Der Hinterrhein als Walser und romanische Kultur- und Handelsweg

Eine Reise entlang des Hinterrheins beginnt im ältesten Walserdorf Graubündens. Das Dorf ist nach der südlichen Quelle des Rheins, dem Hinterrhein, benannt. Der Vorderrhein entspringt im St. Gotthardmassiv. Ab Reichenau fliessen diese Flüsse zusammen.

Der Hinterrhein bei Hinterrhein

Hinterrhein (Kanton Graubünden) liegt 1 Kilometer vom San-Bernardino-Tunnel entfernt. Das Tal erstreckt sich noch 10 Kilometer weiter bis zum Rheinwaldhorn, das gleichzeitig die Grenze zum Kanton Tessin markiert. Der Hinterrhein entspringt im Paradiesgletscher, der zwischen dem Rheinwaldhorn und dem Rheinquellhorn liegt.

Der Hinterrhein, die Brücke aus dem Jahr 1693 und das Tal Richtung San Bernardino

Das Dorf ist ein jahrhundertealter Durchgangsort für Händler und andere Reisende. Der San-Bernardino-Pass führt ins italienischsprachige Val Calanca (Kanton Graubünden), über den Valserberg ins Walserdorf Vals, über Splügen und Nufenen über den Safierberg ins Safiental, über den Splügenpass nach Chiavenna (Italien) oder durch die Roflaschlucht und die Viamala nach Reichenau-Tamins.

Sammlung: Museum Rheinwald

Die Römer nutzten schon diese Route und bis zur Ankunft von Zug und Auto im 19. und 20. Jahrhundert waren die Verkehrsmittel dieselben: Pferd und Wagen, später Kutschen und Postkutschen, Maultiere und Esel.

Sammlung: Museum Rheinwald

Der Transport mit Maultieren und Eseln war bis zur Ankunft von Zug und Auto das wichtigste Transportmittel für Händler. Dieser Handel wird als Säumerei über Saumwege bezeichnet. Das Museum Rheinwald in Splügen widmet der Geschichte der Säumer Aufmerksamkeit.

Die Dörfer entlang der Route haben jahrhundertelang von diesem Verkehrsweg profitiert. Die (wertvollen) Güter wurden meist in einem grossen Lagerraum (Sust) gelagert. Lebensmittel, Wein, Olivenöl, Häute, aber auch Luxusgüter wie Seide, Olivenöl und Gewürze wurden über diese Route transportiert.

Gasthäuser für Säumer, Kutscher und Passagiere, Lebensmittel und Wechselstationen für Pferde und andere Tiere, Kutschen, Reparaturbetriebe, Schmiede, Bauern und verschiedene andere Zulieferer und Dienstleister brachten Wohlstand und Arbeit auf dieser internationalen Transitroute.

Die Viamala

Die Handelshäuser und Stadtpaläste in diesen Dörfern erinnern an diese Zeit. Die traditionellen Holzhäuser der Walser und Lagerhäuser stehen jedoch mitten darin. Unternehmergeist, Tradition und Innovation in der Schweiz.

Hinterrhein

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts liessen sich deutschsprachige Walser an diesem Ort im Rheinwald nieder. Die Walser sind Einwanderer aus dem Wallis. Wahrscheinlich wanderten sie aufgrund von Überbevölkerung und Erbfolgefragen in grosser Zahl nach Graubünden und andere Regionen aus. Vom Dorf Hinterrhein aus zogen sie dann in Richtung Vals, Splügen und andere Gebiete Graubündens.

Vertrag zwischen dem Herrn Von Sax Misox und den Walsern in Hinterrhein, 1286. Sammlung: Archiv Hinterrhein

Die Walser erhielten die Erlaubnis und (steuerliche) Privilegien der Eigentümer dieser Ländereien. Die Herren von Sax Misox (Burg Messoco) und von Vaz schlossen Verträge mit den Walsern.

Hinterrhein

Nufenen

Weiter flussabwärts liegt das Walserdorf Nufenen. Das Dokumentationszentrum Walserama gibt umfassende Informationen über die Walser, ihre Kultur, ihren Handel, ihre Sprache und ihre Landwirtschaft.

Splügen

Das Dorf gilt sozusagen als Modelldorf für den Transitverkehr mit seinen Walsergebäuden und den italienisch geprägten Stadtpalästen aus Stein. Das Museum Rheinwald ist in einem dieser Paläste untergebracht. Der Heimatschutz hat Splügen 1995 den Wakkerpreis verliehen. Die viaSpluga ist ein Wander- und Kulturweg zwischen Thusis (Via Mala) und Chiavenna über den Splügenpass.

Sufers

Sufers ist heute vor allem wegen seines Stausees und seines Elektrizitätswerks sowie der gigantischen Festung Crestawald bekannt, die zur Zeit des Réduit (1940-1945) als Verteidigung gegen die italienische Diktatur gebaut wurde.

Schams

Das ursprünglich romanischsprachige Gebiet umfasst die Via Mala, die Rofflaschlucht, das Val Ferrera mit Andeer und Zillis als wichtigste Dörfer, neben verschiedenen kleinen Weilern. Bis ins 20. Jahrhundert blieb Romanisch die dominierende Sprache, und Walser liessen sich hier nicht oder nur in kleinen Zahlen nieder.

Zilllis

Andeer

Weiter flussabwärts liegt der Ort Andeer. Andeer war bis vor einigen Generationen ebenfalls ein romanischsprachiges Dorf. Der Bau der Via Mala im Jahr 1473 und die neuen Verkehrswege in den Jahren 1818-1822 führten auch in Andeer zu einem starken Anstieg von Wohlstand, Beschäftigung und Einwohnern.

Die Rofflaschlucht und ihr Gasthaus profitierten ebenfalls davon, bis zur Eröffnung des Gotthard-Eisenbahntunnels und später der Ankunft der Autos.

Reichenau

Der Hinterrhein und der ehemalige Säumerweg setzen ihre Route unter anderem über Thusis, Fürstenau, Rhäzuns und Bonaduz fort, um bei Reichenau-Tamins mit dem Vorderrhein und dessen Säumerweg zusammenzukommen.

