Eine magische unterirdische Märchenwelt

Vor rund 150 Millionen Jahren bedeckte ein flaches Meer den gesamten Jurabereich an der Stelle der heutigen Vallorbe-Höhlen im Kanton Waadt.

Die Orbe hat zwei Quellen. Die Quelle des Orbe superior (Orbe supérieure) ist der Rousses-See (lac des Rousses) in Frankreich und mündet in den Joux-See (lac de Joux) in der Schweiz und geht dann unter Tage.

Dazu kommt der parallele Untergrund Orbe, der Orbe inferior (Orbe inférieure), der Regenwasser und geschmolzenen Schnee als Quelle hat. Die beiden Orbes treffen in den Höhlen von Vallorbe aufeinander, und es wird geschätzt, dass zwei Drittel des Wassers aus der Orbe inferior besteht.

Die Orbe ist jedoch nicht der einzige Fluss, der unterirdisch fliesst. In der grossen und kleinen Grotte aux Fées (la grande et la petite Grotte aux Fées) gibt es zwei unterirdische Wasserläufe, die ihre eigene Quelle haben.

Der grosse Unterwassersee in den Höhlen von Vallorbe besteht aus dem Netzwerk der Orbe und anderer Quellen. Die Unterwasserbeleuchtung zeigt, dass dieser Unterwassersee ruhig und fast stationär ist.

Eine riesige Galerie erstreckt sich über 600 Meter. Die riesige unterirdische Kathedrale (La cathédrale souterraine) und ihr großer Saal (La Grande Salle) mit ihren imposanten Stalaktiten und Fistuleusen, Kalkstein und zahlreichen Stalagmiten sind das Zentrum der Höhlen.

Eine magische unterirdische Märchenwelt. Das Trésor des Fées beherbergt eine Mineraliensammlung und zeigt den unterirdischen Mineralreichtum.

(Bron: G. Favre, Les Grottes de Vallorbe, Vallorbe; Les Grottes de Vallorbe).

Und da ist sie wieder!

Die Eisenindustrie und das Eisenmuseum in Vallorbe, Cité du Fer

Schmiede verwerteten bereits 350 Jahre v. Chr. das Eisenerz am Jurafuss. Die ersten Fabriken stammen in Vallorbe aus dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts. Man verfügte über die Wasserkraft der Orbe, um die Maschinen anzutreiben, über ausgedehnte Wälder zur Herstellung von Bauholz und Holzkohle und über Eisenerz.

Zwischen 1280 und 1285 gründete der Prior von Romainmôtier die erste Eisenhütte der Talschaft in La Dernier. Hier wird das Eisenerz direkt zu schmiedbarem Eisen reduziert.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts ist Vallorbe bereits ein bedeutendes Zentrum der Eisenverarbeitung, mit drei Eisenhütten und mehreren Schmieden.

In den Jahren um 1670 zählt Vallorbe drei Hochöfen, mehrere Frischöfen und etwa dreissig Schmieden. Am Ende des 17. Jahrhunderts wird die Herstellung von Gusseisen in Vallorbe eingestellt. Die Vallorber Schmiede kaufen ihren Rohstoff auswärts ein und werden Schlosser, Büchsenmacher, Nagel- und Hufschmiede.

Dieser Aufschwung hält bis um 1850 an und wird dann durch die Herstellung von Feilen, Werkzeugen und Ketten abgelöst. Die Usines Métallurgiques von Vallorbe, 1899 gegründet, spezialisierte sich in der Produktion von Präzisionsfeilen und Rundfeilen für Motorsägenketten und vertritt weltweit den ausgezeichneten Ruf der „Eisenstadt“ Vallorbe.

Anderswo im Jura und mit einer entsprechenden Entwicklungsgeschichte führt die Eisenindustrie zur Herstellung von Musikdosen, von Präzisionsmaschinen und -Werkzeugen, von Rasierapparaten und zur Bearbeitung von Edelsteinen.

Das Eisenmuseum (musée du fer) belegt in Vallorbe Gebäude, die unter Denkmalschutz stehen und in denen seit 1495 Eisen bearbeitet wird.

Zeigt der Ursprung der Eisenindustrie, ihrer Entwicklung und ihrer heutigen Anwendungen und die wichtigsten mechanischen Einrichtungen dank der sechs Wasserräder im Kanal, die wasserbetriebenen Maschinen und die Schmiede.

(Quelle und weitere Informationen: Le Musée du fer)

Lavin, romanische Kultur, Gewerbe und eine wunderschöne Gärtnerei

Geschichte

Im 12. Jahrhundert wird Lavin (Unterengadin, Kanton Graubünden) urkundlich mit „Lawinis“ bezeichnet, was so viel wie Rutschungen bedeutete.

