Die Mineralquellen im Unterengadin
26 August 2026
Die Schweiz ist (vorerst) nicht nur das „Wasserschloss Europas“, sondern auch für ihre Mineralquellen, Kurorte und die damit verbundenen Grand Hotels bekannt.
Diese Quellen sind im ganzen Land zu finden, auch wenn diese Orte heute nicht mehr als Kurorte genutzt werden. Das Epizentrum liegt jedoch im Engadin im Kanton Graubünden, insbesondere im Unterengadin.
Auf einer Strecke von nur sechs Kilometern entspringen in der Region Tarasp, Vulpera, Scuol, Ftan und Sent (Unterengadin, Kanton Graubünden) auf beiden Seiten des Inns über 30 Mineralquellen. Dabei sind die Quellen, die kein mineralisiertes Wasser führen, nicht mitgerechnet. Nirgendwo in Europa entspringen so viele unterschiedliche mineralisierte Quellen auf so engem Raum.

Scuol
Mineralwasser
Mineralwasser entsteht aus Regen- und Schmelzwasser, das über Klüfte, Brüche, Poren und Karstöffnungen in den Felzen eindringt. Je nach dem Weg, den sich das Wasser sucht, entscheidet sich, ob es als Wasser ohne Mineralien oder als hochmineralisiertes Wasser an die Oberfläche dringt. Der Quellaustritt erfolgt meist an der tiefsten Stelle in Talbodennähe.
Trifft Wasser in grossen Tiefen auf Kohlendioxidgas, wird es damit angereichert und es entsteht Sauerwasser oder Säuerling. Dieses löst je nach Gestein verschiedene Elemente aus dem Boden, wie zum Beispiel Natrium, Kalzium, Magnesium, Kalium, Eisen, Chlorid oder Sulfat. Meist tritt es nach mehreren Jahren oder Jahrzehnten als Mineralwasser zutage.

Bogn Engiadina
Die geologische Geschichte
Graubünden zählt zu den geologisch spannendsten Gegenden der Schweiz. Die Rheinschlucht, der schweizerische Nationalpark Parc Ela, der Naturpark Beverin, der Gletschergarten Cavaglia oder die Tektonikarena Sardona sind nur einige Beispiele. Das Unterengadin hat nicht nur eine ähnliche geologische Geschichte, sondern auch seine Mineralquellen.
Vor rund 125 Millionen Jahren entstand das sogenannte Ur-Mittelmeer. Vor etwa 95 Millionen Jahren türmten sich die europäischen und afrikanischen Kontinentalplatten auf und der Alpenbogen entstand. Das ‘geologische Fenster des Unterengadins’ folgte im Laufe der Zeit. Es ist etwas 55 Kilometer lang und 17 Kilometer breit. Es erstreckt sich von Guarda bis Prutz im Inntal (Österreich).

Scuol
Das Kurtourismus
Das Mineralwasser wurde erstmals urkundlich 1369 erwähnt. Der Arzt Paracelsus (1493-1541) beschrieb die heilende Wirkung der Quellen. Es war schon lange unbestritten, dass Mineralwasser (und gesunde Luft) diese Wirkung auf den Körper hat. Kalzium, Magnesium, Natrium, Eisen, Chlorid und verschiedene andere Stoffe haben wissenschaftlich anerkannte Heilwirkungen.

Die Trinkhalle
Obwohl bereits im 16. Jahrhundert Gäste nach Tarasp reisten (damals im Besitz der Habsburgermonarchie), um die Wirkung der Mineralquellen zu nutzen, begann die Blütezeit des Kur-Tourismus Mitte des 19. Jahrhunderts.


Schweizerhof
Bereits im Jahr 1843 entstand die erste Trinkhalle in Tarasp (auf Romanisch Büvetta). 1876 wurde die Büvetta Tarasp mit integrierter Wandelhalle eröffnet, am gegenüberliegenden Ufer des im Jahr 1864 errichteten Kurhauses Tarasp.



Grand Hotel Scuol Palace/Kurhaus Tarasp
Mit dem Bau des Kurhauses in Tarasp setzte das schnelle Wachstum ein. 1897 entstanden mit dem Waldhaus Vulpera und dem Schweizerhof weitere Wahrzeichen der Belle Époque in dieser Region. In Scuol entstanden zur gleichen Zeit das Grand Hotel Belvédère und in der Nähe von Sent das Grand Hotel Val Sinestra.

Kurhaus in Nairs/Kurhaus Tarasp
Ein Kuraufenthalt dauerte mehrere Wochen oder Monate. Der Alltag der Gäste bestand hauptsächlich aus Wassertrinken, Bädern,Bewegung und sozialen Veranstaltungen. Winter- und Sommersport kamen später dazu.

Grand Hotel Belvédère 150 Jahre
Die Quellen haben noch immer die gleichen heilenden Wirkungen, nur gibt es heute viele medizinische Alternativen und der Tourismus hat sich nach 1945 verändert. Das Walhaus Vulpera wurde 1989 durch einen Brand zerstört, der Schweizerhof und das Kurhotel Tarasp sind zu. Die Trinkhalle wurde 2006 wegen Felsturzgefahr geschlossen. Die Hotels Bellevue und Val Sinestra funktionieren noch. Im Frühjahr 1993 wurde das Bogn Engiadina Scuol eröffnet.

Scuol
Die Mineralwasserwege
Die Mineralwasserwege führen zu den Mineralquellen und Brunnen und informieren über Namen, Quelltypen, Inhaltsstoffe und Eigenschaften der Quellen.
Die Wasserquellen in Scuol (Graubünden, Unterengadin) und in anderen Dörfern befinden sich oft in der Mitte eines von Häusern umgebenen Platzes. Die Quellen hatten eine soziale (Treffpunkt) und eine häusliche (Wasserverbrauch) Funktion.
Die Mineralquellen sind oft mit Kupferplatten versehen, auf denen die Zusammensetzung angegeben ist. Viva, der romanische Ausdruck für ‚Prost‘ oder ‚Gesundheit‘.
(Quelle und weitere Informationen: Bogn Engiadina Scuol; www.engadin.com; K. Mischol, Mineralquellen im Unterengadin, Geschichten und Fakten, Scuol, 2019; M. Dubois, Die Brunnen des Engiadina Bassa, Zürich, 2014)

Sent

