De Gornergrat. Photo/Foto: TES

Die Alpen in natürlicher Perspektive

Die Katastrophen im Alpenraum und in der Schweiz, insbesondere, sind fast täglich in den Nachrichten. Lawinen, Erdrutsche, schmelzende Gletscher und Permafrost wechseln sich mit zu trockenen und zu nassen Perioden ab. Es steht schon lange fest, dass sich das Klima verändert und das hat Auswirkungen auf viele Bereiche.

Die Ursachen und weitreichenden Folgen werden hier nicht behandelt, wohl aber die Perspektive der strukturellen Entwicklung, die das kurze Leben eines Menschen um Tausende, Zehntausende und Millionen Jahre übersteigt.

Moiry Gletscher

Der Gornergletscher

Es ist der Menschheit in relativ kurzer Zeit gelungen, sagen wir innerhalb von 10.000 Jahren seit dem Ende der letzten Eiszeit, fast das gesamte Schweizer Alpengebiet als Tourismusorte, Landwirtschaftsraum, Wohngebiete, Strassen- und Eisenbahnen, Tunnel und Hotels und Restaurants bis auf 3.883 Meter Höhe zu nutzen.

Diese an sich grossartigen (technologischen) Leistungen haben vor allem seit Mitte des 19. Jahrhunderts einen hohen Aufschwung genommen. Für die Natur sind 10.000 Jahre jedoch noch keine Sekunde in der Geschichte der über 4 Milliarden Jahre alten Erde.

Matterhorn Glacier Paradise

Um diese Geschichte konkret zu machen: Vor 100 Millionen Jahren war die Schweiz noch Teil eines Ozeans. In einem Prozess von Millionen Jahren bildeten sich verschiedene Gesteinsarten auf dem Meeresboden. Vor etwa 30 Millionen Jahren verschwand dieser Ozean jedoch allmählich und ein anderer Prozess begann: Die Kontinentalplatten von Afrika und Europa kollidierten und daraus entstanden in einem langen Prozess vor etwa 20 Millionen Jahren die Alpen.

Die Erde hat seitdem immer grosse Veränderungen des Klimas erlebt. Vor etwa 100.000 Jahren begann die letzte grosse Eiszeit. Grosse Gletscher bedeckten fast die ganze Schweiz, nur die höchsten Berggipfel, darunter das Matterhorn, ragten knapp heraus. Das Matterhorn verdankt seine pyramidenartige Form diesen Gletschern, die die Felsen über Zehntausende von Jahren polierten.

90.000 Jahre später waren diese Gletscher grösstenteils geschmolzen und erst in der Zeit von 1.500 bis 1.800, während der kleinen Eiszeit, erreichten sie wieder eine grössere Ausdehnung. Vor der Römerzeit und bis ins späte Mittelalter existierten die Gletscher nur über 3.500-4.000 Meter.

Gletschertöpfe, Gletschergarten Zermatt

Es ist eine Tatsache, dass die Veränderungen heutzutage viel schneller vor sich gehen und der Mensch spielt dabei eine Rolle. Seit 1800 ist die Bevölkerung der Schweiz (und der Welt) sehr schnell gewachsen, ebenso wie die Nutzung der Alpengebiete. Bis zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert waren die Auswirkungen im Alpenraum relativ gering. Seit 1900 sind die Nutzung und Besiedlung immer intensiver geworden.

Dadurch sind an sich natürliche Ereignisse immer mehr zu menschlichen Tragödien und Katastrophen geworden. Wer hat jedoch den Flimser Felzsturz vor etwa 10.000 Jahren, den Tsunami am Genfersee (den Tauredunum) im Jahr 563 n. Chr., das Erdbeben in Basel im Jahr 1356 oder die vielen Katastrophen in der Lawinechronik von in Vals (Kanton Graubünden) noch miterlebt? Nur die Natur kann es erzählen, weil sie zeitlos ist.

Wer den Gornergrat (3.089 m), das Jungfraujoch (3.463 m), das Matterhorn-Glacier-Paradies (3.883 m) oder die Aiguille du Midi (3.842 m) besucht, geniesst den Moment, die Aussicht, das Panorama und die Wanderungen.

Es ist jedoch auch sinnvoll, die Informations- und Museumsräume zu besuchen. Sie bieten nicht nur Einblick in die technologischen Meisterleistungen, sondern stellen vor allem die Natur in den Mittelpunkt.

Trockener Steg

Der Gornergrat

Fazit

Diese Einsicht ist nicht nur wichtig für insbesondere die Perspektive und den Kontext der Entwicklung der Erde und der Alpen. Sie zeigt auch, dass die Natur und damit die Erde ständig in Bewegung sind und bleiben werden. Wie die Menschheit damit umgeht, ist dann die Frage.

Tatsächlich sind die Alpen heute ein grosses naturhistorisches Freilichtmuseum, teilweise von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt. Der Gletschergarten Dossen bei Zermatt oder derjenige in Luzern, die Berghänge und Gletscher des Gornergrats oder des Matterhorns haben diesen Status zwar nicht, aber es ist auch nur ein menschlicher Massstab.

An der Grossartigkeit der Natur ändert das nichts. Ein Sprichwort im Niederländischen lautet: Das Meer gibt und das Meer nimmt. Das gilt auch für die Alpen: Der Berg gibt und der Berg nimmt.

Giuanna Egger-Maissen

Der Gletschergarten bei Zermatt

   

Gornergrat

Die Kapelle Bernhard von Aosta

Alpine Garden