Das Hochplateau „Macun“ mit über 20 Bergseen auf 2600 m ü. M. ist seit dem Jahr 2000 Teil des ältesten Nationalparks Europas. Das Dorf ist am Fusse des Piz Linard gelegen, dem höchsten Berg des Unterengadins.

Die Kirche mit den Freskomalereien aus dem 15. Jahrhundert zählt zu den wertvollsten Denkmälern Graubündens. Das Kulturzentrum „La Vouta“, die Veranstaltungen im Hotel Piz Linard und im Bistro Staziun (im Wartesaal des Bahnhofs) und die Kunstinstallationen in der „Giardinaria“ (Gärtnerei) sind weit über die Talgrenzen bekannt.

Die Gärtnerei

1980 haben Madlaina Lys und Flurin Bischoff die Gärtnerei in Lavin übernommen und sich auf Bioblumen konzentriert. Diese haben in Geschäften und Hotels im Engadin einen guten Namen.

Gemeinsam verwirklichen die Künstlerin und der Künstler auch Kunstwerke und weitere Projekte, auch im Garten. Sie formt, schichtet und brennt aus Erde filigrane Schalen und Gefässe, arbeitet auch mit Porzellan und kreiert daraus Lichtobjekte, die auch ins Ausland gelangen.

Er ist Maler, Bildhauer und ein Teil seiner Arbeit ist das Bauen von Brunnen aus Beton. Sie stehen in Ramosch, Strada und in Lavin. Auch im Garten stehen seine Skulpturen zwischen den Blumen.

Gewerbe

Bei etwas mehr als 200 Einwohnerinnen und Einwohnern kann Lavin sich auch auf ein aktives Gewerbe stützen. Dazu gehören Hotels, ein Bistro, die Bäckerei/Konditorei Giacometti, die Nusstorten in die halbe Welt liefert, ein Architekturbüro und diese Gärtnerei.

(Quelle und weitere Informationen: J. Wirth, Lavin, Tourismus Engadin Scuol Samnaun, Val Müstair, 2020)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Der Brand von Riom

Nicht nur Rom erlebte einen legendären Brand (64 n. Chr.) Das Dorf Riom (Kanton Graubünden) brannte genau achtzehn Jahrhunderte später auch fast ganz nieder und mit ihm die historischen Häuser, das Gemeindearchiv und die alten Strassenzüge. Der Brand von Riom hat sich tief in die kollektive Erinnerung eingegraben.

Dieser Dorfbrand, der am 5. März 1864 ausbrach, kommt auf die Freilichtbühne im Dorf. Eine grosse Raumskulptur, die grosse Aussichten ins weite Tal gewährt, erzählt vom Untergang des Dorfes – aber auch vom rasanten Wiederaufbau, vom Glauben an eine bessere Zukunft, vom Pioniergeist der Dorfbewohner.

Riom, Juni 2023

Der temporäre Theaterbau am oberen Dorfende von Riom enthält zwei Bühnenräume, die mit neuen Werken bespielt werden. Das Freilichtspiel Arsa da Riom (Brand von Riom) nimmt die Zuschauer mit auf eine Zeitreise durch die historischen Epochen von Riom. Eine Theaterminiatur findet nachmittags statt und erzählt von neuen Bauplänen und alten Dorfrivalen.

Der temporäre Theaterbau in Riom. Bilder: Admill Kuyler

In Anlehung an die grosse Solidarität nach dem Dorfbrand kocht die Organisation an allen Aufführungstagen des abendlichen Freilichttheaters eine kraftvolle Suppe und erzählt aus den Chroniken des 19. Jahrhunderts. Eine Reihe von Führungen und Vorträgen zur Geschichte und zur Zukunft von Riom runden das Dorfprogramm ab.

Am Freitag, 23. Juni 2023 findet eine exklusive Vorpremiere zum Freilichttheater für ein junges Publikum (16 bis 25 Jahre) statt.

Weitere Aufführungsdaten: 24., 25.,29. und 30. Juni, 6.,8.,9.,26.,27.,28.,29. und 30. Juli, Zeit: 21.00 Uhr.

Die Fundaziun Origen lädt auch zum letzten Auftakt in den Julierturm auf dem Julierpass ( 2 284 m.ü. M.). Clau Scherrer, Origens langjähriger Kapell-meister, zelebriert die Melancholie des Abschieds in Werken von Rachmaninov mit seinem sakralem Meisterwerk Grosses Abend- und Morgenlob, eingebettet in die warme, hölzerne Akustik des Julierturms, die zu den besten im Alpenraum gehört.

