Die Clavel-Villa, Augustus und Augusta Raurica

Nicht umsonst hat Kaiser Augustus (63 v. Chr. – 14 n. Chr.), dessen Standbild auf dem Landgut Castelen in Augst (Kanton Basel-Landschaft) steht, die Clavel-Villa im Visier. Zu seiner Zeit gab es Basel noch nicht und der Rhein floss noch in verschiedenen Nebenflüssen durch unbebautes Land. Es gab nur wenige kleine keltische Siedlungen, unter anderem auf dem Münsterhügel und in der Nähe des heutigen Novartis-Komplexes.

Blick auf Basel und das Rheinknie von der Clavel-Villa im Jahr 2024

Zwar wurde auch Basel in einigen Generationen „romanisiert“ und das Gebiet hiess später in römischer Zeit Basilea, doch Augusta Raurica war die bedeutende Stadt am Rhein in dieser Region. Augusta Raurica wurde 44 v. Chr. von Lucius Munatius Plancus (87 – 14 v. Chr.) gegründet, wahrscheinlich auf Initiative von Julius Caesar (100 – 44 v. Chr.).

In ihrer Blütezeit im zweiten Jahrhundert n. Chr. hatte die Stadt etwa 20‘000 Einwohner. Die Stadt war nach römischem Vorbild angelegt, mit steinernem Theater, zwei (!) Amphitheatern, Forum, Basilika, Badehäusern, Tempeln, Stadtpalästen, Wohngebieten, Hafen und einer Brücke über den Rhein.

Nach dem Abzug der Römer im fünften Jahrhundert ging auch die römische Stadtstruktur verloren und der Aufstieg Basels begann. Das Freilichtmuseum Augusta Raurica vermittelt ein faszinierendes Bild von Augusta Raurica zur Zeit des Römischen Reiches.

Das römische Theater von der Clavel-Villa aus

An der Stelle von Augusta Raurica entstanden im Mittelalter die Dörfer Augst und Kaiseraugst (Kanton Aargau) mit mehreren hundert Einwohnern. Während Jahrhunderten dienten die römischen Ruinen vor allem als Baumaterial. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts erwachte das Interesse an der römischen Vergangenheit.

Dies führte schliesslich zur Eröffnung des Freilichtmuseums Augusta Raurica im Jahr 1957. Vor allem im 19. und 20. Jahrhundert wurden die wissenschaftlichen, finanziellen und organisatorischen Grundlagen für dieses Museum gelegt.

Alexander Zschokke (1955), Büste von René Clavel im Antikenmuseum Basel

Eine der grossen Persönlichkeiten für die Realisierung des Museums war René Clavel (1886-1969), der Namensgeber der Clavel-Villa, die nicht nur Basel, sondern auch Augusta Raurica überragt.

Einladung zu einer Gartenparty in der Clavel-Villa. René Clavel nahm auch an den damals berühmten Flugwettbewerben von Gordon Bennett teil

Clavel, ein wohlhabender Basler Industrieller (und Bruder von Alexander Clavel vom Wenkenhof in Riehen), war nicht nur ein begeisterter Pilot und Ballonfahrer, sondern auch an der Antike und insbesondere an Rom interessiert. So schenkte er 1955 der Stiftung Augusta Raurica unter anderem die Domus Romana, nachdem er zuvor historisch relevantes Land zu deren Gunsten erworben hatte.

Anfang des 20. Jahrhunderts kaufte er das Grundstück und die Gebäude der heutigen Clavel-Villa. Dieser Ort verfügt auch über eine reiche römische Vergangenheit. In römischer Zeit gab es hier eine grosse Villa (domus) und Wohngebiete (insulae) für die Elite. Heute würde man von einem Villenviertel sprechen.

Doch auch dieses Villenviertel verfiel nach dem fünften Jahrhundert, und erst im 17. Jahrhundert wurden an dieser Stelle urkundlich Weinberge sowie militärische Gebäude und Kanonen erwähnt. Der Name Castelen stammt wahrscheinlich aus dieser Zeit, „auf Cästellein“.

Mauer der Clavel-Villa und Kaiser Augustus

Clavel kaufte dieses Land, das Castelen-Plateau, im Jahr 1918 mit dem Ziel, die bestehenden Gebäude in ein neues Herrenhaus, die heutige Clavel-Villa, zu integrieren. Seit 1969 befindet sich die Villa im Besitz der Römer-Stiftung René Clavel, die seither eng mit dem Museum Augusta Raurica und dem Kanton Basel-Landschaft zusammenarbeitet.

