Arlesheim (Kanton Basel-Landschaft) hat seit 1678 seine monumentale Kathedrale und Paläste des ehemaligen Kapitels des Bistums Basel und seit 1785 die berühmte Hermitage. Nichts deutete nach 1913 darauf hin, dass dieses Dorf und das angrenzende Dornach (Kanton Solothurn) erneut Geschichte schreiben würden. Dornach machte 1499 bereits Schlagzeilen
Am 30. März 1925 starb Rudolf Steiner in Dornach in seinem Atelier in seiner Goetheanum-Kolonie. Die niederländische Ärztin Maria Ita Wegman (1876-1943) stand ihm in seinen letzten Stunden bei. Wegman starb in Arlesheim (Kanton Basel-Landschaft). Für beide war es bei ihrer Geburt nicht vorhersehbar, dass sie in diesen Dörfern ihre letzte Ruhestätte finden würden.


Der Grenzstein und der Bach Schwinbach-Aue zwischen dem Kanton Solothurn (Dornach) und dem Kanton Basel-Landschaft (Arlesheim). Rechts das Glashaus des Goetheanum (Dornach)
Rudolf Steiner
Rudolf Steiner wurde 1861 in Donji Kraljevec in Kroatien geboren, damals der ungarische Teil der damaligen österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie (1848-1918). Er stammte aus einer deutschsprachigen Familie. In seinen Schuljahren war er fasziniert von der Mathematik, seinem Lieblingsfach, und der Natur.
Anschliessend studierte er an der Technischen Hochschule in Wien (1879-1889). Dort lernte er die philosophische, psychologische, deutsch-nationalistische und liberaltheologische Welt des habsburgischen kulturellen Schmelztiegels von Wien kennen.

Otto Fröhlich (1869-1940), um 1892. Rudolf Steiner. Sammlung: Goetheanum
Er vertiefte sich in Philosophie und das Wesen des Menschen und entwickelte sein lebenslanges Credo: „Es gibt keine Grenzen der Erkenntnis“ mit dem Ziel „das Ewige in uns anzuschauen“ (sozusagen sich selbst kennenlernen).
Sein Idol war Wolfgang von Goethe (1749-1832). Goethe war nicht nur Dichter und Schriftsteller, sondern auch Naturwissenschaftler, das bevorzugte Studiengebiet von Steiner. Steiner las, bewunderte und kritisierte zudem die grossen Denker seiner Zeit und davor, wie Friedrich Nietzsche (1844-1900), Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) und Immanuel Kant (1724-1804).
Weimar
Steiner kombinierte sein Interesse an der geistigen Entwicklung des Menschen, jedes Individuums, mit der physischen Welt der Materie und der Naturwissenschaften. Goethe war sein Vorbild und er arbeitete von 1890-1897 im Goethe-Schiller-Archiv in Weimar. Diese Jahre prägten sein Gedankengut über die Anthroposophie.

Sammlung: Goetheanum
Dies führte 1893 zur Veröffentlichung „Philosophie der Freiheit“, nachdem er 1891 mit der Dissertation „Die Grundfrage der Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichtes Wissenschaftslehre. Prolegomena zur Verständigung des philosophierenden Bewusstseins mit sich selbst“ promoviert hatte. Der Verlag der Handelsausgabe machte 1892 klugerweise daraus einen deutlich kürzeren Titel: „Wahrheit und Wissenschaft“.

Sammlung: Goetheanum
Berlin
1899 zog er zusammen mit seiner Frau Anna Eunicke (1853-1911) nach Berlin. Es ist die Belle Époque oder das Fin de Siècle mit einer technischen Erfindung, künstlerischer Erneuerung und Industrialisierung nach der anderen.
Er kombinierte die physische Welt der Naturwissenschaften mit seinem esoterischen und philosophischen Gedankengut für die geistige Entwicklung des Individuums.
In Berlin kam er mit der Theosophie (göttliche Weisheit) in Kontakt. Diese Bewegung erklärte das Wesen und die Entwicklung des Menschen aus der Perspektive des Höheren, Okkulten und anhand mystisch-religiöser und naturphilosophischer Ansätze.