Das Theaterhaus bespielte seit 2017 die Jahreszeiten und den Hochgebirgspass als Ort  der Kultur. Der Rote Theaterturm wird Anfang September 2023 abgebaut.

Quelle und weitere Informationen: Fundaziun Origen

Riom im Winter

 

Orgel im Stadtcasino Basel

Ein Bürger der römischen Stadt Augusta Raurica (heute Augst, Kanton Basel-Landschaft und Kaiseraugst, Kanton Aargau) hätte es im dritten Jahrhundert n. Chr. nicht für möglich gehalten: im Weiler Basilia (heute Kanton Basel-Stadt) wurde eine Orgel gespielt.

Augusta Raurica und Basilia 117 n. Chr. Bild: Museum Augusta Raurica

Augusta Raurica war etwa 10 km von Basilia entfernt und hatte zu jener Zeit 15 000 Einwohner. Basilia war ein keltisches Dorf, ein Oppidum, mit einigen hundert Einwohnern. Erst nach dem Abzug der Römer, den Invasionen der Alemannen und der Ankunft des Bischofs von Augusta Raurica in Basilia im 5. Jahrhundert nahm die Geschichte ihren Lauf, und am 1. Juni 2023 spielte die Orgel in Basel.

Die Orgel ist eine griechische Erfindung und wurde 246 v. Chr. von Ktesibios in Alexandria konstruirt, von wo aus sie ihren Weg nach Griechenland fand. Alexandria im heutigen Ägypten war damals eine griechische Kolonie.

Die Römer eroberten Griechenland 197 v. Chr., aber die griechische Kultur eroberte Rom. Auch die Orgel fand schnell ihren Platz in der römischen Kultur. Die Römer führten jedoch einige Verbesserungen ein.

Bild: Dr. Anne de Pury-Gysel. Stadtcasino Basel am 10. Juni 2023

Villa Nennig (Deutschland). Bild: Dr. Anne de Pury-Gysel. Stadtcasino Basel am 10. Juni 2023

Bild: Dr. Anne de Pury-Gysel. Stadtcasino Basel am 10. Juni 2023

Römische Orgeln tauchen in rund fünfzig Bildern aus dem klassischen Altertum auf. Oft im Kontext des Theaters oder Amphitheaters (insbesondere bei Gladiatorenspielen), manchmal im privaten Rahmen, mit oder ohne andere Instrumente oder Sängerinnen und Sänger.

Das Instrument war ein Luxusgut, das man in den Villen und Palästen der lokalen Elite und bei Aufführungen in Amphitheatern und Theatern hören konnte. Denn diese Gebäude hatten in erster Linie politische und propagandistische Funktionen, und die Musik war auch Teil des Spektakels, des Euergetismus und der Selbstdarstellung der Elite.

Das Problem bei einer zeitgenössischen Darstellung der römischen Orgel ist der Mangel an Partituren, das Fehlen kompletter Orgeln und die Tatsache, dass es keine Aufnahme gibt von dem Klang, den sie erzeugten. Bisher wurden nur drei Teile einer römischen Orgel gefunden. In Avenches (das römische Aventicum, Kanton Waadt), in Budapest (das römische Aquincum) und in Dion in Mazedonien.

Bild: Dr. Anne de Pury-Gysel. Stadtcasino Basel am 10. Juni 2023

Die technischen Details der römischen Orgeln sind in der römischen Literatur beschrieben worden (insbesondere in de architectura von Marcus Vitruvius Pollio (ca. 85-20 v. Chr.). Anhand von archäologischen Funden, Bildern und Vitruvius’ detaillierter Beschreibung konnten die Forscher eine Wasserorgel rekonstruieren.

Die Wasserorgel funktioniert durch eine geniale Kombination aus Luft, Wasser, Registern und Pfeifen. Tatsächlich ersetzt diese Konstruktion das Blasen von Blasinstrumenten. Bei Aufführungen im Stadtcasino mussten zwei Personen auf beiden Seiten einen Hebel betätigen, um die Luftzirkulation aufrechtzuerhalten.

Die römische Wasserorgel

Orgeln mit Blasebalg gab es wahrscheinlich schon in der klassischen Antike. Das mittelalterliche Organetto basierte auf dieser Technik. Seitdem hat sich am Prinzip der Orgeln nicht viel geändert, nur die Anzahl der Register, Tasten und Pfeifen hat enorm zugenommen, wie die moderne Orgel im Stadtcasino Basel zeigt.

Die Klänge einer Replik einer römischen Wasserorgel aus dem 3. C., gespielt durch den Organisten Justus Willberg, in einer gemeinsamen Aufführung mit einem Organetto (Organistin Corina Marti) aus dem Spätmittelalter (1300-1500), einer Metzler-Klahre-Orgel (Organist Thilo Muster) und die Uraufführung der Komposition „Canzona“ des Basler Komponisten Hans-Martin Linde stellten eine Weltpremiere dar.

