Kurze Geschichte der direkten Demokratie

Das Schweizer Modell der direkten Demokratie fungiert oft als Beispiel für die Beteiligung von Bürgern und Organisationen an Entscheidungsprozessen auf nationaler Ebene. Die historische Entwicklung und das Funktionieren im spezifischen Kontext dieses Landes ist jedoch oft unbekannt.

Arbeitsweise

Jedes System hat seine Vor- und Nachteile, aber eines ist sicher: Demokratie ist das am wenigsten schlechte System, sei es die Präsidialsysteme in Frankreich oder Amerika oder die parlamentarischen Systeme des Bezirks (Grossbritannien), eine Föderation (Deutschland) oder ein Einheitsstaat (die Niederlande).

Das System der Schweizerischen Eidgenossenschaft (Confoederatio Helvetica) nimmt jedoch einen besonderen Platz unter diesen Demokratien ein, und nur ein gutes Wissen über die Geschichte und Entstehung der direkten Demokratie stellt ihr Funktionieren in den richtigen Kontext.

Diese direkte Demokratie, d. h. die direkte Volksbefragung von (Verfassungs-) Gesetzen oder internationalen Verträgen und ein (doppeltes) Veto des Volkes und/oder des Ständerates, bedeutet das Ende des Gesetzes oder Vertrages.

Die Vor- und Nachteile dieses Systems werden nicht im Detail erläutert, sondern nur die historischen Aspekte seiner Entstehung kurz besprochen.

Es soll gezeigt werden, dass es sich um ein Bottom-up-Konzept handelt, das eng mit der geografischen Situation, den natürlichen Bedingungen, der multikulturellen Bevölkerung und dem Pragmatismus im zusammenhang steht. Die niederländischen Gemeinden kennen eine ähnliche historische Entwicklung in Bezug auf das Wassermanagement.

Geschichte

In dieser Hinsicht hat der 1. August 1291 noch immer einen magischen Klang und es ist sogar der offizielle Geburtstag des Landes (Legende oder nicht). Die drei Orte Schwyz, Uri und Unterwalden (der Name Kanton wurde erst ab dem. 16. Jahrhundert verwendet) bildeten ein Bündnis und bestätigten es mit einem Eid, daher der Name Eidgenossen.

Diese Bündnisse und Eide waren in ganz Europa verbreitet. Das Besondere an dieser Allianz ist aber die Kontinuität und die schrittweise Expansion bis zum Jahr 1513 mit anderen Orten (Glarus und Appenzeller) und Städten (Bern, Luzern, Basel, Schaffhausen, Zürich, Freiburg, Solothurn, Zug).

In den Bauerngemeinden, wurden Entscheidungen bereits im 13. Jahrhundert von Generalversammlungen (männlicher) Bürger getroffen, die wiederum die Regierung wählten.

Der Fürst (z.Beispiel Habsburg) hatte wenig zu sagen, obwohl die  Bindungen gepflegt wurden. Es war in der Tat eine Art kommunales System, das seine eigenen Interessen so gut es ging vertreten wollte.

Die Landsgemeinde, zum Beispiel im heutigen Kanton Graubünden, war damals ebenfalls eine eigenständige Gemeinde und kannte dieses System wahrscheinlich unter dem Einfluss der italienischen Stadtstaaten, die mit der Eröffnung des Gotthardpasses 1230 bekannt waren; sie waren sogar Demokratien (für männliche) Bürger auf lokaler Ebene.

Es fehlte ein ideologisches Konzept, es konzentrierte sich vor allem auf Konfliktlösung und -management sowie gemeinsame Interessen (z.B. Strassenerhaltung, Viehsicherheit). In diesen Gebieten fehlten grosse Grundbesitzer und die meisten Bauern besassen kleine Unternehmen.In städtischen Gemeinschaften entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte aristokratische Oligarchien und Verwaltungsstrukturen, in denen Eliten (insbesondere Zünfte) auf der Grundlage von Konsens und Mehrheiten entschieden, zum Beispiel in religiösen Angelegenheiten um 1530.

Andere Bürger hatten oft keinen direkten Einfluss. Militärische Gewalt wurde jedoch vermieden und nur bei Bedarf eingesetzt, zumal sie viel Geld kostete (und die meisten Schweizer Soldaten bevorzugten den Militärdienst im Ausland, auch ein lukratives Geschäft für die Eliten).

Mit der Gründung der Tagsatzung (1417, um den eroberten Aargau zu verwalten), dem Treffen der Vertreter der Kantone, wurde auch eine Institution geschaffen, die auf einen Konsens zwischen den Kantonen und ihren Interessen abzielte.

