Das Kloster Disentis

Das Kloster in Disentis/Munstèr (Kloster auf Romanisch, Kanton Graubünden) wurde um 700 gegründet. Deutsche Kaiser benützten auf dem Weg nach Italien den Lukmanierpass und das Kloster geriet dadurch ins politische Interesse.

Als Feudalherren waren die Fürstäbte für das Geschehen im Tal verantwortlich. Die Fürsttäbte spielten 1395 beim Zusammenschluss der rätischen Dynasten und bündnerischen Gerichtsgemeinden zum Grauen Bund eine wichtige Rolle.

Der Barockbau des Klosters und der Klosterkirche stammen aus den Jahren 1685–1704. Nach der Französischen Invasion geriet Disentis in die Kriegswirren, die 1799 zum Klosterbrand führten. Archiv und Bibliothek wurden zerstört, Kunstschätze als Kriegskontribution eingezogen. Die Abtei wurde jedoch nicht säkularisiert und wurde nie aufgehoben.

(Quelle und weitere Informationen: Kloster Disentis)

Die Kirche

Die Kapelle

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Weitere Impressionen

 

Schloss Lenzburg, seine Geschichte und seine Bewohner

In Lenzburg (Kanton Aargau) thront eine beeindruckende mittelalterliche Burg hoch über der Stadt.  Sie ist eine der am besten erhaltenen Höhenburgen der Schweiz.

Die Stadt Lenzburg hat eine noch viel ältere Geschichte. Die Überreste des römischen Amphitheaters für 4000 Zuschauer deuten auf eine wichtige Siedlung in römischer Zeit hin.

Der römische Name ist jedoch nicht bekannt, aber die nahe gelegene römische Garnison Vindonissa (das heutige Windisch) und der Grenzfluss (Limes) Rhein, die Aare und römische Strassen machten den Standort des heutigen Lenzburg militärisch und wirtschaftlich relevant.

Der Name leitet sich vom alemannischen Wort „Lencis“ ab und zeigt die Präsenz dieses germanischsprachigen Stammes nach dem Abzug der Römer. Die erste bekannte schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 893 (siehe auch das Museum Burghalde in Lenzburg).

Die Burg (castellum) Lenciburg erscheint in einer Urkunde von 1077 zur Zeit des Grafen Ulrich II. von Lenzburg. Diese Dynastie starb 1173 aus. Der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Friedrich I. (Kaiser Barbarossa 1121-1191), erbte die Burg. Nach seinem Tod erwarben die Grafen von Kyburg die Burg und nach dem Aussterben dieser Familie 1263 die Habsburger.

Lenzburg erhielt 1306 das Stadtrecht, und Stadt und Burg nahmen ihre mittelalterlichen Konturen an, gefolgt von zahlreichen Um- und Ausbauten bis ins 19. Jahrhundert. Bern eroberte Lenzburg (und den Aargau, mit Ausnahme des Fricktals) 1415 und erwarb die Burg 1444. Von 1444 bis 1798 wohnten die Berner Vögte auf der Burg. Bern führte 1528 die Reformation in Lenzburg ein.

Das Wappen von Bern und Habsburg am Haupttor, so gross war das Ansehen von Habsburg.

Nach der Gründung des Kantons Aargau wurde Lenzburg 1803 Bezirkshauptstadt. Die Stadt entwickelte sich zum Baumwollproduzenten und Zentrum der Lenzburger „Baumwollherren“. Auch englische Textilfabrikanten und Politiker zeigten sich damals sehr beeindruckt von der innovativen Textilindustrie in Lenzburg und derjenigen der ganzen Eidgenossenschaft.

Der Kanton Aargau verwaltete das Schloss von 1803 bis 1860. Nach 1860 waren berühmte Schweizer, deutsche, englische und amerikanische Familien Eigentümer, nacheinander die Familien Pestalozzi-Scotchburn, Wedekind, Jessup-Bowes Lyon und Ellsworth.

Der Kanton Aargau und die Stadt Lenzburg kauften das Schloss schliesslich im Jahr 1956. Der Verein Freunde der Lenzburg verwaltet heute das Schloss und sein Museum.

Korrektorin: Petra Ehrismann

(Quelle und weitere Informationen: Stadt Lenzburg; Schloss Lenzburg)

Eindrücke

Foto vom Schloss Lenzburg, auf dem gegenüberliegenden Hügel die Staufbergkirche

Die Staufbergkirche

Das Rathaus

    

Der Aabach

Aarau oder das Entstehen einer Hauptstadt

Die Stadt Aarau (Kanton Aargau) hat ihren Namen von der Aare, dem grössten Zufluss des Rheins. Wenige Kilometer weiter mündet die Aare im schweizerischen Koblenz in den Rhein und setzt ihre Reise nach Rotterdam fort.

Die Aare und das Wasserkraftwerk bei Aarau

Aarau ist nicht irgendeine Stadt, sondern die Hauptstadt des Kantons Aargau. Weder die Kelten noch die Römer, auch nicht die Habsburger oder die Einwohner von Aarau hatten bis 1798 diesen Status im Sinn.

Graf Hartmann von Kyburg

Dank der Lage an der Aare war diese Region bereits in keltischer und römischer Zeit besiedelt. Die Grafen von Kyburg gründeten den Ort um 1250. Aus dieser Zeit stammen auch das Schloss, die Mühle sowie die alten Stadtmauern und Türme.

