Destination Archéologie im Palais de Rumine

Die Ausstellung im Palais de Rumine verbindet die beiden Fachgebiete Archäologie und Naturwissenschaften (Zoologie, Geologie und Botanik) auf besondere Weise. Beide Fachgebiete befassen sich mit der Erforschung der Vergangenheit, wobei der Mensch (Archäologie) oder die Natur (Zoologie, Geologie und Botanik) im Mittelpunkt steht.

Beide führen Ausgrabungen durch und erforschen auch die (ferne) Vergangenheit. Manchmal kamen Forscher aufgrund ihrer Funde zu gegensätzlichen Schlussfolgerungen, etwa in der Evolutionstheorie. Naturwissenschaftler wiesen im 19. Jahrhundert nach, dass die Erde Milliarden Jahre alt ist und dass die Natur eine Frage der Evolution ist. Archäologen kamen nicht viel weiter als einige Tausend Jahre, und lange Zeit standen ihre Funde der Schöpfungsgeschichte nicht im Wege.

Die Ausstellung präsentiert eine Entdeckungsreise durch die Archäologie und die Naturwissenschaften vom 19. Jahrhundert bis 1914. Ziel ist es, anschaulich zu zeigen, wie die Wissenschaft im 19. Jahrhundert unser Bild von der Vergangenheit geprägt hat.

Der Kanton Waadt (Vaud), seine Wissenschaftler und Funde, europäische Kollegen sowie fünf Epochen begleiten die Besucher. Jede Epoche beginnt mit einer Zeitmaschine, die die wichtigsten Ereignisse aufzeigt.

Die Maschine 1798 beginnt mit der französischen Invasion der Eidgenossenschaft, der Gründung der Helvetischen Republik und dem Ende der Berner Herrschaft über die Waadt. Kurze Zeit später beginnt Napoleon seinen Feldzug in Ägypten, begleitet unter anderem von Wissenschaftlern aus dem Kanton Waadt.

Die erste Mumie in der Schweiz wurde um 1819 von diesem Museum (le musée cantonal, 1818 gegründet) in Lausanne erworben.

Die römische und griechische Kultur war bereits seit mehreren Jahrhunderten Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Das 19. Jahrhundert markierte jedoch einen qualitativen und quantitativen Fortschritt. Tausende von Objekten und römischen Städten wurden ausgegraben, auch im Kanton Waadt, beispielsweise in Avenches, Vevey, Lausanne und Nyon. Der Feldzug in Ägypten löste eine Faszination für das alte Ägypten aus. Die Entzifferung des Rosetta-Steins durch Jean-François Champollion (1790–1832) im Jahr 1822 war ein Durchbruch in der wissenschaftlichen Forschung.

Die Maschine 1815 stellt die neue Konföderation von 1815 sowie die  Waadt (seit 1803 Kanton Waadt) dar.

Die Fundorte und Objekte des römischen Erbes im Kanton Waadt, kartografiert von Frédéric Troyon (1815-1866), mit Avenches als der wichtigsten römischen Stadt.

Der neue Kanton sucht nach seiner historischen Identität in einer Zeit, in der man nach dem Ursprung der Erde und des Menschen forscht. Die Religion und die meisten Wissenschaftler bestätigten ein Alter von etwa 5000 Jahren für die Menschheit und die Erde.

Der Archäologe Frédéric Troyon basierte auf der Schöpfungsgeschichte und verband sie mit seinen Funden.

Er stützte sich auf die Generationen im Alten Testament, zählte sie zusammen und kam auf eine 4 000 Jahre alte Erde. Hier zwei Seiten aus seiner Untersuchung und Berechnung des Alten Testaments

Auch die archäologischen Funde gingen auf diese Zeit zurück. Die Naturwissenschaftler kamen jedoch durch die Entdeckung tierischer und menschlicher (unter anderem Neandertaler) Überreste zu anderen Schlussfolgerungen. Dies führte nach 1850 zu Darwins Evolutionstheorie.

Zur gleichen Zeit machten Naturwissenschaftler ganz andere Entdeckungen, die auf eine viel ältere Erde und auf die Evolutionstheorie hindeuteten.

Schweizer Wissenschaftler übernahmen eine Vorreiterrolle. Ferdinand Keller (1800–1881) brachte Naturwissenschaftler aus den Bereichen Zoologie, Geologie und Botanik mit Forschern aus der Urgeschichte zusammen. Dieses Beispiel fand Nachahmer in anderen Ländern, und es entstanden neue europäische Netzwerke. Die Europareisen und Kontakte des bereits erwähnten Frédéric Troyon bestätigen diese neue Zusammenarbeit.

Die Maschine von 1848 führt die Verfassung von 1848 sowie die neue Konföderation ein. Die neue Föderation, die erste Demokratie auf dem europäischen Kontinent, sucht nach einem jahrhundertelangen Prozess der Staatsbildung in der Romantik des 19. Jahrhunderts nach ihrer nationalen Identität.

Auguste Bachelin (1830-1890), Landesmuseum Zürich, Reproduktion

Der Historiker und Arzt Victor Gross bei den Pfahlbauten (870–850 v. Chr.) in Cortaillod (Kanton Neuenburg) am 15. November 1884.

Am 24. August 1854 organisieren Adolphe Morlot (1820-1867), Frédéric Troyon und François Borel bei Morges die erste Unterwasseruntersuchung.

1854 werden die ersten Pfahlbauten im Kanton Zürich und an den Ufern des Bodensees entdeckt, gefolgt von vielen weiteren Fundstätten aufgrund der Absenkung des Wasserstandes der Seen im Dreiseengebiet (Neuburgersee, Bielersee und Murtensee). Diese Gesellschaftsform wird idealisiert, auch um den nationalen Zusammenhalt zu fördern.

Albert Naef (1862-1936), Dokumentation des Schlosses Chillon um 1900

Dieses beleuchtete Modell aus dem Jahr 1885 ist ein visuelles und musikalisches Spektakel, das auf einem komplexen mechanischen Uhrwerk basiert. Es erzählt die Geschichte des berühmten Gefangenen François Bonivard aus dem Jahr 1536. Das Gerät wurde von Édouard-Gabriel Wüthrich und Jean Perrin (Musik) hergestellt.

Es ist das Jahrhundert des Nationalismus, und die Confoederatio Helvetica bildet da keine Ausnahme. Gleichzeitig hält die Evolutionstheorie Einzug, und immer mehr zoologische, geologische und botanische Funde und Forschungen lassen die Erde und die Menschheit immer älter erscheinen.

Die Maschine von 1891 markiert die Ära der direkten Demokratie (1874 und 1891), die Organisation einer Bundesarmee, die Nationalflagge (die Nationalhymne entstand erst Jahrzehnte später) und den ersten Nationalfeiertag am 1. August zur Erinnerung an die Ereignisse vor 700 Jahren. Diese Zeit unterstreicht das Interesse am Mittelalter und an der Erhaltung von Denkmälern. Im Kanton Waadt sind unter anderem die Zeit der Savoyer (bis 1536) und die lokalen Dynastien von grossem Interesse.