Sammlung: Goetheanum
Diese Bewegung war international orientiert, mit vielen adligen und wohlhabenden Bürgern als Anhängern. Steiner wurde 1902 aufgrund seines fundierten Wissens und vor allem seines Redner- und Schreibtalents Generalsekretär der Deutschen Theosophischen Gesellschaft.
Hier traf er auch Marie von Sivers, die nach dem Tod seiner Frau 1911 seine zweite Ehefrau wurde und als Marie Steiner (1867-1948) bekannt wurde. Sie spielte bis zu seinem Tod und danach eine führende Rolle in der anthroposophischen Bewegung.
Der Schritt vom theosophischen Gedankengut zur Freimaurerei war nicht gross. Viele führende deutsche Theosophen waren damals auch Freimaurer und 1906 erhielt Steiner die Erlaubnis, selbst Mitglieder für die Freimaurerei zu werben.
Dies tat er bis 1914, nach eigenen Angaben, vor allem als Lehrschule für seinen „Erkenntniskult“. Die hierarchische Organisation mit ihren Ritualen passte nicht in sein Bild vom Menschen und dessen spiritueller Entwicklung als Individuum.
Die theosophische Bewegung stand in dieser Hinsicht auch nicht im Einklang mit seinen Denkweisen. Er gründete 1913 zusammen mit anderen die Anthroposophische Gesellschaft in Berlin.
Steiner hielt in seinem Leben etwa 6.000 Vorträge, schrieb 30 Bücher und Hunderte von Artikeln. Hier wird eine sehr knappe Darstellung der Grundsätze der Anthroposophie (menschliche Weisheit) gegeben.

Sammlung: Goetheanum
Anthroposophie
Die Anthroposophie ist ein philosophisches und spirituelles System oder eine Lebensanschauung. Sie strebt die Verbindung des Geistigen (spirituellen, intuitiven, intellektuellen und analytischen Fähigkeiten) in jedem Individuum (Die Existenz einer geistigen Welt) mit den unbegrenzten Möglichkeiten des geistigen Kosmos und den Naturgesetzen (Es gibt keine Grenzen der Erkenntnis) an.
Freiheit des Denkens, eigene Wahrnehmung und selbstständiges Urteilen sah er als Voraussetzungen für die optimale geistige Entwicklung jedes Individuums inmitten des physischen Daseins und der Naturgesetze im täglichen Leben.
Bis zu seinem Tod entwickelte er praktische Anwendungen für seine Philosophie, wie die Freie Hochschule in Dornach, die eurythmische Tanzbewegung, Freie Schulen (Steinerschulen) oder in Deutschland die Waldorfschulen, anthroposophische Heilmethoden, Heilpädagogik, biologisch-dynamische Landwirtschaft, Literatur, Architektur, Kunst und auf verschiedenen anderen Gebieten.

Rudolf Steiner Schule St. Gallen
Darüber hinaus schrieb er viele Bücher, Essays und Artikel über unter anderem Philosophie, Spiritualität, Landwirtschaft, Geologie, Theologie, Bildhauerei, soziale Fragen, Wirtschaft, Malerei und Architektur.
Die eurythmische Bewegung
Die neue Bewegungskunst (Tanz) und Eurythmie und die Mysteriendramen von Steiner hatten das Ziel, das Innere des Individuums zum Ausdruck zu bringen. Die Mysteriendramen waren Theaterstücke für diesen eurythmischen Tanz.
Sie basierten auf einer Interpretation des Evangeliums. Steiner erläuterte dieses Konzept in seinem „Das Christentum als mystische Tatsache“ (1902). Das Evangelium war in dieser Auffassung kein historisches Faktum, sondern zeigte die individuelle geistige Entwicklung von Jesus. Die katholische Kirche konnte dies nicht schätzen.

Eurythmischer Tanz, um 1923. Sammlung: Goetheanum
Wie dem auch sei, im August 1913 wurde in München das vierte Mysteriendrama erneut mit grossem Erfolg aufgeführt. Ein damals bekannter Dichter nannte es sogar: „Das steinerische Mysterium leitet eine neue Stufe, eine neue Epoche der Kunst ein“.
Steiner war ein Kind seiner Zeit. Auch in der Kunst (um nur Picasso zu nennen), Politik (Aufstieg des Sozialismus, Marxismus, Anarchie), Psychotherapie (Freud) und Biologie (zum Beispiel Darwinismus) fanden damals neue Ideen Eingang.
Dornach
Der Erfolg der neuen Anthroposophischen Gesellschaft und ihrer wohlhabenden Mitglieder war so gross, dass der Bau einer Anthroposophenkolonie konkrete Gestalt annahm. Die Finanzierung war kein Problem und der erste Entwurf mit dem Namen Johannesbau war in München geplant.

Sammlung: Goetheanum
Die Behörden im (katholischen) München lehnten den Plan jedoch ab. Eine Alternative bot sich in Dornach an. Emil Grosheintz (1867-1946), Zahnarzt in Dornach und Anthroposoph, bot ein Stück Land für den Johannesbau und Parzellen für Ateliers und Häuser von Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft an.
Steiner war nicht nur von diesem Angebot beeindruckt, sondern auch von der Landschaft und der Lage auf einem Hügel. Ende 1913 begann der Bau, aber im August 1914 begann der Erste Weltkrieg (1914-1918) und erst 1920 war das Komplex unter dem Namen Goetheanum fertiggestellt.

