Simplon-Dorf, Gondo und der Pass

Der Simplonpass wurde bereits in der Römerzeit als Handelsweg und für den Personenverkehr genutzt. Der Pass und das Dorf erleben im 12. und 13. Jahrhundert ihre erste Blütezeit. Die jährlichen Jahrmärkte in der französischen Champagne, unter anderem in den Städten Troyes, Bar-sur-Aube, Lagny und Provins, zogen viele italienische Kaufleute aus der Lombardei an.

Der kürzeste Weg führte über den Simplonpass. Ab dem 14. Jahrhundert nimmt die Bedeutung dieser Märkte jedoch ab. Der wirtschaftliche Schwerpunkt verlagert sich auf die Hansestädte nach Lyon und Flandern.

Der Grosse Sankt Bernhard wurde zum wichtigsten Pass. Der St. Gotthard-, der Lukmanier-, der Splügen- und der Septimerpass wurden zu viel befahrenen Strassen, insbesondere nachdem die Eidgenossenschaft im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert italienische Gebiete erobert hatte.

Im 17. Jahrhundert war Kaspar von Stockalper, le roi du Simplon, der Fugger der Alpen, der Initiator eines neuen Handels- (und politischen) Reiches, das ein Handelsmonopol zwischen Genf und Mailand besass.

Er benutzte den Simplonpass als Transitstrecke. Ausserdem initiierte er auch den ersten Postdienst über den Simplonpass. Daran erinnert der Stockalperturm in Gondo und das Ecomuseum im Simplon-Dorf. Im folgenden Jahrhundert verlagerte sich der Nord-Süd-Handel wieder hauptsächlich auf andere Pässe.

Der Stockalperturm

Nach der Eroberung der Eidgenossenschaft im Jahr 1798 und der Gründung der Helvetischen Republik (1798-1803) beschloss Napoleon im Jahr 1800, eine neue Strasse über den Simplon zu bauen, um Kanonen und die Armee in die Lombardei (im Besitz von Österreich-Habsburg) zu bringen.

Diese Strasse wurde 1805 fertiggestellt und war für die damalige Zeit eine technische Meisterleistung. Napoleon perfektionierte auch den Postverkehr über den Simplonpass. Daran erinnert unter anderem das von Napoleon erbaute Postamt in Simplon-Dorf. Das Museum in der Alten Kaserne am Beginn der Gondoschlucht erzählt von dieser Geschichte.

Nach dem Fall Napoleons wurden der Simplonpass und Simplon-Dorf zu einer Touristenattraktion. Die schöne Natur, die Berglandschaft, die Nähe zu den Gletschern und die Grand Tour von Dichtern, Schriftstellern und Wissenschaftlern machten das Dorf und den Pass immer berühmter. Diligences fuhren hin und her, die beiden Hospize auf dem Simplonpass und die Gaststätten in Simplon-Dorf und Gondo machten gute Geschäfte.

Am Ende der Route über den Simplon und die Gondo-Schlucht, im Dorf Gondo, kam es um 1870 zu einem Goldrausch, wie er damals im (wilden) Westen Amerikas herrschte. Kaspar von Stockalper war zwei Jahrhunderte zuvor der Initiator der ersten Goldminen (der Stockalpermine) gewesen.

Nach 1870 wurden sogar internationale Unternehmen mit Sitz in Paris gegründet. Die erste Telegrafenverbindung in der Schweiz meldete täglich Funde an die Leitung in Paris. Auch dieser Goldrausch hielt nicht lange an, aber die Goldminen sind heute noch zugänglich (Führungen).

Bis heute kann man sein Glück versuchen, im Bach Gold zu finden. Die Gondo-Vreneli, die Goldmünzen der Schweizerischen Nationalbank aus den Jahren 1893, 1895 und 1897, sind der Beweis, dass tatsächlich Gold gefunden wurde.

Danach beruhigte sich die Lage in Gondo wieder, bis am 14. Oktober 2000 eine Lawine das Dorf mit seinen rund 100 Einwohnern zerstörte. Die Schweizer Aktion „Glückskette“ ermöglichte jedoch einen schnellen Wiederaufbau.

Heute ist Gondo nicht nur das Ende des Kantons Wallis und der Schweiz, sondern auch der Ausgangspunkt für Wanderungen in der Gondoschlucht, der Via Stockalper (von Gondo nach Brig) und nach Domodossola in Italien.

Stockalper Hospiz, Simplonpass.

Die letzte Postkutsche, Simplon-Dorf 1906. Ecomuseum Simplon

Simplon-Dorf hat den Bau des Gotthard-Eisenbahntunnels (1882) und des Simplontunnels (1906) erfolgreich überstanden. Zwar war der Pass danach für den Güter- und Personenverkehr nicht mehr von grosser Bedeutung, doch die Modernisierung der Strasse für den Autoverkehr im Jahr  1906, der Anschluss an das Postauto-System ab 1919, die Aufnahme ins schweizerische Strassennetz 1960, die Anerkennung des Stockalperwegs als Strasse von nationaler historischer Bedeutung, die Natur, das Ökomuseum Simplon und die vielen touristischen Angebote bieten dem Dorf neue Existenzmöglichkeiten.

Bau und Eroffnung Simplontunnel 1906. Ecomuseum Simplon

Quelle und weitere Informationen: Gemeinde Simplon Dorf (gemeinde-simplon.ch)

Korrektorin: Petra Ehrismann

Die Europäischen Tage des Denkmals

Die Scheinwerfer der 29. Ausgabe der Europäischen Tage des Denkmals richten sich am 10. und 11. September 2022 unter dem Motto «Freizeit – Temps libre – Tempo libero – Temps liber» auf Stätten der Kunst, der Erholung und des Sports.

Vom römischen Amphitheater bis zum Landesmuseum, vom Opernhaus über das Berghotel bis zum Seebad. Manche dieser Bauten beeindrucken oder provozieren durch Grösse und Ausstattung, manche sind bescheiden oder zweckmässig. Freizeitstätten sind wichtig und systemrelevant.

Die Denkmaltage 2022 nehmen das Publikum auf einen Streifzug mit durch die Zeiten. Hin zu Orten der Kunst, der Erholung und des Sports: Von mittelalterlichen und vorindustriellen Stätten der Erholung wie Bädern und Theatern führt er zum Kurhotel der Belle Epoque, zur ersten Sporthalle, zum Volkshaus oder Museum des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Zu Fuss auf Kulturwegen, in der Seilbahn oder mit dem Dampfschiff.

In der ganzen Schweiz finden mehrere hundert kostenlose Führungen, Spaziergänge, Ateliers und Gesprächsrunden zu diesem Thema statt. Das Programm wird von den kantonalen und städtischen Fachstellen für Denkmalpflege und Archäologie gemeinsam mit Vereinen und Privatpersonen zusammengestellt. Die Europäischen Tage des Denkmals sind eine Initiative des Europarats.

(Quelle: www.nike-kulturerbe.ch)

Kandersteg, Oeschinensee und Blausee

Der Adler im Gemeindewappen von Kandersteg (Kanton Bern) im Kandertal erinnert an einst vom Kaiser des Heiligen Römischen Reiches  gewährte Freiheitsrechte.

Der Steg (Brücke) über die Kander (Kandersteg) weist auf die Wichtigheit der Verbindingen zum Wallis hin. Er ist auch ein Symbol für die Brückenfunktion, die der Kurort zwischen Menschen aus aller Welt moch immer erfüllt.

In Tal- und Berghotels, Ferienwohnungen, Gruppenunterkünften, auf der Camping und dem internationalen Pfadfinderzentrum können in der kleinen Gemeinde mit kaum 1150 Einwohnern zu 4 000 Gäste untergebracht werden.

An den  Routen über den Lötschbergpass und Gemmipass gelegen, war Kandersteg seit Jahrhunderten Übernachtungsort.

Das Hotel/der Gasthof Ritter stammt aus dem Jahr 1789. Aufgrund zunehmenden Fremenverkehrs wurde im Jahr 1895 das Hotel Ritter durch den Teil Victoria erweitert. Nach der Eröffnung der Lötschbergbahn kamen immer mehr Gäste nach Kandersteg und Hotel Victoria wurde Grand Hotel Victoria.

Das internationale Pfadfinderzentrum wurde 1923 gegründet. Mitinitiant war Lord (Robert) Baden Powell (1857-1941), Gründer der Pfadfinderbewegung. Haus und Lagergelände werden ganzjährig von durchschnittlich 9 000 Pfadi’s aus der ganzen Welt genutzt.

Albrecht von Haller (1708-1777), Arzt und Naturforscher in Bern, überquerte von Leukerbad her am 29. August 1728 den Gemmipass. Im Kandertal entdeckte er die Schönheit der Bergnatur, den Oeschinensee und den Blausee, die er dann in seinem berühmten Gedicht “Die Alpen” pries.

Der Blausee

Der Oeschinensee gilt als Wasserrservoir von Kandersteg und ist Teil der UNESCO-Welterbe Jungfrau-Aletsch. Der See wird durch Schmelzwasser vom Blüemlisalp, Fründen- und Doldenhornmassiv gespiesen. Das Wasser des Sees versickert in der Tiefe und tritt an zahlreichen Stellen gegen das Tal als Quelle aus.

Der Oeschinensee und die Seejungfrau von Kandersteg.

Die kleine Gemeinde beherbergt viele monumentale Gebäude, u.a. das Samishus, Haus Spychermatte, die Hüttenmatte, das Ruedihaus, Haus Becki, das Röstihaus, die Evangelische Kirche, 18 Jahre vor der Reformation im Jahr 1510 errichtet und das Grand Hotel Victoria.

Kandersteg ist auch Ort der Kandersteg-Goppenstein (kanton Wallis) Autozugverbindung.

Quelle und weitere Informationen: Bergsommer | Kandersteg | Kandersteg

Der Schweizerische Nationalpark

Der Schweizerische Nationalpark (SNP) wurde 1914 gegründet und ist damit der älteste Nationalpark der Alpen. Er umfasst 170 km2 Naturlandschaft mit 100 km markierten Wanderwegen mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad.

Der aussergewöhnliche Reichtum an Alpentieren wie Gämsen, Hirsche und Murmeltiere sind eines der Markenzeichen des Nationalparks. Die Diversität der Alpenpflanzen sorgt für Farbe entlang der Wanderwege. Das Nationalparkzentrum in Zernez bietet eine moderne Ausstellung und vielfältige Informationsmöglichkeiten.