Die Maschine von 1914 schliesst nicht nur eine hundertjährige Periode (1814-1914) und das Fin de Siècle ab, sondern blickt auch in die Zukunft der Archäologie und Naturwissenschaften und wirft Fragen auf. Ein rekonstruiertes Klassenzimmer aus dem 19. Jahrhundert zeigt Bildung und heute überholte Stereotypen und Fakten aus dieser Zeit.

Schlussfolgerung

Die Ausstellung im imposanten Palais de Rumine möchte nicht nur Tausende von Objekten aus ihrer und anderen Sammlungen in dieser Reise durch das 19. Jahrhundert in einen Zusammenhang stellen, sondern auch die Wechselwirkung und Entwicklung zwischen Archäologie und Naturwissenschaften thematisieren.

Es handelt sich um eine Kulturgeschichte der Schweiz aus europäischer Perspektive. Das Museum, der Kanton Waadt sowie sein umfangreiches europäisches Netzwerk und seine Kontakte nehmen dabei zu Recht einen besonderen Platz ein.

(Quelle und weitere Informationen: Palais de Rumine)

Giuanna Egger-Maissen, Korrektorin und Lektorat

Die Schweizer Geschichte von Wahlen und SAC-Basel

Die Römer kamen, sahen, siegten und verliessen das heutige Schweizer Territorium wieder, hinterliessen jedoch eine bleibende Präsenz. Sie gründeten Colonia (Colonia Iulia Equestris (Nyon), Colonia Augusta Rauracorum (Augst und Kaiseraugst), Colonia Pia Flavia Constans Emerita Helvetiorum Foederata, kurz Aventicum (Avenches) und Forum Claudii Vallensium (Martigny). Darüber hinaus ist die römische Präsenz an zahlreichen anderen Orten deutlich sichtbar, zum Beispiel in Vindonissa (Windisch), Orbe-Boscéaz oder Vallon.

Ohne die Römer gäbe es auch kein Christentum und keine Bistümer, Kathedralen, Basiliken und Klöster in Genf, Lausanne, Freiburg, Sitten, Basel, Zürich, Lugano, St. Gallen, Romainmôtier, Chur und vielen anderen Orten.

 Wahlen

An vielen anderen Orten ist die römische Präsenz jedoch kaum oder gar nicht sichtbar. Der römische Wachturm auf dem Berg Stürmenchopf (768 m) und die römische Villa in Wahlen (Kanton Basel-Landschaft) sind der Natur preisgegeben. Die Geschichte dieses kleinen Dorfes ist jedoch typisch schweizerisch.

Wahlen liegt an einer alten römischen Strasse. Diese führte vom heutigen französischsprachigen Teil der Schweiz durch das „Val Terbi“ bei Delsberg (Delémont) über den Fringeli und den Plattenpass bei den Blauen zur Rheinkurve bei Basel.

Blauen

Zahlreiche Funde deuten auch auf eine Besiedlung in der Bronze- und keltischen Zeit hin. Die Alemannen kamen im 5. und 6. Jahrhundert. Das Dorf gehörte anschliessend zu merowingischen, karolingischen und burgundischen Königreichen, dem Heiligen Römischen Reich, verschiedenen lokalen Dynastien, dem Bistum Basel und Habsburg.

Grenzstein der Kantone Solothurn und Basel-Landschaft

Der Name des Dorfes wird einerseits mit dem lateinischen „Vallum“ (Wall, Befestigung), andererseits mit dem alemannischen „Walch“, dem gleichbedeutenden „Welsch“, in Verbindung gebracht. Das Dorf wurde erstmals in Dokumenten aus den Jahren 1166 und 1179 erwähnt.

Das Geschlecht Von Wahlen tritt 1275 in Erscheinung. Durch Erbschaft gelangt die Hälfte des Dorfes später in den Besitz des Hauses Österreich, während die andere Hälfte an das Bistum Basel fällt. Das Dorf wurde bis zur französischen Invasion 1792 von Vögten verwaltet.

1525 schliesst sich Wahlen der Bürgerschaft der Stadt Basel an und nimmt 1529 den neuen Glauben an, bis Bischof Christoph Blarer von Wartensee 1589 die Gegenreformation durchführt. Nach der französischen Invasion und Besetzung 1792 wird die Raurakische Republik ausgerufen; drei Monate später wird das Dorf von Frankreich annektiert und dem Département Mont-Terrible zugeordnet, das ab 1800 im Département Haut-Rhin aufgeht. 1815 wird Wahlen durch einen Beschluss des Wiener Kongresses (1814–1815) dem Kanton Bern zugewiesen. 1994 entscheidet sich das Dorf im Referendum für den Anschluss an den Kanton Basel-Landschaft.

Der Schweizer Alpen-Club (SAC), Sektion Basel

Für das Jahresfest des SAC-Basel ist Wahlen ein symbolischer Ort. Das Jahresfest des SAC Basel steht immer im historischen Zeichen von Mitgliedern mit langjähriger Mitgliedschaft, einige seit 50, 60 oder 70 Jahren! Zwar haben diese die meisten der oben beschriebenen Entwicklungen nicht persönlich miterlebt, aber zwei oder fast drei Generationen Mitgliedschaft sind erwähnenswert.

Das Eidgenössische Jodlerfest findet vom 26. bis zum 28. Juni 2026 in Basel statt.

Auch die Strecke von Bärschwil nach Wahlen bietet verschiedene historische und natürliche Höhepunkte, darunter der Kalköfen Stritteren, das Buechloch von Bärschwil, die Dichter Albin Fringeli (1899–1993) und Dieter Fringeli (1942–1999), ihr Bauernhof sowie die ehemalige Glashütte an der Birs.

Der Schweizer Alpen-Club (SAC, Sektion Basel) organisiert regelmässig Wanderungen in diesem Gebiet und anderswo im Land. Obwohl der Name anderes vermuten lässt, organisiert der SAC nicht nur (Ski-)Touren in den Alpen, sondern auch Wanderungen und Aktivitäten in anderen Regionen.

(Quelle und weitere Informationen: www.sac-cas.ch).

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Die Birs bei Bärschwil und die ehemalige  Glashütte

Albin Fringeli und Dieter Fringeli und ihr Bauernhof

Der Kalköfen Stritteren

 

Keine SAC-Hütte, sondern eine einfache Hollenhütte

Eindrücke aus der Umgebung

Tandem in Museum (TiM) und der Musée imaginaire Suisse

Seit 2020 ermöglichen rund 125 Museen  unkonventionelle Begegnungen mit «TiM – Tandem im Museum». TiM (TaM -Tandem au Musée auf Franzözisch) ermöglicht solche Begegnungen und öffnet die Museen für neue Besucherinnen und Besucher.

Im Zentrum von TiM steht die Begegnung von Menschen aus verschiedenen Lebenswelten und Generationen. Die sogenannten TiM-Guides engagieren sich in der ganzen Schweiz und begleiten andere Menschen ins Museum.