Schlussfolgerung

Was heute gut befahrbare Strassen mit der Via Mala und der Rofflaschlucht als touristische Attraktionen sind, waren jahrhundertelang gefährliche und notwendige Verkehrswegen in allen (rauen) Jahreszeiten.

Die Ankunft der Walser ab dem 13. Jahrhundert führte zu neuen Dörfern, anderen landwirtschaftlichen Methoden, anderem Hausbau und anderer Sprache, zur schnellen Entwicklung von Handels- und Verkehrswegen und auch zu einer Abholzung der Wälder aufgrund des grossen Holzbedarfs.

Die romanische Sprache hat sich ab Andeer lange gehalten und ist erst im Laufe des 20. Jahrhunderts weitgehend dem Deutschen gewichen. Heute gibt es jedoch wieder mehr Interesse und Nutzung der romanischen Sprache.

Fazit

Die Schweiz ist (vorerst) ein erfolgreicher Schmelztiegel der Sprachen, Kulturen und Religionen, und auch Graubünden mit seinen italienischen, deutschen, romanischen und Walser Wurzeln zeugt davon.

Lektorat und Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Die Viamala

 

 

Das Basler Rheinschwimmen

Am 12. August fand das jährliche Basler Rheinschwimmen (Basler Rhyschwimme) statt. Der Start erfolgte pünktlich um 18.00 Uhr. Der Parcours erstreckte sich über 1,5 km vom Museum Tinguely bis zur Johanniterbrücke am Kleinbasler Ufer.

Eine kleine Zahl von Baslern und Baslerinnen schwimmt von Frühling bis Herbst im Rhein, bei jedem Wetter. Die Tapferen halten sogar in den Wintermonaten durch. In den Sommermonaten und besonders bei schönem Wetter ist der Rhein jedoch ein Freibad.

Rund fünftausend Schwimmerinnen und Schwimmer begaben sich in einem feierlichen Zug zum Startpunkt und stiegen bei 23,5 Grad Celsius ins Wasser. Trotz des niedrigen Rheinpegels fliesst der Rhein (noch) in Richtung Rotterdam. Nach 1,5 km flussabwärts erwartete die Teilnehmer und Teilnehmerinnen am Ziel ein musikalischer und kulinarischer Empfang.

Die Veranstaltung wird von der Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft Sektion Basel organisiert.

Korrektorin: Petra Ehrismann

Logo: www.sport.bs.ch

 

Die Walser, Davos, Holsboer, der Zauberberg, Mann und Kirchner

Vor den Walsern war die Landschaft von Davos (Kanton Graubünden) von romanisch Sprechenden bewohnt. Gemäss einer Urkunde aus dem Jahr 1213 soll Davos von Obervaz, Lenz, Brienz und Alvaneu her besiedelt worden sein.

Deutschsprachige Walser unter den Freiherren von Vaz besiedelten das Gebiet. Die Walser waren dazu berechtigt, ihren Lebensraum auch über die Umgebung von Davos hinaus auszudehnen. So entstanden auch Arosa, Lenzerheide und andere Dörfer.

Davos und der See

Davos nahm im Walsergebiet, das sich 1436 zum Zehngerichtebund zusammenschloss, eine führende politische Rolle ein. Dieser Bund war die demokratischste der Drei Bünde (Gotteshausbund, Grauer Bund and Zehngerichtebund).

 

Das Schweizerhaus

Ausschliesslich Bauern, Kaufleute und andere Bürger vereinigten sich miteinander. Von Anfang an galt der Grundsatz, dass sich die Minderheit der Mehrheit zu fügen habe. Als Tagungsort wurde Davos bestimmt, Haupt des Zehngerichtebundes war der Landammann von Davos.

Seit mehr als 700 Jahren präsentiert sich das Rathaus als politisches Zentrum. Seine grösste Bedeutung erlangte es nach der Gründung des Zehngerichtebundes, der in Davos tagte.

Das Rathaus wurde auch zum Gerichtssitz. 1559 brannte das aus dem 13. Jahrhundert stammende Gebäude  nieder, wurde wenige Jahre später wieder aufgebaut. 1856 wurden im Rathaus zwei Fremdenzimmer eingerichtet. Das Bettenangebot wurde ständig vergrössert, so gross war die Nachfrage. Die strenge kubische Form erhielt es 1930.

Sammlung: Waldhotel Davos

Die Kurgeschichte begann im Jahr 1853. Alexander Spengler aus Deutschland und der Holländer Willem Holsboer errichteten 1868 die Kuranstalt Spengler-Holsboer. Holsboer gründete auch die Eisenbahnlinie von Landquart nach Davos.

Die Englische Kirche St. Luke wurde 1883 durch die englische Kolonie im Stil einer neuromanischen Bergkirche erbaut.

1869 kam der erste englische Gast nach Davos und wenig später reisten immer mehr Engländer nach Davos. Viele Engländer verblieben in Kurhotels oder bauten Villen. So entstand, wie in vielen anderen Dörfern des Kantons (und der Schweiz), das Englische Viertel. Von 1891 bis 1939 hatten sie ein Konsulat, eine Zeitung und eine Bibliothek mit 6000 Bänden, einer der grössten englischen Bibliotheken auf dem Kontinent.

Von der  starken Präsenz der Engländer spricht auch der Bau des Hotels Belvedere, das auf Drängen eines Engländers nach modernsten Erkenntnissen erbaut wurde.

Hotels, Pensionen, Sanatorien und Villen wuchsen wie Pilze aus dem Boden. Mit den Kurgästen kamen auch der Sommer- und Wintersport nach Davos. Entscheidend war der Bau von Bergbahnen und Skiliften.

Um die Jahrhunderte lebten neben besonders vielen Deutschen und Engländern auch über  3000 Russen in Davos. Wie die Engländer hatten auch sie eine eigene Bibliothek, eigene Konzerte, ein russisches Theater und die Zeitschrift „Dawosskij Westnik„. Wegen des Kriegsausbruchs von 1914 wurde der Bau einer russischen Kirche eingestellt.

Das Kongresszentrum

Davos ist heute auch ein Kongress- und Wissenschaftszentrum und beherbergt renommierte Forschungsinstitute.