Nationalparkzentrum Zernez. Foto: TES

Der regionale Naturpark Biosfera Val Müstair ist seit 2010 vom Bund als regionaler Naturpark anerkannt und der SNP hat ab 2001 die Zusammenarbeit mit dem Val Müstair gesucht und gefunden. Im Jahr 2017 hat die UNESCO das Biosphärenreservat definitiv anerkannt.

Quelle und weitere Informationen: https://www.nationalpark.ch

Korrektorin: Petra Ehrismann

Demokratie im Fokus

Die 98. Konferenz der Auslandschweizer Organisation (ASO) fand vom 19. bis 21. August in Lugano (Kanton Tessin) statt. Zentrales Thema war die Demokratie und der Platz und die Rolle der Schweiz und der Auslandschweizer.

Die Konferenz

Experten aus nationaler, kantonaler und kommunaler Politik, Wissenschaft und Verwaltung präsentierten ihre Erkenntnisse. Die Themen waren das Funktionieren des schweizerischen demokratischen Systems, Fake News und Demokratie, das Stimm- und Wahlrecht für 16-Jährige und E-Voting. Nach den Einführungen durch die Experten gab es in vier Workshops Möglichkeit zur Diskussion.

Filippo Lombardi, Präsident der ASO.

Eröffnung

Filippo Lombardi, Präsident der Organisation eröffnete zusammen mit Vertretern des Kantons und diverserOrganisationen der Zivilgesellschaft die Konferenz am 20. August vor 400 Teilnehmern.

In seiner Rede am 21. August betonte Bundespräsident Ignazio Cassis die Einzigartigkeit der schweizerischen direkten Demokratie und deren Herausforderungen. Nach einer kurzen Einführung in die europäische und globale Demokratie als Staatsform von 1800 bis heute, stellte er fest, dass die Demokratie heute unter Druck steht. Trotz der vielen Unsicherheiten und Krisen bestehe aber längerfristig kein Grund zum Pessimismus.

Er sieht es als einen Prozess mit Höhen und Tiefen. Wir leben heute ineiner Zeit, in der mehr Menschen unter diktatorischen und autokratischen Regimen leben. Liberale Demokratien haben jedoch einen entscheidenden Vorteil: Sie haben die Fähigkeit zur Selbstkorrektur und können sich an neue Umstände anpassen.

In der globalisierten Welt mit ihren grenzüberschreitenden Problemen ist multilaterale und europäische Zusammenarbeit notwendig. Gleichzeitig sind aber viele internationale Organisationen in einer anderen Zeit entstanden und haben Mühe, sich zu reformieren.

Was bedeutet das für die Demokratie in der Schweiz und damit für die „fünfte Schweiz“, die Auslandschweizer*Innen? Die Schweizer Demokratie ist keine göttliche Schöpfung, sondern muss täglich gepflegt werden. Sie ist nicht nur eine Demokratie für das Volk, sondern auch eine Demokratie durch das Volk. Es ist nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht der Bürgerinnen und Bürger, für sie zu sorgen.

Nach diesen Worten präsentierten die Experten ihre Meinungen und die Teilnehmer diskutierten nachher die verschiedenen Themen.

Schweizer im Ausland

Gemäss den Daten des ASO leben rund 780 000 Schweizerinnen und Schweizer im Ausland, davon rund 450 000 in den Ländern der Europäischen Union. Es ist daher

nicht verwunderlich, dass die Beziehungen zwischen der EU und der Schweiz zur Sprache kamen. Vor allem die Freizügigkeit der Schweizer Bürgerinnen und Bürger in der EU müsse gewährleistet sein, so die ASO.

Für die Auslandschweizer ist die Stimmabgabe per Post nicht immer transparent, da sie von den lokalen und nationalen Postdiensten abhängig ist. Zudem hat sich die Auswanderung verändert. Bis 1960 wanderten die Menschen oft für immer aus. Heute ist es meist für eine kürzere oder längere Zeit. So wandern jedes Jahr etwa 40 000 Bürger aus, während 30 000 zurückkehren. E-Voting und Informationen über das Internet können das Engagement der Auslandschweizer erhöhen.

Ausländer in der Schweiz

Ein interessanter Aspekt ist die von einem der Experten hergestellte Beziehung zwischen Auslandschweizern und Ausländern in der Schweiz. Ausländer in der Schweiz haben oft keinen Schweizer Pass und damit keine politischen Rechte beziehungsweise kein Stimm- und Wahlrecht. Die Relativierung ist, dass das Bürgerrecht in der Schweiz seit Jahrhunderten auch eine kommunale und kantonale Angelegenheit ist. Dagegen stehen alle Ausländer*innen im Genuss der Grundrechte.

Alle Schweizer*innen haben ein Gemeindebürgerrecht, ein Kantonsbürgerrecht und ein Schweizer Bürgerrecht. Sie sind eine untrennbare Einheit (Art.37 Abs. 1 Bundesverfassung). Der Erwerb des Schweizer Bürgerrechts ist daher mit dem Erwerb eines Kantons- und eines Gemeindebürgerrechts verknüpft.  Über Änderungen für den Erwerb des Bürgerrechts stimmen am Ende immer die Kantone und das Volk (siehe auch die Referenden in den Jahren 1994, 2004 et 2008).

Die Parallele zum lange hinausgezögerten Frauenstimmrecht wurde erwähnt. Aber auch in diesem Fall ist ein Hinweis auf den konstitutionellen und föderalen Kontext angebracht.