Tim-Tam für Kinder im Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig

Zu zweit erfinden sie eine Geschichte zu einem Kunstwerk oder Museumsobjekt und lernen sich dabei durch die gemeinsame Erfahrung kennen. Zugleich werden sie aktiv im Museum und gestalten damit ihre Museumserfahrung selbst.

TiM will Kommunikation zwischen Menschen auslösen, die sich nicht oder kaum kennen. Die 400 TiM-Guides sind in Museen in der ganzen Schweiz sowie in einigen umliegenden Regionen unterwegs. In Zusammenarbeit mit der Lia Rumantscha gibt es TiM auch auf Romanisch.

Die Geschichten, die bei den TiM-Besuchen entstehen, können auf dem virtuellen «Musée imaginaire Suisse» (www.mi-s.ch) veröffentlicht werden.

(Quelle und weitere Informationen: www.tim-tam.ch)

Der Heilige Nepomuk und die Strassenbahn Linie 10

Die internationalste und längste Strassenbahn der Welt ist die Linie 10, die von Dornach (Kanton Solothurn) über Arlesheim und Münchenstein (Kanton Basel-Landschaft), Basel (Kanton Basel-Stadt), Binningen, Bottmingen, Oberwil, Therwil, Ettingen, Witterswil (wieder Kanton Basel-Landschaft) nach Bättwil und Flüh (Kanton Solothurn) führt und von dort aus nach Leymen im Elsass (Frankreich) und zum Schluss nach Rodersdorf (Kanton Solothurn).

Bättwil (Kanton Solothurn)

Der Verlauf dieser fast 27 Kilometer langen Tramlinie sagt auch etwas über die kapriziösen Grenzen der Kantone und der im Laufe der Geschichte entstandenen Länder aus.

Diese Linie verbindet aber auch eine historische Figur, sogar einen Heiligen. Johannes Nepomuk (1350-1393) war Priester und Beichtvater von Sophie von Bayern (1376-1425), der Gemahlin von König Wenzel von Luxemburg (1361-1419), römisch-deutscher König im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.

Rodersdorf

Er residierte in Prag, der wichtigsten Stadt Böhmens (Tschechische Republik). Nicht nur die Prager Pracht hat ihren Ursprung in dieser Zeit, sondern auch die Nepomuk-Statue auf der Karlsbrücke ist mit ihr verbunden.

Witterswil

Wenzel liess Nepomuk durch Ertränkung in der Moldau töten, weil der Priester das Beichtgeheimnis seiner Frau nicht verraten wollte (im Hintergrund stand ein politischer Konflikt zwischen dem Bischof und dem König). Er wurde 1729 heiliggesprochen. Er ist unter anderem der Schutzpatron des Beichtgeheimnisses und der Brücken.

Aus diesem Grund steht er auch auf der Brücke über der Birs in Dornach, obwohl der Heilige nicht verhindern konnte, dass die Brücke 1813 durch das Hochwasser der Birs zerstört wurde.

Die Nepomuk Kapelle

In der Nähe von Rodersdorf, im elsässischen Dorf Wolschwiller, gibt es eine kleine Kapelle, die diesem Heiligen (Jean Népomucène auf Französisch) gewidmet ist. Die alte Kapelle wurde während der Französischen Revolution 1789 zerstört und 1893 wieder aufgebaut.

Wanderer des Schweizer Alpen Clubs (SAC) oder aus Rodersdorf singen gelegentlich unter der Leitung des ehemaligen Wanderleiters Jürg Weber an oder in der Kapelle das Dona nobis pacem zu seinem und später zu ihrem eigenen Seelenheil.

Albert Hofmann (1906–2008) vermittelte eine ganz andere spirituelle Erfahrung. Er wohnte auf der Rittimatte, in der Schweizer Gemeinde Burg im Leimental. Er entdeckte LSD im Jahr 1943. Er wurde damit sehr alt, was man nicht von allen LSD-Konsumenten in der Flower-Power-Zeit der sechziger Jahre behaupten kann.

Grenzstein der Kantone Solothurn und Basel-Landschaft

Der alte Brunnen und weitere Eindrücke aus Therwil

Der Dorenbach, Kanton Basel-Stadt und

Kanton Basel-Landschaft

La Suisse

Nahe Oberwil

Kanton Solothurn und Kanton Basel-Stadt (links die Roche-Turme, rechts das Bruderholz Spital)

Die Aktualität des Konzils von Nicäa

Es hat wenig Beachtung gefunden und doch ist dieses Ereignis bis heute aktuell: Das erste Konzil der christlichen Kirche im Jahr 325 in Nicäa, dem heutigen Iznik (Türkei). Die Kaiser des Römischen Reiches herrschten seit Jahrhunderten über weite Teile Europas, Asiens und Afrikas, darunter auch die heutige Türkei und die Schweiz.

Das Christentum verbreitete sich in den ersten Jahrhunderten vor allem im heutigen Nahen Osten, in der Türkei und den umliegenden Regionen. Was das Christentum seit seinen Anfängen kennzeichnete, war die grosse theologische Spaltung. Es entstanden Dutzende christlicher Abspaltungen.

Nicäa (Nikaia), 3. Jahrhundert n. Chr. Sammlung: Antikensammlung Basel und Sammlung Ludwig

Das Konzil von Nicäa wollte die Einheit der Kirche wiederherstellen, zumindest die offizielle Dogmatik festlegen. Es war sozusagen die erste ökumenische Initiative.

Bekanntlich spaltete sich die christliche Kirche danach noch mehrmals (unter anderem durch das Schisma von 1084 und die Reformation ab 1517), aber es ist gut, bei dieser ersten Initiative im Jahr 325 innezuhalten, einer Mediation avant la lettre.

Mégalo Metéoron Kloster (Griechenland): Eine Ikone, die das Konzil von Nicäa darstellt, der verurteilte Arius liegt auf dem Boden . Bild: Wikipedia

Es ist kein Zufall, dass gerade in der Schweiz dieses Konzil gedacht wird. Während der Reformation waren die „Disputatio”, das „Simultaneum”, der Kompromiss, „agree to disagree”, Staatskunst und vor allem die Stimme der Bürger (z. B. Appenzell 1597) Voraussetzungen für die Verhinderung gnadenloser Religionskriege, abgesehen von einigen kleineren bewaffneten Konflikten. Selbst oder gerade in der ehemaligen calvinistischen und heutigen internationalen Hauptstadt des Rechts steht „Nizäa“ heute im Mittelpunkt des Interesses!

Grabsteine aus Phrygien (dem heutigen Anatolien), 3. Jahrhundert n. Chr. Sammlung: Antikensammlung Basel und Sammlung Ludwig

Am Konzil von Nicäa diskutierten die Bischöfe über die christliche Dogmatik. Einige Beschlüsse von damals sind für die heutige christliche Kirche noch immer von Bedeutung! Der Inhalt ist aus historischer Sicht nicht relevant, zeigt aber, wie lange Beschlüsse nachwirken können, wenn sie nicht allzu positive unvorhergesehene Folgen haben.