Dies war das Bild bis ins 18. Jahrhundert, die Zeit der Aufklärung und der amerikanischen und französischen Revolution sowie die Gründung vieler Gesellschaften in den Städten. Auch innerhalb der Städte wuchs dann der Ruf nach Demokratie.

Die Romantik (und die Medien) bevorzügten das Bild der direkten Demokratie der Landsgemeinden und souveräner Gemeinden in den Berggebieten.

In allen städtischen Gebieten und Kantonen ist die Demokratie vor und nach der französischen Ära (1798-1813) mit der Entstehung des Schweizerischen Bundes von 19 Kantonen im Jahre 1803 das Thema schlechthin und vor allem die direkte Demokratie nimmt einen wichtigen Platz in den Debatten ein. Nicht auf nationaler Ebene, sondern vorerst in den Kantonen.

Genf, September 2022, direkte Demokratie

Nach 1815

Die direkte Demokratie gewann auch an ideologischer Bedeutung, und in den traditionellen oligarchischen Städten (Zürich, Freiburg, Bern, Solothurn) stieg der Ruf nach direkten Volksabstimmungen, insbesondere zur Wahrung des inneren Friedens in Zeiten von Unruhen (1830 und 1848), Industrialisierung und schnellem Stadtwachstum sowie religiösen Konflikten zwischen den Kantonen (Sonderbundkrieg 1847).

Die Verfassung vom 12. September 1848, die Grundlage der heutigen Schweiz, sah nur das obligatorische Referendum vor. Das fakultatieve Referendum existierte aber bereits in mehreren Kantonen.

Immer mehr Kantone folgten diesem Beispiel, weil es sich bewährt hat (Aargau, Solothurn, Graubünden, Thurgau, Zürich und sogar Bern 1869).

Der Eisenbahnbau und Interessenkonflikte zwischen Eisenbahnbaronen und Grundbesitzern sowie Unruhen in Städten haben diesen Prozess beschleunigt.

Es gab und gibt immer Gegner des Referendums mit immer den gleichen Argumenten: Das Volk is dum, Das Volk hat nicht genügend Einsicht, es untergräbt die repräsentative parlamentarische Demokratie, die Elite weiss, was gut für das Land ist, die „Populisten“ und Interessengruppen, (sind nicht alle Politiker Populisten?) missbrauchen das Referendum et cetera.

Nach endlosen Diskussionen im Nationalrat und Ständerat wurden die Referenden und ihre Bedingungen 1874 (das fakultative Referendum) und 1891 (die Volksinitiatieve) aufgenommen und natürlich nach einem Referendum verabschiedet.

Nach diesen Jahrhunderten der Entwicklung und Diskussion kann, will und wird die Schweiz nicht mehr auf die direkte Demokratie verzichten. Demokratie kann nie relativiert werden, auch nicht auf europäischer Ebene, was leider die Realität ist.

(Quelle: O. Meuwly, Une histoire de la démocratie directe en Suisse, Neuchâtel, 2018). 

Ein Berner in Jerusalem

Israelische Archäologen haben in Jerusalem ein Graffiti entdeckt, das den Namen von Adrian von Bubenberg (1424-1479) trägt. Es war bereits bekannt, dass der Berner Ritter 1466 ins Heilige Land gepilgert war.

Sein Name mit einem Bild seines Familienwappens wurde auf einer Wand des Grabkomplexes von König David auf dem Berg Zion in der Nähe der alten Stadt gefunden. Das Gebäude war damals ein Kloster mit Herberge für Pilger aus Europa.

Der Berner Schultheiss und Feldherr Adrian von Bubenberg (1424–1479) ging als der Verteidiger von Murten in den Burgunderkriegen (1474–1476) in die Annalen ein. Für die seit 1300 eingesetzte territoriale Expansion der «Stadt und Republik Bern» zum mächtigsten und grössten Stadtstaat nördlich der Alpen bis 1798 war der Sieg 1476 in Murten entscheidend.

Die Verehrung von Bubenberg setzte bereits zu seinen Lebzeiten ein und wurde bis tief in das 20. Jahrhundert gepflegt. In zahlreichen historischen, literarischen und musikalischen Werken wurde er als Retter des Vaterlandes dargestellt, insbesondere in der Biografie von Rudolf von Tavel mit dem Titel «Ring i der Chetti» (1931). Max Leu erstellte 1897 die Statue in Bern.

Bron: SGAW, Mal Denken

Das Willisauer Bergland und seine Geschichte

Der Kanton Luzern ist seit 1332 Mitglied der Eidgenossenschaft. Zunächst war es ein Stadtstaat, der nach und nach immer mehr Gebiete eroberte, erbte oder kaufte. Im Jahr 1480 erreichte der Kanton seine heutige Grösse.