In jedem Fall handelt es sich um einen wichtigen und aktuellen Punkt, ebenso wie das E-Voting, das (noch nicht absehbare) Risiken birgt, und die Frage der Fake News und der Demokratie. Das Wahlrecht von 16-Jährigen sollte sorgfältig geprüft werden und ist nicht selbstverständlich.

Ariane Rustichelli, Direktorin der ASO schloss die Konferenz mit einer Zusammenfassung der oben genannten Diskussionen. Die Kantone sind traditionell die Experimentiergärten für die (direkte) Demokratie. Was das passive und aktive Wahlrecht für Ausländerinnen und Ausländer auf kommunaler und manchmal auch auf kantonaler Ebene betrifft, haben vor allem die französischsprachigen Kantone die Führung übernommen. Das E-Voting wird zuerst in den Kantonen und, wenn es nach der ASO geht, im Jahr 2027 auf nationaler Ebene eingeführt.

Ariane Rustichelli, Direktorin der ASO

Fazit

Eine anregende und gut organisierte Konferenz. Die Stadt war vor einigen Wochen auch Gastgeberin der Ukraine-Konferenz. Im Jahr 1830 präsentierte Lugano als Kantonshauptstadt schon die demokratischste Verfassung der Schweiz.

In Locarno, im selben Kanton, fand 1925 die neue Friedenskonferenz zwischen Deutschland, Frankreich, Belgien, dem Vereinigten Königreich, Italien, Polen und der Tschechoslowakei statt. Es war eine Konferenz der neuen Hoffnung und Zusammenarbeit. Und das mit Erfolg, bis zum Oktober 1929.

Die Schlussworte des Präsidenten der ASO richteten sich nicht nur an die vierhundert Teilnehmer, sondern auch an die mehr als 780 000 Auslandschweizer. Sie sind nicht nur Botschafter, sondern nehmen auch aktiv am demokratischen Prozess in der Schweiz teil.

Ihre Erfahrungen im Ausland können dazu beitragen, das demokratische System in der Schweiz zu erhalten und falls nötig zu verbessern, Ihre Kenntnisse können vielleicht auch die Bürger in ihren Heimatländern inspirieren.

Was in der Schweiz gilt, gilt auch für Schweizerinnen und Schweizer im Ausland: Demokratie für das Volk, aber auch durch das Volk. Der rote Schweizer Pass bringt Verpflichtungen  für (Ausland) Schweizer, demokratische noblesse oblige.

Die rätoromanische Sprache

Eine kleine Anmerkung: Die Schweiz hat vier Amtssprachen, und das Rätoromanische könnte in der einen oder anderen Weise erwähnt werden, und das aus gutem Grund. Die Bündner Auswanderer*innen und Rückkehrer*innen haben sich ihren Platz in der Schweizer,  der europäischen und der Weltgeschichte verdient, allein schon wegen der kulinarischen Innovationen und der Entwicklung von (weltberühmten) Hotels, Restaurants und Cafés.

Zudem ist Graubünden als einer der Kantone mit (ehemaligen) Landsgemeinden eine Wiege der direkten Demokratie. Das Rätoromanische besteht zwar aus fünf Hauptidiomen, aber es gilt Rumantsch grischun als formelle/amtliche ‘Einheitssprache’.

Korrektorin: Petra Ehrismann

(Meer informatie: https://www.swisscommunity.org )

Das Bridgespiel in der Schweiz

Bis 1795 bzw. 1798 waren die Niederlande und die Schweiz Republiken, die sich in den Niederlanden aus sieben souveränen Provinzen und in der Eidgenossenschaft aus dreizehn souveränen Kantonen zusammensetzten.

Jass und Bridge

Beide waren 1648 durch den Westfälischen Friedensvertrag als unabhängige Staaten anerkannt worden. Zwischen den beiden Ländern und ihren Provinzen/Kantonen bestanden enge diplomatische, militärische und wirtschaftliche Kontakte.

Schweizer Söldner im Dienst der Armee der Republik lernten ein niederländisches Kartenspiel : Klaverjassen. Sie führten dieses Spiel unter dem Namen Jass in der Schweiz ein, einschliesslich der Trumpfneun und des Trumpfbuben. Es ist immer noch das beliebteste Kartenspiel in der Schweiz. Allerdings entstand während des Interbellums, den Jahren 1918-1939 zwischen den beiden Weltkriegen, ein neues Kartenspiel: Bridge

Die Schweizer Garde in der Republik, 1752. Quelle:: Cent suisses retousched – Schweizer Truppen in niederländischen Diensten – Wikipedia

1925-1930

Englische oder amerikanische Touristen haben Bridge wahrscheinlich in den Jahren 1925-1930 in der Schweiz eingeführt. Es ist unmöglich zu sagen, wo Bridge zum ersten Mal gespielt wurde, ob in den Grand Hotels Kulm oder Badrutt’s Palace in St. Moritz, im Baur au Lac in Zürich, im Montreux Palace, im Hotel Val Sinestra in der Nähe von Sent oder in den Residenzen in Bern. Jedenfalls kann man im Museum des Belle-Époque-Hotels Waldhaus in Flims noch einige Bridge-Attribute aus dieser Zeit sehen.

