“The Sky is the limit” in Binningen und Franeker

Die Recheneinheit eines Jahres ist bekanntlich die Zeit, die der Planet Erde für seinen Umlauf um die Sonne benötigt. Auch der Mond und die Sterne spielen bei dieser Zeitmessung eine Rolle.

In der Schweiz gibt es 46 Obervatorien oder Sternwarten, von denen 26 der nationalen Organisation “Schweizerische Astronomische Gesellschaft” angeschlossen sind. Eine davon ist die Sternwarte St. Margarethen bei Binningen (Kanton Basel-Landschaft).

Fernrohr der Sternwarte St. Margarethen

Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet und befand sich zunächst in der Stadt Basel in der Nähe des Bernoullianums. Im Jahr 1928 wurde es an seinen heutigen Standort verlegt und gehörte bis 2007 der Universität Basel. Seither wird der Komplex von einem Verein verwaltet.

Das Bernoullianum

Schon die alten Ägypter, die seefahrenden Phönizier, die Griechen und die Römer hatten bahnbrechende Untersuchungen und Entdeckungen zum Universum und zur Zeitmessung in Jahren und Tagen gemacht. Auch die Wikinger verfügten auf ihren (fernen) Seereisen über die nötige Erfahrung mit Navigation und Zeitmessung anhand von Sternen, Planeten, Sonne und Mond.

Die Ägypter entwickelten auf der Grundlage ihrer Messungen die ersten Kalender, die Griechen und vor allem die Römer perfektionierten dieses System. Den Römern verdanken wir nicht nur die Namen der Monate und Tage, sondern auch den Julianischen Kalender, der in den meisten Teilen Europas  bis 1582 gültig war.

Schon in der Antike hatten Wissenschaftler entdeckt, dass die Sonne etwas mehr als 365 Tage braucht, um die Sonne zu umrunden. Dieser Unterschied zeigt sich heute in den Schaltjahren, in welchen jeweils am 29. Februar (alle vier Jahre) ein 366. Tag eingeschaltet wird.

François Ducommun (1763-1839), Planétaire, 1816. Sammlung: Musée international d’horlogerie

Die Zeitmessung in Stunden und Sekunden war jedoch erst Jahrhunderte später möglich, nämlich mit der Entwicklung mechanischer Uhren im 15. und 16. Jahrhundert. Das Uhrenmuseum (Musée d’horlogerie) in Le Locle und das Internationale Uhrenmuseum (Musée international d’horlogerie) in La Chaux-de-Fonds, das dieses Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert, sind diesem Thema gewidmet. Heutzutage ist sogar eine Messung in einer Femtosekunde möglich, also eine 0,000 000 000 000 1 Sekunde.

Der Gregorianische Kalender wurde im Jahr 1582 von Papst Gregor XIII. (1502-1585) eingeführt. Heute gilt er in fast allen Ländern. Der chinesische, der jüdische, der japanische und der buddhistische Kalender sowie die Kalender einiger anderer Religionen und Länder unterscheiden sich jedoch nach wie vor (formell).

Die Einführung des Gregorianischen Kalenders in der Schweiz. Bild: Sternewarte St. Margarethen

Die Einführung dieses (katholischen) Kalenders war auch in den europäischen Ländern keine Selbstverständlichkeit. In der Schweiz dauerte es  bis 1812, bis alle 22 Kantone der Eidgenossenschaft diesen Kalender verwendeten. Auch die Republik der Vereinigten Niederlande benötigte eine längere Zeitspanne, bis im Jahre 1701 Friesland, Groningen, Utrecht und schliesslich Drenthe als letzte (reformierte) Provinzen der Einführung des Kalenders zustimmten.

Ein weiterer interessanter Aspekt dieser Wissenschaft ist ihre jahrhundertelange Globalisierung seit dem Altertum. Aus jüngerer Zeit sind die Kontakte der Wissenschaftler im 16. und 17.Jahrhundert sehr bekannt.

Torùn, Nikolaus Kopernicus

Nikolaus Kopernikus (1473-1543) aus Torùn (Polen) und Galileo Galilei (1564-1642) aus Florenz sind bekannte Namen im Bereich der Astronomie. Der Basler Gelehrte Peter Megelin (1623-1686), Professor an der Universität Basel, veröffentlichte 1682 in Amsterdam sein bahnbrechendes Buch “Systema Mundi Copernicanum”. Johannes Hevelius (1611-1687) aus Gdansk (Danzig) veröffentlichte die “Selenographia sive Lunae Descriptio” und andere wichtige Studien, von denen einige noch heute gültig sind!

Die Sternwarte in Binningen ist dieser Geschichte gewidmet und wird auch heute noch als Messinstrument für verschiedene meteorologische Zwecke genutzt.

Bilder: Sternewarte St. Margarethen

An bestimmten Tagen ist das Observatorium für das Publikum geöffnet, welches (bei klarem Wetter) die Teleskope benutzen kann. Auch bei bewölktem Himmel ist das Observatorium wegen seiner (wissenschaftlichen und historischen) Informationen und Simulationen eines wolkenlosen Himmels einen Besuch wert.

Bild: Sternewarte St. Margarethen

Für alle Religionen, Länder und politischen Systeme gilt:Der Himmel ist die Grenze, the Sky is the limit, und er birgt noch viele Geheimnisse.

Das Universum, die Sonne, die Sterne, die Planeten, die Galaxien und andere Himmelskörper überall auf der Welt, unabhängig von Religion oder politischen Systemen, haben eines gemeinsam: The sky is the limit,  Der Himmel ist die Grenze und er birgt noch viele Geheimnisse. Wenn man sich damit beschäftigt, entsteht sicherlich nie Langeweile.

Auch Eise Eisinga (1744-1828) langweilte sich nicht in Franeker (Friesland, Niederlande). Er baute 1781 das älteste noch immer funktionierende Planetarium der Welt (heute UNESCO-Welterbe). Kürzlich wurde der dortige Kalender wegen des Schaltjahres manuell um einen Tag vorverlegt!

(Quelle und weitere Informationen: Astronomischer Verein Basel)

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Jupiter. Bild: Sternewarte St. Margarethen

Galaxies. Bilder: Sternewarte St. Margarethen

Vals und seine Walser, Naturphänomene, Reformationszeit und Mineralquellen

Lawinen, Überschwemmungen und Bergstürze, im Dorf Vals (Valsertal, Kanton Graubünden) kann man schon seit Jahrhunderten  beim Thema mitreden. Eine Chronik (die Lawinenchronik) führt seit 1598 genau Buch über solche Naturereignisse.

Die Überschwemmungen von 1868 waren  so dramatisch, dass das ganze Dorf daran dachte, nach Amerika auszuwandern! Am 20. Januar 1951 riss eine Schneelawine 19 Einwohner in den Tod. Für die Talbewohner sind solche Ereignisse eine Katastrophe.

Im Schweizerischen Nationalpark im Engadin (Kanton Graubünden) werden solche Ereignisse jedoch nicht als Katastrophen bezeichnet, sondern als Naturphänomene. Schliesslich leben in diesem Park keine Menschen, und Tiere und Pflanzen sprechen gar nicht über sie.

Schon in prähistorischer Zeit hat sich die Natur bemerkbar gemacht. Der Flimser Felssturz ist ein solches Beispiel, das sich  vor 10’000 Jahren ereignete. Die Rheinschlucht zwischen Ilanz und Reichenau ist das Ergebnis davon, ein wahres Kunstwerk der Natur. Damals lebten allerdings noch keine Menschen in diesem Gebiet, es war also keine Katastrophe.

