Die Mühlen von St. Luc und das Schweizerische Wirtschafswunder
1 Juli 2025
Die industrielle Revolution, Handelsnetze, die Textilindustrie, (finanzielle) Dienstleistungen, die Uhrmacherei, der Maschinenbau, die Lebensmittelindustrie, das Verlags- und Druckereigewerbe und andere Branchen prägen die Schweiz seit Jahrhunderten. Selbst in heute kleinen Dörfern gab es manchmal einen kleinen Industriepark.
Ein Beispiel ist St. Luc (Kanton Wallis). St. Luc liegt auf einer Höhe von 1.655 Metern im Val d’Anniviers, dem Tal der ‘Couronne Impériale’, den fünf über 4000 m hohen Bergen (Bishorn, Weisshorn, Zinalrothorn, Ober Gabelhorn und Dent-Blanche), und sogar mit Blick auf das Matterhorn. Das Dorf hat heute nur noch 300 Einwohner, war aber Anfang des 19. Jahrhunderts grösser als das nahegelegene Siders!



Das Dorf hatte damals nicht weniger als 7 Mühlen in Betrieb. Zwei Mühlen sind im Laufe der Zeit verschwunden, aber die verbleibenden fünf Mühlen sind nach einer Renovierung als Freilichtmuseum zu bestimmten Zeiten wieder in Betrieb und zu besichtigen.
Die meisten Einwohner von St. Luc hatten eine Weide oder ein Stück Ackerland und ein kleines Haus in Sierre. Dort bauten sie Roggen, Weizen, Gerste, Mais und Kartoffeln an. Nach der Ernte transportierten sie den Ertrag mit Eseln und Maultieren zur Maismühle (moulin à mais), zwei Mühlen für Roggen und Weizen (moulins à seigle et froment) und eine Mühle für Gerste und eine Nussmühle (foulon à orge et presse-noix) in St. Luc.

Ausserdem gab es noch eine Textilmühle (foulon à drap) zur Herstellung und Färbung von Kleidungsstücken. Der Müller (meunier) wohnte in der maison du meunier.

Maison du meunier
Das maison Bourgeoisiale (Rathaus) des Dorfes zeigt noch immer die handwerkliche Art des Brotbackens, einschliesslich eines jährlichen Festes.


La maison bourgeoisiale
Alle Einwohner waren damals an der Zubereitung von Lebensmitteln in diesem rauen Berggebiet beteiligt.



Eine Bourgeoisie ist der Begriff für die Gemeinde, die eine Reihe von Aufgaben, wie die Verwaltung von Weiden und Ackerland, Wasser und zum Beispiel das Brotbacken, mit der gesamten Gemeinschaft ausführt. Der Begriff Bourgeoisie hat in diesem Zusammenhang also keine soziale Bedeutung, obwohl vor allem die besser Gestellten zweifellos einen wichtigen Einfluss hatten.


Der Torrent des Moulins
Windmühlen sind in der Schweiz nahezu unbekannt. Die Mühlen werden stattdessen durch Wasserkraft angetrieben. Der wildrauschende Torrent des Moulins sorgte in St. Luc durch ein ebenso geniales wie einfaches System von Kanälen, sagen wir eine Art Suonen (Bisses auf Französisch), für die Wasserversorgung, um das Mühlrad in Bewegung zu setzen.
Dieses System funktionierte in der Schweiz über Jahrhunderte in allen Kantonen. Im 20. Jahrhundert übernahm jedoch die Elektrizität diese Funktion. Am jährlichen Nationalen Mühlentag und in vielen anderen Orten (Städten und Dörfern) kann dieses nationale Erbe noch immer besichtigt werden.
(Quelle und weitere Informationen: Commune d’Anniviers)
Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Maison du meunier





Bild: la maison bourgeoisiale