Das erste Goetheanum (der Johannesbau), 1914. Sammlung: Goetheanum
Das Wichtigste ist jedoch, dass Steiner und die Anthroposophische Gesellschaft in der Zeit von 1913-1918 die Grundlage für einen neuen Anfang nach 1918 legten. Die Steiner- oder Waldorfschulen waren 1919 das erste konkrete Ergebnis. Waldorf ist nach der Waldorf Astoria Zigarettenfabrik in Stuttgart benannt.


Rudolf Steiner und sein erster Entwurf für den Johannesbau (das Goetheanum) Sammlung: Goetheanum
Der Direktor gab Steiner 1919 den Auftrag, seine anthroposophische Philosophie für eine neue Unterrichtsmethode für seine Kinder anzuwenden. Die erste Waldorfschule mit den Steiners Ideen über Erziehung und Bildung war ein grosser Erfolg und viele Schulen folgten in Europa und anderen Kontinenten.
Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Scheitern der alten Unterrichtsmethoden war die Zeit reif für Erneuerung. In Zürich war Dada (1916-1922) die künstlerische Reaktion auf den Ersten Weltkrieg.

Sammlung: Klinik-Arlesheim
Maria Ita Wegman
Maria Ita Wegman wird hier nur kurz behandelt, da die konkrete Zusammenarbeit mit Steiner auf die letzten Jahre seines Lebens beschränkt ist. Das Ita Wegman Institut in Arlesheim und die dreibändige Bibliografie J.E. Zeylmans van Emmichoven, „Wer war Ita Wegman“ (Goetheanum-Verlag Dornach) gehen ausführlich auf ihr Leben und ihr Lebenswerk ein.

Maria Ita Wegman. Sammlung: Klinik-Arlesheim
Wegman und Steiner kannten sich bereits seit 1902, arbeiteten jedoch erst ab 1920 zusammen. Wegman wurde auf West-Java im ehemaligen Niederländisch-Indien geboren. Sie studierte Medizin in Zürich und liess sich 1911 als Ärztin nieder. Ihre erste eigenständige anthroposophische Praxis war in Basel.
Steiner und Wegman entwickelten ab 1920 die anthroposophische Medizin und gründeten 1921 die Anthroposophische Klinik in Arlesheim. Wegman war die Leiterin der Klinik.

Basel
Sie war ab 1924 auch Leiterin der medizinischen Abteilung der von Steiner in Dornach gegründeten Freien Hochschule. Die Klinik in Arlesheim besteht noch immer unter dem Namen Ita-Wegman-Klinik oder Klinik-Arlesheim, neben dem Ita Wegman-Ambulatorium in Basel.

Basel, Ita Wegman-Ambulatorium

Klinik-Arlesheim
Sie war auch an der Entwicklung der Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Therapeuten beteiligt, um die Pflege der Patienten zu optimieren. Sie ist auch eine der Mitbegründerinnen des Schweizer Multinationals Weleda, der aus dem „Laboratorium am Goetheanum“ für anthroposophische Arzneimittel und Heilkunde hervorgegangen ist.
Nach dem Tod von Steiner und Wegman wurden ihre Projekte fortgesetzt. In Bereichen wie Landwirtschaft, Medizin, Wirtschaft, Bildung, Pflege, Architektur, (bildende) Kunst und Lebensanschauung ist die Anthroposophie immer noch eine globale inspirierende Quelle mit Dornach und Arlesheim als Zentren. Und dann zu bedenken, dass das Epizentrum der pharmazeutischen Industrie von diesen Orten aus zu sehen ist!

Die Kantone Solothurn (Dornach und das Goetheanum, rechts), Basel-Stadt mit den Roche-Türmen (links), Basel-Landschaft (mit Arlesheim und Dom, Mitte), Elsass und Baden-Württemberg im Hintergrund
Goetheanum
Die erste Version des heutigen Goetheanums brannte am 31. Dezember 1922 ab. Es war ein Holzgebäude mit zwei Kuppeln auf einem Betonfundament auf dem Hügel von Dornach. Das Gebäude erhielt seinen Namen von Wolfgang von Goethe, dem von Steiner bewunderten Naturwissenschaftler.