Das Dorf Vals  gab es damals noch nicht. Der Valserberg war aber seit der Römerzeit (und vorher) eine Verbindungsstrasse von Ilanz über den San-Bernardinopass ins Tessin. Die erste (romanische) Siedlung entstand erst im 11. Jahrhundert.

Um 1300 siedelten sich Walser im Dorf an und sie waren bald in der Mehrheit. Das Romanische wich wie im benachbarten Obersaxen der walserischen (deutschen) Sprache.

Die Reformation

Die Reformation führte auch in Vals zu heftigen Debatten und einigen Gewaltausbrüchen. Die Walser wollten mehrheitlich katholisch bleiben. Dies war nach dem Ilanzer Artikel von 1524 und 1526 möglich: Die Einwohner einer Gemeinde wählten ihre Religionszugehörigkeit selbst, es war nicht die Regierung, die darüber bestimmte (in diesem Fall der Graue Bund oder der Freistaat der drei Bünde). Vals blieb, wie die meisten Walserdörfer, katholisch.

Die katholische Kirche St. Peter und Paul

Das Dorf lebte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts von der Landwirtschaft und der Viehzucht. Der Handel mit Vieh und landwirtschaftlichen Produkten verlief zu jeder Jahreszeit über den Valserberg nach Hinterrhein, Bellinzona und Lugano.

Die Valser Wasserwelt

Wie in vielen Orten Graubündens und in anderen Teilen der Schweiz veränderten die Mineralquellen und Heilbäder sowie der rasch wachsende Tourismus das Leben dramatisch. Die St.-Peters-Quelle machte das Dorf weltberühmt, und Unternehmen aus anderen Kontinenten zogen ins Tal.

Das Kurhaus-Therme mit 60 Betten wurde 1893 errichtet. Am 14. Dezember 1996 öffnete die komplett renovierte Therme Vals ihre Türe. Die Eröffnung des Wasserkraftwerks Zervreila im Jahr 1958 und der Skianlagen in den Jahren 1975 und 1996 sorgten ebenfalls für einen bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung. Heute ist Vals eines der höchstgelegenen Skigebiete des Kantons.

Vals, rechtsoben die Therme Vals

Eines hat sich jedoch nicht geändert: Das Dorf ist nicht an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Das Postauto oder das eigene Transportmittel  führen durch die schöne Landschaft, in der die Zeit stehen geblieben ist und Lawinen, Überschwemmungen und Bergstürze noch immer zu den Naturphänomenen gehören.

(Quelle und weitere informationen: Gemeinde Vals; Museum Gandahus)

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Impressionen von Vals 

 Brüggastall-Stallgeschichten und die Bibliothek zur glückligen Zukunft

Der Garten

Die Brücke über den Valser Rhein

Die Umgebung

St. Martin

Evian und Vevey als Protagonisten von Verflechtungen in der Genferseeregion

Politisch, sprachlich, wirtschaftlich und kulturell war das Genferseegebiet seit jeher eine Region  intensiver gegenseitiger Kontakte: Die Bischöfe von Genf, die Stadt Genf, Äbte, Grafen und Herzöge von Savoyen, Könige des Königreichs Piemont-Savoyen und Frankreichs, die Eidgenossenschaft, die Waadt, das Wallis und andere Akteure bestimmten bis 1798 Politik, Handel, Krieg und Frieden.

Das politische Schicksal hat Chablais, Evian, Waadt und Vevey nur für kurze Zeit zwischen 1536 und 1567 und zwischen 1798 und 1813 zusammengeführt. Der Genfersee ist jedoch seit der Römerzeit das verbindende Element.

Aix-les-Bains, 1000 Jahre Dynastie von Savoyen (1003-2003)

Im Jahr 1536 eroberte Bern nicht nur die Waadt und regierte sie bis 1798. In jenem Jahr eroberte Bern zusammen mit der Republik der Sieben (Oberwallis) auch das Chablais vom Herzogtum Savoyen, darunter Thonon und Evian. Zuvor hatte Bern bereits das heutige Chablais-Vaudois/Waadtländer Chablais erobert.

 Die Abtei Hautecombe (12. Jahrhundert) am Lac du Bourget gegenüber der Stadt Aix-les-Bains, letzte Ruhestätte der Savoyer Dynastie. Auch der letzte italienische König Umberto II. (1904-1983), ein direkter Nachfahre der Familie, wurde 1983 hier beigesetzt, ebenso wie seine Frau Marie-Josée von Belgien (1906-2001) im Jahr 2001.

Bern herrschte für kurze Zeit über Thonon, die Republik der Sieben Zenden über Evian. Der Lausanner Vertrag (1567) und der Vertrag von Thonon (1569) legten jedoch die Rückkehr zu Savoyen und die Grenze bei St. Gingolph fest .

Die Abtei Hautecombe (12. Jahrhundert) am Lac du Bourget. Seit dem 12. Jahrhundert die letzte Ruhestätte der Dynastie der Savoyer. Der letzte italienische König Umberto II. (1904-1983), ein direkter Nachkomme der Familie, wurde 1983 hier beigesetzt, ebenso wie seine Frau Marie-Josée von Belgien (1906-2001) im Jahr 2001. Am gegenüberliegenden Ufer liegt die Stadt Aix-les-Bains.

Savoyen war jahrhundertelang eine Grafschaft und seit 1416 ein Herzogtum. 1720 wurde es zum Hauptgebiet des Königreichs Piemont-Savoyen (oder Königreich Sardinien) mit Turin als Hauptstadt.

Im Jahr 1796 besiegte Napoleon dieses Königreich und der Vertrag von Paris (15. Mai 1796) machte Savoyen zu einem Teil Frankreichs. 1798 gründete Napoleon den Einheitsstaat der Helvetischen Republik (1798-1803) mit dem Kanton Léman als Distrikt und 1803 den souveränen Kanton Waadt in der neuen Eidgenossenschaft (1803-1813).

Savoyen wurde von Frankreich annektiert und in das Departement du Mont-Blanc eingegliedert. Der Wiener Kongress (1814/15) stellte jedoch die alte Ordnung, das Ancien Régime, weitgehend wieder her, zumindest was das Königreich Piemont-Savoyen betraf, das Savoyen zurückerhielt. Der Kanton Waadt hingegen behielt seinen Status und blieb auch in der neuen Eidgenossenschaft von 1815 ein souveräner Kanton.

Thonon, die französische Grenze und der französische Zoll ab 1860

Das Königreich Piemont-Savoyen wurde 1860 endgültig aufgeteilt: Sardinien und der östliche Teil (einschliesslich Piemont und Aosta) gingen an Italien, der übrige Teil (einschliesslich Savoyen) an Frankreich (nach einer Volksabstimmung).

Aix-les-Bains, 150 Jahre (1860-2010) Beitritt von Savoyen zu Frankreich (damals ein Kaiserreich, 1851-1871)

Evian ist auch der Ort des berühmten Mineralwassers. Gabriel Cachat entdeckte im Jahr 1789 die wohltuende Wirkung des Quellwassers und Evian wurde bald zu einem berühmten Ort für die „beau monde“. La source Cachat ist eine der berühmtesten Quellen der Stadt.

Maurice Denuzière (1926) zitiert in seinem Vorwort zu seinem Buch „Helvétie“ (1992) Charles-Ferdinand Ramuz (1878-1947) treffend:

« Rappelons-nous le rôle, dit historique, qu’on prétait, placés comme nous sommes entre trois grands pays, c’est-à-dire entre trois cultures, de leur servir d’intermédiaire, d’opérer des rapprochements et, jetant au creuset l’apport de ces divers métaux, d’aboutir, j’imagine, à une sorte d’alliage. Ça s’appelait l’esprit européen“.