Eingang zur Clavel-Villa

Die Anlage, die Innenräume und der Garten sind, abgesehen von einigen Erweiterungen (Plenarsaal) und Renovationen, weitgehend unverändert geblieben. Der Bauherr und sein Architekt Max Alioth (1883-1968) erreichten ihr Ziel, nämlich eine historisierende Atmosphäre mit einem Blick für Handwerk und Details im sogenannten Heimatstil.

Römisches Mosaik in der Villa 

Die römische und griechische Antike spielte dabei selbstverständlich eine herausragende Rolle. Die fünf bronzenen Kopien im Garten auf der Vorderseite des Hauses und die Bronzestatuen auf der Rückseite wurden in Neapel von der Firma Chiurazzi hergestellt. Die Dekoration mehrerer Räume der Villa, darunter das Pompejanum, ist sozusagen die Vorläufer der Domus Romana.

Die Vorderseite der Clavel-Villa 

und die Rückseite

Augustus blickt mit Respekt, Erkennung und Freude auf die Villa Castelen und sogar auf Romulus und Remus. Diese, ebenfalls einer Legende über die Ursprünge Roms folgend, heben sich von dem Wolf ab, der im architektonisch angelegten Garten an der Vorderseite steht.

Der Wolf im architektonischen Garten

Romulus und Remus auf der Rückseite der Villa

Die Villa ist heute ein Treffpunkt für verschiedene kulturelle Veranstaltungen wie die Jacob Burckhardt-Gespräche, die Colloquia Raurica, universitäre Tagungen und natürlich für die Mitarbeitenden und Forschenden von Augusta Raurica.

(Quelle und weitere Informationen: H. Reinau, M. Schwezier, Castelen. Geschichte und Gegenwart, Augst 2010)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Eindrücke aus der Innerenausstattung

Bild von Gilbert Clavel (1883-1927), Bruder van René, Künstler in Italien

Das Wappen von Clavel

Eine Mühle symbolisiert die Stabilität von Kanton und Eidgenossenschaft

1461 kaufte Peter Reich von Reichenstein die Burg Landskron, zu der auch eine Mühle am Mühlbach in Flüh gehörte. Heute befindet sich die Landskron in Frankreich in der Nähe des Dorfes Leymen (Elsass), direkt hinter der Grenze zum Kanton Solothurn. Damals gehörte das Elsass jedoch noch den Habsburgern.

Flüh bestand damals aus einigen Bauernhöfen. Das Nachbardorf war Hofstetten. Heute heisst diese Gemeinde Hofstetten-Flüh (Kanton Solothurn). Hofstetten war nicht irgendein Dorf, sondern bis 1408 eines der sieben freien Reichsdörfer am Blauen. 1408 erwarben die Herren von Rotberg die sieben Dörfer.

Sie verloren dann ihre Unabhängigkeit (einschliesslich der Gerichtsbarkeit und des Eigentums an Wiesen und Wäldern), nachdem andere Herrscher (darunter der Bischof von Basel und die Herren von Hofstetten) bereits immer mehr Rechte erworben hatten.

Hofstetten

Witterswil

1515 erwarb Solothurn Hofstetten und Flüh von den Herren von Rotberg, und von da an gehörten Hofstetten und Flüh zum Kanton Solothurn. Der Kanton Solothurn hat die europäische Geschichte und die Religions- und Bürgerkriege hautnah miterlebt, ist dabei jedoch relativ unbeschadet davongekommen.

Folglich wurde die Flühmühle nie durch Krieg zerstört und steht noch heute, wenn auch seit 2004 mit Wohnzwecken. Mehr als fünfhundertfünfzig Jahre lang diente sie als Getreidemühle und ab dem 19. Jahrhundert auch als Ölmühle (Ölerei) und Mosterei.

Die Stadt Solothurn

Solothurn, Frankreich und Habsburg
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Die Reformation in den 1520er- und 1530er-Jahren führte zu bedeutenden politischen und religiösen Veränderungen in der Region. Basel und Bern wurden protestantisch, Solothurn blieb (letztendlich) katholisch.

Frankreich erwarb das südliche Elsass einschliesslich des Sundgaus und die Landskron beim Westfälischen Frieden (Ende des Dreissigjährigen Krieges) 1648, zunächst zusammen mit dem Markgrafen von Baden, ab 1663 als alleiniger Eigentümer. Sébastien le Prestre, Herr von Vauban (1633-1707), baute die Burg zu einer Festung aus. 1813 zerstörten alliierte Truppen die Festung im Kampf gegen Napoleon.