Zur Aufführung gelangten weiter zeitgenössische Kompositionen und Gesänge (durch die Sopranistin Aline de Pasquier) und eine lateinische Deklamation der Inschrift des Sakrophags für die römische Organistin Aelia Sabina (3. Jahrhundert n. Chr.). Der Organist Justus Willberg interpretierte seine musikalische Darbietung über zwei seltenen originalen Fragmente von Kompositionen aus dem klassischen Altertum.

Justus Willberg und die Wasserorgel, links das Organetto

Justus Willberg und die Inschrift des Sacrophags und die Sopranistin Aline de Pasquier

Corina Marti und das Organetto und die Sopranistin Aline de Pasquier

Organist Thilo Muster und die Metzler-Klahre Orgel

Corina Marti (Oganetto), Aline de Pasquier (Sopranistin), Justus Willberg ( römische Wasserorgel), Thilo Muster (Metzler-Klahre Orgel), die neue Orgel des Stadtcasinos im Hintergrund

Dieses besondere Konzert auf römischen, mittelalterlichen und zeitgenössischen Orgeln mit Kompositionen aus den dazugehörigen Epochen wurde von der Alliance française de Bâle, der Société d’études françaises de Bâle und den Freunden Alter Musik Basel in Zusammenarbeit mit Dr. Anne de Pury-Gysel, der ehemaligen Direktorin des Musée romain d’Avenches und der römischen Ausgrabungsstätte von Aventicum, organisiert.

Das Schlusswort des Events war auch bedeutungsvoll: ohne Kenntnis der Vergangenheit gibt es kein Verständnis für die Gegenwart und keinen Blick in die Zukunft. Ohne die griechischen Erfindungen, die römischen Anpassungen und das Aufkommen des Christentums gäbe es keinen Johann Sebastian Bach und keine Bach-Konzerte auf der Silbermann-Orgel aus dem 18. Jahrhundert im Dom von Arlesheim. Ein weiteres Orgelfestival findet übrigens vom 1. bis 16. September 2023  im Stadtcasino Basel statt.

(Quelle: F. Jacob, M. Leuthard, A.C. Voûte. A. Hochuli-Gysel, Die römische Orgel aus Avenches/Aventicum, Avenches 2000; Von der römischen Wasserorgel bis zur modernen Orgel, Stadtcasino Basel, 10.06.2023).

Korrektorin: Petra Ehrismann

Bild: Dr. Anne de Pury-Gysel. Stadtcasino Basel am 10. Juni 2023

 Zwei Fragmente von Kompositionen aus dem klassischen Altertum. Bilder: Justus Willberg. Stadtcasino Basel op am 10. Juni 2023

Insel Reichenau und Arenenberg

Es ist nicht bekannt, ob Hortense de Beauharnais (1783-1837), Tochter von Joséphine de Beauharnais (1763-1814) und Stieftochter von Napoleon Bonaparte (1769-1821) und ihr Sohn Louis-Charles Bonaparte (1808-1873), der spätere Kaiser Napoleon III. von Frankreich, während ihres Aufenthalts auf dem Arenenberg (1817-1837) in der Gemeinde Salenstein (Kanton Thurgau) oft die Insel Reichenau besuchten, um die Messe in einer der drei romanischen Kirchen zu besuchen. Auf jeden Fall blickten sie täglich auf die Insel.

Der Arenenberg 

Die Insel Reichenau 

Die Klosterinsel Reichenau

Die Klosterinsel Reichenau, seit dem Jahr 2000 Unesco-Welterbe, war vom 8. bis 12. Jahrhundert eines der kulturellen und religiösen Zentren Europas. Der irische Mönch Pirmin gründete das Kloster im Jahr 724 unter der Herrschaft der Merowinger.

Seine grösste Blütezeit, das Goldene Zeitalter, erlebte das Kloster während der Karolingerzeit unter Karl dem Grossen (748-814) und seinem Sohn Ludwig dem Frommen (778-843). Im Karolingerreich (800-843) gab es etwa 800 Benediktinerklöster. 80 dieser Klöster, darunter  Reichenau, unterstanden direkt dem Kaiser.

Das Kloster führte das neue Bildungssystem Karls des Grossen und die neue Schrift (die karolingische Minuskel) ein. Im Kloster wurde unterrichtet, studiert, Musik gespielt und  es entstanden religiöse Wandmalereien und illuminierte Handschriften.

