Die Nacht auf fünf Kontinenten


(Nederlands) Juan S. Hernandez, ontwerp voor vuurwerk Castillo, Octolán de Morelos, Oaxaca. Mexico, 1960. Sammlung Valetin Jaquet, ME 95

Das Museum der Kulturen in Basel präsentiert die Nacht als Thema einer Ausstellung (Nacht – träumen oder wachen) in einer – wie könnte es anders sein – multikulturellen Geschichte. Die Ausstellung führt den Besucher durch die Nacht und zeigt Kunst und Alltagsgegenstände aus fünf Kontinenten.

Die heutige Nacht in der modernen (europäischen) Gesellschaft unterscheidet sich deutlich von der Nacht im 19. Jh. oder noch weiter zurückliegenden Zeiten. Lichtverschmutzung und Lärmbelästigung in der Nacht sind zum Beispiel Begriffe aus dem letzten Jahrhundert.

Viele Facetten der Nacht, Angst und Freude, Licht und Schatten, schöne, aber auch düstere Seiten wechseln sich ab. Gerade diese Gegensätze machen für viele Kulturen die Faszination der Nacht aus.

Fledermausmaske, Burkina Faso, vor 1973. III 19733

Windzauber mit Fledermäusen, Papua-Neuguinea, Awar, 1930. Vb 9304

Die Ausstellung assoziiert die Fledermaus als nachtaktives Tier sowohl mit einer negativen als auch mit einer positiven Bedeutung. Auf der Welt gibt es etwa 1 000 Arten. Die Kunst hat der Fledermaus viele Objekte gewidmet, von Batman als Beschützer des Guten bis hin zur Fledermaus als Überbringerin von Unheil und Krankheiten

Vergrösserter Gipsabguss eines Fledermauskopfes. Naturhistorisches Museum Basel. Leihgabe

Schon immer hatte die Nacht auch etwas Unheilvolles an sich. Hexen, Dämonen, Geister, Teufel und andere Fabelwesen erwachten in der Nacht zum Leben. Amulette, Abendgebete und andere Gegenstände erwirkten Schutz oder sollten ihn bringen.

Der Dämonenkönig Kala Rahu, Bali, um 1940. Geschenk von Georg Andre Schlager. IIc 16412

Die Nacht steht nicht nur für Abendlieder, Träume und Schlaf, sondern auch für Schlafwandeln, Albträume und Schlaflosigkeit. Dieses Thema hat die Wissenschaft, die Kunst, die Menschen von jeher beschäftigt, wie die Ausstellung zeigt.

Die Themen Nachtwäsche und Betten, letztere in allen Formen und Grössen, mit besonderem Augenmerk auf Babys und Kinder, erhalten ebenfalls Raum. Die menschliche Kreativität bezüglich Anpassung der Einrichtung des Schlafzimmers an die verschiedenen klimatischen und sonstigen Verhältnisse auf allen Kontinenten, ist fast unerschöpflich.

Impressionen von den vielen Schlaf- und Sitzunterlagen

In den Städten und Dörfern war es früher stockdunkel und nahezu still. Nur Vagabunden, Kutschen, Kirchenglocken und Nachtwächter machten sich bemerkbar. Laternen und Fackeln erhellten die Stadt. Nachtwächter und Laternenanzünder machten in allen Städten bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein ihre Runden und hatten ihre Rituale.

Die Nacht war auch die Zeit der (religiösen) Feste und Veranstaltungen. Fasnacht, Vollmond, Nikolaus, Feuerwerk oder spirituelle Manifestationen fanden oft in der Dunkelheit statt oder begannen dann.

Auch die untergehende Sonne, der Sternenhimmel, der Mond und die nächtlichen Landschaften wurden in der Kunst auf allen Kontinenten auf die unterschiedlichste Weise dargestellt.

Heutzutage gibt es in den Städten ein immenses Angebot an Veranstaltungen verschiedenster Art. Hightech-Präsentationen zeigen das aktuelle Nachtleben in der Stadt Basel.

Guckkasten Polyorama Panoptique, 1850, Frankreich, Reproduktionen der Bilder (2023). Geschenk von Sophie Zahn-Sarasin 1950. VI 19090.00,01-03, 05-07,09-11

Die Champs d ‚Élysées bei Nacht und Tag

Als Vorläufer des Kinos zeigten Guckkästen bis ins 20. Jahrhundert Ansichten von fernen Landschaften, Städten oder gesellschaftlichen Ereignissen. Durch den Wechsel von Auf- und Durchlicht verwandelten sich die Tagesansichten in zauberhafte nächtliche Szenen. Die Faszination für diese Bilder war gross, vielleicht vergleichbar mit den Panoramen des 19. Jahhunderts.