Die Landskron nach 1813

Hofstetten-Flüh, die Marienkapelle und die Flühmühle

Die erste schriftliche Erwähnung der Flühmühle stammt aus dem Verkaufsvertrag der Landskron von 1461. Ein Müller pachtete die Mühle vom Burgherrn.

Abgesehen davon, dass sie fast 550 Jahre lang als Mühle diente, hatte sie seit 1543 auch einen prominenten Platz in der Marienkapelle oder der Siebenschmerzenkapelle (15.Jahrhundert). Das Kloster Mariastein (1655 errichtet) existierte zu dieser Zeit noch nicht.

1541 war ein wichtiges Jahr für die Mühle. Am Luzientag (13. Dezember) stürzte Ritter Hans Thüring, der Sohn des Burgherrn Jacob Reich von der Landskron, in der Nähe der Marienkapelle von einer Klippe. Während der damals herrschenden Pest war er mit seinen Verwandten von Pfirt und der Landskron in die Marienkapelle geflohen, um die gesündere Luft zu genießen.

Der Überlieferung nach stieg er dann allein hinauf. Er hielt sich an einem Ast fest, um in die Schlucht hinunterzuschauen. Der Ast brach ab und er stürzte in die Schlucht. Er überlebte, nur sein Kiefer war gebrochen.

Ein anonymer Maler hielt dieses Ereignis 1543 auf dem sogenannten Mirakelbild fest. Auf diesem Gemälde sind die Episode mit der Marienkapelle und dem Bruderhaus auf der linken Seite, die Mühle in der Mitte und der Landskron auf der rechten Seite dargestellt. Die Geschichte des Sturzes mit glücklichem Ausgang ist auf der Rückseite des Mirakelbildes zu sehen.

Der Müller Werner Küry und sein Knecht Simon brachten Hans Thüring zu Pferd zur Mühle. Er wurde acht Tage lang in der Mühle gepflegt, bevor er nach Landskron gebracht wurde. Links ist der Priester Jakob Augsburger aus der Marienkapelle dargestellt. Das Gemälde wurde wahrscheinlich vom Burgherrn aus Dankbarkeit für den guten Ausgang in Auftrag gegeben.

Auch die Marienkapelle profitierte davon, denn der Burgherr schmückte sie zu Ehren Marias neu aus, unter anderem mit dem Familienwappen und dem Mirakelbild, und seither wird sie auch als Reichensteinische Kapelle bezeichnet.

Die Flühnühle heute

In diesen Zeiten der Reformation und Gegenreformation war es für den katholischen Kanton Solothurn ein nützlicher Ausgangspunkt, die Gnade Gottes und damit die katholische Überlegenheit hervorzuheben.

Die Darstellung der Mühle im Kontext der Marienkapelle und der Landskron ist eine wichtige kulturhistorische Quelle. Obwohl die Darstellung der Mühle die Realität wahrscheinlich nicht vollständig widerspiegelt, vermittelt sie einen guten Eindruck von der Mühle, ihrer Funktion und ihrem Standort.

Klooster Mariastein

Nach 1543

Die Getreidemühle wurde nach 1543 mehrmals umgebaut: Teile verschwanden oder wurden ersetzt, und die Anlage erweitert. Dennoch lässt sich die Entwicklung anhand der Fundamente gut rekonstruieren.

Die Mühle wechselte mehrmals den Besitzer, blieb jedoch ihrem Zweck als Getreidemühle treu. Das Getreide kam hauptsächlich aus der näheren Umgebung und zu einem geringeren Teil aus dem Sündgau. Im 19. Jahrhundert wurde die Anlage um eine Ölmühle und eine Mosterei erweitert.

Bad Flüh, unbekannte Künstler, 18. Jahrhundert. Kloster Mariastein rechts oben. Bild: Wikipedia

Bad Flüh: 1560–1970

Neben der Flühmühle hatte Flüh von 1560 bis 1970 noch eine weitere Attraktion: Bad Flüh. Seit 1560 war der Ort für seine Wasserquellen und das Badehaus bekannt. Mönche und Besucher von Mariastein behaupteten jedoch, die Hauptattraktion sei der Treffpunkt für (spärlich bekleidete) Männer und Frauen. Wie dem auch sei, die Anlage wurde 1970 nach längerem Niedergang abgerissen.

1900–heute

1953 wurde das grosse Holzrad der Mühle durch eine Turbine ersetzt, die später mit Strom betrieben wurde. Die Mühle war noch mehrere Jahrzehnte in Betrieb. Der letzte Bericht stammt aus dem Mai 2004. Danach wurde die Mühle zu Wohnzwecken genutzt. Die Strukturen der Mühle sind jedoch noch weitgehend intakt und die neue Wohnfunktion wird der Mühle voll und ganz gerecht.