Der Roman Helvétie thematisiert die Verflechtungen und Beziehungen am Lac Léman in der Zeit von 1800 bis 1819, mit Vevey als Protagonist.

Die Beziehungen zwischen Vevey und Evian sind seit jeher intensiv. Handel, Weinbau, Schifffahrt, Schiffbau, Kurhäuser und Badeanstalten sowie Tourismus an beiden Ufern des Sees zeugen von jahrhundertealten Beziehungen.

Hafen von Evian (oben) und Musée des Traditions et des Barques du Léman in Saint-Gingolph (unten), Schiffsbauart des Genfersees

Dieses Buch thematisiert die Verflechtungen und Beziehungen am Lac Léman in der Zeit von 1800 bis 1819 mit Vevey und seinen Bewohnern als Protagonisten. Ein faszinierender Roman über die Ursprünge des Kantons Waadt und seine regionalen Beziehungen rund um 1800-1819.

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Eindrücke aus dem alten Badeort Aix-les-Bains

 

Letzte Überreste der römischen Vergangenheit

Lac du Bourget

Impressionen von Evian   

 

  

Die drei Bünde und Kanton Graubünden 1524-2024

Die Sprache im heutigen Graubünden war seit dem 5. Jahrhundert war hauptsächlich rätoromanisch. Allmählich wuchs der Einfluss der deutschsprachigen Einwanderer (Alemannen) aus dem Norden und Westen (der Walser).

Politisch war das Gebiet (damals Rätien genannt) aufgeteilt in mehrere Herrschaften, Klöster, Grafschaften und befand sich teilweise im Besitz der Grafen von Tirol und später der Habsburger. Im Laufe des Spätmittelalters verloren diese Herrschaften zunehmend an Bedeutung.

Celerina

Immer stärker waren die autonomen Gerichtsgemeinden. Viele Gemeinden wurden de facto eine kleine Republik oder ein Staat. Der Kaiser und das Heilige Römische Reich und ihre lokalen Herrscher als Vertreter blieben formell als übergeordnete Instanz von Bedeutung, aber vornehmlich auf Papier. Dies war einzigartig in Europa.

Diese Gemeinden waren keine Demokratien in heutigem Sinne. Die wichtigsten Ämter blieben meistens innerhalb der gleichen Familien und (religiöser) Machtmissbrauch, Stimmenkauf und Korruption gehörten zum Alltag. Es gab auch immer noch eine soziale Einteilung in Adlige und Kleriker,und andererseits die Bauern (Bürger/Kaufleute).

Zuoz, die Plantas waren, zum Beispiel, die mächtigste und führende Familie im Oberengadin

Und doch war diese politische und konstitutionelle Regierungsform einzigartig in Europa. Die Landsgemeinde spielte bei der zunehmenden Unabhängigkeit vom Landesherrn eine wichtige Rolle. In der Landsgemeinde entschieden die (männlichen) Bürger über Gesetze, politische Ämter, Richter, Krieg oder Frieden, Bündnisse und andere relevante Angelegenheiten.

Die Gemeinden waren jedoch in die europäische Machtskonstellation eingebettet und jedes Dorf hatte Verbindungen zu den damaligen Großmächten Habsburg, Frankreich, Spanien, Venedig, dem Papst und dem Herzog von Mailand über Dynastien, Verträge und Söldnerinteressen.

Samedan, Chesa Planta

Die Bündner (und eidgenössischen) Söldner waren sehr gefragt nach Morgarten (1315), Sempach (1386), Näfels (1388), Aargau (1415), Thurgau (1460), Murten/Grandson/Nancy (1476-77) und schliesslich dem Schwabenkrieg/Schweizerkrieg/Engadinerkrieg (1499).

Auch die Lage von Graubünden war ideal: das Gebiet lag nahe an den damals (rund um 1500) wichtigsten Kriegsschauplätzen in Italien. Und zu Beginn des 16. Jahrhundert begannen die Drei Bünde selbst italienische Gebiete (das Veltlin,  Bormio und Chiavenna) zu erobern. Nach 1515 (Marignano) war Schluss damit.

Im Jahr 1367 wurde der Gotteshausbund gegründet, 1395 folgte der Graue oder Obere Bund und 1426 der Zehngerichtebund. Diese drei Bünde kooperierten auf dem Gebiet der Aussen-, Justiz- und Wirtschaftspolitik. Das Gebiet war formell Teil des Heiligen Römischen Reiches, agierte aber zunehmend unabhängig.

Grenzstein des Gotteshausbundes. Sammlung: Rätisches Museum Chur

Im Jahr 1367 wurde der Gotteshausbund gegründet, 1395 folgte der Graue oder Obere Bund und 1436 der Zehngerichtebund. Diese drei Bünde kooperierten auf dem Gebiet der Aussen-, Justiz- und Wirtschaftspolitik. Diese Bünde waren dezentrale Organisationen mit den vielen autonomen Gemeinden als Bausteinen. Dieses System war nicht kompatibel mit dem Zentralismus und der top-down-Organisation der Monarchien.

Der Gotteshausbund und der Graue Bund (1406), der Gotteshausbund und der Zehngerichtebund (1450/55) sowie der Graue Bund und der Zehngerichtebund (1471) schlossen untereinander auch Verbindungen ab. Es gab gemeinsame Beratungen und nach aussen traten sie als Gesamtstaat auf.

Trun, im heutigen Museum Sursilvan Cuort Ligia Grischa tagten die Abgeordneten des Grauen Bundes

Die drei Bünde wurden am 23. September 1524 zur Republik Freistaat der Drei Bünde. Diese Republik hatte bereits enge Kontakte mit der Eidgenossenschaft und den Status eines zugewandten Ortes. Diese Republik bestand bis 1798. Der Bundstag, die Tagsatzung der Abgeordneten des Freistaats, fand abwechselnd in Ilanz, Chur und Davos statt.

Bild: Marco Zanoli/Wikipedia

Das neue Bündnis war eine fast wörtliche Wiederholung der älteren Verträge (von 1406, 1450-55 und 1471), aber es gab auch neue Texte in Bezug auf die Verwaltung der Untertanengebiete (Das Veltlin, Bormio und Chiavenna), die Beziehung zur Eidgenossenschaft, das Söldnergeschäft, die Aussenpolitik, die Landeskriege und die Religion (die Ilanzer Artikel von 1524 und 1526).

In den Jahrhunderten nach 1524 hatten die Reformation und ausländische Einmischungen (z.B. während der Bündner Wirren 1618-1639) einen grossen Einfluss auf die neue Republik und ihre vielen autonomen Gemeinden und deren Interessen.

Das Wappen: linksoben der Graue Bund, rechtsoben der Zehngerichtebund mit den Farben Davos und unten der Gotteshausbund, der grösste Bund, und deshalb das halbe Wappen.

Die Dörfer und ihre wichtigsten Familien dachten und handelten europäisch nach eigenen Interessen.Sie hatten Verbindungen zu Protestanten, Katholiken, Habsburgern, zu Frankreich, Venedig oder anderen lokalen Machthabern. Das Söldnergeschäft florierte und Jörg Jenatsch (1596-1639) war nur einer der vielen Bündner Kriegsherren mit wechselnden Partnern – Republik oder nicht.

Scuol, Bild von (1596-1639)

Die politischen Reformen Napoleons (1798-1813) waren schliesslich entscheidend für das Entstehen des Kantons Graubünden. Der Kanton entstand im Jahr 1803 als Mitglied der neuen Konföderation (1803–1813). Diese löste die Helvetische Republik (1798–1803) ab. Seit 1815 und 1848 ist der Kanton Mitglied der neuen Konföderation.

