die Anforderungen der Hochseeschifffahrt trieben damals die Entwicklung der Marinemesstechnik voran und spornten die Uhrmacher des Jurabogens an, insbesondere jene in den Neuenburger Jurahöhen, ihre Instrumente zu perfektionieren.

Schliesslich wendet sich der Rundgang den zeitgenössischen Entwicklungen zu. Das Ende der Wettbewerbe an der Sternwarte bedeutet nicht das Verschwinden des Anspruchs auf Präzision, sondern dessen Transformation. Dieser findet heute seine Fortsetzung in Institutionen wie der Offiziellen Schweizer Chronometer-Kontrolle  und dem METAS, die das Neuenburger Erbe in aktuelle Standards und in erneuerte Perspektiven der Zeitmessung einliessen lassen.

Die vier Standorte der Ausstellung sind: Musée international d’horlogerie in La Chaux-de-Fonds, Musée d’horlogerie du Locle — Château des Monts, Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel und l’Observatoire cantonal de Neuchâtel.

(Quelle und weitere Informationen: l’Association Automates & Merveilles)

Bilder: Sternewarte St. Margarethen in Binningen (Kanton Basel-Landschaft)

Das Kloster St. Johann in Müstair

Karl der Grosse (748-814) gründete 775 das benediktinische Kloster St. Johann (Claustra Son Jon) als Stützpunkt für seine Expansionspolitik in den Osten und Süden Europas. Im Jahr 774 hatte Karl das langobardische Königreich (einschliesslich der heutigen Lombardei) erobert.

Verkehrswege und politische Situation in und um die Diözese Chur um 1500. Bild: Klostermuseum St. Johann

Das Kloster diente dem Bischof von Chur als Zweitresidenz auf dem Weg über die Alpen und als Verwaltungszentrum seiner weltlichen Herrschaft. Um die Mitte des 9. Jahrhunderts zählte das Kloster 45 Mönche. In der Mitte des 12. Jahrhunderts  war diese Gemeinschaft jedoch verschwunden, möglicherweise zugunsten Marienberg, einer Neugründung der Herren von Tarasp im Vinschgau. Seither wird das Kloster von Benediktinerinnen bewohnt.

Karl der Grosse (748-814) im Kloster

Kurz vor 800 wurde die Klosterkirche mit einem Freskenzyklus ausgeschmückt, der die Heilsgeschichte in Form eines Bildteppichs über alle Wände ausbreitete. Dieser karolingische Bilderschatz erhebte das Kloster zum UNESCO-Welterbe.

Von grossem Wert sind die einzigartigen karolingischen und romanischen Wandmalereien, die Statue Karls des Grossen sowie das spätgotische Gewölbe.

Die Heiligkreuzkapelle stammt ebenfalls aus dem 8. Jahrhundert. Sie gibt Einblicke in Malereien aus mehreren Zeitepochen. Der im 10. Jahrhundert errichtete Wohn- und Wehrturm ist der älteste im Alpenraum. Im Turm ist das Museum eingerichtet. Es erlaubt einen Blick in die Klösterräume.

Die Romwegkarte zum Heiligen Jahr 1500 des Nürnberger Kartografen Erhard Etzlaub. Sammlung: Kloster St. Johann

Müstair lag im Mittelalter an strategisch wichtigen Pass- und Handelsstrassen, die den Norden mit dem Süden Europas verbanden. Über den Umbrailpass gelangte man von Müstair via  Bormio nach Mailand, von Verona aus über den Reschenpass entlang der römischen Via Claudia nach Augsburg. Das Kloster besass das Marktrecht und war ein wichtiger Ort des regionalen Handels.

Das Kloster war auch Ausgangs- und Zielpunkt von Wallfahrten und Pilgerreisen. Das Heilig-Blut-Wunder aus dem 13. Jahrhundert zog zahlreiche Pilger an.

Die Regel des Heiligen Benedikt ordnet seit dem 6. Jahrhundert das monastische Leben. Sie bestimmt den Tagesablauf, die Gebetszeiten sowie das alltägliche Leben.