Die mittelalterliche Mühle und die Burg

König Rudolf I. von Habsburg (1218-1291) erwarb den Ort 1273 und verlieh ihm 1283 die Stadtrechte. Doch 1415 eroberten Bern und Solothurn einen Grossteil des Aargaus (nur das Fricktal blieb bis 1803 in habsburgischem Besitz).  Aarau wurde dann von Bern als Untertanengebiet (mit relativ grosser Autonomie) verwaltet.

Aarau war bis 1415 habsburgisches Territorium. Der habsburgische Doppeladler und das Berner Wappen sind überall in der Stadt zu sehen

Während der Reformation wählten die Bürgerinnen und Bürger mit knapper Mehrheit den evangelischen Glauben, und ab 1531 fand in Aarau regelmässig die Tagsatzung der Vertreter der reformierten Kantone statt.

Baden blieb jedoch der Hauptort der Tagsatzung aller (katholischen und protestantischen) Kantone, auch wenn religiöse (und andere) Spaltungen die Effizienz beeinträchtigten.

Der französische Einmarsch von 1798 beendete im März fast vier Jahrhunderte Berner Herrschaft. Die französischen Revolutionsideale fanden auch in Aarau ein begeistertes Publikum, und am 12. April wurde vom Rathaus aus die von den französischen Besatzern aufgezwungene Helvetische Republik (1798-1803) proklamiert. 

Das Parlament dieses Einheitsstaates tagte im Rathaus, die Regierung (das Direktorium) im Haus zum Schlossgarten. Aarau wurde damit zur ersten Hauptstadt der Schweiz. Dieser Status war nur von kurzer Dauer. Es fehlte an Infrastruktur, und ab September 1798 war Luzern die neue Hauptstadt der Helvetischen Republik und Sitz des Parlaments und des Direktoriums.

Doch die revolutionären Ideale von 1798 wichen auch in Aarau bald der Realität der französischen Besatzung und des unerwünschten Einheitsstaates. Überall in dieser Republik kam es zu (bewaffneten) Aufständen, und 1803 griff Napoleon persönlich ein.

Er löste die Helvetische Republik auf und stellte mit der Mediationsakte (Acte de Médiation) den alten Kantonsverband wieder her. Es wurden sechs neue Kantone geschaffen, darunter der Kanton Aargau (mit dem Fricktal).

Regierungsgebäude

Städtisches Rathaus. Den ältesten Teil bildet der Adelswohnsitz Turm Rore aus dem 13. Jahrhundert.

Aarau wurde die Hauptstadt des neuen Kantons. Wie andere Kantonshauptstädte, die im Grunde genommen Dörfer sind, zum Beispiel in den Kantonen Schwyz, Glarus, in den beiden Appenzeller Kantonen, in Obwalden und Nidwalden, ist auch Aarau eine Metropole auf Mikroebene so wie Basel, die Hauptstadt des Kantons Basel-Stadt, eine kosmopolitische multikulturelle Metropole mit dem Lebensrhythmus eines Dorfes ist.

(Quelle und weitere Informationen A. Lüthi, Aarau, Historisches Lexikon der Schweiz, 25.11.2016; Gemeinde Aarau)

Eindrücke aus Aarau

 

Die Stadtkirche (1478)

Das Stadtmuseum

Das Aargauer Kunsthaus

Heinrich Zschokke (1771-1848). Er wurde 1771 in Magdeburg geboren und kam als junger Mann in die Schweiz. Als Anhänger der Revolution musste er 1798 aus Graubünden fliehen. Während der Helvetik vermittelte er für die Regierung in Aarau. In Aarau fand er schliesslich seine Heimat und ein liberales Umfeld für seine Ideen und publizistische Arbeit. Mit der Wochenzeitschrift ‚Der Schweizerbote‘ schuf er ein Blatt, das zu einem wichtigen politischen Sprachrohr für einen liberalen Staat wurde. Der wichtige Vordenker des Bundesstaates starb 1848 am Tag, als die moderne Schweiz gegründet wurde.

Blumen für die Kunst im Aargauer Kunsthaus

Vom 5. bis zum 10. März 2024 feiert das Aargauer Kunsthaus zum 10. Mal mit der beliebten Ausstellung «Blumen für die Kunst» den Frühlingsbeginn. Zusammen mit dem Kunstverein Flowers to Arts präsentiert das Kunsthaus diese Ausstellung,  die den Frühling nach Aarau bringt.

Floristen und Floristinnen lassen sich von Kunstwerken aus der Sammlung des Aargauer Kunsthauses inspirieren und geben ihnen eine florale Antwort.

Hans Ernst Brühlmann, Mädchen auf dem Hügel, 1907. Florist Massimo Bundi

Arnold Böcklin, Bergschloss mit Kriegerzug, 1871. Florist: Rémy Jaggi

Blumen für die Kunst spannt einen Bogen zwischen Floristik und Kunst und sorgt bei der Betrachtung der 14 Sammlungswerke für überraschende Blickwinkel.

(Quelle und weitere Informationen: Das Aargauer Kunsthaus)

Otto Morach, Fabrikumbau, 1916. Floristin: Angela Kaspar

Der Hölenbär von Wenslingen, das Grossholz nahe Ormalingen und die Ergolz

Der Bach Ergolz im Kanton Basel-Landschaft hat eine Länge von rund 30 Kilometern. Er entspringt auf einer Höhe von 830 Metern bei der Geissflue an der Kantonsgrenze Basel-Landschaft und Solothurn. Auf seinem Weg zum Rhein durchfliesst er unter anderem die Gemeinden Anwil, Oltingen, Rothenfluh und Ormalingen.