Oder war es das Suvretta House in St. Moritz mit seiner langen Bridge-Geschichte, seinen Bridge-Räumen und dem ersten internationalen Bridge-Turnier in der Schweiz im Jahr 1941?

Bridge-Räumen im Suvretta House. Quelle:Suvretta House. Foto: TES

Kontraktbridge

Tatsache ist jedenfalls, dass der Amerikaner Harold Stirling Vanderbilt (1884-1970) 1925 bei einer Atlantiküberquerung das Kontraktbridge entwickelte. Ein englisches Team unter der Leitung von Kolonel Walter Buller (1886-1938) trat 1930 gegen ein Team unter der Leitung des Amerikaners Ely Culbertson (1891-1955) an. Das Spiel fand im Almack’s Club in London statt und sorgte auch mit Artikeln des berühmten deutschen Bridgespielers Emanuel Lasker (1868-1941) für Schlagzeilen in den Medien.

Georg Tafler, Bridge als Spiel und Kunst, Wien, 1930.

Das Kontraktbridge wurde 1932 von den wichtigsten Bridgeorganisationen der Welt – dem Portland Club of London, dem Whist Club of New York und der französischen Bridgekommission – als internationales Bridgesystem anerkannt.

Der berühmte belgische Detektiv Hercule Poirot spielte ebenfalls Bridge (Agatha Christie, Mit offenen Karten, Hamburg 2016/Agatha Christie, Cards on the table, London 1936).

Kartonierter Einband Mit offenen Karten von Agatha Christie

La Fédération Suisse de Bridge

Der Siegeszug des Bridge in Europa und der Schweiz begann jedoch erst 1947 mit der Gründung der European Bridge League (EBL)  mit Sitz in Lausanne. Am 18. März 1950 wurde die FSB (Fédération Suisse de Bridge) gegründet, der 1958 die World Bridge Federation folgte, die ebenfalls in Lausanne ansässig und vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anerkannt ist.

 

European Bridge League, Lausanne. Foto: Headquarters | European Bridge League (eurobridge.org) und das logo der World Bridge Federation

Der Präsident des IOC, Juan Antonio Samaranch (1920-2010), erklärte bei der Eröffnung des ersten Bridge-Grand-Prix im Olympischen Museum in Lausanne im September 1998, dass Bridge ein Denksport und eine Wettkampfsportart sei. Bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Utah (USA) war Bridge sogar ein Demonstrationssport.

Bridge nimmt im gesellschaftlichen Leben der Schweiz einen wichtigen Platz ein. Der FSB hat rund 3’000 Mitglieder und 52 Clubs. Darüber hinaus sind viele Bridgespieler nicht Mitglied in einem Club und spielen nur privat.

Allschwil, Bridgeclub Quodlibet

Weltmeister

Schweizer Teams nehmen an Welt- und Europameisterschaften, Sportgames (eine Art Olympische Spiele für Bridgespieler), nationalen, regionalen und lokalen Meisterschaften sowie an Turnieren innerhalb von Clubs und in Städten teil. Gerry Link und Max Saesseli haben 1993 die Europameisterschaft für Seniorenpaare gewonnen. Bei den europäischen Mannschaftsmeisterschaften 1962 und 1971 erreichten die Schweizer Teams den dritten und 2016 den fünften Platz. Im Jahr 2022 wurde die Schweiz sogar zweimal Weltmeister: das Schweizer Nationateam im April und das U31 Team im August!

 

Basler Bridge Gesellschaft

Wettbewerb

Die FSB hat im Wettbewerb für Vereine die höchste Nationalliga A und die niedrigere Nationalliga B mit jeweils acht Mannschaften. Diese spielen an zwei Wochenenden im November, Round Robin (alle Mannschaften spielen gegeneinander). Am dritten Wochenende finden die Final- und Entscheidungsspiele statt.

Bridge in der Schweiz

Die unteren Ligen I-IV hingegen sind geografisch unterteilt (Ost, Süd, Nordwest, Nordost und Zentralschweiz). Diese Ligen sind in Mannschaften unterteilt, die an zwei Wochenenden auf der Grundlage eines Rundenturniers mit Auf- und Abstiegsmöglichkeiten spielen.

Die Mehrsprachigkeit des Landes spielt auch beim Bridge eine Rolle. In den meisten Bridgeclubs und  bei (regionalen) Turnieren wird häufig in den drei Landessprachen Italienisch, Deutsch und Französisch geboten und kommuniziert, ausserdem in Englisch und manchmal sogar in Rätoromanisch.

Zum Beispiel: Pik: pique, picche, palas und spade; Coeur: coeur, cuori, cours und hearts; Karo: careau, quadri, pizs und diamonds; und Treff: trèffle, fiori, cruschs und clubs.

Cercle de Bridge du Littoral Neuchâtelois 

Der Name des Bridgeverbands ist französisch, aber sein Sitz ist in Zürich, einer deutschsprachigen Stadt. Die Spielregeln und -techniken unterscheiden sich nicht wesentlich von denen in anderen Ländern. Auch das Durchschnittsalter ist das gleiche, eine Gesellschaft älterer Menschen mit einigen jüngeren.

Die renommiertesten internationalen Turniere finden jedes Jahr in St. Moritz, Crans-Montana, Genf und Zürich statt. Auch grössere Städte und Dörfer haben ihre jährlichen Bridgeturniere.

Fédération Suisse de Bridge, Zürich; Archief Kulm Hotel, Suvretta House in St. Moritz.