Die ehemaligen Zellen

Eine der kunsthandwerklichen Tätigkeiten der Klosterfrauen war das Besticken von Trachten. Zumeist handelte es sich dabei um Auftragsarbeiten für Kundinnen aus dem Engadin. Die Schwester Maria Pia (*1931) begann selbst zu sticken und Stickmuster zu zeichnen und hat noch bis in die jüngste Vergangenheit Stickvorlagen entworfen. Die Kunst blieb im Kloster seit 1958 immer ihr Begleiter, mit im Gepäck Staffelei, Papier, Stifte und Farben zum Zeichnen.

Schwester Maria Pia, Paluotten, die das Mieder schmücken. Das Klostermuseum widmet der ältesten Klosterfrau und Künstlerin Schwester Maria Pia eine Retrospektive

Mehr als 1200 wechselvolle Jahre haben dieses Kloster und sein spirituelles Weiterleben geprägt.Das Kloster zählt heute noch acht Schwestern, somit sind die nächsten 1200 Jahre als Konvent vielleicht nicht gesichert.

(Quelle und weitere Informationen: A. Dind, J. Goll, Kloster St. Johann, Müstair, 2017).

 Korrektorin: Melinda Fechner

Das ehemalige Refektorium

Die Schwarze Madonna von Einsiedeln. Von 1707 bis 1724 wirkte Pater Reutli, ein Mönch aus Einsiedeln, als Spiritual im Kloster Müstair. Er nahm eine Kopie des Gnadenbildes von Einsiedeln mit. Der Künstler war vermutlich Joseph Kälin (1693-1731).

Pyramides, Ossona, Evolène, Triton Alpestre und Marie Métrailler im Val d’Hérens

Der Name Valais (französisch) oder Wallis (deutsch) leitet sich vom lateinischen Wort «Valles» ab. Während der Eroberung des heutigen Schweizer Staatsgebiets in den Jahren 15–13 v. Chr. (Genf, Siedlungsgebiet des keltischen Stammes der Allobroger, war bereits 120 v. Chr. erobert worden) bewohnten vier keltische Stämme das Wallis: die Nantuaten, Verager, Seduner und Uberer. Heutige Ortsnamen verweisen manchmal noch auf die keltische und römische Vergangenheit dieser Region.

Evolène

Das Dorf Evolène

Das Dorf Evolène verdankt seinen Namen beispielsweise dem keltischen Wort «evo» oder «aua» (Wasser) und dem lateinischen Wort «lenis» (ruhig), also «ruhiges Wasser».

Das Phänomen dieser keltisch-römischen Mischkultur (Akkulturation) ist in der ganzen Schweiz unter dem Namen gallorömische Kultur zu beobachten. Nur das Rätoromanische in Graubünden (ebenfalls um 13 v. Chr. von Rom erobert) und die römische Kultur im Tessin (im 2. Jahrhundert v. Chr. von Rom erobert) bilden hier eine Ausnahme.

Das Tal von Hérens

«Nomen est omen» trifft auf das Wallis zu. Nicht nur bahnt sich die Rhone, umgeben von Bergen, ihren Weg vom Furkapass zum Genfersee, sondern es befinden sich auf beiden Seiten auch verschiedene Täler, die teilweise von Viertausendern umgeben sind.

Die Rhone

Das Tal von Hérens, das in der Nähe der alten Bischofsstadt Sitten (Sion auf Französisch) liegt, umfasst nicht nur Evolène, sondern auch Hérémence und ihre berühmte Saint-Nicolas-Kirche aus dem Jahr 1971.

Deutlich älter sind jedoch die Pyramides d’Enseigne. Diese Pyramiden sind sogar viel älter als die berühmten ägyptischen und zudem von der Natur geschaffen.

Nur wenige Kilometer von Hérémence entfernt befindet sich hingegen wieder ein von Menschenhand geschaffenes Bauwerk, nämlich der Staudamm «Barrage de la Grande Dixence». Die Höhe des Staudamms beträgt 285 Meter. Diese gigantische Betonmasse, der Stausee und das Wasserkraftwerk aus dem Jahr 1961 gehören zu den weltweit grössten Bauwerken dieser Art.