Was für das Konzil von Nicäa gilt, trifft auch auf aktuelle institutionelle Verträge zu, auch wenn die Bischöfe und die christliche Religion glücklicherweise gewählten Politikern und nicht auf Religion basierenden Gesetzen Platz gemacht haben.

Via Engadina und Via imperiale, von Casaccia nach Vinadi

Die Via Engiadina ist ein Wanderweg (teilweise auch mit dem Fahrrad möglich) von Casaccia (Bergell) im Oberengadin an der Grenze zu Italien nach Vinadi im Unterengadin an der Grenze zu Österreich.

Das Bergell (Val Bregaglia) grenzt an das Veltlin (Valtellina), das über zweihundertfünfzig Jahre (1512–1798) ein Untertanengebiet des Freistaats der Drei Bünde, des Vorläufers des Kantons Graubünden, war.

Die 140 Kilometer lange Strecke lässt sich aufgrund der hervorragenden Unterkünfte leicht zu Fuss (oder mit dem Fahrrad) in Etappen zurücklegen. Der Höhenunterschied beträgt in Vinadi  2 500 bis 1 086 Meter.

Kunst, Tourismus, Geschichte, Natur und weltberühmte Orte und schöne Dörfer mit engadiner Architektur und berühmten Bergpässen begleiten den Wanderer.

Schellen-Ursli (Uorsli) Museum Guarda

Replik des Schellen-Ursli Hauses in Rust (Europapark, (Baden-Württemberg)

Maloja, Sils Maria (und See) und St. Moritz (und See) sind die ersten grösseren Dörfer in der schönen Berglandschaft. Giovanni Segantini (1858-1899) und das ihm gewidmete Museum in St. Moritz verleihen dieser Landschaft eine künstlerische Dimension.

Von Sils mit seinem berühmten Waldhaus und Museum (Nietsche-Haus), dem Haus Friedrich Nietzsches (1844–1900), führt der Inn (En in romanischer Sprache) nach Vinadi.

Susch

Der Rundgang führt durch Celerina, Bever, Zuoz (mit seinen schönen Häusern (u.a. Chesa Planta) und Platz (Plazzet), Brail (die Grenze zwischen Oberengadin, Putèr-Romanisch, und Unterengadin, Vallader-Romanisch), Zernez (und dem höchsten Gipfel des Engadins, dem Piz Linard mit 3 410 Metern), Schloss Wildenberg und das Zentrum des Nationalparks der Schweiz) Susch, Lavin, Guarda, Ardez, Ftan, Scuol (Bogn Engiadina und das Unterengadiner Museum), Vulpera Tarasp (Schloss Tarasp und Trinkhalle, Stiftung Nair in Vulpera), mit Blick auf die Engadiner Dolomiten, Sent, Vnà, Val Sinestra, Ramosch, Tschlin, Martina und schliesslich Vinadi.

Vinadi ist die alte Grenzstadt des Freistaates der Drei Bünde, das Schloss Altfinstermünz auf der österreichischen Seite erinnert daran.

Die Via imperiale

Die Via imperiale ist die alte römische Verbindungsstrasse Como-Tirol durch das Unterengadin und folgt teilweise der Via Engiadina. Bei Ardez befindet sich im ehemaligen, inzwischen verlassenen Weiler Chanoua eine Herberge, die bis 1867 in Betrieb war. In diesem Jahr wurde die Verkehrsstrasse Lavin-Scuol im Tal in Betrieb genommen und die Herberge aufgegeben.

Sie diente jahrhundertelang als Umsteigestation für Pferde und Kutschen, als Stall für Vieh, als Raststätte für Reisende und Händler sowie als Lager für Waren. Die beeindruckende Ruine ist ein stiller Zeuge des grossen Komplexes, der bereits in einem Dokument aus dem 9. Jahrhundert erwähnt wird.

Die Via imperiale in Guarda

 

Ruine Chanoua, die Via imperiale bei Ardez

Bild: Stiftung Chanoua, Grafik Atelier George Jenny Grusch/ Gravure SA Erlach

(Quelle: A. Planta, T. Planta, Alte Talwege im Unterengadin (Chur, 2022)

Eindrücke aus Guarda

 

Die Fondation Beyeler zeigt 300 Werke von Yayoi Kusama

Die Fondation Beyeler zeigt die erste umfassende Retrospektive in der Schweiz des Werks von Yayoi Kusama (*1929) – einer der einflussreichsten Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts.

Die Ausstellung, die in enger Zusammenarbeit mit Kusama und ihrem Atelier entsteht, versammelt über 300 Werke aus Sammlungen in Japan, Singapur, den Niederlanden, Deutschland, Österreich, Schweden, Frankreich und der Schweiz.

Bild aus der Ausstellung ‚Yayoi Kusama‘. © Yayoi Kusama

Sie verdeutlicht die weltweite Strahlkraft und die anhaltende Relevanz ihres künstlerischen Schaffens. Die Ausstellung bietet einen umfassenden Einblick in Yayoi Kusamas über sieben Jahrzehnte umfassendes Schaffen – von ihren Anfängen im Nachkriegsjapan bis zu ihrem heutigen Status als Ikone der Gegenwartskunst.

Taihaku leaves, Loquat leaves

Untitled (Monkey sketches). Die ersten Zeichnungen, 1948. Sammlung: © Yayoi Kusama

Den Auftakt bilden bislang wenig bekannte Gemälde und Aquarelle aus den frühen 1950er-Jahren, die in Matsumoto (Japan) entstanden. Es folgt ein intensiver Blick auf Kusamas prägende Jahre in New York, wohin sie Ende der 1950er-Jahre übersiedelte und in den 1960er- und 1970er-Jahren zu einer zentralen Figur der Avantgarde avancierte. Nach ihrer Rückkehr nach Japan setzte sie in den 1970er-Jahren ihre künstlerische Entwicklung fort – mit einer zutiefst persönlichen Bildsprache.

Infinity Mirrored Room – The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe, 2025. © Yayoi Kusama. Foto: TES

Kusama gilt heute als eine der bedeutendsten lebenden Künstlerinnen weltweit, die sich durch ihre erstaunlich innovativen und signifikanten Arbeiten auszeichnet und mit unverminderter Energie neue Werke schafft.

Angesichts des breiten Spektrums an Medien – Malerei, Zeichnung, Skulptur, Installation, Performance, Collage, Mode, Literatur und Film – gilt sie als eine der vielseitigsten und einflussreichsten Künstler:innen unserer Zeit.

Mirrored Room. © Yayoi Kusama. Foto: TES

Die Ausstellung präsentiert die wichtigsten Perioden ihrer radikalen, innovativen Kunst und zeichnet ein dynamisches Porträt einer Künstlerin, die noch immer unser Verständnis von Kunst und Erfahrung verändert. Die Ausstellung vereint sowohl ikonische Werke – darunter über 130 bisher in Europa nicht gezeigte Arbeiten – als auch neue, für diesen Anlass geschaffene Werke.

(Quelle und weitere Informationen: Fondation Beyeler)

Die vier jahrhundertealten Lesegesellschaften der Schweiz

In vielen europäischen Ländern gab es in den grossen Städten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts eine Lesegesellschaft. Nur in der kleinen Schweiz bestehen diese Organisationen noch immer in den vier grössten Städten des Landes: Basel, Genf, Lausanne und Zürich.