Anwil

Die Ergolz ist die Ader des Naturgebiets Talweiher und seiner Weiher. Zahlreiche Wasserfälle und Bäche speisen die Ergolz. Das Gebiet ist ein wichtiger Lebensraum für den Schwarzspecht, den Biber und zahlreiche andere Tiere sowie für eine reiche Flora.

Die Kantonsgrenzen verlaufen manchmal durch Dörfer und Städte. Zudem gibt es manchmal Enklaven von Kantonen (z.B. in der Region Murtensee/Lac Morat und Schaffhausen/Zürich) und sogar von Nachbarländern in Kantonen (z.B. Campesino im Kanton Tessin und Büsingen im Kanton Schaffhausen). Auch Oltingen hatte eine solche Geschichte mit der Ergolz als Grenzbach.

Die Ergolz in Oltingen

Oltingen und die Schaffmatt (820 m) 

Im Mittelalter herrschten nacheinander die Grafen von Homberg, Froburg, Homburg und Thierstein über Oltingen. Im Jahr 1461 erwarb Basel das Dorf. Die Ergolz trennte es jedoch in zwei Teile. Das rechte Ufer blieb bis ins 17. Jahrhundert im Besitz der Habsburger. Erst im 17. Jahrhundert erwarb Basel diesen Teil.

Die Kirche St. Nikolaus (aus dem Jahr 1296) mit prächtigen Fresken aus dem 15. Jahrhundert. Der heutige Bau stammt aus der Spätgotik. 

Ormalingen ist ein weiteres Dorf am Ufer der Ergolz. Ormalingen ist nicht nur wegen der Ergolz und der mittelalterlichen Kirche bekannt. Gleich hinter dem Dorf beginnt eines der grössten zusammenhängenden Waldgebiete der Schweiz, das Grossholz.

Ormalingen und die Ergolz

Der Grossholzweg macht seinem Namen alle Ehre und bietet zudem wunderschöne Ausblicke auf Täler, Dörfer, Wiesen und Bäche.

Das Grossholz

Eines dieser Dörfer ist Wenslingen mit seinen monumentalen Gebäuden und Bauernhöfen und dem Blick auf den Wisenberg in einer Landschaft aus Wiesen, Kopfweiden und Ackerland, durchzogen von Bächen.

Der Wisenberg ( (1002 m)

 

Wenslingen, Ormalingen und Oltingen leiten sich von alemannischen Namen ab, einem deutschsprachigen Volksstamm, der nach dem Abzug der Römer im fünften Jahrhundert in diese Region eingewandert ist. Bei ihrer Ankunft war (Vulgär-)Latein die Sprache der romanisierten Kelten. Innerhalb weniger Generationen wurde es  jedoch durch Deutsch (den alemannischen Dialekt) verdrängt.

Diese Dörfer liegen nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Aber auch diese kurze Strecke hat viele kulturelle und natürliche Reize, und sogar der Höhlenbär fühlte sich hier vor Tausenden von Jahren schon wohl, wie die Höhle (Bärenloch) bei Wenslingen und die darin gefundenen Knochen und Zähne eines Höhlenbären zeigen!

Die Ergolz mündet schliesslich bei der antiken römischen Colonia Augusta Raurica (heute Augst (Kanton Basel-Landschaft und Kaiseraugst (Kanton Aargau), in der Nähe des Wasserkraftwerks Wyhlen-Augst, in den Rhein.

Damit schliesst sich der Kreis. Schliesslich war das Gebiet von Wenslingen, Ormalingen und Oltingen auch in römischer (und prähistorischer und keltischer) Zeit besiedelt, und die Ergolz war zusammen mit einer Römerstrasse der verbindende Faktor.

Der Schweizer Alpen-Club (SAC)

Der Schweizer Alpen-Club (SAC, Sektion Basel) organisiert regelmässig Wanderungen in diesem Gebiet und anderswo im Land. Obwohl der Name anderes vermuten lässt, organisiert der SAC nicht nur (Ski) Touren und andere Aktivitäten in den Alpen, sondern auch Wanderungen in anderen Regionen (Weitere Informationen: www.sac-cas.ch)

Korrektorin: Petra Ehrismann

Naturschutzgebiet Talweiher

Die Weiher

La Chaux-de-Fonds, der Sapin-Stil und Charles L’Eplattenier

Zwischen 1905 und 1914 entwarfen die Schüler der Kunstschule (l’École d’art) von La Chaux-de-Fonds (Kanton Neuenburg) um ihren Lehrer Charles L’Eplattenier (1874-1946) eine originelle ästhetische Sprache, die von der lokalen Natur des Juras inspiriert war.

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts war la Chaux-de-Fonds eine boomende Industriestadt. In knapp sechzig Jahren hatte sich ihre Bevölkerung verdreifacht und aus dem abgelegenen Dorf inmitten der Wälder auf 1000 m Höhe im Jura war eine Stadt mit 40.000 Einwohnern geworden, eine Fabrikstadt, die fast ausschlieslich auf die Uhrenindustrie ausgerichtet war.

Die Stadt gründete Spezialschulen, um ihre zahlreichen Lehrlinge auszubilden: die Uhrmacherschule (l ’École d’horlogerie) natürlich, aber auch die Mechanikerschule (l’École de mécanique), die Handelsschule (l’Éole de commerce), die Berufsschule für Mädchen (l’École professionnelle de jeunes filles) und schliesslich die Schule für angewandte Industriekunst (École d’arts appliqués à l’industrie), oder kurz: die Kunstschule (l’École d’art).