Korrektorin: Petra Ehrismann

Das Schweizer Leben einer Kuh

Die Polarisierung über die Tierhaltung in den Niederlanden hat buchstäblich den Siedepunkt erreicht. Ein Blick über die Grenze ist in dieser Hinsicht immer sinnvoll, insbesondere in die Schweiz.

Volksinitiative

Dank des grossen Engagements der Schweizer Bürgerinnen und Bürger steht das Land an der Spitze, wenn es um die Anforderungen an das Wohlergehen in der Tierhaltung geht, einschliesslich Auslauf, Anzahl, Futter, Ställe, Transport und Schlachtung.

Die Höchstzahl der Tiere, die gehalten werden dürfen, ist bereits gesetzlich festgelegt. Das Maximum liegt bei 300 Rindern, 1 500 Schweinen und 18 000-27 000 Stück Geflügel, je nach Alter. Am 25. September findet ein neues Referendum über strengere Auflagen in der Tierhaltung statt.

Kanton Neuenburg, La Sagne. Foto: TES.

Es handelt sich um eine Volksinitiative der Bürger. Der Bundesrat und das Parlament (Nationalrat und Ständerat) haben sich dazu geäussert. Der Bundesrat könnte  einen Gegenvorschlag machen und diesen dem Volk vorlegen (was in diesem Fall nicht geschehen ist).

Die Schweizer Kuh

Das Leben der Schweizer Kuh sieht mit Subventionen von Kantonen und Bund nicht so schlecht aus. Die Politik ist darauf ausgerichtet, keine Massentierhaltung zuzulassen, um der Gesundheit von Mensch und Tier Rechnung zu tragen, wie auch dem Naturschutz und der relativen Unabhängigkeit der Landwirte von den Banken.

Das bedeutet nicht, dass die Situation ideal ist. Auch in der Schweiz nimmt die industrielle Tierhaltung zu, und es kommt zu Interessenkonflikten zwischen Natur und Wirtschaft, zwischen Landwirten und Stadtbewohnern, aber auch zu Belästigungen und Umweltschäden. Auch der Einsatz von Antibiotika in der Viehzucht und von Pestiziden in der Landwirtschaft ist Gegenstand von Diskussionen und Volksabstimmungen.

Die Politik

Die Frage ist, wie man als Politiker mit diesen Problemen umgeht. Der ständige Dialog zwischen Landwirten, Bürgern und den (lokalen, kantonalen und föderalen) Behörden, der Respekt und das Engagement der Stadtbevölkerung gegenüber den Landwirten und der Natur im Allgemeinen kennzeichnen den Schweizer Ansatz.

Die Ankunft bei der Arena, Basel Tattoo 2022

Serenade ‚le ranz des vaches‚ , Basel tattoo 2022

und der Abzug

Die Stadtbewohner sind sich bewusst, dass die Landwirte das ganze Land seit Jahrhunderten ernähren und dass das Leben auf dem Bauernhof harte Arbeit unter oft schwierigen (Berg-)Bedingungen war und ist.

Im Sommer, zum Beispiel, geht das Vieh in den Berggebieten mit dem Bauern auf die zarten Almen, manchmal bis zur oder über die Baumgrenze, Wetter hin oder her, und es ist nicht immer idyllisch auf 2.000 Metern im Sommer.

Der Bauer wohnt dann in einem „Chalet“, einem kleinen Holzhaus, das im 19. Jahrhundert durch die Touristen zum Oberbegriff für Holzhäuser in der Schweiz wurde. Bei seiner Rückkehr, dem Alpabzug, werden der Bauer und seine Kühe wie Helden empfangen.

Foto: Annelies Ketelaars.

Brigels September 2018. Bilder eines Alpabzugs

Schlussfolgerung

Zwar erwartet das Vieh in der Schweiz am Ende das gleiche Schicksal wie in den Niederlanden, die Schlacht, aber bis dahin hat es (in den meisten Fällen) ein gutes Schweizer Leben, weil die Bürger als Souverän es so wollen und dadurch auch die Behörden mitziehen müssen.

Letztlich ist die Landwirtschaft eine politische Angelegenheit, wie Energie, Gesundheit, Geldpolitik, öffentlicher Verkehr, Bildung oder Wohnungsbau. Das Vieh ist daher für das Funktionieren eines Landes sowohl aus verfassungsrechtlicher als auch aus politischer Sicht von Bedeutung.

Korrektorin: Petra Ehrismann

Bregaglia und die Zuckerbäcker

Der Kanton Graubünden ist der einzige dreisprachige Kanton der Schweiz. Deutsch ist die Sprache, die von den meisten Einwohnern gesprochen wird. Die romanische Sprache wurde im Laufe der Jahrhunderte immer mehr durch die deutsche verdrängt. Italienisch wird hauptsächlich in vier Tälern des Kantons gesprochen, im Val Poschiavo, in der Bergaglia, im Val Mesolcina und im Val Calanca.

 

Bergaglia unterscheidet sich auch architektonisch von der anderen Seite des Maloja-Passes im Engadin. Dieser Pass ist vielleicht nicht besonders hoch (1800 Meter), aber seine Hänge bilden eine eindrucksvolle natürliche Grenze.