Arolla und l’Évêque (der Bischof)

Arolla, das letzte Dorf vor der italienischen Grenze im Val d’Hérens, ist nicht nur wegen der «Notre Dame des Hauts d’Arolla» berühmt, sondern auch wegen seiner Gletscher, des Mont Collon und des Grand Hôtel & Kurhaus d’Arolla.

Grand Hôtel & Kurhaus d’Arolla

Die Hauptstrasse in Arolla heisst Rue de l’Évêque. Das ist kein Zufall. Der Name bezieht sich nicht nur auf den Berg L’Évêque (3 761 m), sondern auch auf die Nähe zum Bischof von Sitten. Dieser mächtige Prälat mit seinen kirchlichen und weltlichen Bauwerken war jahrhundertelang einer der bedeutendsten Grundbesitzer und Herrscher im Wallis.

Ausserdem eroberte er 1474 in Zusammenarbeit mit den sieben Zehnden oder Zenden des Oberwallis das Unterwallis vom Herzog von Savoyen. Auch aus diesem Grund war dieses Herzogtum nicht in der Lage, seinem Verbündeten, dem Herzog von Burgund, während der Burgunderkriege 1474–1477 zu Hilfe zu eilen. Das deutschsprachige Oberwallis verwaltete daraufhin das französischsprachige Unterwallis bis 1798 als Untertanengebiet.

Die Natur

Die Flora, Fauna, Bäche, Täler, Wiesen, Bergseen und Wälder von Hérens beeindrucken nicht nur durch ihre Vielfalt.

Sie bieten auch Naturerlebnisse in ihrer schönsten Form, von Alpenrosen über den Bergmolch oder Alpenmolch  (Triton alpestre) in den Bergseen und die Hérens-Kuh bis hin zu prächtigen Aussichten.

 

Lac bleu

Lac d’Arbey

Die Kämpfe zwischen diesen Kühen, bei denen die «Reine des Vaches» als Siegerin hervorgeht, sind im Wallis jährliche Veranstaltungen mit einem relativ tierfreundlichen Charakter. Dabei geht es darum, eine natürliche Hierarchie unter den Kühen zu etablieren. Jedes Tal organisiert im Frühjahr diese Veranstaltungen, die denselben Stellenwert wie der Alpabzug oder die Désalpe im September haben.

Und der Mensch

Auch der Mensch hat im Laufe der Jahrhunderte Spuren hinterlassen. Heutzutage sind das Wallis und seine Täler gut erreichbar. Bis zum Aufkommen des Tourismus im 19. Jahrhundert war dies jedoch anders. Die Natur war zwar schön, aber bis ins 19. Jahrhundert auch eine Quelle von Dürre, Missernten, Kälte, Hitze, Lawinen und Überschwemmungen.

Der findige Mensch passte sich jedoch auch hier den Umständen an. Er baute Suonen oder Bisses (Bewässerungskanäle), Scheunen zur Lagerung von Getreide und anderen Erzeugnissen für schwierige Zeiten oder Häuser aus Stein an den Berghängen zum Schutz vor Lawinen und aus Holz auf der anderen Seite.

Marie Métrailler

Inmitten dieser Natur hat der Mensch nicht nur gelebt, sondern auch geschaffen. Es ist fast ein Pleonasmus zu sagen, dass jedes Schweizer Dorf eine eigene Persönlichkeit und ein bedeutendes historisches oder kulturelles Erbe besitzt. Dies gilt unter anderem für das angrenzende Val d’Anniviers, aber auch für das Val d’Hérens. Eine der Persönlichkeiten, die die Fantasie beflügeln, ist Marie Métrailler (1901–1979). Sie stammte aus einer Lehrerfamilie in Evolène mit einer streng religiösen (katholischen) Mutter und einem liberalen Vater.

Ihr Vater unterstützte sie in ihrer intellektuellen Entwicklung, doch der Zeitgeist und die Sorge um die Familie machten ein weiterführendes Studium unmöglich. Sie arbeitete als Weberin und gründete 1938 ihre eigene Weberei, die um 1950 herum rund 250 Frauen beschäftigte! In einem Dorf im Wallis war eine Unternehmerin damals eine Seltenheit.

