Die Anziehungskraft des Tessins

Das Tessin, seit 1803 resp. 1815  ein Kanton der Schweizerischen Konföderation, ist seit jeher ein Zufluchtsort für Flüchtlinge, Schriftsteller, Maler, Bildhauer und andere Künstler.

Ascona

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war es jedoch eine wirtschaftlich arme Gegend. Während sich zahlreiche Intellektuelle und Flüchtlinge im Tessin niederliessen, verliessen viele junge Menschen den Kanton auf der Suche nach Arbeit.

Was es bedeutete, zu dieser Zeit als Kleinbauer oder Arbeiter im Tessin zu leben, hat der Schriftsteller Plinio Martini (1923-1979) in seinem Buch: “Il fondo del sacco” (erschienen 1970; die deutschsprachige Ausgabe ist erhältlich unter dem Titel “Nicht Anfang und nicht Ende”) ausgedrückt: „Im Herbst (von 1923) gab es Kastanien. Wir haben sie drei Monate lang zum Frühstück, Mittag- und Abendessen gegessen“.

Heute ist die Region ein wohlhabender Einwanderungskanton. Nicht nur Schweizer aus anderen Kantonen, sondern auch andere Nationalitäten lassen sich im Tessin nieder. Zudem überqueren täglich Zehntausende von Italienern die Grenze, um zu arbeiten.

Was macht die Anziehungskraft dieses Kantons aus? Im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war er vor allem ein idyllischer Wohnkanton mit südeuropäischem Flair, mildem Klima und guten (Bahn-)Verbindungen in einem sicheren, neutralen und demokratischen Land.

Mendrisio, teatro dell’architettura

Nach 1945 erlebten der Tourismus, die Industrie und der Dienstleistungssektor einen starken Aufschwung. Die Gründung einer Universität (Lugano), eines Filmfestivals (Locarno), eines Architekturzentrums (Mendrisio), einer Swissminiatur (Melide), die Eröffnung von Naturparks, zahlreicher Museen und anderer kultureller Einrichtungen sowie die Anerkennung  des Monte San Giorgio im Mendrisiotto und der Fortezza Bellinzona als UNESCO-Welterbe verliehen dem Kanton zusätzliche Ausstrahlung und Grandeur.

Brissagio

In den vier Regionen Bellinzona/Leventina, Ascona-Locarno/Valli, Luganese und Mendrisiotto findet man aussergewöhnliche Naturschönheiten, Monumente und Kultur. Das Piora-Tal in der nördlichen Leventina, das Blenio-Tal, die Insel Brissago im Lago Maggiore oder das Maggiatal sind nur einige Beispiele.

Im Luganese mit Lugano und dem Luganersee sind der Monte Bré, Gandria, Morcote, der Grat “Denti della Vecchia” (was übersetzt heisst “Zähne der alten Frau”) oder der Monte San Salvatore bekannte Attraktionen.

Es gibt aber auch zahlreiche weniger bekannte Orte im Kanton mit seinen über 4.000 Kilometern gut gepflegten Wanderwegen. Täler, Berge, Wasserfälle, Bäche und Flüsse, Dörfer und Städte, Kapellen, Kirchen, Schlösser und herrliche Aussichten wechseln sich ab.

Die Denti della Vecchia

Der San Salvatore

Origlio

Einer dieser weniger bekannten Orte ist die Gemeinde Origlio, 10 Kilometer von Lugano entfernt. Das Dorf verfügt sogar über ein eigenes Naturschutzgebiet mit dem Origlio-See in seinem Zentrum. Dieser See entstand vor 13 000 Jahren durch das Schmelzwasser der Gletscher aus der letzten Eiszeit.

Das alte Dorf ist eine idyllische grüne Oase, umgeben von den rauen Tessiner Bergen. Das Dorf liegt zudem in der Nähe des ältesten Kapuzinerklosters (Bigorio) der Schweiz und des Luganersees.

(Bron en verdere informatie: www.ticino.ch)

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Die Grand Tour von Swissminiatur

Die Schaffung des Swissminiatur-Parks im Jahr 1959 nach Vorbild des niederländischen Projekts Madurodam fand mit zwölf Modellen statt. Heute gibt es es 129 Modelle der berühmtesten Gebäude und Monumente, ein 3 560 Meter langes Schienennetz mit 18 Zügen, Seilbahnen, Schiffe, Auto’s und am Flughafen Zürich-Kloten bereiten die Flugzeuge sich auf dem Start vor.