(Quelle: www. gemeindedavos.ch)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Thomas Mann, der Zauberberg, das Waldhotel und Ernst Ludwig Kirchner

Wer Davos sagt, sagt auch Thomas Mann (1875-1955)  und Ernst-Ludwig Kirchner (1880-1938). Vom 15. Mai bis 12. Juni 1912 wohnte Thomas Mann im Haus am Stein unterhalb des heutigen Waldhotels Davos, des damaligen Waldsanatoriums.

Dort weilte seine Frau Katia Mann (1883-1980) zur Kur. Inspiriert durch seine Eindrücke schrieb er von 1913 bis 1924 sein bedeutendes Werk „Der Zauberberg“. Das Buch verschaffte Davos und dem heutige Waldhotel einen Platz in der Weltliteratur.

Im Waldhotel Davos sind am 8. und 28. August und am 11. September im Thomas Mann Jahr 2025, in dem sich der Geburtstag des Schriftstellers zum 150. Mal jährt, Aufführungen der VR-Installation „Being Thomas Mann“ vorgesehen.

Lektorat und Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

   

Eindrücke aus dem heutigen Waldhotel Davos

Ernst Ludwig Kirchner

Ernst Ludwig Kirchner war ein deutscher Maler und Grafiker. Er zählt zu den wichtigsten Vertretern des Expressionismus und er war ein Gründungsmitglied der Künstlergruppe Brücke. 1917 zog er in die Schweiz, nach Davos. Das Kirchner Museum Davos ist dem Künstler gewidmet.

Plakat im Waldhotel Davos

Das Waldhotel Davos

Das Bischofsdorf Ernen wird zum Musikdorf

In Ernen (Kanton Wallis) hatte der Pianist György Sebők (1922-1999) den idealen Ort für die Auseinandersetzung mit Musik gefunden. Aus seinen Meisterkursen erwuchs in den vergangenen Jahrzehnten eine musikalische Oase in den Alpen.

Das Festival Musikdorf Ernen zeichnet sich durch eine einfallsreiche Programmgestaltung aus. Jeden Sommer verwandelt sich das Bergdorf in ein kulturelles Kaleidoskop mit Barockmusik, Klavierrezitals, Jazzkonzerten, Lesungen, Orchester- und Kammermusik.

Auch die Meisterkurse, innovative Kunst, Lesungen und eine Schreibwerkstatt ziehen Musiker und  Besucher aus aller Welt an. Das ehemalige Bischofs- und Kardinalsdorf wird zum Musikdorf.

(Quelle und weitere Informationen: Musikdorf Ernen)

Der Nationalfeiertag, Swissness und die sui generis Europäische Union

Der Schweizer Nationalfeiertag, die Bundesfeier oder la Fête nationale suisse, findet seit 1891 jährlich am 1. August statt. Die junge Konföderation, die 1848 nach einem jahrhundertelangen Prozess entstanden ist, erinnerte an das (mythische) Bündnis der Eidgenossen Uri, Schwyz und Unterwalden im Jahr 1291.

Das Bundesbriefmuseum und das Forum Schweizer Geschichte in Schwyz sowie das Landesmuseum in Zürich geben in Wort, Bild und Dokumentation Einblick in diese Entstehung.

Basel, am 1. August 2025

Rückblick ist wichtig, notwendig und sinnvoll. Wir leben jedoch in der Gegenwart mit Blick auf die Zukunft. Was vereint 26 Kantone und ihre unterschiedlichen Sprachen, Kulturen, Religionen und Wirtschaftssysteme heute? Trotz dieser Unterschiede und manchmal Konflikte gibt es einen verbindenden Faktor, nämlich das Schweizer Lebensgefühl, Swissness oder Schweizness (la suissitude auf Französisch) und das menschliche Mass.

Bern, Bundeshaus, die 26 Kantone 

Das Schweizer Lebensgefühl ist eine Lebensweise, die sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat. Die Verfassung und ihre mehrfach angepassten und ergänzten Texte von 1848 sind die juristische und politische Darstellung dieses Lebens auf nationaler, kantonaler und kommunaler Ebene. Das Schweizer Lebensgefühl hat also nichts mit persönlichem Glück oder Unglück oder mit (finanziellen) Lebensverhältnissen zu tun.

Landesmuseum, Plakat der Verfassung, 1848

Die Verfassung

Direkte Demokratie, Subsidiarität und die föderale Struktur des Landes sind Ausdruck des Schweizer Lebensgefühls, das heisst, wie die Einwohner ihr Leben gestalten können. Der Bürger und die Kantone stehen in diesem System im Mittelpunkt. Dies kommt auch in der Präambel und den Artikeln 1 und 2 der Verfassung zum Ausdruck:

Präambel

Das Schweizervolk und die Kantone, in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung, im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken, im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben, im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen, gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen, geben sich folgende Verfassung:

Art. 1

Art. 1. Schweizerische Eidgenossenschaft Das Schweizer Volk und die Kantone bilden die Schweizerische Eidgenossenschaft.

Art. 2

(1) Die Schweizerische Eidgenossenschaft schützt die Freiheit und die Rechte des Volkes und wahrt die Unabhängigkeit und die Sicherheit des Landes. 

(2) Sie fördert die gemeinsame Wohlfahrt, die nachhaltige Entwicklung, den inneren Zusammenhalt und die kulturelle Vielfalt des Landes.

(3) Sie sorgt für eine möglichst grosse Chancengleichheit unter den Bürgerinnen und Bürgern. 

(4) Sie setzt sich ein für die dauerhafte Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und für eine friedliche und gerechte internationale Ordnung.

Nach der Einführung des obligatorischen Referendums im Jahr 1848 folgten 1874 und 1891 das fakultative Referendum und die Volksinitiative. Diese weitreichenden Befugnisse für Bürger kamen nicht aus dem Nichts, sondern hatten in verschiedenen Kantonen bereits eine Geschichte und Tradition.

Selbst die bis 1798 oligarchisch regierten Kantone des Ancien Régime gingen nach vielen (internen) Diskussionen und aufgrund der Erfahrungen in der französischen Zeit (1798-1813) dazu über. Diese Entwicklung war nicht selbstverständlich, sondern das Ergebnis einer politischen Bewegung, die auch von der „Landsgemeinde“ und der französischen Zeit inspiriert war.