Die Kunstschule von la Chaux-de-Fonds wurde 1870 von der Société des Patrons graveurs gegründet. Die Stadt übernahm sie bereits 1872 und richtete sie einige Jahre später im neu erbauten Collège industriel (heute Collège Numa-Droz und Stadtbibliothek) ein.

Charles L’Eplattenier. Foto: Wikipedia

Charles L’Eplattenier

Charles L’Eplattenier wurde am 9. Oktober 1874 in einer Bauernfamilie in der Nähe von Neuchâtel geboren. Während seiner Lehre als Baumaler nimmt er auch Zeichenunterricht. Da er begabt  war, wurde er von seiner Familie nach Budapest geschickt, wo er sich an der Schule für dekorative Kunst einschrieb. Dank eines kantonalen Stipendiums reiste er anschliessend für drei Jahre nach Paris, um an der École nationale supérieure des beaux-arts zu studieren.

Als Charles L’Eplattenier 1897 nach Neuenburg zurückkehrte, wurde er von der Kunstschule in La Chaux-de-Fonds als Zeichenlehrer eingestellt. Er war nur 23 Jahre alt, ehrgeizig und hatte Charisma.

Charles L’Eplattenier, Les Musiciennes, 1907, noch immer Art Nouveau. Sammlung: Musée des beaux-arts de La Chaux-de-Fonds

Die Geburt des „Sapin-Stils„

1905 schlug L’Eplattenier die Eröffnung eines Cours supérieur d’art et de décoration vor, der sich an die besten Schüler der Schule richtete. Die grosse Neuheit: Dieser Kurs sollte sich nicht mehr auf Bereiche beschränken, die mit der Uhrmacherei zusammenhingen.

L’Eplattenier stellte den gesamten Zeichenunterricht auf den Kopf, überdachte das Kursprogramm und wandte  moderne und innovative Lehrmethoden an. Sein Ziel: eine neue künstlerische Formensprache zu schaffen, die im Jura verwurzelt war.

André Evard (1876-1972), Femme à la Fourrure, 1909. Sammlung: Musée des beaux-arts de La Chaux-de-Fonds

Er träumte davon, mit seinen Schülern eine regionalistische Variante des Jugendstils (Art Nouveau in Frankreich, Modernismo in Spanien) zu erfinden, eine besondere, in La Chaux-de-Fonds geprägte Stilform.

Unter der Leitung von L’Eplattenier nahm die Kunstschule von La Chaux-de-Fonds an internationalen Wettbewerben und Ausstellungen teil und gewann insbesondere das Ehrendiplom der Internationalen Expo 1906 in Mailand für die von ihren Schülern hergestellten Taschenuhrgehäuse.

La Chaux-de-Fonds, Krematorium. Foto: Wikipedia

Die Ateliers réunis und die Villa Fallet

1910 ging L’Eplattenier einen Schritt weiter und gründete die Ateliers d’arts réunis, um „die Zusammenarbeit zwischen Künstlern, Industriellen und Händlern zu fördern“. Konkret führten die Ateliers vor allem Dekorationsaufträge aus, die als praktische Arbeiten für die Schüler dienten.

Diese entwarfen ein Dutzend Innenräume: Wohnungen von Uhrenherstellern wie den Salon bleu Spillmann, aber auch die Posthalle in La Chaux-de-Fonds, die Kapelle in Cernier-Fontainemelon oder den Pavillon der Sternwarte in Neuenburg.

Der Pavillon der Sternwarte in Neuenburg

Bereits im folgenden Jahr spaltete sich L’Eplattenier ab, indem er eine Neue Sektion innerhalb der Kunstschule gründete. Diese vereinte Gebäudedekoration, Innendekoration, Architektur, Bildhauerei und Malerei, um alle diese Disziplinen in gemeinsamen Projekten zusammenarbeiten zu lassen und im Idealfall die künstlerische Produktion in die Gesellschaft und die Region zu integrieren.

L’Eplattenier wurde von drei Assistenten unterstützt, im Bereich Architektur von  Charles Édouard Jeanneret (1887-1965), dem späteren Le Corbusier.

Zusammen mit ihm überzeugte er den Uhrmachermeister Louis-Edouard Fallet (1845-1916), die gesamte Planung und Ausführung seiner Villa den Schülern der Schule anzuvertrauen. Die Villa Fallet sollte das ultimative Manifest des Sapin-Stils werden – ein kollektives und totales Kunstwerk.

Fotografie: © Aline Henchoz

Ende und Wiederentdeckung des Sapin-Stils

Innerhalb weniger Jahre hatte Charles L’Eplattenier die Kunstschule von La Chaux-de-Fonds neben Zürich und Genf zu einer der drei wichtigsten Schweizer Kunstschulen  gemacht. Doch trotz oder gerade wegen dieser Erfolge geriet L’Eplattenier ab 1913 in einen offenen Konflikt mit seiner Direktion sowie mit den Lehrern des Collège industriel. Schliesslich trat er zurück.

Seine Assistenten kämpften um die Rettung der Neuen Sektion und erhielten Unterstützung von grossen Namen des Jugendstils in Paris, Berlin und München, die ein Manifest mitunterzeichneten.

Aber es half nichts: Die Behörden von La Chaux-de-Fonds schlossen die Sektion am 1. August 1914. Die Ateliers réunis gingen zwei Jahre später wegen fehlender Mäzene in Konkurs.