Die Swissminiatur ist das grösste Miniatur-Freiluftmuseum in der Schweiz. Der Park liegt in Melide am Ufer des Luganersees (Kanton Tessin), umgeben von der beeindruckenden Bergkulisse des Monte Generoso, des Monte San Salvatore und des Monte San Giorgio; letzterer zählt zum UNESCO-Weltnaturerbe.

Ab dem 29. März ist Swissminiatur Teil der Grand Tour of Switzerland. Die Grand Tour ist dann auch in Miniatur verfügbar!

(Quelle und weitere Informationen: www.swissminiatur.ch)

 

Die Tessiner Kirchen, Kapellen und Glockentürme

Zu den Zaubern des Südens der Schweiz gehören die Kirchen und Kapellen von Tessin. Dass man am Südfuss der Alpen ist, dass man das Land der Sonne und der ältesten europäischen Kultur betritt, davon sprechen all die frommen Bauten, alte und neue, all die Kirchen und Kapellen.

Vaglio, San Antonio di Padova

Alle sind wunderschön, ganz ohne Ausnahme, denn die Tessiner sind seit eh und je vorzügliche Architekten und Maurer und haben auch in Italien geholfen, manche der grössten Bauten zu errichten. Man denke an Rom, Mailand oder Florenz.

Schön und wohlüberlegt sind auch die Zugänge zu Kapellen und Kirchen. Wie alle Gebäude in diesem steinreichen, jedoch holzarmen Lande sind die Kirchen und Kapellen ganz aus Stein gebaut. Von den Luini-Bildern in Lugano bis hin zu unbekannten kleinen Bergkapellen findet man überall in den Tessiner Kirchen irgendein Bild, ein Fresko, ein Altarrelief, einen Taufstein, eine Stuckfigur, die vom innigen Zusammenhang mit der Kultur Italiens erzählen und von der Begabung der Tessiner für die bildende Kunst. (Nach Hermann Hesse, ‚Kirchen und Kapellen‘ in F. Schläpfer, Tessin fürs Handgepäck (Zürich 2016).

Locarno, San Antonio

Locarno, San Francesco

Es ist unglaublich, wie viele Varianten man aus der einfachen Grundform des Glockenturms erschaffen hat: von den mächtigen romanischen Kirchtürmen bis hin zu den heutigen. Der Glockenturm muss auch ausserhalb seiner religiösen Funktion betrachtet werden: als Mittelpunkt des Dorfes und der Landschaft.

Die Glockentürme gehören zu den auffallenden Besonderheiten des Kantons. Der Campanile und die Türme aus der Romanik, der Gothik, der Renaissance oder der Barockzeit sind überall zu sehen (Nach Piero Bianconi, ‚Glockentürme‘ in F. Schläpfer, Tessin fürs Handgepäck (Zürich 2016).

Ascona, San Pietro e San Paulo

Ascona, Santa Maria della Misericordia

Bellinzona, St. Pietro e Stefano

Morcote, Maria del Sasso

Diesen Beschreibungen berühmter Schriftsteller und Kenner des Tessins ist nicht viel hinzuzufügen, ausser dass Sie es selbst erleben sollten.

Korrektorin: Petra Ehrismann

Lugano, Convento Santa Maria degli Angioli

Lugano, Cattedrale di San Lorenzo

Eine deutsche und italienische Enklave in der Schweiz

Die Grenzen der Kantone in der Schweiz haben eher das Muster eines Flickenteppichs. Fährt man zum Beispiel mit dem Auto oder dem Fahrrad südlich des Murtensees, befindet man sich abwechselnd in den Kantonen Waadt, Freiburg oder Bern. Auch in anderen Regionen sind die Kantonsgrenzen oft sprunghaft.

Der Ursprung dieser Grenzen geht auf das Mittelalter und das 16. Jahrhundert zurück.  Später wurden die Grenzen der (neuen) Kantone in der napoleonischen Ära (1803-1813) und in der neuen Eidgenossenschaft von 1815 festgelegt. Die kantonalen Enklaven sind keine Ausnahme. Allerdings handelt es sich dabei um Schweizer Territorium.