Die Mühle (obwohl sie nicht mehr mahlt), der Talbach und der Mühlbach sind Zeugen einer Vergangenheit mit Zukunft. Der Talbach und der Mühlbach vereinigen sich fünfzig Meter weiter und fliessen als Binnbach weiter, um in die Birs zu münden.

Schlussfolgerung

Diese Kontinuität war möglich durch Renovierungen, Innovationen, gutes Management, politische Stabilität, Diplomatie des Kantons und der Eidgenossenschaft, selbst in Zeiten von (Bürger-)Kriegen in den Nachbarländern und in der Eidgenossenschaft.

Diese (relative) Stabilität ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine alte Eigenschaft der Eidgenossenschaft. Das Streben nach dem Erreichbaren, Kompromiss und Pragmatismus, selbst zur Zeit der Reformation, der (europäischen und schweizerischen) Religionskriege im 16. und 17. Jahrhundert und des Sonderbundskrieges 1847.

Das Simultaneum (die gemeinsame Nutzung von Kirchen), die Disputatio, die Ilanzer Artikel im Freistaat der Drei Bünde (1524/1526) und sogar die Trennung der Kantonen (die Appenzeller im Jahr 1597) während der katholischen und protestantischen Wirren sind (auch) schweizerische Lösungen.

Die Kirche in Sta. Maria (Val Mustair, Kanton Graubünden), Beispiel einer Simultankirche aus dem 16. Jahrhundert bis weit ins 19. Jahrhundert, Katholiken auf der einen, Protestanten auf der anderen Seite

Die Stadt Solothurn ehrt zu Recht einen frühen Vertreter dieser Eigenschaft, Niklaus von Flüe (1417–1487).

Solothurn

Weissenstein, Bruder Klaus Kapelle

Die Schweiz hat auch die Eigenschaft, Altes und Traditionen zu schätzen, ihnen einen Platz neben neuen Entwicklungen einzuräumen und sich an diese anzupassen. Innovation, Modernisierung und Hightech neben und nicht unbedingt immer anstelle alter Strukturen bilden die Grundlage dieser Gesellschaft des menschlichen Masses und der Beteiligung der Bürger dank direkter Demokratie, Subsidiarität, Föderalismus und Dezentralisierung.

Kurz gesagt, ist dies eine Incompatibilité d’humeur und Contradictio in terminis mit der Funktionsweise der heutigen ‚one-size-fits-all‘ und ‚top-down‘ europäischen Union.

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Eindrücke aus Hofstetten

Die  St. Johanneskapelle (12e-15e eeuw)

Der Schöpfliweg zwischen Hotstetten und Flüh, eine ehemalige keltische Siedlung

Hofstetten

 

St. Niklauskirche

Das Weiherschloss Binningen und der Wiedertäufer Johann von Brucke

Das Schloss Binningen wurde erstmals im Jahre 1299 als Weiherschloss erwähnt. Der Bauherr ist nicht bekannt, vielleicht erbaute der Basler Bürger Heinrich von Zeise das Schloss.

Johann von Brügge alias David Joris und Joachim van Berchem kauften im Jahr 1545 das Schloss, das Landgut St. Margarethen und das Holeeschlösschen. Im Jahre 1574 übernahm Nikolaus von Hatstatt das Schloss.

Das Bürgerhaus (links),  das Imhof-Haus (rechts)

Bis 1960 gab es viele andere Eigentümer, Renovationen und Ausdehnungen. Das Imhof-Haus (1591 errichtet) und das Bürgerhaus aus dem 16. Jahrhundert gehören zur Gesamtanlage des ehemaligen Weiherschlosses

Die Gemeinde Binningen erwarb die Anlage im Jahr 1960. Heute befindet sich im Schloss ein Restaurant. Das Imhof-Haus beherbergt ein Hotel.

(Quelle und weitere Informationen: Schloss Binningen)

Eine Basler Familie in Inzlingen und jahrhundertelange regionalen Beziehungen

Das Wasserschloss Inzlingen (Baden-Württemberg) ist das einzige noch in seiner ursprünglichen Anlage erhalten gebliebene Wasserschloss in dieser Region Deutschlands. Im Kanton Basel-Landschaft gibt es in der Nähe von Basel zwei weitere Wasserschlösser (Weiherschlösser) in Binningen und Bottmingen.

Die Geschichte des Wasserschlosses Inzlingen bei Bettingen und Riehen ist mit derjenigen der Basler Familie Reich von Reichenstein eng verbunden.