Fotografie: © Aline Henchoz

Der Begriff ‚style sapin‚ (Tannenstil auf Deutsch) ist eine spätere Erfindung: L’Eplattenier und seine Zeitgenossen haben ihn nie verwendet. Der Stil selbst geriet schnell in Vergessenheit und einiges wurde zerstört: Die Posthalle verlor 1959 ihre Dekorationen, die Kapelle von Cernier-Fontainemelon wurde 1975 in eine Wohnung umgewandelt (ihre ursprünglichen Glasfenster wurden jedoch letztes Jahr in einem Lagerhaus wiedergefunden).

Die Wiederentdeckung und Erschliessung des Abenteuers des style sapin erfolgte  um 2010. Heute widmet ihm das Museum der Schönen Künste in La Chaux-de-Fonds einen ganzen Saal, in dem man vor allem die berühmten Glasfenster mit ihren typischen Enzian-, Distel- und Tannenmotiven sehen kann.

Lars Kophal (Neuchâtel), rédacteur et journaliste 

Korrektorin der deutschen Übersetzung: Eva Maria Fahrni

Impressionen von der Sammlung style sapin des Kunstmuseums von La Chaux-de-Fonds

Und einige Eindrücke aus dem vom Jura

Das Trienttal bis Châtelard-Frontière und die Espace Mont Blanc

Die Entfernung von Zermatt nach Chamonix beträgt 60 Kilometer Luftlinie. Die Strecke mit der Bahn oder auf der Strasse ist etwa 140 Kilometer. Die Wanderstrecke beträgt je nach Route und Schwierigkeitsgrad zwischen 170 und 200 Kilometern, aber dabei sieht man am meisten: Bergpässe, Gletscher, zahlreiche Bäche und Wasserfälle, Täler, eine vielfältige Flora und Fauna, Dörfer und Städtchen und (bei klarem Wetter) das Matterhorn oder den Mont Blanc.

Es ist auch möglich, die Verkehrsmittel zu kombinieren. Von Zermatt aus fährt ein Zug durch das Mattertal und von Stalden (eine andere Strecke führt durch das Saastal) durch das Vispertal nach Visp (benannt nach dem Fluss Vispa). Auf dem Weg dorthin gibt es bereits mehrere Möglichkeiten für Wanderungen mit Blick auf die höchsten Gipfel der Schweiz.

Von Visp aus führt ein Zug oder eine Autobahn nach Martigny. Man passiert  bekannte Orte wie Leuk, Leukerbad, Siders, Crans Montana, Verbier oder Sitten und Täler wie  das Lötschental, das Turtmanntal, das Val d’Anniviers (welches ungefähr die Sprachgrenze des Kantons darstellt), das Val d’Hérens, das Val de Bagnes, das Val d’Entremont und das Val Ferret.

Dieser Beitrag konzentriert sich jedoch auf die viel weniger bekannte, 20 Kilometer lange Strecke (Vallée du Trient) von Martigny bis zu einem der kleinsten Grenzorte der Schweiz, Châtelard-Frontière. Diese Region ist auch für das Projekt Espace Mont-Blanc zwischen Frankreich, Italien und der Schweiz bekannt.

Der Mont Blanc

Bild: L’Espace Mont Blanc

Martigny

Martigny hat eine reiche (keltische und römische) Geschichte und ein reiches kulturelles Angebot (u.a. die Fondation Pierre Giannada, die Fondation Barry und die Médiathèque Valais). Bei Martigny biegt die Rhone nach Norden ab.

Die Rhone nach Norden ab.

Nach dem Aufkommen des (englischen) Tourismus ab 1850 gab es eine Verbindung per Kutsche über Diligences von Martigny nach Chamonix, die Route des Diligences. Mit dem Bau der Eisenbahn im Jahr 1906 verlor sie immer mehr an Bedeutung. Die Bahn fuhr bis 1935 nur im Sommer, später auch im Winter. Schliesslich machte das Auto die Kutsche überflüssig. Überreste wie Strassenschilder und Brücken sind jedoch noch zu sehen, unter anderem bei Le Trétien.

Die Weg zur französischen Grenze führt unter anderem durch die Dörfer Vernayaz, Salvan, Les Marécottes, La Médettaz, Le Trétien, Finhaut, Châtelard-Village und Châtelard-Frontière. Mehrere Weiler auf dieser Strecke können unterwegs auf der Tour des Hameaux besichtigt werden.

De Batterie der SBB bei Vernayaz

Vernayaz

Kurz hinter Martigny in Richtung Châtelard-Frontière liegt die Vallée du Trient. Bei den Gorges du Trient in der Nähe der Stadt Vernayaz fand 1844 eine der letzten (vergessenen) Schlachten auf Schweizer Boden statt, die oft in Vergessenheit gerät.  Das schöne Tal ist ein grossartiges Wandergebiet und liegt zudem nur 20 Kilometer von der französischen Grenze entfernt.

Salvan

Salvan

Das erste grössere Dorf nach Vernayaz ist Salvan (Heimat eines Titanic-Kochs und Geburtsort der Telegrafie). Die Strasse durch die Dailley-Schlucht (Gorges du Dailley) wurde 1895 gebaut und 1995 nach einer Renovierung wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Les Marécottes

Das Dorf Les Marécottes ist unter anderem für seinen Zoo bekannt, außerdem für das Gemüse chou-rave valaisan (französisch Rutabaga), das ursprünglich aus Schweden stammt (Rotabaggar). Dessen Anbau hat sich aber in Les Marécottes  und den umliegenden Dörfern bewährt. Jean-Charles Squinabol (1769-1836), ein Deserteur aus der Armee des Königreichs Sardinien, liess sich in diesem Dorf nieder und führte das Gemüse in der Region ein.