Chur, Regierungsgebäude des Kantons seit 1803

Quelle: E. Meyer-Marthaler, Studien über die Anfänge gemeiner Drei Bünde (Chur 1973); Website: Graubünden – Freistaat der Drei Bünde. Eine Chronologie 1524-2024 (https://500.gr.ch).

Korrektorin: Petra Ehrismann

Grenzsteine des Zehngerichtebundes (oben) und des Oberen/Grauen Bundes. Sammlung: Rätisches Museum Chur

Die Wiedertäufer von Zürich, Zollikon, den Niederlanden und Humanisten aus Basel

Während viele protestantische Bürger aus der Republik der Vereinigten Niederlande an der (1559 gegründeten) Akademie von Johannes Calvin (1509-1564) in Genf in die Lehre gingen, flohen andere protestantische Bürger gerade wegen Calvin und seiner Lehren aus den Niederlanden.

Martin Luther (1483-1546) war der Initiator der Reformation im Jahr 1517. Viele Vorgänger hatten bereits vergeblich versucht, die Kirche zu reformieren, was oft mit der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen endete.

Unter anderem dank des Buchdrucks und der Unterstützung durch mächtige deutsche Fürsten hatte Luther Erfolg. Die Reformation erreichte die Eidgenossenschaft bereits in den 1520er Jahren.

Zürich, Grossmünster, Huldrych Zwingli

Huldrych Zwingli (1484-1531) war der wichtigste Reformator in Zürich, und 1524 war die Stadt bereits reformiert. Zwingli war  in einigen religiösen Fragen anderer Meinung als Luther.

Reproduktionen von kolorierten Federzeichnungen  aus verschiedenen Handschriften des 16. Jahrhunderts: Szenen aus der Schweiz von einem heimlichen Gottesdienst im Wald und einer Aushebung einer Versammlung (1575), sowie die Vertreibung von drei Täufern aus Bern (1585) . Sammlung: Zentralbibliothek Zürich

In einem Punkt waren sie sich jedoch völlig einig: Die Täufer waren eine Bedrohung für den neuen Glauben und die soziale Ordnung und mussten rücksichtslos verfolgt werden:

„Eine verdorbene Art von Menschen, die Pest der Wiedertäufer und das Unkraut der Wiedertäufer“ (Huldrych Zwingli, Schriften IV, Theologischer Verlag Zürich 1995). Das (katholisch geprägte) Deutsche Reichsgesetz vom 23. April 1529 war ebenfalls deutlich:

Täufer, die ihrem Glauben nicht abschworen, erhielten ohne Gerichtsverfahren die Todesstrafe durch Feuer, Schwert oder dergleichen. In Zürich war das Ertränken in der Limmat eine solche Methode.

Zollikon, in diesem Haus fand 1525 eine der frühesten Wiedertäuferveranstaltungen statt 

Die Wiedertäufer 

Diese Bewegung ging aus der Reformation hervor und bildete sich um 1525-1527 in Zürich und im nahen Zollikon.  Felix Manz (1498–1527) und Konrad Grebel (1498–1526) waren ihre wichtigsten Anführer.

Die Verfolgung in den Niederlanden war im Vergleich zu anderen Ländern besonders rücksichtslos. T.J. van Bracht veröffentlichte 1660 den „Miroir des martyrs“ auf Französisch. Sammlung: Association Française d’Histoire Anabaptiste Mennonite

Die Wiedertäufer lehnten die Kindertaufe, die Wehrpflicht und die Kirche als Institution des Staates ab. Nur Erwachsene konnten getauft werden, die Kirche war kein Organ des Staates, sondern eine private Organisation von Einzelpersonen, und die Wehrpflicht wurde abgelehnt.

Zürich, Grossmünster

Verfolgung, Religionsfreiheit, Entschuldigung und Versöhnung 

Luther, Calvin, Zwingli, sein Nachfolger Heinrich Bullinger (1504-1575) und andere Reformatoren sahen in dieser Bewegung eine grosse Gefahr für den Erfolg der eigenen Reformbestrebungen und die gesellschaftliche Ordnung.

Sie verfolgten die Wiedertäufer mit einer „protestantischen Inquisition“. Eine Gedenktafel in Zürich am Ufer der Limmat erinnert noch heute an die Hinrichtung von Anführern und Mitgliedern der Wiedertäufer.

In diesem Haus in Zürich wohnte Konrad Grebel

Die Bewegung war jedoch sehr erfolgreich und breitete sich schnell aus, sowohl in katholischen als auch in protestantischen Gebieten, darunter auch in den Niederlanden, die damals noch katholisch waren. Auch in katholischen Ländern wurden sie verfolgt. Dort wurden sie ebenfalls als Bedrohung angesehen, und ausserdem waren sie Protestanten, d. h. Ketzer.

Die Ertränkung von Felix Manz am 5. Januar 1527. Illustration aus: Heinrich Thomann (1544-1619), Abschrift (1605)  Heinrich Bullingers Reformationsgeschichte (Quelle: Zentralbibliothek Zürich, Ms. B 316, Fol. 284v)

Nur wenige Katholiken und Protestanten, darunter der katholische Erasmus von Rotterdam und der protestantische Theologe Sebastian Castellio in Basel sowie lokale Herrscher, darunter der Herzog von Württemberg und die Grafen von Hessen und Oldenburg, plädierten für religiöse Toleranz. Vergeblich: Die Verfolgung war unerbittlich, sowohl in katholischen als auch in protestantischen Gebieten.

Erst nach der Gründung der Batavischen Republik (1795) und der Helvetischen Republik (1798) durch Frankreich und im 19. Jahrhundert wurde diese Bewegung anerkannt. Die Verfassung der Helvetischen Republik (1798–1803) erkannte auch den Wiedertäufern die Religionsfreiheit zu.

Basel und Zürich 

Die erste Täuferkirche wurde 1847 in Basel eingeweiht und der erste Weltkongress der Täufer fand 1925 ebenfalls in dieser Stadt statt. Die Versöhnung mit der evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz gewann später im 20. Jahrhundert an Dynamik.

Am 26. Juni 2004 fand schliesslich in Zürich die formelle Annäherung und Entschuldigung der evangelischen Kirche unter dem Motto „Die Reformation und die Täufer. Gegeneinander – nebeneinander-miteinander“ statt, unter anderem mit dem Gedenkstein an der Limmat.

Viele Täufer waren jedoch bis ins 19. Jahrhundert auf andere Kontinente geflohen. Die Amischen, Quäker, Mennoniten, Swiss Brethren, Baptisten und andere Arten von Täufern sind die Nachkommen dieser Flüchtlinge. Die Mennoniten haben ihren Namen von Menno Simons (1496-1561), einem Täufer aus den Niederlanden. Swiss Brethren ist eine englischsprachige Bezeichnung für Schweizer Täufer.

Die Verfolgung der Wiedertäufer durch die Protestanten ist ein meist verdrängtes Kapitel in der Geschichte der Reformation. Nicht nur die katholische Kirche, sondern auch die protestantische Kirche ging rücksichtslos gegen Andersdenkende vor. Die dogmatischen Streitigkeiten zwischen Luther, Zwingli, Calvin und ihren Nachfolgern zeigen auch das Fehlen von Toleranz innerhalb der protestantischen Kirche von damals.

Erasmus, Sebastian Castellio und De haereticis an sint persequendi

Der Humanist Erasmus von Rotterdam (1469-1536), Sebastian Castellio, sein Alter Ego Martin Bellius alias Basilius Montfort (1515-1563), David Joris alias Jan von Brugge/Johann von Bruck (1505-1556) und andere publizierten in Basel, was sie konnten, um für Toleranz und Anerkennung zu werben.