Die Ausstellung vermittelt ein eindrucksvolles und lebendiges Bild von (künstlerischen) Erfahrungen und Erlebnissen der Nacht auf verschiedenen Kontinenten. Es ist ein anspruchsvolles Thema. Die vielseitige Präsentation, die grosse Vielfalt an (Kunst-)Objekten und die modernen Techniken vermitteln einen guten Eindruck vom Phänomen der Nacht.

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Die Stadt Chur (Kanton Graubünden) hatte bis zum 31. Dezember 1887 12 Nachtwächter. Sie kündigten die Abendwache ab 19.00 Uhr (sibni) und später die Morgenwache durch Singen von Versen an. Foto: TES

Die Abendwache:

I träta jezz uf d’Abedwacht,

Gott geb üs allna a guati Nacht.

Und löschan all Füür und Liacht,

Dass üs dar liabi Gott whol b’hüat.

Sibni hätts g’schlaga, das tuan ieu kund,

Gott gäb üs allna a guati Stund

Die Morgenwache:

Stönd uuf im Nama Jesu Christ,

Dar helli Tag vorhanda isch

Dar helli Tag üs nia verlaat,’

Gott gäb üs allna guata Tag.

A guatta Tag, a a glückseeligi Stund:

Das bitt’i Gott vo Herzansgrund

Der Rhein im Wandel


Plakat der Ausstellung. Museum am Lindenplatz

Über drei Jahre hinweg erarbeiteten 38 Museen aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz im Netzwerk Museen Ausstellungen zum Thema Rhein. Es handelt sich dabei um das grösste Rhein-Projekt seit  Johann Gottfried Tulla (1770-1828) und seine Rhein-Regulierung und Rhein-Korrektur.

Im Museum am Lindenplatz ist die Ausstellung „Lebensader. Rhein im Wandel“ zu sehen, die die lokale und regionale Bedeutung des Rheins hervorhebt.

Einst war der Rhein ein verzweigter Strom mit Sandbänken und Schilfbewuchs. Industrialisierung, Rheinhafen sowie der Ausbau zu einer zentralen Verkehrsstrasse haben den Fluss verändert und entmythisiert.

Peter Birmann (1758-1844), Rheinlandschaft beim Isteiner Klotz, undatiert (19. Jahhundert). Kunstmuseum Basel

Der Rhein bei Neuenburg (D), 2023

Für viele blieb der Rhein aber nach wie vor ein romantischer Sehnsuchtsort, wie Rheinmotive aus Kunstsammlungen zeigen. Der Rhein ist seit jeher ein ambivalenter Lebensraum:  er ist durch den Menschen bedroht und gilt selbst als Bedrohung.

Hochwasserschutz, Artenschutz, Mikroplastik und Klimawandel sind die grossen Zukunftsfragen des 21. Jahrhunderts. Die Ausstellung richtet den Fokus gezielt auf Probleme, Herausforderungen und Umweltschutz-Projekte in Weil am Rhein und der Region.

Édouard Vuillard und die japanische Kunst


Utagawa Kunisada (Toyokuni III), Frau mit Kamm vor einem Spiegel, 1800-1865. Museum Jenisch Vevey - Cabinet cantonal des estampes, Sammlung der Stadt Vevey © Foto Musée Jenisch Vevey / Julien Gremaud

Im Sommer 2023 stellt die Fondation das Werk von Édouard Vuillard (1868–1940) unter dem Gesichtspunkt des Japonismus. Das Projekt, dessen Mittelpunkt die in der Hermitage bewahrte zarte Landschaft La Maison de Roussel à La Montagne (1900) bildet, zeigt den entscheidenden Einfluss der japanischen Kunst auf das Schaffen des Nabi-Meisters.

Als grosser Sammler von Ukiyo-e-Holzschnitten fand Vuillard in diesen exotischen Werken neue Formate, eine besondere Radikalität der Komposition und des Bildausschnitts sowie einzigartige Motive, die seine ästhetische Sprache entscheidend bereicherten.