Der Kanton setzt sich aus vier geografischen Gebieten zusammen: der Hauptstadt Luzern und ihrer Umgebung, dem Entlebuch, dem Willisauer Bergland und einer nördlichen Region.

Das Willisauer Bergland hat seinen Namen von der Stadt Willisau und ihrer berühmten Delikatesse, den “Willisauer Ringli”. Es gibt aber auch Köstlichkeiten der ganz anderen Art zu geniessen. Im Dorf Ettiswil steht zum Beispiel seit acht Jahrhunderten das schöne Wasserschloss Wyher.

Die Endungen „ingen“ und „wil“ weisen übrigens auf alemannische Wurzeln hin. Ab dem sechsten Jahrhundert drang dieser germanische Stamm immer weiter in das Gebiet der heutigen Schweiz vor und verdrängte die gallorömische Sprache und Kultur.

Foto: Luzia Mathys

Die Geschichte von Ettiswil ist eng mit den Klöstern St. Urban, Einsiedeln (Kanton Schwyz), St. Leodegar in Luzern, Stift St. Michael in Beromünster und mehreren anderen Klöstern im Kanton verbunden. Ettiswil war auch ein Wallfahrtsort des Heiligen Sakraments. Luzern blieb in der Reformation katholisch und wurde in der Gegenreformation zu einer Bastion der Jesuiten und des Barock.

Die Basilika St. Maurice in Ruswil

Die Abtei St. Urban 

St. Urban und sein Barock

Ab 1574 waren die Jesuiten für die Bildung im Kanton zuständig. Die Jesuiten hatten ihre Ausbildung am Jesuitenkolleg in Luzern oder am Collegium Helveticum in (Habsburg) Mailand absolviert.

Im 18. und 19. Jahrhundert kam auf 600 Einwohner mindestens ein Priester, die Nonnen und Mönche in den Klöstern nicht mitgezählt. Sie stammten fast ausnahmslos aus dem Patriziat und der Bourgeoisie des Kantons. Dies führte zu einer engen Verflechtung von kirchlicher Macht und Politik.

Die Bewohnerinnen und Bewohner ausserhalb der Stadt Luzern waren schon immer widerständig. Die Bauern der Region Ruswil rebellierten 1513 gegen die Stadt Luzern (Zwiebelkrieg), 1799 war Ruswil die treibende Kraft hinter dem erfolglosen Aufstand gegen die Helvetische Republik (1798-1803) Napoleons. In Ruswil wurde 1840 der „Ruswiler Verein“ gegründet, ein Vorläufer der konservativ-katholischen Partei im Kanton. Dies war auch eine Reaktion auf die liberalen Parteien im Kanton, insbesondere in der Stadt Luzern.

Die neue Kantonsverfassung von 1841 war eine Art Kompromiss. Sie betonte die Bedeutung des Katholizismus und damit der Jesuiten, führte aber auch die direkte Demokratie ein, und zwar bereits 1841! Und doch ging es 1847 schief, aber mit der neuen Bundesverfassung von 1848 nahm es ein gutes Ende.

Foto: Luzia Mathys. Die Weiherlandschaft Ostergau mit und ohne Nebel

Schlussfolgerung

Die Schönheit des Willisauer Berglands ist jedoch von diesen politischen und religiösen Entwicklungen unberührt geblieben. Der ländliche Charakter, das Naturschutzgebiet Elliswil und die Weiherlandschaft Ostergau, bewaldete Hügel, Seen, Bauernhöfe und das Schweizer Leben des Viehs prägen noch immer die abwechslungsreiche Landschaf Am Fuss der Alpen.

Der Schweizer Alpen-Club (SAC)

Der Schweizer Alpen-Club (SAC, Sektion Basel) organisiert regelmässig Wanderungen in diesem Gebiet (und anderswo im Land).

Obwohl der Name anderes vermuten lässt, organisiert der SAC nicht nur (Ski) Touren in den Alpen, sondern auch Wanderungen und Aktivitäten in anderen Regionen.

(Quelle und weitere Informationen: www.sac-cas.ch).

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Quelle und weitere Informationen: Franz Kiener, Luzern, Historisches Lexikon der Schweiz.

Der Soppisee. Foto: Luzia Mathys

Foto: Luzia Mathys

Der Garten im Wald von Rita Lutolf aus Ettiswil

Die Ortschaft Geiss, die Kirche und das mittelalterliche Haus

Die Zeit der antiken Inflation

Im Schweizerischen Aargau wurden mehr als 4000 römische Münzen entdeckt. Es handelt sich überwiegend um hochwertige Bronzemünzen mit einem vergleichsweise hohen Silbergehalt von fünf Prozent.