Genf, den 25. September 2022, ein fakultatives Referendum

Die Konflikte zwischen und in den Kantonen eskalierten damals, doch letztendlich hatten und haben die Bürger und Kantone, wie die Präambel und die Artikel 1 und 2 auch garantieren, in Bezug auf die Befugnisse der Föderation, Freiheit, Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden das letzte Wort.

1848-2025

Die Verfassung von 1848 und ihre Anpassungen sind die Grundlage für das „Schweizer Wirtschaftswunder“, den starken Schweizer Franken, gute (universitäre und berufliche) Bildung, das Milizsystem, Solidarität und das System der sozialen Sicherheit.

Viele Schweizer und Schweizerinnen reisten oder emigrierten auf Holzflössen schon im 16. und 17. Jahrhundert und entdeckten die Welt. Eine Nachbildung dieser Holzflössen ist in der Bastei in Nimwegen zu bewundern. Ein Zeugnis aus dem Jahr uit 1611: “Als ich 1611 im Früling mit Gottes hilff auff meinem Handwerck zu wandern auf den Rheinstrom hinabgezogen und zu Amsterdam angelangt, allda auch einen Meister gefunden“, aus: Reiseberichte (1624) von Samuel Braun aus Basel, verarbeitet im Roman von Helen Liebendörfer, Die Abenteuer des Samuel Braun. Als Schiffarzt nach Afrika (Basel 2023)

Dieses System mit 26 verschiedenen Kantonen kann nur funktionieren, wenn die Bürger es miterleben, unterstützen und mitgestalten. Und das tun sie. Das hat mit der Mentalität des Landes in Wirtschaft, Bildung, Kultur und Gesellschaft zu tun: hart arbeiten, innovativ, kreativ, mit einem offenen Auge für das Ausland in Bezug auf Export, Studium, Auswanderung, Reisen und Arbeiten und auf politischer Ebene auf Dialog, Kompromiss, Respekt und Toleranz ausgerichtet.

Fasnacht 2023, Laterne. Die 26 Kantone und das Engagement der Einwohner

Rosinenpicker oder Europäer und Weltbürger

Oft wird das Land als „Rosinenpicker“ bezeichnet, insbesondere von der EU und ihren Anhängern in der Schweiz. Aber wer pickt die „Rosinen“? Etwa 400.000 Franzosen, Italiener und Deutsche arbeiten als Grenzgänger in diesem kleinen Land! Darüber hinaus arbeiten und leben Hunderttausende EU-Bürger in der Schweiz.

Zum Vergleich: In den Niederlanden, Frankreich, Italien oder Deutschland arbeiten viel weniger Schweizer. Das Land hat die weltweit beste Berufsausbildung, die besten Universitäten, Forschungsprogramme und -institute.

Die Bürger leben buchstäblich und im übertragenen Sinne nahe an der Natur. In allen Kantonen und Gemeinden stehen „Bio“ und Respekt vor der Natur seit Generationen im Vordergrund, saubere „weisse Energie“ macht etwa 50 % des Energiebedarfs aus.

Andeer, Wasserkraftwerk im Hinterrhein

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte übertreibt jedoch mit einem faktisch und juristisch absurden Urteil über eine von Greenpeace inszenierte Angelegenheit (abgesehen von anderen aktivistischen Urteilen, die in Zusammenarbeit mit dem ebenso politisch geprägten Gerichtshof der Europäischen Union ergangen sind).

Zinal, Alpage de Cottier

Das Land hat auf eigene Kosten, rechtzeitig und ohne allzu viel Korruption, teure relevante europäische Verkehrsverbindungen errichtet. Die EU und ihre Mitgliedstaaten ignorieren jedoch die diesbezüglichen Vereinbarungen und sogar die bindenden Ergebnisse eines Referendums (1994).

Das Kleinreden der Schweiz

In bestimmten Kreisen ist es seit Jahrzehnten jedoch üblich, die Schweiz systematisch kleinzureden, um in der vermeintlichen internationalen Solidarität der europäischen Brudervölker aufzugehen. Wo haben wir das schon einmal gehört?

Die EU ist zudem kein sicherer politischer, rechtlicher, monetärer, finanzieller, demokratischer, wirtschaftlicher, sozialer und wissenschaftlicher Hafen, sondern eine Disunion, die immer instabiler, höher verschuldet, bürokratischer und zentralistischer wird. Die meisten ihrer Mitglieder sind dies bereits.

Auch der ‚Deal‘ mit Trump ist nicht nur extrem teuer, sondern zudem ohne tatsächliche Unterstützung, beispielsweise von Frankreich.

Es ist opportunistisch, aufgrund der vorübergehenden Idiokratie eines amerikanischen Präsidenten das jahrhundertealte, organisch gewachsene und erfolgreiche Modell der Schweiz aufzugeben. Dieses Modell befindet sich nicht am Ende seiner Entwicklung, sondern hat eine vielversprechende Zukunft.

 Die Europäische Union

Was verbindet die Bürger der Länder (sagen wir Kantone) der Europäischen Union miteinander? Was haben Finnen mit Griechen, Iren mit Bulgaren und, wer weiss, in einigen Jahren Türken mit Schweden gemeinsam? Nur das Top-Down-Konzept, Zentralismus mit seiner Bürokratie, immer mehr Subventionen, Schulden und „one size fits all“ halten diese Union zusammen.

Die EU funktioniert, solange Interessen geteilt werden, aber Ambitionen, Rhetorik und Worte können grundlegende Unterschiede nicht überbrücken. Kein vernünftiger Mensch ist gegen diese Europäische Union mit ihrer notwendigen, gut funktionierenden und wichtigen Zusammenarbeit.

Aber die demokratische, kulturelle, soziale und gesellschaftliche Basis für die  wachsende EU fehlt. Diese Union ist zudem nicht in der Lage, sich zu reformieren, und die Einwanderungs-, Euro- oder Aussenpolitik gerät in einen Sumpf aus Uneinigkeit, Misserfolgen und Rhetorik.

Angstmacherei und Angst (EU-Binnenmarkt, Wissenschaft, Trump, China, Russland und so weiter) sind keine gute Grundlage, um unrealistische europäische föderale Ambitionen als „notwendig und alternativlos“ darzustellen, während zwischenstaatliche Zusammenarbeit oft effektiver, transparenter und vor allem demokratischer ist.