Rund 100 zwischen den 1890er-Jahren und dem Ersten Weltkrieg entstandene Gemälde und Druckgrafiken des Künstlers führen einen Dialog mit etwa 50 Meisterwerken aus dem Land der aufgehenden Sonne.

Vuillard wurde durch die grosse Ausstellung, welche die École des Beaux-Arts 1890 der Kunst Japans widmete, auf die japanische Ästhetik aufmerksam.

Während alle Nabi-Maler, sammelte Vuillard die grösste Anzahl an Drucken: 180 Holzschnitte. Die von japanischen Landschaften, Geishas oder Kabuki-Schauspielern inspirierten Werke wurden von den Meistern des japanischen Holzschnitts geschaffen.

Von 1890 bis 1914 prägen die Bezüge zur japanischen Kunst Vuillards Gemälde, Zeichnungen und Lithografien. Die Schau konzentriert sich auf die Genres Interieurs und Landschaften, um zu zeigen, wie sich der Künstler diese auf sehr persönliche Weise aneignet.

Die Ausstellung wird durch ein Werkensemble von Vuillards Nabi-Freunden ergänzt, die sich alle von der japanischen Kunst beeinflussen liessen: Pierre Bonnard, Maurice Denis, Paul Élie Ranson und Félix Vallotton.

Zeitgenössiche Mythen vom Arabischen Golf


Die Ausstellung «Evaporating Suns – Zeitgenössiche Mythen vom Arabischen Golf» zeigt künstlerische Positionen, die Mythen der Arabischen Golfregion aus verschiedenen Perspektiven in einen zeitgenössischen Kontext setzen.

Die in Thematik und Umsetzung unterschiedlichen Arbeiten bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Mythos und Realität. Ein Spannungsfeld, dass sich gerade im westlichen Blick auf die Region widerspiegelt, der oft zwischen Verklärung und Verurteilung laviert.

Die Ausstellung gibt einer jungen Generation arabischer Künstler und Künstlerinnen Raum, mit ihren Arbeiten das überlieferte Mythische dem aktuell Faktischen gegenüberzustellen.

Der Titel der Ausstellung (Evaporating Suns) entlehnt dem Konkreten und Offensichtlichen das Faktische. Die Verdunstung ist in ihrem Wesen ein Prozess der Veränderung von Flüssigkeit zu Gas. Der Begriff des Prozesses wird zu einem roten Faden in der Bedeutung des Werdens einer neuen Sphäre. Die Sonne ist die konstante Realität. Sie ist die Quelle und das wichtigste Sinnbild für das Leben.

Alaa Edris (1986), Al Kursi (de Stuhl). Im Auftrag der Kulturstiftung Basel H. Geiger I KBH.G.

Auch das Arabische Meer ist thematisch ein bestimmender Faktor der Ausstellung. Es fungiert als geografische Grenze des Arabischen Golfs. Das Meer wird durch verschiedene mythologische und folkloristische Geschichten und die Erzählungen derer, die es befahren und erlebt haben, in seinen Wahrheiten und Ungereimtheiten lebendig.

Unangestrengt und selbstbewusst gelingt es, diverse orientalisch-arabische Clichés vergessen zu machen. Vision zu Umwelt, Geschlecht und gesellschaftliche Machtstrukturen «Evaporating Suns» verbindet Mythos und Logos, also das Mythische mit dem Faktischen.

Abdullah AlOthman, (1985), Legende des Zahwa. Im auftrag von der Kulturstiftung Basel H. Geiger I KBH.G.

Denn die überlieferten Geschichten, Lehren und Halbwahrheiten, welche Region und Menschen über Jahrhunderte kulturell prägten, und die Wahrheiten und Realitäten, mit denen sich die Künstler und Künstle innen in ihrem Alltag konfrontiert sehen, bedingen sich wie die zwei Seiten einer Medaille.

Die Künstler und Künstlerinnen haben sich mit beliebten Erzählungen und Mythen in der Golfregion beschäftigt und daraus ihre eigene Vision zu Themen wie Umwelt, Geschlecht und gesellschaftliche Machtstrukturen zum Ausdruck gebracht. Sämtliche Positionen wurden speziell für die Ausstellung konzipiert. Bis auf eine Ausnahme beschäftigen sie sich in ihrem Kern mit traditionellen Mythen der Golfregion, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Perspektiven.