La Médettaz

La Médettaz

Auch der Weiler La Médettaz verfügte bereits um 1900 über eine Unterkunft für Touristen, die Pension de la Creusaz. Heute gibt es einen Campingplatz und  Skigebiete. Die Gorges du Triège und der 1898 angelegte Stausee Combassas sind die Hauptattraktionen.

Le Trétien

Le Trétien

Dieses Dorf ist vor allem für die Triège-Schlucht (Gorges du Triège) und deren zahlreichen Brücken aus den 1870er Jahren bekannt. Die Route zum Col de la Forclaz und die Route Martigny-Chamonix verleihen Le Trétien ebenfalls eine gewisse Wichtigkeit. Das erste Hotel wurde 1888 gebaut, die Pension de La Dent du Midi, dann folgten die Pension du Mont-Rose (1893) und das Chalet de la Forêt (1913) in diesem doch recht kleinen Dorf.

Brücken und die Route der Kutschen (Diligences) 

Die Schlucht (Le Gorges du Triège) und seine Brücken

Die Schlucht in der Nähe des Dorfes wurde seit Jahrhunderten von Reisenden und Händlern mit ihren Maultieren passiert. Die berühmteste Brücke an dieser Durchgangsstrasse ist die Steinbrücke von 1808, welche die Holzbrücke aus den vorangegangenen Jahrhunderten ersetzte. Der bereits erwähnte Jean-Charles Squinabol hat diese Brücke gebaut.

Die brücke  und le sentier de Muletiers (1808) 

Wegen ihres kulturhistorischen Wertes ist diese Strasse im Bundesinventar der historischen Verkehrswege (l’inventaire des Voies de communication historique de la Suisse) aufgeführt. Das malerische Dorf ist Teil des Schweizerischen Kulturerbes (ISOS).

Finhaut

1865 gab es in Finhaut drei Hotels. 1913, am Vorabend des Ersten Weltkriegs (1914-1918), zählte das kleine Dorf bereits 19 Hotels, unter anderem wegen seiner Lage an der Eisenbahnstrecke Martigny-Chamonix, seiner Nähe zu den Schweizer Alpen mit dem Trient-Gletscher (Le glacier du Trient) und dem Mont-Blanc-Massiv.

Ein ehemaliges Hotel und le glacier du Trient

La Pension de la Croix-Fédérale (1860), Hôtel-Pension Bel-Oiseau (1879), le Beau Séjour (1892), le Chalet suisse (1895), le Grand Hôtel de Finhauts (1896), le Mont Fleuri (1906), le Victoria (1906) und das berühmte Hotel Bristol (1908), in dem sich unter anderem der belgische König Albert I. (1875-1934) regelmässig aufhielt, waren die wichtigsten Gästeunterkünfte.

Bahnhof (gare) Finhaut

Hotel Bristol

Die Kirche und Chalet suisse

Um die Jahrhundertwende bauten englische Besucher zusätzlich eine englische Kirche. Nach dem Ersten und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) konnte das Dorf nicht mehr mit anderen Wintersportorten und deren modernen Einrichtungen konkurrieren, blieb aber vor allem im Sommer ein beliebter Ferienort. Weitere Sehenswürdigkeiten sind die Kirche aus dem Jahr 1929, eine Nachfolgerin der alten Kapelle aus dem Jahr 1649, das alte Postamt und das Café de la Poste.

Châtelard-Village

Châtelard-Village ist vor allem für seine Staudämme und die Funiculaire bekannt. Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB/CFF) bauten bereits 1917 das erste Wasserkraftwerk, um Züge mit Strom zu versorgen!

Das Wasserkraftwerk der SBB

Sie nutzten das Wasser der Barbarine, der Eau Noire, des Trient und des Triège. In Vernayaz befinden sich das andere Kraftwerk und die moderne Batterie. Diese Stauseen wurden 1955 um den Vieux-Ermosson, 1955 um den Ermosson und 1977 um den Châtelard II erweitert. Auf französischer Seite nutzt das Wasserkraftwerk von Vallorcine den Ermosson-Stausee.

Das Wasserkraftwerk Vallorcine

 Châtelard-Frontière

Châtelard-Frontière, La Porte du Valais, verdankt seine Existenz der Abtei von St. Maurice. Der Abt erlaubte den Einwohnern von Salvan 1288, das Gebiet zu bebauen und zu bewohnen. Das Wallis war damals eine Grafschaft mit dem Bischof von Savoyen als Graf und oberstem weltlichen Verwalter. Das Herzogtum Savoyen (später ein Teil des Königreiches Sardinien) regierte das Vallorcine.

Châtelard-Frontière, der Bahnhof 

Diese Grenze hat sich seither nicht geändert, ausser dass das Herzogtum Savoyen (Teil des Königreichs Sardinien) 1860 nach einer Volksabstimmung dem französischen Kaiserreich von Napoleon III. (1808-1873) beitrat und das Wallis seit 1815 zur Schweizerischen Eidgenossenschaft gehört.

Eines der ersten Gebäude war die Burg Madeleine, die 1323 erbaut wurde. Heute macht Châtelard-Frontière einen verlassenen Eindruck. Das war im neunzehnten Jahrhundert noch anders. Um 1850 wurden mehrere Grand-Hotels gebaut, darunter das L’Hôtel Suisse (1840) und das L’Hôtel Royal (1875).

