Le château et la collégiale de Neuchâtel (1011)

Die zwei Burgundischen Königreiche, Sapaudia und die Schweiz

Eines der interessantesten, aber vergessenen Königreiche der Schweiz bestand von 888 bis 1032; das Königreich Burgund, nicht zu verwechseln mit seinem Vorgänger von 443 bis 534.

Auch oder gerade die Schweiz, die älteste noch bestehende Republik Europas, hatte einst Könige. Dabei handelt es sich nicht um Habsburger oder Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, die bis 1499 eine politische und militärische Rolle auf dem Gebiet der heutigen Schweiz spielten, sondern um die fast vergessenen burgundischen Königreiche.

Die Burgunder

Der Ursprung der Burgunder ist die (dänische) Insel Bornholm. Von dort aus ist dieser Stamm in einem Prozess von Jahrhunderten, ähnlich wie andere germanische Stämme, in den Süden gezogen.

Um 400 liessen sich die Burgunder bei Worms nieder. Von den Römern, die damals noch das linke Rheinufer als Grenze (Limes) hatten, erhielten sie den Status eines Verbündeten (Foederatus). Im Jahr 436 wurden sie jedoch von den Hunnen fast ganz zerstört. Die Nibelungen erinnern an die Ereignisse von 436.

Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872), Nibelungen, 1847, der Tod von Siegfried. Afbeelding: Wikepedia/Nibelungen-Forum

Das erste Königreich Burgund

Durch den langsamen Niedergang des (West-)Römischen Reiches zwischen 454 und 476 konnten sich verschiedene Völker emanzipieren und Königreiche gründen. Auch die burgundischen Könige profitierten davon. Die Franken sind ein weiteres Beispiel.

Im Gegensatz zu anderen germanischen Stämmen übernahmen die deutschsprachigen Burgunder die lokale Sprache und Kultur, das Galloromanische (gallo-romain).

Dies ist bemerkenswert, denn diese Neuankömmlinge waren zwar die neuen Machthaber, aber die galloromanische Bevölkerung war viel zahlreicher. Die Grundlage und Grenze für die französischsprachige Schweiz wurden grösstenteils in dieser Zeit gelegt.

In diesem Königreich entwickelte sich eine burgundische Identität. Die (gallorömischen) Einwohner akzeptierten die neuen Machthaber und ihre Strukturen, und die neue Herrschaft übernahm die Sprache und Kultur der ursprünglichen Bewohner.

König Sigismund gründete 515 die Abtei St. Maurice (heutiger Kanton Wallis). Sie ist eines der ältesten noch funktionierenden Klöster Europas mit dem ewigen Gebet zu Gott, dem laus perennis.

Die internationale Lage war zudem komplex: aufgrund der religiösen Situation (Heidentum, Arianismus, die Kirche) und der ethnischen, politischen und kulturellen Situation (die Bischöfe, die Franken, die Alemannen, die Ostgoten, die Westgoten und andere Völker und Königreiche).

Die Alemannen, ein anderer deutschsprachiger Stamm, der aus Deutschland in andere Teile der Schweiz einwanderte, führten die germanische Sprache und Kultur ein und ersetzten innerhalb weniger Generationen die gallorömische Sprache und Kultur in diesen Regionen.

Aus dem Galloromanischen wurde das Franco-Provenzalische, die Grundlage des Französischen der französischsprachigen Schweiz.

Das erste Königreich Burgund (443-534). Foto: Wikiwand.com

Das Königreich ging 534 mangels Erbfolge im Frankenreich der Merowinger und anschliessend der Karolinger auf. Der Name Burgund war jedoch in seiner hundertjährigen Existenz zu einem Begriff geworden. Der Einfluss auf den Lauf der Geschichte war gross, sowohl für die Schweiz als auch für Europa.

Trotz des Untergangs des Königreichs Burgund im Jahr 534 nannten sich die fränkischen Eroberer (Merowinger und später die Karolinger) ebenfalls Könige von Burgund (regnum Burgundiae), so gross war das Ansehen.

Burgund war als staatliche Einheit ein akzeptierter Begriff, der in späteren Jahrhunderten in verschiedenen Gebieten und staatlichen Einheiten Anwendung finden sollte.

Sapaudia um 475. Bild: Marco Zanoli/Wikipedia

Sapaudia (Savoyen)

Sapaudia (Savoie) entstand ebenfalls in dieser Zeit als Teil dieses Königreichs. Sapaudia bedeutet „pays des sapins” (Land der Tannen). Das Gebiet von Sapaudia umfasste die Stadt und das Bistum Genf, Gebiete im heutigen Kanton Waadt und im heutigen Savoyen.

Der Vertrag von Verdun

Nach dem Frankenreich (534–888) der Merowinger und Karolinger führte die Aufteilung des politischen Erbes des Reiches Karls des Grossen (748–814) im Jahr 843 (Vertrag von Verdun) zu einer Zeit der Unruhen.

Die drei Söhne Ludwigs des Frommen (778-840), des Sohnes Karls, teilten das Reich unter sich auf. Das Gebiet des alten Königreichs Burgund (443-543) wurde Lothar (795-855) übertragen. Dieses Mittelreich umfasste die Niederlande, das Elsass, Lothringen, Luxemburg, die Schweiz und Italien.

Der östliche Teil, regiert von Ludwig dem Deutschen (804-876), wurde grob gesagt zum heutigen Deutschland und zum Kern des Heiligen Römischen Reiches (962-1806). Der westliche Teil, regiert von Karl dem Kühnen (823-877), wurde mehr oder weniger zum heutigen Frankreich und zum Königreich Frankreich (987-1789).