Der Basler Gelehrte Bonifaz Amerbach (1495-1562) und seine 1538 gegründete Erasmus-Stiftung unterstützten Castellio finanziell. Eine kürzlich erschienene Ausgabe der Internationalen Castellio-Gesellschaft hebt diesen humanistischen Beitrag aus Basel in einzigartiger Weise hervor.

Sebastian Castellio, De haereticis an sint persequendi, Bazel, 1554. Sammlung: Universitätsbibliothek Basel, VD16 C 2130

Nach zehnjähriger „mönchischer“ Arbeit hat ein internationales Redaktionsteam Castellios bahnbrechende Schrift De haereticis an sint persequendi im lateinischen Original (Verlag Johannes Oporins, Basel, 1554) sowie in deutscher (Von Ketzeren, Strassburg 1555) und französischer Sprache (Traité des hérétiques, Lyon 1557)  und in der Ausgabe von Joachim Clutensius (Straßburg, 1610) veröffentlicht.

Teil I stellt die lateinischen, deutschen und französischen Texte parallel zueinander vor und verweist dabei ausführlich auf die einschlägigen Texte der Kirchenväter (u. a. Augustinus, Hieronymus und Chrysostomus) und zeitgenössischer Autoren (u. a. Erasmus, Calvin, Luther).

Teil II bietet einen umfassenden historischen Kontext und eine Diskussion der religiösen Debatten jener Zeit. Auch eine ausführliche Darstellung der deutschen und französischen Übersetzungen und der Veröffentlichung von 1610 fehlt nicht.

Barbara Mahlmann-Bauer, Kilian Schindler (Hrsg.)  Sonja Klimek und Daniela Kohler, Sebastian Castellio De haereticis an sint persequendi (Schwabe Verlag, Bazel, 2024)

Fazit

Diese zweibändige Ausgabe mit über 1.300 Seiten ist  ein mutiger Schritt des Verlags und eine gelungene inhaltliche und gestalterische Leistung von Herausgebern und Autoren in dieser digitalen Welt.

Zudem hat der Inhalt nichts von seiner Aktualität verloren oder wie es Stefan Zweig (1881-1942) 1936 formulierte:

„Als Manifest der Toleranz und mit der Toleranzargumentation von Sebastian Castellio (1515-1563) wurde eine neue Stufe im neuzeitlichen Diskurs der Toleranz erreicht“ (Castellio gegen Calvin, 1936).

Der Zeitpunkt des Erscheinens von Stefan Zweigs Biographie “Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam” ist bemerkenswert: Sie erfolgte 1934 nach 16 Jahren kommunistischem und einem Jahr nationalsozialistischem Terror und Diktatur

Oder mit den Worten von Winston Churchill (1874-1965):

„Der Faschismus war der Schatten oder das hässliche Kind des Kommunismus“. (Der Zweite Weltkrieg, The Gathering Storm, London 1947). Eine aktuelle Warnung aus der Geschichte, einschliesslich eines neuen religiösen „Ismus“.

Quelle : Barbara Mahlmann-Bauer, Kilian Schindler (Hrsg.), unter Mitarbeit von Sonja Klimek und Daniela Kohler, Sebastian Castellio De haereticis an sint persequendi (Schwabe Verlag, Basel, 2024); M. Baumann (Hrsg.), Gemeinsames Erbe. Reformierte und Täufer im Dialog, Zürich 2007)

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Impressionen von Zollikon

Die Geschichte des Grossen und des Kleinen Sankt Bernhard und die Bernhardiner

Der berühmte Marsch Napoleons (1769-1821) über den Grossen St. Bernhard (2469 m) im Jahr 1800 verlief in einer anderen Richtung als derjenige von Kaiser Claudius (10 v. Chr.-54 n. Chr.) im Jahr 43 n. Chr.

Claudius marschierte von Süden nach Norden in Richtung Britannien. Napoleons Marschroute verlief von Norden nach Süden in Richtung des habsburgischen Italiens und seiner Verbündeten.

In beiden Fällen waren Martigny (in römischer Zeit Forum Claudii Vallensium oder Octodurus in der keltischen Variante) und Aosta (Augusta Praetoria, gegründet 25 v. Chr.) wichtige Orte.

Edouard Castres (1838-1902), Napoléon passant le grand St Bernard Pass. Musée militaire de Morges. Foto: TES

Napoleon auf dem Grossen Sankt Bernhard

Von Martigny aus arbeitete sich Claudius in Richtung Britannia vor, nachdem er zuvor die Strasse über den Grossen Sankt Bernhard (Summus Poeninus oder Alpis Poenina) passierbar gemacht hatte. Napoleon, seine Generäle und seine Armee biwakierten in Martigny und beendeten die Überquerung in Aosta.

Der Kleine St. Bernhard

Der Kleine St. Bernhard (Graius mons oder Alpis Graia, 2188m), der kleinere Bruder des Grossen , war auch bei den Römern bekannt und ebenfalls von grosser strategischer und wirtschaftlicher Bedeutung.

Der Name Summus Poeninus leitet sich von dem keltischen Gott Poeninus (Pennius)  ab. Graia (wahrscheinlich abgeleitet von Graecae, aufgrund einer griechischen Legende) war der römische Name für den Kleinen St. Bernhard.

Aber die Römer haben die höchsten Gipfel der Alpenkette in dieser Region nicht benannt, weder den Monte Rosa, noch das Matterhorn oder gar den Mont Blanc!

Der Grosse St. Bernhard-Pass verbindet das heutige Wallis mit dem Aostatal in Italien. Die Strasse über den Kleinen St. Bernhard ist die Verbindung zwischen dem Aosta-Tal und der Tarentaise (mit dem Isère-Tal), Beaufortain und Haut-Faucigny (mit dem Chamonix-Tal) in Frankreich.

Die römische Deutung dieses ‚Zwillingstores‘ zu den Alpen Graias und Poeninas (germinae Alpium fores, Graias atque Poeninas) spiegelt sich auch in den beiden Verwaltungseinheiten wider: den Alpes Graiae und dem Vallis Poenina (dem Namensgeber des Kantons). Bereits in der Römerzeit gab es in dieser Region weitere Pässe. Auf diese wird hier nicht weiter eingegangen.

Die Alpen Graias und Poeninas rund um 150 n. Chr. Bild: Marco Zanoli,Wikipedia

Auch auf die verschiedenen administrativen Veränderungen während der Römerzeit wird hier nicht eingegangen. Am Ende der Römerzeit (5. Jahrhundert) war diese Region jedenfalls die Provinz Alpium Graiarum et Poeninarum. Das Aosta-Tal wurde den italienischen Provinzen zugeordnet.

Zur Zeit der römischen Eroberungen bewohnten keltische Stämme das Gebiet. Die Salasser lebten im Aostatal (erobert im Jahr 25 v. Chr.). Die Ceutronen bewohnten das alpine Graias, die vier Stämme Nantuates, Veragren, Sedunen und Uberes bewohnten das alpine Poeninas. Diese Regionen wurden um 15-10 v. Chr. von den Römern erobert.

Die keltische Bevölkerung wurde innerhalb weniger Generationen romanisiert, und abgesehen von (Bürger-)Kriegen brachte die Pax Romana der Region über Jahrhunderte Stabilität und Wohlstand. Die Städte Martigny und Aosta sind heute die wichtigsten Zeugnisse.

Die Römer waren sehr geschickte Strassenbauer und machten die Pässe über den Kleinen und den Grossen St. Bernhard für Handel, Armeen und Personenverkehr begehbar.

Die römischen Wege, zahlreiche archäologische Funde, darunter Reste mehrerer Tempel und anderer öffentlicher Gebäude, Gasthäuser, zahlreiche Inschriften und Steine, markieren noch heute diese Passrouten.

