Ballenberg, Drogerie. Foto/Photo: Wikipedia

Die Schweiz ist der Kräutergarten Europas

Die medizinische, psychologische und manchmal wunderbare (und giftige!) Wirkung von Kräutern und Pflanzen ist so alt wie die Menschheit auf allen Kontinenten. Ureinwohner im Amazonas, Indianer in Amerika, Chinesen, Japaner, Aborigines, Perser, Griechen, Kelten oder Römer, jede Gemeinschaft kannte ihre Kräuter- und Pflanzenexperten.

Kloster Dornach heute

Le Jardin botanique de Genève

Die Mönche auf dem europäischen Kontinent haben dieses Wissen ihrer Vorgänger ab dem sechsten Jahrhundert bewahrt, weiterentwickelt und oft schriftlich festgehalten. Jedes Kloster hatte seinen Kräutergarten.

Eine der bekanntesten Schriftstellerinnen war jedoch keine Mönchin, sondern eine Nonne des Benediktinerordens. Hildegard von Bingen (1098-1179) war nicht nur eine Nonne und später (1152) die Äbtissin des von ihr gegründeten Klosters Rupertsberg bei Bingen am Rhein.

Sie wurde vor allem als Theologin, Autorin, Komponistin, Naturwissenschaftlerin und „Pharmazeutin“ avant la lettre mit ihren Forschungen zu Heilkräutern, Pflanzen und Säften bekannt.

Sie war zudem Beraterin des Kaisers Friedrich I., besser bekannt als Barbarossa (um 1122-1190). Sie korrespondierte mit Päpsten, Bischöfen und anderen Äbten und Mönchen, wie zum Beispiel Bernhard von Clairvaux (1090-1153). Kurz gesagt, eine aussergewöhnliche mittelalterliche Persönlichkeit.

Ihr Lebenslauf ist in verschiedenen (digitalen) Publikationen beschrieben und wird hier nicht weiter behandelt (siehe u.a.: G. H. Heepen, Das Heilwissen der Hildegard von Bingen. München 2015; G. Muhr, Hildegard von Bingen. Der Mensch im Einklang mit der Natur, Daun, 2024).

Das erste gedruckte Buch ‚Physica‘ (1533). Bild: Wikipedia

Neben verschiedenen theologischen Werken schrieb sie zwischen 1150 und 1158 auch zwei noch immer aktuelle medizinische Werke. Das erste Werk trägt den vollständigen Titel „Liber simplicis medicinae“ oder „Physica“, das zweite heisst „Liber compositae medicinae“ oder „Causae et Curae“ .

Beide Bücher behandeln seelische  Krankheiten und die heilende Wirkung von Kräutern, Pflanzen und Säften. Sie schöpfte dabei nicht nur aus den Erfahrungen des Klosters (und der klassischen Antike), sondern auch aus dem Volkswissen lokaler Gemeinschaften und ihrer Kräuter- und Pflanzenexperten. Sie beschreibt Hunderte von geistigen und körperlichen Beschwerden und hat in ihren Büchern und in ihrem Kräutergarten gewissermassen eine Apotheke eingerichtet.

Nach ihrem Tod gerieten Hildegard und ihre Apotheke für Jahrhunderte in Vergessenheit. Doch mehrere Persönlichkeiten widmeten sich danach der Heilkraft der Kräuter, darunter der Schweizer Arzt Theophrastus Bombast von Hohenheim alias Paracelsus (1493-1541) und Jahrhunderte später der Bayer Sebastian Anton Kneipp (1821-1897).

Samedan

Die „Kräuterapotheke“ von Hildegard wurde erst im zwanzigsten Jahrhundert wieder zugänglich. Die oben genannten Bücher wurden Anfang des 20. Jahrhunderts  (aus dem Lateinischen) ins Deutsche übersetzt.

Auch der Schweizer Pater Johann Künzle (1867-1945), Pater Flurin Maissen (1906-1999) sowie Rudolf Steiner (1861-1925) und Ita Wegman (1876-1943) erkannten zu Beginn des 20. Jahrhunderts die wohltuende Wirkung von Kräutern und Pflanzen.

Johann Künzle, Das Grosse Kräuterbuch. Ratgeber für gesunde und kranke Tage

Ein weiterer Schweizer, Alfred Vogel (1902-1996), ging seinen eigenen Weg und gründete 1963 die Firma Bioforce AG (heute A. Vogel AG), nachdem er ein halbes Jahrhundert lang (weltweit) praktische Erfahrungen, Publikationen und Forschungen auf dem Gebiet der Heilwirkung von Kräutern gesammelt hatte.

Der Schweizer Drogist Kurt Altermatt und einige Apotheker aus Österreich waren jedoch die ersten Produzenten von Rezepten aufgrund der Werke von Hildegard.

Danach nahm die Verbreitung schnell zu, und es ist kein Zufall, dass die internationale Gesellschaft Hildegard von Bingen 1980 in der Schweiz gegründet wurde.

Das weltweite Zentrum der Pharmazie, der Naturpflege und der Anerkennung der Verdienste von Hildegard geht auch in Basel Hand in Hand. Es symbolisiert den Respekt der Stadt der modernen Medizin und Pharmazie für diese Pionierin.

Am Gornergrat, 3,089 m

Die Schweiz ist nicht nur das Wasserschloss Europas, sondern auch der Kräutergarten. In jedem Weiler, Dorf, jeder Stadt und auf zahlreichen öffentlichen und privaten Grundstücken wachsen und blühen oft (jahrhundertealte) Kräuterpflanzen. Die Natur ist in diesem Land buchstäblich und im übertragenen Sinne nie weit entfernt.

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Splügen

Degersheim

Arlesheim

Engelberg

Grand Hôtel Weisshorn, Kanton Wallis, der erste alpine Garten Europas

Alpage de Cottier

Sion, ehemaliges Kapuzinerkloster

Bern

Zermatt

Freilichtmuseum Ballenberg

Basel, Merian Gärten

Leukerbad

Mariastein

Vals

Oberwil, FGV Lettenmatt

Goetheanum

L’Ermitage de Neuchâtel

Blatten (Wallis), der Ricola Kräuterweg

Ernen

SAC-Hütte Illhorn