Traité de Verdun — Wikipédia

Der Vertrag von Verdun.Quelle: Wikipedia

In den Jahren 843, 879 und 887 gab es vier politische Einheiten mit dem Namen Burgund, grösstenteils Gebiete des alten Königreichs Burgund (443-534):

  • Das Herzogtum Burgund im Nordwesten, das in etwa dem Gebiet des heutigen französischen Burgunds entspricht und später Verwaltungszentrum der berühmten Herzöge von Burgund im 14. und 15. Jahrhundert war;
  • Die Grafschaft Burgund, das heutige Franche-Comté mit der Hauptstadt Besançon;
  • Das Königreich Basse-Bourgogne im Süden, das sich von Genf bis zum Rhonedelta erstreckte;
  • Das Königreich Haute-Bourgogne, das sich über die heutigen Kantone Genf, Waadt, Jura und die beiden Basler Kantone (Basel-Stadt und Basel-Landschaft) erstreckte.

Das zweite Königreich Burgund

Das zweite Königreich Burgund (888–1032) reichte von Nizza und der Côte d’Azur (Basse-Bourgogne) bis zum westlichen Teil der Schweiz und Ostfrankreich (Haute-Bourgogne) sowie dem mittelalterlichen Gebiet des Herzogtums Burgund und der heutigen Franche-Comté.

Im Jahr 879 entstand aus dem Königreich Basse-Bourgogne und dem Königreich Arles das Königreich Provence (Regnum Provinciae seu Burgundiae oder le Royaume de Basse-Bourgogne) mit Arles als Hauptstadt.

Payerne, Abteikirche

Das Regnum Arelatensis, das Königreich Arles, war eine geographische Einheit, die im Norden Basel, im Süden das Rhône-Delta, im Osten Zürich (welches  selbst nicht dazu gehörte) bis Nizza, im Westen der Fluss Sâone bis Nîmes (das sich gerade ausserhalb befand) als Grenze hat.

Zehn Jahre später, im Jahr 888, entstand das Königreich Jura oder Trans-Jurane Bourgogne (Regnum Iurense oder Burgundia Transiurensis) mit St. Maurice als Hauptstadt. Dieses Königreich bestand aus der Haute-Bourgogne und dem Königreich Provence.

Das zweite Königreich Burgund. Bild: Marco Zanoli/Wikipedia

Das Königreich war eine geografische Einheit, die im Osten (knapp ausserhalb) von Zürich, im Süden von Nizza, im Westen vom Fluss Saône und im Norden von Basel begrenzt wurde. Es gab eine direkte Verbindung zwischen dem Rhein und der Rhône mit den wichtigen Handelsstädten Basel, Lyon, Genf, Arles und Marseille.

Es gab auch eine kulturelle Homogenität in den französisch- und deutschsprachigen Gebieten. Nicht nur das alte Königreich Burgund (443-543) war Teil des Territoriums, auch das kulturelle Erbe des Karolingerreichs sorgte für eine Verbindung.

Der Einfluss der Abtei Cluny und die Errichtung neuer Abteien und Klöster in der heutigen Schweiz waren ebenfalls wichtige Faktoren.

Das burgundische Königreich bestand fast 150 Jahre (888-1032). Im Jahr 1032 starb der letzte König Rudolf III. (970-1032) ohne Erben. Das Königreich wurde in das Heilige Römische Reich eingegliedert.

Das dritte burgundische Königreich, das es nie gab

Burgund ist jedoch immer ein Begriff geblieben. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die Schweizerische Eidgenossenschaft 1474–1477 die Gründung des dritten Königreichs Burgund verhindert hat. Denn das war das Ziel des (letzten) Herzogs Karl dem Kühnen (1433–1477).

Er kam seinem Ziel sehr nahe, und das Königreich Frankreich hätte Geschichte sein können. Die Eidgenossen besiegten in drei Schlachten (bei Grandson, Murten und Nancy) nicht nur die übermächtige burgundische Armee, sondern beendeten auch das Leben des letzten Herzogs und dessen Ambitionen.

Karl Giradet (1813-1871),  1857. Die Schlacht (1476) bei Murten. Sammlung: Museum Murten

Schlossfolgerung

Das Herzogtum und die Königreiche Burgund existieren schon lange nicht mehr, sondern sind in Frankreich, Deutschland und der Schweiz aufgegangen. Die burgundischen Königreiche waren jedoch für die (französischsprachige) Schweiz von grosser kultureller und politischer Bedeutung

Der heutige französischsprachige Teil der Schweiz stärkte in dieser Zeit jedoch seine (sprachliche) Identität und Kultur. Die französisch-deutsche Sprachgrenze in der Schweiz verschob sich nach 1033 nicht nennenswert.

La Sarine/ die Saane, die Sprachgrenze bei Fribourg/Freiburg

Erst die Burgunderkriege zwischen 1474 und 1477 und die Besetzung des französischsprachigen Waadtlands im Jahr 1536 durch den teilweise französischsprachigen Kanton und die katholische Stadt Freiburg (Fribourg) sowie die deutschsprachige protestantische Stadt Bern führten in einigen Städten und Gebieten zu Zweisprachigkeit und Katholizismus oder Protestantismus.

Aber was haben die beiden burgundischen Königreiche Europa und die Schweiz an Inhalt, Farbe und Glanz verliehen. Payerne, St. Maurice oder beispielsweise Neuchâtel sind nur einige der vielen kulturhistorischen Erben in der Schweiz.

(Literatur: J. Favrod, Les Burgondes. Un royaume oublié au cœur de l’Europe, Lausanne 2011; F. Demotz, L’an 888. Le royaume de Bourgogne. Une puissance européenne au bord du Léman, Lausanne 2012; F. Walter, Une histoire de la Suisse, Neuchâtel, 2016)