Schloss Prangins und seine Bewohnerinnen und Bewohner


(English) Affiche de l'exposition 'Galeries des portraits'', Foto/Photo: Musée national suisse Château de Prangins

François Marie Arouet, besser bekannt alsVoltaire (1694-1778), Jacques Necker (1732-1804), Charles-Jules Guiguer (1780-1840), William Beckford (1760-1844), Joseph Bonaparte (1768-1844), Katharine McCormick (1875-1967) und Bernie Cornfeld (1927-1995) wohnten einst im Schloss Prangins oder verbrachten zumindest einige Zeit auf dem Schloss.

Andere Bewohner des Schlosses waren die Mitglieder der Mährischen Brüder, einer der ältesten ‚protestantischen‘ Organisationen, die 1457 gegründet wurde, lange vor den Aussagen Martin Luthers im Jahr 1517!

Sie lebten zwischen 1873 und 1920 im Schloss. Sie waren eine Gemeinschaft, die ursprünglich aus Böhmen und Mähren (der heutigen Tschechischen Republik) stammte.

Ab 1739 liessen sie sich in der deutschsprachigen Schweiz nieder, um der katholischen Herrschaft der Habsburger zu entkommen. 1873 zogen sie nach Château de Prangins und blieben dort bis 1920. Ihre Geschichte ist eine der faszinierenden Geschichten der Ausstellung.

Die Ausstellung  ‚Galérie des portraits‘. Copyright: ©Musée national suisse

Im langen Gang im ersten Stock überraschen die Geister dieser ehemaligen Schlossbewohnerinnen und -bewohner das Publikum mit ihren Geschichten.  Ursprünglich diente die Galerie eines Schlosses dazu, einzelne Gebäudeflügel miteinander zu verbinden. Es handelte sich also um einen Übergang zwischen verschiedenen Räumen.

Als Durchgangsort eignete er sich zum Aufhängen von (Familien) Portraits. Diesen früheren Zwecken werden nun auch in der neuen Portrait-Galerie Rechnung getragen, jedoch mit einem zeitgenössischen Ansatz.

Durch das Heraufbeschwören unterschiedlicher Figuren aus der Vergangenheit werden Geist und Seele des Schlosses wiederbelebt – bestehend aus all jenen, die im Schloss Prangins gewohnt, studiert, geträumt, geweint, ihre Schriften verfasst oder ihrer Sammlerleidenschaft gefrönt haben.

In einer interaktiven Inszenierung entdecken die Besucherinnen und Besucher Leben und Geschichten dieser Persönlichkeiten im historischen Kontext.

Die Ausstellung  ‚Galérie des portraits‘. Copyright: ©Musée national suisse

Die Keramiken der Tonwarenfabrik Ziegler


Werbeteller "Ziegler'sche Thonwarenfabrik Schaffhausen", Steingut mit Schablonendekor, um 1900, Foto: Jürg Fausch

Vor 195 Jahre, im Jahr 1828, begann in Schaffhausen der (internationale) Siegeszug der Keramikunternehmens Ziegler. Über Jahrzehnte hinweg waren die qualitätsvollen Keramiken dieser Tonwarenfabrik aus den Haushalten nicht wegzudenken.

Die Ausstellung widmet sich der Firmen- und Produktegeschichte der Tonwarenfabrik Ziegler. Mit einer repräsentativen Auswahl an Keramiken aus der museumseigenen Sammlung sowie Leihgaben aus öffentlichen und privaten Sammlungen spürt die Ausstellung der Erfolgsgeschichte der Ziegler-Keramik nach und erzählt ein Kapitel Schweizer Industriegeschichte. Filmdokumente, Fotos und ZeitzeugenInterviews ergänzen die Schau.

Schaffhausen, Ziegler-Haus La Collina. Der letzte Eigentümer Werner Ziegler war oft im Tessin bei Locarno

Die Geschichte

Die Geschichte der keramikproduktion begann 1828. Damals pachtete der Winterthurer Industrielle Jakob Ziegler (1775-1863) die städtische Ziegelhütte am westlichen Ende des Mühlenen-Quartiers.

Aber der Geschäftsmann, Industrielle, Forscher und Pionier beschränkte sich nicht auf die Produktion von Zeigeleiwaren. Er führte schon bald ein breites Sortiment keramischer Artikel: Chemische Gefässe, Baukeramik, Sanitärkeramik sowie Kochund Gebrauchsgeschirr. Besonders eindrücklich sind seine Imitationen des schwarzen, englischen Wedgwood-Geschirrs (auch «black basalt ware» oder «schwarzes Steingut» genannt).

Das Geschäft florierte und die Tonwarenfabrik expandierte 1831 ans genüberliegende zürcherische Rheinufer. Auf Flurlinger Boden entstand ein Gebäudekomplex mit Wasserkanal und Kraftwerk. 1860 wurde zwischen beiden Firmenarealen ein Holzsteg errichtet, der bis 1943 bestehen bleiben sollte.

Nebst der Leitung der Firma steckte Ziegler auch viel Energie in Erfindungen und in die Forschung − etwa in die Herstellung eines Schiesspulvers.

Die Fabrik bei Flurlingen

Die Fabrik in Schaffhausen mit der Brücke nach Flurlingen. Emanuel Labhardt (1810-1874) „Tonwarenfabrik Ziegler Pellis“, Aquarell, Bleistift, Tusche, weiss gehöht, 1861, Depositum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, Gottfried Keller-Stiftung, Bern

Formen und Farben

Nebst den verschiedensten Aspekten der Firmengeschichte stehen vor allem die Keramiken im Zentrum der Ausstellung. Die ausgestellten Tonwaren sind wertvolle Zeugen künstlerischer und modischer Veränderungen. Sie spiegeln auch den Zeitgeist und zeugen von gesellschaftlichen, ökonomischen und ästhetischen Strömungen ihrer Zeit.

In der Ausstellung bieten verschiedene Themeninseln vertiefende Einblicke in die  Entwicklung der unterschiedlichsten Keramikerzeugnisse von der Anfangszeit bis in die 1970er−Jahre und zeigen die Veränderungen im Motiv-, Formen- und Farbenspektrum. Ein äusserst rares Musterheft aus der Zeit zwischen 1915 und 1926 dokumentiert eindrücklich, wie gross die Auswahl an Formen und Dekoren von Vasen, Schalen, Wandteller und Übertöpfen damals war.

Auch der Entwicklung innovativer Produkte sowie den Herstellungstechnologien und Arbeitsprozessen widmet sich die Ausstellung. Zur Bewerbung ihrer Produkte nahm die Tonwarenfabrik Ziegler an nationalen und internationalen Gewerbeschauen und Verkaufsmessen teil und wurde dort auch mehrfach ausgezeichnet.

London, 1851. Auf der ersten Weltausstellung in London: „The general arrangement of the architectural ornament is in the best taste of the later Gothic style“.  

Wien, 1873

Zusammenarbeit mit Künstlern

Die Tonwarenfabrik Ziegler beschäftigte schon früh eigene Fabrik-Modelleure, pflegte aber auch den Austausch mit Künstlern. Im Zentrum stehen dabei die ab 1838 einsetzende und über 25 Jahre andauernde künstlerische Zusammenarbeit mit dem Schaffhauser Bildhauer Johann Jakob Oechslin (1802-1873) sowie der Ära der «Kunstabteilung» unter Gustav Spörri (1902-1976) zwischen 1949 und 1964.

Johann Jakob Oechslin, Medaillon mit Porträtbüste des Firmengründer J.J. Ziegler, 1846, Museum zu Allerheiligen, Foto: Jürg Fausch

Oechslin schuf herausragende Arbeiten in Terrakotta. Er gestaltete Medaillons, Portraitbüsten und Skulpturen berühmter Persönlichkeiten. Auch der Fabrikgründer Jakob Ziegler liess sich von ihm in Ton verewigen. Sein wohl bedeutendstes Terrakottawerk schuf Oechslin 1846 mit dem Figurenfries für das Basler Museum an der Augustinergasse.

1949 verpflichtete die Firmenleitung den Keramiker Gustav Spörri als Leiter einer neu aufzubauenden Kunstabteilung. Er entwarf Formen und Dekore, die nach seinen Vorlagen vervielfältig wurden, aber auch zahllose Einzel- und Boutiquestücke, die sich heute wieder beachtlicher Nachfrage erfreuen und begehrte Sammlerobjekte sind. Spörri gilt zurecht als einer der bedeutenden Schweizer Keramiker der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Spörri-Keramik im Ziegler-Haus

Spörri-Keramik im Ziegler-Haus


Gustav Spörri (1902-1976), Henkelvase, polychrom glasiert, um 1959, Museum zu Allerheiligen, Foto: Ruedi Habegger

Obwohl die Fabrikation bereits 1973 eigenstellt wurde, ist das Wissen um diese Tonwaren noch erstaunlich präsent. Dies widerspiegelt sich auch in den verschiedenen Interviews mit Zeitzeugen, die uns an ihren Erinnerungen teilhaben lassen. Audiovisuelle Medien und historische Fotografien, dokumentieren den Fabrikalltag. Sie erzählen von Pionier- und Unternehmergeist und lassen exemplarisch ein bedeutendes Kapitel Schweizer Industriegeschichte aufleben.

Blick ins Malatelier der Tonwarenfabrik Ziegler, ca. 1928, Stadtarchiv Schaffhausen

Kaffeeservice, Umdruckdekor, 1870-1910, Museum zu Allerheiligen, Foto: Jürg Fausch


Deckelvase Delftmalerei, um 1919-1928, Museum zu Allerheiligen, Foto Jürg Fausch

Produktekatalog „Zielger’sche Thonwarenfabrik A.G. Schaffhausen, Druck, aquarelliert, zwischen 1915 und 1926, Museum zu Allerheiligen, Foto: Jürg Fausch

Ziegler-Keramik. Private Sammlung

Hans Conrad Hitz (1798-1866), Jakob Ziegler-Pellis, 1837. Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, Depositum der Sturzenegger-Stiftung

Porträt und Tronie in der niederländischen Kunst


Jacob Backer, Knabe mit Axt. Kunst Museum Winterthur, Reinhart am Stadtgarten.

Der niederländische Kunsttheoretiker und Maler Samuel van Hoogstraten (1627-1687) bezeichnete in seinem Buch  ‘Inleyding tot de Hooge Schoole der Schilderkonst’  (1678) das menschliche Antlitz als ein « Spiegel des Geistes.

Auch in der Malerei spielen Gesichter eine wichtige Rolle. So spiegeln die im 17. Jahrhundert in den Niederlanden gemalten Gesichter im individuellen Porträt beeindruckend viele Facetten menschlicher Physiognomie.

Wie sie im einzelnen die Lebenswirklichkeit einer dargestellten Persönlichkeit wiederzugeben trachten, so können sie im Verbund die Geschichte einer ganzen Gesellschaft widerspiegeln.

Das menschliche Antlitz wurde unabhängig von der repräsentativen Aufgabe der Bildniskunst zum Thema in der holländischen Barockmalerei. Als markante Charakterköpfe mit ausgeprägten Gesichtszügen etablierte sich ein neuer Typus von Figurenbildern: die Tronie, was soviel wie Kopf, Gesicht oder Miene bedeutete.

Alte und junge Menschen in schlichter Kleidung oder extravaganten Kostümen bis hin zur Selbstdarstellung eines Künstlers waren die bevorzugten Sujets, ohne dass die Dargestellten auf eine bestimmte Rolle und Identität festgelegt waren.

Tronien dienten den Künstlern als Studienköpfe, wurden aber auch als eigenständige Bildschöpfungen für den Kunstmarkt geschaffen. Im Gegensatz zu den Standesporträts, die als Auftragswerke Status und Rang der Modelle inszenieren, loten Tronien das Spektrum menschlichen Ausdrucks aus. Ihre Realitätsnähe und Unmittelbarkeit sind von geradezu zeitloser Gültigkeit, welche die virtuos gemalten Gesichter auch heute reizvoll und aktuell erscheinen lässt.

In der Ausstellung (Geschichten in Geschichtern. Porträt und Tronie in der niederländischen Kunst) wird Jacob Backers (1608–1651) jüngst erworbenes Bildnis eines Knaben mit Axt (1645) erstmals gezeigt.

Darum gruppieren sich Gemälde von Künstlern wie Ferdinand Bol, Samuel van Hoogstraten und Jan Lievens, die in vielschichtigem Bezug zu einer erlesenen Auswahl von Historien-, Genre- und Selbstdarstellungen Rembrandts präsentiert werden.

Illuminierte Handschriften der Schweiz


Plakat der Ausstellung. Foto: Fondation Martin Bodmer

Die Arbeit der mittelalterlichen Kalligraphen und Buchmaler, die Texte aus der Antike oder aus ihrer eigenen Zeit kopierten, illustrierten und bewahrten, ermöglichte die Weitergabe von Wissen, Weisheit und Informationen, die uns sonst entgangen wären.

Die Früchte der Arbeit dieser Künstler gehen jedoch weit über den Inhalt der Dokumente, die sie bearbeitet haben, hinaus. Diese akribischen und präzisen Illustrationen mit Feder oder Pinsel, mit Farben auf der Basis von natürlichen Pigmenten oder Blattgold sind wahre Schätze und Kunstwerke von unbeschreiblicher Schönheit.

Die Fondation Martin Bodmer würdigt in Zusammenarbeit mit der Stiftsbibliothek St. Gallen diese Künstler und Bewahrer eines unersetzlichen klassischen Erbes.

Die Ausstellung „Illuminierte Handschriften der Schweiz“ (Trésors enluminés de Suisse) zeigt eine Auswahl der eindrucksvollsten illuminierten Handschriften aus der Sammlung der Fondation und aus fünfzehn Schweizer Bibliotheken.

175 Jahre Bundesverfassung


Seit 1848 hat die Schweiz eine demokratische Verfassung, damals die einzige Nation in Europa mit einer freiheitlichen Verfassung. Die Bundesverfassung wurde zwischen Februar und April 1848 in nur 51 Tagen ausgehandelt.

Nach den Abstimmungen in den Kantonen setzte die Tagsatzung diese am 12. September 1848 in Kraft. Die National- und Ständerat wurden gewählt und der erste Bundesrat wurde eingesetzt. Der Staatenbund aus Kantonen wurde zum Bundesstaat. Die Schweiz wurde zur demokratisch-republikanischen Insel inmitten aristokratischer Herrschaften.

Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bern, 12.9.1848. Faksimile in der Ausstellung, das Original ist im Bundesarchiv Bern

Im Herbst 1847 war die Schweiz noch eine lose Republik am Abgrund und kam es zum Bürgerkrieg. Was dann folgte war kein Wunder, sondern war das Resultat von Pragmatismus, Realismus, Kompromissbereitschaft und Jahrhunderten eidgenössischer Zusammenarbeit, Konfrontation, Konflikten und Lösungen. Auch die internationale Orientierung war wichtig: die Menschenrechtserklärung  der Französischen Revolution (1789) und die Amerikanische Verfassung (1786). Ausserdem war ganz Europa 1848 in Aufruhr und waren die interventionistischen Monarchien Preussen und Österreich mit sich selbst beschäftigt.

Bettina Eichin (1942). Die Menschenrechte, 1998 – 2000. In Bronze gegossen sind die amerikanische Virginia Bill of Rights von 1776, die französische Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen von 1789 und die von Olympe de Gouges (1748-1793) verfasste Déclaration des Droits de la Femme et de la Citoyenne von 1791, die erstmals Frauen und Männer gleichstellt. © Schweizerisches Landesmuseum. Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur. 

Gleichzeitig wurde die Bundesverfassung vom Stimmvolk stetig weiterentwickelt. Gesellschaftlicher Wandel und politische Konflikte führten zu mehreren Verfassungsrevisionen. War der Bundesstaat 1848 noch eine repräsentative Demokratie, wurde er mit der Einführung des fakultativen Referendums 1874 und des Initiativrechts 1891 zur direkten Demokratie. 1971 gestand man auch den Frauen die vollen Bürgerrechte zu.

Seit 1974 beeinflusst auch die Ratifizierung der Europäischen Menschenrechtskonvention die Schweizerische Rechtsprechung massgeblich. Jüngere Grundrechte wie beispielsweise der Schutz der Privatsphäre oder das Recht auf ein faires Verfahren fanden mit der Totalrevision von 1999 den Weg in die Bundesverfassung.

Die Ausstellung ‘Zum Geburtstag viel Recht. 175 Jahre Bundesverfassung’ führt durch 175 Jahre Bundesverfassung und fokussiert dabei auf Grund- und Bürgerrechte

Die Grundrechte stecken Handlungsspielräume ab und schützen vor unverhältnismässigen staatlichen Eingriffen. In vier interaktiven Teilen können die Besucherinnen und Besucher den Weg zum Bürgerrecht, die Grenzen der Meinungsfreiheit, den Schutz der Privatsphäre oder das Recht auf ein faires Verfahren erkunden. Die Bundesverfassung ist mehr als ein Dokument: sie ist Teil des Lebens.

Die Ausstellung zeigt am Anfang die Bronzeskulptur ‘Menschenrechte’ von Bettina Eichin und den Animationsfilm ‘Constituzia’ über die Zeit vor 1848. Danach folgen die Gründerzeit 1848-1891, Grundrechte in der Gegenwart und Zeitgeschichte 1971-1999.

