Eine Zukunft für wessen Vergangenheit?

Das Denkmalschutzjahr 1975 stand unter dem Motto «Eine Zukunft für unsere Vergangenheit». Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums fragt eine Tagung wer mit «uns» gemeint ist.

ICOMOS Suisse, die ETH Zürich, die EPFL und die NIKE veranstalten vom 22. bis 24. Oktober 2025 auf dem Monte Verità in Ascona die Tagung ‘Eine Zukunft für wessen Vergangenheit?  Das Erbe von Minderheiten, Randgruppen und Menschen ohne Lobby‘.

Die Tagung ist interdisziplinär ausgerichtet und richtet sich an Fachpersonen aus den Bereichen Bau- und Bodendenkmalpflege, Heritage Studies, Sozialanthropologie, Geschichts- und Sozialwissenschaften, Architektur- und Kunstgeschichte, Vertreterinnen und Vertreter von Minderheiten, Randgruppen und Menschen ohne Lobby sowie Personen aus dem Integrationsbereich.

Alle Unterlagen und weitere Informationen zum Call for Papers und zur Tagung finden sich auf der Tagungswebsite.

Kloster St. Petersinsel und Jean-Jacques Rousseau

Die erste Kirche auf der St. Petersinsel  im Bielersee (Kanton Bern) wurde in der Merowingerzeit (7. und 8. Jahrhundert) errichtet. Dieses Gebäude wurde später um einen rechteckigen Chor erweitert.

Die Kirchen und Klostergebäude, 8.–20. Jahrhundert

Die Kirche (errichtet um 1120), auf der linken Seite. wurde während der Reformation (1530) zerstört. Auf der rechten Seite die eingestürzte Basilika (11. Jahrhundert), die nie fertiggestellt wurde. Bild: Kloster St. Petersinsel

Die Abtei Cluny erwarb die Insel im 11. Jahrhundert. Cluny stiftete ein Priorat und legte den Grundstein für eine grosse dreischiffige Basilika, welche jedoch nie gebaut wurde. Die Fundamente dieser Basilika stehen in direktem Zusammenhang mit den Klöstern von Cluny II (980) und Romainmôtier III (1028).

Eine neue romanische Kirche und weitere Klostergebäude wurden um 1120  erfolgreich errichtet. Die Kirche wurde während der Reformation im Jahr 1530 zerstört. Die Stadt Bern war der neue Eigentümer und nutzte den Komplex als Spital.

Heute beherbergt das Gebäude ein Hotel und Restaurant.

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) hielt sich 1765 auf der Insel auf und schrieb:

„Schon mehrfach  habe ich an bezaubernden Orten gewohnt, aber keinem verdanke ich so wahrhaft glückliche Stunden, und keinem trauere ich so innig nach wie der St. Petersinsel im Bielersee“.

(De toutes les habitations où j’ai demeuré et j’en ai eu de charmantes, aucune ne m’a rendu si véritablement heureux et ne m’a laissé de si tendres regrets que l’île de Saint-Pierre au milieu du lac de Bienne„, aus Jean-Jacques Rousseau, ‚Rêveries du promeneur solitaire‘, (Träumereien eines einsamen Spaziergängers).

 

Museum Jean-Jacques Rousseau 

Ein archäologischer Pfad zeigt die Geschichte des Klosterkomplexes und seine Überreste aus der keltischen, römischen und merowingischen Zeit, darunter Pfahlbauten, römische Funde und Sarkophage aus der Merowingerzeit.

Eine römische Säule

Die Sarkophage, rund um 700

Die alte Mauer, errichtet um 177o

(Quelle: D. Gutscher, A. Moser, St. Petersinsel, Bern, 2010)

Korrektorin: Melinda Fechner

Die Eiserne Hand und die Gedenkstätte Riehen 1933-1945

Der vielgestaltige Grenzverlauf der heutigen Schweiz mit seinen vielen Windungen, Aus- und Einstülpungen und sogar einigen ausländischen Enklaven ist das Ergebnis von Natur, Politik und  Zufall. Die Grenzen der 26 Kantone weisen eine vergleichbare Gestalt auf und es gibt auch innerhalb einiger Kantone  Enklaven anderer Kantone.

Seit 1803 bildete der Hochrhein (und der Bodensee) die natürliche Grenze zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft auf der linken Rheinseite und dem Grossherzogtum Baden und dem Königreich Württemberg, und seit 1947 dem Bundesland Baden-Württemberg.

Sammlung: Dreiländermuseum Lörrach

Bezüglich Links- und Rechtsseitigkeit gibt es aber auch Ausnahmen: Der Kanton Schaffhausen liegt weitgehend auf dem rechten Rheinufer, der Kanton Zürich erstreckt sich ebenfalls über mehrere Quadratkilometer auf der rechten Seite des Grenzflusses.

Eine Besonderheit auf dem rechten Rheinufer ist jedoch der Kanton Basel-Stadt. Er besteht aus drei Gemeinden: Basel, Riehen und Bettingen. Riehen und Bettingen liegen ganzflächig auf der rechten Rheinseite, aber auch ein Teil Basels (Kleinbasel) liegt auf der „deutschen“ Seite des Rheins, wobei der Badische Bahnhof der Deutschen Bahn (DB) in Kleinbasel zusätzlich deutsches Gebiet auf Schweizer Grund ist.

Heute ist dies kein Hindernis für den Personenverkehr. Doch in der Zeit von 1933 bis 1945 und besonders ab 1938 war es für viele eine Grenze zwischen Leben und Tod, Freiheit und Diktatur.

Die Eiserne Hand heute 

1933 – 1945

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 führte von Anfang an zu Terror und Verfolgung von politischen Gegnern, Andersdenkenden und jüdischen Bürgern. Nach dem Pogrom vom 9. November 1938 (Kristallnacht) bis zur Besetzung und Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 überquerten Tausende von (jüdischen) Flüchtlingen aus Deutschland und Österreich und aus den besetzten Gebieten, alliierten Soldaten und Zwangsarbeitern diese Schweizer Grenze auf der rechten Rheinseite.

Der deutsche Feldzug gegen die Niederlande, Belgien, Luxemburg und Frankreich im Mai 1940 führte zwar nicht zu einem deutschen Einmarsch in die Schweiz, aber entsprechende Pläne waren vorhanden (Operation Tannenbaum).