Kurz gesagt, es war ein Zentrum der sogenannten „karolingischen Renaissance“ mit einer grossen Bibliothek, einem Klostergarten und einem Skriptorium. Etliche der im Reichenauer Skriptorium angefertigten Handschriften werden im Stiftsarchiv St. Gallen aufbewahrt. Auch der berühmte Klosterplan von 830 befindet sich dort.

Liber Viventium Fabariensis, um 810-820, Stiftsarchiv St. Gallen

Die Bildung kam der politischen und religiösen Elite (Äbte und Bischöfe) des Reiches zugute. Die wichtigsten Äbte waren Waldo, Strabo und Heito.

Das Kloster Reichenau unterhielt enge Beziehungen zu verschiedenen Bistümern (vor allem Basel, Konstanz und Chur sowie zum Erzbistum Mainz) und unter anderem zu den Abteien in Schaffhausen, St. Gallen, Fulda und Lindau.

Die zweite Blütezeit, das Silberne Zeitalter, fand unter den ersten (sächsischen) Kaisern des Heiligen Römischen Reiches (962-1024) statt. Abt Bern war der bedeutendste Abt in dieser Zeit.  Im Jahr 1803 wurde das Kloster aufgelöst.

Die neue Bibliothek der Abtei in Reichenau-Mittelzell (1616). Sie wurde im 19. und 20. Jahhundert erneut renoviert.

Der Klostergarten

Die ersten Steine der Abtei stammen aus dem 8. Jahrhundert. Danach wurden die Klosterkirche St. Maria und Markus und der Klosterkomplex bis zum 17. Jahrhundert häufig umgebaut, wobei romanische und gotische Elemente erhalten blieben.

Ausserdem gab es auf der kleinen Insel rund 20 weitere Kapellen und Kirchen. Von diesen sind zwei erhalten geblieben. Die Kirche St. Peter und Paul in Reichenau-Niederzell wurde im Jahr 799 geweiht. Ihr Gründer, Bischof Egino von Verona (730-802), ist im Chor begraben. Im Jahr 1134 wurde die Kirche vollständig im romanischen Stil umgebaut. Der Einfluss der lombardischen Kunst ist in Skulpturen, Fresken und anderen Kunstwerken gut zu erkennen.

Die Kirche St. Peter und Paul

Die St. George Kirche

Die St. Georgs-Kirche in Reichenau-Oberzell wurde im späten 9. Jahrhundert von Abt Hato gegründet. Ihre grossflächigen romanischen Fresken stammen aus dem späten 10. Jahrhundert. Sie stellen die Wunder Jesu und seine Macht über die Natur, die Krankheit, das Leben und den Tod dar. Diese Fresken und das Skriptorium weisen denselben Stil auf. Ende des 10. und Anfang des 11. Jahrhunderts erlebten die Wandmalerei und die Buchmalerei auf der Reichenau ihre Hochblüte.

Reliquien

Die drei berühmtesten Reliquien sind die Gebeine des heiligen Markus im Schrein und das heilige Blut Christi im byzantinischen Kreuz in der Klosterkirche Maria und Markus sowie der Schädel des heiligen Georg in der St. Georgskirche.

Die Gebeine des heiligen Markus

Das heilige Blut Christi im byzantinischen Kreuz

Am 25. April findet die Prozession mit den Gebeinen des Evangelisten Markus statt, am Montag nach Pfingsten die jährliche Heilig-Blut-Prozession. Diese Tage sind auf der Insel gesetzliche Feiertage und gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Landwirtschaft und Weinbau

Trotz der Auflösung der Abtei und dem Verschwinden der meisten Kirchen haben diese Jahrhunderte der religiösen Besiedlung die Insel für immer verändert, insbesondere durch die jahrhundertelange Pflege der Landwirtschaft und des Weinbaus. Im Jahr 1492 war die Insel ein wahres Weinbauparadies, das mit etwa 200 Hektar Weinbergen seine grösste Ausdehnung erreichte. Heute sind es nur noch 5-10 Hektar.

Die Abtei und der Weinbau um 1700. Bild. Museum Reichenau-Mittelzell

Nach der Aufhebung der Abtei im Jahr 1803 wurde das Ackerland von Privatpersonen aufgekauft. Heute ist die Insel immer noch landwirtschaftlich orientiert und hat etwa 145 Bauernhöfe, die sich hauptsächlich dem Gemüseanbau widmen. Auf weniger als 200 Hektar werden jährlich bis zu 14 Millionen Gurken, 2 000 Tonnen Tomaten und 5 Millionen Köpfe Blattgemüse geerntet! Das milde Klima und die fruchtbaren Böden sind die Grundlage dafür.