Unbekannter Künstler, 1793, La Porte du Valais. Private Sammlung 

Châtelard-Frontière ist auch der Umsteigepunkt für den französischen Nahverkehrszug nach Chamonix (und Saint-Gervais). Auf dieser kurzen Strecke von etwa 11 Kilometern gibt es ausserdem mehrere Sehenswürdigkeiten, Wanderwege sowie Winter- und Sommersportanlagen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Korrektorin: Petra Ehrismann

Eindrücke

Argentière (France)

  

Die Schlacht bei der Trientbrücke 1844 und der Sonderbundskrieg von 1847

Der Sonderbundskrieg von 1847 ist eine bekannte historische Tatsache. Doch wer erinnert sich noch an die militärische Konfrontation zwischen der Alten Schweiz und der Jungen Schweiz am 21. Mai 1844 an der Trientbrücke (le pont du Trient) bei Vernayaz im Unterwallis? Doch diese Schlacht mit rund 60 Toten war eine Generalprobe für den Sonderbundskrieg vom November 1847.

Die Schlucht, die Trientbrücke und die Schlacht © Archives et médiathèque Sion

Auf nationaler Ebene wollten die Radikal-Liberalen eine Reform der Verfassung von 1815. Diese Reform ist als Rossi-Plan bekannt. Der Begriff „die Junge Schweiz/la Jeune Suisse“ ist abgeleitet von „la Giovine Italia“ von Giuseppe Mazzini (1805-1872), einem italienischen Juristen, dessen Ziel die Einheit Italiens war.

Er gründete auch 1834 im Exil in Bern die Bewegung „das Junge Europa/la Jeune Europe“ mit dem Motto „Das Junge Europa wird sich gegen das alte Europa der Könige durchsetzen“.

Die Junge Schweiz vereinte eine Gruppe von Radikal-Liberalen, aber nicht alle von ihnen. Die Junge Schweiz im Wallis wollte eine stärkere nationale Regierung, die Trennung von Kirche und Staat, die Abschaffung der Zensur, die Versammlungsfreiheit, eine Stärkung der Bürgerrechte, mehr Demokratie und die freie Niederlassung von Neuankömmlingen, einschliesslich von Protestanten im katholischen Kanton. Aber auch die jahrhundertelange Dominanz des Oberwallis spielte eine Rolle.

Maurice Barman (1808-1878), Führer der Jungen Schweiz und bedeutender Politiker aus dem Unterwallis. Foto: Wikipedia

Die Katholisch-Konservativen, insbesondere die sieben Oberwalliser Zenden, wollten eigentlich die alten Verhältnisse (das Ancien Régime) und (katholischen) Privilegien beibehalten. Der Bischof von Sitten war die treibende Kraft hinter dieser Bewegung.

Der Landrat, die kantonale Regierung, der Vertreter aus dem Unterwallis (mit zwei Mitgliedern) und dem Oberwallis (mit drei Mitgliedern) angehörten, war gespalten. Auf nationaler Ebene übernahmen um 1830 11 Kantone (eigentlich 10,5) die Rossi-Reform ganz oder teilweise. Dieser Prozess wird als Regeneration bezeichnet. Im Wallis hingegen änderte sich wenig oder gar nichts.

Von 1830 bis 1839 gewannen die Radikal-Liberalen und unter ihnen die Junge Schweiz zunehmend an Einfluss und Unterstützung.

Die Liberalen und die Konservativen geraten nicht nur rein verbal aneinander: Am 11. April 1833 kommt es zu einem Scharmützel bei der Bâtiaz-Brücke in Martinach. Das Ereignis geht als «Bastonade», also als «Prügelei» von Martinach, in die Geschichte ein.

Die Bâtiaz-Brücke

Die Polarisierung und die Eskalation gingen so weit, dass die Tagsatzung (das nationale Parlament der Vertreter der Kantone) vermittelte. Dies führte schliesslich zu einer Verfassungsänderung im Jahr 1839. Doch die Katholisch-Konservativen wehrten sich und gründeten die Bewegung „die Alte Schweiz“, angeführt vom Bischof von Sitten und unterstützt von den sieben Zenden des Oberwallis.

Die sechs Zenden des Unterwallis unterstützten die Radikal-Liberalen und auch die Junge Schweiz. Eine Spaltung des Kantons wurde zu einer realen Möglichkeit und die Situation wurde immer bedrohlicher, mit Gewalt, Toten und Verletzten.

Die Radikalisierung setzte sich fort, und beide Bewegungen stellten eine Streitmacht auf. Nach vielen kleineren Scharmützeln kam es am 21. Mai 1844 zur Schlacht an der Trienter Brücke. Die katholisch-konservativen Sieger schlossen sich dann 1845 dem Sonderbund an.

Politisch gesehen sind die Ereignisse im Wallis zwischen 1830 und 1844 ein Vorläufer des Sonderbundskrieges von 1847 (unter Berücksichtigung der spezifischen Empfindlichkeiten, der historischen Entwicklung und der lokalen Unterschiede in diesem Kanton).

Auch das Referendum vom 3. März 2024 steht im Zusammenhang mit dieser Geschichte und dem Verhältnis zwischen dem Unterwallis und dem Oberwallis. Vielleicht ist ein Vergleich mit Belgien gar nicht so abwegig.

Bis zum Ersten Weltkrieg waren die Französischsprachigen kulturell, politisch und wirtschaftlich dominierend; die Niederländischsprachigen (oder Flämischsprachigen) waren, obwohl in der Mehrheit, die unterlegene Partei. Nach 1945 änderte sich dies und die flämischsprachige Mehrheit setzte sich in mehrfacher Hinsicht durch.

Das überwiegend deutschsprachige Oberwallis (heute ca. 80 000 Einwohner) fürchtet nun um seine Stellung, wie es das französischsprachige Unterwallis (heute ca. 270 000 Einwohner) bis 1798 tat. Diese Empfindlichkeiten sind Jahrhunderte alt, aber immer noch (latent) präsent.

(Quelle: Walliser Boten/ Le Nouvelliste; Vallée du Trient)

Giuanna Egger-Maissen

Die Schlucht und die Trientbrücke heute

Vernayaz, der Trient

Die englische Kirche in Zermatt

Nichts auf der Welt konnte die Bewohner der Alpen dazu bewegen, als Freizeitbeschäftigung auf einen Berg zu gehen, geschweige denn Gipfel zu besteigen. Für die Bauernschaft bedeuteten die Berge bis ins 18. Jahrhundert vor allem eine Bedrohung durch Naturgefahren, Dämonen und Fantasiewesen.

Im späten 18. Jahrhundert begannen sich jedoch Schriftsteller, Wissenschaftler und das, was wir heute Alpinisten nennen, für die Berge und ihre Flora und Fauna zu interessieren.

Jahrzehnte vor der englischen Bergsteigerzeit (um 1850) bestiegen zwei Franzosen aus Chamonix den Mont Blanc (1786), angeregt durch den Schweizer Wissenschaftler Horace-Bénédicte de Saussure (1740–1799).

Chamonix, Horace-Bénédicte de Saussure

Von einem touristischen Aufschwung konnte damals jedoch keine Rede sein, obwohl dieser Aufstieg in aller Munde war. Vielleicht haben die Französische Revolution und die nachfolgenden Kriege bis 1815 die weitere Entwicklung gestoppt.

Tatsache ist, dass die Briten um 1850 die Alpen und vor allem die Schweiz entdeckten. Die Begeisterung für die Flora und Fauna der Alpen, die Schönheit der Natur und die gesunde Luft (nicht unwichtig im England der industriellen Revolution) löste einen regelrechten Boom aus.

Das Matterhorn

Das lag auch an der positiven Berichterstattung in (englischen) Medien, Politik und Wirtschaft über diese besondere Republik mit souveränen Kantonen in der Mitte Europas. Kurzum: Die Schweiz war en vogue, übrigens nicht nur für britische Touristen, sondern auch für politische Flüchtlinge aus europäischen Monarchien.

Zermatt war die unbestrittene Wiege der Bergsteiger. Der englische Gentleman nahm gewöhnlich auch seine Familie mit. Natürlich erwarteten sie Komfort, und die örtlichen Unternehmer, Hoteliers, Transportunternehmen mit Kutschen und Pferden (bis zum Aufkommen der Eisenbahn und später des Autos), Restaurants, kulturelle Veranstaltungen und andere Aktivitäten deckten den Bedarf.

Ein wichtiges Bedürfnis war es, einen Ort für die Gottesdienste der englischen (anglikanischen) Kirche zu haben. Zermatt war katholisch und es gab keine protestantische Kirche. Die Gottesdienste fanden zunächst in den Hotels Monte Rosa (Besitzer Alexander Seiler), Mont Cervin (Besitzer Joseph Clementz) und Hotel des Alpes statt.

Denkmal für Alexander Seiler (1819-1891) und Katharina Seiler (1834-1895) 

Mit finanzieller und politischer Unterstützung von Seiler und Clementz begannen englische Touristen Anfang 1865, Spenden für eine anglikanische Kirche zu sammeln.

Doch dann ereignete sich eine Katastrophe. Die erste erfolgreiche Besteigung des Matterhorns am 14. Juli 1865 endete mit dem Tod von vier der sieben Bergsteiger. Unter den Opfern befand sich auch der Alpinist und Pfarrer Charles Hudson (1828-1865). Der Alpinismus, Zermatt und das Matterhorn hatten für einige Jahre einen schlechten Ruf.

Die Zeit heilt (viele) Wunden und der Baedeker (damals ein führender „Lonely Planet“) lobte Zermatt 1868 wieder. Zudem hatten unterdessen auch amerikanische Touristen ihren Weg dahin gefunden.

Der erste Gottesdienst in der neuen anglikanischen Kirche fand am 29. Juni 1870 statt. Der Bischof von Dover, Edward Parry (1830-1890), weihte die Kirche am 6. August 1871 ein. Der unglückliche Charles Hudson fand seine letzte Ruhestätte unter dem Altar der Kirche. Anderen abgestürzten Bergsteigern wurde ein Platz rund um die Kirche zugewiesen.

Zermatt war wieder der wichtigste Ort für Bergsteiger und die Kirche war die „Pfarrkirche des (britischen) Alpenvereins“ (the British Alpine Club), der 1857 in London gegründet worden war. Das Prestige war so gross, dass der britische Alpenverein sein hundertjähriges Bestehen in Zermatt und in der englischen Kirche feierte!

Nach 1870 kamen jedoch immer mehr Touristen auch aus anderen Motiven. Andere Sommer- und Wintersportarten entwickelten sich. Winston Churchill (1874-1961) besuchte Zermatt im Jahr 1894. Obwohl er unter anderem dafür bekannt ist, dass er keinen Sport (“ no sports”) trieb, war er in seinen jungen Jahren tatsächlich ein Sportler. Der Überlieferung nach soll er sogar den Monte Rosa (4634 m) bestiegen haben.

Nach 1945 haben sich die Herkunftsländer  der Touristen und ihre Aktivitäten geändert. Die anglikanische Kirche ist jedoch immer noch ein wichtiges Zentrum für (englischsprachige) Touristen und protestantische Gottesdienste.

(Quelle und weitere Informationen: Gemeinde Zermatt)

Korrektorin: Eva Maria Fahrni