Vielleicht hat die schnelle Kapitulation Frankreichs diese Invasion verhindert. Für Deutschland (und Italien) überwogen die Kosten nicht mehr die Vorteile eines neutralen Nachbarlandes mit wichtigen Verkehrsverbindungen und einer (Finanz- und Rüstungs-)Industrie, die nicht bombardiert werden konnte.

Die ständige Angst vor einer deutschen Invasion bestimmte jedoch  das tägliche Leben im Kanton Basel-Stadt und in der Schweiz (siehe auch die deutsche Besetzung Italiens 1943 und Ungarns 1944).

Sammlung: Gedenkstätte Riehen

Jedenfalls wurde und blieb die rechtsrheinische Grenze ab dem 10. Mai 1940 mit Barrikaden und Patrouillen hermetisch abgeriegelt. Für viele Bewohner bedeutete dies das Ende jahrhundertelanger selbstverständlicher sozialer und wirtschaftlicher Kontakte, Beziehungen und familiärer Bindungen.

Zudem lebten oder arbeiteten schon damals viele Deutsche im Kanton Basel-Stadt und unterstützten das neue Regime. Der überwiegenden Mehrheit der Schweizer Bürger gefiel das „Hilter-Zeug“ jedoch nicht, was wiederum zu Spannungen mit der grossen deutschen Gemeinschaft führte.

Sammlung: Gedenkstätte Riehen

Flüchtlinge

Die ständige Angst vor Deutschland, die wirtschaftlichen Probleme, die Arbeitslosigkeit, die Armut von Teilen der Bevölkerung und der Zeitgeist des Antisemitismus forderten jedoch von vielen (jüdischen) Flüchtlingen ihren Tribut.

Die Schweiz war ab 1940 eine demokratische, multikulturelle Oase, umgeben von rücksichtslosen Diktaturen. Hitler hatte die Schweiz einst als „Ungeheuer“ bezeichnet, und „Heim ins Reich“ war auch für die deutschsprachige Schweiz vorgesehen.

Mussolini hatte die Annexion der italienischsprachigen Gebiete der Schweiz im Sinn (Irredentismo). Zugeständnisse, Kompromisse und Zusammenarbeit mit diesen Diktatoren waren für das kleine Land inmitten einer Wüste von Tausenden von Kilometern Diktatur eine Frage des Überlebens.

Sammlung: Gedenkstätte Riehen

Die Einzelheiten der offiziellen Schweizer Haltung gegenüber jüdischen und anderen Flüchtlingen sind gut beschrieben und bekannt (siehe u.a. den Bericht der Bergier-Kommission vom 22. April 2022). Bundespräsident Kaspar Villiger hatte diese Haltung im Namen der Schweizer Regierung bereits in einer Erklärung vom 9. Mai 1995 treffend zusammengefasst:

Ich will aber nicht verhehlen, dass es einen Bereich gab, der sich aus heutiger Sicht der Rechtfertigung durch irgendwelche „äusseren Umstände“ entzieht. Es steht für mich außer Zweifel, dass wir mit unserer Politik gegenüber den verfolgten Juden Schuld auf uns geladen haben.

 Die Angst vor Deutschland, die Furcht vor Überfremdung durch Massenimmigration und die Sorge um politischen Auftrieb für einen auch hierzulande existierenden Antisemitismus wogen manchmal stärker als unsere Asyltradition, als unsere humanitären Ideale.

 Schwierige Zielkonflikte wurden auch überängstlich zu Lasten der Humanität gelöst. Wir haben damals im allzu eng verstandenen Landesinteresse eine falsche Wahl getroffen. Der Bundesrat bedauert das zutiefst, und er entschuldigt sich dafür, im Wissen darum, dass solches Versagen letztlich unentschuldbar ist“.

Riehen und die Eiserne Hand. Sammlung: Gedenkstätte Riehen

Die Eiserne Hand

Die Tragödie für die jüdischen Flüchtlinge spielte sich an allen Schweizer Grenzposten ab, im Tessin, in Genf, St. Gallen, Schaffhausen, Graubünden und anderen Grenzkantonen.

Die Situation auf der rechten Rheinseite im Kanton Basel-Stadt war jedoch aussergewöhnlich.

Zum einen gab es die Zugverbindungen zum Badischen Bahnhof über Schweizer Gebiet (Wiesentalbahn), von Weil am Rhein über Kleinbasel nach Grenzach und von St. Louis zum französischen Bahnhof in Basel. Flüchtlinge nutzten diese Züge manchmal, um auf Schweizer Gebiet aus den Zügen zu springen.

Die Eiserne Hand heute

Der wichtigste Fluchtweg war jedoch die Eiserne Hand in der Gemeinde Riehen. Dabei handelt es sich um einen etwa 2 Kilometer langen und 300 Meter breiten Streifen, der sich wie eine Hand (oder ein Finger) nach Deutschland erstreckt.

Nur dieses Gebiet hatten die Deutschen aus Materialmangel nicht mehr mit Stacheldraht und anderen Barrikaden umzäunt, und die Schweizer Regierung weigerte sich entgegen deutscher Ermahnungen, dies zu tun.

Maienbühl heute

Trotz zahlreicher Patrouillen erreichten Tausende von Flüchtlingen diese Grenze. Der Bauernhof Maienbühl war oft die erste Anlaufstelle, wo eine gastfreundliche Unterkunft angeboten wurde.

Allerdings gab es eine Meldepflicht für Flüchtlinge, und dann begann das bürokratische Verfahren mit Grenzpolizei und Behörden. Jüdische Flüchtlinge waren nach Ansicht des Bundesrats und des Parlaments keine politischen Flüchtlinge und mussten deshalb zurückgeschickt werden. Die Grenze der Hoffnung und des Lebens wurde so zu einer Grenze der Enttäuschung und des Todes.

Die meisten Bürger nahmen die Asylpolitik als selbstverständlich hin. Eine kleine Minderheit von Organisationen, Kirchen, Polizisten, Grenzwächtern und Politikern widersetzte sich jedoch der Politik der nationalen Regierung und half den Flüchtlingen, eine Unterkunft und Papiere zu bekommen.