Die Mitglieder können seit über zwei Jahrhunderten eine grosse Anzahl in- und ausländischer Zeitungen und Zeitschriften, literarischer Werke, wissenschaftlicher Publikationen, Landkarten, Wörterbücher und verschiedener anderer Schriften in grosszügigen Lesesälen lesen oder aus der Bibliothek ausleihen.

Salon in la Société de lecture de Genève

Ausserdem hatten diese Organisationen anfangs eine soziale Funktion als Begegnungszentrum, und es gab Räume mit Billard, einer Bar sowie weiteren Einrichtungen. Heute erfüllen literarische, musikalische und andere Veranstaltungen diese Funktion.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war eine Mitgliedschaft ausschliesslich Männern vorbehalten. Danach schritt die Emanzipation schnell voran, und heute sind beide Geschlechter in gleicher Zahl Mitglieder.

Le Cercle de littérature de Lausanne

Bis zum Ersten Weltkrieg (1914–1918) stammten die Mitglieder vor allem aus dem wohlhabenden Bürgertum; ebenso kamen die Gründer aus diesen Kreisen. Nach 1918, insbesondere nach 1945, ist auch diese Trennlinie weitgehend verschwunden.

Die (von Zigarren) rauchgefüllten Säle gehören ebenso wie die „Men Only Clubs“ der Vergangenheit an, aber was diese Lesegesellschaften nach (über) zwei Jahrhunderten immer noch auszeichnet, ist ihre Qualität, Kontinuität, gute Verwaltung, Innovation und Anpassung an veränderte gesellschaftliche Umstände. In gewisser Weise symbolisieren sie damit auch die Schweiz.

Nachfolgend folgt eine kurze chronologische Übersicht (nach Gründungsjahr) der vier Lesegesellschaften (die Allgemeine Lesegesellschaft Basel, la Société de Lecture de Genève, Le Cercle littéraire de Lausanne und die Museumsgesellschaft Zürich).

Die Allgemeine Lesegesellschaft Basel

Die Allgemeine Lesegesellschaft Basel

Basel ist nicht nur die Stadt mit der ersten Universität des Landes (1460) und der weltweit ersten öffentlichen Kunstsammlung (1671), die wir heute als Museum bezeichnen. Einige Bürger gründeten 1787 auch die erste Schweizer Lesegesellschaft, nämlich die Allgemeine Lesegesellschaft Basel.

Es war die Zeit der Aufklärung und der Salons und „Sociétés“, Voltaires, Rousseaus und Diderots sowie des Aufstiegs des „Bildungsbürgertums“. Der Adel spielte in der Schweiz zwar keine bedeutende politische Rolle, die wohlhabende Oberschicht orientierte sich jedoch vor allem an der französischen Kultur (und Sprache).

In Basel, an der Grenze zu Frankreich, war das nicht anders. Ausserdem hatte die Stadt eine Universität und eine wohlhabende Klasse von Kaufleuten und Industriellen. Die Nachfrage war da und die Finanzierung gesichert.

Reinacherhof 18

Das Gebäude der Lesegesellschaft stand von Anfang an am Münsterplatz. Der Reinacherhof war bis 1832 Standort der Bibliothek und der Lesesäle. In dieser Zeit war die Lesegesellschaft auch eine „Casino-Gesellschaft“, ein Begegnungszentrum mit sozialer Funktion. Basel erhielt jedoch 1826 ein Stadtcasino für Musikaufführungen und 1831 ein Stadttheater. Diese übernahmen zunehmend die soziale Funktion der Casino-Gesellschaft.

1830  wurde das Gebäude am Münsterplatz 8 (der heutige Standort) zum Verkauf angeboten. Das Gebäude liegt nicht nur am Rheinufer, sondern auch direkt neben dem Münster und seiner romanischen Galluspforte.

Nach dem Erdbeben im Jahr 1356 wurde an dieser Stelle die Wohnung des Schaffers und des jeweiligen Meisters der Bauverwaltung des Münsters errichtet. Die Domschule befand sich auch in diesem Haus; zudem war es der Sitzungssaal der Domherren. Am Vorabend der Reformation veranlassten die Kanoniker den Bau eines neuen Stifthauses, das 1528 fertiggestellt wurde. Basel wurde 1529 reformiert und die Kanoniker zogen fort.

Das Kaffeezimmer

Das Haus blieb im Besitz des Kapitels, diente fortan jedoch bloss noch der Aufnahme von Waren und Naturalzinsen an Korn und Früchten. 1806 kaufte Johann Rudolf Gemuseus (1764–1836) das Haus. Er veräusserte es 1830 an die Allgemeine Lesegesellschaft. Sie realisierte in den Jahren 1830–1832 einen der frühesten neogotischen Bauten in der Schweiz.

Der kleine Lesesaal

Der grosse Lesesaal

Die Lesegesellschaft ging das Projekt energisch an und ernannte eine Baukommission: Die ersten Renovierungsarbeiten begannen bereits 1830. Vielleicht waren die prestigeträchtigen Gebäude der 1818 (Genf) und 1819 (Lausanne) gegründeten Société de Lecture und Cercle littéraire eine zusätzliche Motivation. Sie befanden sich in den Hauptstädten der neuen Kantone Genf und Waadt und es gab eine (unausgesprochene) Konkurrenz zwischen den Kantonen.

Wie dem auch sei, der neugotische Dekorationsstil im klassizistischen Konzept entstand in dieser Zeit. Zwei Persönlichkeiten prägten die Renovierung ganz besonders: Johan Huber (1767–1832) und Marquard Wocher (1760–1830), der vor allem für das Panorama von Thun bekannt ist, aber auch in Basel seine neugotischen Spuren hinterlassen hat.

Das Haus ist auch eines der ersten neugotischen Gebäude in der Schweiz. Die Inspiration für diesen neugotischen Stil hängt auch mit der Lage neben dem gotischen Münster zusammen. Sogar die Farbe ist auf das Münster abgestimmt.

Nach der feierlichen Einweihung des neuen Gebäudes am 26. Oktober 1832 erfolgten noch weitere Anpassungen, Renovierungen und Änderungen. Der Charakter ist jedoch unverändert geblieben. Ausserdem sind viele authentische Details zu sehen, die sogar bis in die Zeit der Domherren zurückreichen.

Der gotische Erker (1528) im grossen Lesesaal

Die Lesegesellschaft hatte von Anfang an viele bekannte Mitglieder, darunter Friedrich Nietzsche (1844-1900) und Jakob Burckhardt (1818-1897). Die Eule als Symbol der Weisheitsgöttin Athena – und daher auch der Lesegesellschaft – ist in jedem Buch vorne eingestempelt.

Anfangs war die Lesegesellschaft nur für Männer zugänglich; seit 1901 können auch Frauen Mitglied werden. Heute zählt die Lesegesellschaft etwa 1‘300 Mitglieder, die nicht nur die Bibliothek und ihre 80‘000 Publikationen, das Kaffeezimmer und die Lesesäle nutzen, sondern auch regelmässig Vorträge, literarische Lesungen und andere Veranstaltungen besuchen können.