Bemerkenswert ist auch das rechtsrheinische Schweizer Territorium, dessen Ursprünge auch im Mittelalter liegen. Der Kanton Schaffhausen liegt grösstenteils auf dem rechten Rheinufer, einer Art Schweizer Enklave in Baden-Württemberg. Nur die Kantone Basel-Stadt und Zürich haben Gebiet am rechten Rheinufer. (Ausser vielleicht Diepoldsau (kanton St. Gallen) am Alten Rhein). Der Rhein ist ansonsten seit der napoleonischen Zeit die Landesgrenze.

Die Schweiz hat jedoch auch eine deutsche (Büsingen im Kanton Schaffhausen) und eine italienische (Campione im Kanton Tessin) Enklave.

 Büsingen

Wenige Kilometer von der Stadt Schaffhausen entfernt liegt das deutsche Dorf Büsingen am Rhein. Nach ein paar Minuten auf dem Fahrrad ist man jedoch wieder in der Schweiz. Das Aussehen des Dorfes ist schweizerisch und 95% der Berufsbevölkerung arbeitet in der Schweiz. Nur das Nummernschild (BÜS), die Bushaltestelle, die Banken und die Briefkästen sind deutsch. Die Telefonvorwahl (052 für die Schweiz und 07734 für Deutschland) sowie die Postleitzahl (CH-8238) und die deutsche (D-78266) sind jedoch gemeinsam, ebenso wie die Schweizer und deutschen Telefonzellen in der Vergangenheit.

Julian Fleischer/ Wikipedia

Geschichte 

Die Anwesenheit der Habsburger ist auch in diesem Fall von Bedeutung. Bis zur napoleonischen Ära waren die Habsburger in Süddeutschland als Grossgrundbesitzer und als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches vertreten. Büsingen war im Besitz der Habsburger. Schaffhausen unternahm im 18. Jahrhundert mehrere Versuche, das Dorf zu erwerben, aber Habsburg wollte es nicht aufgeben.

Dörflingen. 1770 gelingt es Zürich, von Österreich die Hoheitsrechte des Dorfes Dörflingen zu erwerben. Bereits 1798 wurde Dörflingen  zu Kanton Schaffhausen geschlagen. Seither is Büsingen eine deutsche Enklave in der Schweiz 

Das Königreich Württemberg erwarb das Dorf 1805 (Vertrag von Pressburg), 1810 ging es an das Grossherzogtum Baden. Nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) fiel das Dorf an die Weimarer Republik, um nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) Teil des Landes Baden-Württemberg zu werden.

Die Bergkirche St. Michael, 11. Jahrhundert

Die Alte Mühle

1918 entschieden sich 96 % der Büsinger Bürger für den Anschluss an die Schweiz, der jedoch nicht erfolgte, weil die Schweiz dies ablehnte (gleich dem Wunsch der Einwohner Vorarlbergs im Jahr 1919).

Ein Staatsvertrag von 1964 regelt seither juristische-, soziale und Steuerbezogene Fragen für die rund 1500 Einwohner und eine Zollunion mit der Schweiz, wobei die Rechtslage bisweilen kompliziert bleibt, teils gilt deutsches, teils schweizerisches Recht.

Die Einführung des Euro erschwert die Situation zusätzlich. Etwa 95 % der erwerbstätigen Bürger arbeiten in der Schweiz und erhalten ihre Gehälter in Schweizer Franken. Die Steuern werden jedoch nach Umrechnung in DM und seit 2002 in Euros in Deutschland gezahlt. Da die DM seit 2002 rund 55 % und der Euro rund 20 % gegenüber der Schweizer Währung an Wert verloren haben, ist der Steuerertrag viel höher, während das Preisniveau schweizerisch ist.