Selbst einige Grenzwächter schickten Flüchtlinge nicht zurück. Die grosse Mehrheit jedoch erfüllte ihre bürokratischen Pflichten, wenn auch oft, wie Archive bezeugen, mit grossem Widerwillen.

Bei Grenztein 51 wurden viele Flüchtlinge wieder über die deutsche Grenze zurückgeschickt, aber für viele andere bedeutete es Freiheit und Leben. Sammlung: Gedenkstätte Riehen

Auch die Regierung des Kantons Basel-Stadt war mit der Politik des Bundesrats nicht einverstanden und nutzte ihre kantonale Freiheit, um dennoch möglichst vielen Flüchtlingen eine Aufenthaltsbewilligung zu erteilen. Für viele war die Eiserne Hand jedoch keine Hilfe.

Gedenkstätte

Die Gemeinde Riehen gibt dieser Geschichte und vor allem den Geschichten der geretteten und abgewiesenen Flüchtlinge ein Gesicht und manchmal sogar eine Stimme. Ein umfangreiches Dokumentationszentrum, viele persönliche Zeugnisse von Grenzwächtern, Anwohnern, Flüchtlingshelfern, Politikern und Journalisten rücken diese Tragödie ins rechte Licht.

Dieser Ort urteilt nicht. Er stellt jedoch das Zeugnis von Kaspar Villiger in den Vordergrund, zusammen mit einigen Bürgern, Beamten und Politikern, die der Politik des Bundesrats nicht gefolgt sind.

Sammlung: Gedenkstätte Riehen

Die Schweiz ist nicht das einzige Land, das von dieser Vergangenheit eingeholt wird. Es ist leicht, im Nachhinein zu urteilen und vor allem zu verurteilen. Wer die wahren Helden sind, wenn es darauf ankommt, lässt sich in Friedenszeiten und in einer Demokratie nicht vorhersagen. Das Gleiche gilt heute für die vielen Aktivisten in verschiedenen Bereichen.

Auf jeden Fall ist es nicht so, dass die Schweiz als Nation gegen die deutschen und italienischen Aggressoren versagt hat. Das Land hatte keine Wahl und hat sich diesen Diktaturen nach besten Kräften widersetzt.

Zu guter Letzt gab es auch auf deutscher Seite einige Menschen im Widerstand oder die ihr Leben riskierten, um Juden und anderen Flüchtlingen zu helfen.

Bild: Gedenkstätte Johann George Elser, Königsbronn

Besondere Erwähnung verdient Johann Georg Elser (1903-1945), ein Schreiner aus Königsbronn. Er verübte am 8. November 1939 in München ein erfolgloses Attentat auf den Führer. Anschliessend wurde er in der Nähe von Konstanz an der Grenze zur Schweiz von deutschen Grenzwächtern verhaftet.

(Quelle und weitere Informationen: Gedenkstätte Riehen)

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Eindrücke aus der Eiserne Hand 

Grenzstein 60 Sammlung: Dreiländermuseum Lörrach

Eindrücke aus der Gedenkstätte Riehen

Eindrücke aus der Umgebung

Inzlingen (Duitsland)

Elsässerditsch, Der Kleine Prinz und alemannische Mundartdichter

Sprachen sind nach wie vor das wichtigste Kommunikationsmittel, mündlich, schriftlich, in Worten und in Gesten. In der mehrsprachigen Schweiz kennt man sich damit aus.

Aber auch die Nachbarregionen haben eine interessante Sprachgeschichte und -entwicklung. Das gilt für Savoyen in Frankreich, Südtirol (Adige), das Aostatal, Piemont und die Lombardei in Italien, Tirol und Vorarlberg in Österreich, die Bodenseeregion, Baden, die Franche-Comté und das Elsass.

Elsass

Die ursprünglich deutschsprachige Region Elsass wurde nach der Angliederung an Frankreich im 17. Jahrhundert schrittweise zweisprachig. Ab 1945 entwickelte sich die Region immer mehr zu einer rein französisch-sprachigen Region.

Bis zum Zweiten Weltkrieg konnten sich beispielsweise die Bewohner von Baden, Basel und vom Elsass untereinander gut im alemannischen Dialekt verständigen. Nach 1945 gingen diese Regionen jedoch sprachlich eigene Wege.

Seit einigen Jahren hat das Elsässerditsch (im Elsass gesprochenes Deutsch) ein neues Leben begonnen. Ortsnamen sind (wieder) zweisprachig (auf Elsässerditsch und Französisch), Medien und Kultur schenken ihm mehr Aufmerksamkeit.

Die jahrhundertealte alemannische und teilweise fränkische Sprache im Elsass ist also noch nicht ganz verloren. Wegen ihrer jahrhundertelangen Verbindung zu den nordwestlichen deutschsprachigen Kantonen (Solothurn, Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Aargau) und zum französischsprachigen Jura wird im Folgenden die Entwicklung des Elsässerditsch und Französisch auf der Grundlage von Informationen des Ecomusée d’Alsace in Ungersheim kurz beschrieben.

Bild: Ecomusée d’Alsace

Elsässerditsch, Französisch (und Elsässer Yiddisch (le yiddish alsacien)

Das Museum ist bestrebt, die regionale Sprache zu fördern und präsentiert daher ein Modell betreffend eine regionale Beschilderung für die Gemeinden im Elsass.

Man unterscheidet fünf germanischen Dialektgruppen sowie zahlreiche Varianten:

Hochalemannisch im südlichen Elsass, Niederalemannisch im Norden, Niederalemannisch im Süden, Pfälzer Rheinfränkisch (francique rhénan palatin) im nördlichen Elsass und Lothringisches Rheinfränkisch (francique rhénan lorrain  oder Lothringer Platt) im Krummen Elsass (l’Alsace Bossue) nahe Lothringen.

Darüber hinaus gibt es im Elsass verschiedene andere Mundarten: das elsässische Yiddisch, das Romanisch-Lothringische (le roman-lorrain) und die im südlichen Oberelsass (le roman du Haut-Rhin) gesprochene romanische Mundart.

Diese Dialekte entstammen Mundarten, die der deutschen und französischen Sprache zugrunde liegen, aus denen sich das Hochdeutsch und das moderne Französisch entwickelt haben. Die germanischen Dialekte im Elsass kommen in den angrenzenden Gebieten der Schweiz, Deutschlands und Österreich vor.

