I have a dream in Riom, Tarasp und Mulegns

Der Schweizerhof (geschlossen) und der Waldhaus (abgebrannt) in Vulpera, das Kurhotel und die Trinkhalle (geschlossen) in Nairs und das Hotel Tarasp (geschlossen) in Tarasp waren einst der Stolz des Unterengadins (Kanton Graubünden).

Diese Grand Hotels erlebten ihre Blütezeit in der Belle Epoque bis zum Ersten Weltkrieg (1914-1918) und bis zum Zweiten Weltkrieg (1939-1945).

Die schöne Natur, die gesunde (Berg-)Luft, die vielen Quellen mit wohltuendem Mineralwasser, die gute Erreichbarkeit nach dem Bau der Eisenbahnverbindung und der Aufhebung des Autoverbots 1925(!) zogen Tausende von wohlhabenden Touristen und Patienten an. Sie hielten sich oft mit grossem Gefolge monatelang in den Kurorten und ihren Hotels auf.

Nach 1945 kamen andere Zielgruppen, die höchstens ein paar Wochen blieben. Auch neue Therapien und Medikamente liessen die Bedeutung der Kurorte sinken.

Hotel Tarasp

In Tarasp verfiel das Hotel zu einer Ruine, und viele Bewohner haben die Hoffnung und den Mut aufgegeben. Alle Bewohner? Nein, der Tarasper Künstler Rudolf Glaser hat einen Traum:

„Kürzlich hatte ich (Das Hotel) einen Traum: Man gab mir einen neuen Körper und ich zog in mein neues Dasein. Ich beherberge nun Wohnungen für ältere Menschen, ein Café und eine kleine Boutique. Der Ort wurde wieder beliebt und ich damit”.

Charles Laurent Carisch (1882-1914), Enkel von Johannes Jacob Carisch (1820-1906), erbte von seinem Vater Charles Auguste Carisch (1851-1906) in Riom ein enormes Vermögen, das Johannes als Restaurantbesitzer (Zuckerbäcker) in Paris verdient hatte. Charles träumte von einem Grand Hotel in Riom.

Wenn man heute Riom besucht, ist ein Palast in einem so kleinen Dorf hoch in den Bergen schwer vorstellbar. St. Moritz, Sils, Tarasp oder Davos waren jedoch zu Beginn des Tourismus-Booms ähnliche Dörfer.

Riom

Charles Laurent hatte die Vision, den Architekten und das Geld, aber der Erste Weltkrieg durchkreuzte seine Pläne. Er starb als französischer Soldat und mit ihm der Traum vom Grand Palace Riom.

Doch Träume können auch wahr werden. Der lebende Beweis dafür ist in Mulegns und Riom (Kanton Graubünden) zu sehen. Die Nova Fundaziun Origen hat Mulegns und Riom mit weniger als hundert Einwohnern in wenigen Jahren wieder in eine Welt der Belle Epoque versetzt.

Die Weisse Villa (links), Hotel Löwe (rechts)

Die Weisse Villa, das Hotel Löwe, der Bau des Weissen Turms (als Nachfolger des Julierturms) und die Dauerausstellung zur Geschichte der berühmten Bündner Zuckerbäcker, die auch einen Traum hatten, sind (fast) realisiert.

Mulegns, work in progress, die Weisse Turm (Sommer 2024)

Modell in Riom

Modell im alten Telegraphenbüro des Hotels Löwe

Selbst das kleine Dorf Riom ist heute ein weltbekanntes Zentrum für Textilien, Kultur und Kunst. Und all dies begann vor wenigen Jahren auch mit einem Traum.

Korrektorin: Petra Ehrismann

Impressionen von Hotel Löwe (Sommer 2024)

 

Perlen, Parfums und die französische und schweizerische Geschichte von Saint-Gingolph

Die Organisation „Die schönsten Schweizer Dörfer“ porträtiert Dörfer und Kleinstädte. Diese geografischen Perlen befinden sich in den vier Sprachregionen der Schweiz und in Liechtenstein. St. Gingolph (Kanton Wallis) ist jedoch das einzige Dorf, in dem seit mehr als hundert Jahren Perlen hergestellt werden.

Das Dorf ist auch aus einem anderen Grund einzigartig. Der Fluss La Morge trennt das Dorf seit dem Frieden von Thonon (4. März 1569) in einen französischen und einen schweizerischen Teil.

Die Grenze, die Brücke und La Morge

Der Vertrag zwischen dem Herzogtum Savoyen, dem Bischof von Sitten und den Oberwalliser Sieben Zehnden legte die Grenzen des heutigen Kantons Wallis und die Grenze zu Frankreich fest.

Die Grenze, Ende der schweizerischen Bahnstrecke 

So trennt der Rhein seit 1803 auch die Städte Laufenburg und Rheinfelden (Kanton Aargau), doch – anders als in St. Gingolph – führte dies zu getrennten Gemeinden, je einer schweizerischen und einer deutschen.

Seit 1569 leben und arbeiten Franzosen und Schweizer im Dorf St.Gingolph in guter Harmonie miteinander. Beispiele für die harmonische Zusammenarbeit sind die Perlenindustrie, der Schiffbau und der Handel am Genfer See.

Das Museum (Musée des traditions et des barques du Léman) im Schloss zeigt unter anderem eine besondere Sammlung von Schiffsmodellen und Gegenständen aus diesem jahrhundertealten Handel auf dem Genfersee.

Diese enge Beziehung kam auch während der dunklen Periode der deutschen Besatzung (1940-1944) zum Ausdruck. Dank der Intervention eines Drei-Sterne-Generals der Schweizer Armee konnten die französischen Einwohner die Grenze überschreiten, als die Besatzer am 22. und 23. Juli 1944 den französischen Teil von Saint-Gingolph zerstörten.

Geschichte

Das Dorf wurde im Jahr 755 vom Heiligen St. Gingolph (Saint Gangolf oder Gingolf) gegründet. Lange Zeit gehörte das Dorf zu den Bischöfen von Genf, später zu denjenigen von Annecy und anschliessend dem Herzogtum Savoyen. Bern und die Sieben Zehnden von Oberwallis  eroberten das Dorf (und Teile von Chablais und Faucigny) im Jahr 1536.

Der Friede von Thonon legte die Grenzen endgültig fest, obwohl ein Grossteil der Einwohner des Dorfes im Jahre 1860 der Schweizerischen Eidgenossenschaft beitreten wollte (am 22. und 23. April 1860 entschied sich jedoch eine grosse Mehrheit der übrigen Einwohner Savoyens für den Anschluss an Frankreich).