Diese Familie trat im 13. Jahrhundert in den Dienst des Bischofs von Basel und wurde um 1250 vom Bischof mit der Burg Reichenstein bei Arlesheim belehnt. Die Reichensteiner waren vom 13. bis Mitte des 15. Jh. im Basler Rat vertreten und stellten sechs Bürgermeister und einen Rektor der Universität.

Im 16. und 17. Jahrhundert gehörte die Familie mit vier Domherren und hohen Beamten zur Führungselite des Fürstbistums Basel. Angehörige der Familie traten ab dem 15. Jahrhundert in den Dienst des Herzogs von Österreich und des Markgrafs von Baden.

Der im unteren Baselbiet, im Sundgau und im südlichen Schwarzwald gelegene Besitz bestand aus den Burgen und Herrschaften Reichenstein, Brombach im Wiesental, Wasserschloss in Inzlingen, Landskron mit Leymen und Biederthal, Thann und Pfirt im Elsass.

Das Wasserschloss Inzlingen

Das „Wasserhus“ zu Inzlingen wurde erstmals in einer Urkunde von 1470 erwähnt. Die Reichensteiner haben wahrscheinlich das Schloss errichtet. Markgraf Rudolf von Hachberg-Rötteln (1343-1428) hatte der Familie 1394 das Dorf Inzlingen zu Lehen gegeben.

Das Wasserschloss erhielt seine jetzige Gestalt im Wesentlichen in den Jahren 1562/63. In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Schloss im Innen- und Aussenbereich im Rokokostil umgestaltet.

Die Reichensteiner wohnten bis zur Auflösung des Inzlinger Lehens 1813 als Herren von Inzlingen im Schloss! Sie verkauften das Wasserschloss 1819 an die Basler Fabrikantenfamilie Kern-de Crousaz, die darin eine Seidenband-Weberei errichtete. 1875 erwarb die aus der Schweiz stammende Familie Saner das Schloss.

Inzlingen

1969 erwarb die Gemeinde Inzlingen das Wasserschloss mit dem umliegenden Land. Heute ist das Schloss Gemeindehaus des Dorfs, es beherbergt einen Gastronomiebetrieb mit Übernachtungsmöglichkeiten und Räumen für Veranstaltungen.

Die Geschichte Inzlingens, gelegen am Fusse des Dinkelbergs (522 m), dem einzigen Berg im Kanton Basel-Stadt, ist auch die Geschichte der jahrhundertelangen selbstverständlichen politischen, wirtschaftlichen, sprachlichen und sozialen Beziehungen in dieser Region, die Baden-Württemberg, das Elsass und Basel umfasst.

(Quelle und weitere Informationen: Schlossverein Inzlingen)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Gurtnellen, der Gotthardweg, das Strahlnen und Kristall

Vom Strahlnen (oder Strahlen) haben viele Schweizer und Schweizerinnen wahrscheinlich noch nie gehört. Und doch hat das Strahlen (oder Strahlnen) von Granit das Dorf Gurtnellen im Kanton Uri  und Orte in anderen Kantonen weltberühmt gemacht.

Monarchen aus ganz Europa liessen ihre Kronleuchter und andere Gegenstände aus Urner Kristall und Kristall aus anderen Kantonen herstellen.

Beim Bau der Ersatzmauer an der Grimsel (Guttannen) im Berner Oberland stiessen Bauarbeiter 2019 auf mehrere Kristallgruppen mit Quarz.  Sammlung: Naturhistorisches Museum Basel. Foto: TES

Nachbildung einer Kristalkluft. Sammlung: Naturhistorisches Museum Basel. Foto: TES

Strahl ist ein alter Ausdruck für Bergkristall und strahlen (oder strahlnen) ist das schweizerdeutsche Wort für die Suche nach Kristallen in den Alpen. Menschen, die in den Alpen nach Kristallen suchen, heissen deshalb heute noch Strahler und die Arbeitsweise strahlen (oder strahlnen).

Die Geschichte des Dorfes geht auf die frühmittelalterliche Zeit zurück. Urkundlich erwähnt wurde die Ortschaft erstmals im 13. und 14. Jahrhundert. Das Dorf liegt am Gotthardübergang, der seit dem 13. Jahrhundert Arbeit und Wohlstand gebracht hat.

Einfache Holzbrücken (Stege), später massive Holz- und schliesslich Steinbrücken waren die Verbindung über die Reuss und die vielen Bäche.