Die romanischen Mundarten

Es gibt 4 Vogesen-Hochtäler im Elsass, in denen die romanisch-lothringischen Mundarten präsent sind: Bruche, Lièpvrette, Giessen und Weiss. Sie werden im Elsass „Welche“ genannt. Diese Mundarten sind vom Lateinischen abgeleitet, das von Soldaten, Händlern und Verwaltern und anschliessend von den Geistlichen verbreitet wurde.

Diese romanisch-lothringischen Mundarten im Elsass gehören zu den Oïl-Sprachen, die alle romanischen Sprachen nördlich der Loire umfassen, und aus denen das moderne Französisch entstand. In den Gebieten nahe der fränkischen und alemannischen Sprachgrenze flossen ihre Ausdrücke in die romanischen Mundarten ein.

Die im Süden des Oberelsass, im Franche-Comté und im Schweizer Jura präsente romanische Mundart (le roman du Haut-Rhin) entwickelte sich um das 7. Jahrhundert. Wörter keltischen und alemannischen Ursprungs wurden auch hier übernommen.

Heute ist das moderne Französisch fast überall Standard, sowohl in Frankreich als auch in der französischsprachigen Schweiz. Das Patois ist praktisch verschwunden oder spielt keine Rolle mehr, abgesehen von einigen wenigen Regionen, wie z.B. dem Wallis.

Fazit

Heute ist es kaum noch vorstellbar, dass die Elsässer mit den Baslern und Badenern bis 1945 problemlos in ihrem Dialekt sprechen konnten!

Zu diesem Aspekt, den Dialekten und der Geschichte der deutschen Sprache (und noch viel mehr) bietet das Museum Sprachpanorama in Laufenburg ausführliche und interessante Einblicke.

Das Ecomusée d’Alsace stellt sein Sprachmodell in die Perspektive des Elsass der vergangenen Jahrhunderte, sozusagen ein Ballenberg im Elsass.

Ausserdem schaut der Petit Prince aus einer kleinen Entfernung zu, nämlich im Parc du Petit Prince, in der Welt von Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944).

Der Autor des Kleinen Prinzen (Le Petit Prince) wäre stolz auf die Ausgabe ‚´D’r Klein Prinz‘ seiner weltberühmten Geschichte im elsässischen Dialekt gewesen.

Auch der DreylandDichterweg entlang dem Rhein mit 24 Gedichten alemannischer Mundartdichter thematisiert den lokalen Dialekt. Er verläuft von Basel nach Huningue und Weil am Rhein.

(Quelle und weitere Informationen: Ecomusée d’Alsace in Ungersheim)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Weitere Eindrücke aus dem Ecomusée d’Alsace

   

 

50 Jahre Musée international d’horlogerie in La Chaux-de-Fonds

Das Jubiläum des Musée International d’horlogerie (MIH), das sich im Herzen des Parc des musées in La Chaux-de-Fonds (Kanton Neuenburg) befindet, wird am Wochenende des 19. und 20. Oktober auf den Tag genau 50 Jahre nach seiner Eröffnung in grossem Stil gefeiert.

Neben einem Programm mit Führungen, Workshops und Vorführungen bietet das Museum dem Publikum mehrere künstlerische Darbietungen zu Ehren des symbolträchtigen brutalistischen Gebäudes.

Zu den weiteren Höhepunkten am Samstag, dem 19. Oktober ab 10 Uhr gehören die Marionetten von La Turlutaine in einer neuen Kreation, die Sänger von Evaprod und die Blind Tests von L’Amuse-Bar, die die Party mit dem Ausblasen der Kerzen einer riesigen Geburtstagstorte um 22.30 Uhr zum Höhepunkt bringen werden.

Am Sonntag, dem 20. Oktober, bilden acht Tänzer der Compagnie MOOST unter der Leitung von Marc Oosterhoff und Tänzer von ADN-Danse Neuchâtel auf den Dächern des MIH den Abschluss dieses Jubiläumswochenendes.

An beiden Tagen präsentiert das MIH der Öffentlichkeit um 13.30 Uhr und um 15.30 Uhr ein einzigartiges, kürzlich erworbenes Werk.

La Chaux-de-Fonds, Musée international d’horlogerie: Samstag, 19. Oktober, 10:00–17:00 Uhr und 20:00–24:00 Uhr. Sonntag, 20. Oktober, 10:00–17:00 Uhr, Eintritt frei.

(Quelle und weitere Informationen: www.mih.ch)

Handweberei Tessanda und der European Textile & Craft Award

Die Europäische Textilakademie, eine unabhängige und internationale Plattform für fachübergreifenden Wissenstransfer im Textilgewerbe, richtet den European Textile & Craft Award Preis aus.

Es sollen besondere Leistungen aus zeitgenössischem und traditionellem Handwerk sowie Kunstberufen und deren Verbindung zur Welt des Design gewürdigt werden. Die Tessanda ist 2024 mit dem ersten Preis in der Kategorie Textiles Handwerk (Textile Craft) ausgezeichnet worden.

Die Jury-Begründung:

«Die Vielseitigkeit bei sehr gutem Design und einem sehr guten Gesamtkonzept ist beeindruckend. Sehr gute, vor allem zeitgemässe Produktideen bei denen das „Handgemachte“ nicht Selbstzweck, sondern ein angenehmes „Ad on“ ist.

Beim eingereichten Stück – Maurus, einer Schürze mit abnehmbarem Ledergurt – finden Entwurf, Design und handwerkliche Umsetzung auf hohem Niveau zusammen.

Die Niederlassung in Sta. Maria mit alten Webstühlen, vergleichsweise großer Produktion und hoch gesteckten Zielen für die Zukunft, tragen gemeinsam beispielhaft zur Aufwertung und Verbreitung des Webhandwerkes bei.

Erwähnenswert ist abgesehen von der qualitativ hochwertigen Verarbeitung das länder- und talübergreifende Generations- und Handwerksprojekt, das so viele, vorwiegend für Frauen, Arbeitsplätze in einem 300 Bewohner Dorf schafft.»

Tessanda

Die Handweberei Tessanda in Sta. Maria (Kanton Graubünden) wurde 1928 gegründet, um Frauen eine Arbeitsstelle und die Möglichkeit einer anerkannten Fachausbildung als Handweberin zu bieten. Die Gründung der Tessanda erfolgte unter dem Patronat des seit 1910 existierenden gemeinnützigen Vereins «Società ütil public Val Müstair».