Das Goetheanum nach dem 1. Januar 1923. Sammlung: Goetheanum
Die Architektur, Glasmalereien, Fresken, Symbolik, Farben, Dekoration und Einrichtung standen im Zeichen der Anthroposophie. Die Website des Goetheanums und das Modell im Ausstellungsraum neben dem Goetheanum geben eine ausführliche Erklärung. Das ist auch nötig, denn damals verstanden nur Eingeweihte die Bedeutung, die Künstler und Arbeiter oft nicht:
„Die ungewohnten Formen, die Bilder der Menschheitsgeschichte in den Kuppelmalereien, die eigenartigen Zeichnungen (Sterne, Engel, Dämonen) in den Glasfenstern: Wir sollten helfen, so etwas zu errichten. Wäre es nicht richtig, dass wir selbst möglichst auch verstünden, was da dargestellt wird?“
Brandstiftung war am 31. Dezember 1922 die Ursache des Brandes. Steiner wollte jedoch keine Untersuchung. Papst Benedikt XV. (1854-1922) hatte 1919 die anthroposophische Bewegung in den Bann getan. Im katholischen Dornach (das Bistum Basel residierte seit 1828 in der Stadt Solothurn) und im katholischen Arlesheim stiess Steiner ebenfalls auf viel Widerstand.

Links das alte Goetheanum, rechts das heutige Gebäude. Dazwischen die Gebäude zwischen 1914 und 1925. Sammlung Goetheanum
Für Steiner bedeutete der katastrophale Brand jedoch nicht das Ende seines Lebenswerks, sondern gerade das Momentum für einen neuen Anfang. Ein gutes Omen war zudem der Erhalt seiner monumentalen Holzskulptur „ Der Menschheitsrepräsentant“, den er zusammen mit der englischen Künstlerin Edith Maryon (1872-1924) geschaffen hatte. Zum Zeitpunkt des Brandes stand die Skulptur noch im angrenzenden Atelier.
Steiner gründete im Dezember 1923 eine neue Anthroposophische Gesellschaft und die „Hochschule für Geisteswissenschaften am Goetheanum“. Die Schule hatte die Abteilungen Schöne Wissenschaften, redende und musikalische Künste, medizinische Sektion, mathematisch-astronomische Sektion und bildende Künste.
Gleichzeitig entwarf er das neue Goetheanum aus Beton (Siehe die monumentale Kirche aus Stein in Basel, errichtet im Jahr 1925!), aber wieder vollständig auf das anthroposophische Gedankengut ausgerichtet mit einer Neuerung: Das Gebäude passt sich der geologischen Umgebung mit ihren Felsformationen an.


Das Atelier, in dem Steiner am 30. März 1925 starb
Vor hundert Jahren starb Rudolf Steiner in seiner Werkstatt, während die Bauarbeiten für das neue Goetheanum bereits begonnen hatten. Der Bau dauerte noch viele Jahre, aber die Ateliers des alten Goetheanum und die vielen Villen der Anthroposophen deuteten bereits die Konturen des heutigen Komplexes an.
Es ist ein grosser Kuppelbau aus Beton, der den Zeitgeist sehr gut widerspiegelt. Moderne, Art Deco, organische Formen und Farben, Surrealismus, versehen mit viel Symbolik, Gemälden, anthroposophischen Farben und Skulpturen mit der Evolution der Menschheit und der persönlichen (geistigen) Entwicklung der Menschen sind das Motiv.


Der Haupteingang (Westen), mit zwei vor dem Brand geretteten Werken



In der Umgebung des Goetheanums wurden nach 1928 etwa 180 weitere Häuser im gleichen Stil gebaut. Das Goetheanum wird bis heute als Raum für das Internationale Anthroposophische Zentrum, die Gesellschaft, die Freie Hochschule, (künstlerische) Veranstaltungen, Vorträge und Aufführungen von Musik und Theater genutzt.

Schlussfolgerung
Die von Steiner gegründete Anthroposophische Gesellschaft hat weltweit etwa 50.000 Mitglieder mit nationalen Abteilungen. Das Goetheanum ist heute längst keine Kolonie mehr, sondern ein Campus mit einer Freien Hochschule, medizinischen und biologisch-dynamischen Gärten und ist das pädagogische, kulturelle, spirituelle und geschäftliche Zentrum der Organisation mit vielfältigen Aktivitäten.

Die Steinerschulen (Freie Schulen oder Waldorfschulen) sind etablierte Bildungseinrichtungen. Das Lebenswerk von Steiner ist für viele Menschen im täglichen Leben immer noch eine weltweite Inspirationsquelle.
(Quelle: Goetheanum; David Marc Hoffmann, Rudolf Steiner, Sein Leben und Wirken, Basel 2025)
Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen
Eindrücke aus Dornach und Arlesheim, Villen und Goetheanum











Glashaus

Heizhaus

Haus Duldeck
Die Gärten


Das Bienenhaus

Das Präparate-Pavillon
Die Ita Wegman-Klinik in Arlesheim