Die Strecke von Aosta zur Tarentaise über den Kleinen St. Bernhard wurde um 20 n. Chr. fertiggestellt. Die Strasse von Aosta nach Martigny im Jahr 43 nach Christus.

Die alten Römerwege (u.a. auch von der Peutinger-Karte bekannt) sind noch heute weitgehend wichtige Verkehrsachsen. Vom Grossen St. Bernhard in Richtung Genfersee (lac Lémanus (römisch), lac Léman (französisch)) führte die Route über Bourg-Saint-Pierre, Notre-Dame de Lorette, Allèves, Liddes, Orsières, Martigny (Octodurus), Massongex (Tarnaiae), Villeneuve (Pennelocus), Vevey (Viviscus), Lyon (Noviodunum) und Genf (Genava).

Die Verbindung nach Osten führte entlang der Rhone (Rhodanus) zum Grimselpass, Furkapass und Simplonpass. Auch diese Route hat sich kaum verändert. Im Westen (Tarentaise), von Martigny aus, waren zudem der Balme- und der Forclaz-Pass die Hauptzugangswege.

 Der Kleine St. Bernhard-Pass, die grenze 1940-1945

Die Grenze heute

Die Route von Aosta führte zur Tarentaise über den Kleinen St. Bernhard-Pass nach Bourg-Saint-Maurice (Bergintrum), Aime (Axima), Moûtiers (Darantasia) in Richtung Albertville.

Aime

Während der Römerzeit waren die wichtigsten Orte Aosta, Martigny, Aime und Moûtiers. Aosta und Martigny sind wichtige römische Ausgrabungsstätten. Bourg-Saint-Maurice, Aime und Moûtiers müssen sich mit einigen Inschriften und wenigen archäologischen Funden begnügen.

Nach der römischen Epoche dauerte es Jahrhunderte, bis die Pässe, Strassen und ihre Gebäude wieder unterhalten wurden.  Es waren vor allem Mönche, die Hospize (Gasthäuser) für Reisende bauten und betrieben, oder Generäle (Napoleon), die Strassen bauten oder verbesserten.

Das erste Hospiz auf dem Grossen Sankt Bernhard stammt aus dem 11. Jahrhundert und soll vom Heiligen Bernhard von Aosta (ca. 1020–c.1080) gegründet worden sein.  Bernhard ist auch der Initiator des Hospizes auf dem Kleinen St. Bernhard. Seit Jahrhunderten sind diese beiden Zentren auf über 2000 m Höhe Orte der wissenschaftlichen Forschung, der Religion und Zuflucht für Reisende. Der Pass des Grossen Sankt Bernhard ist auch der höchste Ort des Pilgerwegs Via Francigena.

Die bekanntesten und weltberühmtesten Bewohner des Grossen Sankt Bernhard sind jedoch die Bernhardinerhunde. Heute sind diese Retter von Menschen und Menschenfreunde nur noch im Sommer auf dem Pass anzutreffen. Das Museum auf dem Pass erzählt ihre Geschichte.

Das Museum

Obwohl sie heute nicht mehr zur Rettung von Menschen eingesetzt werden, haben sie immer noch eine soziale und therapeutische Funktion. Die Barry Foundation in Martigny engagiert sich heute für die Zucht und die Präsentation dieser Hunde.

(Quelle: A. Puéjean, Les Alpes Graies et Poenines à l’époque romaine, Tarentaise, Beaufortain, Haut-Faucigny et Valais, Nîmes, 2015; J.-P. Voutaz, P. Rouyer, Entdeckung des Großen Sankt Bernard, Les Editions du le Grand-Saint-Bernard, 2013)

Korrektorin: Petra Ehrismann

Die Pfaffengasse am Bodensee und am Rhein

Kaiser Maximilian I (1459–1519) des Heiligen Römischen Reiches nannte den Rhein von Chur bis Utrecht auch die „Pfaffengasse.”Der Rhein bietet diesen Anblick von Chur, über Konstanz, Basel, Strassburg, Worms, Speyer, Mainz, Bonn, Köln, Xanten, Nijmegen bis Utrecht.

Utrecht, der Dom 

Die Region an den Ufern des Bodensees kann analog als „Klosterstrasse“ bezeichnet werden. Weit über 300 Klöster (!) hat es in dieser Region bis zur Reformation gegeben, an Kirchen und Kapellen noch viel mehr. Zu viele, um sie alle aufzuzählen. Sie zeigen aber, dass diese Region der heutigen Länder Österreich, Schweiz und Deutschland eine reiche kulturhistorische Vergangenheit hat.

Mehrere Jakobswege und Zugangswege führen durch die Schweiz.

Mehrere Jakobswege und Anschlusswege führen durch die Schweiz (Bildquelle: www.jakobsweg-dachverband.ch)

Irische und englische Mönche waren die Gründer der ersten Klöster im 6. und 7. Jahrhundert. Im 8. Jahrhundert gründeten fränkische Herrscher viele Klöster, zuerst die Merowinger und dann die Karolinger. Besonders wichtig in dieser Hinsicht waren die Regierungszeiten von Karl dem Grossen (748–814) und seinem Sohn Ludwig dem Frommen (778–840).

Danach stifteten die Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und die von ihnen eingesetzten Äbte und Bischöfe von 962 bis zur Reformation im 16.Jahrhundert viele Klöster.

Bis zum 11. Jahrhundert war der Benediktinerorden die einzige monastische Gemeinschaft. Mit dem Aufkommen neuer monastischer Orden stieg die Zahl der Klöster stark an. Franziskaner, Dominikaner, Zisterzienser, Augustiner, Kapuziner, Kartäuser und verschiedene andere Orden (für Männer und Frauen) waren auch in der Bodenseeregion vertreten.

Die bedeutendsten Klöster passten ihre Kirchen, Wohn- und Arbeitsstätten den sich wandelnden künstlerischen Stilen und kulturellen Erkenntnissen an, andere behielten ihren ursprünglichen Stil mehr oder weniger bei. So finden sich in der Region karolingische, romanische, gotische Baukunst sowie Renaissance-, Barock- und Rokokostile.

Eine einfache Kapelle bei Höchst, Vorarlberg

Auch die Reformation (16. Jahrhundert) und die napoleonische Zeit sowie in der Schweiz die kantonalen Entscheidungen (19. Jahrhundert) haben ihre Spuren hinterlassen. Viele Klöster wurden aufgehoben und abgerissen, andere wurden einer anderen Nutzung zugeführt. Einige Klöster wurden für die medizinische und seelsorgerische Betreuung eingerichtet, andere erhielten eine kulturelle oder rekreative Funktion. Die Klosterkirche behielt  dann oft ihre religiöse Funktion. Eine kleine Anzahl von Klöstern wird noch immer von Mönchen oder Nonnen bewohnt.

Bregenz

Eine Reise durch die Bodenseeregion kann in Bregenz (Vorarlberg, Österreich) anfangen. Diese Stadt ist nicht nur für ihre jährlichen Festspiele bekannt, sondern auch für das Kloster Wettingen-Mehrerau (1095), sowie die Martinskirche (1361) und die Galluskapelle (1079) auf dem Gipfel des Hügels. Die Promenade am Bodenseeufer führt vom Kloster bis ins Zentrum der Stadt. Etwas weiter entfernt liegt das ehemalige Kloster Thalbach (1436), das heute ein geistliches Zentrum ist.