Laterne Fasnacht 2025, Amerika heute

Parallele Gesellschaften, Opt-Out und Menschenrechte

Der Vertrag mit der EU sollte sich daher nicht um Einwanderung als solche gehen (die Schweiz ist glücklicherweise seit vielen Generationen ein Einwanderungsland), sondern darum, die Entstehung paralleler Gesellschaften wie in anderen EU-Ländern zu verhindern. Das ist ein verfassungsmässiges Menschenrecht für die Einwohner (Bürger und Nichtbürger) des Landes.

EU-Länder wie Dänemark und Polen widersetzen sich offen der gescheiterten europäischen Einwanderungspolitik. Die Schweiz übernimmt sie jedoch im beabsichtigten Vertrag ohne Opt-out.

Dabei wird ignoriert, dass der Erwerb der deutschen, niederländischen, portugiesischen oder spanischen Staatsbürgerschaft für (zu) viele nicht integrierte Einwanderer relativ einfach ist, die aufgrund dieses EU-Passes zugleich Zugang zur Schweiz haben.

Oft ist es kein Problem, mit weit verzweigten Familien- oder Freundesbeziehungen in der Schweiz einen Arbeitsvertrag bei (obskuren) Unternehmen zu bekommen. Es ist auch ziemlich naiv zu glauben, dass ein Arbeitsvertrag in diesem Zusammenhang eine ernsthafte Voraussetzung für eine Aufenthaltsbewilligung ist. Auch die Familienzusammenführung ist ein offenes Ende und wird ebenfalls für Überraschungen sorgen.

Und warum schon nach fünf Jahren eine permanente Aufenthaltsbewilligung? Diese soll man verdienen und es soll kein Recht sein. Zehn Jahre Aufenthalt in der Schweiz sind das Mindeste, um diese (komplizierte) Gesellschaft kennenzulernen. Es lohnt sich.

Vertrag der Union monétaire latine, 23. Dezember 1865. Bild: Wikipedia

 Fazit

In der Beziehung zur EU sollte nicht der Text eines Vertrags im Mittelpunkt stehen, sondern das Schweizer Lebensgefühl oder Swissness, wie es in der Präambel und den Artikeln 1 und 2 der Verfassung zum Ausdruck kommt.

1848 gab es noch keine Organisation sui generis wie die EU. Der Gesetzgeber hätte aufgrund der Beschränkung der direkten Demokratie, der Subsidiarität und der föderalen Struktur im beabsichtigten Vertrag oder im neuen institutionellen Rahmenabkommen auch die EU „sui generis“ von 1957 und damit die doppelte Mehrheit von Kantonen und Bürgern (Präambel und Art. 1 und 2) im Auge.

Worte sind zudem geduldig und allzu oft hat die EU gezeigt, dass sie kein verlässlicher Partner ist. zum Beispiel der Ausschluss von Horizon, NEAT, Börsenäquivalenz und anderen Drohungen oder wenn der Gerichtshof der Europäischen Union aus politischen Gründen Verstösse gegen das europäische Recht ignoriert („Dublin“, Euro oder staatliche Beihilfen und Monopole (EDF) Frankreichs).

Entwicklung des Euro-CHF-Wechselkurses 2002–2025. Quelle: www.schweizer-franken.eu

Die Europäische Kommission verklagt heute die Niederlande jedoch wegen des Monopols der Niederländischen Eisenbahnen (NS). Und wie sieht es für die SBB, die Schweizer Salinen und z.B. das Postauto aus? Schliesslich handelt es sich um den EU-Binnenmarkt.

Es ist ziemlich naiv zu glauben, dass die Praxis mit einem neuen Vertrag anders sein wird. Im Gegenteil: Trotz süss klingender Texte wird die Realität den Text einholen.

Das Mitreden der Schweiz ist zudem etwas anderes als Mitentscheiden, und die niederländische Erfahrung hat gezeigt, dass selbst Mitentscheiden sehr relativ ist (3 % Einfluss) und „Schuldner“ im Widerspruch zum EU-Vertrag beispielsweise eine französisch-italienische Währung und eine französisch-italienische Europäische Zentralbank geschaffen haben.

The Mont Terri Rock Laboratory, St. Ursanne

Die Schweiz ist eine kosmopolitische Gesellschaft hinsichtlich Mentalität, Wirtschaft, Einwanderung, Bildung, Kultur, Forschung und Bevölkerung. Das Land lag lange vor der Entstehung der EU mitten in Europa und war und ist in vielen Bereichen ein loyaler europäischer und globaler Akteur, jedoch unter Beibehaltung der direkten Demokratie, der Subsidiarität, der föderalen Struktur sowie des Fundaments ihres Bestehens.

Eigeninitiative und Verantwortung in Kombination mit dem Milizsystem, der Solidarität und der Rücksicht auf Minderheiten und Schwächere sind wichtige Säulen. Sogar Klöster florieren in diesem System!

Wie lässt sich erklären, dass der „Musterknabe“ Deutschland gerade wegen EU-Vorschriften (unter anderem katastrophale Klimapolitik, (gescheiterter) Euro, unkontrollierte Migration) am Rande des sozialen, wirtschaftlichen, monetären und politischen Zusammenbruchs steht? Offenbar ist die EU doch kein Wundermittel.

Ausserdem wird die Demokratie durch die privilegierte und überbezahlte europäische Bürokratie sowie durch mächtige Lobbyorganisationen immer weiter ausgehöhlt. Das niederländische Parlament hat, zum Beispiel, meist keine Ahnung, welche Gesetzgebung gerade vorbereitet wird, oder seine Mitglieder werden zu spät, unvollständig oder falsch informiert.

Der Rhein bei Eglisau, Grenze mit Deutschland 1939-1945

Zudem haben sie schon genug mit den komplexen Fragen im eigenen Land zu tun. Ganz zu schweigen davon, dass das Schweizer Parlament ausreichend Einblick haben könnte oder dass Bürger ein Referendum über EU-Regeln organisieren könnten (unter Androhung von Sanktionen durch die EU).

Das ist die Realität innerhalb der EU, die nicht einmal den Sitz ihres Parlaments regeln kann. „Zämme in Europa“ existiert hauptsächlich auf dem Papier und in den Köpfen der Euroidealisten.