Ihr geschäftlicher Erfolg ermöglichte ihr jedoch auch ihre weitere intellektuelle Entwicklung, eine kritische Haltung gegenüber der Kirche sowie den Kampf gegen die Benachteiligung von Frauen. Sie verkaufte die Produkte ihrer Weberei nicht nur im Wallis und in anderen Kantonen, sondern exportierte sie auch ins benachbarte Italien.

In Evolène kam sie auch mit Touristen aus anderen Ländern in Kontakt, und – was noch wichtiger ist – die damalige europäische Elite fand den Weg zu ihr. Sie wurde sogar zu einer Institution, und unter anderem Marguerite de Yourcenar (1903–1987) besuchte sie und bewunderte sie.

Evolène ehrt seine berühmteste Einwohnerin mit der «Fondation Atelier de Marie Métrailler» und einer Umfahrungsstrasse im Dorf. Kurz nach ihrem Tod erschien zudem 1980 das Buch La poudre de sourire. Le témoignage de Marie Métrailler / Die Reise der Seele. Die Lebensgeschichte von Marie Métrailler, wie Marie-Magdeleine Brumagne (1920–2005) sie in zahlreichen Gesprächen mit ihr aufgezeichnet hat.

Diese Lebensgeschichte vermittelt einen guten Eindruck vom Leben einer Frau in einem Tal im Wallis zu Beginn des 20. Jahrhunderts und davon, welche Möglichkeiten es doch noch für die persönliche und gesellschaftliche Entfaltung gibt.

Das schönste Dorf der Schweiz

Abgesehen von dieser Persönlichkeit und ihrem Atelier hat das Dorf  Evolène (auf der Liste der schönsten Dörfer der Schweiz steht) noch mehr zu bieten, unter anderem Walliser Häuser, gastfreundliche Hotels, einen Blick auf La Dent Blanche und zahlreiche Wandermöglichkeiten.

Lannaz

Evolène

Euseigne

Les Haudères

La Sage, Saint-Christophe

La Sage

Saint-Martin

Im grösstenteils katholischen Wallis sind Kapellen und Kirchen zudem nie weit entfernt, und ein «Dona nobis pacem» ist immer wieder ein inspirierender Moment. Verschiedene Dörfer im Tal sind auch einen Besuch wert, darunter Les Haudères, La Sage, Villaz, La Forclaz, Euseigne, Saint-Martin, Luette oder Vex.

Ossona

Ossona verdient jedoch eine besondere Erwähnung. Dieses Dorf war um 2005 ausgestorben. Anschliessend gelang es mit finanzieller Unterstützung des Bundes und des Kantons, das Dorf durch nachhaltige Landwirtschaft, eine Gaststätte und einige ständige Einwohner wieder zum Leben zu erwecken.

Die zwei Hängebrücken

 Passerelle des Gorges de la Borgne, 76 Meter. 

Passerelle de la Grande Combe. 133 Meter

Es überrascht nicht, dass das Dorf 2005 verlassen wurde. Es liegt am Hang der tiefen Schlucht des Flusses Borgne. Zwei Hängebrücken stellen heute die Verbindung von Euseigne her, und eine sandige Strasse ist die andere Verbindung zur Aussenwelt. Das Experiment scheint jedoch von Dauer zu sein, und das Dorf verfügt heute sogar wieder über einen Kinderspielplatz!

Fazit 

Das warme und trockene Klima in den Sommermonaten schafft die Voraussetzungen für eine mediterrane Flora und Fauna im Wallis. Die Winter waren hingegen früher kalt, schneereich und lang. Der Einfluss des Bischofs und der katholischen Kirche war und ist in geringerem Masse noch immer spürbar.

Vex

Für den Bau der grossen Saint-Nicolas-Kirche mitten im kleinen Dorf Hérémence benötigte der Bischof damals beispielsweise keine Genehmigung der Gemeindeverwaltung, geschweige denn eine Mitsprache oder Einsprüche der Einwohner. Im Nachhinein ein Glück, denn es ist eine aussergewöhnliche Kirche.

Es ist jedoch Persönlichkeiten wie Marie Métrailler zu verdanken, dass Veränderungen möglich sind, und diese beginnen auf persönlicher Mikroebene, von unten nach oben – nach dem Schweizer Modell, das mit dem Modell der Europäischen Union unvereinbar ist, auch was den Respekt vor der Natur, dem Klima und der Umwelt betrifft.