Die Inbetriebnahme der Gotthardstrasse im Jahre 1826 und der Bau und die Eröffnung des ersten Gotthard-Eisenbahntunnels (1872-1982) bedeuteten auch in diesem Dorf starkes Bevölkerungswachstum, Arbeitsplätze und Wohlstand.

In dieser Zeit entstanden die markanten Häuser des Dorfes. Auch in Gurtnellen stieg die Einwohnerzahl von einigen hundert auf über 1600 im Jahr 1920.

Dahinter steckten nicht nur Dienstleistungen für den Personen- und Güterverkehr, sondern auch andere Gewerbe. Granit-, Blei-, Kupfer-, Silber- und Steinbruchbetriebe und das Strahlen gehörten zu den wichtigen Pfeilern der lokalen Wirtschaft.

Das „Strahlen“ der Mineralien und der Kristall des Aaregranits machten das Dorf, und andere Orte weltberühmt! (Siehe auch das Buch über das Strahlen in Graubünden: Flurin Maissen, Mineralklüfte und Strahler der Surselva, Disentis 1988). 

Flurin Maissen (1906-1999) wurde der „Grüne Pater“ (Kloster Disentis) genannt, dank seines Engagements für den Umweltschutz und alternative Energien. 1969 war er Mitbegründer des Institut per studis retoromontschs in Rumein, später  Fundaziun Retoromana Pader Flurin Maissen in Laax.

Wie vielerorts wurde auch in Gurtnellen schon früh, um 1925, ein Wasserkraftwerk für weissen Strom gebaut. Heute bietet das vielseitige und innovative Dorf einen schönen Rastplatz an der Gotthardstrasse und hat sich sein ländliches Erscheinungsbild erhalten.

In gewisser Weise symbolisiert Gurtnellen eine der Qualitäten der Schweiz: Altes und Traditionen pflegen und mit neuen, innovativen und modernen Erkenntnissen, Wirtschafts-, Klimat- und Lebensweisen verbinden.

(Quelle und weitere Informationen: Gemeinde Gurtnellen; Schweizer Strahlermuseum)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Die Stadt und das Schloss Erlach

Erlach (Cerlier) wurde im 11. Jahrhundert gegründet. Burkhard von Fenis (Bischof von Basel 1072-1105) erbaute die Burg, sein Bruder Kuno von Fenis (Bischof von Lausanne 1093-1103) stiftete die Abtei St. Johannsen.

Graf Rudolf von Neuenburg-Nidau (der Bielersee hiess damals noch der Nidauersee) verlieh Erlach um 1266 das Stadtrecht. Das Erlacherschloss ist eines der ältesten im Kanton Bern.

Die Grafen von Neuenburg bewohnten lange Zeit das Schloss. Nachher bewohnten Savoyische Vögte das Schloss. Bern erwarb die Stadt 1474 und das Schloss wurde Sitz der bernischen Landvögte.

Heute  beherbergt das Schloss eine Bildungsinstitution und das Museum Erlach.

(Weitere Informationen: www.museumerlach.ch)

Erlach und St. Petersinsel

Schloss Erlach

  

Weitere Eindrücke

 

Martin Disler (1949-1996), Bronzeskulptur aus der Serie ‚Häutung und Tanz‘, 1990. Leihgabe Galerie Mayhaus, Erlach

Bild: Museum Erlach

Bild: Museum Erlach

Göschenen, Wassen, der Gotthardtunnel, die zweite Gotthard-Röhre und General Suworow

Die Dörfer Göschenen und Wassen an der Gotthardroute schrieben 1882 mit dem Bau des längsten Eisenbahntunnels der Welt Geschichte.

Nur einige Kilometer entfernt schrieben am 19. September 1799 der russische General Alexander Suworow (1743-1800) und der französische General Claude-Jacques Lecourbe (1759-1815) in der Schöllenenschlucht eine andere Weltgeschichte. Nach schweren Verlusten zog General Suworow sich über den Panixerpass zurück.

Die Geschichte des Gotthardpasses und die Entwicklung der Dörfer Wassen und Göschenen begannen rund um 1220-1230. Der Gotthardpass entwickelte sich in dieser Zeit zur wichtigsten Verbindung zwischen Italien und dem Norden Europas.

Bild „Historische Reisepost“ mit der Gotthardpost

Ab 1830 fuhren Postkutschen über den Pass. Die ersten Hotels wurden errichtet. Göschenen zählte um 1872 mehr als 3000 Einwohner und auch Wassen entwickelte sich rasch.

Der Eisenbahntunnel war 1882 fertig und ausländische (hauptsächlich italienische) Arbeiter waren zum ersten Mal in grosser Anzahl in die Schweiz eingewandert.