Die Schweiz sollte sich nicht weiter „europäisieren“, aber die EU täte gut daran, sich in vielerlei Hinsicht zu „verschweizern“ und zu akzeptieren, dass das Land ist, was es ist: Keine Insel, kein Paradies, aber (vorerst) eine wirtschaftliche, demokratische, sozial stabile Oase mitten in Europa. Nicht die Schweiz ist das Problem, sondern in (zu) vielen Aspekten diese EU!

Diese EU würde niemals als 27. Kanton in die Schweizerische Eidgenossenschaft aufgenommen werden, da sie eine mangelhafte Demokratie, hohe Schulden, Zentralismus, keine Subsidiarität und eine schwache Währung aufweist!

Das Land sollte sich jedoch für die Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich stärker öffnen. Im Gegensatz zum Swissness, zur direkten Demokratie, zur Subsidiarität und zur föderalen Struktur lässt sich Neutralität im aktuellen Kontext relativieren. Dies gilt umso mehr, als die Schweiz 1939-1945 und im Kalten Krieg nicht wirklich neutral war.

Lektorat und Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Klöster als traditionelle schweizerische Quelle von Innovation und Unternehmergeist

Viele Klöster in der Schweiz wurden im Laufe der Jahrhunderte aufgehoben, insbesondere nach der Reformation, während der französischen Besetzung (1798-1813) und im 19. Jahrhundert. Einige wurden abgerissen, andere haben eine neue Bestimmung erhalten, meist unter Erhaltung des Komplexes.

St. Urban

Muri

Trotz der Säkularisierung im 20. Jahrhundert und der abnehmenden Zahl von Mönchen und Nonnen tauchen in der Landschaft, in Städten oder Dörfern an unerwarteten Orten noch funktionierende Klöster auf. St. Johann in Müstair (Kanton Graubünden), Mariastein bei Metzerlen (Kanton Solothurn), Bigorio (Kanton Tessin), Einsiedeln (Kanton Obwalden) oder Notkersegg (Kanton St. Gallen) sind nur einige Beispiele.

Was diese Klöster gemeinsam haben, ist ihre Kreativität, Innovation, Tatkraft und Offenheit, um mit der Erhaltung ihrer Tradition und religiösen Praxis fortzubestehen. In gewisser Weise symbolisieren sie die Schweiz. Zwei Klöster können beispielhaft genannt werden, mit Verweis auf verschiedene andere, bereits besprochene Klöster.

 Das Benediktinerkloster Fischingen

Das Benediktinerkloster Fischingen (Kanton Thurgau) an der Murg, nicht weit von der alten Residenz Wil des Abtes des Klosters St. Gallen entfernt, wurde 1138 gegründet. Der Komplex zählte im 13. Jahrhundert nicht weniger als 150 Mönche und 120 Nonnen.

Die Grafen von Toggenburg, als deren Nachfolger die Habsburger und 1460 die Eidgenossenschaft (Eroberung Thurgau) waren die Schutzpatrone. Das Kloster überlebte die Reformation und wurde sogar nach dem Konzil von Trient (1545-1563) ein Stützpunkt in der Gegenreformation.

Die erste romanische Klosterkirche stammte aus dem Jahr 1144. Nach mehreren Bränden und einem gotischen Umbau im Jahr 1440 wurde die heutige barocke Kirche 1687 eingeweiht. Andere Gebäude des riesigen Komplexes wurden um 1750 erbaut.

Die Idda-Kapelle ist eine wichtige Station auf dem Pilgerweg von Konstanz nach Einsiedeln. Die Kapelle ist nach Idda benannt, der Ehefrau des Grafen von Toggenburg, dem Schutzpatron des Klosters. Sie lebte im 12. Jahrhundert und lebte nach dem Tod ihres Mannes als Klausnerin in der Nähe des Klosters.

Was den französischen Besatzern 1798-1813 nicht gelang, schaffte der Kanton Thurgau 1848 per Dekret: Das Kloster wurde aufgehoben und der Besitz privatisiert. Doch das private Engagement spielt in diesem bottom-up organisierten Land in allen Kantonen eine wichtige Rolle.

Ein katholischer Verein kaufte 1879 den Klosterkomplex und richtete ihn als Waisenhaus ein, das von Benediktinermönchen geleitet wurde. Am 28. August 1977 folgte sogar die feierliche Wiedereröffnung des Klosters als eigenständiges Benediktinerpriorat.

 

   

Von Bedeutung in dieser Geschichte ist jedoch die heutige Bestimmung des Klosters. Heute gibt es noch 4 Mönche im Alter zwischen 60 und 80 Jahren. Wie in vielen Klöstern ist das Interesse am Eintritt gering, und doch hat die Abtei eine kreative Lösung gefunden, um zumindest das physische Fortbestehen zu sichern.

Ein kleiner Teil des Komplexes ist für die Mönche reserviert. Der übrige Teil wurde jedoch in einen Hotel-, Restaurant- und Seminarkomplex umgebaut. Darüber hinaus gibt es noch verschiedene andere Unternehmen, darunter die Brauerei, die Sägerei und die Möbelschreinerei. Tradition, Innovation und Unternehmergeist eines Klosters in einem kleinen Dorf im Thurgau.

 Das Zisterzienserkloster Magdenau

Das Frauenkloster Magdenau (Kanton St. Gallen, Gemeinde Degersheim) wurde im 13. Jahrhundert gegründet. Die ersten Klosterfrauen bildeten davor eine lose Gemeinschaft in St. Gallen. Sie wurden «Beginen» genannt.

Mit Einverständnis des Abtes von St. Gallen schenkten der Ritter Rudolf Giel und seine Frau Gertud den Frauen die Kirche St. Verena und zu ihr gehörende Höfe und Güter.

Die ehemalige Pfarrkirche St. Verena

Papst Innozenz IV. (1195-1254) stellte das Kloster unter seinen Schutz und gliederte es 1250 in den Zisterzienserorden ein. Die Äbte von Wettingen standen dem Kloster in kirchlichen und ökonomischen Angelegenheiten bei.  Das Prestige war bereits so gross, dass sogar der mächtige Abt von Reichenau das junge Kloster unterstützte. Das Kloster wirtschaftete erfolgreich und erwarb günstig gelegene Weinberge bei Weinfelden. Diese wurden erst nach mehreren Missernten 1912 verkauft.

Trotz Krisen und Rückschläge, der Aufhebung (1529-1532), der staatlichen Aufsicht (1798-1813 und 1829-1842) und des erzwungenen Verkaufs vieler Güter konnten die Nonnen ihr Klosterleben fortsetzen, bis heute.

Sie legten vier Weiher als Energiespeicher an, betrieben mehrere Mühlen und eine Ziegelhütte, kümmerten sich um Wälder, Wege und Wiesen. Sie setzten zahlreiche Obstbäume, führten eine Klosterapotheke und waren Imkerinnen. Sie wirtschafteten zielstrebig und waren sozial engagiert. Noch heute sind dem Kloster ein landwirtschaftlicher Betrieb, eine Sägerei und das Gasthaus Rössli angegliedert.

Die Klosterfrauen bebauen heute einen naturnahen Klostergarten und bieten Übernachtungen und Führungen an. Sie leben religiös und weltzugewandt zugleich und setzen sich mit ihren Mitarbeitern für eine gesunde Verbindung zwischen Spiritualität und Tradition, zwischen Innovation und Nachhaltigkeit.

Lektorat und Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Das Klosterhof Rössli

Degersheim

 

Restaurant-Hotel Wolvensberg

Eine schweizerische Geschichte in der Rofflaschlucht

Die Schweizer haben jahrhundertelang an den unmöglichsten Stellen Brücken gebaut, Flüsse gezähmt, Tunnel und Eisenbahnen mitten durch die Berge gebaut. Eine der bemerkenswertesten Initiativen ist jedoch der Bau einer Felsengalerie unter dem Rhein, dem Hinterrhein, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, fäst ahnlich wie die Eisgrotte im Rhonegletscher!

Das Museum im Gasthaus

Maria (1869-1941) und Christian Pitschen-Melchior (1862-1940). Sammlung Museum im Gasthaus

Diese Geschichte ist auch eine Schweizer Geschichte: Auswanderung oder Arbeitssuche im Ausland (wie zum Beispiel unzählige Unternehmer, Zuckerbäcker, Söldner in fremden Armeen oder Gouvernanten für Kinder wohlhabender Familien), Heimweh, Unternehmertum und Innovation.

Das Gasthaus in der Rofflaschlucht besteht schon seit vielen Generationen. Die Strasse, die an diesem Gasthaus vorbeiführt, war seit Jahrhunderten der einzige Weg, der in dieser Gegend über die Alpen, den Splügenpass oder den St. Bernardinopass nach Italien führte. Das Gasthaus war also Raststätte und Unterkunft für Menschen, Kutschen und Pferde. Dadurch hatte die Familie ein gutes, wenn auch bescheidenes Einkommen.

Als Ende des 19. Jahrhunderts die Gotthard-Eisenbahn eröffnet wurde, verlagerte sich ein großer Teil des Verkehrs. Die Familie Christian Pitschen-Melchior hatte schon bald nur noch ein minimales Einkommen und so beschloss man, 1890 nach Amerika auszuwandern. Ihre Eltern blieben und bewirteten weiterhin die wenigen Gäste und führten den kleinen Landwirtschaftsbetrieb.

In New York angekommen, suchten sie sich eine Arbeit. Die Familie vergrösserte sich immer mehr, aber auch mit den Kindern fühlten sie sich in New York nicht wohl.

Christian Pitschen-Melchior arbeitete eine Zeit lang auch als Diener bei einem reichen Engländer. Mit diesem machte er eine Reise durch Amerika, unter anderem kamen sie auch an den Niagara-Wasserfall. Er sah, dass der Wasserfall für viele Leute ein Ausflugsziel war und damit Geld verdient werden konnte.

Christian Pitschen-Melchior in seiner Schlucht

und ins Museum

Nach dieser Reise dachte er oft an diesen Wasserfall, denn er wusste, dass es zu Hause in der Rofflaschlucht auch einen Wasserfall gab, der jedoch nur zu hören war, da kein Weg in die Schlucht führte.

Als ihm dann seine Eltern in einem Brief schrieben, sie könnten das Gasthaus aus Altersgründen nicht mehr weiterführen, beschlossen die Auswanderer, 1901 wieder nach Hause zurückzukehren.

Daheim angekommen begannen sie mit der Arbeit, sich einen Weg in die Schlucht zu bahnen, anfangs nur mit Handbohren und Hämmern! In den Wintern (im Sommer stand andere Arbeit an) 1907–1914 arbeiteten sie in der Schlucht, rund 8000 Sprengladungen wurden dort gezündet. Es brauchte aber viel Ausdauer und Kraft, um die Sprenglöcher in den harten Stein zu schlagen.

 Aus dem Buch M. Rettich, Die Geschichte vom Wasserfall, Glarus 2015. Auf diesem Bild ein Holzbohrer, Christian hat damals mit einem Handbohrer gearbeitet. Ein Handbohrer ist ein ca. Meter langer Meissel und um mit diesem zu arbeiten, muss man zu zweit sein, jemand hält und dreht den Meissel, die andere Person schlägt mit einem Vorschlaghammer darauf.

Im Jahr 1914 gelang der Durchbruch und eine Galerie unter dem Wasserfall des Hinterrheins. In den nächsten Jahren kamen dann immer mehr Leute in das Gasthaus und besuchten gegen Bezahlung die imposante Rofflaschlucht mit ihrer Felsengalerie unter dem Rhein hindurch.

Und so ist es noch heute. Das Eintrittsgeld war 1914  bei 1 CHF festgelegt und stieg bis heute auf 5 CHF. Die 1914 vollendete Felsengalerie ermöglichte also das Überleben, sie brachte auch Gäste ins Gasthaus.

Seit ein paar Jahren werden die Wintermonate auch dazu genutzt, neue Textilien für das Gasthaus und für den Verkauf zu produzieren. Nach vielen Generationen besitzt die Familie noch immer das Gasthaus bei der Rofflaschlucht, seit 1914 die Felsengalerie in der Rofflaschlucht und seit einigen Jahren eine Textilweberei.

Christian Pitschen-Melchior, seine Frau, ihre Kinder und die nachfolgenden Generationen verdienen es, erwähnt zu werden. An welchem anderen Ort in der Schweiz, in Deutschland, Liechtenstein, Österreich oder den Niederlanden konnte man immerhin schon 1914 unter dem Rhein hindurchgehen?

(Quelle und weitere Informationen: Gasthaus Rofflaschucht)

Lektorat und Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Die romanische Sprache und Kultur, Vallader in Scuol und FESTIVALET

Der jährliche Vallader-Kurs hat am 21. Juli in Scuol (Kanton Graubünden) wieder begonnen. Die Lia Rumantscha und die Uniun dals Grischs, die Organisatoren dieses Kurses, haben in diesem Jahr wieder über 150 Teilnehmer begrüsst.

Die romanische Sprache und Kultur erfreut sich in der Schweiz und im Ausland eines immer grösseren Interesses und einer wachsenden Beliebtheit. Die jährliche nationale Woche der romanischen Sprache (Eivna rumantscha) weist ebenfalls darauf hin.

Auch an anderen Orten in Graubünden werden romanische Kurse (Puter, Sursilvan, Surmiran oder Sutsilvan) organisiert, nicht nur von der Lia Rumantscha, sondern auch von anderen Organisationen.

Die Lia Rumantscha unterstützt auch bei der Gründung lokaler romanischer Organisationen in der Schweiz. Derzeit gibt es fünf lokale romanische Organisationen in Basel, Luzern, Bern, Winterthur und St. Gallen/Appenzell.

Dass die romanische Sprache auch ausserhalb Graubündens lebt, zeigte sich in diesem Jahr beim ersten romanischen Festival ausserhalb des ursprünglichen Sprachgebiets.

Das FESTIVALET zog im Mai in Zürich Hunderte von Besuchern mit Musik, Lesungen, Poetry Slam, Dokumentarfilmen und verschiedenen hervorragenden romanischen Chören an. Vielleicht wird das Romanische eines Tages das Esperanto der Schweiz. Sie müssen sich nur noch einig werden, welches der fünf Idiome oder Rumantsch Grischun zu wählen!

Die Lia Rumantscha organisiert in Zusammenarbeit mit der Union dals Grischs vom 6. bis 10. Oktober 2025 in St. Maria einen weiteren Kurs (Vallader).

Eindrücke vom FESTIVALET

The participants of the Poetry Slam

 

Die geschichte des Alphorns

Das Alphorn gehört in die Familie der Hörner. Geburtsort und -stunde des Alphorns sind unbekannt. Da Naturhörner keine Grifflöcher, Klappen, Ventile oder Züge haben, kann auf ihnen nur die Naturtonreihe gespielt werden.

Um in dieser Skala einen musikalisch brauchbaren (interessanten) Tonumfang blasen zu können, muss das Rohr eine minimale Länge und im Verhältnis dazu einen maximalen Durchmesser haben.

Adelheid Risi, Alphorn, 2024, Sammlung: Textilmuseum St. Gallen

Auf ganz kurzen Hörnern (z.B. einem ausgehöhlten Tierhorn) können nur 1-2 unterschiedlich hohe Töne geblasen werden. Auf sehr langen Hörnern, wie das Alphorn,  ergibt sich keine klare Trennung der Tonhöhen mehr.

Wenn man von einem «Alphorn» spricht, meint man ein langes, gerades, unten abgebogenes Holzhorn. Die typische Form des Alphorns (unten abgebogener Schallbecher) begründet sich wahrscheinlich aus der Praxis.

Basel, am 1. August 2023

Einige schriftliche Zeugnisse sprechen von «Alphörnern», welche vor 1500 in Gebrauch waren. Diese Berichte und Erzählungen wurden allerdings oft erst 2-300 Jahre später aufgeschrieben. Für diese «Alphörner» wurden Namen wie; bucina, tuba, litui, lituum alpinum, cornua alpinum u.a. gebraucht.

Die Geschichte des Alphorns schreibt 1555 der Walliser Thomas Platter (geb. 1499-1582), dass er «des hirten Horen» habe blasen können. Ein Eintrag im Rechnungsbuch des ehemaligen Klosters St. Urban (kanton Luzern) im Jahr 1527 lautet «Einem Walliser mit Alphorn».

Der Eintrag ist die älteste schriftlich bekannte Quelle des Begriffs «Alphorn». Die älteste bis heute gefundene Beschreibung des Alphorns findet sich in Conrad Gessners (1516-1565) «De raris et admirandis herbis» (1555-1556).

Er schreibt, dass die Instrumente aus zwei krummen und ausgehöhlten Hölzern, die mit Weidenruten fest zusammengebunden sind, bestehen würden. Die Länge betrug 11 Fuß (330-340 cm).

Das Altarbild der Bergkapelle Rohrmoos bei Tiefenbach (Allgäu, Bayern) von 1568 zeigt einen «Alphornbläser» mit einem  Instrument, dessen Länge ungefähr derjenigen entspricht, wie sie Gessner genannt hat.

Spätere Erwähnungen in Schrift und Bild ergeben kein klareres Bild des Alphorns. Weiterhin existieren offensichtlich das lange Alphorn und die kürzeren Hirtenhörner mit- und nebeneinander. Meist wird die Bezeichnung «Alphorn» auch für die kürzeren Hirtenhörner verwendet.

Schweizer Alphornbläser wurden als Musikanten in fremde Kriegsdienste verpflichtet. Oder im Winter zogen die Alphirten in die Städte um,als Strassenmusikanten der sogenannten Bettelbläserei zu frönen. Dazu eigneten sich die kurzen Hirtenhörner sicher besser als die über 3 Meter langen Alphörner.

Alphörner werden auf verschiedene Arten hergestellt. Früher wurde das Alphorn aus Tannen geschnitzt, die an einem steilen Hang mit der Rundung für den Becher gewachsen sind. Heute werden sie – aus drei Teilen zusammengesetzt – in dafür spezialisierten Werkstätten hergestellt. Neueste Herstellungsverfahren nutzen komputergesteuerte Maschinen. Wieder andere Hersteller machen die Rohre aus schichtverleimtem Furnier.

(Quelle: Hans-Jürg Sommer, Die Geschichte des Alphorns, www.alphornmusik.ch).