Sion, Le Couvent des Capucins. Photo/Foto: TES

Das Kapuzinerkloster in Sitten

Einem aktuellen Bericht der Vereinten Nationen zufolge ist die Schweiz nach wie vor eines der wirtschaftlich innovativsten Länder. Das gilt aber auch für die (religiöse) Architektur und das Design. Mehrere Museen, darunter das Vitra Design Museum in Weil am Rhein, das Museum für Gestaltung in Zürich oder die Platforme 10 in Lausanne, sind nur einige Beispiele davon.

Auch im kirchlichen Bereich sind Architektur und Design manchmal innovativ. Die St.-Nicolas-Kirche in Héremence, die St.-Antonius-Kirche in Basel oder das Kapuzinerkloster in Sitten sprechen Bände, auch wenn es wenig über spirituelle Innovation aussagt.

Der Kreuzgang, in rosa das alte Haus für Apotheke und Kranke

     

Gemälde von Hans Ludolff, um 1653, das Kloster auf der linken Seite

Dieses Kapuzinerkloster wurde 1643 gegründet, zum Teil als Antwort auf die Reformbewegung, die bis 1603 auch das Wallis in ihrem Griff hatte oder sogar hielt. 1603 entschieden sich die sieben Zehnden in der Tagsatzung des Wallis jedoch definitiv für den alten Glauben.

Das Kloster erlangte im Bildungs- und Gesundheitswesen rasch einen guten Ruf. Vor allem die Philosophie und die Theologie waren in der weiteren Umgebung und bis weit ins 20. Jahrhundert bekannt.

Die alte Mauer und die neuen Dekorationen

Die florierende Klostergemeinschaft beschloss in den 1920er- und 1930er-Jahren, den Komplex zu modernisieren und zu erweitern. Die ersten Renovierungsarbeiten des Architekten Alphonse de Kalbermatten (1870-1960) stammen aus dieser Zeit. Das Erdbeben von 1946 erzwang jedoch weitere Reparaturen durch Fernand Dumas (1892-1956) und andere.

Der bemerkenswerteste Eingriff fand jedoch in den Jahren 1962-1968 statt, ironischerweise mehrere Jahrzehnte vor der Übernahme des Klosters durch Sion und dem Auszug der letzten Mönche im Jahr 2014. Heute verwaltet und vermietet die Gemeinde den Komplex.

Der Klostergarten

Das tut der Kreativität, den Innovationen und der offensichtlichen Finanzkraft der Kapuziner jedoch keinen Abbruch. Der venezianische Architekt Mirco Ravanne (1928-1991) hat den Umbau des Klosters auf originelle Weise gestaltet. Das Alte wurde weitgehend bewahrt, aber mit modernen Materialien und vor allem mit schönen zeitgenössischen Kunstwerken von Kengiro Azuma (1926-2016), Alberto Buri (1915-1995), Ángel Duarte (1930-2007), Marcel Feuillat (1896-1962) und anderen ergänzt. Jacques le Chevalier (1986-1987), Manfredo Massironi (1937-2011), Paul Monnier (1907-1982), Bernhard Mühlematter (1931-2001), François Ribas (1903-1979), Remo Rossi (1909-1982), Gino Severini (1883-1966) und Antoni Tapiès (1923-2012) haben den Kreuzgang, Garten, die Lesesäle und andere Räume aufgewertet.

Diese Künstler verleihen dem ehemaligen Kloster auch heute noch eine einzigartige Sammlung von Artefakten. Die Architektur von Ravanne, die unter anderem von Le Corbusier (1887-1965) beeinflusst wurde, gibt nicht nur dieser Kunst, sondern auch der damaligen religiösen, sozialen und pädagogischen Bedeutung des Klosters Raum, Respekt und Reflexion. Seit 2014 hat die Bischofsstadt Sion ein Denkmal von nationaler Bedeutung mehr.

(Bron: P. Cagna, P. Varone, R, Salvi, C. Schmid, F. Vannotti (Red.), Le Couvent des Capucins, Sion, 2017)

Giuanna Egger-Maissen

Gino Severini; Glasfenster von Jacques le Chevalier

Antoni Tapiès und das Trauma des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939), dargestellt von einem flugzeug

Kengiro Azuma