Parallel zum Aufbau der Tessanda gründete der Verein «Società ütil public Val Müstair» auch die Berufsschule Sta. Maria, welche heute noch aktiv ist und wo noch immer 3x jährlich die zweiwöchigen Blockkurse der angehenden Weberinnen aus der ganzen Schweiz stattfinden.

Die Berufsschule in Sta. Maria ist ihres Zeichens die kleinste der Schweiz und untersteht immer noch der «Società ütil public Val Müstair». Die Tessanda ist seit 1955 eine eigenständige Stiftung.

Heute ist die Tessanda eine der drei übrig gebliebenen, professionellen Handwebereien der Schweiz und ein wichtiges Kulturgut des Val Müstair. Sie webt noch wie damals von Hand auf hölzernen, teilweise über hundertjährigen Webstühlen. Zurzeit arbeiten 17 gut ausgebildete und erfahrene Handweberinnen und Näherinnen in der Tessanda.

Flachs

Vor hundert Jahren wurde noch Flachs (Lein) im Val Müstair angepflanzt. Aus dem selbstgesponnenen Garn woben die Münstertalerinnen von Hand Hemden, Bettwäsche und Küchentücher usw. auf ihren traditionellen Webstühlen. Meist waren es Textilien für den Eigengebrauch.

Die Verarbeitung der geernteten Flachspflanzen zu natürlichem Leinengarn ist aufwändig und mühsam. Deshalb verschwanden nach und nach die Flachsfelder aus dem Val Müstair und aus der ganzen Schweiz. Die Verarbeitung wurde zu teuer.

Flachsfelder sind aber nicht nur gute Garnlieferanten, sie sind auch sehr wertvoll für die Förderung der Biodiversität. Der Naturpark Biosfera Val Müstair und die Tessanda haben deshalb im Jahr 2021 das Projekt «Wiederanbau von Flachs im Münstertal (Val Müstair)» lanciert. Seither haben zwei Bauern und einige Privatpersonen Flachs angepflanzt und geerntet.

Im Oktober 2023 hat die erste «Flachs-Brächete» stattgefunden. Man trifft sich nach der Ernte der getrockneten Flachspflanzen für die gemeinsame Weiterverarbeitung. Die Stängel werden auf alten Geräten geriffelt, gebrochen und dann gehechelt. Die letzte Brächete fand am 12. Oktober bei der Tessanda statt.

(Quelle und weitere Informationen: Handweberei Tessanda, Sta. Maria)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Museum d’engiadina bassa Scuol

Eine Ausstellung über die Handweberei Tessanda und Chalandamarz

Die Brückenbauer, die Emme, das Alphorn und das Regionalmuseum des Emmentals

Das Dorf Langnau (Kanton Bern) im Oberen Emmental wurde erstmals 1139 in einer Urkunde erwähnt. Bis 1300 herrschten die Herren von Kyburg, Langnau und Spitzenberg in dieser Region.

Um diese Zeit verkauften die Spitzenberger ihre Burg Spitzenegg mit den Rechten an Langnau an die Habsburger. Auch das 1130 gegründete Kloster Trub erwarb nach 1300 zahlreiche Güter in der Region und in Langnau.

Nach der Schlacht von Sempach (1386) gewann Bern die Oberhand in der Region. Ab 1406 ist Langnau Teil der Landvogtei Trachselwald und gehört zum Kanton Bern.

Der Begriff Dorf ist etwas irreführend, denn wie so viele Dörfer in der Schweiz hat Langnau eine städtische Ausstrahlung, darunter das im 15. Jahrhundert erlangte Marktrecht und andere Privilegien. Heute ist es eigentlich ein Städtchen oder Flecken in einer Region mit rund 50‘000 Einwohnern.

Natürlich nehmen die Produktion und der Handel mit Emmentaler Käse auch hier einen wichtigen Platz ein, aber der Ort war auch für seine Keramik, Weberei, Textilien und den Orgelbau (Schwyzerörgeli oder die sogenannten Langnauerli) und andere Tätigkeiten und Dienstleistungen bekannt.

Trotz der landschaftlichen Idylle des Emmentals, dessen bekanntester Vertreter Vikar Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf (1797-1854) ist, war die Region im 17. Jahrhundert bis 1730 auch Schauplatz von rücksichtslosen Täuferverfolgungen und Bauernaufständen. Das Obere Emmental ist also nicht nur eine liebliche Landschaft mit grünen Wiesen, Wäldern und schönen Bauernhäusern.

Das Chüechlihus in Langnau ist eines der grössten Regionalmuseen der Schweiz und bringt auch diese Geschichte in den Fokus.

Der Holzbrückenweg und die Emme

Die Emme hat in dieser Region schon oft gewütet. Es ist surreal, sich diesen ruhig dahinplätschernden Fluss als wild wogende Masse aus Baumstämmen, Steinen und Felsen vorzustellen, die alles in ihrem Weg pulverisiert, auch die vielen Holzbrücken. Und doch verändert selbst dieser schöne Fluss ein paar Mal im Jahr seine Gestalt, eine Art Jekyll und Hyde unter den Flüssen (übrigens nicht der einzige).

Die Horbenbrücke (1834) bei Eggiwil zum Beispiel ist die einzige Brücke, die das Hochwasser der Emme im August 1837 überstanden hat. Im Jahr 2007 wurde diese Brücke wegen der immer schwerer werdenden Lkws und Autos durch eine Betonbrücke ersetzt. Aus Respekt ist aber die alte Horbenbrücke erhalten geblieben und kann neben der neuen Brücke besichtigt werden.

Der sogenannte Holzbrückenweg des Oberen Emmentals weist auf weniger als 25 Kilometern 18 gedeckte Holzbrücken über die Emme und ihre Nebenflüsse auf, dazu kommen kleine Holzbrücken (Stege) und moderne Brücken (aus Beton). Im 19. Jahrhundert gab es sogar ein „Brückenfieber“!

Daneben hat das Obere Emmental noch weitere (natürliche) Sehenswürdigkeiten zu bieten. Der Rämisgummen gilt als einer der schönsten Alpenweiden des ohnehin schon wunderbaren Emmentals.

Das Räbloch in der Emmeschlucht ist ebenfalls ein beeindruckendes Bauwerk der Natur. Die Schlucht entstand unter Gletschereis. Noch in der letzten Eiszeit war das Räbloch, im Gegensatz zum übrigen Emmental, eisbedeckt. Der Emmegletscher reichte bis Chnubel. Auch die Schrattenfluh beim Dorf Schangnau ist ein Kunstwerk der Natur.

Aber auch Menschenhand war am Werk, und das schon seit prähistorischen Zeiten. Einer der ersten von Menschenhand geschaffenen Verkehrstunnels der Schweiz ist nicht der Gotthardtunnel von 1882, sondern das Hegeloch von 1840. An der Strasse vom Weiler Hüpfenboden nach Girsgrat gelegen, wurde dieser Tunnel 840 von lokalen Bauern mit finanzieller und logistischer Unterstützung der Regierung gebaut.

Eggiwil

Eggiwil (Kanton Bern, Bezirk Signau) ist ein Dorf im Oberen Emmental an der Mündung des Röthenbachs in die Emme. Das Dorf ist daher von Wasser umgeben und über Brücken erreichbar, darunter drei Holzbrücken und eine Betonbrücke (Beisatzgasse-Brücke).

Das Dorf beherbergt mehrere legendäre Produkte, darunter das BachmannAlphorn und die Produktion von Emmentaler-Käse. Ferner ist es ein Standort bekannter Restaurants und Hotels, darunter das Restaurant und Hotel Hirschen und der Gasthof Bären und seine Dependance zum Bären.

Tourismus ist heute ein ebenso wichtiges wirtschaftliches Standbein wie das früher die Köhlerei, der Holz- und Holzexport mit den Flössen waren. Die Dörfer und die Natur haben dann auch einiges zu bieten!

(Quelle und weitere Informationen: Tourismus Emmental)

Der Schweizer Alpen-Club

Der Schweizer Alpen-Club (SAC/Club Alpin Suisse, CAS) organisiert regelmässig Wanderungen in diesem Gebiet (und anderswo im Land). Obwohl der Name etwas anderes vermuten lässt, organisiert der SAC nicht nur Skitouren, Bergsteigen und andere Sportarten im Hochgebirge und in den Alpen, sondern auch Wanderungen und weitere Aktivitäten in anderen Regionen.

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Eindrücke aus dem Emmental

  

Die Clavel-Villa, Augustus und Augusta Raurica

Nicht umsonst hat Kaiser Augustus (63 v. Chr. – 14 n. Chr.), dessen Standbild auf dem Landgut Castelen in Augst (Kanton Basel-Landschaft) steht, die Clavel-Villa im Visier. Zu seiner Zeit gab es Basel noch nicht und der Rhein floss noch in verschiedenen Nebenflüssen durch unbebautes Land. Es gab nur wenige kleine keltische Siedlungen, unter anderem auf dem Münsterhügel und in der Nähe des heutigen Novartis-Komplexes.

Blick auf Basel und das Rheinknie von der Clavel-Villa im Jahr 2024

Zwar wurde auch Basel in einigen Generationen „romanisiert“ und das Gebiet hiess später in römischer Zeit Basilea, doch Augusta Raurica war die bedeutende Stadt am Rhein in dieser Region. Augusta Raurica wurde 44 v. Chr. von Lucius Munatius Plancus (87 – 14 v. Chr.) gegründet, wahrscheinlich auf Initiative von Julius Caesar (100 – 44 v. Chr.).

In ihrer Blütezeit im zweiten Jahrhundert n. Chr. hatte die Stadt etwa 20‘000 Einwohner. Die Stadt war nach römischem Vorbild angelegt, mit steinernem Theater, zwei (!) Amphitheatern, Forum, Basilika, Badehäusern, Tempeln, Stadtpalästen, Wohngebieten, Hafen und einer Brücke über den Rhein.

Nach dem Abzug der Römer im fünften Jahrhundert ging auch die römische Stadtstruktur verloren und der Aufstieg Basels begann. Das Freilichtmuseum Augusta Raurica vermittelt ein faszinierendes Bild von Augusta Raurica zur Zeit des Römischen Reiches.

Das römische Theater von der Clavel-Villa aus

An der Stelle von Augusta Raurica entstanden im Mittelalter die Dörfer Augst und Kaiseraugst (Kanton Aargau) mit mehreren hundert Einwohnern. Während Jahrhunderten dienten die römischen Ruinen vor allem als Baumaterial. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts erwachte das Interesse an der römischen Vergangenheit.

Dies führte schliesslich zur Eröffnung des Freilichtmuseums Augusta Raurica im Jahr 1957. Vor allem im 19. und 20. Jahrhundert wurden die wissenschaftlichen, finanziellen und organisatorischen Grundlagen für dieses Museum gelegt.

Alexander Zschokke (1955), Büste von René Clavel im Antikenmuseum Basel

Eine der grossen Persönlichkeiten für die Realisierung des Museums war René Clavel (1886-1969), der Namensgeber der Clavel-Villa, die nicht nur Basel, sondern auch Augusta Raurica überragt.

Einladung zu einer Gartenparty in der Clavel-Villa. René Clavel nahm auch an den damals berühmten Flugwettbewerben von Gordon Bennett teil

Clavel, ein wohlhabender Basler Industrieller (und Bruder von Alexander Clavel vom Wenkenhof in Riehen), war nicht nur ein begeisterter Pilot und Ballonfahrer, sondern auch an der Antike und insbesondere an Rom interessiert. So schenkte er 1955 der Stiftung Augusta Raurica unter anderem die Domus Romana, nachdem er zuvor historisch relevantes Land zu deren Gunsten erworben hatte.

Anfang des 20. Jahrhunderts kaufte er das Grundstück und die Gebäude der heutigen Clavel-Villa. Dieser Ort verfügt auch über eine reiche römische Vergangenheit. In römischer Zeit gab es hier eine grosse Villa (domus) und Wohngebiete (insulae) für die Elite. Heute würde man von einem Villenviertel sprechen.

Doch auch dieses Villenviertel verfiel nach dem fünften Jahrhundert, und erst im 17. Jahrhundert wurden an dieser Stelle urkundlich Weinberge sowie militärische Gebäude und Kanonen erwähnt. Der Name Castelen stammt wahrscheinlich aus dieser Zeit, „auf Cästellein“.

