Kloster St. Johann, Müstair. Foto/Photo: TES.

Das Kloster St. Johann in Müstair

Karl der Grosse (748-814) gründete 775 das benediktinische Kloster St. Johann (Claustra Son Jon) als Stützpunkt für seine Expansionspolitik in den Osten und Süden Europas. Im Jahr 774 hatte Karl das langobardische Königreich (einschliesslich der heutigen Lombardei) erobert.

Verkehrswege und politische Situation in und um die Diözese Chur um 1500. Bild: Klostermuseum St. Johann

Das Kloster diente dem Bischof von Chur als Zweitresidenz auf dem Weg über die Alpen und als Verwaltungszentrum seiner weltlichen Herrschaft. Um die Mitte des 9. Jahrhunderts zählte das Kloster 45 Mönche. In der Mitte des 12. Jahrhunderts  war diese Gemeinschaft jedoch verschwunden, möglicherweise zugunsten Marienberg, einer Neugründung der Herren von Tarasp im Vinschgau. Seither wird das Kloster von Benediktinerinnen bewohnt.

Karl der Grosse (748-814) im Kloster

Kurz vor 800 wurde die Klosterkirche mit einem Freskenzyklus ausgeschmückt, der die Heilsgeschichte in Form eines Bildteppichs über alle Wände ausbreitete. Dieser karolingische Bilderschatz erhebte das Kloster zum UNESCO-Welterbe.

Von grossem Wert sind die einzigartigen karolingischen und romanischen Wandmalereien, die Statue Karls des Grossen sowie das spätgotische Gewölbe.

Die Heiligkreuzkapelle stammt ebenfalls aus dem 8. Jahrhundert. Sie gibt Einblicke in Malereien aus mehreren Zeitepochen. Der im 10. Jahrhundert errichtete Wohn- und Wehrturm ist der älteste im Alpenraum. Im Turm ist das Museum eingerichtet. Es erlaubt einen Blick in die Klösterräume.

Die Romwegkarte zum Heiligen Jahr 1500 des Nürnberger Kartografen Erhard Etzlaub. Sammlung: Kloster St. Johann

Müstair lag im Mittelalter an strategisch wichtigen Pass- und Handelsstrassen, die den Norden mit dem Süden Europas verbanden. Über den Umbrailpass gelangte man von Müstair via  Bormio nach Mailand, von Verona aus über den Reschenpass entlang der römischen Via Claudia nach Augsburg. Das Kloster besass das Marktrecht und war ein wichtiger Ort des regionalen Handels.

Das Kloster war auch Ausgangs- und Zielpunkt von Wallfahrten und Pilgerreisen. Das Heilig-Blut-Wunder aus dem 13. Jahrhundert zog zahlreiche Pilger an.

Die Regel des Heiligen Benedikt ordnet seit dem 6. Jahrhundert das monastische Leben. Sie bestimmt den Tagesablauf, die Gebetszeiten sowie das alltägliche Leben.

Die ehemaligen Zellen

Eine der kunsthandwerklichen Tätigkeiten der Klosterfrauen war das Besticken von Trachten. Zumeist handelte es sich dabei um Auftragsarbeiten für Kundinnen aus dem Engadin. Die Schwester Maria Pia (*1931) begann selbst zu sticken und Stickmuster zu zeichnen und hat noch bis in die jüngste Vergangenheit Stickvorlagen entworfen. Die Kunst blieb im Kloster seit 1958 immer ihr Begleiter, mit im Gepäck Staffelei, Papier, Stifte und Farben zum Zeichnen.

Schwester Maria Pia, Paluotten, die das Mieder schmücken. Das Klostermuseum widmet der ältesten Klosterfrau und Künstlerin Schwester Maria Pia eine Retrospektive

Mehr als 1200 wechselvolle Jahre haben dieses Kloster und sein spirituelles Weiterleben geprägt.Das Kloster zählt heute noch acht Schwestern, somit sind die nächsten 1200 Jahre als Konvent vielleicht nicht gesichert.

(Quelle und weitere Informationen: A. Dind, J. Goll, Kloster St. Johann, Müstair, 2017).

 Korrektorin: Melinda Fechner

Das ehemalige Refektorium

Die Schwarze Madonna von Einsiedeln. Von 1707 bis 1724 wirkte Pater Reutli, ein Mönch aus Einsiedeln, als Spiritual im Kloster Müstair. Er nahm eine Kopie des Gnadenbildes von Einsiedeln mit. Der Künstler war vermutlich Joseph Kälin (1693-1731).