Sta. Maria, Handweberei Tessanda. Foto/Photo: TES

Handweberei Tessanda und der European Textile & Craft Award

Die Europäische Textilakademie, eine unabhängige und internationale Plattform für fachübergreifenden Wissenstransfer im Textilgewerbe, richtet den European Textile & Craft Award Preis aus.

Es sollen besondere Leistungen aus zeitgenössischem und traditionellem Handwerk sowie Kunstberufen und deren Verbindung zur Welt des Design gewürdigt werden. Die Tessanda ist 2024 mit dem ersten Preis in der Kategorie Textiles Handwerk (Textile Craft) ausgezeichnet worden.

Die Jury-Begründung:

«Die Vielseitigkeit bei sehr gutem Design und einem sehr guten Gesamtkonzept ist beeindruckend. Sehr gute, vor allem zeitgemässe Produktideen bei denen das „Handgemachte“ nicht Selbstzweck, sondern ein angenehmes „Ad on“ ist.

Beim eingereichten Stück – Maurus, einer Schürze mit abnehmbarem Ledergurt – finden Entwurf, Design und handwerkliche Umsetzung auf hohem Niveau zusammen.

Die Niederlassung in Sta. Maria mit alten Webstühlen, vergleichsweise großer Produktion und hoch gesteckten Zielen für die Zukunft, tragen gemeinsam beispielhaft zur Aufwertung und Verbreitung des Webhandwerkes bei.

Erwähnenswert ist abgesehen von der qualitativ hochwertigen Verarbeitung das länder- und talübergreifende Generations- und Handwerksprojekt, das so viele, vorwiegend für Frauen, Arbeitsplätze in einem 300 Bewohner Dorf schafft.»

Tessanda

Die Handweberei Tessanda in Sta. Maria (Kanton Graubünden) wurde 1928 gegründet, um Frauen eine Arbeitsstelle und die Möglichkeit einer anerkannten Fachausbildung als Handweberin zu bieten. Die Gründung der Tessanda erfolgte unter dem Patronat des seit 1910 existierenden gemeinnützigen Vereins «Società ütil public Val Müstair».

Parallel zum Aufbau der Tessanda gründete der Verein «Società ütil public Val Müstair» auch die Berufsschule Sta. Maria, welche heute noch aktiv ist und wo noch immer 3x jährlich die zweiwöchigen Blockkurse der angehenden Weberinnen aus der ganzen Schweiz stattfinden.

Die Berufsschule in Sta. Maria ist ihres Zeichens die kleinste der Schweiz und untersteht immer noch der «Società ütil public Val Müstair». Die Tessanda ist seit 1955 eine eigenständige Stiftung.

Heute ist die Tessanda eine der drei übrig gebliebenen, professionellen Handwebereien der Schweiz und ein wichtiges Kulturgut des Val Müstair. Sie webt noch wie damals von Hand auf hölzernen, teilweise über hundertjährigen Webstühlen. Zurzeit arbeiten 17 gut ausgebildete und erfahrene Handweberinnen und Näherinnen in der Tessanda.

Flachs

Vor hundert Jahren wurde noch Flachs (Lein) im Val Müstair angepflanzt. Aus dem selbstgesponnenen Garn woben die Münstertalerinnen von Hand Hemden, Bettwäsche und Küchentücher usw. auf ihren traditionellen Webstühlen. Meist waren es Textilien für den Eigengebrauch.

Die Verarbeitung der geernteten Flachspflanzen zu natürlichem Leinengarn ist aufwändig und mühsam. Deshalb verschwanden nach und nach die Flachsfelder aus dem Val Müstair und aus der ganzen Schweiz. Die Verarbeitung wurde zu teuer.

Flachsfelder sind aber nicht nur gute Garnlieferanten, sie sind auch sehr wertvoll für die Förderung der Biodiversität. Der Naturpark Biosfera Val Müstair und die Tessanda haben deshalb im Jahr 2021 das Projekt «Wiederanbau von Flachs im Münstertal (Val Müstair)» lanciert. Seither haben zwei Bauern und einige Privatpersonen Flachs angepflanzt und geerntet.

Im Oktober 2023 hat die erste «Flachs-Brächete» stattgefunden. Man trifft sich nach der Ernte der getrockneten Flachspflanzen für die gemeinsame Weiterverarbeitung. Die Stängel werden auf alten Geräten geriffelt, gebrochen und dann gehechelt. Die letzte Brächete fand am 12. Oktober bei der Tessanda statt.

(Quelle und weitere Informationen: Handweberei Tessanda, Sta. Maria)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Museum d’engiadina bassa Scuol

Eine Ausstellung über die Handweberei Tessanda und Chalandamarz