Campione und der San Salvatore

Campione

Campione d’Italia, eine Gemeinde am Luganer See, die zur Provinz Como gehört, hat ein ähnliches Problem. Seit dem 1. Januar 2020 hat diese Gemeinde keine Zollunion mehr mit der Schweiz, und der Anstieg des Schweizer Frankens war eine der Ursachen für das Problem des Kasinos, ihres wichtigsten Arbeitgebers (Campione hat jedoch mehr zu bieten als das Kasino). Ab 2002 wurden die Einnahmen in Euros berechnet, die Gehälter waren jedoch in Schweizer Franken. Heute ist nur noch der Euro gesetzliches Zahlungsmittel.

 Geschichte

Das Dorf Campione war von 789 (!) bis 1797 im Besitz des Benediktinerklosters Sant’Ambrogio in Mailand.  Napoleon, er wiederum, schloss die Gemeinde 1797 der von ihm gegründeten Cisalpine Republik (1797-1805) an. Im Jahr 1861 wurde die Gemeinde Teil des Königreichs Italien. Als italienische Gemeinde in der neutralen Schweiz traf Campione 1944 die (weise) Entscheidung, Mussolinis Repubblica Sociale Italiana (die berüchtigte Repubblica de Salò) nicht anzuerkennen.

Schlussfolgerung

Heute sind die beiden Enklaven eher ein Kuriosum als eine Quelle für potenzielle Konflikte. Die praktischen Alltagsgeschäfte sind geregelt. Ein Privileg der Einwohner von Campione gehört der Vergangenheit an: Die Provinz Como erstattet die teure Schweizer Krankenversicherung nicht mehr. Die Einwohner müssen sie selbst bezahlen oder eine italienische Versicherung abschliessen. Ausserdem müssen Autos seit 2020 in Como angemeldet werden.

Der Fussball hingegen verbindet: Die lokalen Fussballvereine FC Büsingen und Campionese sind die einzigen deutschen bzw. italienischen Vereine in der Schweizer Fussballliga.

(Quelle: Historisches Lexicon der Schweiz: M. Dubini, Campione d’Italia und F. Götz, Büsingen)

 

Die Kirche Santa Maria dei Ghirli (674) und ihre Fresken (13.-18. Jahrhundert)

Oratorio de San Pietro (1148)

Campione

Korrektorin: Petra Ehrismann

INFOBEST Palmrain am Oberrhein

Seit 30 Jahren informiert, vermittelt und berät die deutsch-französisch-schweizerische INFOBEST PALMRAIN zweisprachig und kostenlos Bürger und Bürgerinnen, Vereine, Unternehmen, Verwaltungen sowie politische Akteur:innen zu verschiedensten grenzüberschreitenden Themen.

Am 1. Juli 1993 wurde sie gegründet. Das Jubiläum feierte die trinationale Einrichtung am 21. April in der ehemaligen Zollstation beim Grenzübergang Weil am Rhein – Village-Neuf. Seit ihrem Bestehen hat diese Informations- und Beratungsstelle rund 150.000 (!) individuelle Anfragen beantwortet. Dazu kommen rund 1.2 Millionen Kontakte, die sich über die Website der INFOBEST informiert haben.

Hintergrund

Die Region Oberrhein umfasst  das deutsch-französisch-schweizerische Grenzgebiet und setzt sich aus den vier Teilgebieten Elsass, Nordwestschweiz (den Kantonen Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Solothurn, Aargau und Jura), Südpfalz und Baden zusammen.

INFOBEST ist die Abkürzung für „INFOrmations- und BEratungsSTelle“. Die vier INFOBESTen sind erste Kontaktstellen für alle grenzüberschreitenden Fragen zu Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Als öffentliche Institutionen haben die INFOBESTen zum Ziel, das Zusammenleben am deutsch-französisch-schweizerischen Oberrhein zu erleichtern und zu fördern.

Die Organisation liefert Informationen zu Deutschland, Frankreich und der Schweiz und gibt Beratungen zu zahlreichen Themen wie zum Beispiel Sozialversicherung, Arbeit, Steuern, Umzug ins Nachbarland, Bildung, Krankenversicherung oder Verkehr. INFOBEST begleitet und unterstützt ausserdem Bürgerinnen und Bürger bei ihren Verwaltungsgängen im anderen Land.

Das INFOBEST-Netzwerk hat darüber hinaus eine Scharnierfunktion zwischen den Verwaltungen der drei Länder und fördert den Austausch unter ihnen sowie die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen ihnen. Es zeigt Regelungslücken oder -unvereinbarkeiten auf und hilft, Lösungen zu finden.