(Quelle: Landesmuseum Zürich und die Publikation 175 Jahre Bundesverfassung. Zum Geburtstag viel Recht, auch verfügbar auf Romanisch, Französisch und Italienisch (Landesmuseum Zürich, Sandstein Verlag, 2023).

PS: Siehe auch die Landsgemeinde und die Ausstellung im Nidwalder Museum: Ja, Nein, Weiss nicht. Musterdemokratie Schweiz ?

Ein Bundesfest nach 1848. Sammlung: Landesmuseum Zürich

Grüne Fürsten am Bodensee


Park Arenenberg. Napoleon Museum. Foto: Museum Thurgau

Das Napoleonmuseum Arenenberg und die Mainau GmbH lancieren 2023 zusammen mit weiteren Partnern das Ausstellungsprojekt Grüne Fürsten am Bodensee.

Im Mittelpunkt stehen Persönlichkeiten, die mit den von ihnen gebauten Parks und ihren landwirtschaftlichen Innovationen die Gartenbaugeschichte Europas prägten: der Fürst Nikolaus II. Esterházy(1765-1833) auf der Insel Mainau und Kaiser Napoleon III. (1808-1873) auf dem Arenenberg und in Paris.

Ausstellungen im Naturmuseum Thurgau, im Museum für Archäologie Thurgau und im Ittinger Museum zeigen weitere Aspekte der Gestaltung und Nutzung von Landschaft im 19. Jahrhundert.

Anlass sind der 150. Todestag des am Bodensee aufgewachsenen französischen Kaisers Napoleon III. und der 190. Todestag des österreichischen Fürsten Nikolaus.

Die Ausstellungen auf dem Arenenberg und der Insel Mainau widmen sich den Persönlichkeiten der „grünen“ Fürsten und ihrem Gestaltungswillen. Fürstliche Seilschaften, weltweite Pflanzentausch-Achsen, der frühe Gemeinnutz-Aspekt der grünen Oasen als Naherholungsorte für die Öffentlichkeit und die Funktion von Gärten als Orte landwirtschaftlicher Entwicklung spielen dabei eine Rolle.

Franz Xavier Winterhalter (1805-1873), Kaiser Napoleon III, 1855. Sammlung: Arenenberg, Napoleon Museum.

Napoleon III.

Auf dem Arenenberg stehen die von Louis Napoléon bzw. später von Kaiser Napoleon III. in Paris gebauten Parks im Mittelpunkt der Ausstellung «Die Gärten Kaiser Napoleons III. Schon dem kleinen Prinzen Louis Napoléon war die Leidenschaft für alles Grüne in die Wiege gelegt.

Seine Grossmutter Kaiserin Josephine de Beauharnais (1763-1814) hatte mit der Anlage ihres Parks rund um Schloss Malmai-son nahe Paris mit seinen berühmten Gewächshäusern, Pflanzensammlungen und Züchtungserfolgen europaweit Massstäbe gesetzt und das Gärtnern hoffähig gemacht.

Im Bodensee-Exil auf dem Arenenberg liess sich Louis zusätzlich vom gärtnerischen Interesse seiner Mutter Hortense de Beauharnais (1783-1837) anstecken. Gemeinsam entwickelten sie rund ums Schloss Arenenberg einen Landschaftspark, wie er im beginnenden 19. Jahrhundert in Mode gekommen war.

Martin Knoller (1725-1804), Nikolaus II. Esterházy, 1793. Sammlung: Fürst Esterházy Privatstiftung Eistenstadt.

 Nikolaus II. Esterházy 

Es ist wenig bekannt, dass Nikolaus II. Esterházy  im Jahr 1827 dem badischen Staat die Insel Mainau abkaufte und den zuvor im Stil des Barock symmetrisch angelegten Park zu einem modernen Englischen Landschaftsgarten mit verschlungenem Wegenetz umgestaltete.

Am Bodensee entstand bald ein reger Austausch unter den adeligen Gartenbauern. Sie besuchten sich und präsentierten einander die Fortschritte ihrer Projekte, sie tauschten Erfahrungen und Pflanzen aus. Eine blühende Szene von Literaten, Künstlern, Forschern und gesellschaftlichen Neuerern fühlte sich von dem Lebensgefühl der grünen Fürsten ebenfalls angezogen.

 

Bild: Napoleon Museum Arenenberg.