Das war das Ergebnis der Inflation. Denn der Doppeldenar, den Kaiser Caracalla (188-217)  um das Jahr 214 erstmals herausgab, war noch eine reine Silbermünze gewesen.

Das Erstaunliche an dem Aargauer Fund aber ist, dass die Münzen von guter Qualität sind und kaum Gebrauchsspuren aufweisen.

Das bedeutet, dass ihr Besitzer sie offenbar kurz nach ihrer Ausgabe gezielt gesammelt und gehortet hat.

Das geschah wohl über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten. Die frühesten Münzen stammen aus der Regierungszeit des Kaisers Aurelian (270–275 n. Chr.), die jüngsten aus der Regentschaft der sogenannten Tetrarchie (293-312).

Kaiser Diokletian (284–305) teilte das Reich in vier Herrschaftsdistrikte und setzte ein umfangreiches Reformwerk in Gang, zu dem auch eine Münzreform gehörte. Er führte den Silberdenar wieder ein. (Quelle: www.nzz.ch).

Korrektur: Melinda Fechner

Die Via Habsburg

Das Haus Habsburg war eine der einflussreichsten Dynastien Europas.  Von 996 bis 1815 nahmen die Persönlichkeiten dieser grossen Herrscherfamilie entscheidenden Einfluss auf die Geschichte.

Bündnisse und Streitigkeiten, Machtkämpfe und Gebietseroberungen, Zeiten des Krieges und des Friedens trennten Völker, vereinten diese aber auch und bildeten Verbindungen, welche die Zeit überdauert haben.

Die 800 Jahre alte Geschichte der Habsburger wird an Orten bewahrt, die Tausende von Quadratkilometern in West- und Mitteleuropa abdecken. Schlösser, Burgen, prächtige Kirchen, Klöster, Abteien, hervorragende Museen und viele kleinere und grössere Denkmäler zeigen, dass diese berühmte Herrscherfamilie nicht nur die Geschichte, sondern auch die Kunst beeinflusst hat, indem sie die Reichtümer der Renaissance überlieferten und in der Zeit ihres Niedergangs die modernistische Revolte provozierten.

70 Orte und Städte in vier verschiedenen Ländern und sechs Regionen laden den Besucher ein, sich auf eine Reise durch zeitlose Landschaften und außergewöhnliche Orte zu begeben. In Tirol (Österreich), in der Schweiz, am Bodensee, im Schwarzwald (Deutschland) und in den Regionen Elsass und Lothringen (Frankreich) gibt es nicht weniger als 150 Ziele.

Quelle und weitere Informationen: Via Habsburg

Korrektorin: Petra Ehrismann

Gstaad, Saanen und Menuhin

Gstaad (Kanton Bern) hat den Ruf, ein mondäner (Winter-)Sportort zu sein. Obwohl die Möglichkeiten zum Skifahren begrenzter sind als in anderen Gebieten, hat das Dorf diese Position durch das Wachstum des (englischen) Tourismus in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts erworben.

Doch nicht nur die Wohlhabenden schätzen Gstaad und seine Umgebung. Der Musiker, Geiger und Humanist Yehudi Menuhin (1916-1999) kam gerne und oft nach Gstaad und initiierte 1957 das heute weltberühmte jährliche Menuhin Festival.

Saanen: Gstaad Menuhin Festival Academy. Foto: TES

Er schätzte nicht nur den authentischen Charakter des Dorfes inmitten der Grand Hotels. Inspiration fand er vor allem in der Natur. Die Berge und Täler, die bewaldeten Hänge, die Freundlichkeit der Bauern und die bunten Farben der vier Jahreszeiten inspirierten ihn:

Weiss im Winter, blühende, bunte Hänge und Wiesen im Frühling, grün im Sommer und Herbstfarben danach. Aus diesem Grund führt ein nach ihm benannter Philosophenweg von Gstaad nach Saanen. In Saanen befindet sich das Yehudi Menuhin Institut.

Saanen, The JKF International School

Zumindest in Gstaad schliessen sich eine weltliche Welt und eine philosophische Lebenseinstellung nicht gegenseitig aus. Vielleicht trifft das auf die Schweiz zu, ein Gleichgewicht zwischen Materie und Wohlstand und einem zurückhaltenden und (selbst-)reflektierenden Lebensgefühl, ein Gleichgewicht zwischen Modernität und Authentizität, Fortschritt ohne dem (politischen) Wahn der Zeit zu verfallen.