La Sage

In dieser Hinsicht zeigt auch das Wallis, wie fast überall in der Schweiz, die richtige Mentalität und den richtigen Umgang auf Mikroebene. Überall gibt es biologische Bauernhöfe, Gärten, Kräutergärten, Informationstafeln, Verhaltensregeln, grössere und kleinere Naturschutzgebiete sowie Bienenhäuschen.

Obwohl auch die «Vaches d’Hérens» für den menschlichen Verzehr bestimmt sind, ist es keine Übertreibung zu behaupten, dass eine Schweizer Kuh (vielleicht mit Ausnahme der indischen Kuh) die höchste Lebensqualität geniesst. Auch dieses Tal im Wallis zeigt eine besondere Schweizer Eigenschaft: Engagement und Innovation bei gleichzeitiger Bewahrung wertvoller Traditionen und Strukturen.

(Quelle und weitere Informationen: Val d’Hérens)

Weitere Eindrücke aus dem Tal d’Hérens

HAP Grieshaber und der Basler Totentanz in Arlesheim

Der mittelalterliche Totentanz war im 14. und 15. Jahrhundert in der Schweiz, in Süddeutschland und in Frankreich ein bekanntes Thema. Nicht nur die Pestepidemien dieser Zeit, sondern auch der Einfluss der Dominikaner- und Franziskanerorden trugen zu seiner Entstehung bei.

Die Dominikaner werden nicht umsonst als Prediger bezeichnet. Ermahnende Worte über das tägliche Leben, Aufrufe zur Besinnung sowie das Angebot der Sündenvergebung mit Aussicht auf das ewige Leben nach dem Tod prägten ihre Lehren. Die Franziskaner verlangten von allen geistlichen und weltlichen Ständen ein büssiges Leben. Schliesslich müssen alle sterben, unabhängig von Rang und Stand, ob geistlich oder weltlich.

Der Basler Totentanz,  Matthäus Merian (1593–1650),  ‚Todten-Tanz, wie derselbe in der löblichen und weitberühmten Stadt Basel zu sehen ist“, um 1621. Sammlung: Historisches Museum Basel, inv. 1932.1162 

Der Totentanz vereinte drei mittelalterliche Motive: das Tanzmotiv, das auf dem Glauben beruhte, dass Verstorbene nachts auf dem Friedhof tanzen; das vado mori-Motiv, bei dem Vertreter aller Stände ihr unausweichliches Schicksal beklagen; sowie die Legende von den drei Lebenden und den drei Toten, in der drei Tote und drei Lebende einander begegnen und einen Dialog führen, bei dem die Toten das letzte Wort haben: „Was ihr jetzt seid, waren wir einst; was wir jetzt sind, werdet ihr werden.“

Der Totentanz war auch in der Schweiz auf Mauern von Friedhöfen und Kirchen weit verbreitet. Während der Reformation und in den folgenden Jahrhunderten wurden diese Darstellungen entfernt. Künstler hielten die Originale jedoch damals auf Papier fest, unter anderem in Holzschnitten. Dank dieser Werke sind wir heute gut über die früheren Totentänze informiert.

Johann Rudolf Feyerabend (1779–1814), der Basler Totentanz. Sammlung: Historisches Museum Basel

Auch zeitgenössische Künstler lassen sich weiterhin von diesem Thema inspirieren. Helmut Andreas Paul Grieshaber, besser bekannt unter seinem Künstlernamen HAP Grieshaber (1909–1981), widmete dem Totentanz sogar eine eigene Reihe von Holzschnitten. Er wurde in Schwaben geboren, wo im 14. und 15. Im Jahrhundert bestand eine Totentanztradition, die ihn möglicherweise beeinflusste.

Forum Würth Arlesheim, (Einschnitt I Ausdruck), 28. April 2026-2. Mai 2027

In jedem Fall bedeutete der Basler Totentanz auch eine „Rückkehr nach Hause“, nachdem der letzte Basler Totentanz 1805 entfernt worden war. Der Künstler verarbeitete in seinem Totentanz jedoch auch aktuelle Themen.

