Der Hinterrhein als Walser und romanische Kultur- und Handelsweg
15 August 2025
Eine Reise entlang des Hinterrheins beginnt im ältesten Walserdorf Graubündens. Das Dorf ist nach der südlichen Quelle des Rheins, dem Hinterrhein, benannt. Der Vorderrhein entspringt im St. Gotthardmassiv. Ab Reichenau fliessen diese Flüsse zusammen.

Der Hinterrhein bei Hinterrhein
Hinterrhein (Kanton Graubünden) liegt 1 Kilometer vom San-Bernardino-Tunnel entfernt. Das Tal erstreckt sich noch 10 Kilometer weiter bis zum Rheinwaldhorn, das gleichzeitig die Grenze zum Kanton Tessin markiert. Der Hinterrhein entspringt im Paradiesgletscher, der zwischen dem Rheinwaldhorn und dem Rheinquellhorn liegt.


Der Hinterrhein, die Brücke aus dem Jahr 1693 und das Tal Richtung San Bernardino
Das Dorf ist ein jahrhundertealter Durchgangsort für Händler und andere Reisende. Der San-Bernardino-Pass führt ins italienischsprachige Val Calanca (Kanton Graubünden), über den Valserberg ins Walserdorf Vals, über Splügen und Nufenen über den Safierberg ins Safiental, über den Splügenpass nach Chiavenna (Italien) oder durch die Roflaschlucht und die Viamala nach Reichenau-Tamins.

Sammlung: Museum Rheinwald
Die Römer nutzten schon diese Route und bis zur Ankunft von Zug und Auto im 19. und 20. Jahrhundert waren die Verkehrsmittel dieselben: Pferd und Wagen, später Kutschen und Postkutschen, Maultiere und Esel.

Sammlung: Museum Rheinwald
Der Transport mit Maultieren und Eseln war bis zur Ankunft von Zug und Auto das wichtigste Transportmittel für Händler. Dieser Handel wird als Säumerei über Saumwege bezeichnet. Das Museum Rheinwald in Splügen widmet der Geschichte der Säumer Aufmerksamkeit.
Die Dörfer entlang der Route haben jahrhundertelang von diesem Verkehrsweg profitiert. Die (wertvollen) Güter wurden meist in einem grossen Lagerraum (Sust) gelagert. Lebensmittel, Wein, Olivenöl, Häute, aber auch Luxusgüter wie Seide, Olivenöl und Gewürze wurden über diese Route transportiert.
Gasthäuser für Säumer, Kutscher und Passagiere, Lebensmittel und Wechselstationen für Pferde und andere Tiere, Kutschen, Reparaturbetriebe, Schmiede, Bauern und verschiedene andere Zulieferer und Dienstleister brachten Wohlstand und Arbeit auf dieser internationalen Transitroute.

Die Viamala
Die Handelshäuser und Stadtpaläste in diesen Dörfern erinnern an diese Zeit. Die traditionellen Holzhäuser der Walser und Lagerhäuser stehen jedoch mitten darin. Unternehmergeist, Tradition und Innovation in der Schweiz.
Hinterrhein
In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts liessen sich deutschsprachige Walser an diesem Ort im Rheinwald nieder. Die Walser sind Einwanderer aus dem Wallis. Wahrscheinlich wanderten sie aufgrund von Überbevölkerung und Erbfolgefragen in grosser Zahl nach Graubünden und andere Regionen aus. Vom Dorf Hinterrhein aus zogen sie dann in Richtung Vals, Splügen und andere Gebiete Graubündens.

Vertrag zwischen dem Herrn Von Sax Misox und den Walsern in Hinterrhein, 1286. Sammlung: Archiv Hinterrhein
Die Walser erhielten die Erlaubnis und (steuerliche) Privilegien der Eigentümer dieser Ländereien. Die Herren von Sax Misox (Burg Messoco) und von Vaz schlossen Verträge mit den Walsern.

Hinterrhein





Nufenen
Weiter flussabwärts liegt das Walserdorf Nufenen. Das Dokumentationszentrum Walserama gibt umfassende Informationen über die Walser, ihre Kultur, ihren Handel, ihre Sprache und ihre Landwirtschaft.




Splügen
Das Dorf gilt sozusagen als Modelldorf für den Transitverkehr mit seinen Walsergebäuden und den italienisch geprägten Stadtpalästen aus Stein. Das Museum Rheinwald ist in einem dieser Paläste untergebracht. Der Heimatschutz hat Splügen 1995 den Wakkerpreis verliehen. Die viaSpluga ist ein Wander- und Kulturweg zwischen Thusis (Via Mala) und Chiavenna über den Splügenpass.

Sufers
Sufers ist heute vor allem wegen seines Stausees und seines Elektrizitätswerks sowie der gigantischen Festung Crestawald bekannt, die zur Zeit des Réduit (1940-1945) als Verteidigung gegen die italienische Diktatur gebaut wurde.

Schams
Das ursprünglich romanischsprachige Gebiet umfasst die Via Mala, die Rofflaschlucht, das Val Ferrera mit Andeer und Zillis als wichtigste Dörfer, neben verschiedenen kleinen Weilern. Bis ins 20. Jahrhundert blieb Romanisch die dominierende Sprache, und Walser liessen sich hier nicht oder nur in kleinen Zahlen nieder.

Andeer
Weiter flussabwärts liegt der Ort Andeer. Andeer war bis vor einigen Generationen ebenfalls ein romanischsprachiges Dorf. Der Bau der Via Mala im Jahr 1473 und die neuen Verkehrswege in den Jahren 1818-1822 führten auch in Andeer zu einem starken Anstieg von Wohlstand, Beschäftigung und Einwohnern.
Die Rofflaschlucht und ihr Gasthaus profitierten ebenfalls davon, bis zur Eröffnung des Gotthard-Eisenbahntunnels und später der Ankunft der Autos.









Reichenau
Der Hinterrhein und der ehemalige Säumerweg setzen ihre Route unter anderem über Thusis, Fürstenau, Rhäzuns und Bonaduz fort, um bei Reichenau-Tamins mit dem Vorderrhein und dessen Säumerweg zusammenzukommen.

Schlussfolgerung
Was heute gut befahrbare Strassen mit der Via Mala und der Rofflaschlucht als touristische Attraktionen sind, waren jahrhundertelang gefährliche und notwendige Verkehrswegen in allen (rauen) Jahreszeiten.
Die Ankunft der Walser ab dem 13. Jahrhundert führte zu neuen Dörfern, anderen landwirtschaftlichen Methoden, anderem Hausbau und anderer Sprache, zur schnellen Entwicklung von Handels- und Verkehrswegen und auch zu einer Abholzung der Wälder aufgrund des grossen Holzbedarfs.
Die romanische Sprache hat sich ab Andeer lange gehalten und ist erst im Laufe des 20. Jahrhunderts weitgehend dem Deutschen gewichen. Heute gibt es jedoch wieder mehr Interesse und Nutzung der romanischen Sprache.
Fazit
Die Schweiz ist (vorerst) ein erfolgreicher Schmelztiegel der Sprachen, Kulturen und Religionen, und auch Graubünden mit seinen italienischen, deutschen, romanischen und Walser Wurzeln zeugt davon.
Lektorat und Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen






