Die älteste Demokratie Europa’s hat eine neue Regierung

Die Schweiz  hat am 13. Dezember  ihre Regierung  mit sieben Ministern (Bundesräten oder Bundesrätinnen) gewählt bzw. bestätigt.  Das Ernennungsverfahren für diese sieben Minister ist auch aussergewöhnlich.

Die Befugnisse, die Anzahl (sieben) der Minister, die Amtszeit der nationalen Regierung (des Bundesrates) und ihr Verhältnis zum Parlament (Nationalrat und Ständerat) und zu den Kantonen sind in der Verfassung festgelegt.

Die Wahl der Regierungsmitglieder

Die beiden Kammern des Parlaments (die Vereinigte Bundesversammlung) wählen oder bestätigen in einer gemeinsamen Sitzung  jeden einzelnen Minister für seine nächste Amtszeit, wobei die absolute Mehrheit erforderlich ist.

Jede(r) Schweizer Bürger(in) kann sich zur Wahl stellen und ist für dieses Amt wählbar. Dies entspricht dem Milizsystem und dem Bürger als Politiker/Souverän, der immer das letzte (obligatorisches und fakultatives Referendum) und manchmal sogar das erste Wort hat (Volksinitiative).

In der Praxis jedoch nominieren die politischen Parteien die Kandidaten für das Ministeramt nach der sogenannten Zauberformel. Seit 1959 bilden die vier grössten Parteien die Regierung. Der Verteilschlüssel gibt sich aus der Anzahl der bei nationalen Wahlen erzielten Stimmen.

Diese Aufteilung gemäss Zauberformel dient dazu, eine möglichst breit abgestützte Regierung zu bilden, da die Schweizer Konkordanzdemokratie Kompromisse und Konsultationen mit allen politischen Parteien und ihren Wählerschaften vorsieht, bevor eine Entscheidung getroffen wird.

Heute haben die Konservativen (SVP) 2, die Liberalen (FDP) 2, die Sozialdemokraten (SP) 2 und die Mitte 1 Sitz.  Dieses Verhältnis spiegelt die Ergebnisse der nationalen Wahlen wider, obwohl der Aufstieg der grünen Parteien zu einer Veränderung führen kann.

Eine Änderung dieser Verhältnisse käme einem  politischen Erdbeben gleich. Neue Parteien oder der Aufstieg bzw. Niedergang bestehender Parteien muss sich über einen längeren Zeitraum halten, bevor die politische Zusammensetzung der Regierung geändert wird.

Kantone und Gemeinden

Kantonsregierungen und Gemeinderäte (immer  5-7 Personen) werden durch das Volk auf der Grundlage der absoluten Mehrheit pro Kandidat gewählt (Majorzsystem). Die Parlamente in den Kantonen und Gemeinden kommen durch Proporzwahlen zustande (Proporzsystem).

Dies ist auch eine Stärke des Systems: Die Regierungen entstehen auf der Grundlage des absoluten Mehrs pro Kandidat, die Parlamente auf der Grundlage des Proporzwahlrechts. Lediglich der Ständerat wird aufgrund des föderalen Prinzips mit der absoluten Mehrheit pro Kandidat gewählt.

Der erste Bundesrat, gewählt am 16. November 1848. Foto: www.admin.ch 

Die sieben Weisen

Im Volksmund wird die Regierung auch als „Les sept sages“ (die sieben Weisen) bezeichnet. Qualität, Integrität und Niveau der Regierung sind im Allgemeinen gewährleistet, auch wenn die Wahl der Minister (politisch) menschliche Arbeit bleibt und nicht jede Wahl eines Ministers ein Erfolg ist.

Vor der Nominierung durch die Parteien gibt es ein umfangreiches und dezentralisiertes Auswahlverfahren, das verschiedene Kriterien berücksichtigt. Letztlich entscheidet die Parteiführung, wer für eine Nominierung in Frage kommt, in der Regel eine bis maximal drei Personen.

Sie streben dann eine absolute Mehrheit im Parlament an. Dieses Verfahren im Parlament ist genau vorgeschrieben und umfasst mehrere Wahlgänge, bis ein Kandidat die absolute Mehrheit der 246 Stimmen der Vereinigten Bundesversammlung erhält.

Die Abstimmung über eine neue Regierung in der vereinigten Sitzung des Parlaments. Foto: www.admin.ch Unterschrift

Die sieben Mitglieder des Bundesrates werden für eine Amtszeit von vier Jahren gewählt. Das Parlament kann  einzelnen Mitgliedern  (oder dem Gesamt-Bundesrat) nicht vorzeitig das Vertrauen entziehen; andererseits kann der Bundesrat das Parlament nicht vorzeitig auflösen.

Tritt ein Bundesrat oder eine Bundesrätin freiwillig zurück oder verstirbt er oder sie während der Amtszeit,  ernennt das Parlament nach demselben Verfahren ein neues Mitglied des Bundesrates aus derselben Partei.

Rathaus Basel, am 13. Dezember 2023

13 Dezember 2023

Das am 22. Oktober neugewähltes Parlament wählte bzw. bestätigte am 13. Dezember  die Regierung (den Bundesrat)

Aufgrund des Rücktritts eines sozialdemokratischen Ministers wurde ein neuer sozialdemokratischer Minister ernannt. Die Wahl fiel auf den Kandidaten des Kantons Basel-Stadt. Die übrigen sechs Minister wurden für eine vierjährige Amtszeit bestätigt.

Kanton Basel-Stadt (bis 1833 Kanton Basel) war trotz seiner grossen wirtschaftlichen und strategischen Bedeutung seit 1848 nur mit zwei Bundesräten im Bundesrat vertreten.

Die herausragende politische Rolle des Kantons spielte sich 1648 und in der Helvetischen Republik (1798-1803) ab. Johann Wettstein (1594-1666) war Diplomat der Eidgenossenschaft im Westfälischen Frieden von 1648.

Peter Ochs (1752-1821) war Mitglied des nach französischem Vorbild gegründeten Direktoriums zur Zeit der Helvetischen Republik (1798-1803).

Peter Ochs von Basel (1752-1821), 1799. unbekannter Künstler. Mitglied des Direktoriums der Helvetischen Republik (1798-1803), gewissermassen ein Vorläufer der heutigen Regierung. Foto: Wikipedia

Obwohl die Parteien Kandidaten vorschlagen, ist das Parlament frei in der Wahl. Es kommt vor, dass „Aussenseiter“ (die nicht von der Partei vorgeschlagen wurden) die meisten Stimmen erhalten und nicht die „Parteisoldaten“. Am 13. Dezember versuchte  ein Kandidat der Grünen Partei erfolglos, die meisten Stimmen zu erhalten. Die derzeitige Sitzverteilung folgt also noch der Zauberformel.

Die Anzahl der Stimmen, die bei der Wiederwahl erreicht werden, ist allerdings eine Art Zeugnis. Je mehr Stimmen, desto zufriedener ist das Parlament mit der Leistung des Bundesrates oder der Bundesrätin.

Nach der Bestätigung des neuen Bundesrates, der also weitgehend der alte Bunderat ist, erfolgt die Zuordnung der Ministerposten zu einem der sieben Departementen. Diese Zuordnung regeln die Mitglieder des Bundesrates intern.

Das Parlament wählte am 13. Dezember auch das jährlich wechselnde Staatsoberhaupt (die Bundespräsidentin in diesem Fall) und einen neuen Bundeskanzler.

Schlussfolgerung

Diese vereinfachte Darstellung der Wahl und Ernennung eines neuen Bundesrates geht nicht auf die „politischen Spiele“ zwischen und innerhalb der politischen Parteien ein, die auch in der Schweiz eine wichtige Rolle spielen.

Die verfassungsrechtlichen Grundlagen (Anzahl von sieben Ministern und Departementen, Kollegialitäts- und Departementalprinzip), das ungeschriebene parlamentarische Recht (Zauberformel und Konkordanzprinzip), die föderale Organisation, die direkte Demokratie und das Milizsystem sind jedoch Garantien für eine adäquate Führung auf nationaler Ebene, obwohl die Polarisierung nicht an der Schweizer Grenze halt macht.

Das andere wichtige Prinzip, die Kollegialität, führt bei der heterogenen Regierung (u.a. in Bezug auf Sprache, Kanton, Ideologie) dieses heterogenen Landes manchmal zu Spannungen. Die direkte Demokratie und das Streben nach Kompromissen und Konsultationen sind jedoch ein gutes Ventil, um gesellschaftlichen Diskussionen und politischen Meinungsverschiedenheiten einen Platz zu geben.

Aufgrund des Kollegialitätsprinzips sprechen die Minister nach aussen hin mit einer Stimme. Dies schliesst jedoch Meinungsverschiedenheiten nicht aus. So kommt es regelmässig vor, dass Politiker und Bürger ein Referendum gegen eine Entscheidung oder ein Gesetz ihrer eigenen Minister organisieren. Eine Volksinitiative kann sich auch gegen die Politik der Regierung und des eigenen Ministers richten. Diese haben dann jedoch die Möglichkeit, einen alternativen Vorschlag einzubringen.

Allerdings hat das System auch seine Schwächen. Es dauert lange, bis neue Parteien, wie etwa die Grünen, einen Platz in der Regierung erhalten. Ausserdem orientiert sich die Zahl der sieben Ministerien an der Situation von 1848. Die Reformdiskussionen konzentrieren sich daher auf die Erhöhung der Zahl der Minister und Departemente.

Das Prinzip und die Arbeitsweise des Bundesrates und die Art und Weise der Ernennung von Ministern werden jedoch nicht in Frage gestellt. Die Schöpfer der Verfassung von 1848 sind also die wahren „Weisen“.

Sie stützten sich unter anderem auf die Regierungspraxis in verschiedenen Kantonen vor 1798 und in der Regeneration (1830), das Direktorium (1795-1799) der Französischen Revolution und das Direktorium in der Helvetischen Republik (1798-1803).

Das Direktorium der Helvetischen Republik (1798-1803)  war eine der Inspirationsquellen für den Bundesrat in der Verfassung von 1848. Unterschrift

Dies ist typisch für die Schweiz, ein innovatives und offenes Land, das Altes mit Neuem verbindet, ohne wertvolles Erbe zu vernachlässigen.

 Karl Deutsch points to a specific pressure on the competitiveness of key industries. A country that cannot change without losing its essential identity may be in danger of future instability and even lose its existence. According to Karl Deutsch, the solution to the problem lies in accommodating change while maintaining essential aspects of identity (Bern 1976).

(Bron: A. Vattel, der Bundesrat, Zürich. (2020; G. Malinverni, M. Hottelier, M. Hertig Randall, A. Flückiger, Droit constitutionnel suisse, Volume I, L’État, Berne 2021).

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Eine neue Burg in Neuchâtel

In einer Urkunde von 1011 wird Neuenburg (Neuchâtel, neue Burg, castellum novum) als königliche Residenz beschrieben. Die erste Burg aus dem 11. Jahrhundert stand auf einem leicht zu verteidigenden Felsen.

Als im 12. Jahrhundert immer mehr Häuser um sie herum gebaut wurden, wurde das westliche Tor mit Granit erhöht.

Ein Wall mit zwei Türmen verdoppelte später den (trockenen) Graben. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Burg erweitert. Das Stift wurde um 1190 errichtet.

(Quelle: J. Courvoisier et al, Neuchâtel. Histoire d’un paysage urbain, Neuchâtel, 1999).

Das Stift (la Collégiale) von Neuchâtel

Unruhe und Unrueh in der Schweiz und St. Imier

Die Schweiz ist nicht dafür bekannt, ein Land revolutionärer Veränderungen zu sein. Dennoch steht sie oft an vorderster Front wissenschaftlicher, industrieller, demokratischer oder sozialer Entwicklungen.

 

Hinter der Ordnung, der Ruhe und der Funktionalität sind das Land und seine Bewohner dynamisch und kosmpolitisch geprägt. Dies zeigt sich in einer fast immer respektvollen und gründlichen politischen und medialen Debattenkultur, in der weltweit führenden Position bei Patenten und industriellen Innovationen, in Fragen wie Sterbehilfe oder assistiertem Suizid, in den besten Universitäten Europas, im angemessenen Verhalten im Strassenverkehr, in der Reiselust, in den Bürgern und Kantonen als wichtigsten politischen Kräften und nicht zuletzt in der Kultur des Kompromisses.

 

Einer dieser Aspekte war auch die Gründung eines Bundesstaates im Jahr 1848 – die Schweiz war fortan kein Staatenbund mehr – mit der ersten stabilen Demokratie in Europa, der Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts und der Festlegung von drei Landessprachen: Deutsch, Französisch und Italienisch. 

 

Darüber hinaus war das Land ein Zufluchtsort für Asylsuchende und Flüchtlinge sowie für Anarchisten und Revolutionäre aus den Monarchien Europas.  Französische, italienische, russische, polnische, deutsche und österreichische Exilanten liessen sich in allen Teilen des Landes nieder.

 

L’École d’horlogerie de Saint-Imier en 1909. Editions Louis Burgy. Foto: Musée de Saint-Imier CW-0533

Die Unzufriedenheit der Monarchen war gross. Nach der Französischen Revolution und den darauffolgenden Kriegen wollten sie ab 1815 nicht mehr mit revolutionären oder demokratischen Entwicklungen konfrontiert werden.

 

Die Heilige Allianz, die zu dem Zweck gegründet wurde, war die Garantie dafür. Diese Allianz zwischen dem Russischen Reich, dem Kaiserreich Österreich (Habsburg) und dem Königreich Preussen wurde am 26. September 1815 in Paris geschlossen.

 

Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts führte auch die Schweiz von einer agrarisch und handwerklich geprägten zu einer kommerziellen und industriellen Gesellschaft. Sie schuf neue Beziehungen zwischen Wissenschaft, Industrie, Innovation und Gesellschaft, ermöglichte den Aufstieg der Arbeiterklasse und -bewegung, den Aufstieg der Bourgeoisie und ebnete den Weg für die ersten politischen Parteien und die anarchistischen und revolutionären Bewegungen.

Saint-Imier, Fabrik Longines, 1867. Sammlung: Museum Longines

Plakat Longines 1905. Sammlung: Museum Longines

Saint-Imier,  Longines heute

 Eine der am besten organisierten Arbeiterbewegungen entstand in der Uhrenindustrie des Kantons Neuenburg und des heutigen Kantons Jura, der bis 1979 Teil des Kantons Bern war. La Chaux-de-Fonds und Le Locle gaben im Kanton Neuenburg den Ton an. Im damaligen Kanton Bern wurde Saint-Imier (u.a. Breitling, Longines) zum Zentrum der Uhrenindustrie, was zu einem raschen technologischen und sozialen Wandel führte.

Saint-Imier 

Der Film Unrueh des Schweizer Regisseurs Cyril Schäublin (*1984) zeigt ein eindringliches Bild der schnellen Veränderungen in der Organisation von Kapital, Arbeit, Technologie und der anarchistischen Bewegung durch die Augen einer Arbeiterin im letzten Teil des 19. Jahrhunderts. Ihre Aufgabe bestand darin, den zentralen Mechanismus einer Uhr zu regulieren. Dieses Teil, Unrueh genannt, bezeichnet auch die soziale Unruhe. 

 

Anarchisten und Revolutionäre aus ganz Europa versuchten ihr Glück auch in der Schweiz. Der russische Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) und der italienische Anarchist Luigi Lucheni (1873-1910) sind die berühmtesten und berüchtigten Beispiele dafür.  

Genf, Boulevard des Genfersees

 In Saint-Imier und im Film Unrueh spielt der weniger bekannte russische Geograph, Kartograph und Anarchist Pjotr Kropotkin (1842-1921) die Hauptrolle. Er war einer derjenigen, die die soziale Unruhe – le trouble social – für politische Zwecke nutzten.

Quelle und weitere Informationen: Film Unrueh; Museum Longines, Saint-Imier 

Korrektorin: Petra Ehrismann

Sammlung: Musée de Longines

Longines

Saint-Imier, die Stiftskirche (11.Jahrhundert)

Der Turm Saint-Martin oder la Reine Berthe

Das Basler Münster

Das Basler Münster ist über tausend Jahre alt. Nach einer gründlichen Renovierung des frühmittelalterlichen Vorgängerbaus wurde der Dom 1019 im Beisein  des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Heinrich II. (973-1024) und seiner Frau Kunigunde (975-1040) geweiht.

Henrich II und Kunigunde (975-1040), die Originalskulptur, Museum Kleines Klingental

Die Kopie 

Plakat: Stadtgeschichte Basel

St. Martin, die Originalskulptur, Museum Kleines Klingental

Die Kopie 

Das Original. Museum Kleines Klingental

Das Münster um 1250. Sammlung: Museum Kleines Klingental

Die romanische Kathedrale, besser bekannt als das Münster, und der Münsterplatz entwickelten sich bis zur Reformation 1529 zu einer grossen Anlage mit Kapellen, Bischofspalast und vielen Stadtpalästen für die Domherren am Münsterplatz und an der Rittergasse.

Die Galluspforte, 11. Jahrhundert

Das grosse Erdbeben vom 18. Oktober 1356 zerstörte die Kathedrale fast vollständig. Nur das romanische Gallus-Tor blieb erhalten. Die Restaurierung bis hin zur Fertigstellung des letzten Turms dauerte bis zum Jahr 1500.

Das Münster um 1500. Sammlung: Museum Kleines Klingental

Das Museum Kleines Klingental, das Historische Museum Basel in der Barfüsserkirche und das Münster bieten einen gut dokumentierten (archäologischen) Überblick über die (Bau-)Geschichte und die vielen (religiösen) Kunstwerke.

Korrektorin: Petra Ehrismann

Hans Heinrich Glaser (1585-1673) , 1642, das Münster. Sammlung: Dreiländer Museum Lörrach

Der Münsterplatz

Die Augustinergasse

Die Rittergasse

Viele prominente Basler Bürger und europäische Persönlichkeiten fanden im Münster ihre letzte Ruhestätte, darunter Jacobus Bernoulli (1655-1705) und Desiderius Erasmus (1466-1536)

Die Krypte

Und einige permanente Bewohner

Haus zur Mücke, das erste weltliche öffentliche Museum (1671) in Europa, Vorläufer des Kunstmuseums Basel und des Antikenmuseums Basel

Matthäus Merian ((1593-1650), Basel um 1615, die Mittlere Brücke (1296), rechts das Münster. Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt, Bildersammlung 1,291. Foto: TES

Grabstein des katholischen Erasmus (1466-1536)

Der Reformator Johannes Oekolampad (1481-1531)

Weihnachten 2022

Der Gletschergarten Cavaglia

Während der letzten Eiszeit, vor etwa 11‘000 Jahren, bildete der Palü-Gletscher des Pru-Tals Vent die Ebene von Cavaglia (Piana di Cavaglia) im Valposchiavo (italienischsprachiger Teil des Kantons Graubünden).

Das Abschmelzen des Gletschers war von Erosion begleitet, die durch die Kraft des Schmelzwassers und die mitgerissenen Felsen, Sandmassen und andere Objekte verursacht wurde. Dadurch entstanden grosse Gletschertöpfe (Marmitte dei Giganti) und Felsverformungen in der Schlucht des Cavagliasch (Forra del Cavagliasch).

Der 1998 gegründete Verein Gletschergarten Cavaglia/Associazione Giardino dei Ghiacciai Cavaglia (GGC) hat dieses Naturwunder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ab Juli 2021 führt ein neuer Wanderweg über rauschende Wasserfälle und vorbei an Felsvorsprüngen durch die Schlucht. Der Weg wurde aus lokalem Naturstein gebaut. Das Gebiet ist ab dem Bahnhof Cavaglia (1693 m) der Rhätischen Bahn (RhB) gut erreichbar.

(Quelle und weitere Informationen: Verein Gletschergarten Cavaglia/Associazione Giardino dei Ghiacciai di Cavaglia (GGC).

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Der Jan-Michalski-Literaturpreis 2023

Der Jan-Michalski-Literaturpreis 2023 wurde am Mittwoch, dem 29. November, an Karina Sainz Borgo für ihr Buch El Tercer País (2021) verliehen, Das Buch ist aus dem Spanischen ins Französische (Le Tiers Pay) übersetzt.

Der Jan-Michalski-Preis (le Prix Jan Michalski) wird seit 2010 jährlich von der Jan-Michalski-Stiftung (Fondation Jan Michalski, Montricher, Kanton Waadt) verliehen.

Der Preis zeichnet Werke aller literarischen Gattungen aus, ob Belletristik oder Sachbuch, unabhängig von der Sprache, in der sie verfasst sind.

Die Preisträgerin oder der Preisträger erhält ein Preisgeld von CHF 50’000 und ein speziell für sie oder ihn ausgewähltes oder in Auftrag gegebenes Kunstwerk.

(Quelle und weitere Informationen: Fondation Jan Michalski)

Die Zisterzienser und das ehemalige Kloster St. Urban

Im Mittelalter wurden in der Schweiz 28 Zisterzienserklöster gegründet, acht für Männer und 20 für Frauen. Heute gibt es nur noch ein Männerkloster (Hauterive, Kanton Freiburg) und sechs Frauenklöster (Frauenthal, Kanton Zug; La Maigrauge und La Fillle-Dieu, Kanton Freiburg; Magdenau und Wurmsbach, Kanton St. Gallen, und Eschenbach, Kanton Luzern).

Andere Klöster wurden während der Reformation (16. Jahrhundert) oder während und nach der französischen Besetzung (1798-1813) im 19. Jahrhundert aufgehoben. Das einst mächtige Kloster St. Urban im Kanton Luzern wurde 1848 aufgelöst.

Unmittelbarer Anlass waren die Niederlage des katholischen Kantons Luzern im Sonderbundskrieg 1847, politische Unruhen im Kanton gegen die konservative Regierung und Anfeindungen gegen die Klöster (insbesondere gegen die Jesuiten).

Mehr als sechs Jahrhunderte zuvor gründete das Zisterzienserkloster Lützel (Lucelle, Elsass) im Jahr 1194 das Kloster St. Urban. Sein Name leitet sich von einer kleinen Kapelle ab, die ebenfalls Maria geweiht war: „Monasterium Beatae Mariae de Sancto Urbano“. Die Freiherren von Langenstein stellten Geld und Land zur Verfügung.

Im 13. und 14. Jahrhundert erwarb das Kloster mehr und mehr Güter ausserhalb seines Kerngebiets (die Dörfer Langenthal, Roggwil, Wynau und Pfaffnau). Die Gebiete lagen in den Kantonen Thurgau, Bern, Schaffhausen und Aargau. Die Abtei war ein kleiner souveräner Staat mit eigener Gerichtsbarkeit und eigenem Gericht.

Zu dieser Zeit waren die Zisterzienser bereits für die Herstellung von Ziegeln, Backsteinen und Reliefsteinen bekannt. Ausserdem war die Landwirtschaft eine wichtige Einnahmequelle. Der Klosterkomplex wurde weiter ausgebaut, einschliesslich einer Bibliothek und eines Skriptoriums.

Das Kloster blieb jedoch von regionalen Unruhen nicht verschont. 1375 plünderten Söldner (die Gugler) das Kloster und das Kloster war ein Zankapfel zwischen Solothurn, Bern und Luzern. Luzern erwarb 1407 die Grafschaft Willisau und 1420 die Herrschaft über das Kloster.

Die Reformation und die Auseinandersetzungen zwischen Bern (protestantisch) und Luzern (katholisch) überstand das Kloster unbeschadet. Das 17. und das 18. Jahrhundert waren sogar eine Blütezeit, an die noch die barocke Klosterkirche und Gebäude erinnern.

Die 1711–1717 erbaute Klosterkirche ist eine Verbindung von barocker und zisterziensischer Baukunst. Der Hochaltar birgt Statuten der vier Evangelisten, des Papstes Urban und des heiligen Bernhard von Clairvaux. Das Chorgestühl wurde kurz nach 1700 geschaffen, die Orgel im Jahr 1716-1721.

Das Kloster war finanziell und personell jedoch eng mit der (aristokratischen) Elite Luzerns verbunden. Alle Äbte stammten aus diesen Kreisen. Dies wurde dem Kloster nach dem verlorenen Sonderbundskrieg von 1847 zum Verhängnis.

Nach seiner Auflösung diente das Kloster über ein Jahrhundert lang (1873-1980) als psychiatrische Klinik und Pflegeheim für geistig Behinderte. Die zahlreichen Kunstschätze, darunter (mittelalterliche) illustrierte Handschriften, sind erhalten geblieben und befinden sich heute im Staatsarchiv Luzern, in der Zentralbibliothek Luzern und im Historischen Museum Luzern.

Seit 1980 saniert der Kanton Luzern die Anlage und führt sie einer neuen Nutzung zu. Die Klosterkirche ist heute eine Pfarrkirche. Das Kloster und die Barockbauten sind umgeben von einer grosszügigen Parkanlage, Spazierwegen, Wasserläufen und Wäldern.

(Quelle und weitere Informationen: A. Meyer, Das ehemalige Zisterzienserkloster St. Urban, Bern, GSK, 1994; www.st-urban.ch).

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Donatyre und romanische Kunst in der Schweiz

Das Gebiet der heutigen Schweiz war vom 11. bis 13. Jahrhundert, der Zeit der romanischen Kunst, keine politische Einheit.

Verschiedene Dynastien (u.a. Habsburg, Kyburg, Zähringen, Savoyen, Schwaben), kleine lokale Herrscher, der deutsche Kaiser und mächtige Äbte und Bischöfe (Genf, Sitten, Lausanne, Chur, Basel und Konstanz) herrschten in kleineren oder grösseren Gebieten. Diese Gebiete lagen am Rande der grossen Zentren der romanischen Kunst.

Die Lombardei war die Inspiration für den romanischen Stil in Graubünden, Zürich und dem Tessin. Die Ostschweiz, Schaffhausen, Basel und die Nordschweiz orientierten sich hauptsächlich an Süddeutschland. Lausanne, Sitten und Genf orientierten sich insbesondere am Burgund, der Abtei Cluny und der Auvergne.

Die romanische Kunst hatte eine grosse regionale Vielfalt, abgesehen von einigen allgemeinen Merkmalen. Was die Schweiz für die romanische Kunst so besonders und interessant macht, ist die Vielfalt der regionalen Stile, die auf relativ kleinem Raum zu sehen sind.

Die unzugänglichen Berggebiete in Graubünden waren auch ein Segen für die Erhaltung der (prä-)romanischen Kunst, zum Beispiel in Müstair, Zillis und Mistail.

In grösseren Städten wurden die meisten romanischen Bauten ersetzt oder an die späteren Stile, insbesondere Gotik und Barock, angepasst. Dennoch sind romanische Details nie ganz verschwunden, wie in Sitten, Zürich, Basel oder Schaffhausen zu sehen ist.

In kleineren Städten wie St. Ursanne, Payerne, Romanmôtier oder Donatyre sind die Kirchen viel weniger an neue Stile angepasst, zumal sie für die Herrscher nicht interessant waren.

Es gibt weiter noch einige romanische Gebäude, ausnahmslos Burgen, zum Beispiel in Maienfeld oder Habsburg. In Graubünden sind kirchliche Gebäude mit den intaktesten romanischen Merkmalen zu sehen. Die romanische Kunst ist aber in allen Regionen präsent.

(Quelle: H.-R. Meier, Romanische Schweiz, Würzburg 1996).

Romanische  Kirche am Thunersee

Dies academicus: Gründung der Universität Basel bis zur KI-Initiative

Der Dies academicus der Universität Basel fand am 24. November 2023 in der ältesten Pfarrkirche Basels, der  Martinskirche (11. Jahrhundert), statt, ein passender Ort für  den Feiertag der ältesten Universität des Landes.

Die Martinskirche

Der grosse Theologe und Humanist Erasmus von Rotterdam (1469-1536) hat mehrmals in Basel gelebt und gelehrt (1514–1516, 1521–1529, 1535–1536) und ist auch in Basel gestorben.

Er wurde im protestantischen Münster beigesetzt.  Sein Nachlass wurde zum Stiftungskapital der im Jahre  1538 gegründeten Erasmus-Stiftung für die Vergabe von Stipendien an (internationale) Studierende. Dies geschah  mehr als vier Jahrhunderte vor dem Erasmus-Programm der Europäischen Union! Schon damals war die Schweiz ein innovatives Land.

Der erste Treuhänder des Fonds war sein Freund Bonifacius Amerbach (1495–1562). Auch die Universität, die Stadt und die Bürger Basels richteten nach 1532 Fonds für die Vergabe von Stipendien ein (siehe unten).

Von den 5’600 Studenten, die sich zwischen 1532 und 1600 immatrikulierten, stammten die meisten aus der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Deutschland und den österreichischen Territorien, 500 aus Frankreich, 250 aus den Niederlanden, 150 aus dem Königreich Polen und Litauen, 100 aus England, 70 aus Italien und 60 aus Skandinavien.

Rechts das alte  Universitätsgebäude (bis 1939) am Rheinsprung, links der botanische Garten (bis 1692).

1460-1532

Die Universität Basel wurde 1460 auf Initiative des Rates der Stadt gegründet, nachdem Papst Pius II. (1405-1464) in einer Bulle vom 12. November 1459 die schriftliche Genehmigung erteilt hatte.

Am 4. April 1460 wurde die Universität mit einem Gottesdienst und dem “Te Deum laudamus“ im Münster mit den vier Fakultäten Theologie, Jura, Medizin und den Artes liberales eröffnet.

Das Konzil von Basel (1431–1438/1449) und die guten Kontakte zu Papst Pius II., der als Sekretär eines Kardinals namens Enea Silvio Piccolomini am Konzil teilgenommen hatte, die Druckereien und Verlage, die zentrale Lage und der humanistische Geist schufen die Voraussetzungen für die Universität in der 10.000 Einwohner zählenden Stadt.

Zentrum Basel rund 1450. Modell: Historisches Museum Basel

Das Konzil hatte seine eigene Universität, die Konzilsuniversität (1432-1440). Dort studierten und lehrten bedeutende Wissenschaftler  der  renommiertesten Universitäten.

Kirche und Wissenschaft, Forschung und Universitäten waren damals noch eng miteinander verbunden. Nach dem Konzil wurde die Konzilsuniversität als Kurienuniversität (1440-1448) weitergeführt. Der Grundstein für eine dauerhafte Universität war damit gelegt.

Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts wurden im deutschen Sprachraum viele neue Universitäten gegründet, unter anderem in Greifswald (1456), Freiburg (1457), Ingolstadt (1472), Trier (1473), Mainz (1477), Tübingen (1477), Wittenberg (1502) und Frankfurt a. d. Oder (1506).

Die Universität Basel stand unter der direkten Aufsicht des Bischofs von Basel, der auch Kanzler der Universität war. Die Universität entwickelte sich mit angesehenen Lehrstühlen und Professoren zu einer prosperierenden Institution . Der Beitritt Basels zur Eidgenossenschaft führte  jedoch zu einem Verlust an Studenten aus den habsburgischen Ländern, die sich danach meist für Freiburg im Breisgau entschieden.

Die zweite Zäsur kam mit der Reformation. Nach turbulenten Jahren und einer Polarisierung von Befürwortern und Gegnern entschieden sich Stadt und Universität 1529 für die Reformation.

Viele Professoren und Studenten sowie das Domkapitel und der Bischof verliessen die Stadt, und die Universität wurde geschlossen. Die meisten Studenten und Professoren gingen ins katholische Freiburg (wie auch Erasmus bis zu seiner Rückkehr nach Basel im Jahr 1535).

Johann Jakob Neustück (1799/1800–1867), 1843, Blick vom Rheinsprung durch die Augustinergasse zum Münsterplatz, rechts das  Augustinerkloster. Foto: Wikipedia

1532-1945

Das Jahr 1532 war für die Universität ein wichtiges Jahr, ein veritabler Neuanfang. Die protestantische Universität wurde 1532 mit neuen Statuten und einer neuen Finanzierung wieder eröffnet.

Eine wichtige Neuerung war die Einführung von Stipendien für Studenten, nachdem die Kirche als Geldgeberin weggefallen war. Die Erasmus-Stiftung, die städtische Unterstützung und Bürgerinitiativen erfüllten diese Funktion.

Auch das „Collegium alumnorum“ unterstützte die Studierenden finanziell. Die beiden Standorte waren das „Obere Kollegium“ im ehemaligen Augustinerkloster (an der Stelle des heutigen Naturkundemuseums) und das „Untere Kollegium“ im alten Universitätsgebäude „Schalerhof“ am Rheinsprung.

Johann Jakob Neustück (1799/1800-1867), 1844, Augustinerklosterhof und das „Oberes Kollegium“. Foto: Wikipedia

Die Trennung von Universität und Kirche brachte der medizinischen Wissenschaft, dem Zivil-, Staats- und Völkerrecht und den Artes liberales viel mehr Aufmerksamkeit. Auch dank der Anwesenheit von Verlegern und Druckern, einem liberalen, humanistischen Umfeld und der zentralen Lage zog die Universität immer mehr ausländische Studenten und Professoren an.

Der Botanische Garten entstand 1588 am Rheinsprung. 1692 zog der Botanische Garten an den Petersgraben in das alte Dominikanerkloster und 1898 an seinen heutigen Standort  zwischen Spalentor und Petersplatz und liegt damit in der Nähe des neuen Universitäts-Hauptgebäudes (Kollegienhaus) von 1939.

 

Das Kollegienhaus, der Petersplatz und der Spalenberg

Museen

Damals wurden die Sammlungen von wohlhabenden Bürgern und Universitätsprofessoren zusammengetragen. Bonifacius und sein Sohn Basilius (1533-1591) Amerbach waren die grössten Sammler antiker Kunst, zeitgenössischer bildender Kunst, von Münzen und Objekten aus anderen Kulturen und der Natur. Die Universität erwarb 1661 diese Sammlung. Sie wurde 1671 im ersten europäischen Museum untergebracht im Haus zur Mücke. Die Universitätsbibliothek war dort bereits.

Haus zur Mücke

Aus dieser Initiative gingen im 19. und 20. Jahrhundert mehrere Museen hervor, darunter das Museum der Kulturen, das Kunstmuseum Basel, das Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig, das Historische Museum Basel, das Pharmaziemuseum und das Anatomische Museum.

Die Universität hat mehrere Tiefpunkte erlebt, sei es in Bezug auf die Studierendenzahlen, die politische Situation (1798-1813, die französische Herrschaft) oder die Trennung der Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft im Jahr 1833. Heute haben die beiden Kantone einen (finanziellen) Modus vivendi und einen Weg der Zusammenarbeit gefunden. Auch Wirtschaftskrisen und (Welt-)Kriege hatten ihre Auswirkungen.

Nach 1945

Die sieben heutigen Fakultäten für Psychologie, Wirtschaftswissenschaften, Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften, Medizin, Jura und Theologie haben heute rund 13 000 Studierende.

Am Dies academicus der ältesten Universität der Schweiz widmete sich die Rektorin unter dem Titel ‚Intelligenzen: Künstliche Intelligenz (KI)‘ der neuesten globalen Herausforderung für die Wissenschaft.

Rektorin Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andrea Schenker-Wicki während der Rede ‚Intelligenzen‘.

Die Universität engagierte sich in einer sogenannten KI-Initiative mit dem Ziel, KI auf verantwortungsvolle Weise für die Gesellschaft zu nutzen und weiterzuentwickeln (responsible intelligent society) und alle Bürgerinnen und Bürger in diesen Prozess einzubeziehen (no one left behind).

Erasmus begegnete den Herausforderungen seiner Zeit auf differenzierte, humanistische und tolerante Weise. Er wäre stolz auf das von ihm so geschätzte Basel und auch auf seine Alma mater.

(Quelle: Universität Basel; G. Kreis, 550 Years of the University of Basel, Christoph Merian Verlag, Basel 2010).

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Post scriptum

Die ETH Zürich und die EPFL lancierten am 4. Dezember die «Swiss AI»-​Initiative mit dem Ziel, die Schweiz als weltweit führenden Standort für die Entwicklung und Nutzung einer transparenten und vertrauenswürdigen Künstlichen Intelligenz zu positionieren. Der neue Supercomputer «Alps» am CSCS bietet dazu die Infrastruktur auf Weltklasseniveau.

Impressionen vom Dies academicus der Universität Basel

Die Iberer sind in Basel angekommen

Kelten, Etrusker und Germanen stehen seit langem im Mittelpunkt des öffentlichen und wissenschaftlichen Interesses. Über die Iberer ist ausserhalb Spaniens jedoch bisher wenig bekannt. Zu Unrecht, denn auch dieses Volk war bis zur römischen Herrschaft 206 v. Chr. eine wichtige kulturelle und wirtschaftliche Regionalmacht.

So wie Kelten oder Germanen eine Deutung für eine Vielzahl von Stämmen ist, ist dies auch bei den Iberern der Fall. Antike Autoren erwähnten u. a. die Cessetani, Ilercavones, Sedetani, Edetani, Ilergetes, Bastetani und Contestani. Das Gebiet erstreckte sich von den Pyrenäen bis nach Südspanien entlang des Mittelmeers.

Bilder: Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig

Die Iberer kamen aus Nordafrika und überquerten nach 1.000 v. Chr. die Meerenge von Gibraltar. Sie entwickelten eine hohe  Kultur von Städten und Siedlungen mit Steinhäusern und Göttern, mit religiöser Kunst und Ritualen, mit Münzen, Textilien, mit einer Schrift, mit Skulpturen, (Elfenbein-)Schmuck, Ackerbau, Viehzucht, mit internationalem Handel und Schifffahrt.

Das Gebiet war reich an Mineralien, Silber, Gold und Eisen. Dies war auch der Grund für das Interesse anderer Völker an den Mittelmeerländern, zunächst der Phönizier, dann der Griechen, der Punier und schliesslich der Römer. Die Blütezeit ihrer Kultur dauerte vom sechsten bis zum ersten Jahrhundert v.Chr.

Eine Reihe von Städten und Siedlungen wurden archäologisch untersucht und dokumentiert, darunter Ullastret (Ullastret), Puig Castellar (Santa Coloma de Gramanet), Burriac (Cabrera de Mar) und Masies de Sant Miquel (Banyeres del Penédes) im Norden, Sagunt (Sagunt), Punta del Llops (Olocau) und Castellet de Bernabé (Llíria) im Mitten und Baza (Baza), La Picola (Santa Pola) und Puente Tablas (Jaén) im Süden. Mehrere kleinere und grössere Siedlungen wurden lokalisiert, aber noch nicht archäologisch untersucht.

Bild: Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig

Die Städte zeichnen sich durch das Vorhandensein von Stadtmauern und anderen Befestigungsanlagen sowie wirtschaftlichen Zentren für die Lagerung von Waren wie Getreide, Wein, Oliven und anderen Lebensmitteln aus. Sie beherbergten Handwerksstätten, Tempel und andere Heiligtümer sowie Friedhöfe mit monumentalen Nekropolen für die Elite.

Diese urbanisierten Gebiete waren die Wirtschafts- und Machtzentren der lokalen Fürsten und Stämme. Ausserdem gab es zahlreiche landwirtschaftliche Siedlungen und Gebäude. Wie bei den Germanen und den Kelten handelte es sich bei den Iberern um eine hierarchische Kultur mit einem Monarchen und Adligen an der Spitze der Pyramide.

Impressionen von der Ausstellung ‚Iberer‘, © Ruedi Habegger, Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig

Im 19. und 20. Jahrhundert wurden zahlreiche archäologische Entdeckungen gemacht, die in verschiedenen (vor allem spanischen) Museen ausgestellt und in vielen (ebenfalls vor allem spanischen) Publikationen dokumentiert sind. Nicht nur die iberische Kultur, Gesellschaft und Kunst faszinieren, sondern auch die frühen Beziehungen zu anderen Mittelmeerregionen.