Die Bibliothek mit etwa 80’000 Publikationen und vielen Sitzplätzen

Zum zweiten Mal organisiert die Lesegesellschaft am 21. November einen Tag der offenen Tür (Kindernacht am Münsterplatz) mit Übernachtung für Kinder. Denn wer die Jugend hat, hat auch die Zukunft für diese fast 240 Jahre alte Organisation!

(Quelle und weitere Informationen: Allgemeine Lesegesellschaft Basel; Doris Huggel, Haus der Allgemeinen Lesegesellschaft in Basel, Bern, 1996)

La Société de lecture de Genève

La Société de Lecture de Genève

Genf war schon jahrhundertelang eine Stadt der Kaufleute, Industriellen, Uhrmacher, Theologen, Juristen, Schriftsteller, Wissenschaftler und Verleger, als 1818 die Société de Lecture de Genève gegründet wurde. Seit 1536 war die Stadt sogar Europas calvinistische Hauptstadt mit einer Akademie (dem Vorläufer der Universität) und einem weit verzweigten europäischen Netzwerk.

 Jules Pizzetta (1820-1900), Augustin-Pyramus de Candolle (1778-1841), 1893. Ein Gründer der Société de Lecture, Wikipédia

Die Aufklärung fand auch hier einen fruchtbaren Boden, und Frankreich, insbesondere Paris, war eine Quelle künstlerischer und kultureller Inspiration. Obwohl Genf französischsprachig ist, gehörten das Bistum (bis 1536) und die souveräne Republik bis 1798 nie zu Frankreich. Nur das unabhängige Herzogtum Savoyen lauerte jahrhundertelang, bis die Escalade von 1602 die letzte Belagerung war.

Die Annexion durch Napoleon (1798–1813) verringerte jedoch die Begeisterung für Frankreich erheblich, und die Bürger entschieden sich 1815 in grosser Zahl für den Anschluss an die neue Schweizerische Eidgenossenschaft.

Das bedeutete jedoch nicht, dass die französische Kultur und die Ideale der Aufklärung an Bedeutung verloren hätten. Im Gegenteil: Auch nach 1815 bestanden enge kulturelle, soziale und wirtschaftliche Verbindungen zu Frankreich.

Ausserdem suchten viele französische Exilanten Zuflucht in oder bei Genf, viele waren schon vor 1789 (Französische Revolution) und nach Napoleon (Wiederherstellung der französischen Monarchie) gekommen. Das Konzept einer Société de Lecture war in Genf bekannt, und 1818 war die Zeit reif.

Die Société de Lecture befindet sich in einem Stadtpalast aus dem 18. Jahrhundert. Die Bibliothek verfügt heute über eine Sammlung von 200‘000 Büchern. Diese Sammlung entstand im Laufe der Jahrhunderte durch Spenden und Kauf, darunter einzigartige Ausgaben, unter anderem die erste Ausgabe  des Buches Un Souvenir de Solférino (1862) des Mitglieds Henry Dunant (1828–1910), l’Histoire universelle von Théodore-Agrippa d’Aubigné (1616), le Discours de la méthode von Descartes (1637), l’Histoire naturelle von Buffon (1749) und De la démocratie en Amérique von Tocqueville (1835).  Die Sammlungen umfassen auch Bücher mit Anmerkungen von Jean Calvin und Lenin.

Ihr internationaler Ruf war schnell gefestigt. Louis-Napoleon Bonaparte (1808–1873), der zukünftige Kaiser Napoleon III. (1852–1870), traf dort 1835 zum Beispiel Camille Benso di Cavour (1810–1861), einen der Begründer der italienischen Unabhängigkeit und der Einigung 1861. Wladimir Iljitsch Uljanow (1870–1924), besser bekannt als Lenin, wurde 1904 Mitglied. Er war ein regelmässiger Besucher eines der Lesesäle, wo er mit vielen deutschen, englischen und französischen Zeitschriften und Zeitungen verkehrte.

Die Société de Lecture bietet zwei literarische Treffen pro Woche an und veranstaltet seit drei Jahren am ersten Wochenende im November ein Jugendliteraturfestival namens „Croque-Livres”.

Die Jury des renommierten Prix Europa Nostra begründete die Auszeichnung im Jahr 2020 wie folgt:

„Diese universelle Bibliothek und Diskussionsstätte existiert seit 200 Jahren ohne Unterbrechung. Während dieser ganzen Zeit ist die Société de lecture ihren ursprünglichen Zielen treu geblieben, Menschen zusammenzubringen, die sich für Literatur, Wissenschaft und Kunst interessieren.

Sie ist zu einem Zentrum für die aufgeklärtesten Vertreter der verschiedenen europäischen Kulturen geworden, und ihre Aktivitäten drücken den Geist der Offenheit und den Willen zur Innovation aus – Qualitäten, die die Société in ihren Mauern weiterhin fördert.

Der Beitrag der Société de Lecture zur Förderung und Verbreitung kultureller Werte in ihren verschiedenen Formen wird als aussergewöhnlicher Fall der Schweizer Mehrsprachigkeit anerkannt und ist auf europäischer Ebene relevant.“

(Quelle und weitere Informationen: La Société de Lecture)

Le Cercle littéraire

Le Cercle littéraire de Lausanne

Die Société de Lecture in Genf bestand noch nicht ein Jahr, als am 24. Januar 1819 der Cercle littéraire de Lausanne gegründet wurde. Der neue Kanton der neuen Konföderation von 1815 sprühte vor Energie in einem Neuanfang nach Jahrhunderten der Berner Herrschaft. Wie Genf war auch Lausanne eine kosmopolitische Stadt:

„Fréquenté par les élites, habité par les familles distinguées qui entretenaient une vie mondaine de bon aloi, le chef-lieu du département du Léman affichait un cosmopolitisme intellectuel et artistique excitant pour l’esprit et de nature à nourrir autant les conversations que les rêves” (Maurice Denuzière, Helvétie, Paris 2010).

Der Kanton war seit Jahrhunderten ein europäischer Knotenpunkt für Kultur, Handel und Wissenschaft. Nyon und Avenches waren in der Römerzeit wichtige Städte. Lausanne wurde kurz nach dem Abzug der Römer zur Bischofsstadt; der Diplomat Frédéric-César de la Harpe (1754–1838) war jahrelang Gouverneur des jungen Zaren Alexander I. (1777–1825). Er unterhielt während der Helvetischen Republik (1798–1803) enge Kontakte zu Napoleon und spielte beim Wiener Kongress (1814–1815) eine wichtige Rolle für die Schweiz und den Kanton.

Der französische kulturelle Einfluss im französischsprachigen Kanton war zudem unverkennbar. Die sozialen und wirtschaftlichen Kontakte zu Frankreich und zum Herzogtum Savoyen (Königreich Piemont-Sardinien) waren eng.