Fazit

Hortense und Ludwig III. waren nicht besonders religiös. Es ist unwahrscheinlich, dass sie sich an diesen alten Traditionen beteiligten. Beide hinterliessen jedoch zahlreiche eigene „Reliquien“ in ihrem Arenenberg.

Diese sind im Gegensatz zu den oben erwähnten Reliquien das ganze Jahr über für die Öffentlichkeit zugänglich.  Von der Klosterinsel Reichenau aus ist der Arenenberg gut zu sehen. Bei der Ankunft der neuen Bewohner des Arenenbergs im Jahr 1817 gab es in der Abtei kein Klosterleben mehr. Das kulturelle und landwirtschaftliche Erbe war aber auch für die Bewohner des Arenenbergs täglich spürbar.

(Quelle: Klosterinsel Reichenau; T. John, Die Klosterinsel Reichenau im Bodensee, Beuron, 2006)

Korrektorin: Eva Maria Fahrni

Burg und Häuser in Reichenau-Mittelzell

Museum Reichenau-Mittelzell

Reichenauer Verbrüderungsbuch, 824.  Museum St. Peter en Paul Museum, Reichenau-Niederzell

Gesellschaft für Kunstgeschichte

Am 3. Juni fand die 143. Jahresversammlung der Schweizerischen Gesellschaft für Kunstgeschichte (GSK) in der ehemaligen Abtei St. Gallen statt.

Aufgrund der beeindruckenden Erfolgsgeschichte dieser fast 150 Jahre alten Organisation wird im Folgenden ein kurzer Überblick über ihre wichtigsten Aktivitäten und Publikationen gegeben, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf ihrer digitalen Veröffentlichungen liegt.

Die GSK trägt ihren Namen seit 1934 und ist aus der 1880 gegründeten Vaterländischen Gesellschaft für Erhaltung historischer Denkmäler hervorgegangen. Die GSK ist eine Non-Profit-Organisation. Ihre wichtigsten Ziele bestehen in der Dokumentation, Erforschung und Vermittlung des baugeschichtlichen Kulturerbes der Schweiz.

 Publikationen

1920 begann die wissenschaftliche Inventarisation der Kunstdenkmäler der Schweiz (KdS). Der erste Band erschien 1927. Bis Ende 2022 wurden 145 Bände dieser Reihe publiziert. Die Reihe behandelt Schweizer Baudenkmäler und deren Ausstattung von der Spätantike bis heute. Zwischen 1982 und 2004 wurden sie durch das elfbändige Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850-1920 (INSA) ergänzt.

Weitere Publikationen sind die Schweizerischen Kunstführer (SKF), eine Reihe, die 1935 ins Leben gerufen worden war, sowie regionale und kantonale Führer und Einzelbände zu spezifischen kunstgeschichtlichen und architektonischen Themen.

Die GSK publiziert zudem vierteljährlich die Zeitschrift Kunst+Architektur in der Schweiz.

Neue Medien Schon seit 2010 setzt die GSK verstärkt auf neue Medien

KdS-online 

KdS-online steht für die Digitalisierung aller erschienenen (und zum Teil vergriffenen) Bände aus der Buchreihe Die Kunstdenkmäler der Schweiz. Es kombiniert eine virtuelle Bibliothek, eine georeferenzierte Datenbank aller Gebäude sowie eine benutzerdefinierte Suchmaschine auf Basis eines Algorithmus der Künstlichen Intelligenz. Mit KdS-online macht die GSK alle Inhalte in einer digitalen Datenbank kostenlos zugänglich.

360° Swiss Heritage

Das Projekt 360° Swiss Heritage lädt frei zugänglich zum virtuellen  3D-Besuch von Schweizer Schlössern ein.

Swiss Art in Sounds 

Seit 2022 ergänzt die GSK Swiss Art in Sounds die Kunstführer mit Audiobeiträgen. Diese Inhalte entsprechen speziell angepassten Texten zu attraktiven Elementen des behandelten Gebäudes. Sie sind verfügbar auf Englisch, Französisch, Deutsch und Italienisch. Swiss Arts in Sounds sind über eine Gratis App zugänglich. Das Projekt ist auch für Sehbehinderte in Form von Hörbüchern entwickelt worden.

Swiss Art To Go 

Die App Swiss Art To Go ist ein persönlicher Begleiter auf Entdeckungsreisen durch die Schweizer Architektur und beinhaltet Informationen zu mehr als 43000 Bauten und Objekten. Alle Informationen wurden von Kunsthistorikern und Kunsthistorikerinnen zusammengetragen und geprüft. Swiss Art To Go ist mehr als nur ein Begleiter, er ist auch ein Audioguide, der Besichtigungstouren vorschlägt. Er weiss, wo man sich gerade befindet – und kann ganz individuellen Architekturinteressen nachgehen.

EuropeArt To Go 

EuropeArt To Go ist eine kostenlose App für Entdeckungen im Dreiländereck in der Oberrheinregion (Nordwest-Schweiz, Baden und Elsass) mit Informationen zu allen wichtigen Gebäuden, vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Sie kann auf jedem Handy oder Tablet installiert werden. Die App wurde Entwickelt von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte in Zusammenarbeit mit der Dehio-Vereinigung aus Deutschland, der Universität Strassburg ARCHE (F), dem Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg sowie der Landesdenkmalpflege Rheinland-Pfalz

Péristyle 

Die multifunktionale Plattform Péristyle ist eine virtuelle Bibliothek und ein Bearbeitungs-Tool.

 Sciences-arts.ch 

 Das interdisziplinäre Fachportal sciences-arts.ch bietet einen umfassenden Einblick in die Kunstwissenschaften in der Schweiz. Von Veranstaltungen über Wissenschafts- und Kulturpolitik bis zu konkreten Informationen zu Bildung und Beruf: das Fachportal fasst die Tätigkeiten der Kunstwissenschaften zusammen. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt von acht Mitgliedgesellschaften der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften. Jede Gesellschaft wird auf der Website mit einem Kurzporträt vorgestellt. Die News, Veranstaltungen und Publikationen lassen sich nach den Gesellschaften sortieren. Die Online-Präsenz wird von acht Organisationen gemeinsam betrieben. Für den Aufbau sowie für die Contentpflege zeichnet die GSK verantwortlich.

(Quelle und weitere Informationen: Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte)

Korrektorin: Petra Ehrismann

Der Pfalzkeller. Foto: GSK

Der Pfalzkeller. Fotos: TES

Tausend Jahre Kloster Werd

Wer an Klöster denkt, hat meist einen grossen Komplex mit verschiedenen Gebäuden, einer grossen Klosterkirche, einem Kräutergarten, Weinbergen und anderen landwirtschaftlichen Flächen vor Augen. Das berühmteste Beispiel auf Papier ist der Entwurf eines Klosters, der in der Bibliothek des Klosters St. Gallen aufbewahrt wird.

Diese Zeichnung aus der Zeit um 830 stammt von einem Kloster auf der Insel Reichenau. Nach ähnlichen Entwürfen wurden ab dem 7. und 8. Jahrhundert viele Klöster errichtet.  Es handelte sich fast immer um grosse Anlagen.

Mehrere grosse Klöster aus dieser Zeit (z.B. Disentis, Einsiedeln, St. Johann, St. Maurice) sind heute noch in Betrieb. Viele andere Klöster (z.B. Ittingen, Dornach, Bellelay, St. Urban) wurden im Laufe der Zeit aufgelöst und die Gebäude werden heute anders genutzt. Andere wurden abgerissen und sind in Vergessenheit geraten, wie zum Beispiel in Moutier-Grandval.

Die Grösse eines Klosters sagt nichts über seine Lebenszeit aus. Ein Beispiel ist das Kloster St. Otmar auf der kleinen Insel Werd im Untersee (Kanton Thurgau) bei Stein am Rhein (Kanton Schaffhausen).

Die Insel Werd und zwei unbewohnte Eilande im Jahr 2008. Bild: Thurgau Bodensee

Der Name leitet sich vom alemannischen Wort „Ward“ ab, was Insel bedeutet. Die Insel ist seit Tausenden von Jahren besiedelt.

Der Untersee, der Rhein vom Bodensee

Die ältesten Funde stammen aus dem Jahr 7000 v. Chr. In römischer Zeit (15. v. Chr. bis 410 n. Chr.) war Werd Teil des Vicus Tasgetium (Eschenz). Die Römer bauten die erste (Holz-)Brücke zur Insel. Eine kleine Ausstellung mit Dokumentationen und archäologischen Funden ist im Priesterhaus des Klosters eingerichtet.

Die Geschichte des Klosters beginnt mit dem irischen „Wandermönch“ Gallus (um 550 bis 620). Irland und England sind nicht nur Länder, in denen viele schöne mittelalterliche Handschriften entstanden sind (zum Teil inspiriert von Motiven der normannischen Kultur), sondern sie haben auch diverse Klostergründungen auf dem europäischen Festland initiiert.

Im Elsass, in Baden-Württemberg und in der Schweiz ist Gallus der meistverehrte Heilige. Die Abtei St. Gallen wurde auf seinem Grab gegründet und er ist auch der Namensgeber der Stadt und des Kantons St. Gallen.

Der Gründer und erste Abt der Abtei St. Gallen war Otmar (689-759). Otmar stammte aus einer alemannischen Familie. Bis 746 waren das heutige Baden-Württemberg und die Bodenseeregion ein alemannisches Herzogtum. Die Franken eroberten und beherrschten das Gebiet ab dem Jahr 746.

Der alemannische Otmar wurde durch einen fränkischen Abt ersetzt. Der fränkische Bischof von Konstanz verurteilte Otmar zum Hungertod. Diese Strafe wurde in eine Verbannung auf die Insel Werd umgewandelt, wo er 759 starb. Er wurde auf der Insel begraben. Zehn Jahre später wurde er rehabilitiert und in der Abtei von St. Gallen beigesetzt. Im Jahr 864 wurde er heiliggesprochen.

Von da an wurde das leere Grab auf Werd zu einem Wallfahrtsort und eine erste Kapelle wurde darauf errichtet. Im Jahr 959 schenkte Kaiser Otto I. (Otto der Große, 912-973) die Insel dem Benediktinerkloster Einsiedeln (Kanton Schwyz). 1957 übertrug der Benediktinerorden das Kloster an den Franziskanerorden.

Das leere Grab in der Klosterkapelle Werd

Die Krypta mit der Reliquie des heiligen Otmar in der ehemaligen Abtei von St. Gallen

Heute beherbergt das Kloster mit seinen schönen romanischen Fresken aus dem 14. Jahrhundert noch immer vier Mönche – ein ununterbrochenes klösterliches Leben von mehr als 1.000 Jahren! Jeden Mittwoch gedenken die Mönche in einem Wallfahrtsgottesdienst des Heiligen Otmar.

Bild: Thurgau Bodensee

Die Brücke nach Werd bei regnerischem Wetter.

St. Otmar, Klosterhof der Abtei St. Gallen. Denkmal zur Erinnerung an die Gründung der Abtei.

Die Holzbrücke wurde ebenfalls restauriert und verbindet die Insel mit dem Festland, als wären selbst die Römer nach 2.000 Jahren noch immer da! Ob man sich auf der kleinen Insel verlaufen kann? Vielleicht im 444 Meter langen Labyrinth, das eine Kopie des berühmten mittelalterlichen Labyrinths der Kathedrale von Chartres ist.

(Quelle und weitere Informationen: Kloster Werd; www.franciscan.ch; Thurgau Bodensee).

Regio Basiliensis 60 Jahre Erfolg

Der Verein Regio Basiliensis feiert am 19. Juni 2023 ihre 60. Generalversammlung. Der Verein wurde 1963 in Basel von Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft gegründet. Ziel war die Planung und Förderung der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklung der Region und der Abbau der Grenzhemmnisse.

Der Verein gibt von schweizerischer Seite Impulse für die Entwicklung des oberrheinischen Raumes zu einer zusammengehörigen europäischen Grenzregion und wirkt bei deren Realisierung mit.

Seit ihrer Gründung hat sie die regionale Kooperation am Oberrhein entscheidend mitgeprägt und zu den meisten trinationalen Errungenschaften am Oberrhein einen wesentlichen Beitrag geleistet.

Die Regio Basiliensis ist auch ein Kompetenzzentrum erster Wahl zur Förderung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit am Oberrhein. Sie steht dabei im Dienste der Politik, Behörden, Wirtschaft, Wissenschaft, Organisationen und Bevölkerung.

(Quelle und weitere Informationen: Regio Basiliensis)

Landesmuseum Zürich 125 Jahre

Das Landesmuseum Zürich feiert 2023 sein 125-jähriges Bestehen. Das Jubiläum bietet Anlass, auf die ereignisreiche Vergangenheit des Museums zurückzublicken und gleichzeitig einen Blick in die Zukunft zu werfen. Höhepunkt der Feierlichkeiten ist das Jubiläumswochenende am 10. und 11. Juni mit einem Spezialprogramm für die Bevölkerung.

Dieses Jubiläumswochenende bietet ein vielfältiges Programm mit Ausstellungen, Workshops und speziellen Führungen. In den Ausstellungen gibt es kurze «Zeitreisen» in die Vergangenheit.

Ein Blick in die Zukunft wirft die exklusiv am Jubiläumswochenende zu sehende Intervention «1898–2023–2148», an der vier Schulklassen aus den vier Sprachregionen Objekte aus ihrem Alltag präsentieren, die man in 125 Jahren im Museum sehen könnte.

Der Samstagabend klingt mit einem Konzert des Schweizer Musikers Marius Bear im Museumshof sinnlich aus. Den Sonntag widmet das Landesmuseum den Familien.

(Quelle und weitere Informationen: Landesmuseum Zürich)