Kirchner Museum Davos, 'Ernst Ludwig Kirchner zwischen Malerei und Fotografie' Foto/Photo: TES

Die Erfindung der Fotografie markierte einen Wendepunkt im 19. Jahrhundert. Sie stellte die Malerei vor neue Fragen. Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), einer der prägendsten Künstler der Moderne, stellte sich diesen Herausforderungen und setzte sich intensiv und mit grosser künstlerischer Sensibilität mit dem jungen Medium der Fotografie auseinander.

Die Ausstellung beleuchtet eine faszinierende Facette im Schaffen Kirchners, die bislang wenig Aufmerksamkeit erhielt: die zentrale Rolle der Fotografie. Während viele Künstler seiner Zeit die Kamera primär als schnelles Skizzenbuch oder visuelles Notizbuch nutzten, ging Kirchner einen entscheidenden Schritt weiter.

Er integrierte die Fotografie konsequent und bewusst in seinen gesamten kreativen Prozess. Sein beeindruckendes fotografisches Erbe – rund 1300 erhaltene Glas- und Zellulosenegative, zahlreiche Vintage-Prints und mehrere sorgfältig gebundene Fotoalben – zeugt von einer tiefen, langfristigen und experimentellen Auseinandersetzung mit diesem Medium.

Für Kirchner war die Fotografie weit mehr als ein eigenständiges Ausdrucksmittel. Sie war ein Arbeitsinstrument für seine Malerei. Er nutzte sie gezielt, um Bildideen zu entwickeln, den dynamischen Ausdruck von Körperhaltungen und Bewegungen zu studieren oder komplexe Kompositionen vorzubereiten.

So ist die Fotografie untrennbar mit seinem malerischen Werk verbunden und prägt spürbar die Wahl seiner Motive, seine charakteristische Malweise und die Struktur seiner Bildkompositionen. Gleichzeitig schuf er damit ein einzigartiges Archiv seines visuellen Denkens – ein Fenster in seinen kreativen Geist.

Kirchners fotografisches Werk bewegt sich in einem Spannungsfeld: zwischen dem präzisen dokumentarischen Festhalten seiner Umwelt und seiner Werke, dem künstlerischen Experimentieren mit neuen Möglichkeiten und der bewussten gestalterischen Praxis.

Es offenbart nicht nur seine technische Neugier, sondern auch den lebendigen Dialog und die gegenseitigen Impulse, die zwischen Malerei und Fotografie im Aufbruch des frühen 20. Jahrhunderts herrschten.