Der Weinbau prägte seit Jahrhunderten das Bild an den Ufern des Genfer Sees. Zwischen Montreux, Vevey, Nyon, Lausanne und Genf gab es einen florierenden Handel und Schiffsverkehr zwischen dem französischen und dem Schweizer Ufer des Genfer Sees (St. Gingolph, Kanton Wallis).

Darüber hinaus war der Salon von Madame de Staël (1766–1817) in Coppet einer der bekanntesten Treffpunkte Europas für Wissenschaftler (unter anderem den Historiker Edward Gibbon, 1737–1794), Schriftsteller, Politiker und Exilanten. Auch andere Frauen prägten das literarische Leben in Lausanne, darunter die in Colombier lebende Schriftstellerin Isabelle de Charrière (1740–1805).

Cercle littéraire de Lausanne, 1955. Archiv: Cercle littéraire de Lausanne

Kurz gesagt, auch in Lausanne war die Zeit für eine Société de Lecture reif, in diesem Fall unter dem Namen Le Cercle littéraire. Auch hier war es das Ziel, den Mitgliedern Zeitungen, Zeitschriften, Bücher und Fachliteratur in den wichtigsten Sprachen in Lesesälen sowie in einer Bibliothek zur Verfügung zu stellen.

Salon in der Cercle littéraire de Lausanne, 1955. Archiv: Cercle littéraire de Lausanne

Le Cercle littéraire ist seit 1821 im Gebäude Saint-François an der Place Saint-François untergebracht, gegenüber der gleichnamigen Kirche und nur wenige Minuten von der Kathedrale entfernt. Dieses Gebäude hat darüber hinaus einen symbolischen Wert für diese literarische Organisation: Es ist das Geburtshaus von Benjamin Constant (1767–1830).

Die Bibliothek verwaltet heute mehr als 70‘000 Publikationen (darunter zahlreiche einzigartige Werke aus den vergangenen Jahrhunderten) aus vielen Bereichen sowie Zeitschriften und Zeitungen in verschiedenen Sprachen. Heute ist das Gebäude auch Veranstaltungsort für Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen.

(Quelle und weitere Informationen: Le Cercle littéraire)

Die Museumsgesellschaft

Die Museumsgesellschaft von Zürich

Die grösste Stadt des Landes hat seit 1834 die Museumsgesellschaft, eine andere Bezeichnung für eine Lesegesellschaft. Zur Zeit der Gründung war ‚Museumsgesellschaft‘ eine gängige Bezeichnung für eine Lesegesellschaft. Museum bezeichnete damals nicht in erster Linie einen Ausstellungsort, sondern einen Ort des gelehrten Tuns.

Die Handelsstadt stand nicht nur am Vorabend einer industriellen Revolution, die unter anderem von Alfred Escher (1819-1882) mit der Schweizerischen Kreditanstalt, der späteren Crédit Suisse, als wichtigem Finanzier inspiriert wurde.

Der Kanton hatte 1830 gerade eine demokratische Revolution mit für die damalige Zeit einzigartigen verfassungsmässigen Freiheiten und Garantien für die Bürger hinter sich. Darüber hinaus wurde 1833 die Universität gegründet.

Auszug aus dem ersten Jahresbericht der Museumsgesellschaft von 1934. Sammlung: Archiv Museumsgesellschaft

Wie Basel, Lausanne und Genf war auch Zürich seit jeher eine kosmopolitische Stadt und Zufluchtsort für politische Flüchtlinge aus anderen europäischen Ländern, was den autoritären Nachbarländern sehr zum Missfallen war. Auch während des Ersten Weltkriegs (1914-1918) und des Zweiten Weltkriegs (1939-1945) war die Stadt ein Zentrum für Emigranten und Flüchtlinge.

Im Jahr 1834 entstand der Bedarf an einem Ort mit einer grossen Sammlung in- und ausländischer Zeitungen, Zeitschriften, Fachliteratur zu verschiedenen Themenbereichen sowie Literatur. Jeder konnte Mitglied werden, unabhängig von Religion, Beruf oder politischer Ausrichtung – ab 1894 auch Frauen.

Sophie Heim (1845–1916), Eintritt in die Museumsgesellschaft 1894 und die erste Schweizer Ärztin. Bild: Verena E. Müller, Marie Heim-Vögtlin, die erste Schweizer Ärztin (Baden, 2008).

Ganz im Sinne der liberalen Verfassung des Kantons spiegelte auch das Angebot in den Lesesälen und der Bibliothek ein breites Spektrum an (politischen) Meinungen, (sozialen) Hintergründen und Religionen wider.

Der Zürcher Gottfried Keller (1819–1890), damals einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren, zählte zu den berühmten Mitgliedern. Verschiedene prominente Ausländer wurden ebenfalls Mitglieder und besuchten die Lesesäle und Bibliotheken regelmässig, darunter (wieder) Lenin, Lev Bronstein alias Trotski (1879–1940), James Joyce (1882–1941), Kurt Tucholsky (1890–1935), Stefan Zweig (1881–1942) sowie viele Dadaisten.

Sammlung: Archiv Museumsgesellschaft

Die Museumsgesellschaft gab in den 1860er Jahren den Bau eines eigenen Gebäudes am Limmatquai in Auftrag, das 1867 in Betrieb genommen wurde.  Sie wurde im Jahr 2000 um ein Literaturhaus für Lesungen und andere Veranstaltungen erweitert.

 

Der grosse Lesesaal. Foto: Verein Museumsgesellschaft

(Quelle und weitere Informationen: Museumsgesellschaft und Literaturhaus Zürich)

Giuanna Egger-Maissen, Korrektorin und Lektorat

Die Abtei St. Blasien, Ihre Dom, Glasherstellung und der Klosterweg

Die Abtei St. Blasien (Baden-Württemberg) im Naturpark Südschwarzwald und im Albsteig wurde im 11. Jahrhundert gegründet. Eine Urkunde des Klosters Rheinau nahe Schaffhausen aus dem 8. Jahrhundert berichtet von einer Gemeinschaft von Mönchen an diesem Ort im Albtal.

Die Benediktinerabtei war dem heiligen Blasius (316 getötet), einem Märtyrer aus Armenien, geweiht. Die Abtei Cluny übernahm das Kloster im 11. Jahrhundert und errichtete die erste grosse Steinkirche auf den Fundamenten des alten Münsters aus dem 9. oder 10. Jahrhundert.

Der Abt Martin II. Gerbert

In den folgenden Jahrhunderten wurde der Komplex weiter ausgebaut. Romanische, gotische und barocke Neuerungen, Erweiterungen und Stile wechselten einander ab. Ein Brand im Jahr 1768 zerstörte dann die Kirche, die dann um 1783 wie Phönix aus der Asche als überwältigende Kuppelkirche nach dem Vorbild der Marienkirche, des Pantheons in Rom, auferstand.

Der Fürstabt (Abt und Fürst des Heiligen Römischen Reiches) Martin II. Gerbert (1729–1793) war der Bauherr. Er war ein Mann zwischen Barock und Aufklärung und die neue Kuppelkirche zeigt Merkmale aus beiden Epochen.

