Die Gemeinen Herrschaften im Aargau

Zwischen dem 18. April und dem 18. Mai 1415 eroberten die Berner, Zürcher und Luzerner und weitere eidgenössische Orte den Aargau. Nur das Fricktal blieb im Besitz der Habsburger.

Nach 1415 bildeten sich auf dem Gebiet des heutigen Kantons Aargau vier Regionen heraus: Das Freiamt, die Grafschaft Baden, der Berner Aargau und das Fricktal. Das Jahr 1415 gilt als Geburtsstunde der Aargauer Regionen.

Für die Schweizer Geschichte von grosser Relevanz sind die Entwicklungen in der Grafschaft Baden und den Freien Ämtern.

Hier wurden die ersten Gemeinen Herrschaften der Eidgenossenschaft errichtet. Diese galt es gemeinsam zu verwalten: Aus der Rechnungsablegung der eidgenössischen Landvögte entstand die Tagsatzung in Baden, die lange Zeit die einzige gesamt eidgenössische Institution bleiben sollte.

Das Interesse an den Gemeinen Herrschaften eint die eidgenössischen Orte nicht nur vorübergehend gegen die Habsburger, sondern langfristig auch über innere, vor allem konfessionelle Gräben hinweg.

Die Eroberung des Aargaus bildet damit die wichtigste Voraussetzung, zur Entwicklung einer handlungsfähigen politischen Gemeinde aus den verschiedenen Stadt- und Landorten der alten Eidgenossenschaft.

Als 1803 der Kanton Aargau gegründet wurde, entstand ein aus vier unterschiedlichen Landesteilen bestehender neuer Kanton. Die Ereignisse von 1415 tragen nicht nur einschneidende Konsequenzen für die Geschichte der Eidgenossenschaft, sie prägen ebenso den Aargau und seine Regionen bis heute.

(Quelle: www.aargau.ch).

Grossbasel und Kleinbasel

Die Stadt Basel liegt an beiden Ufern des Rheins. Bis 1392 gab es sogar zwei Basel: Kleinbasel am rechten Ufer und Grossbasel am linken Ufer.

Beide Basel waren Städte im Heiligen Römischen Reich. Grossbasel war sogar eine freie Reichsstadt (Reichsunmittelbarkeit). Dieser Status verlieh der Stadt ein hohes Mass an Autonomie, da sie nur den Kaiser über sich hatte.

Die beiden Basel waren wirtschaftlich eng miteinander verbunden. Die Rheinbrücke von 1225 führte zu einer immer stärkeren wirtschaftlichen Verflechtung. Im Jahr 1392, also vor 630 Jahren, wurden die beiden Basel vereinigt.

Der Bischof von Basel verkaufte am 6. April 1392 Kleinbasel  (Mindere Basel) an der Stadt Basel. Der Kauf ist durch eine Urkunde bestätigt. Das 13. und 14. Jahrhundert war geprägt von Machtkämpfen zwischen dem Bischof, der Stadt Basel (Grossbasel)  und den Habsburgern. Der Bischof von Basel herrschte auch als weltlicher Herrscher über Kleinbasel.

Herzog Leopold von Habsburg (1351-1386) war auch sehr an Kleinbasel interessiert, um seine Vorherrschaft in dieser Gegend zu stärken, denn Freiburg, Breisach und Rheinfelden waren bereits in seinen Besitz.

Der Bischof von Basel war immer hochverschuldet und verpfändete 1375 seine Rechte zuerst an dem Herzog. Die Stadt Basel kaufte Kleinbasel 1392. Die Pfandrechte der Habsburger wurden 1393 eingelöst.

Kleinbasel war politisch und wirtschaftlich eng mit Grossbasel verbunden und der Integrationsprozess verlief reibungslos. Nur am 13., 20. und 27. Januar feiern die drei Ehrengesellschaften Kleinbasels und Vogel Gryff, Wilde Maa und Leu den Wild Ma-Horst, die Talfahrt des Wild-Ma, ihre Tänze und den Abendumgang.

Grossbasel war Teil des Fürstbistums Basel (Erzbistum Besançon). Das Bistum Kleinbasel gehörte zum Bistum Konstanz (Erzbistum Mainz).

Diese Situation änderte sich nicht durch die Zusammenlegung im Jahr 1392, sondern durch die formelle Aufhebung des Fürstbistums Basel in der Franzosenzeit (1798-1813).

Von diesem Zeitpunkt, 1803, an gehörte auch Kleinbasel zum Bistum Basel (mit dem heutigen Sitz in Solothurn).

(Quelle: Kleinbasler Zeitung, Januar, Nr. 01/12, 2022).

Korrektorin: Melinda Fechner

In 80 Karte durch die Schweiz

Karten sind eines der ältesten Kommunikationsmittel. In der visuell geprägten Informationsgesellschaft steigt die Zahl neuer Karten exponentiell an. Die Schweiz war schon immer ein Kartenland. Seit Jahrhunderten werden Karten aller Art hergestellt und verbreitet.

Die Schweiz ist auch immer ein Land der Kartenleser gewesen. Karten begleiten die Schweizer*innen von Kindesbeinen an zu Hause, in der Schule, in den vielen Wandervereinen oder im Militär intensiv. Swisstopo, Schweizmobil oder Peakfinder sind die modernen digitalen Karten.

Diese über 500-järige Tradition ist zusammengestellt in der kartografischen Zeitreise ”Mit 80 Karten durch die Schweiz”. Diese Karten reisen durch Raum und Zeit, und stellen dabei nicht nur fasst alle Regionen der Schweiz vor, aber auch die wesentlichen historischen Ereignisse der letzten sieben Jahrhunderte. Man bekommt ein Bild, das die Identität der Schweiz beschreibt.

Der Autor erzählt die Geschichten hinter den Karten, von der ersten Eidgenossenschaft 1480 bis zur Geburtsstunde der modernen Kartografie. Die Themen sind Räume und Grenzen, Stadt und Land, Krieg und Frieden, Transport und Tourismus, Menschen und Märkte und Visionen und Fiktionen

(Diccon Bewes, Mit 80 Karten durch die Schweiz. Eine Zeitreise (Baden, 2015).

Die Alpen, Raum, Kultur, Geschichte

In das Buch beschreibt der Autor die tiefe Verbindung zwischen Mensch und Natur in dieser besonderen Kulturlandschaft.

Es umspannt die Besiedelung des alpinen Raums bis heute und erzählt von der menschlichen Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und vom Leben, Arbeiten und Denken in den Bergen und Tälern der Alpen, eine überblicksartige, gleichsam von Hannibal bis in die Gegenwart reichende Geschichte. Die unterschiedlichsten Kulturen waren und sind in dieser Umwelt zu Hause.

Die beiden ersten Kapitel befassen sich mit den allgemeinen Bedingungen der Geschichte der Alpen, mit ihrem historischen Platz und ihrer Forschung. Dann folgen mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten Kapitel zur prähistorischen bis mittelalterlichen Periode, zum Spätmittelalter, zur Frühen Neuzeit und zum letzten Jahrhundert.

Der Text ist illustriert mit (historischen) Fotografien, Karten und einer Zeittafel und einer Auswahl von anderen Bildquellen.

(Jon Mathieu, Die Alpen, Raum, Kultur, Geschichte, Stuttgart, 2015).

Der Wiener Kongress und die Schweiz

Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reichs der Deutschen Nation oder des Ersten Kaiserreichs 1806 und dem Zusammenbruch der napoleonischen Kontinentalsperre und den Kriegen verkündeten die Monarchen ihre Absicht, das europäische Gleichgewicht wiederherzustellen.

Die internationale Ordnung sollte sich an der Maxime orientieren, dass der Kontinent nicht von einer Macht allein beherrscht werden dürfe. Europa sollte also aus Staaten mit stabilen Grenzen bestehen.

Für die kontinentalen Länder waren Grenzen, Bevölkerungsstärke und Größe der Armee die Parameter der Macht. Für die Inselstaaten hingegen galten Wirtschaft und Handel als die entscheidenden Faktoren.

Es ging den Briten, zum Beispiel, um den permanenten Zugang zu großen westlichen Häfen, die freie Passierbarkeit der Wasserwege, die Unabhängigkeit der Finanzplätze und die Beibehaltung niedriger Zölle.

Die Briten setzten in der Vereinbarung von Langres vom 29. Januar 1814 einen Plan durch, der Frankreich in seine alten Grenzen verwies, der eines vom französischen Einflussbereich gelösten Holland (erweitert durch Belgien und Luxemburg) sowie die Bildung eines Deutschen Bundes und die Unabhängigkeit der Schweiz sicherstellte.

Polen und Italien waren ebenfalls umstritten. Russland und Österreich waren im Bezug auf diese Gebiete aber die wichtigsten Länder, und nicht Preussen und das Vereinigte Königreich.

Die Schweiz hingegen war kein „piece of cake“, sondern „a hard nut to crack“. Das Land erweckte  eine komplexe Gebietsfrage aus inneren und internationalen Gründen.

Gemäss der Mediationsakte von 1803 war die Schweiz unter französischen Schutz gestellt und in eine Eidgenossenschaft, in die von Frankreich besetzten c.q. annektierten Gebiete Genf, Waadtländer, Jura und Wallis, die Baronie Rhäzüns und das Marschall Louis-Alexandre Berthier übergebene Fürstentum Neuenburg aufgeteilt.

Die Hohenzollern traten das Fürstentum im Tausch gegen andere versprochene Besitze an Napoleon ab.  Dieser gab es dann 1806 Berthier zum Geschenk. Gleich nach Napoleons Sturz reihte sich die Schweizer Frage in die lange Reihe der Meinungsverschiedenheiten ein. Russland und Preussen wünschten die Neuordnung der Eidgenossenschaft als Einheit. Österreich setzte sich dafür ein, die föderale Aufteilung und die Unabhängigkeit der Kantone aufrechtzuhalten.

Die Schweizer selbst waren in dieser Frage zutiefst gespalten und sahen sich in zwei Lager geteilt: die (teilweise protestantischen) „ Progressisten“ und die „aristokratische“ (teilweise katholischen) Kantone.

Der „neutrale“ englische Gesandte gelangte am 8. September 1814 zu einem Kompromiss: Unabhängigkeit der Kantone, Aufhebung der inneren Zollschranken und aristokratischen Privilegien und die Schaffung föderaler Institutionen.

Preussen erhielt (bis 1857) Neuenburg zwar offiziell zurück, jedoch ist dieses am 12. September 1814 auch offiziell als 21. Kanton in die Eidgenossenschaft eingetreten.

Genf und Wallis wurden auch als Kantone der Eidgenossenschaft anerkannt und am 7. August 1815 wurde ein Abkommen von zweiundzwanzig Kantonen unterzeichnet. Diese Verfassung sollte bis 1848 Bestand haben.

Schon am 20. März 1815 war die Neutralität der Schweiz garantiert worden und die auf dem Wiener Kongress bestimmten Grenzen sind, von kleineren Details abgesehen, bis heute die Schweizer Grenzen geblieben. Die Neutralität des Landes wurde seitdem niemals in Frage gestellt. Diese Vereibarungen waren und sind eine Erfolgsgeschichte für die Schweiz.

(Quelle: Thierry Lentz, 1815. Der Wiener Kongress und die Neugründung Europas, München 2014).

 Korrektorin: Melinda Fechner

Das schweizerische Esperanto Rumantsch Grischun

Siebzehn der sechsundzwanzig Schweizer Kantone sind deutschsprachig, vier französischsprachig (Waadt, Genf, Neuenburg und Jura), einer italienischsprachig (Tessin), drei französisch- und deutschsprachig (Freiburg, Bern und Wallis) und einer Romanisch, Italienisch und Deutsch (Graubünden).

Ein mehrsprachiges Land

Obwohl die Schweiz seit langem ein mehrsprachiges Land oder Territorium ist, sind viele, wenn nicht die meisten Schweizer Bürger nicht zweisprachig, geschweige denn dreisprachig. Es gibt sogar eine wachsende (und beunruhigende) Tendenz der Kommunikation im Englischen zwischen Bürgern der verschiedenen Sprachen.

Die zweisprachige Gemeinschaft

Die einzige wirklich zweisprachige Gemeinschaft ist auch die kleinste: die Romanische in Graubünden. Alle romanischsprachigen Bürger, rund 60 000 nach den neuesten Zahlen, sprechen auch Deutsch und viele haben zumindest ein gewisses Verständnis für Italienisch und/oder Französisch.

Eine vernachlässigte Errungenschaft dieser mehrsprachigen Situation ist das älteste und erfolgreichste zweisprachige Schulsystem der Welt.

Die zweisprachige Schule in den romanischen Gebieten entstand mehr oder weniger zufällig im Laufe des 19. Jahrhunderts, als die deutsche Sprache durch die verbesserte Zugänglichkeit der Täler und den Zustrom von deutschsprachigen Bürgern (und englischen Touristen) an Bedeutung gewann.

Italienisch, Deutsch und Romanisch

Seit 1880 wurden in der Verfassung des Kantons die drei Sprachen Italienisch, Deutsch und Romanisch anerkannt, und es blieb den Gemeinden überlassen, die Sprache der Schulen festzulegen.

Die angepasste Bundesverfassung von 1999 (Art. 4, 8, 18, 31, 70 und 188) enthält detaillierte Bestimmungen und die Verwendung bei staatlichen Institutionen (U.a. beim Bundesgericht in Lausanne, das bereits 1996 sein erstes Urteil in romanischer Sprache erliess). Diese Gesetze auf Bundes- und Kantonsebene werden nicht weiter diskutiert, aber das Romanische ist als vierte Sprache der Schweiz anerkannt (formell seit 1938).

Die Romanische Sprache

Das Romanische ist eine eigenständige Sprache, deren Wurzeln auf die Kelten und  die Römische Provinz Rätien mit Chur (Curia) als wichtigster Stadt zurückgehen.

Das (vulgäre) Latein verschmolz mit den lokalen Sprachen und wurde allmählich zum Romanischen. Der (langsame) Germanisierungsprozess vom Norden (ab der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts) und vom Westen (von deutschsprachigen Oberwallisern, im 13. und 14. Jahrhundert, auch Walser genannt) isolierte allmählich die romanischsprachigen Völker und ihre Täler.

Als die Drei Bünde (Gotthausesbund, Zehngerichtebund und Grauer oder Oberer Bund) 1803 in den Kanton Graubünden übergingen, durfte jeder Delegierte im Parlament des Kantons die romanische, deutsche oder italienische Sprache verwenden, und in diesen drei Sprachen wurden amtliche Dossiers aufgezeichnet und gedruckt.

Die Praxis

In der Praxis war die Realität jedoch weniger rosig und Deutsch war die bevorzugte Sprache in der Verwaltung. Die Verwendung des Romanischen wurde auch durch den Mangel an romanischer Identität und die Entwicklung von fünf romanischen Idiomen im Laufe der Jahrhunderte erschwert, die auf die Isolation der Täler durch die Alpen zurückzuführen sind.

Die Sprachen sind sehr unterschiedlich, z.B. Surselva, Sutselva und Surmiran (Rhein-Region) und Vallader (Unterengadin) oder Putèr (Oberengadin). Eine Initiative, das Rumantsch Grischun, zielt auf eine Standardisierung der romanischen Sprache ab.

Die romanische Renaissance in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts versuchte den Niedergang dieser historischen und einzigartigen Sprache zu stoppen.

Zeitungen, Radio, Fernsehen, Schulen, ein Lehrstuhl für die romanische Sprache an der ETH und der Universität Zürich, Sprachkurse innerhalb und ausserhalb Graubündens (Basel, Bern, Zürich), der rechtliche (verfassungsrechtliche) Rahmen, Literatur und die Verwendung in kulturhistorischen Publikationen, Theater, Musik und anderen kulturellen Veranstaltungen geben Hoffnung für die Zukunft, obwohl demographische, wirtschaftliche und technologische Entwicklungen und die Globalisierung die Sprache herausfordern.

Die aktuellen Diskussionen über Fremdsprache in der Schule im Kanton (und in der Schweiz) ist ein weiteres Indiz für die fortschreitende  (wachsende) sprachliche Spaltung des Landes.

Könnte das Romanische zum Esperanto für die Schweiz werden? Das Rumantsch Grischun ist bereit für die Schweiz.

(Quelle, M. Gross, Rätoromanisch, Facts & Figures, Lia Rumantscha, Chur, 2005).

Korrektorin: Melinda Fechner

Eine grossartige Verfassung

Die Verfassung von 1848 markiert den Beginn einer rasanten Entwicklung der neuen Schweizerischen Eidgenossenschaft in fast allen Bereichen.

1815-1848

Aus dem Bund souveräner Kantone von 1815 wurde ein Bundesstaat mit drei politischen Ebenen: dem Bund, den Kantonen und den Gemeinden.

Das Prinzip der souveränen Kantone blieb mit einem wichtigen Unterschied unverändert: Die Kantone (und das Volk) können Kompetenzen auf den Bund übertragen.

Bis 1848 war die Schweiz eine überwiegend landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft mit industriellen und kommerziellen Spitzenleistungen in den Bereichen Verlagswesen, Handel, Wissenschaft, Schokolade, Textilien, Uhren, Maschinen und Schiffsturbinen sowie einer beginnenden Tourismus- und Finanzdienstleistungsbranche.

Allerdings gab es noch keine industrielle Revolution und keinen Eisenbahnbau. In vielen Regionen herrschte Armut. Die Schweiz war, wie die meisten europäischen Länder,ein Auswanderungsland. Das Land hatte keine Einheit von Gewichten, Längen- und Breitenmassen, Münzen oder gar der Zeitmessung. Zwischen den Kantonen wurden Zölle erhoben und die Infrastruktur war unterentwickelt.

Auch verfügte die Schweiz über keine Rohstoffe (Kohle, Eisenerz). Mit einer wichtigen Ausnahme: Wasser und Granit, welche nach 1848 eine grosse Rolle spielten.

Es gab keine politische Stabilität, z.B. die Teilung Basels in die Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft (1833), eine Art Bürgerkrieg im Kanton Wallis (zwischen Oberwallis und Unterwallis) und der Sonderbundskrieg von 1847.

Das Land war von Monarchien und aristokratischen Systemen umgeben. Tausende von politischen Gegnern Habsburgs, des russischen Zaren, der französischen und deutschen Könige und Grossherzöge agierten von Schweizer Boden aus gegen sie. Die europäischen Machthaber betrachteten die Schweiz als Hort der Anarchie und der politischen Extremisten.

Diese Verfassung, der Unternehmer- und Pioniergeist, die kosmopolitische und offene Mentalität, Bildung und Wissenschaft, Investitionen und Exportnetzwerke ermöglichten die schnelle Modernisierung und politische Stabilität nach 1848.

Eine Grossartige Verfassung

Die Verfassung war ein Meisterwerk zur richtigen Zeit am richtigen Ort in einem Land, das 1847 noch einen kurzen Bürgerkrieg erlebt hatte.

Der Staat schloss sofort Handelsverträge ab und die Unternehmer handelten mit der ganzen Welt. Grossbritannien wurde zu einem der wichtigsten Partner.

Der Schweizer Franken wurde eingeführt, die Maut zwischen den Kantonen verschwand und das Land wurde zu einem Binnenmarkt. Eisenbahnen, Chemie, Lebensmittel, Maschinenbau, Tourismus, Finanzdienstleistungen, (Elektro-)Technik und andere Infrastrukturprojekte veränderten das Land mit einer Generation.

Das Land war 1875 eine der modernsten (und mondänsten) Nationen und wurde unter anderem als Labor des Fortschritts bezeichnet.

Die Schweizerische Eidgenossenschaft von 1848 basierte auf jahrhundertealten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen, Austauschen, Erfahrungen und Systemen. Diese Eidgenossenschaft schuf die Voraussetzungen für die Modernisierung und die industrielle Revolution à la Suisse.

Die Verfassung von 1848 war kein Zufall, sondern ein ausgewogenes politisches System, das auf dieser „bottom-up“-Kreation basierte. Der Leitgedanke war: Was ist möglich, nachhaltig und machbar in dem multikulturellen, multireligiösen und mehrsprachigen Land?

Die Rolle und Funktionen von Gemeinden, Kantonen und Bund, die beiden Kammern des Parlaments, die Demokratie, das Verhältnis von Wirtschaft und Staat, die internationale Politik, die Organisation und Finanzierung von Bildung, Krankenhäusern, Sozialsystemen oder Verteidigung wurden berücksichtigt.

Diese Verfassung erfuhr im Laufe von 150 Jahren verschiedene wichtige Anpassungen, aber die Prinzipien aus dem 19. Jahrhundert sind bis heute gültig, aktuell und relevant geblieben.

Direkte Demokratie, Föderalismus, Subsidiarität

Die stärksten Punkte sind die direkte Demokratie, der Föderalismus, die Subsidiarität und die notwendigen Anpassungen, oft langsam, aber sicher, Schritt für Schritt, aber immer in  Kommunikation mit den Bürger*innen, den Unternehmer*innen und den Kantonen und nie als von oben auferlegte Massnahmen, top-down.

Deshalb dauert es auch so lange, bis Ausländer mit festem Wohnsitz die Staatsbürgerschaft erhalten: Die Staatsbürgerschaft muss verdient werden und ist kein Recht.

Das Wahlrecht für Frauen wurde spät eingeführt (1971). Nicht, weil das Land frauenfeindlich ist. Im Gegenteil: Schon 1870 studierten Frauen an Universitäten und waren im gesellschaftlichen und politischen Leben (Vereine) aktiv. (Siehe auch Swiss Spectator, Fünfzig Jahre Frauenstimmrecht).

Aber einmal in Gang gesetzt, geht die Modernisierung schnell und effizient voran, wie z.B. das hohe Niveau und die Spitzenpositionen von Politikerinnen, die Kreativität im Kunstbereich und die hohe Anzahl von weiblichen Start-ups zeigen.

Schlussfolgerung

 Hundert Jahre vor der Gründung der Europäischen Union hat die Schweiz die Grundlagen für Wohlstand und Stabilität geschaffen. Auch die Kontinuität und das Wirtschaftswachstum nach 1960 beruhen auf diesen Voraussetzungen. Das Schweizer Modell lässt sich nicht relativieren, auch nicht auf europäischer Ebene. Das Land ist ein Global Player und eine Oase in der Mitte Europas.

Quelle: J. Jung, Das Laboratorium des Fortschritts. Die Schweiz im 19. Jahrhundert (Basel, 2019).

Der Wakkerpreis 2022

Das Dorf Meyrin (Kanton Genève) ist eine Genfer Agglomerationsgemeinde mit 26 000 Einwohnern aus mehr als 140 Nationen. 1950 waren es gerade zweitausend Schweizer*innen.

Die Gemeinde ist es jedoch gelungen diese Dynamiek und die Stadtnähe als Stärke zu aktivieren. Eine zentrale Rolle spielte der Umgang mit der Baukultur als Teil einer Strategie, die dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und der Vertrautheit in der Gemeinde ein hohes Gewicht beimisst.

Der historische Dorfkern des einst ländlich geprägten Meyrin ist gut erhalten. Die überlieferten Bauten werden gepflegt und an neue Bedürfnisse angepasst.

Besonders prägend für das Bild von Meyrin ist die erste Satellitenstadt der Schweiz, die in den 1960er-Jahren als Massnahme gegen die Wohnungsnot erstellt wurde. Das baukulturelle und soziale Potenzial der Nachkriegsarchitektur mit ihren grosszügigen Freiräumen wurde früh erkannt. Heute wird das riesige Ensemble nachhaltig saniert und nach klaren planerischen Vorgaben nachverdichtet – hauptsächlich durch Aufstockungen.

Dabei wird das städtebauliche Gerüst beibehalten und mit Verkehrsberuhigungen und landschaftlichen Projekten werden die Freiräume aufgewertet.

Den jüngsten Schub hat die Gemeinde mit dem Bau des «Écoquartier Les Vergers» erhalten. 1350 Wohnungen sind neu hinzugekommen. Für die Gemeinde Meyrin standen bei der Planung des neuen Quartiers ein ausserordentlicher Einbezug der Bevölkerung sowie die Ausrichtung auf soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit im Zentrum.

Der Schwerpunkt der Siedlungs- und Landschaftsentwicklung in Meyrin liegt auf den drei Pfeilern der Nachhaltigkeit. Der Lac der Vernes dient dem Abwassermanagement in der Gemeinde und ist zugleich ein Biotop zur Förderung der Artenvielfalt und ein beliebtes Naherholungsgebiet.

Mit energetischen Optimierungen und dem Anschluss an ein nachhaltiges Energie- und Wärmenetz wird ausserdem die CO2-Bilanz deutlich verbessert.

Initiativen der Bevölkerung sowie partizipative Prozesse prägen seit den 1960er-Jahren den Zusammenhalt und tragen zur Lebensqualität und zur Verbundenheit mit dem Ort bei. Genossenschaftswohnungen und von der Bevölkerung getragene öffentliche Angebote prägen das Quartierleben.

(Quelle und weitere Informatien: www.heimatschutz.ch)

Und das alte Dorf