Aus diesem Grund wird die Schweizer Demokratie manchmal mit einem Uhrwerk verglichen. Sie ist ein geniales konstitutionelles menschliches Rädchen, das sich über Jahrhunderte von unten nach oben entwickelt hat.

Sie ist authentisch, aber modern und auf die heutige Zeit zugeschnitten. Es ist wie bei jahrhundertealter klassischer Musik: zeitlose Qualität. Das könnte die Schweizer Inspiration für Yehudi Menuhin gewesen sein.

Quelle und weitere Informationen: www.gstaad.ch

Korrektorin: Petra Ehrismann

Gstaad.

Basel, Bahnhof SBB

Das Ritterhaus Chasa de Capol

Die Schweizer Regierung traf sich am 12. Oktober 2022 in der Ortschaft Müstair im Val Müstair (Kanton Graubünden). Sechzig Jahre zuvor waren Regierungsmitglieder der damaligen Bundesrepublik Deutschland (BRD) und Kabinettssitzungen ein vertrauter Anblick im Ritterhaus in Sta. Maria, das nur wenige Kilometer von Müstair entfernt liegt.

Das Ritterhaus

Die Geschichte dieses monumentalen Dorfschlosses geht auf das 12. Jahrhundert zurück, aber erst seit 1962 wird es als Hotel genutzt. Im Jahr 1955 kaufte der Schweizer Musiker und Dirigent Ernst Theophil Amadeus Schweizer (1932-2021) den Komplex. Der in Basel geborene Musiker war Dirigent in Venedig und fand im Münstertal zwischen Basel und Venedig eine neue Heimat.

Ab 1955 renovierte er das baufällige Ritterhaus stilecht und beherbergte ab 1962 berühmte Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kunst, Film und Musik, darunter Bundespräsident Theodor Heuss, Bundeskanzler Konrad Adenauer, Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier, Aussenminister Heinrich von Brentano, Ludwig Erhard und viele andere Regierungsmitglieder, aber auch Charly Chaplin, Herbert von Karajan, Albert Hofmann, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und andere Berühmtheiten gehörten zu den Gästen. Sein Sohn Ramun Schweizer übernahm die Leitung des Hotels im Jahr 1997.

Vater und Sohn haben das Hotel mit grossem Respekt vor seiner jahrhundertealten Geschichte und Kultur renoviert und umgestaltet. Es handelt sich um ein Hotel, man fuhlt sich darin jedoch beinahe in einem Museum, selbst die Küche mit Ramun als Chefkoch basiert auf dem klassischen Holzofen, Kupferpfannen und regionalen Rezepten.

Ramun Schweizer vor seiner Küche

Innenbereich

Die jahrhundertealte Kapelle, die mittelalterlichen Mauern, die gotischen Gewölbe, der Kamin im Salon, die separate authentische mittelalterliche Küche mit Kaminofen, Kutschen und ein Oldtimer aus dem Jahr 1934 (ein schwarzer Citroën Traction Avant), der als Speisesaal dienende Rittersaal, die als Frühstücksraum genutzte Wohnstube, der Fondue-Raum, 12 authentisch eingerichtete Zimmer (mit Wifi, ohne Fernseher), die venezianische Marco-Polo-Bar, der Davidoff-Rauchraum und verschiedene andere Aufenthaltsbereiche schaffen eine gemütliche und einzigartige Atmosphäre.

Der Rittersaal

Der Frühstücksraum

Der Fondue-Raum

Der Davidoff  Rauchraum

Treppenabsatz mit Zugang zu den Zimmern

Das Theater, die Kapelle und der Weinkeller

Das Theater und sein Steinway-Flügel im obersten Stockwerk verdienen besondere Erwähnung. Das Theater wird immer noch für Konzerte und andere Veranstaltungen genutzt. Instrumente, Masken und Requisiten aus Venedig verweisen auch auf den Musiker und Dirigenten Schweizer. Natürlich haben auch Basel und die Basler Fasnacht einen besonderen Platz im Ritterhaus.

Das Theater

Die Kapelle

Der Weinkeller

Geschichte

Die Anfänge des Komplexes gehen auf das Jahr 1199 zurück. Die aus Venedig stammende Dynastie Polo liess sich in Sta. Maria nieder und wohnte dort bis 1839. Das Haus ist nach Ca-Pol, oder Hausmacht der Polo, benannt.

Dieses Geschlecht bekleidete Ämter in der Republik Venedig, im Bistum Chur und bei den Habsburgern und war auch wirtschaftlich in der Region aktiv, unter anderem für das Kloster St. Johann (Claustra Son Jon) in Müstair.

Nach der Eroberung des Veltlins, von Bormio und Chiavenna im Jahr 1512 durch die drei Bünde waren die Mitglieder der Dynastie Vogte (Podestà) im Veltlin.

Die Dynastie blieb während der Reformation katholisch. Die Augustinermönche hatten sogar ein Hospiz (wegen der Lage am Umbrailpass) und ein Refektorium im östlichen Anbau des Komplexes und nutzten die Hauskapelle.

Kaiser Friedrich von Habsburg erhob die Dynastie 1481 zu den Grafen von Capol. Im Jahr 1506 hielt sich Kaiser Maximilian im Ritterhaus auf. Nach dem Aussterben der Dynastie (im Jahr 1839) stand der Komplex bis 1955 leer.

Schlussfolgerung  

Ab 1955 erwachte das Ritterhaus Chasa de Capol zu neuem  Leben. Die kosmopolitische und kulturelle Atmosphäre sowie der Geist der Capols, des Val Müstair, des Handels, der Mönche, der Säumer (auf dem Weg von und nach Tirol über den Umbrailpass), der Kaiser, der Grafen, der Ritter und anderer Würdenträger ist in einem authentischen, musikalischen, venezianischen und Basler Dekor noch immer präsent.

Die Basler Fasnacht im Ritterhaus

Im Jahr 2000 wurde dem Ritterhaus sogar eine weitere ritterliche Ehre zuteil: In diesem Jahr wurde Ernst Theophil Schweizer zum Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem geschlagen .

Die Urkunde

Die Anfänge dieses Ordens gehen auf das Jahr 1099 zurück, ein Jahrhundert vor dem Bau des Ritterhauses. Heute gibt es weltweit etwa 30 000 Ritter dieses Ordens. Die facettenreiche Persönlichkeit Ernst Theophil Schweizer – Musiker aus Basel, Dirigent in Venedig, Hotelier im Bündnerland – ist und bleibt wohl eine einmalige Erscheinung in diesem Orden.

Quelle und weitere Informationen: Ritterhaus Chasa de Capol

Eine Ode an Val Müstair

Die Val Müstair (das Münstertal) ist das östlichste Tal der Schweiz. Die rund 1.600 Einwohner wohnen hauptsächlich in den Dörfern Tschierv, Fuldera, Lü, Valchava, Sta. Maria und Müstair. Sie formen die Gemeinde die Gemeinde Val Müstair.  

Die Dörfer und ihre geschichtlichen und kulturellen Hintergründe werden in einem weiteren Beitrag behandelt. Ebenso werden darin Zusammenhänge mit dem Grafen von Tirol, den Habsburgern,  mit Bormio, dem Veltlin und Chiavenna in Italien (Untertanengebiete von 1512 bis 1798), dem Bischof von Chur und dem Gotteshausbund erläutert.

Eine Ode ohne Worte an die Schönheit des Tals und seiner Dörfer.

Korrektorin: Petra Ehrisman

Sta. Maria

Die Kirche von Santa Maria

Die San Nicolaus und Sebastian in Tschierv

Fuldera und die St. Rochus Kirche

Lü und die Kirche auf 1920 m ü.M.

Chasa Jaura, Museum

Valchava

und die Nossaduonna

und die St. Martin Kirche

Müstair und das klooster St. Johann (Claustra Son Jon)

Das Postauto

Das Jahr 1848 bedeutete auch für das Transportwesen in der Schweiz einen Neuanfang. Die Eisenbahnen sind das bekannteste Beispiel. Aber auch das Postauto begann seine Entwicklung.

Bereits im 18. Jahrhundert fuhren Diligenzen oder Postkutschen über die Bergpässe und durch das Flachland der Schweiz. Sie beförderten Passagiere und Post. Es handelte sich um private Unternehmen.

1906-1960

Im Jahr 1849 errichtete die Bundesregierung ein Monopol für diesen Transport. Die Postkutsche, die von vier oder sechs Pferden gezogen wurde, war bis 1906 das einzige Transportmittel.

Das erste Postauto fuhr 1906 von Bern nach Detligen. Auf dieser Strecke verkehrten drei Busse. Weitere 2.000 Postkutschen waren bis 1913 im Einsatz.

Ab 1919 übernahm das Postauto diese Aufgabe. Im Jahr 1919 stellte die Armee dem Postauto 100 Armeewagen zur Verfügung. Dies war ein grosser Ansporn für die weitere Entwicklung. Die wichtigsten Hersteller des Postautos waren die Firma Saurer in Arbon und später die Firma FWB in Wetzikon.

Das Postauto wurde in immer mehr (Berg-)Gebieten und sogar in abgelegenen Tälern aktiv. Ein bekanntes Beispiel ist Saas-Fee, das übrigens immer noch vergeblich auf einen Anschluss an das Bahnnetz wartet. Bis 1951 gab es noch keinen Autoweg nach Saas-Fee. Das Postauto fuhr, so weit es konnte, und die Reise wurde mit Maultieren fortgesetzt. 1951 wurde der Autoweg nach Saas-Fee fertiggestellt und das Postauto konnte auch dorthin gelangen.

Postautos waren bis in die 1960er Jahre auch ein beliebtes Verkehrsmittel für Ausflüge. Die meisten Menschen konnten sich bis dahin kein Auto leisten und das Postauto (Car alpin) beförderte die Fahrgäste auf die Gletscher und über die höchsten Pässe. Oft gab es sogar einen Stau von Postautos.

Die PostAuto AG

Die PostAuto AG ist heute eine Konzerngesellschaft der Schweizerischen Post AG und damit ein sogenanntes bundesnahes Unternehmen. Etwa die Hälfte der Fahrleistungen erbringen private PostAuto-Unternehmer, mit denen PostAuto zusammenarbeitet. PostAuto hat auch grenzüberschreitende Linien und war während Jahren auch in Frankreich aktiv. Dieses Engagement ist jedoch inzwischen beendet.

Das Postauto verfügt über ein Strassennetz von rund 17.000 km, doppelt so viel wie das Schienennetz der SBB. Es gibt 936 Strecken mit 2.400 Postautos in den 26 Kantonen. Das Postauto befördert rund 127 Millionen Fahrgäste pro Jahr.

PostAuto betreibt seine Leistungen im Auftrag der Schweizer Kantone. Sie definieren das Angebot (Linien und Fahrplan) und beteiligen sich – gemeinsam mit dem Bund – an etwa 50% der Kosten. Die übrigen Einnahmen stammen von den Kundinnen und Kunden. Zusatzgeschäfte wie Schülertransporte oder Bahnersatz-Leistungen gehören ebenfalls zu den Leistungen.

Eine spezielle Postautolinie führt im Berner Oberland von Reichenbach bis ins Kandertal auf die Griesalp. Dieses Postauto hat eine Strecke von 2 Kilometern mit einer Steigung von nicht weniger als 28 %.

Die Hauptaufgabe des Postautos hat sich trotz der veränderten Unternehmensform nicht geändert: Personenbeförderung sowie teilweise Brief- und Paketzustellung auch in den entlegensten Regionen und Dörfern. Das Postauto ist ein bekannter Name; bekannt für seine Pünktlichkeit, seinen Service und seinen Komfort.

Museen

Liebhaber von Postauto-Oldtimern und der Geschichte dieses einzigartigen Transportunternehmens können verschiedene Museen besuchen, darunter das Saurer-Museum in Arbon, das FWB-Museum in Wetzikon, das Sammlungsdepot in Schwarzenburg (kanton Bern) mit dem ältesten erhaltenen Postauto, das Museum für Kommunikation in Bern und natürlich online die Postauto AG.

(Quelle: www.postauto.ch, www.mfk.ch).

Korrektorin: Melinda Fechner

Val Müstair – Symbol der Einheit

Der Bundesrat tagt seit 2010 ein- bis zweimal pro Jahr an einem anderen Ort, extra muros des Bundeshauses in Bern. Am 12. Oktober war er in Müstair (im Val Müstair im Kanton Graubünden).

Bei dieser Gelegenheit traf sich die Regierung mit der Regenza (Kantonsregierung) intra muros des Klosters St. Johann. Dann stellte sie sich den Bewohnern und Bewohnerinnen des Tals vor.

Sie tut dies in den verschiedenen Regionen des Landes an ihrem üblichen Sitzungstag in Bern, dem Mittwoch. Das Treffen in Müstair ist das 17. extra muros Treffen. Damit betont die Regierung nicht nur die Vielfalt des Landes, sondern will auch die Beziehungen zu den Kantonen und der Bevölkerung stärken.

Müstair ist nicht einfach irgendein Ort. Hier gründete Karl der Grosse um 775  das Kloster St. Johann (Claustra Son Jon) und in der Nähe fand am 22. Mai 1499 die Schlacht von Calven (Chalavaina in Romanisch) statt.

Kaiser Maximilian (1469-1519) fiel 1499 in das Engadin ein, um das Münstertal und den Umbrailpass zu erobern. Dieser Krieg der Eidgenossen gegen Habsburg wird aus diesem Grund auch Engadinerkrieg (oder Schwabenkrieg) genannt.