Mauer der Clavel-Villa und Kaiser Augustus

Clavel kaufte dieses Land, das Castelen-Plateau, im Jahr 1918 mit dem Ziel, die bestehenden Gebäude in ein neues Herrenhaus, die heutige Clavel-Villa, zu integrieren. Seit 1969 befindet sich die Villa im Besitz der Römer-Stiftung René Clavel, die seither eng mit dem Museum Augusta Raurica und dem Kanton Basel-Landschaft zusammenarbeitet.

Eingang zur Clavel-Villa

Die Anlage, die Innenräume und der Garten sind, abgesehen von einigen Erweiterungen (Plenarsaal) und Renovationen, weitgehend unverändert geblieben. Der Bauherr und sein Architekt Max Alioth (1883-1968) erreichten ihr Ziel, nämlich eine historisierende Atmosphäre mit einem Blick für Handwerk und Details im sogenannten Heimatstil.

Römisches Mosaik in der Villa 

Die römische und griechische Antike spielte dabei selbstverständlich eine herausragende Rolle. Die fünf bronzenen Kopien im Garten auf der Vorderseite des Hauses und die Bronzestatuen auf der Rückseite wurden in Neapel von der Firma Chiurazzi hergestellt. Die Dekoration mehrerer Räume der Villa, darunter das Pompejanum, ist sozusagen die Vorläufer der Domus Romana.

Die Vorderseite der Clavel-Villa 

und die Rückseite

Augustus blickt mit Respekt, Erkennung und Freude auf die Villa Castelen und sogar auf Romulus und Remus. Diese, ebenfalls einer Legende über die Ursprünge Roms folgend, heben sich von dem Wolf ab, der im architektonisch angelegten Garten an der Vorderseite steht.

Der Wolf im architektonischen Garten

Romulus und Remus auf der Rückseite der Villa

Die Villa ist heute ein Treffpunkt für verschiedene kulturelle Veranstaltungen wie die Jacob Burckhardt-Gespräche, die Colloquia Raurica, universitäre Tagungen und natürlich für die Mitarbeitenden und Forschenden von Augusta Raurica.

(Quelle und weitere Informationen: H. Reinau, M. Schwezier, Castelen. Geschichte und Gegenwart, Augst 2010)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Eindrücke aus der Innerenausstattung

Bild von Gilbert Clavel (1883-1927), Bruder van René, Künstler in Italien

Das Wappen von Clavel

Eine Mühle symbolisiert die Stabilität von Kanton und Eidgenossenschaft

1461 kaufte Peter Reich von Reichenstein die Burg Landskron, zu der auch eine Mühle am Mühlbach in Flüh gehörte. Heute befindet sich die Landskron in Frankreich in der Nähe des Dorfes Leymen (Elsass), direkt hinter der Grenze zum Kanton Solothurn. Damals gehörte das Elsass jedoch noch den Habsburgern.

Flüh bestand damals aus einigen Bauernhöfen. Das Nachbardorf war Hofstetten. Heute heisst diese Gemeinde Hofstetten-Flüh (Kanton Solothurn). Hofstetten war nicht irgendein Dorf, sondern bis 1408 eines der sieben freien Reichsdörfer am Blauen. 1408 erwarben die Herren von Rotberg die sieben Dörfer.

Sie verloren dann ihre Unabhängigkeit (einschliesslich der Gerichtsbarkeit und des Eigentums an Wiesen und Wäldern), nachdem andere Herrscher (darunter der Bischof von Basel und die Herren von Hofstetten) bereits immer mehr Rechte erworben hatten.

Hofstetten

Witterswil

1515 erwarb Solothurn Hofstetten und Flüh von den Herren von Rotberg, und von da an gehörten Hofstetten und Flüh zum Kanton Solothurn. Der Kanton Solothurn hat die europäische Geschichte und die Religions- und Bürgerkriege hautnah miterlebt, ist dabei jedoch relativ unbeschadet davongekommen.

Folglich wurde die Flühmühle nie durch Krieg zerstört und steht noch heute, wenn auch seit 2004 mit Wohnzwecken. Mehr als fünfhundertfünfzig Jahre lang diente sie als Getreidemühle und ab dem 19. Jahrhundert auch als Ölmühle (Ölerei) und Mosterei.

Die Stadt Solothurn

Solothurn, Frankreich und Habsburg
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Die Reformation in den 1520er- und 1530er-Jahren führte zu bedeutenden politischen und religiösen Veränderungen in der Region. Basel und Bern wurden protestantisch, Solothurn blieb (letztendlich) katholisch.

Frankreich erwarb das südliche Elsass einschliesslich des Sundgaus und die Landskron beim Westfälischen Frieden (Ende des Dreissigjährigen Krieges) 1648, zunächst zusammen mit dem Markgrafen von Baden, ab 1663 als alleiniger Eigentümer. Sébastien le Prestre, Herr von Vauban (1633-1707), baute die Burg zu einer Festung aus. 1813 zerstörten alliierte Truppen die Festung im Kampf gegen Napoleon.

Die Landskron nach 1813

Hofstetten-Flüh, die Marienkapelle und die Flühmühle

Die erste schriftliche Erwähnung der Flühmühle stammt aus dem Verkaufsvertrag der Landskron von 1461. Ein Müller pachtete die Mühle vom Burgherrn.

Abgesehen davon, dass sie fast 550 Jahre lang als Mühle diente, hatte sie seit 1543 auch einen prominenten Platz in der Marienkapelle oder der Siebenschmerzenkapelle (15.Jahrhundert). Das Kloster Mariastein (1655 errichtet) existierte zu dieser Zeit noch nicht.

1541 war ein wichtiges Jahr für die Mühle. Am Luzientag (13. Dezember) stürzte Ritter Hans Thüring, der Sohn des Burgherrn Jacob Reich von der Landskron, in der Nähe der Marienkapelle von einer Klippe. Während der damals herrschenden Pest war er mit seinen Verwandten von Pfirt und der Landskron in die Marienkapelle geflohen, um die gesündere Luft zu genießen.