Dann kam der Gotthard-Basistunnel, dessen Bau 1996 begann. Der Tunnel wurde in geringer Höhe gebaut, um einen Anstieg während der Fahrt zu vermeiden. Seine Inbetriebnahme fand am 11. Dezember 2016 statt.

Als Flachbahn konzipiert, verlaufen die beiden 57 Kilometer langen Einspurröhren des Gotthard-Basistunnels bis zum 2’300 Meter unter den Alpen. 

Bilder und Text: Verkehrshaus der Schweiz, Luzern

Es handelt sich um einen Tunnel mit zwei Röhren, der unter dem Gotthardmassiv verläuft. Mit einer Länge von 57,1 km ist er im Jahr 2020 der längste Tunnel der Welt. Seine Inbetriebnahme fand am  11. Dezember  2016 statt.

Er ist ein Meisterwerk der Bautechnik, verbindet Erstfeld im Kanton Uri mit Bodio im Kanton Tessin und ist hauptsächlich für den Hochgeschwindigkeitsverkehr auf der Schiene bestimmt. Für Reisende verkürzt sich die Fahrzeit zwischen Zürich und Mailand auf 2 Stunden und 40 Minuten!

Auch heute noch sind Göschenen und Wassen einen Besuch wert, nicht nur wegen dieser Geschichte und der Ausstellung im Zusammenhang mit dem Bau des ersten Gotthardtunnels und dem heutigen Bau der zweiten Röhre, sondern auch, weil sich hier traditioneller Charme mit moderner Ausstrahlung mischt.

Am Ortseingang von Göschenen befindet sich der monumentale Teufelsstein, der an den Bau der legendären Teufelsbrücke über die tiefe Schöllenenschlucht erinnert, die das letzte Hindernis auf der wichtigen Nord-Süd-Passage durch die Alpen darstellte.

Ein Rundgang im Dorf widmet sich der Geschichte des längsten Eisenbahntunnels des 19. Jahrhunderts, der Entwicklung des Gotthardverkehrs und des Tourismus, des heutigen Basistunnel und der aktuellen Projekte.

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

 Simulation des Baus des ersten Eisenbahntunnels, inkl. Explosionen und andere Arbeiten im Berg (1872-1882) 

Der heutige Bau der zweiten Röhre Gotthard

 

Impressionen von Wassen

 

Impressionen von Göschenen

 

Dada und der Ruderclub Aviron Roman in Zürich (1914-1918)

1916 ist nicht nur das Jahr, in dem Dada gegründet wurde. Dada entstand in Zürich aus einer Initiative von Künstlern und Künstlerinnen, die vor dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) in die Schweiz geflohen waren.

In ihren Augen hatte die alte Kunstwelt zu dieser Katastrophe beigetragen, sie jedenfalls nicht verhindert. Auch Schweizer und Schweizerinnen waren mit von der Partie. Die Treffen von Dada fanden im Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse 1 statt. Dada als Bewegung existierte nur kurze Zeit, bis 1920, aber sein Einfluss reicht bis heute.

Membres du club vers 1910. Foto: 125 ans Aviron Romand

Nur einen Kilometer entfernt fand in Zürich ein weiteres bemerkenswertes Ereignis statt. Im Jahr 1892 hatten fünf (ausländische) Ruderclubs ihre Clubhäuser am Seeufer: der Seeclub, Nordiska Roddföreningen (aus den vier nordischen Ländern Finnland, Norwegen, Schweden und Dänemark), der Polytechniker Ruderclub Zürich, ein ungarischer Club und der Club Aviron Romand Zürich (gegründet 1892).

Der Pilot Raoul Coquard (1892) in einem Bréguet XIV. Foto: 125 ans Aviron Romand (Archive Familie Coquard)

Zur Zeit des Röstigrabens, während der Kriegsjahre, meldeten sich 36 französische, westschweizerische und elsässische Mitglieder des Aviron Romand freiwillig in der französischen Armee.

Darüber hinaus dienten sie in der Eliteabteilung der Armee, den Luftstreitkräften. Noch bemerkenswerter ist, dass die französische Escadrille BR 218, die Einheit, in der sie dienten, sogar das Logo des Aviron Romand übernahm.

Sie kämpften in der Luft an allen Fronten: in Verdun, an der Somme, in Noyon, Saint-Quentin, Flandern, Mont Kemmel und an der Marne. Sie haben sogar zwei Dicke Berthas zerstört! Ihr Prestige war so gross, dass die Staffel 218 nicht weniger als sieben Orden erhielt! Fünf Freiwillige überlebten jedoch nicht, sechs wurden verwundet.

Dieser Krieg fand vor über 100 Jahren statt. Dennoch existiert der Aviron Romand noch immer in der schönen Anlage am Zürichsee, ebenso wie Nordiska, der Seeclub und der Polytechniker Ruderclub Zürich.

Aviron Romand Zürich (ARZ) kämpft nicht mehr in der Luft, sondern rudert ausschliesslich auf dem Zürchersee, manchmal zusammen mit anderen Westschweizer Clubs (z.B. mit la Société Nautique Neuchâtel), aber immer noch in einem internationalen Kontext.

Die Anlage beherbergt auch: Nordiska Roddföreningen, Seeclub Zürich, Polytechniker Ruderclub Zürich, Ruderclub Industrieschule Zürich, Grasshopper Club section aviron, Ruderclub Kaufleuten Zürich, Club Nautique Français und Belvoir Ruderclub.

Das Logo des Aviron Romand ist so einfach wie seine Taten gross sind: Drei horizontale rote Streifen, die auch heute noch das Vereinsgebäude zieren!

(Quelle: D. Schaller, D. Masson (Red.), J. Bonhomme, F. Huber, D. Masson, G. de Morsier, R. Obi, M. Sigrist, 125 Jahre Aviron Romand, Zürich 2017)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Der erste europäische trinationale Masterstudiengang

Eines der erfolgreichsten europäischen Kooperationsprojekte wird seit Jahrzehnten in der Region Oberrhein realisiert. Zu den treibenden Kräften gehören die Regio Basiliensis in der Schweiz sowie Organisationen in Baden-Württemberg (Deutschland) und im Elsass (Frankreich).

Am 20. September fand beispielsweise die Eröffnung des neuen trinationalen Masterstudiengangs „European Digital and Sustainable Business“ statt. Die EM Strasbourg Business School bietet diesen Studiengang in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Wirtschaft FHNW in Basel und der  Hochschule Offenburg in Deutschland an.

Unternehmen müssen zunehmend zu globalen Nachhaltigkeitszielen beitragen. Der neue zweijährige Studiengang bildet zukünftige Führungskräfte in einem europäischen Kontext aus, der durch digitalen und ökologischen Wandel geprägt ist.

 Dieser Masterstudiengang ermöglicht es den Studierenden, einen Dreifach-Abschluss zu erwerben, der Management- und Technologieexpertise mit Berufserfahrung durch das Management von Projekten und nachhaltigen Geschäftsmodellen  und mit einem dualen Studium im 2. Jahr kombiniert. Der Studiengang ist interdisziplinär und stark praxisorientiert.

Foto: EM Strasbourg Business School 

Er ermöglicht es, Wissen und Kompetenzen in den Bereichen Nachhaltigkeit, Betriebswirtschaft, Umwelttechnologien und Digitalisierung zu erwerben. Es werden konkrete Projekte mit Unternehmen und Organisationen durchgeführt.

So lernen die Studierenden, komplexe Probleme aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und ganzheitliche, innovative und wettbewerbsfähige Lösungen in die Praxis umzusetzen.

Das Studium in drei Sprachen (Deutsch, Englisch und Französisch) und in drei Ländern ermöglicht es den Absolventen, Verantwortung in internationalen Teams zu übernehmen.

Nach ihrem Abschluss erhalten sie ein Triple Degree – einen Masterabschluss von jeder der drei renommierten Partneruniversitäten, der sie als Spezialisten für digitale und nachhaltige Unternehmensführung qualifiziert.

  • Das 1. Masterjahr (M1) wird in Vollzeit studiert. Es teilt sich in Kurse an der Hochschule Offenburg (von September bis Mitte Februar) und an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Basel (von März bis Juni) auf.
  • Das 2. Masterjahr (M2) findet im Rahmen eines dualen Studiums an der EM Strasbourg Business School statt.

 Die Regio Basiliensis fordert seit langem solche grenzüberschreitende Vernetzung und Zusammenarbeit der Hochschulen. Mit konkreten Forderungen richtet sie sich an die politischen Verantwortlichen am Oberrhein und die zuständigen Ministerien in Deutschland, Frankreich und der Schweiz sowie an die Europäische Kommission. Zentral ist dabei eine rasche und vollumfängliche Assoziierung der Schweiz an Horizon Europe und Erasmus+.

Auch dieses Projekt hat sie von Anfang an eng begleitet und mit Know-How, Netzwerken und Publizität unterstützt.

(Quelle und weitere Informationen: EM Strasbourg Business School)

Korrektorin: Eva Maria Fahrni