Die Truppen der drei Bünde (Gotteshausbund, Zehngerichtenbund und Oberer oder Grauer Bund) gingen jedoch als Sieger hervor. Dies führte zur Gründung des Freistaats der Drei Bünde im Jahr 1524.

Vlag van Graubünden - Wikipedia

Dieser bestand bis 1798 (französische Invasion) und wurde 1803 zum neuen Kanton Graubünden, benannt nach dem Grauen Bund. Mit dem Frieden von Basel im Jahr 1499 verschwanden die Habsburger als weltliche Macht endgültig aus dem Schweizer Territorium, abgesehen vom Engadin und Val Müstair.

Die letzten Kämpfe zwischen Habsburg und dem Freistaat der Drei Bünde fanden während der Bündner Wirren (1619-1639) statt. Es war ein Nebenschlachtfeld des Dreissigjährigen Krieges zwischen den österreichischen und spanischen Habsburgern und ihren (Unterengadiner) Verbündeten auf der einen Seite und Frankreich und seinen (Unterengadiner) Verbündeten auf der anderen Seite, wobei die protestantischen und katholischen Religionen meist miteinander über Kreuz lagen. Es entstand dadurch auch ein Bürgerkrieg.

Bis 1652 regierte Habsburg formell das Unterengadin. In diesem Jahr kauften sich die Dörfer in dieser Region frei. Diese waren jedoch schon seit langem mit dem Gotteshausbund verbunden und gehörten faktisch schon zum Freistaat der Drei Bünde. Val Müstair gehörte bis 1728  zum Bistum Chur. In diesem Jahr verkaufte der Bischof seine Rechte an Habsburg. Die Dörfer im Val kauften sich jedoch 1762 auch endgültig frei.

Die romanische Sprache

Die romanische Sprache war zu dieser Zeit noch die Hauptsprache in Graubünden, obwohl die Alemannen ab dem siebten Jahrhundert und die Walser ab dem zwölften Jahrhundert viele Gebiete deutschsprachig machten. Dreihundertfünfzig Jahre nach 1653 spricht nur noch eine Minderheit von 55 000 Einwohnern des Kantons Romanisch. Das ist jedoch noch immer mehr als die Bevölkerung des neuen Kantons von 1803!

Graubünden ist nach wie vor dreisprachig (Romanisch, Italienisch und Deutsch). Romanisch hat fünf Idiome. Im Val Müstair wird die Sprache Jauer gesprochen. Diese Sprache ist dem Vallader sehr ähnlich, hat aber ihre eigene Identität und Geschichte. Graubünden symbolisiert die Vielfalt der Schweiz schlechthin. Die physische Form des Kantons hat sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit derjenigen des ganzen Landes.

Val Müstair und die Schweiz

Das Zusammentreffen von Regierung und Regenza ist in mancher Hinsicht vergleichbar mit der Landsgemeinde, die es damals auch in Graubünden gab. Markus Caduff, Präsident der Regenza, und Gabriella Binkert Becchetti, Gemeindepräsidentin von der Gemeinde Müstair, begrüssten die Regierung.

Der Plaz Grond in Müstair

Bundespräsident Ignazio Cassis verwies in seiner Rede auf die Mehrsprachigkeit und Vielfalt der Schweiz. Der symbolische Teilnehmer eines Vallader-Kurses in Scuol im Jahr 2021 und einer der Initiatoren der föderalen Unterstützung für die romanische Sprache und Kultur begann seine Rede auf Romanisch.

Markus Caduff  und Bundespräsident Ignazio Cassis

In diesem Zusammenhang bestätigte der Bundespräsident auch das Existenzrecht der Schweiz: zentral steht der Wille der 26 Kantone und ihrer Bürgerinnen und Bürger, in der Confoederatio Helvetica zu leben, die sie selbst 1848 gegründet haben.

Donna Leon, Einwohnerin von Sta. Maria, und Bundespräsident Ignazio Cassis.

Daran ändert auch die (Reise-)Entfernung zwischen Genf und Müstair oder Lugano und Basel nichts. Die Schweiz ist eine Willensnation.  Die Bürger und Kantone hatten und haben immer das letzte Wort. So war es 1815, 1848 und auch noch 2022.

Die Landsgemeinde gibt es im Kanton nicht mehr, aber die massvolle, ruhige und doch  feierliche Stimmung und die direkten Kontakte zwischen den Einwohnerinnen und Einwohnern und den Gemeinde-, Kantons- und Bundesverwaltungen erinnern immer noch an diese Urform der Demokratie. Es war ein Treffen „nach Schweizer Art“. Davon profitieren das Land und seine Bewohner schon Jahrhunderte.

Korrektorin: Petra Ehrismann