 

Schon zur Römerzeit war Bergaglia ein wichtiger Lagerplatz für den Nord-Süd-Handel und blieb es bis 1798. Die (österreichische) Lombardei mit den Städten Bergamo, Brescia, Cremona, Verona, Treviso und Padua, das Herzogtum Mailand, Venedig, das Herzogtum Savoyen, das Königreich Sardinien und die aus dreizehn Kantonen bestehende Schweizerische Eidgenossenschaft waren seine unmittelbaren Nachbarn.

 

Die italienische Architektur und das Gefühl, auf einer Transitstrecke unterwegs zu sein, begleiten den Bergaglia-Wanderer auf einer zwanzig Kilometer langen Strecke vom Maloja-Pass bis zur italienischen Grenze in Chiavenna.

Die Berglandschaft und der Blick auf die Dörfer verleihen dem Wanderer Flügel, die bei all den  steilen und felsigen Hängen nicht überflüssig sind.

Es ist nicht verwunderlich, dass diese europäische Route grosse europäische Persönlichkeiten hervorgebracht hat. Der in Stampa geborene Künstler Alberto Giacometti (1901-1966) ist vielleicht einer der berühmtesten, aber entlang des Weges zeugen die Dörfer von anderen wirtschaftlichen und kulturellen Erfolgen.

Nicht nur die Händler oder Söldner im Dienste der europäischen Könige und Fürsten, sondern vor allem die ‚Zuckerbäcker‘ und die Gründer von Hotels und Cafés in den europäischen Hauptstädten erzählen die Geschichte der Auswanderung im 18. und 19. Jahrhundert.

Eines der eindrucksvollsten Zeugnisse dieser für Graubünden typischen Berufstätigkeit ist der Palazzo Castelmur in der Nähe von Stampa. Giovanni Redolfi (1658-1742) und Giovanni de Castelmur (1800-1871) waren die Bauherren. Heute ist der Palazzo ein Museum.

Dieses zeigt eine Dauerausstellung über den Erfolg der Bündner „Zuckerbäcker“ sowie die authentische Einrichtung und das Interieur des 18. und 19. Jahrhunderts. La Stampa liegt auf halbem Weg des Wanderwegs, der den Malojapass mit Chiavenna verbindet.

Quelle une weitere Informationen: Home – Bregaglia Engadin Turismo

Korrektorin: Petra Ehrismann

Der Piz Amalia im Konzert

Anlässlich der Taufe von Prinzessin Amalia, Kronprinzessin der Niederlande, im Jahre 2004, haben die Gemeinde Scuol und die regionale Tourismusorganisation im Unterengadin (Kanton Graubünden) einen namenlosen Berg nach der Prinzessin benannt.

Die Taufe des Piz Amalia war ein Zeichen der engen Freundschaft zwischen der Schweiz und den Niederlanden. Im Sinne dieser alten Liaison findet seit 2015 rund um den Piz Amalia alljährlich ein Musik Festival statt.

Dabei geben Musiker des Königlichen Konservatoriums in Den Haag, unter Leitung von Thomas Herrmann, zusammen mit dem Konservatorium Winterthur, unter Leitung von Valentin Gloor, Konzerte rund um den Piz Amalia, in Winterthur und in Den Haag.

Der künstlerische Leiter des Festivals ist Anthony Zielhorst. Für das diesjährige Festival wurden zwei Musikstücke komponiert, die in Uraufführung zu hören sind.

Konzertprogramm 2022:

Mittwoch, 14. September, 19.00, Konservatorium Winterthur;

Freitag 16. September, 17.30, Bergkirche, S-Charl;

Samstag, 17 September, 20.00, Musikschule, Scuol

Sonntag 18. September, 11.00, Fundaziun Nairs, Scuol;

Freitag 11. November, 20.15, Palastkirche, Den Haag.

Am Freitag 16. September findet um 06.00 uur ausserdem eine geführte Bergtour auf den Piz Amalia statt.

Weitere Informationen über Tickets, die Musikstücke und die Organisation:

Piz Amalia, 14.–18.9.2022

Schweizerdeutsch und die vier Schweizer Sprachen

Einer der faszinierenden Aspekte der Schweiz ist, dass eine fünfzehnhundert jährige Geschichte so viele zeitgenössische (Sprach-)Grenzen, Identitäten und Kulturen geschaffen hat.

Die deutsche Sprache

Die Alemannen führten die deutsche Sprache nach dem Abzug der römischen Legionen um 410 n. Chr. in weiten Teilen der Ost-, Nord- und Zentralschweiz ein. Die sechs Jahrhunderte nach dem Untergang des weströmischen Reiches im Jahr 476 bestimmen immer noch die deutsch-französische Sprachgrenze.

 Die französische Sprache

Die französischsprachigen Burgunderkönigreiche in der Westschweiz (443-534 und 888-1032) waren entscheidend für die französische Sprache. Nach der Besetzung des Waadtlandes im Jahr 1536 durch die Kantone Bern und Freiburg blieb Französisch die gemeinsame Sprache in diesem Gebiet.

Einige Städte wurden und sind jedoch zweisprachig. Die französische Sprache wurde von den deutschsprachigen Besatzern sehr geschätzt, daher war die Sprache auch nie verboten. Aus Freiburg wurde sogar mehr und mehr Fribourg. Auch die Berner Elite sprach und kommunizierte auf Französisch. Schliesslich war diese Sprache (und das französische Königreich) für diese Kantone kulturell, diplomatisch und wirtschaftlich unentbehrlich.

Der zweisprachige Status des Wallis geht auf die Ausdehnung der deutschsprachigen Städte und die jahrhundertelange Einwanderung von Walsern und anderen Deutschsprachigen ab 1200 zurück. Auch der Ausgang der Kämpfe zwischen dem französischsprachigen Haus Savoyen und den (deutschsprachigen) Bischöfen des Bistums Sitten (Sion) trug nachhaltig zu dieser Grenze bei.

 Die rätoromanische Sprache

Die rätoromanische Sprache hat raethische Wurzeln, wurde aber in der römischen Zeit (15 v. Chr. – 410 n. Chr.) fast vollständig romanisiert.

Mit dem Vordringen der deutschsprachigen Alemannen und Walser (400-1400) in die Süd- und Ostschweiz wurde die Verwendung des Rätoromanischen in Graubünden zunehmend reduziert.

Eisenbahn- und anderen Infrastrukturarbeiten, Tourismus, Industrialisierung und Handel in diesem (neuen) Kanton zog ab 1815 ausserdem viele deutschprechende Einwanderer an. Heute ist das Romanische eine interessante Sprache von rund 60 000 Bündner*innen.

 Die italienische Sprache

Die italienische Sprache im Kanton Tessin und in Teilen des Kantons Graubünden ist aus dem Lateinischen entstanden. Auch nach der Eroberung durch die Schweizer Kantone im fünfzehnten Jahrhundert blieb Italienisch die Sprache dieser Regionen.

 Schweizerdeutsch

Die formelle Assimilation von Italienisch, Französisch und Deutsch erfolgte unter französischem Druck zur Zeit der Helvetischen Republik (1798-1803) und der (französischen) Mediationsakte von 1803.

Diese Assimilierung wurde in der Verfassung von 1848 bestätigt. 1938 folgte die verfassungsmässige Anerkennung des Romanischen als klares politisches Signal der Schweiz und des Schweizer Volkes (fast 90 % stimmten in der obligatorischen Volksabstimmung von 1938 dafür) an die italienische (Irredentisimo) und deutsche Ideologie (Heim ins Reich).

Der Bund

Das Bundesgesetz über die Landessprachen und die Verständigung zwischen den Sprachgemeinschaften (Sprachengesetz vom 5. Oktober 2007) regelt den Gebrauch der Amtssprachen durch die Bundesbehörden und im Verkehr mit ihnen, fördert die Verständigung und den Austausch zwischen den Sprachgemeinschaften, unterstützt die mehrsprachigen Kantone bei der Erfüllung ihrer besonderen Aufgaben und unterstützt die Kantone Graubünden und Tessin zugunsten des Rätoromanischen und des Italienischen.

Mit diesem Gesetz will der Bund: 

  1. die Viersprachigkeit als Wesensmerkmal der Schweiz stärken
  2. den inneren Zusammenhalt des Landes festigen
  3. die individuelle und die institutionelle Mehrsprachigkeit in den Landessprachen fördernd. das Rätoromanische und das Italienische als Landessprachen erhalten und fördern.

Der Bund beachtet bei der Erfüllung seiner Aufgaben insbesondere folgende Grundsätze. Er achtet darauf, die vier Landessprachen gleich zu behandeln, gewährleistet und verwirklicht die Sprachfreiheit in allen Bereichen seines Handelns, trägt der herkömmlichen sprachlichen Zusammensetzung der Gebiete Rechnung, fördert die Verständigung zwischen den Sprachgemeinschaften und er arbeitet bei der Erfüllung seiner sprach- und verständigungspolitischen Aufgaben mit den Kantonen zusammen.

Was der Gesetz jedoch nicht vorsieht, ist die Verbreitung der schweizerdeutschen Dialekte (Schwyzertütsch oder Schwyzerdütsch). Von Region zu Region sind die Unterschiede zwischen den deutschen Dialekten jedoch beträchtlich, zum Beispiel zwischen den Regionen Basel, Appenzell, Schaffhausen, Oberwallis, Zürich und Bern. Diese Dialekte sind für französischsprachige und italienischsprachige Bürger*innen, und gelegentlich auch für deutschsprachige, manchmal schwer zu verstehen.

Schweizerdeutsch wird nicht formell geschrieben, abgesehen von regionalem und informellem Austausch wie persönlichen Nachrichten. Für die schriftliche Kommunikation wird daher das Standarddeutsch verwendet, allerdings mit einigen Varianten: in der Schweiz wurde beispielsweise der Gebrauch des ß (genannt Eszett) abgeschafft und durch das Doppel-ss in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ersetzt. Die Kinder beginnen mit dem Standarddeutsch, sobald sie in die Schule kommen.

Zudem haben die Kenntnisse der anderen Sprache in den letzten Jahrzehnten drastisch abgenommen. Englisch wird zunehmend zur Sprache junger Schweizer*innen aus verschiedenen Sprachregionen.

Vielleicht wäre anstelle von Esperanto, einer künstlichen Sprache, die uralte Romanische Sprache als Zweitsprache für alle Schweizer*innen eine geeignete Lösung.

Die Sprache fungiert als soziales Schmiermittel jeder Gesellschaft. Der Rückgang der Sprachkenntnisse ist deshalb ein Grund zur Sorge um den Zusammenhalt dieses mehrsprachigen Landes.