Die vier Beratungsstellen stehen in: Lauterbourg, Kehl/Strassburg, Vogelgrun/Breisach und in Palmrain-Village-Neuf (die trianationale deutsch-französische-schweizerische Beratungsstelle).

Homeoffice am Oberrhein 

Das INFOBEST-Netzwerk hat im Auftrag der deutsch-französisch-schweizerischen Oberrheinkonferenz und in Zusammenarbeit mit dem Euro-Institut und EURES-T Oberrhein zudem einen Leitfaden für Grenzgänger und Grenzgängerinnen und ihre Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen zum grenzüberschreitenden Arbeiten im Homeoffice am Oberrhein entwickelt.

Der Leitfaden gibt Antworten auf verschiedene Fragen, die sich im Zusammenhang mit Homeoffice im Wohnland stellen können, insbesondere in den Bereichen Sozialversicherung, Besteuerung und Arbeitsrecht. Er geht auf mögliche Risiken für Grenzgänger und Grenzgängerinnen und ihre Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen im privaten Sektor ein und enthält Empfehlungen und Praxisbeispiele. Ausserdem verweist er auf hilfreiche Dokumente und nennt entsprechende Ansprechpartner:innen.

Service Zentrum Oberrhein

Unter dem Titel Service Zentrum Oberrhein arbeitet INFOBEST an der Idee, das digitale Netzwerk zu verstärken und weiterzuentwickeln. Diese Aufgabe soll in drei Säulen umgesetzt werden: One Stop Agency (für die Hilfe bei digitaler Antragstellung), Digitalisierung sowie Koordination und Kommunikation. Das Projekt kann im Herbst 2023 oder etwas später starten.

Quelle und weitere Informationen: INFOBEST

Korrektorin: Petra Ehrismann

Das Kloster Santa Maria dei Frati Cappuccini in Bigorio

Das Kloster Santa Maria dei Frati Cappuccini in Bigorio (Kanton Tessin) wurde 1535 von Pacifico Carli aus Lugano und Ludovico Filicaia aus Florenz gegründet. Es war das erste Kapuzinerkloster der Schweiz. An der Stelle des Klosters stand bereits eine romanische Kapelle aus dem 11. Jahrhundert.

Es ist kein Zufall, dass diese Mönche das Kloster gründeten. Das italienischsprachige Tessin stand jahrhundertelang unter der weltlichen und geistlichen Herrschaft der Herzöge und Bischöfe aus der Lombardei und ihrer Verwandten in Florenz.

Die Orte (die erst im 16. Jahrhundert Kantone genannt wurden) eroberten im 15. und frühen 16. Jahrhundert das Gebiet des heutigen Tessins (sowie Bormio, Veltlina und Chiavenna). Ein Fresko in der Kirche Maria del Sasso von Morcote erinnert noch heute an die Eroberung von Lugano im Jahr 1513.

Die Kapuziner waren ein italienischer Orden, der 1515 auf der Grundlage des Franziskanerordens entstand. Die ersten Klöster wurden in der Lombardei errichtet. Angesichts der jahrhundertealten kulturellen und politischen Beziehungen zu Lugano war  ein Kloster in dieser Region voraussehbar.

1535 war auch die Zeit der Reformation in den Kantonen Zürich, Basel, Schaffhausen und Bern. Diese Kantone waren relativ weit vom Tessin entfernt. Die katholischen Kantone Unterwalden, Luzern, Uri und Schwyz waren seit dem 13. Jahrhundert (um 1230 wurde der Gotthardpass zugänglich) und dem 15. Jahrhundert als Händler und spätere Besetzer in diesen Gebieten präsent.

Obwohl die Reformation auch in diesen italienischen Gebieten Einzug hielt, blieb die katholische Kirche die Hauptreligion. Viele Protestanten flohen sogar, unter anderem nach Zürich, wo sie eine wichtige Rolle in der Textilindustrie spielten.

Der Kreuzgang zum Dorf

Das Kloster

Das Kloster besteht auch nach fast fünf Jahrhunderten noch, obwohl im neunzehnten Jahrhundert viele Klöster im Tessin und in anderen Kantonen des Landes aufgelöst wurden.

Die Fassade (ca. 1535-1577) auf der Südseite des Gebäudes erinnert an eine Burg. Die Nordseite hat eher das Aussehen eines Klosters und wurde im achtzehnten Jahrhundert gründlich umgebaut.

Der heilige Karl Borromäus, Erzbischof von Mailand, weihte 1577 die Klosterkirche ‘Maria Himmelfahrt’. Das Kloster entwickelte sich zu einem der wichtigsten Ordenshäuser in der Region. Die Kapuziner betrachten es während Jahrhunderten als ihr höchstes geistiges Zentrum.

Die Bibliothek

Das Museum Bigorio

Die Madonnenstatue mit Kind von 1567

Das Refektorium, der Weinkeller (das Kloster produzierte damals noch Wein) und neue Räume für die Mönche waren bereits 1658 fertiggestellt worden.Wie es sich für ein Kloster gehört, ist das Innere, in diesem Fall der Innenraum, das Wichtigste. Die schönen Fresken, die Madonnenstatue mit Kind von 1567, die jahrhundertealte Bibliothek, der Nussbaumaltar und die Balustraden, die gemalten Fenster, der Kreuzgang zum Dorf und die vielen jahrhundertealten Gebrauchsgegenstände im Kloster und in der Klosterkirche sind von aussergewöhnlicher Qualität. Das Museum des Klosters hat einige Objekte in zwei separaten Räumen untergebracht.

Besonders hervorzuheben ist die Ausgestaltung der neuen Kapelle durch den Student Maria Botta um 1970. Die Kapelle war eines seiner ersten Projekte. 

Das Kloster heute

Soviel zur Vergangenheit. Das Kloster hat auch eine religiöse und gesellschaftliche Gegenwart. Während die Zahl der Mönche begrenzt ist (drei), ist die Zahl der Aktivitäten gross und nicht nur religiös geprägt.

Im Klosterkomplex geht man klassischen klösterlichen Tätigkeiten nach, wie der Herstellung von alkoholischen Getränken, einschliesslich Apfelwein.  Auch Honig wird hergestellt. Die Klosteranlage dient heute auch als  Bed & Breakfast, beherbergt Seminarräume, und es werden spirituelle Kurse angeboten. Das Kloster hat also auch eine Zukunft.

Bruder Gianluca Lazzaroni

Einer der Kapuziner führt auf Anfrage gerne und mit gebührendem Stolz durch den Komplex, der den Anforderungen der Zeit angepasst ist, ohne seine religiösen und spirituellen Ursprünge zu verleugnen.

Der Blick auf den Luganersee und die Berglandschaft des Kantons ist an sich schon eine Quelle der Inspiration. So ist es nicht verwunderlich, dass verstorbene Mönche auf dem Friedhof mit dieser Aussicht beigesetzt werden, nachdem es ihnen verboten wurde, ihre Verstorbenen in der Kirche zu bestatten.

(Quelle und weitere Informationen: Kloster Bigorio).

 Korrektorin: Petra Ehrismann

Seminarräume

Bed & Breakfast

Der Weinkeller

Die Herstellung von Apfelwein und Honig

Der Innenhof des Klosters mit Andenken am Feuer im Jahr 1987

 

Der Bettlachstock, Selzach und Dinosaurier

Der Jura ist eines der ältesten Gebirge Europas. Seine tiefen Täler, Schluchten, Gebirgszüge, zahlreichen Bäche, Wälder und Wiesen waren der Lebensraum von Dinosauriern (vor 160 Millionen Jahren), Meeresbewohnern (vor 20 Millionen Jahren) und Höhlenbären, Mammuts und anderen ausgestorbenen Tierarten während der letzten Eiszeit (vor 12 000 Jahren).

Auch der Mensch bewohnte das Gebiet schon im Neolithikum (vor 10 000 Jahren). Zahlreiche Museen, Parks und archäologische Stätten in den Kantonen Solothurn, Basel-Landschaft, Aargau, Neuenburg, Waadt und Jura bieten einen gut dokumentierten Überblick.