Kloster Wettingen-Mehrerau

Die Oberstadt

Die St. Martinskirche

Lindau

Schon die Römer bewohnten die Halbinsel Lindau (Bayern, Deutschland), und an der Stelle des römischen Badehauses stehen seit dem Mittelalter die Stadtmauer und die Festung. Das um 822 gegründete Kanonissenkloster  wurde 1803 aufgelöst, das Franziskanerkloster folgte im Jahr 1224 und wurde ebenfalls 1803 aufgelöst. Der bayerische Löwe und der berühmte Leuchtturm bewachen nach dem Auszug der Nonnen und Mönche die Halbinsel.

Das Kanonissenkloster und die Klosterkirche

Das Franziskanerkloster

Der bayerische Löwe und der Leuchtturm

Der Mangturm, 12. Jahrhundert

Salem

Die Abtei Salem (1136) war bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1805 eines der reichsten Klöster der Region. Wer durch die üppigen französischen Gärten und die barocke Anlage geht, muss seine Vorstellung von asketischem klösterlichem Leben ändern. Das gotische Münster und das barocke Schloss passen gut in dieses Bild der Gegensätze. Der Kontrast zum noch bestehenden Kloster Werd (Kanton Thurgau) auf der anderen Seite des Untersees (dem westlichen Ausläufer des Bodensees) könnte nicht grösser sein.

Kloster Salem. Foto: Carsten Steger

Birnau

Das ehemalige Kloster Birnau (1227) bei Überlingen war bis ins 19. Jahrhundert als Marienwallfahrtsort bekannt. Die Rokokokirche aus dem 18. Jahrhundert ist heute die grosse Attraktion, nachdem das Kloster 1803 aufgelöst wurde. Im Jahr 1919 erwarb das Kloster Wettingen-Mehrerau die Kirche und 1971 erhob sie der Papst zur Basilica minor.

Priorei Birnau. Foto: Kloster Mehrerau

Siessen

Das Kloster Siessen (1260) überlebte die Reformation und die Zerstörung im Dreissigjährigen Krieg (1618-1648). Das Kloster wurde 1803 aufgelöst, aber 1860 wieder zum Leben erweckt. Mit einer Unterbrechung in den Jahren 1935-1945 ist das Kloster mit etwa 70 Nonnen immer noch in Betrieb.

Kloster Siessen. Foto: Kloster Siessen

Hegne

Das Nonnenkloster von Hegne nimmt eine besondere Stellung ein. Es wurde erst 1856 gegründet. Die Nonnen gehören zur Gemeinschaft der Barmherzigen Schweistern vom heiligen Kreuz, die weltweit 2 800 Nonnen zählt.

Konstanz

Das Bistum Konstanz bestand von 585 bis zu seiner Auflösung im Jahr 1821. Das einst mächtige Bistum erstreckte sich bis 1803 sogar bis ins Kleinbasel! Das Konzil von Konstanz (1414-1418) war der Höhepunkt des Bistums, der Tiefpunkt war die Verbrennung von Jan Hus im Jahr 1415.

Konstanz trat 1527 zum protestantischen Glauben über, der Bischof floh nach Meerburg (der Bischof von Basel floh im selben Jahr nach Pruntrut (Porrentruy), heute Kanton Jura).

An Klöstern mangelte es der Bischofsstadt nicht, nur wurden bis auf eines alle aufgelöst. Die wichtigsten sind das 1603 gegründete und 1816 aufgelöste Kapuzinerkloster, das 1236 gegründete und 1785 aufgelöste Dominikanerkloster auf der sogenannten Dominikanerinsel, das 1240 gegründete und 1808 aufgelöste Franziskanerkloster und das 983 gegründete und 1802 aufgelöste Benediktinerkloster Petershausen. Das Münster steht immer noch stolz da, auch ohne Bischof.

Ehemaliges Franziskanerkloster (heute ein Theater)

Kapitelhaus des Dominikanenklosters

Ehemaliges Dominikanerkloster (heute ein Hotel)

Das Münster von Konstanz

Der Hafen von Konstanz und Imperia (1993), zur Erinnerung an das Konzil von Konstanz (1414-1418)

Kloster Zoffingen

Das Kloster besteht seit 1257. Zunächst war es eine Beginengemeinschaft, später ein Kloster für Augustinerinnen und seit 1318 für Dominikanerinnen. Das Kloster besteht heute noch, wenn auch mit einer kleinen Anzahl betagter Bewohnerinnen.

Kreuzlingen

Die Abtei Kreuzlingen (heutiger Kanton Thurgau, Schweiz) war eine mächtige Fürstenabtei im Heiligen Römischen Reich. Nach der Zerstörung im Dreissigjährigen Krieg wurde das Kloster wiederaufgebaut, aber 1803 aufgelöst.

Johann Sadeler, um 1633 (Staatsarchiv Thurgau, Frauenfeld).

Foto: Roland Zumbuel/Wikipedia. Das ehemalige Kloster heute

Münsterlingen

Die Benediktinerabtei Münsterlingen (Kanton Thurgau) wurde im Jahr 986 gegründet. Als Münsterlingen 1524 protestantisch wurde, blieb die Abtei bestehen. Die Klosterkirche wurde sogar nach Schweizer Art von Katholiken und Protestanten gemeinsam genutzt. Der Thurgau war von 1460 bis 1798 Untertanengebiet der Eidgenossenschaft. Protestantische und katholische Kantone oder Orte regierten dieses Gebiet. Das Kloster wurde 1848 aufgelöst.

Reichenau

Die Insel Reichenau wird nicht umsonst als Klosterinsel bezeichnet. Seit dem Jahr 2000 gehört sie sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die Gebäude von drei Klöstern sind noch (teilweise) erhalten: St. Markus und Maria in Reichenau-Mittelzell, St. Peter und Paul in Reichenau-Niederzell und St. Georg in Reichenau-Oberzell.

Rorschach

Eine besondere Geschichte betrifft die Klosteranlage Mariaberg in Rorschach (Kanton St. Gallen). Die Klosteranlage wurde 1489 fertiggestellt, dann aber von Bürgern aus Appenzell und der Stadt St. Gallen zerstört, bevor sie geweiht und als Kloster genutzt wurde. Das reiche kirchliche Leben stand bereits eine Generation vor Martin Luther in der Kritik. Ein Heer der Schweizerischen Eidgenossenschaft (St. Gallen und Appenzell waren (noch) keine Mitglieder) stellte jedoch 1490 die Ordnung wieder her, und das Kloster wurde in der Folge wieder aufgebaut, allerdings nicht als Kloster, sondern als Residenz des St. Galler Abtes.

Es entstand ein gotischer Komplex, der allerdings 1529 durch einen Bildersturm teilweise zerstört wurde. Nachfolgende St. Galler Äbte bauten die Residenz wieder auf, wobei der Höhepunkt  die prächtige spätbarocke Vorhalle von 1777 ist.

Mit der Aufhebung der Abtei St. Gallen im Jahr 1805 verlor auch die Klosteranlage Mariaberg ihre Funktion. Seither beherbergt sie verschiedene Bildungseinrichtungen des Kantons St. Gallen.

Schlussfolgerung

In der Region gibt es auch viele Kapellen, Kirchen und andere christliche Zentren, die zum Teil aus aufgelösten Klöstern hervorgegangen sind. Etwas weiter landeinwärts, rheinaufwärts und rheinabwärts befinden sich viele weitere Klöster, zum Beispiel in Disentis, Chur, Pfäfers, St. Gallen, Paradies, Stein am Rhein, Werd, Ittingen, Schaffhausen oder Rheinau, um nur einige zu nennen. In der Bischofsstadt Basel gab es bis 1527 nicht weniger als 10 Klöster.

Vom frühen bis zum späten Mittelalter waren diese Klöster wichtige Kulturträger. Ohne diese Klöster  wäre wahrscheinlich ein grosser Teil des klassischen Bildungsgutes verloren gegangen.

Abgesehen von der prächtigen romanischen und gotischen Architektur, den gregorianischen Gesängen, den illuminierten Handschriften, den äbtlichen Barock- und Rokokopalästen und anderem Kunstschaffen ist die Bodenseeregion auch ein Monument für die Mönche.

(Quelle und weitere Informationen: D. Damwerth, Horizont Bodensee, Wenen, 2019;  www.bodensee.eu)

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Impressionen von Bregenz

Lindau am Bodensee

Der Festspielplatz

Die Oberstadt und die alte Stadtmauer

Impressionen von Lindau

Ehemaliges Rathaus

Das Stadtmuseum (befindet sich im Umbau)

Die Hauptstrasse

Die Villa (1862) des Erzherzogs von Österreich und Grossherzogs von Toskane Ferdinand IV  (1835-1908) nach der Unabhängigkeit Italiens (1860)

Stadtpark von Lindau

Impressionen von Konstanz

Geburtshaus von Graf Ferdinand von Zeppelin (1838-1917)

Lindau, das Casino und der Zeppelin, 4. Juni 2023

Die Rheinbrücke

Der 500. Geburtstag des Freistaats der Drei Bünde in Albula

Auch die Fundaziun Origen zelebriert den 500. Geburtstag des Freistaats der Drei Bünde mit einem Freilichtspiel in der weiten Berglandschaft der Region Albula.

Im Zentrum steht das heftige Ringen des jungen Freistaates um Freiheit und Autonomie, die Verletzbarkeit der demokratischen Strukturen, die Kraft eines starken Bündnisses, das die Zeit überdauert. Das Spiel wird mitten in der Farbenpracht der alpinen Herbstlandschaft uraufgeführt, unterhalb von Lantsch, in Sichtnähe der alten Marienkirche.

Der Blick der Zuschauer weitet sich in die grossartige Landschaft. Die Sicht auf die Schlucht des Crap Ses betont die Bedeutung der alten Passstrasse. Die Berge des Surses krönen den Horizont und wirken wie gigantische Skulpturen im Abendlicht.

Das Freilichtspiel spannt einen weiten Bogen, der die Jahrzehnte vor und nach dem Bündnisschluss beleuchtet. Es zeigt den Machtkampf zwischen den autonomen Gemeinden, der einflussreichen Aristokratie und den europäischen Fürsten, die ihre Interessen im jungen Freistaat zu wahren wissen.

Quelle und weitere Informationen: www.origen.ch

Waltensburg und die Bünder Gotik

Die Kirche in Waltensburg (Vuorz auf  Romanisch, Kanton Graubünden), wurde im Laufe des 12. Jahrhunderts erbaut, renoviert und anschliessend erweitert. Darunter die Erweiterung des Altarraums und des Gewölbes, die spätgotische Umgestaltung sowie 1711 eine neue Schiffsdecke und Galerie.

Ein Künstler namens der Waltensburger Meister malte die Freskos an den Innenwänden und am Aussenbau. Die ältesten Gemälde stammen aus dem Jahr 1330. Er dekorierte rund zwanzig Kirchen und weltliche Gebäude in Graubünden.

Die Gotik besteht nicht nur aus hochstrebenden Kathedralen, farbigen Fenstern, filigranem Schnitzwerk, Skulpturen und Baldachinen.

Graubünden

In Graubünden fand die Gotik vor allem Ausdruck in Wandmalereien, während sich die Bautätigkeit hauptsächlich auf Burganlagen und einfache Saalkirchen beschränkte.

Die Region war zu arm, um sich grosse Sakralbauten oder Glasmalerei zu leisten. Den Malern standen aber die geschlossenen grossen Wandflächen der zahlreichen romanischen Kirchen zur Verfügung.

Der Waltensburger Meister

Der bekannteste und zur gleichen Zeit unbekannteste gotische Maler dieser romanischen Kirchen ist der sogenannte Waltensburger Meister. Dieser Maler zählt im heutigen Graubünden zu den interessantesten gotischen Künstlern.

Es gibt keine Informationen und gar keine schriftlichen Quellen zu diesem Meister, aber seine Gemälde prägten während 30 Jahre (1320-1350) die nördlichen Täler der damaligen Drei Bünde (Oberer Bund/Grauer Bund, Zehngerichtebund und Gotteshausbund).

Die Wandmalereien

Sechszehn Werke sind bisher identifiziert worden, fünfzehn in religiösen Gebäuden (Chur (Kathedrale), Lüen (Kapelle), Davos (Pfarrkirche), Churwalden (Klosterkirche),Dusch/Paspels (Kapelle), Rhäzuns (Kapelle St. George und Pfarrkirche), Ilanz (Pfarrkirche), Pitasch (Kapelle), Waltensburg (Pfarrkirche), Schlans (Kapelle), Zillis (Pfarrkirche), Lohn (Kapelle), Casti (Kapelle) und Clugin (Kapelle)) und eines im Schloss Brandis in Maienfeld.

Die Wandmalereien in der Pfarrkirche von Waltenburg (Vuorz) sind besonders interessant, weil der Meister gleichzeitig auf den inneren und äusseren Schiffswänden aktiv war und weil zwei Wappen der Auftraggeber sichtbar sind.

In der Kirche bemalte der Meister die nördliche Wand und Teile der südlichen Wand des Schiffes sowie die Chorbogenwand. Die Malerei besteht in der Kirche aus einem Zyklus der Passion Christi und Heiligen- und Aposteldarstellungen, draussen aus der Geburt und dem Tod Christi.

In Rhäzuns (Kapelle Sankt Georg) hat der Meister bedeutende und aussergewöhnliche Malereien zur Georgslegende und zu heilsgeschichtlichen Ereignissen hinterlassen, in Dusch (Kapelle St. Maria Magdalena) zum heiligen Christophorus und zur Legende Maria Magdalena.

Die Malerei in Rhäzuns unterscheidet sich aber stark von den Werken in Waltensburg und Dusch und ihre Bildtechnik entspricht nicht der lokalen Tradition. Seine Herkunft bleibt auch deswegen umstritten.

Lombardische Einflüsse

Unbestritten ist aber, dass lombardische Einflüsse anwesend sind. Es war auch die Zeit von Giotto di Bondone (1266-1337) und seinen Malereien in der Scrovegni-Kapelle in Padua und den grossen Zyklen in Assisi, Florenz oder Rom.

Ausserdem waren Zürich und das Bistum Konstanz für die damalige Malerei wichtige Zentren und das Bistum Chur und Graubünden standen mit diesen Städten in engem Kontakt.

(Quelle: H.F. Rupp, (Hg.), Der Waltensburger Meister in seiner Zeit, Lindenberg in Allgäu, 2015; H. F. Rupp (Red.), Der Waltensburger Meister in seiner Zeit, Chur, 2015).

Die Restaurationsarbeiten an den Deckenmalereien in Zillis abgeschlossen

Die karolingische Kirche in Zillis (Kanton Graubünden) wurde um 800 erbaut. Die Kirche ist bekannt für ihre romanischen Deckenmalereien aus der Zeit 1109-1114 und das monumentale Fresko von Christoforus des Waltensburger Meisters, hergestellt um 1320-1340.

Die Fresken stellen 153 Bilder aus der Bibel dar. Die Qualität ist immer noch hervorragend. Obwohl Zillis um 1530 zum protestantischen Glauben konvertierte, sind die Fresken unversehrt geblieben. 

Die Restaurationsarbeiten an den über 900 Jahre alten Deckenmalereien in der Kirche St. Martin sind erfolgreich abgeschlossen. Die Bilder sind ab 18. Juli 2024 wieder ohne Einschränkung sichtbar.

(Quelle und Ausstellung zur Kirchedecke)

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