De Perlen von Saint-Gingolph

Die Perlen von Saint-Gingolph

 Perlen aus Austern gibt es schon seit Jahrhunderten. Der Genfer See enthält bekanntlich Süsswasser und daher keine Austern. In Saint-Gingolph stellten vier Fabriken (zwei im französischen und zwei im schweizerischen Teil) seit 1920 wunderschöne Perlen aus Fischschuppen her, und zwar nach einem Verfahren, das bis ins 18. Jahrhundert zurückgeht. Diese Fabriken waren lange Zeit der Hauptarbeitgeber im Dorf.

La Suisse

Die Perlen aus St.Gingolph waren weltberühmt. Vor allem amerikanische und englische Touristen kamen mit dem Schiff aus Montreux oder anderen Orten am See oder sie flogen mit dem Flugzeug direkt aus England in die Schweiz, um Perlen zu kaufen. Die Perlen waren von denjenigen der Austern nicht zu unterscheiden, und es gab sie in allen Formen und Grössen, auch als Perlenketten. 

Die vier Fabriken: La Perle du Lac, la Perle de St. Gingolph, la Perle Orion und la Perle du Léman. Bilder: Musée des traditions et des barques du Léman

 Nach 1970 liess das Interesse an Perlen jedoch nach, und die letzte Fabrik wurde 1974 geschlossen. Doch 2019 nahm der Ingenieur Jean-Loïc Selo die Perlenproduktion in Saint-Gingolph im Schloss des Dorfes wieder auf. Seither sind sie wieder in Boutiquen in Vevey (Kanton Waadt), Thonon und Saint-Gingolph erhältlich.

Die Boutique im Schloss Saint-Gingolph

 Schweizer Schule für Parfümerie

 Jean-Loïc ist auch der Gründer der Schweizer Schule für Parfümerie (Ecole Suisse des Parfumeurs Créateurs). Diese Schule ist ebenfalls im Schloss untergebracht. Jean-Loïc erforscht (alte) Parfums auf der Grundlage von (Archiv-)Forschungen und stellt (einzigartige) Parfums her. Er bietet auch Fortbildungen in diesem Bereich an.

Jean-Loïc Selo (links) in der Ecole Suisse des Parfumeurs Créateurs

 (Quelle und weitere Informationen: Gemeinde Saint-Gingolph; Perles du Léman; Ecole Suisse de Parfumeurs Créateurs)

Korrektorin: Petra Ehrismann

Brigels, Kloster Disentis und der Waltensburger Meister

Die Geschichte von Brigels (romanisch Breil) war während Jahrhunderten eng mit dem Kloster Disentis verbunden. Am 15. Dezember 765 schenkte der Bischof von Chur dem Kloster seine Güter in der Surselva.

Zum Kloster gehörten fortan auch die Dörfer Andiast, Dardin, Danis, Tavanasa und Waltensburg/Vuorz. Die Verbindung mit dem Kloster ist längst erloschen, doch heute sind diese Dörfer wieder als Gemeinde Brigels/Breil vereint.

Waltensburg/Vuorz ist vor allem durch die gotischen Fresken des Waltensburger Meisters in der Kirche St. Desiderius und Leodegar bekannt. Brigels (Breil) ist ein beliebter Ferienort für Winter- und Sommersport.

Quelle und weitere Informationen: Gemeinde Brigels/Breil)

Die romanische Sprache in Breil

Weitere Impressionen

Erasmus klingt wieder in Basel

Basel wird vom 9. bis 15. September 2024 zum zweiten Mal Schauplatz des interdisziplinären Festivals Erasmus klingt! – Festival Lab.

Erasmus von Rotterdam (1466-1536), der viele Jahre in Basel gewohnt und gewirkt hat, steht im Zentrum des Barockfestivals, das im Hinblick auf Erasmus’ 500stes Todesjahr 2036 fortan als Biennale stattfindet.

Das Festival wird in Zusammenarbeit mit diversen Basler Bildungs- und Kulturinstitutionen durchgeführt, darunter die Universität Basel, die Schola Cantorum Basiliensis und die Volkshochschule beider Basel sowie diversen Museen.

Für die zweite Ausgabe des Festivals dient Erasmus’ Werk Die Klage des Friedens (Querela Pacis, 1517) als Quelle der Inspiration. Die Konzerte und weitere Veranstaltung widmen sich dem Thema Frieden: ein Thema, das sowohl die säkulare Welt als auch die religiöse Kultur umfasst.

Wie heute, war auch die Zeit von Erasmus, zu Beginn der Neuzeit, geprägt von Gewalt: Viele Gelehrte erhoben ihre Stimme gegen die zahllosen Kriege, die in Europa entflammten. Im Buch Die Klage des Friedens kämpfte der Humanist Erasmus mit all seiner Überzeugungskraft, um die Absurdität des Krieges und die Vorteile des Friedens zu beklagen und anzuklagen. Sein Ziel war es, die Bedeutung der Solidarität und der Menschenwürde zu verdeutlichen, indem er die Kultur als ein mächtiges Instrument für das Leben in der Gemeinschaft ins Feld führte.

Die Veranstaltungen des Festivals orientieren sich an einigen der Hauptthemen von Erasmus, die aus einer historischen Perspektive neu interpretiert werden: In einigen Konzerten geht es um Geschichten des Alten Testaments, die von Manipulation, Krieg und Frieden oder um den Abschluss von Friedensverträgen (Frieden von Utrecht, Rastatt und Baden (1713/14) Westfälischer Friede 1648) sowie um die Vergegenwärtigung konkreter Kriegsereignisse.

In anderen Konzerten wird das Thema des Konflikts in einer «menschlichen» Dimension beleuchtet: die schmerzlichen Folgen des Krieges, der Kampf der menschlichen Emotionen und der Konflikt zwischen Gefühl und Rationalität.

Zwischen den musikalischen Werken an den Hauptkonzerten gibt es Lesungen aus Erasmus’ «Klage des Friedens». Tagsüber finden diverse Begleitveranstaltungen im Wildt’schen Haus in den Disziplinen Philosophie, Geschichte, Musikwissenschaft und Friedensforschung statt.

(Quelle, Tickets und weitere Informationen: erasmus-klingt.kulturticket.ch)

Baden, Baden-Baden und Badenweiler und ihre Bäder

Es gibt nicht viele Orte mit einem Doppelnamen und schon gar nicht, wenn es sich um eine Wiederholung handelt. So ist der Name der deutschen Stadt Baden-Baden (Baden-Württemberg) funktional: zur Unterscheidung zwischen Baden in der Schweiz (Kanton Aargau) und Baden in Österreich (bei Wien). Dann gibt es noch Badenweiler im südlichen Baden-Württemberg.

Kurhaus und Casino Baden-Baden

Baden-Baden, die Trinkhalle im 19. Jahrhundert

Badenweiler, Grand Hotel Römerbad (1825), geschlossen seit 2016

Der Aargau wurde bis 1415 von Habsburg und von 1415 bis 1798 (mit Ausnahme des Fricktals) als Untertanengebiet der Eidgenossenschaft verwaltet. Seit 1803 (inklusive Fricktal) ist der Aargau ein Kanton der Eidgenossenschaft.

Die Namen für diese Orte sind auch funktional: Sie waren seit der Römerzeit (etwa in den ersten vier Jahrhunderten) berühmte Bade- und Kurorte. Diesem Ruhm werden sie auch heute noch gerecht.

Auf jeden Fall waren die Römer die Erfinder der ersten steinernen Badekomplexe (thermae). Diese Badehäuser waren wunderschön dekorierte und ausgestattete Gebäude mit Bädern, ausgeklügelten Systemen für warmes und kaltes Wasser, Entwässerung, Heizung, Umkleideräumen, Sozialräumen, Gärten und anderen Abteilungen.

Römisches Badehaus Badenweiler

Finanziert wurden sie zumeist von lokalen Euergeten (Wohltätern) und teilweise von der lokalen Regierung. Weitere Einzelheiten über die faszinierende Welt der römischen Badekultur finden sich in der reichhaltigen Literatur dazu. Auch die wohltuende Wirkung der Mineralquellen war bereits bekannt oder wurde zumindest vermutet.

Die Frauenthermen von Augst (Augusta Raurica, Kanton Basel-Landschaft). Bild. Römische Badenruine Badenweiler

Im Mittelpunkt dieses Artikels stehen die Beziehungen zwischen den genannten Orten, die bis ins 19. Jahrhundert hinein intensive Kontakte auf höchster politischer und kirchlicher Ebene pflegten. Bürger, Kaufleute, Wissenschaftler, Künstler, Unternehmer und Textilunternehmer, (Schweizer) Söldner und andere Berufsgruppen waren regelmässige Grenzgänger.

Grenzen hat es zwischen der Region Baden und dem Kanton Aargau immer gegeben. Es war jedoch nicht die physische Barriere des Rheins, die die Grenze bildete. Der Rhein war jahrhundertelang vor allem ein Handels-, Kommunikations- und Verkehrsfluss. Auch die Sprache stellte keine Barriere dar. Nach dem Abzug der Römer entwickelte sich das Alemannische zur gesprochenen Sprache, später auch das Hochdeutsche.

Bild: Römische Badenruine Badenweiler

 Römische Zeit

In römischer Zeit war diese Region Jahrhunderte lang Teil der Germania Superior. Auf dem Höhepunkt der römischen Macht (um 100 n. Chr.) bildete der Limes Germanicus die Grenze; er verlief von Koblenz bis zur Donau und war 550 Kilometer lang. Ab dem vierten Jahrhundert war der Rhein der Limes. Die Romanisierung der einheimischen Bevölkerung (Schwaben in Baden und Kelten im Aargau) fand in wenigen Generationen statt.

Römische Thermen in Baden und in den Kantonen Basel-Landschaft, Aargau en Waadt. Bild Römische Badenruine Badenweiler

Die Badehäuser in Baden-Baden (Aquae, vicus Aurelia-Aquensis) und Badenweiler (vermutlich Aquae Villae) verfielen nach dem Abzug der Römer ab dem vierten Jahrhundert. Dies geschah in Baden (Aquae Helveticae) erst im fünften Jahrhundert. Auch das römische Strassennetz verfiel, prägt aber noch heute die Konturen in Baden und im Aargau.

Rekonstruktion Badehaus Badenweiler. Bild: Römische Badenruine Badenweiler

Baden

Die politische Geschichte Badens wird nur in groben Zügen behandelt. Die vielen Intrigen, Aufstände und Kriege – u.a. der Bauernkrieg (1525), der Dreissigjährige Krieg (1618-1648), der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688-1697), der Spanische Erbfolgekrieg (1702-1713), die Reformation und andere Konflikte bleiben unberücksichtigt.

Nach dem (langsamen) Abzug der Römer im dritten und vierten Jahrhundert beherrschten nacheinander Alemannen (und ihre Herzöge), fränkische Könige und Kaiser (Karolinger) und deutsche Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches das Gebiet.

Mächtige Klöster (u.a. Reichenau, St. Gallen, St. Blasien, Säckingen) und Bistümer (Konstanz, Speyer, Strassburg, Mainz und Basel) sowie lokale Fürsten spielten ab dem 10. Jahrhundert. eine wichtige Rolle.

Um das Jahr 1000 gab es auch das mächtige Herzogtum Schwaben (bis zum 11. Jahrhundert auch Herzogtum Alemannien genannt). Es war ein grosses Gebiet, das bis nach Graubünden reichte.

Herzogtum Schwaben. Bild: Marco Zanoli, Wikipedia

Danach verfiel dieses Herzogtum und es bildeten sich neue Dynastien. Für Baden (und Teile der Schweiz) waren vor allem die Zähringer und Habsburger von Bedeutung (neben den Pfalzgrafen, den Herzögen von Bayern und Lothringen und den französischen Königen, um nur einige zu nennen).

Bild: Wikipedia

Baden wurde ab 1060 weitgehend von Markgrafen regiert. Sie waren verwandt mit den Herzögen von Zähringen (1061-1218), die grosse Gebiete in Baden und in der Schweiz beherrschten. Sie gründeten viele Städte, u. a. Bern, Freiburg und Rheinfelden in der Schweiz und Freiburg im Breisgau und Neuenburg am Rhein in Baden. Sie bauten Breisgau zu einer Festung aus und errichteten das Münster St. Peter.

Breisgau, Münster St. Peter

Im Jahr 1515 entstanden die Markgrafschaft Baden-Baden und die Markgrafschaft Baden-Durlach, die 1771 wieder zur Markgrafschaft Baden vereinigt wurden. Baden-Baden war jedoch in der Reformation katholisch geblieben, Baden-Durlach war protestantisch geworden.

Baden-Baden und Baden-Durlach wurden in dieser Zeit mehrfach geplündert und zerstört. Dabei war Baden in seinen verschiedenen politischen Konstellationen immer Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und seiner habsburgischen Kaiser.

Karlsruhe, Groothertog Karl Friedrich (1728-1811) von Baden  

Die Französische Revolution (1789), verschiedene Kriege und die politische Rolle des Ersten Konsuls (Napoleon (1769-1821) führten nacheinander zum Kurfürstentum Baden (1803-1806) und nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches (1806) zum Grossherzogtum Baden (1806-1918) im Rheinbund (1806-1813).

Baden 1803-1945. Bild: Wikipedia

Nach dem Sturz Napoleons im Jahr 1815 entstand der Deutsche Bund (1815-1866) mit einem zunehmend dominierenden Preussen. Im Jahr 1849 führte eine Revolution in Rastatt zu einer kurzlebigen Republik.

Badenweiler, Kur- und Festspielhaus und die Burguine

Unter anderem durch die Rheinkorrekturen durch Johann Gottfried Tulla (1770-1828)), die deutsche Zollunion, die (vielfältige) Industrialisierung (u.a. Tabak, Glas, Textilien, Bergbau, Maschinen, Eisenbahnen (Badische Bahnhof in Basel), die Kuckucksuhr) und den aufkommenden Tourismus im Grossherzogtum erlebten die Bade- und Kurorte ihre grösste Blütezeit bis 1914.

Schweizer (Textil-)Unternehmer, Touristen, Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler waren stets prominent dabei. Der Einfluss von Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) reichte bis nach Baden und Johann Peter Hebel (1770-1826) ist nur eines von vielen weiteren Beispielen.

Das Strassburger Denkmal (1895) in Basel

1870/71 entstand nach dem Deutsch-Französischen Krieg das Deutsche Reich (1871-1918). In diesem Krieg belagerten badische Truppen Strassburg. Daran erinnert ein Denkmal in Basel. Das Grossherzogtum Baden verlor einen Teil seiner Souveränität und ging mit dem Zweiten Deutschen Reich im Jahr 1918 unter.

Der letzte Zähringer Friedrich II. (1857-1928) verzichtete 1918 auf seinen Thron als Grossherzog von Baden, eine Zähringer-Dynastie von fast 1‘000 Jahren! Da können nicht einmal die Habsburger mithalten. Baden wurde dann als Teil der Weimarer Republik eine Republik.

Von 1933 bis 1945 wurde Baden von einem Gauleiter regiert. Nach der deutschen Kapitulation wurde Baden in eine französische Zone (mit dem fast unversehrten Baden-Baden als Hauptstadt) und eine amerikanische Zone aufgeteilt. Im Jahr 1947 wurde Baden-Württemberg geschaffen.

Baden-Baden, Kasino

Baden-Baden, Friedrichsbad

Diese bewegte Geschichte des unmittelbaren Nachbarn der Schweiz beeinflusste die gegenseitigen und direkten Kontakte, insbesondere im und ab dem 19. Jahrhundert. Die modernisierte und zeitgemässe Badekultur in Baden-Baden, Baden und Badenweiler hat jedoch nicht gelitten und die römischen Bauwerke sind noch immer zu besichtigen.

Verschiedene regionale Initiativen, wie z.B. die Regio Basiliensis, zeigen zudem, dass grenzüberschreitende Kooperationen und Projekte nach wie vor in der alemannischen DNA stecken. Und heute symbolisieren die Städte Rheinfelden, Laufenburg und ihre Brücken wieder die verbindende Funktion des Rheins.

(Quelle: R. G. Haebler, Badische Geschichte, Baden-Baden, 1987)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Der spanische Erbfolgekrieg, Utrecht, Rastatt, Baden und Katalanen

Was haben Utrecht, Rastatt (Baden-Württemberg) und Baden (Kanton Aargau) gemeinsam? Diese Städte spielten nicht nur eine wichtige Rolle in der Verfassungsgeschichte der Niederlande, der Bundesrepublik Deutschland bzw. der Schweiz.

In den Jahren 1713 und 1714 fanden in diesen Städten nacheinander die wichtigsten (bilateralen) Verträge zur Beendigung des Spanischen Erbfolgekriegs (1701-1713) statt. Es folgten danach noch mehrere abschliessende Verträge in Den Haag, Madrid und Antwerpen.

Im Spanischen Erbfolgekrieg ging es um die spanische Krone (und die Herrschaft über die südlichen Niederlande, die norditalienischen Territorien, Sizilien, Neapel und die Kolonien).

Europa um 1700. Bild: Wikipedia

Karl II. (1661-1700), König von Spanien und seines (kolonialen und europäischen) Reiches war der letzte spanische Habsburger. In seinem Testament hatte er Philipp von Anjou (1683–1746), einen Enkel Ludwigs XIV. (1638-1715), zu seinem Nachfolger ernannt.

Philipp wurde daraufhin am 1. November 1700 als spanischer König Philipp V. vereidigt. Neben der spanischen Krone spielte auch das komplexe Kräftefeld der vielen souveränen Staaten des Heiligen Römischen Reiches, der vielen verstreuten habsburgischen Besitzungen und vor allem der überseeischen Kolonien eine Rolle.

Leopold I. (1640-1705), Joseph I. (1678-1711) und sein Nachfolger Karl VI. (1685-1740), die habsburgischen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches in dieser Zeit, erhoben jedoch ebenfalls Anspruch auf den Thron, und auch andere Länder, allen voran England und die Republik (die unter König Wilhelm (William) und Stadthalter Wilhelm (Willem) III. (1650-1702) in Personalunion vereint waren), akzeptierten ihn nicht.

Godfrey Keller (1646-1723), König Wilhelm (William) von England und Stadthalter Wilhelm (Willem) III der Republik. Sammlung National Galleries Scotland. Foto: Wikipedia

Sie fürchteten eine spanisch-französische Vorherrschaft. Die Erfahrungen mit der aggressiven Expansionspolitik des Sonnenkönigs gaben dazu allen Anlass.

Der Spanische Erbfolgekrieg wird auch als Erster Weltkrieg bezeichnet, der wegen der Kolonien auch auf anderen Kontinenten, insbesondere in Kanada und Südamerika, ausgetragen wurde. Dieser Aspekt wird im Folgenden ausgeklammert.

Erwähnenswert ist jedoch der Aufstieg eines Geschlechts, das im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) zum Retter Europas und der Zivilisation wurde. John Churchill (1650-1722), der Herzog von Marlborough, war einer der erfolgreichen Heerführer der antifranzösischen Koalition. Als Anerkennung erhielt er Blenheim Palace, den Geburtsort von Winston Spencer Churchill (1874-1965).

Pieter Schenk (1693-1775), John Churchill, Duke of Marlborough, um 1700, nach einem Gemälde von Godfrey Keller. Sammlung Rijksmuseum Amsterdam (RP-P-1905-254). Bild: Wikipedia

Nach Jahren des Krieges mit wechselnden Kriegsaussichten und mehreren gescheiterten Friedenskonferenzen waren die Parteien 1713 bereit, Frieden zu schliessen. Solche Konferenzen fanden an Orten statt, die politisch, logistisch und in Bezug auf Status, Komfort und Unterkunft für den höchsten Adel und Hunderte von Diplomaten geeignet und sicher waren.

Utrecht war die Hauptstadt der Provinz Utrecht, einer der sieben souveränen Provinzen der Republik der Vereinigten Niederlande (1581) und Namensgeberin der Union von Utrecht (1579).

Diese Republik war 1648 als souveräner Staat anerkannt worden (Vertrag von Münster) und befand sich seitdem in einem ständigen Kriegszustand mit Frankreich und gelegentlich mit der Seemacht England (als Ad-hoc-Verbündeter Frankreichs).

Die Wahl von Utrecht als Ort der ersten Konferenz wurde vor allem von seiner Lage bestimmt, d. h. wegen der guten Erreichbarkeit der wichtigsten militärischen und politischen Protagonisten Frankreichs, Englands und des Kaisers.

Karte der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande. Druck aus Johann Baptista Homann, Atlas novus Terrarum Orbis Imperia, Regna et Status, Nürnberg, um 1720. Sammlung Rijksmuseum Amsterdam (RP-P-AO-1-51. B). Bild: Wikipedia

Ausserdem war die Rolle der Republik auf dem Kontinent nach dem Goldenen Zeitalter und den aufreibenden Kriegen zu Wasser und zu Land gegen England und Frankreich ausgereizt, oder, wie es der französische Diplomat Melchior de Polignac (1661-1741) ausdrückte: „Wir verhandeln über Sie, bei Ihnen und ohne Sie“.

Wie dem auch sei, Frankreich und England schlossen am 11. April 1713 den Vertrag von Utrecht. In Wirklichkeit handelte es sich um mehrere bilaterale Friedensverträge zwischen Frankreich und England, Frankreich und der Republik, Frankreich und Preussen, Frankreich und Portugal und Frankreich und Savoyen.

Philipp V. blieb König von Spanien, wenn auch nicht in einer Personalunion mit Frankreich. Grossbritannien erhielt die Souveränität über Gibraltar und einige französische Gebiete in Kanada; die südlichen Niederlande, die norditalienischen Gebiete, Sardinien (später gegen Sizilien ausgetauscht) und Neapel blieben oder kamen zu Österreich. Savoyen erhielt Sizilien, das später gegen Sardinien getauscht wurde. Die portugiesische Herrschaft über Brasilien und Uruguay wurde anerkannt, und die Niederlande erhielten vor allem Handelskonzessionen und Garnisonen in den südlichen Niederlanden.

Der Kaiser akzeptierte dies jedoch nicht und setzte den Krieg fort (ohne England, die Republik und andere Verbündete). Er verlor und dies war der Anlass für die Friedenskonferenz in Rastatt zwischen Frankreich und Österreich.

Residenzschloss Rastatt. Jupiter und seine Blitze in Richtung des nahen Frankreich

Das prächtige Barockschloss in Rastatt war seit 1705 die Residenz des Markgrafen des (katholischen) Baden-Baden. Dieses Gebiet war ein wichtiger Puffer zwischen Frankreich und den habsburgischen Besitzungen in Deutschland und Schauplatz vieler kriegerischer Auseinandersetzungen und Leiden während der Zeit Ludwigs XIV.

Der Markgraf hatte traditionell familiäre Beziehungen zu den höchsten europäischen Kreisen und Rastatt lag zwischen Paris und Wien und anderen habsburgischen Besitzungen. Ausserdem konnte die neue Barockresidenz die Franzosen und die habsburgischen Österreicher begeistern. Am 7. März 1714 wurde der Friedensvertrag zwischen Österreich und Frankreich geschlossen.

Rekonstruktion der Verhandlungen mit Karte im Schloss Rastatt

Philipp V. wurde von Österreich zu den gleichen Bedingungen wie im Vertrag von Utrecht als König anerkannt, Österreich behielt seine italienischen Besitzungen und ausserdem war die Amnestie für die Katalanen, die sich im Konflikt auf die Seite Habsburgs gestellt hatten, ein Thema (!). Auch andere Fragen wurden erörtert, darunter Reparationen für Verbündete und die Rückgabe eroberter Gebiete.

Eine Komplikation war jedoch die verfassungsmässige Organisation des Heiligen Römischen Reiches: Der Kaiser benötigte die Zustimmung des Reichstages. Dies war der Anlass für die Konferenz in Baden.

Baden war eine katholische Stadt im Aargau und seit 1415 ein Untertanengebiet der von Habsburg eroberten Eidgenossenschaft. Bis 1712 trafen sich Delegierte aus den Kantonen der Eidgenossenschaft in der Tagsatzung in Baden.

1712 stellte sich das katholische Baden jedoch im zweiten Villmergerkrieg (der erste fand 1656 statt) auf die Seite der katholischen Kantone. Die protestantischen Kantone gewannen, Baden verlor, und die Tagsatzung fand ab 1712 in Frauenfeld statt (Kanton Thurgau, ebenfalls ein Untertanengebiet und 1460 erobert).

Baden wurde dennoch die Wahl für den abschliessenden Friedensvertrag zwischen Frankreich und Österreich. Grund dafür war vor allem die Neutralität der Eidgenossenschaft, die im Westfälischen Frieden 1648 als unabhängiger Staat von 13 souveränen Kantonen anerkannt worden war.

Baden, zwischen Wien und Paris gelegen, war ausserdem ein bekannter Bade- und Kurort und seit Jahrhunderten (d.h. bis 1712) Tagungsort der Tagsatzung und ihrer mehreren hundert Diplomaten aus Kantonen und dem Ausland. Zudem lag sie nicht weit von Solothurn, der Residenz des französischen Botschafters bei der Eidgenossenschaft.

Obwohl die wichtigsten Beschlüsse bereits gefasst waren und es in erster Linie um den Abschluss des französisch-österreichischen Friedensvertrags ging, waren immer noch etwa 60 Delegationen aus allen Teilen des Heiligen Römischen Reiches und Europas anwesend, aus Savoyen, Venedig, Stockholm, Den Haag, Madrid, Berlin, Speyer, Äbte und Bischöfe und andere Würdenträger, die alle ihre eigenen Interessen und Ansprüche vertraten, kurzum, es war ein europäischer diplomatischer Kongress.

Er endete am 7. September 1714 mit dem Frieden von Baden. Das Machtgleichgewicht war wiederhergestellt bis 1756. Auf jeden Fall war die Ära der Religions- und Dynastiekriege im 18. Jahrhundert (fast) vorbei; am Ende des 18. Jahrhunderts und im 19. Jahrhundert dienten sich jedoch andere Konflikte an. Die Schweiz blieb diesmal nicht verschont.

(Quelle: R. de Bruin, M. Brinkman (Red.), Friedensstätte. Die Verträge von Utrecht, Rastatt und Baden 1713-1714, Petersberg, 2013)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

PS: Siehe auch die Ausstellung ‚Die Badische Revolution 1848/49′ im Wehrgeschichtlichen Museum Rastatt.

Schloss Rastatt

Barock

Mit Rokoko-Elementen

   

Markgraf von Baden-Baden Ludwig Wilhelm (Türkenlouis, 1655-1707), Bauherr des Schlosses (1705). Sammlung Schloss Rastatt

Die Triennale Bad Ragartz, ein Kunstspektakel unter freiem Himmel

Vom 4. Mai bis zum 30. Oktober 2024 zeigt die 9.Schweizerische Triennale der Skulptur in Bad Ragaz (Kanton St. Gallen) und in Vaduz (Liechtenstein) werke von 88 Künstlerinnen und Künstlern aus 19 Ländern.

Die Triennale Bad Ragartz gehört zu den grössten Kunstausstellungen unter freiem Himmel weltweit. Die Werke der Kunstschaffenden sind ein halbes Jahr zugänglich und unmittelbar erlebbar.

Im Alten Bad Pfäfers fndet zu gleicher Zeit das Festival der Kleinskulpturen statt. Neu dazu kommt das „Labor für junge Kunst“, das ausgewählten Künstlerinnen und Künstlern unter 30 Jahren eine erste internationale Plattform und einen Werkbeitrag bietet.

(Quelle und weitere Informationen: Triennale Bad Ragartz)

Impressionen

Das menschliche Mass in der Confoederatio Helvetica

Die Schweiz begeht ihren Nationalfeiertag am 1. August. Das Land hatte lange mit seiner Nationalhymne, seiner Flagge und seiner Verfassung gerungen. Nach einem Jahrhunderte währenden Einigungsprozess, der im 13. Jahrhundert begann und viele kriegerische Auseinanderzusetzungen nach sich zogen, veränderte sich die Zusammenarbeit der Kantone am 12. September 1848 grundlegend. Der Staatenbund wurde zum Bundesstaat, zur Confoederatio Helvetica (CH).

Die Flagge wurde jedoch erst 1889 offiziell als nationales Symbol anerkannt. Die Geschichte der Nationalhymne ist auch kompliziert und noch nicht abgeschlossen. Der 1. August wurde 1891 als Nationalfeiertag anerkannt aus Anlass des 600. Jahrestags des (mythischen und zumindest legendären) Rütlischwurs, dem Schwur der ersten drei Orte Uri, Unterwalden und Schwyz am Ufer des Urnersees (einem Arm des Vierwaldstättersees).

Der Ägerisee

Die Morgartenkapelle

Heutzutage ist das Datum des Nationalfeiertags teilweise umstritten. Tatsache, Legende oder Mythos – Fakt ist, dass diese drei Orte im Jahr 1315 dem Herzog Leopold von Habsburg (1290–1326) beim Ägerisee in der Nähe des Dorfes Morgarten (Kanton Zug) eine ebenso überraschende wie verheerende Niederlage zufügten. Die Bauern aus einer unwirtlichen Bergregion besiegten die Ritter des Landesherren.

Das Dorf Morgarten und seine Umgebung. Es ist nicht genau bekannt, wo die Schlacht stattgefunden hat.

Dieses Szenario wiederholte sich mehrmals in den Jahren 1386 (Sempach), 1388 (Näfels), 1415 (Eroberung des Aargaus) und 1460 (Eroberung des Thurgaus) mit einer immer grösser werdenden Eidgenossenschaft oder Konföderation bis zum Schwabenkrieg 1499 (auch Schweizerkrieg oder Engadinerkrieg, je nach Perspektive). Letzterer wurde im September 1499 mit dem Frieden von Basel und dem „ewigen Frieden“ mit den Habsburgern beendet. Tatsache ist, dass der Vertrag der drei Eidgenossen von 1291 (bestätigt 1315) zu einem Bündnis mit 13 souveränen Kantonen im Jahr 1513 geworden war.

Morgarten Monument

Die alte Konföderation

Die Reformation spaltete die alte Eidgenossenschaft der 13 Kantone nach 1525 in katholische und protestantische Kantone und säte religiöse Zwietracht in Kantonen, Städten und Dörfern. Daraus resultierten einige bewaffnete Konflikte, die Kappelerkriege (1529 und 1531), die Villmergerkriege (1656 und 1712) und schliesslich der Sonderbundskrieg 1847.

Johann Martin Veith (1650-1717),  Allegorie, 1698. Sechs protestantische Kantone versammelten sich im Jahr 1698 in Schaffhausen  für eine protestantische Tagsatzung. Links die Protestanten, rechts die Katholiken. Sammlung: Landesmuseum Zürich

Auch die Bündner Wirren (1619-1639) im Freistaat der Drei Bünde (dem heutigen Kanton Graubünden) waren teilweise ein religiöser (Bürger-)Krieg und ein Machtkampf zwischen den Großmächten Frankreich, Spanien, Österreich und dem Venedig zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648). Diese militärischen Auseinandersetzungen waren jedoch im Vergleich zu den (Bürger-)Kriegen in anderen Regionen bis 1798 kleine Vorkommnisse.

Villmergen (kanton Aargau) und das Kriegsmonument

Tatsächlich war die alte Eidgenossenschaft eine friedliche und neutrale Oase mitten in Europa. Religiöse Konflikte wurden meist demokratisch von den Bürgern beigelegt: Kirchen wurden manchmal für die protestantische und die katholische Religion gemeinsam genutzt (Simultaneum) und Kanton Appenzell wurde sogar von den Bürgern in einen katholischen (Appenzell Innerrhoden) und einen protestantischen (Appenzell Ausserrhoden) Kanton aufgeteilt. Es gab zwar religiöse Teilungen, Trennungen und Spannungen, jedoch verhältnismässig wenig gewaltsame Auseinandersetzungen.

Simultaneum in Sta. Maria (Val Müstair, Kanton Graubünden, die Katholiken auf der einen, die Protestanten auf der anderen Seite).

Eine Demokratie im heutigen Sinne gab es noch nicht, aber in mehreren Kantonen bestimmten die männlichen Bürger ab 14 oder 16 Jahren in den Landsgemeinden über Politik, Krieg oder Frieden und die Besetzung von Ämtern.

Die städtischen Kantone (Bern, Solothurn, Zürich, Schaffhausen, Basel, Luzern und Freiburg) hatten eine oligarchische oder zünftische Verwaltungsstruktur, aber auch hier gab es keine dominierende Dynastie, Persönlichkeit oder gar einen Monarchen.

In jedem Fall hatten die (wohlhabenden) männlichen Bürger viel mehr Mitspracherecht als im übrigen Europa. Juden, Frauen und Nichtbürger waren jedoch auch in der Schweiz ausgeschlossen vom politischen Leben.

So gespalten die Kantone auch waren, die Eidgenossenschaft konnte sich durch Kompromisse, durch pragmatisches Streben nach dem Erreichbaren und vor allem durch die Abwesenheit dominanter monarchistischer und dynastischer Strukturen halten.

Diese Jahrhunderte der Zusammenarbeit, der Erfahrung und der (internationalen) Politik in guten und schlechten Zeiten sowie das Engagement und die Beteiligung der Bürger und heute auch Bürgerinnen an der Gesellschaft prägen die Schweiz noch immer. Das menschliche Mass ist (bisher noch) der Ausgangs- und Bezugspunkt.

Image: l’Office fédéral de la statistique

Die neue Konföderation

Die Helvetische Republik (1798-1803), die von Napoleon nach der Eroberung der alten Eidgenossenschaft geschaffen wurde, beendete die alte Konföderation. Die neue Konföderation (1803-1813), ebenfalls eine Schöpfung Napoleons durch die Meditationsakte, erkannte die neuen französischsprachigen Kantone Waadt (Vaud) und das italienischsprachige Tessin (Ticino) sowie die französische und die italienische Sprache neben dem Deutschen als Amtssprache des Landes an.

Die neue Eidgenossenschaft von 1815 wurde nach der Niederlage Frankreichs um die französischsprachigen Kantone Neuenburg (Neuchâtel) und Genf (Genève) sowie um den deutsch- und französischsprachigen Kanton Wallis (Valais) erweitert. Der französischsprachige Kanton Jura wurde erst 1979 gegründet.

Aufgrund dieser jahrhundertealten Entstehungsgeschichte zwischen verschiedenen Sprachregionen sowie kulturell, religiös, politisch und wirtschaftlich so unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Gebieten (Kantonen) ist die Schweiz eine Art Europäische Union avant la lettre, auch in Bezug auf die manchmal langen und komplizierten Entscheidungsprozeduren. 

Schmelztiegel und Integrationswunder, Schwyzertütsch und Patois

Die Schweiz ist seit Jahrhunderten ein „Schmelztiegel“. Viele Hunderttausende neuer Eingewanderter sind im Besitz des Schweizer Passes. Zudem ziehen viele Schweizerinnen und Schweizer von einem Kanton in einen andern durch einen Wohnortswechsel.

Das vielleicht grösste Integrationshindernis im Land ist das Schweizerdeutsch mit seinen kantonal verschiedenen lokalen Dialekten. Für französisch- oder italienischsprachige Schweizer, die Hochdeutsch gelernt haben, ist es in der Kommunikation oder in (politischen) Debatten oft ein Hindernis, ja sogar eine Frustration, wenn die deutschsprachigen Gesprächspartner ihren schweizerdeutschen Dialekt sprechen und nicht die Hochsprache.

Vor nicht allzu langer Zeit gab es auch in der Westschweiz noch viele Dialekte, “les patois de la Suisse“. Diese sind erst im 19. Jahrhundert fast ganz verschwunden. (Siehe auch: Andres Kristol, Histoire linguistique de la Suisse romande, Neuchâtel, 2023).

Der Schweizer Pass

Die Tatsache, dass eine grosse Zahl von Einwohnern, rund 25%, keinen Schweizer Pass hat, ist zurückzuführen auf die wichtige politische Rolle der Bürger in den Gemeinden und Kantonen. Der Schweizer Pass und die Staatsbürgerschaft müssen “verdient“ werden und sind kein Recht, das nur auf 5 oder 10 Jahren Wohnsitz oder Steuerzahlung beruht. Als Souverän hat ein Bürger beträchliche Einflussmöglichkeiten, Rechte und Pflichten gegenüber der Gesellschaft auf kommunaler, kantonaler und nationaler Ebene.

Das Zahlen von Steuern ist ein schwaches Motiv für die Verleihung der Staatsbürgerschaft. Das Land kennt keinen käuflichen „Goldenen Pass“, sondern eine Staatsbürgerschaft, die auf Verdiensten beruht (eine Berufsausbildung oder ein Schulabschluss, zum Beispiel). Dies ergibt sich auch aus der jahrhundertealten Bedeutung der Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, einer Stadt oder einem Kanton.

Schlussfolgerung

Das menschliche Mass ist in der Schweiz (noch) entscheidend. Der föderale, dezentrale Aufbau des Landes und damit die relativ kleinen und überschaubaren Bürokratien auf lokaler Ebene, die direkte Demokratie, das Engagement und der Respekt der (meisten) Bürgerinnen und Bürger für ihre Umgebung sind wichtige Faktoren für ein gut funktionierendes Gemeinwesen. Darüber hinaus spielen auch eine ausgezeichnete Berufsausbildung und gute öffentliche und soziale Dienstleistungen eine Rolle.

Die Schweiz ist kein Paradies, sie ist auch keine Insel und kennt alle Probleme anderer europäischer Länder. Die Schweiz hat auch keine Vorbildfunktion und ihre Entscheidungen sind für das Ausland manchmal schwer nachvollziehbar (z.B. die aktuelle Neutralitätsdebatte). Ihr langfristiger Kurs verdient jedoch ernsthafte Beachtung, Respekt und Anerkennung.

Die Art und Weise, wie der 1. August gefeiert wird, ist auch ein Bild für das Mass und den Stil der Schweizer Bevölkerung. Der Nationalfeiertag hat immer auch lokales Kolorit. Schließlich sind die Kantone und ihre Bürgerinnen und Bürger in den Gemeinden die Souverän. Davon profitieren das Land, die Gesellschaft und die vielen Zuwanderer in diesem wunderschönen Land.

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Basel, die Mittlere Brücke am 1. August

Die Innauen bei Strada und Scuol und die Eintagsfliege des Inns

Die Innauen bei Strada und Scuol sind immer in Bewegung. Einmal gibt es starke Überschwemmungen, ein anderes Mal sind sie grosser Trockenheit ausgesetzt. Der Begriff „Aue“ leitet sich vom althochdeutsch „ouwa“ ab, in der romanische Sprache heisst „aua“ Wasser. Der Inn (En auf Romanisch) ist der Fluss.

In den Innauen (Ischla oder Auenwald) bei Strada und Scuol im Kanton Graubünden wurden seit Jahrzehnten Kieselsteine aus dem Inn gebaggert und Schutt in den Fluss gekippt. Es gab auch Uferverbauungen und viel Wasser wurde für die Energiegewinnung abgezweigt.

Dadurch hat sich der Flusslauf seit 1950 verändert und der Lebensraum für Flora und Fauna verschlechtert. Seit den 1990er Jahren wurden diese industriellen Aktivitäten eingestellt und die Uferverbauungen entfernt. Infolgedessen kehrt der Inn wieder in seinen alten Lauf zurück.

Text und Erklärung zu den vielen Schmetterlingsarten am Inn und deren Fernwanderungen nach Afrika und Schweden!

Durch die stark variierenden Wassermengen entstand wieder eine Landschaft mit Ufern und Sümpfen, ein Paradies für Säugetiere, Insekten, Vögel, Amphibien, Flora und Fauna. Die Natur ist in einigen Fällen sogar vielfältiger, als sie es in diesem Gebiet je gewesen ist.

Die Eintagsfliege

Einer der vielen Bewohner des Inns ist die Eintagsfliege oder besser gesagt ihre Larve. Wie ihr Name schon sagt, ist die Eintagsfliege nicht sehr langlebig. Aber das gilt für die Zeit über dem Wasser, nachdem aus der Larve eine Fliege geworden ist.

Links, die Larve der Eintagsfliege

Die Larve der Eintagsfliege

Zuvor lebt die Eintagsfliege ein bis drei Jahre als Larve unter Wasser, zumindest wenn andere Bewohner wie Fische, Schlangen, Vögel oder andere Tiere sie nicht gefressen haben. Dort ernährt sie sich von Algen und Wasserflöhen und sie fressen totes organisches Material .

Die Bedeutung im Lebenskreislauf der Eintagsfliege spielt sich also hauptsächlich unter Wasser ab. Nachdem sie sich als Fliege entwickelt und das Wasser verlassen hat, besteht ihre einzige Funktion darin, sich fortzupflanzen. Sie kann nicht mehr essen, weil sie keinen Mund hat, und innerhalb von 24 Stunden stirbt sie.

Das Philosophische daran ist jedoch, dass sie keine Sekunde ihres ohnehin kurzen Lebens über Wasser damit verbringt, ihr Schicksal zu betrauern. Sie fliegt munter umher, paart sich oder legt ihre Eier im Wasser ab und erfüllt ihre Aufgabe. Die Eintagsfliege hält auch dem Menschen einen Spiegel vor.

(Quelle und weitere Informationen: www.wwf.ch)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Die romanische Sprache und die Landschaft des Unterengadins

Am 22. Juli (bis zum 26. Juli) startete in Scuol (Kanton Graubünden) wieder der jährliche Romanische Kurs (in Vallader). Die Lia Rumantscha, die Organisatorin des Kurses, zählte dieses Jahr 153 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem In- und Ausland.

Es ist zu erwarten, dass die romanische Sprache in der Schweiz und im Ausland auf zunehmendes Interesse stösst. Die jährlich stattfindende nationale romanische Sprach- und Kulturwoche (Eivna (Emma) rumantscha) ist auch ein Indiz für diese Entwicklung.

Auch in anderen Orten Graubündens werden Kurse in einem der anderen romanischen Idiome (Putèr, Sursilvan, Surmiran oder Sutsilvan) angeboten, nicht nur von der Lia Rumantscha, sondern auch von anderen Organisationen.

Die Sensibilisierung für die Vielfalt, den Respekt vor anderen Sprachen und Kulturen und das Funktionieren einer multikulturellen Gesellschaft ist eine der Grundlagen der mehrsprachigen Schweiz.

Heute singen, spielen, lernen und sprechen die Kinder auf den Strassen, in den Häusern und Schulen der Dörfer wieder Romanisch, und für die älteren Bewohner ist es (wieder) eine Identität, auf die sie stolz sein können.

Scuol

Die Lia Rumantscha unterstützt auch den Aufbau lokaler romanischer Organisationen, vorerst vor allem in der Deutschschweiz, aber demnächst auch in der französisch- und vielleicht italienischsprachigen Schweiz.

Vor dreissig Jahren gab es auf nationaler Ebene wenig Interesse (und damit auch wenig Geld) für die Förderung und Entwicklung der romanischen Sprache und Kultur.

Die romanischsprachigen Einwohnerinnen und Einwohner verloren ihr Engagement auch wegen der neuen Medien, des Tourismus, der fehlenden Arbeits- und Karrieremöglichkeiten im eigenen Land und des Zustroms von Unternehmen und Projekten aus anderen Sprachregionen und Ländern.

Breil/Brigels (Surselvan): Stai si, defenda romontsch, tiu vegl lungatg (Stehe auf, verteidige Romane, deine alte Sprache!, Giacun Hasper Muoth (1844-1906)

Junge Leute verliessen die Region wegen des Studiums oder der Arbeit und kehrten oft nicht mehr zurück. Aber auch in dieser Gruppe gewinnen die romanische Sprache und Kultur rasch an Ansehen und Status.

Vom 7. bis 11. Oktober organisiert die Lia Rumantscha (in Zusammenarbeit mit der Uniun dals Grischs) in  Müstair ihren jährlichen Kurs für Vallader.

Und das aus gutem Grund. Das Romanische ist eine der ältesten lebenden Sprachen Europas und ein direkter Nachfahre des Lateinischen (bzw. Vulgärlateinischen) und seiner rätischen Vorläufer.

Ausserdem ist es eine schöne, wohlklingende Sprache, die gut zu der musikalischen und kulturellen Landschaft und der natürlichen Schönheit der Region passt.

(Quelle und weitere Information: www.liarumantscha.ch)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen