Heute ist Französisch die offizielle schriftliche und gesprochene Sprache in der französischsprachigen Schweiz ( den französischsprachigen Kantonen Neuenburg, Jura, Genf, Waadt) und den zweisprachigen Kantonen Freiburg/Fribourg, Wallis/Valais.und Bern/Berne. Hinter dieser heutigen sprachlichen Einheit verbirgt sich jedoch eine grosse Vielfalt.
Das Französische, das nach dem 11. und 12. Jahrhundert allmählich in der Schweiz Eingang fand, konkurrierte jahrhundertelang mit dem Lateinischen und den lokalen Dialekten (Patois).
Der Durchbruch in der Romandie erfolgte erst im 19. Jahrhundert. Das Patois hat jedoch seine Spuren hinterlassen. Dies erklärt, warum das Französische in Neuenburg, Genf, Lausanne (Kanton Waadt), Pruntrut (Kanton Jura) oder Fribourg nicht dasselbe ist.
Das Mittelalter
Die gallo-römische Kultur und Sprache blieben in der Westschweiz noch lange Zeit vorherrschend, nachdem die Römer im 5. Jahrhundert abgezogen waren. Man sprach kein Französisch. In diesem gallo-römischen Gebiet war das Francoprovençal die gesprochene Sprache. Die lokalen Unterschiede, das Patois, waren jedoch gross.
Im heutigen Kanton Jura war die Langue d’oïl die gesprochene Sprache, oder besser gesagt das Franc-comtois. Diese Sprachen wurden ausschliesslich gesprochen. Latein war die Schriftsprache und die Sprache der Kirche und der Elite. In den Burgundischen Königreichen (446-534 und 888-1032) und in den späteren frankischen Königreichen blieb diese Situation unverändert.
Deutsch
Das Deutsch der Alemannen wurde ab dem 5. Jahrhundert in der Westschweiz dominant. Die erste Ausbreitung der alemannischen Sprache fand zwischen dem 5.und 9. Jahrhundert statt. Sie führte zur Germanisierung des oberen Rhonetals (Oberwallis bis Brig), des linken Aareufers (Berner Oberland), des rechten Senseufers und der Region um den Bielersee.
Die zweite deutschsprachige Expansion fand vom 11. bis zum 13. Jahrhundert statt, und zwar in Visp und Raron durch die Walser, am linken Ufer der Sense, in der Gegend von Murten und im Seeland (Gebiet zwischen Bieler-, Murten- und Neuenburgersee) und am linken Ufer des Bielersees durch die Alemannischen Siedler.

L’Armorial von Jacques Huguenin (1642-1728).
Im 16. und 17. Jahhundert
Im 15. Jahrhundert tauchten in der Romandie die ersten literarischen Texte in französischer Sprache auf, die Patois-Literatur erst im 16. Jahrhundert.
Zu Beginn der Reformation (erste Hälfte des 16. Jahrhunderts) gab es in der Romandie drei Sprachen. Das Patois und seine zahlreichen lokalen Dialekte waren die Muttersprache der meisten Einwohner.
Das Französische gewann in dieser Zeit jedoch an Bedeutung, insbesondere unter der städtischen protestantischen Elite. Es war eine Sprache des Prestiges und des geschriebenen Wortes (die Bibel!).
Latein war hauptsächlich die Sprache der Rechtsdokumente, der Universitäten, der Gelehrten und der katholischen Kirche. Mit der Reformation nahm die Bedeutung des Lateinischen in den protestantischen Kantonen rasch ab.
Die gesprochenen Sprachen Patois und Französisch existierten noch lange nebeneinander, auch nachdem im 17. Jahrhundert fast 80 000 französische Hugenotten in die Romandie geflohen waren.

La Petite Chronique von Jeanne de Jussie, in Gustave Revilliod (éd), Levain du calvinisme ou commencement de l’hérésie de Genève, Genf 1853.
Das 18. und 19. Jahrhundert
Die Situation änderte sich jedoch im späten 18. Jahrhundert und in der französischen Epoche (1798-1813). Französisch wurde zur dominierenden Sprache im Alltag, im Unterricht und in der Verwaltung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschwand das Patois in den protestantischen städtischen und industrialisierten Gebieten (Genf, Waadt, Neuchâtel und Berner Jura).
In anderen Kantonen hielt sich das Patois länger, manchmal bis heute, wie in Evolène im Val d’Hérens im Wallis. Das Patois im Wallis nimmt heute eine ebenso besondere Stellung ein wie das in diesem Kanton gesprochene Deutsch.

Louis Gauchat. Foto: Wikipedia
Ende des 19. Jahrhunderts stellte Louis Gauchat ein grosses Wörterbuch des Patois und seiner zahlreichen lokalen Dialekte zusammen, le Glossaire des patois de la Suisse romande (Glossar der Patois der französischen Schweiz). Fast zehn Jahre lang sammelte er Informationen mithilfe von Fragebögen. Er erhielt mehr als 500.000 Reaktionen! Sie sind nach wie vor die wichtigste Quelle für die aktuellen Kenntnisse des Patois. Sein Glossar wird noch immer wieder ergänzt und ist eine unschätzbare Quelle des Wissens über das Patois.
Das 20. und 21. Jahrhundert
In der heutigen Romandie ist Französisch die Sprache des täglichen Lebens, sowohl in mündlicher als auch in schriftlicher Form. Das Patois wird nur in einigen Dörfern in den Kantonen Wallis, Freiburg und Jura gesprochen. Spuren des Patois sind jedoch auf lokaler Ebene, in Orts- und Familiennamen sichtbar.

L’Atlas linguistique audiovisuel des dialectes francoprovençaux du Valais romand (ALAVAL)
Der Bundesrat hat den siebten Bericht der Schweiz über die Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen des Europarats an seiner Sitzung vom 7.12.2018 verabschiedet.
Mit diesem Bericht anerkennt der Bundesrat Frankoprovenzalisch und Franc-Comtois als Minderheitensprachen. Der Bericht gibt einen Überblick über die Entwicklungen der Sprachpolitik in der Schweiz, insbesondere über die Förderung der italienischen Sprache und des schulischen Austauschs sowie über jüngste Entwicklungen im Unterricht der Landessprachen in der Primarschule und über die Situation des Rätoromanischen.
(Quelle: A. Paravicni Bagliani, J.-P. Felber, J.-D. Morerod, V. Pasche, Les Romands au Moyen Age, Lausanne 1997); Bibliothèque Publique Neuchâtel, Ausstellung: Pourqoui parle-t-on le français en Suisse romande? Neuenburg, 2022
Korrektorin: Eva Maria Fahrni