Der Überlieferung nach stieg er dann allein hinauf. Er hielt sich an einem Ast fest, um in die Schlucht hinunterzuschauen. Der Ast brach ab und er stürzte in die Schlucht. Er überlebte, nur sein Kiefer war gebrochen.

Ein anonymer Maler hielt dieses Ereignis 1543 auf dem sogenannten Mirakelbild fest. Auf diesem Gemälde sind die Episode mit der Marienkapelle und dem Bruderhaus auf der linken Seite, die Mühle in der Mitte und der Landskron auf der rechten Seite dargestellt. Die Geschichte des Sturzes mit glücklichem Ausgang ist auf der Rückseite des Mirakelbildes zu sehen.

Der Müller Werner Küry und sein Knecht Simon brachten Hans Thüring zu Pferd zur Mühle. Er wurde acht Tage lang in der Mühle gepflegt, bevor er nach Landskron gebracht wurde. Links ist der Priester Jakob Augsburger aus der Marienkapelle dargestellt. Das Gemälde wurde wahrscheinlich vom Burgherrn aus Dankbarkeit für den guten Ausgang in Auftrag gegeben.

Auch die Marienkapelle profitierte davon, denn der Burgherr schmückte sie zu Ehren Marias neu aus, unter anderem mit dem Familienwappen und dem Mirakelbild, und seither wird sie auch als Reichensteinische Kapelle bezeichnet.

Die Flühnühle heute

In diesen Zeiten der Reformation und Gegenreformation war es für den katholischen Kanton Solothurn ein nützlicher Ausgangspunkt, die Gnade Gottes und damit die katholische Überlegenheit hervorzuheben.

Die Darstellung der Mühle im Kontext der Marienkapelle und der Landskron ist eine wichtige kulturhistorische Quelle. Obwohl die Darstellung der Mühle die Realität wahrscheinlich nicht vollständig widerspiegelt, vermittelt sie einen guten Eindruck von der Mühle, ihrer Funktion und ihrem Standort.

Klooster Mariastein

Nach 1543

Die Getreidemühle wurde nach 1543 mehrmals umgebaut: Teile verschwanden oder wurden ersetzt, und die Anlage erweitert. Dennoch lässt sich die Entwicklung anhand der Fundamente gut rekonstruieren.

Die Mühle wechselte mehrmals den Besitzer, blieb jedoch ihrem Zweck als Getreidemühle treu. Das Getreide kam hauptsächlich aus der näheren Umgebung und zu einem geringeren Teil aus dem Sündgau. Im 19. Jahrhundert wurde die Anlage um eine Ölmühle und eine Mosterei erweitert.

Bad Flüh, unbekannte Künstler, 18. Jahrhundert. Kloster Mariastein rechts oben. Bild: Wikipedia

Bad Flüh: 1560–1970

Neben der Flühmühle hatte Flüh von 1560 bis 1970 noch eine weitere Attraktion: Bad Flüh. Seit 1560 war der Ort für seine Wasserquellen und das Badehaus bekannt. Mönche und Besucher von Mariastein behaupteten jedoch, die Hauptattraktion sei der Treffpunkt für (spärlich bekleidete) Männer und Frauen. Wie dem auch sei, die Anlage wurde 1970 nach längerem Niedergang abgerissen.

1900–heute

1953 wurde das grosse Holzrad der Mühle durch eine Turbine ersetzt, die später mit Strom betrieben wurde. Die Mühle war noch mehrere Jahrzehnte in Betrieb. Der letzte Bericht stammt aus dem Mai 2004. Danach wurde die Mühle zu Wohnzwecken genutzt. Die Strukturen der Mühle sind jedoch noch weitgehend intakt und die neue Wohnfunktion wird der Mühle voll und ganz gerecht.

Die Mühle (obwohl sie nicht mehr mahlt), der Talbach und der Mühlbach sind Zeugen einer Vergangenheit mit Zukunft. Der Talbach und der Mühlbach vereinigen sich fünfzig Meter weiter und fliessen als Binnbach weiter, um in die Birs zu münden.

Schlussfolgerung

Diese Kontinuität war möglich durch Renovierungen, Innovationen, gutes Management, politische Stabilität, Diplomatie des Kantons und der Eidgenossenschaft, selbst in Zeiten von (Bürger-)Kriegen in den Nachbarländern und in der Eidgenossenschaft.

Diese (relative) Stabilität ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine alte Eigenschaft der Eidgenossenschaft. Das Streben nach dem Erreichbaren, Kompromiss und Pragmatismus, selbst zur Zeit der Reformation, der (europäischen und schweizerischen) Religionskriege im 16. und 17. Jahrhundert und des Sonderbundskrieges 1847.

Das Simultaneum (die gemeinsame Nutzung von Kirchen), die Disputatiodie Ilanzer Artikel im Freistaat der Drei Bünde (1524/1526) und sogar die Trennung der Kantonen (die Appenzeller im Jahr 1597) während der katholischen und protestantischen Wirren sind (auch) schweizerische Lösungen.

Die Kirche in Sta. Maria (Val Mustair, Kanton Graubünden), Beispiel einer Simultankirche aus dem 16. Jahrhundert bis weit ins 19. Jahrhundert, Katholiken auf der einen, Protestanten auf der anderen Seite

Die Stadt Solothurn ehrt zu Recht einen frühen Vertreter dieser Eigenschaft, Niklaus von Flüe (1417–1487).

Solothurn

Weissenstein, Bruder Klaus Kapelle

Die Schweiz hat auch die Eigenschaft, Altes und Traditionen zu schätzen, ihnen einen Platz neben neuen Entwicklungen einzuräumen und sich an diese anzupassen. Innovation, Modernisierung und Hightech neben und nicht unbedingt immer anstelle alter Strukturen bilden die Grundlage dieser Gesellschaft des menschlichen Masses und der Beteiligung der Bürger dank direkter Demokratie, Subsidiarität, Föderalismus und Dezentralisierung.

Kurz gesagt, ist dies eine Incompatibilité d’humeur und Contradictio in terminis mit der Funktionsweise der heutigen ‚one-size-fits-all‘ und ‚top-down‘ europäischen Union.

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Eindrücke aus Hofstetten

Die  St. Johanneskapelle (12e-15e eeuw)

Der Schöpfliweg zwischen Hotstetten und Flüh, eine ehemalige keltische Siedlung

Hofstetten

 

St. Niklauskirche