Aber auch ohne diese Einrichtungen erzählt der Jura seine Geschichte. Das Dorf Bettbach Allmend (Kanton Solothurn), am Jurasüdfuss, nahe der mäandrierenden Aare und mit Blick auf die Alpen gelegen, ist der Beginn des UNESCO-Naturschutzgebietes Bettlachstock. Dieses Naturschutzgebiet ist vor allem für seinen Bergrücken (die Wandfluh) und seine alten Buchenwälder bekannt.

Bettbach Allmend

UNESCO-natuurgebied Bettlachstock

Der Grat entstand durch grosse Erd- und Felsrutsche, verursacht durch das Schmelzwasser des Rhonegletschers, der damals noch bis nach Solothurn (!) reichte.  Er ist das vierte von der Unesco anerkannte Welterbe in der Schweiz. Die anderen sind der Monte San Giorgo (Tessin), die Tektonikarena Sardona (Graubünden) und die Jungfrau-Aletsch-Region (Wallis/Bern).

Die Kalksteinfelsen im Jura entstanden durch Ablagerungen während der Meereszeit vor etwa 20 Millionen Jahren. Die Gletscher der letzten Eiszeit vor etwa 12 000 Jahren haben dann die (vorläufig) endgültige Form der Landschaft geschaffen.

Der Bettlachstock

Der Bettlachstock hat der Naturgewalt vor 12 000 Jahren standgehalten und steht heute noch wie ein „Fels in der Brandung“. Etwa 11 000 Jahre später, um 1100, schuf der Mensch die Burg (Motte) Grenchen, die einige hundert Jahre später bereits eine Ruine ist.

Die Jurastrasse von Bettbach Allmend nach Selzach bietet alles, was den Jura so besonders macht: eine fantastische Aussicht auf Les Trois Bernoises (Eiger, Mönch und Jungfrau) und bei klarer Sicht sogar auf das Mont-Blanc-Massiv.

Selzach

Auch hier hat jedes Dorf eine historische oder kulturelle Besonderheit. Die ursprünglich romanische Kirche Maria Himmelfahrt in Selzach wurde vermutlich im 12. Jahrhundert von den Grafen von Neuenburg-Nidau gegründet.

Danach gehörte das Dorf zum Bistum Lausanne. Im Jahr 1514 wurde die Kirche im spätgotischen Stil umgebaut. Der Kirchturm stammt jedoch aus dem Jahr 1457 und weist noch romanische Fenster und das für die Deutschschweiz typische Käsbissendach auf.

Eine weitere Besonderheit von Selzach ist das hölzerne Passionsspielhaus, das bereits 1895 (!) für 700 Zuschauer gebaut wurde, um Passionsspiele aufzuführen.  Der Uhrenfabrikant Adolf Schläfli führte diese Tradition nach einem Besuch in Oberammergau in Bayern (Deutschland) in Selzach ein.

Heute sind die Passionsspiele durch Opern- und Musicalaufführungen ersetzt worden, was aber nichts an der kulturellen Exzellenz dieses kleinen Dorfes ändert. Zudem zeigt der Kulturpfad weitere Sehenswürdigkeiten wie die Alte Mühle, die Schäfli-Villa und weitere Dörfer in der Umgebung. Nach dem Bau der Bahnverbindung Solothurn-Biel entwickelte sich Selzach zu einem lokalen Zentrum der Uhrenindustrie.

Der Schweizer Alpen-Club (SAC)

Der Schweizer Alpen-Club (SAC, Sektion Basel) organisiert regelmässig Wanderungen in diesem Gebiet (und anderswo im Land).

Obwohl der Name anderes vermuten lässt, organisiert der SAC nicht nur (Ski) Touren in den Alpen, sondern auch Wanderungen und Aktivitäten in anderen Regionen.

(Quelle und weitere Informationen: www.sac-cas.ch).

 Korrektorin: Petra Ehrismann

Tulpenfestival Morges

Das Festival in Morges (Kanton Waadt) findet bis zum 14. Mai im „Parc de l’Indépendance“ am Ufer des Genfersees zwischen dem Schloss von Morges und dem Fluss La Morges statt.

Der Park bietet das ganze Jahr über eine herrlich grüne Umgebung mit fünfzig Baumsorten wie beeindruckende Kastanienbäume oder Riesenmammutbäume. Er ist nur wenige Meter vom historischen Stadtzentrum entfernt.