HAP Grieshaber, Basler Totentanz und Bücher aus Leipzig, 1964. Sammlung Würth, inv. 9564

HAP Grieshaber war einer der bekanntesten und zugleich unkonventionellen Künstler im Bereich des Holzschnitts, der Typografie und des Drucks. Er war nicht nur innovativ, sondern auch von anderen Künstlern beeindruckt, etwa von Carl Orff (1895–1982) und dessen Carmina Burana.

HAP Grieshaber, Der Basler Totentanz, 1965, Sammlung Würth, inv. 9556

In seinen Werken würdigte  er auch Künstler wie Pablo Picasso (1881–1973), Caspar David Friedrich (1774–1840), Marc Chagall (1887–1985) und Paul Cézanne (1839–1906). Die Bedeutung und der Einsatz von Sprache nehmen in seinen Werken einen wichtigen Platz ein, wobei er auch Schriftsteller wie Pablo Neruda (1904–1973) einbezieht.

HAP Grieshaber, Pablo Neruda, Aufenthalt auf Erden, 1972. Sammlung Würth, inv. 2109

Pablo Neruda, Alturas de Macchu Picchu, Buch mit mehrfachen Holzschnitten und einem Titel-Holzschnitt von HAP Grieshaber, 1965 , Sammlung Würth, inv. 9579

Seine unkonventionellen Arbeitsmethoden zeigen sich auch in seinem „Osterritt“ (1964). Der Künstler stellte eine Reise auf einem Islandpferd von Reutlingen zu seinem Geburtsort Rot an der Rot (Oberschwaben) in 38 Holzschnitten dar. Daraus wird deutlich, dass er christliche Bildtraditionen modern interpretierte. Er verwendete christliche Symbolik, unter anderem um Kriegserfahrungen und Versöhnung darzustellen.

HAP Grieshaber, Osterrit, 1964. Sammlung Würth, inv. 9583

Auch die griechische Mythologie war eine Inspirationsquelle, die er während seines Aufenthalts 1932 entdeckte. Die Götter Zeus, Athena und insbesondere Pan verkörperten für ihn Kräfte wie Schönheit, Natur, Leidenschaft und Energie.

Seine Inspiration für den Holzschnitt lag nicht nur in der expressionistischen Tradition, sondern auch in altdeutschen Ausdrucksformen. Darüber hinaus revolutionierte er diese Kunstform durch seine Technik, durch grossformatige Arbeiten und durch eine eigene Ausdrucksweise zwischen Figuration und Abstraktion. . Seine legendären Plakate sind ebenfalls Beispiele für diese Verbindung von Wort und Kunst.

Junge Aegyptische Welt, Wandteppiche, 1963. Sammlung Würth, inv. 9565b; Herbst, 1963, Sammlung Würth, inv. 9565a

Künstlerbund Baden-Württemberg, 8. Landesausstellung, 1962. Sammlung Würth, inv. 9566; Jahresausstellung und Gedächtnisausstellung Georg Rohde, 1963, Sammlung Würth, inv. 9568

Das Forum Würth in Arlesheim veranstaltet vom 28. April 2026 bis zum 2. Mai 2027 eine beeindruckende Ausstellung (Einschnitt I Ausdruck) zur grossen Vielfalt an Werken, Themen und Techniken dieses Künstlers.

HAP Grieshaber, Carl Orff, Carmina Burana, 1965. Sammlung Würth, inv. 2110

HAP Grieshaber, Carmina Burana, 1965. Sammlung Würth, inv. 2110

Holzschnitte, Selbstporträts, Buchillustrationen, Plakate, Zeitschriften, Fotografien und sogar gemalte Briefe geben einen umfassenden Einblick in seine Welt der künstlerischen Ausdrucksformen, sein soziales Engagement, seine Literatur und seine Spiritualität.

Der Holzschnitt war für ihn nicht nur eine künstlerische Technik, sondern auch ein Ausdrucksmittel – vergleichbar mit Worten und Gedichten. Auch seine gemalten Briefe waren Ausdruck seiner Freundschaft und Wertschätzung gegenüber anderen Künstlern.

HAP Grieshaber, Malbrief an Paul Swiridoff.  Sammlung Würth, inv. 4162

Mehr als 100 Werke aus der Sammlung Würth aus den Jahren 1960–1980 sind zu sehen und werden anhand von Dokumentationen und einem Katalog erläutert. HAP Grieshaber ist auch ein Kind der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Zwei Weltkriege, ein Kaiserreich, die Weimarer Republik (1919–1933), die Diktatur (1933–1945, einschließlich eines Berufsverbots), die Diktatur der DDR sowie der Wiederaufbau der demokratischen Bundesrepublik Deutschland prägten seine Zeit.

Für ihn war es selbstverständlich, dass sich ein Künstler politisch äussert und dass Kunst und gesellschaftliches Engagement untrennbar miteinander verbunden sind. Dies zeigte sich unter anderem in seinem ökologischen Engagement sowie in seiner Zeitschrift „Engel der Geschichte“.

Wie üblich bietet das Forum Würth den Besuchern die Möglichkeit, die künstlerischen Ausdrucksformen von HAP Grieshaber im „Hap Lab“ (in Zusammenarbeit mit der Basler Papiermühle) selbst auszuprobieren. Eine Dokumentation über sein Leben und Werk dient als Hintergrundinformation.

(Quelle und weitere Informationen: Forum Würth Arlesheim;  O. Class, C. Sylvia Weber, R. Wachsmann, HAP Grieshaber und der Holzschnitt. Sammlung Würth und Leihgaben, Künzelau, 2017)

HAP Grieshaber, Zum Lobe der Holzschneider, 1965. Sammlung Würth, inv. 9570

Das eidgenössische Jodlerfestival ohne Grenzen

Es ist nicht einfach, ein Musikfestival in Worten wiederzugeben, aber Worte in Kombination mit Illustrationen können für sich sprechen. Dies gilt insbesondere für Vokalmusik (Jodeln) und Instrumentalmusik (Alphorn), die zum kulturellen Erbe der Schweiz und  zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören.

Zudem hat das kürzlich in Basel (26.-28. Juni) abgehaltene Eidgenössische Jodlerfestival auch einen nicht-musikalischen Teil, das Fahnenschwingen.

Wie dem auch sei, es war eine grossartige Veranstaltung, gut organisiert, musikalisch auf hohem Niveau, mit wettbewerbsorientierten Auftritten von 1’200 Teilnehmenden in mittelalterlichen Kirchen, im Stadtcasino, in der Universitätsaula und in Schulgebäuden.

Darüber hinaus gab es Auftritte von Tausenden von Teilnehmenden im Jodlerdorf, auf der Jodlermeile, auf dem Jodlerberg, entlang des Rheins, in Cafés, Restaurants, Gärten und an anderen Orten. Wegen der Hitze dienten sogar einige der vielen Brunnen in der Stadt als Auftrittsorte.

Das Motto des 32. Eidgenössischen Jodlerfestivals lautete: Verbindung zwischen Stadt und Land. Diese Verbindung reicht jedoch weit darüber hinaus und überschreitet nicht nur Gemeinde- und Kantonsgrenzen, sondern auch Landesgrenzen und erstreckt sich sogar auf andere Kontinente wie Neuseeland, Amerika und Australien.

Die Vereinigten Staaten von Amerika

Australien

Neuseeland

Nicht nur die Kühle sorgte für volle Säle bei den Auftritten in Kirchen und anderen Gebäuden. Es war inhaltlich, organisatorisch und musikalisch ein inspirierendes Festival, wovon auch der Andrang in der Stadt, an der Jodlermeile, im Jodlerdorf und am Jodlerberg zeugte.

Der traditionelle Festakt auf dem Marktplatz und der Umzug über die Mittlere Brücke stiessen ebenfalls auf grosses Interesse, wobei auch die junge Generation der Jodler mit von der Partie war.

Vom 7. bis 9. Juli findet in Davos ein weiteres Jodelfestival statt, und vom 11. bis 13. September in Grindelwald das Eidgenössische Jugendjodlerfestival.

Diesmal gibt es nicht nur erneut douze points für Basel, sondern auch für die Tausenden von Teilnehmenden.

(Quelle und weitere Informationen: Jodlerfestival Basel;  Eidgenössischer Jodlerverband)

Eindrücke 26.-28. Juni 

Der Festakt am 28. Juni

Carlo Conti, OK-Präsident, 32. Eidgenössisches Jodlerfest Basel 2026

Conradin Cramer, Regierungspräsident des Kantons Basel-Stadt

Karin Niederberger-Schwitter, Präsidentin des Eidgenössischen Jodlerverbandes

 

Der Abschluss der musikalischen Collage aus den Schweizer Regionen: das wunderschöne „Dorma Bain, Buna Not“ aus dem Unterengadin.

Der Festumzug am 28. Juni

Das andere UNESCO-Weltkulturerbe

Museum Augusta Raurica

Vor der Eroberung durch die Römer war das Gebiet des keltischen Stammes der Rauraken nur dünn besiedelt.  Auf dem Münsterhügel lag um 30 v. Chr. die kleine Siedlung Basilia, ein Oppidum. Die Colonia Augusta Raurica wurde bereits im Jahr 44 v. Chr. gegründet.

Nach der Eroberung durch die Römer in den Jahren 15–13 v. Chr. setzte eine rasanten Entwicklung ein. Im Jahr 30 n. Chr. lebten bereits etwa 10.000 Menschen in dieser Colonia. Das Stadtbild umfasste das römische Strassensystem, ein Forum, kleinere Tempel, einen Thermenkomplex sowie weitere römische Gebäude.

Augusta Raurica um 117 n. Chr.  Bild: Museum Augusta Raurica

Augusta Raurica um 240 n. Chr.  Bild: Museum Augusta Raurica

Das heutige Forum

Um 240 lebten 15.000 romanisierte Rauraken in einer typischen römischen Stadt. Die Stadt lag am Schnittpunkt mehrerer Fernstrassen und war mit dem wichtigen Rheinhafen ein Zentrum für Handel und Warenumschlag.

Emanuel Buchel (1705-1775), das Theater um 1750. Museum Augusta Raurica

Das Theater

Das Amphitheater heute.

Rekonstruktion des Amphitheaters. Bild: Museum Augusta Raurica

Die Burg Kastell heute und im Jahr 300 n. Chr., Kaiseraugst. Bild: Museum Augusta Raurica

Ein schweres Erdbeben verursachte um das Jahr 250 grosse Schäden. Die Stadt wurde später durch Krieg und eine alemannische Invasion zerstört. Die Burg Kastell am Rhein wurde kurz nach 300 erbaut.

Diese Festung blieb bis ins frühe Mittelalter bewohnt. Die zerstörte Oberstadt hingegen blieb mehr als 1500 Jahre lang (bis ins 18. Jahrhundert) unbewohnt. Die Bevölkerung lebte während des 5. bis 7. Jahrhunderts innerhalb der Burgmauern.

Die St. Gallus Kirche

Die ’neue‘ Kirche von Kaiseraugst

Kaiseraugst, Residenz des Bischofs, 5. Jahrhundert. Der Turm der Kirche ist gerade sichtbar

Die Brunnen

Augst, Museum Augusta Raurica. Badehaus

Kaiseraugst, römisches Badehaus

Im Jahr 1000 hatte die Siedlung nur 400 Einwohner. Die neue Stadt hiess Basel. Der Bischof war bereits im 5. Jahrhundert umgezogen.

Das Freilichtmuseum Augusta Raurica in Augst/Kaiseraugst, der archäozoologische Tierpark sowie zahlreiche Museumsräume, darunter ein Lapidarium und eine Nachbildung des Innenraums einer römischen Villa, wurden im 20. Jahrhundert eröffnet. Vor kurzem wurde das neue Sammlungszentrum Augusta Raurica eingeweiht.

(Quelle: www.augustaraurica.ch).

Korrektorin: Melinda Fechner

Die Ziegelei (Kaiseraugst)

 Die Curia (Rekonstruktion)

Der Tempel auf Schönbuhl. Bild: Museum Augusta Raurica

 

Die römische Brotbackstube ist eine Rekonstruktion und an die Stützmauer des Tempels angebaut

Lapidarium

Augst nowadays and Augusta Raurica, same location

Augst heute