Schlacht bei Murten, 17. Jahrhundert. Sammlung: Museum Altes Zeughaus, MAZ 1155

Die Burgunderkriege und hochgelehrter Schweizer Anachronismus

Ob zufällig oder nicht – fest steht, dass die Wiedereröffnung des renovierten Schlosses Grandson (Kanton Waadt) und seines Museums am 1. April  sowie die Ausstellung Murten ausgeschlachtet im Historischen Museum Bern mit einem symbolträchtigen Datum zusammenfallen. Das Jahr 2026 markiert nämlich den 550. Jahrestag der Schlachten von Grandson (2. März 1476) und Murten (22. Juni 1476).

Der burgundische Machtbereich um 1474. Bild: Wikipedia

Das antiburgundische Bündnis versus der Herzog von Burgund 

Die Kriegsparteien waren auf der einen Seite der Herzog von Burgund und seine Verbündeten, insbesondere Savoyen, und auf der anderen Seite die acht Orte der Eidgenossenschaft, die freien Reichsstädte Basel und Strassburg (die ebenfalls Bistümer waren), Colmar, Sélestat und Mülhausen, der Herzog Sigismund von Österreich mit seinen Vorlanden, der Herzog von Lothringen sowie – in einem damals bereits geschwächten Zustand – das Königreich Frankreich (1335-1453), das gerade erst aus dem Hundertjährigen Krieg hervorgegangen war.

Herzogtum Burgund bis 1476. Bild: Bernisches Historisches Museum

Sowohl das Museum im Château de Grandson, das Musée d’Yverdon et région, das Musée Saint-Imier als auch das Bernische Historische Museum beleuchten diese Konfliktperiode von 1474 bis 1477, die mit dem antiburgundischen Bündnis verbunden ist. Anfang Juni wird der Swiss Spectator einen ausführlichen Artikel über diese für die europäische und schweizerische Geschichte zentrale Epoche veröffentlichen. Dabei werden auch die ersten Eroberungen Berns und Freiburgs im Jahr 1475 thematisiert.

Das geteilte Herzogtum Burgund nach 1477. Bild: Bernisches Historisches Museum

Die Schweizerische Eidgenossenschaft ging militärisch siegreich aus diesem Konflikt hervor, nicht zuletzt dank der Unterstützung ihrer Verbündeten. Dennoch waren es Frankreich und Österreich, die sich die territorialen Gewinne aneigneten. Die Eidgenossenschaft bestätigte jedoch ihr militärisches, politisches und diplomatisches Prestige, nachdem sie die Habsburger bereits mehrfach besiegt hatte.

Die Eidgenossenschaft der acht Orte erweiterte sich 1481 (Stanser Verkommnis) auf zehn souveräne Orte und schliesslich 1513 – nach dem Schwabenkrieg und dem Frieden von Basel (1499) – auf dreizehn Orte.

Auch wenn Akademikerinnen und Akademiker ganze Bücher und Fachzeitschriften füllen, um die angebliche Fake News von 1291 und den Mythos mittelalterlicher Wurzeln der heutigen Schweizerischen Eidgenossenschaft anzuprangern, können selbst sie nicht leugnen, dass die bäuerlichen Dörfer der Innerschweiz (bereits im 13. Jahrhundert von den Kaisern des Heiligen Römischen Reiches als reichsunmittelbar anerkannt, ein Unikum in Europa!) letztlich zur Eidgenossenschaft von 1848 geführt haben.

Wappen der Herzöge von Burgund, Scheiblersches Wappenbuch, Süddeutschland um 1450. Sammlung: München, Bayerische Staatsbibliothek, Cod. Icon. 312c

Es ist nicht entscheidend, ob Wilhelm Tell tatsächlich existiert hat oder nicht, ebenso wenig wie die Frage, ob die Orte oder Kantone vor 1798 bereits die heutige Eidgenossenschaft im Blick hatten. Die Niederlande haben ihre legendären Bataver, Frankreich seine Gallier und Marianne, Italien Romulus und Remus und Griechenland beispielsweise die Göttin Athena.

Auch der Hinweis, dass „es anders hätte kommen können“, ist aus historischer Sicht nicht relevant. Was zählt, sind die Fakten: Die formelle Anerkennung als unabhängige Eidgenossenschaft souveräner Kantone im Jahr 1648, ihre internationale Anerkennung 1815 sowie ihre heutige verfassungsmässige Form seit 1848.

Louis Braun (1836-1916), Ausschnitt aus dem Panorama (1894), Die Schlacht bei  Murten.

Akademiker und andere hochgebildete Personen, die von „Neidgenossen“ statt von „Eidgenossen“ sprechen und diese Gründungsgeschichte (sowie deren wirtschaftliche, demokratische, monetäre und wissenschaftliche Leistungen sowie deren jahrhundertealten europäischen und globalen Netzwerke) systematisch kleinreden, leugnen, relativieren oder herabwürdigen, leben zu sehr in ihren Schreibstuben und in ihrer Ideologie gefangen.

Keine Neidgenossen, sondern Eidgenossen. Sammlung: Musée d’Yverdon et région

Auch in den Niederlanden waren die souveränen Provinzen bis 1795 nichts anderes als „Neidgenossen“. Dennoch kommt dort kein Akademiker auf die Idee, darüber ganze Bücher und Artikel zu verfassen.

Diebold Schilling der Jüngere (1460–1515), Luzerner Bilderchronik, 1513, Schlacht bei Grandson. Faksimile, Bernisches Historisches Museum, Bibliothek

Ebenso wird die Entstehung des heutigen Königreichs nicht ausschliesslich auf die Jahre 1806–1810, 1813 und 1815 (Wiener Kongress) datiert, sondern vor allem auf die Utrechter Union (1579) und die Acte van Verlatinghe (1581), also auf den Bruch mit dem habsburgischen Spanien, und die Anerkennung im Jahr 1648. Auch andere Länder kannten bis zur Nationsbildung im 19. Jahrhundert lediglich „Neidgenossen“, etwa Deutschland, Italien, Polen, Spanien, Frankreich, das Vereinigte Königreich und viele weitere.

Fazit

Die aktuellen Ausstellungen in Bern und Murten fügen sich gut in das heutige Klima der  Nuancierung und kritischen Reflexion über die alte Eidgenossenschaft ein. Zwar haben Historiker bis weit ins 20. Jahrhundert hinein einseitige (nationalistische) Darstellungen geliefert, doch nähern sich heutige Historiker dieser Epoche mitunter etwas zu anachronistisch und politisch geprägt – was jedoch nicht das Ziel der Geschichtswissenschaft sein sollte.

Korrektur: Giuanna Egger-Maissen, Korrektorin und Lektorat