Das Festival wurde 1971 zum 50-jährigen Bestehen des Waadtländer Gärtnerverbands (la Société Vaudoise d’Horticulture) ins Leben gerufen.

(Quelle und weitere informationen: www.tulpenfest.ch.

Der Anfang der Habsburger

Es ist kaum vorstellbar, aber auch das prestigeträchtige Haus Habsburg hat einen Anfang. Dieser Anfang findet sich in der Schweiz in der Grafschaft Aargau und im südlichen Elsass, Breisgau.

Die erste und wichtigste Herkunftsthese ist über die Acta Murensia überliefert. Diese Akte ist ein chronologischer Bericht über die Gründung des Klosters Muri in der heutigen Schweiz um 1160. Der alte Besitz lässt sich über Quellen des 12. und 13. Jahrhunderts rekonstruieren.

(Staatsarchiv Aargau, Aarau, AA/4947).

Die Havichsburg oder Habichtsburg (Habsburg), Schloss Wildegg, Güter nördlich und nordwestlich von Colmar und südlich des Elsass (insbesondere die Abteien Murbach und Ottmarsheim), Breisgau und Kaiserstuhl, die Pfarrei Muri und verstreute Besitztümer zwischen Zuger- und Vierwaldstättersee gehörten dazu.

Breisgau

Die Herkunft aus dem merowingischen, karolingischen oder lothringischen Geschlecht ist eine Spekulation. Die schwäbischen Verwandten der Herzoge von Zähringen sind wichtig für die spätere Begründung, um ihren Anspruch als Reichsfürsten und Könige (ab 1273) des Heiligen Römischen Reiches zu legitimieren.

Die Zähringer übten ihre Macht im südwestlichen Teil von Schwaben aus, im Thurgau, in Zürich, im Aargau, im Breisgau und im Elsass sowie im Schwarzwald bis an den Neckar.

Dieser Raum deckt sich weitgehend mit dem verwandtschaftlichen Aktionsradius der Habsburger im 11. und 12. Jahrhundert.

Schwaben gehörte zu den zentralen Ländern des Reiches und war Kernland der Stauferkönige, in deren Tradition die Habsburger sich sahen.

Der Habsburger Pfau mit den Wappen der Herrschaften des Hauses Habsburg, um 1550. Kunsthistorisches Museum, Wien. 

Neben der Abstammung aus einem königsnahen Geschlecht (selbstverständlich fehlte auch  der mythische Nachweis einer römischen und trojanischen Abstammung nicht) war die sogenannte Gefolgschaft genauso wichtig. Herrschaft war damals auch auf Gefolgschaft aufgebaut und nicht nur auf Territorium.

Die Habsburger tauchen tatsächlich in den ersten fassbaren Urkunden im Umfeld der königlichen Gefolgschaft auf. Gefolgschaft bedeutet Dienst am Hof des Königs und ein Mittragen der königlichen Politik.

Als Entschädigung und Belohnung erhielten sie Reichsämter und Verwaltungsaufgaben. Die Nähe zum staufischen Königshaus zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Habsburger von 1137-1254.

Der Aufstieg zur Macht  – vom Grafen zum Königtum – fängt bei Rudolf IV. von Habsburg (1218-1291), der 1240 das väterliche Erbe antrat und 1273 zum König gewählt wurde.

Rhäzuns

Tarasp

Die Habsburger hatten wenig Freude an ihrer Präsenz in der Schweiz. Selbst Königtum und Kaisertum schützten sie nicht. Nach mehreren bedeutenden Niederlagen auf dem Schlachtfeld (u.a. 1315, 1386, 1415 und 1460) war es 1499 mit der politischen und militärischen Präsenz vorbei, abgesehen von der Einflussnahme durch Klöster oder die Ernennung von Bischöfen und einigen verstreuten Besitzungen, darunter das Fricktal (bis 1803, danach Kanton Aargau), Rhäzuns (1819) und Tarasp (1803) und bis 1639 im Engadin (Kanton Graubünden).

(Quelle: B. Meier, Ein Königshaus aus der Schweiz, Baden 2010).

Korrektorin: Petra Ehrismann