Hauszeichen (datiert 1563) des Bläsihofs (1909 abgebrochen) an der unteren Rebgasse 27–29 in Basel. Dort befand sich im Mittelalter der Sitz des Basler Gutsverwalters des Klosters St. Blasien. 

Als Vorbild dienten nicht nur Rom, sondern auch die Kirchen von Saint-Geneviève, Saint-Sulpice und Val-de-Grâce sowie der Baustil des Dôme des Invalides in Paris. So wuchs die kleine Anlage im Schwarzwald, unweit der Wiese- und Albquelle am Feldberg, zu einem der grössten Dome Europas heran. Die hohe Brunnenfigur des St. Blasius mit Blick auf den Dom schaut seit 1716 vom Marktplatz zu.

Doch 1806 wurde das Kloster aufgelöst und der stolze Dom zur Pfarrkirche degradiert. Zu allem Übel wurde diese Pfarrkirche mit einer der grössten Kuppeln Europas 1874 völlig zerstört.

Der Wiederaufbau der Kuppelkirche erfolgte im Jahr 1913. In den 1970er- und 1980er-Jahren fand eine gründliche Renovierung statt, um den Dom und seine Innenausstattung von 1783 mit seinem Narthex, den Lauben und den dorischen Säulen so weit wie möglich wiederherzustellen.

Die Rotunde und ihre klassizistische Architektur, die Ausschmückung mit spätbarocken Elementen (u. a. Gemälde in der Kuppel und an den Chorbögen), die vier grossen Fenster, die ionischen und korinthischen Säulen sowie die Einfachheit der Rundkirche zeigen den Zeitgeist von 1783 in diesem Teil Deutschlands.

Der Mönchschor mit seinem hölzernen Chorgestühl war das letzte Stück der Renovierung von 1983, die gerade rechtzeitig zum 200. Jubiläumsfest der Domweihe fertiggestellt wurde.

Die Kuppel hat einen Durchmesser von 36 Metern und eine Höhe von 32 Metern. Die Innenkuppel ist 18 Meter hoch, während die  Aussenkuppel 14 Meter misst. Die Säulen, die die Kuppel tragen, sind 18 Meter hoch. Die Gesamthöhe des Gebäudes beträgt 62 Meter. Die erste Holzkonstruktion der Kuppel, die 1874 zerstört wurde, wurde 1913 durch eine Stahlkuppel ersetzt.

Der Abt Martin II. Gerbert sah sich bereits 1783 der Kritik seiner Zeitgenossen ausgesetzt, die seine Kuppelkirche für ein grössenwahnsinniges Projekt hielten. Er konterte dies mit den Worten:

„Wenn schon die Mächtigen der Welt ihre Prunkschlösser und ihre Paläste bauen, sei doch wohl dem majestätischen Herrn und Gott ein glanzvolles Haus angemessen“.

Der majestätische Anblick des Domes und des ehemaligen Klosterkomplexes ist unter dem wachsamen Auge des heiligen Blasius noch immer vorhanden. Mit der grossen weltlichen Macht und den weit verstreuten Ländereien, anderen Besitztümern und politischen Beziehungen in Baden, Österreich und der Schweiz war es jedoch nach 1806 Schluss. Nur der Klosterweg zeigt heute die damaligen Beziehungen in der Region.

Die Glasherstellung 

Der professionelle Glasträger tauchte erstmals in den Quellen des 16. Jahrhunderts auf. Er war unentbehrlich in der Produktionskette. Bild: Gemeinde St. Blasien. Foto: TES

Die Glasherstellung in den Glashütten war damals eine wichtige Industrie der Abtei. Die Gründungen der St. Blasianischen Glashütten, ihre Standorte und Betriebszeiten waren:

1480-1515  Bernau am Todtmooserweg

1516-1567  Glashof St. Blasien

1560-1587  Bernau am Rechberg

1579-1684  Blasiwald Habsmoos

1597-1684  Blasiwald Munchenland ob Neuhäuser Bach

1611-1716  Grünwald bei Kappel

1622-1684  Blasiwald Schmalzberg Althütte

1684-1712  Glashütte am oberen Windbergbach

1716-1878  Glashütte Äule

Ein Eindruck aus einer Glashütte. Bild: Gemeinde St. Blasien. Foto: TES

(Quelle und weitere Informationen: J. Adamek, St. Blasien: Kirche-Kloster-Kolleg, St. Blasien, 1992)

Weitere Eindrücke

750 Jahre Kathedrale Notre-Dame von Lausanne

Der Bau der Kathedrale von Lausanne wurde bis zur ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts von mehreren Baumeistern geleitet. Der Bischof Landry de Durnes gab den Anstoss zum Bau um 1170.

Sammlung: Musée Historique Lausanne

Der erste Baumeister begann mit der Errichtung der romanischen Apsis, doch die weitere Ausführung des Monuments zeigte schnell eine Hinwendung zur gotischen Architektur und wurde um 1235 mit dem bemalten Portal an der Südfront abgeschlossen. Am 20. Oktober 1275 wurde die Kathedrale von Papst Gregor X. (1210-1276) in Anwesenheit des Kaisers Rudolf von Habsburg (1218-1291) geweiht.

Die erste Bauphase der Kathedrale begann 1173 mit der romanischen Apsis. Zwanzig Jahre später korrigierte der zweite Baumeister die Ausrichtung des Gebäudes, veränderte die architektonische Komposition und baute bis 1215 die Kirche, wie wir sie heute kennen. Der dritte Baumeister setzte die Arbeiten nach Westen fort und errichtete das Westwerk mit einem Vorbau und zwei Türmen, von denen einer den Glockenturm trägt, während der andere nie vollendet wurde.

Das Portal ist ein Beispiel für eine originelle Gestaltung sowohl in architektonischer als auch in ikonografischer und polychromer Hinsicht. Es veranschaulicht ein komplexes Programm. Das allgemeine Thema ist die Evokation des Geheimnisses der Inkarnation und die Fürsprache der Jungfrau im Rahmen der Wallfahrt zur Kathedrale Notre-Dame.

Das bemalte Portal an der Südfront vervollständigte das Bauwerk zwischen 1225 und 1235. Zwei Teile des ursprünglichen architektonischen Ensembles, der ehemalige Kreuzgang und der Durchgang des grossen Jochs, sind heute nicht mehr erhalten. Sie verfielen nach und nach und wurden im 17. Jahrhundert zerstört.

Le Château Saint-Marie  (1430 errichtet), Residenz des Bischofs bis die Reformation

Nach der Reformation

Nach der Reformation von 1536 fanden mehrere Restaurierungszyklen statt. Eine der wichtigsten Massnahmen wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom französischen Architekten Eugène Viollet-le-Duc (1814–1879) umgesetzt. Der letzte Restaurierungszyklus begann 1968 mit dem Nordchor-Turm.

Bild: die Kathedrale von Lausanne 

(Quelle und weitere Informationen: Cathédrale de Lausanne)

Giuanna Egger-Maissen, Korrektorin und Lektorat

 

Sammlung: Musée Historique Lausanne