Bereits im neunten Jahrhundert v. Chr. liessen sich die Phönizier (in etwa die Bewohner des heutigen Libanon) in der Region nieder. Cádiz, La Rebanadilla, Cerro del Villar, Toscanos und Huelva sind einige Beispiele dafür. In den folgenden Jahrhunderten folgten die Griechen, unter anderem mit der Gründung der Stadt Empúries (Empórion).

Diese Siedlungen waren in erster Linie Handelsplätze (Faktoreien) für die Lagerung und den Handel über das Mittelmeer hinweg, unter anderem mit Elfenbein, Textilien und Keramik aus dem Osten und Rohstoffen, vor allem Eisen und Holz sowie mit landwirtschaftlichen Produkten und Lebensmitteln aus Iberien.

Stele von Palermo (Teruel), 2./1. Jahrhundert v. Chr. Museu d´Arqueologia de Catalunya

Die iberische Kultur übernahm jedoch bald Merkmale der griechischen und phönizischen Kultur, wie die Ausstellung anhand verschiedener Objekte zeigt. Elfenbein, Glas, technische Innovationen und unter anderem das phönizische Alphabet hielten durch diese Kontakte Einzug bei den iberischen Stämmen.

Obwohl die Strasse von Gibraltar in dieser Zeit als das Ende der Welt angesehen wurde, war genau diese Region bis zum sechsten Jahrhundert v. Chr. das Zentrum des Mittelmeerhandels zwischen Ost und West. Im sechsten Jahrhundert trat dann jedoch eine neue Supermacht auf den Plan: Karthago und die punische Kultur.

Karthago wurde 814 v. Chr. von Phöniziern als Handelsposten am Mittelmeer gegründet. Die Stadt entwickelt sich zu einem mächtigen Stadtstaat und spielt im sechsten Jahrhundert eine dominierende Rolle in den ebenfalls von Phöniziern gegründeten Städten auf der anderen Seite der Strasse von Gibraltar.

Als die Hauptstadt der Phönizier, Tyros, im heutigen Libanon 573 v. Chr., vom babylonischen König Nebukadnezar erobert wird, ergreift Karthago seine Chance. Karthago beherrscht nun nicht nur die Inseln Korsika und Sardinien, sondern auch die iberischen Gebiete.

Bild: Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig

In den folgenden Jahrhunderten kommt jedoch eine weitere Supermacht hinzu: Rom. Karthago und Rom streiten um die Macht im Mittelmeerraum und auch in Spanien. Daraus resultieren drei Punische Kriege: 237-219, 218-206 (mit dem Feldzug Hannibals) und der letzte 149-146 v. Chr. Die Römer siegen schliesslich und besetzen ab 206 v. Chr. das Gebiet der iberischen Stämme. Die rasche Romanisierung setzte dann der iberischen Kultur ein Ende. Erst im Jahr 19 v. Chr. eroberte Kaiser Augustus übrigens die anderen Gebiete Spaniens (und Portugals), aber das ist eine andere Geschichte.

Münzen, Schrift und die Sprache

Die iberische Sprache unterschied sich von den anderen Sprachen auf der iberischen Halbinsel. Die anderen Hauptsprachen waren die keltisch-iberische Sprache, die lusitanische Sprache (Portugal), die turdetanische Sprache und die vascoaquitanische Sprache (das heutige Baskenland und Gebiete im Südwesten Frankreichs).

Die iberische Sprache hat je nach Region drei Varianten: die nordöstliche, die südöstliche und die griechisch-iberische Variante bei Alicante. Die iberische Schriftsprache verschwand bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. im Zuge der Romanisierung.

Bilder: Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig

Die wichtigsten Informationen über die iberische Schrift stammen aus etwa 2500 Inschriften. Obwohl sie noch nicht entziffert sind, wurde bestätigt, dass auch ihnen das Alphabet der Phönizier zugrunde liegt. Es scheint auch Ähnlichkeiten mit dem Baskischen zu geben. Nach der Römerzeit (5. Jh. n. Chr.) war auch das Iberische als gesprochene Sprache vollständig verschwunden, eine Parallele zur Geschichte der  Keltischen Sprache

Die hohe Entwicklung der Region zeigt sich nicht nur in der Herstellung von Gebrauchs-, Kunst- und Kultgegenständen, sondern auch im Münzwesen. Die Währung spielte eine wichtige Rolle für den Handel im Mittelmeerraum. Aus archäologischer und kulturgeschichtlicher Sicht ist diese Quelle aufgrund ihrer Abbildungen und Inschriften sowie ihrer guten Haltbarkeit von grosser Bedeutung.

Schlussfolgerung

Die Ausstellung „Iberer“ in fünf Sprachen (Deutsch, Französisch, Katalanisch und Kastilisch) ist ein echter Augenöffner mit vielen Objekten, die Spanien zum ersten Mal verlassen haben. Zum ersten Mal? Der Silberschatz von Tivissa aus der Siedlung Castellet de Banyoles blieb zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) in Genf.

Einige Objekten des Silberschatzes von Tivissa , 250-195 v. Chr. Museu d’Arqueologia de Catalunya

Die in den nördlichen Ländern fast vergessene Kultur der Iberer und ihre Beziehungen zu den ältesten Zivilisationen des Mittelmeers sind eine gelungene Fortsetzung der vorangegangenen Ausstellungen und fügt sich nahtlos in die ständige Sammlung des Museums ein.

(Quelle und weitere Informationen: Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig; Museu d’Arqueologia de Catalunya).

Korrektorin: Petra Ehrismann

Eindrücke aus der Ausstellung ‚Iberer‘

Statuette einer Adorantin, Bronze, 4. – 2. Jahrhundert v. Chr., aus dem Heiligtum von Cueva de la Lobera, Castellar (Jaén). © Museu d’Arqueologia de Catalunya 

Foto: © Ruedi Habegger, Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig