1848 in Baden, im Deutschen Bund, in der Schweiz und Frankreich

In der Nähe des Dorfes Eigenbrakel in der Provinz Wallonisch-Brabant (Brabant wallon, Belgien) steht der Löwe von Waterloo. Das Denkmal wurde von König Wilhelm I. (1772-1843) des Vereinigten Königreichs der Niederlande in Auftrag gegeben. Belgien gehörte bis 1831 zu diesem Königreich. Das Denkmal erinnert an die letzte Schlacht (18. Juni 1815) der Alliierten gegen Napoleon.

Image: Wikipedia

Nach dem Wiener Kongress (1814-1815) schienen der Frieden und das Ancien Régime wiederhergestellt zu sein. Die Heilige Allianz zwischen Österreich, Russland und Preussen (geschlossen am 26. September 1815) sorgte für Ordnung und erstickte revolutionäre und demokratische Bewegungen im Keim.

Der österreichische Aussenminister Klemens von Metternich (1779-1859) war bis 1848 die treibende Kraft hinter diesem Bündnis. Von Metternich spielte auch eine Rolle im Deutschen Bund und bei der Zensur und politischen Unterdrückung in den deutschen Staaten.

Er war auch ein Befürworter einer militärischen Intervention in der seiner Meinung nach zu demokratischen und liberalen Schweizerischen Eidgenossenschaft. Nicht nur flüchteten Tausende von politischen Gegnern aus den europäischen Monarchien in die Schweiz, er misstraute auch den liberalen Bewegungen und der Demokratie in mehreren Kantonen.

Insbesondere das Veto Englands und die Revolutionen im eigenen Land verhinderten ein Eingreifen im Sonderbundskrieg von 1847 und in der „Neuenburger Krise“ von 1848.

Der Friede kehrte jedoch nicht zurück, weder in der Schweiz noch im Deutschen Bund (einem Bund von 34 souveränen Königreichen, Fürstentümern und Herzogtümern sowie 4 freien Städten, der am 8. Juni 1815 vom Wiener Kongress gegründet wurde) und auch nicht in Frankreich (und zahlreichen anderen Ländern).

Das Revolutionsjahr 1848

Das Dreiländermuseum in Lörrach (Baden-Württemberg) widmet dieser Zeit eine Ausstellung („Der Ruf nach Freiheit-Revolution 1848/49 und heute“). Die Ausstellung konzentriert sich auf die Entwicklungen in der Schweiz, in Frankreich und in Deutschland mit dem Revolutionsjahr 1848 als Leitfaden und dem Grossherzogtum Baden, dem Königreich Preussen und dem Deutschen Bund als Hauptakteure.

Sammlung: Dreiländermuseum in Lörrach

Der Dreiländerpunkt und das Museum sind ein geeigneter Ort, um diese Ereignisse in einer vergleichenden Perspektive zu beleuchten. Diese Region war ein Laboratorium für politische Experimente. Die Industrialisierung, mit Mulhouse und Basel als wichtigen Industriestädten, hatte bereits Bürger- und Arbeiterbewegungen hervorgebracht, die den Ruf nach politischen und sozialen Reformen begründeten.

Die Perspektive konzentriert sich auf die angestrebten verfassungsrechtlichen und demokratischen Veränderungen vor dem Hintergrund der Industrialisierung und des Hungers und der Armut in den  Industriestädten.

Karte des Deutschen Bundes (1815-1866)

1830

Das Bürgertum in den Staaten des Deutschen Bundes beanspruchte nach 1830 seinen Platz im politischen System. Diese Anpassungen gingen auf Kosten der Macht der (lokalen) Könige, Fürsten und Herzöge in den 34 deutschen Staaten. Während 1830 die nationale Einheit und soziale Fragen noch eine untergeordnete Rolle spielten, waren diese 1848 auch Hauptthemen der Reformer.

Im zentralistischen Frankreich waren die Forderungen dieselben, nur dass Paris das Zentrum war und die Einheit bereits Realität war. Der Aufstand der Bourgeoisie führte im Juli 1830 zur Absetzung von König Karl X. (1757-1836). Louis Philippe (1773-1850) wurde neuer König, um 1848 selbst abgesetzt zu werden. Während es sich 1830 noch hauptsächlich um eine bürgerliche Revolte handelte, war es 1848 eine Revolution der Arbeiter und des Bürgertums.

In der Schweiz sind die „Regeneration„, die Verfassungsänderungen in 11 liberalen Kantonen und die Spaltung des Kantons Basel 1830-1833 wichtige Schwerpunkte. Die Situation in der Schweiz war von Kanton zu Kanton unterschiedlich. Die Macht des (wiederhergestellten) Ancien Régime in den (alten) Kantonen, die Modernisierung und die Macht auf föderaler Ebene waren die wichtigsten Diskussionspunkte.

Die Eidgenossenschaft hatte jahrhundertelang als lockerer Zusammenschluss souveräner Kantone existiert. Die Eidgenossenschaft stand nicht zur Diskussion, wohl aber die Kompetenzen des Bundes.

Links: Die Situation in Frankreich, das Palais Bourbon (Sitz des Parlaments 1848), Mitte: Die Situation in der Deutschen Eidgenossenschaft und die Pauluskirche in Frankfurt.

Das Parlament in Frankfurt

Das Parlament des Deutschen Bundes trat am 18. Mai 1848 in der Frankfurter Pauluskirche zum ersten Mal zusammen. Die Fürsten der 34 deutschen Staaten erkannten dieses Parlament zunächst aus Furcht vor einer Revolution an. Das Parlament setzte sich grösstenteils aus gemässigten Liberalen und Konservativen aus den 38 Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes zusammen. Sie suchten den Dialog und den Kompromiss mit den Fürsten. Ihr Ziel war die Einigung der Staaten des Deutschen Bundes und eine konstitutionelle Monarchie mit dem preussischen König als Kaiser.

Republikanische Fahne von 1848 

Im Dezember 1848 garantierte das Parlament die Grundrechte der Bürger, und im Mai 1849 wurde die erste Verfassung des vereinigten Deutschlands mit Grundrechten für die Bürger und dem allgemeinen Männerwahlrecht Wirklichkeit. Das Frankfurter Experiment endete im Mai 1849 mit einer militärischen Intervention, Strassenkämpfen, Todesurteilen und der Wiederherstellung des Ancien Régime. Truppen der Staaten des Deutschen Bundes unter Führung des Königs von Preussen griffen militärisch ein und lösten das Parlament auf.

Die Badische Verfassung von 1818

Baden und der Deutsche Bund

Das Grossherzogtum Baden war bereits 1818 ein liberaler Vorreiter, nicht nur im Deutschen Bund, sondern auch gegenüber den anderen Ländern. Baden trug daher den Namen „Liberales Musterland“ und spielte auch 1848 eine Vorreiterrolle.

Die Nähe zu Frankreich und damit die Französische Revolution von 1789 sowie die Kontakte zur Schweizerischen Eidgenossenschaft spielten eine Rolle. Auch im relativ liberalen Baden organisierten die Bürger am 27. Mai 1832 (Hambacher Fest) und am 11. Juni 1832 (Badenweiler Fest) Kundgebungen für mehr Freiheit und Demokratie. Die deutsche Einheit spielte zu dieser Zeit noch eine untergeordnete Rolle. Der Liberale Karl von Rotteck (1775-1840) formulierte es am 11. Juni 1832 so: „Lieber Freiheit ohne Einheit, als Einheit ohne Freiheit“.

Bernhard von Neher (1806-1886), um 1848. Friedrich Hecker und Gustav Struve (wahrscheinlich). Museum der Stadt Schopfheim

Nach vorangegangenen militärischen Niederlagen riefen Aufständische unter Führung von Friedrich Hecker (1811-1881) am 26. April 1848 auf der damaligen Schusterinsel die deutsche Republik aus. Diese ehemalige Insel lag im Rhein zwischen Baden, der Schweiz und Frankreich. Die militärische Niederlage am 27. April gegen Truppen anderer deutscher Staaten unter Führung des Königs von Preußen beendete diese Republik jedoch schnell.

 Hieronymus Hess (1799-1850), Ausrufung der Deutschen Republik auf der Schusterinsel (heute verschwunden) bei Weil am Rhein am 26. April 1848.

Das Parlament des Deutschen Bundes tagte bereits seit Mai 1848, wollte aber keine Republik. Die badischen Revolutionäre wollten jedoch eine deutsche Republik, und Gustav Struve (1805-1870) rief sie am 21. September 1848 in Lörrach mit der Parole „Wohlstand, Bildung, Freiheit für Alle“ aus.

Ludwig von Elliot in der Illustrierten Leipziger Zeitung, Einzug von Gustav Struve am 21. September 1848 in Lörrach

Altes Rathaus Lörrach

Sammlung: Dreiländermuseum Lörrach

Diesmal war der Aufstand militärisch und politisch besser vorbereitet. Ausserdem unterstützte ein grosser Teil der badischen Bürger und Arbeiter diese Bewegung. Doch auch dieser Aufstand war zum Scheitern verurteilt und endete am 24. September 1848 mit einer Niederlage. Unter anderem dank des Eisenbahntransports konnten Truppen des Deutschen Bundes schnell nach Baden verlegt werden, um den Aufstand niederzuschlagen.

Der letzte bewaffnete Aufstand fand im Jahr 1849 statt. Unmittelbarer Anlass war der militärische Widerstand der deutschen Fürsten gegen das Parlament in Frankfurt. Die badischen Bürger und Militärs akzeptierten diese Einmischung unter der Führung des Königs von Preussen nicht. Auch dieser Aufstand wurde im Juli niedergeschlagen. Der Grossherzog kehrte daraufhin nach einem kurzen Exil zurück. Die Schweiz wurde zum Exilort für viele liberale Politiker und Revolutionäre aus Baden und anderen deutschen Staaten.

Epilog

Was die Schweiz von Frankreich und Deutschland unterscheidet, sind die Folgen dieser Bürgerkriege. In der Schweiz gab es keine Todesurteile oder Verfolgung von Sonderbundmitgliedern, sondern Dialog, Versöhnung, Kompromiss und Pragmatismus. Es geschah nicht von ganzem Herzen, vor allem in den Kantonen des Sonderbundes, aber die Verfassung von 1848 war die Grundlage für die weitere Demokratisierung in den Jahren 1874 und 1891 bis zum heutigen Tag.

In Frankreich und Deutschland war dafür kein Platz, dafür gab es Verfolgung von politischen Gegnern, die Einführung autoritärer Systeme und Zensur.

Liestal, Denkmal für Georg Herwegh (1817-1875)

Liestal, der Hauptort des 1833 als Abspaltung vom Kanton Basel-Stadt entstandenen Kantons Basel-Landschaft, ist laut dessen letztem Willen („in freier Schweizer Erde“) die Ruhestätte von Georg Herwegh (1817-1875). Er war einer der Rädelsführer des bewaffneten Aufstandes in Baden. Liestal war die Wiege des bewaffneten Aufstandes gegen das Ancien Régime in Basel-Stadt im Jahr 1831.

Die Ausstellung blickt nicht nur zurück, sondern auch in die Gegenwart und in die Zukunft. Im Zentrum stehen aktuelle Themen und Selbstreflexion, wobei ein besonderes Augenmerk auf die Jugend und ihre Wahrnehmung von Demokratie und Freiheit gelegt wird.

 

Impressionen von der Ausstellung

Schlussfolgerung

Die Zeit von 1847 bis 1849 ist für die aktuelle Verfassungsgestaltung in diesen Nachbarländern immer noch von grosser Bedeutung. In der Schweiz gibt es eine grosse Kontinuität von 1848 bis heute. In Frankreich und Deutschland gibt es keine. Die Grundlagen der heutigen Verfassungen waren jedoch bereits 1848 vorhanden.

Das damalige Grossherzogtum Baden hatte sogar schon 1818 eine relativ liberale Verfassung, gefolgt von der liberalen Verfassung des Deutschen Bundes im Jahr 1849. Bürger- und später vor allem Arbeiterbewegungen drängten schon damals auf Demokratisierung, Freiheiten und Grundrechte.

Baden war zwar radikaler als andere deutsche Staaten in den Jahren 1848 und 1849, symbolisierte aber das Engagement der meisten deutschen Staaten zu dieser Zeit. Die deutsche Verfassung hat nach mehreren Tiefpunkten im 20. Jahrhundert nach 1945 und  mit der deutschen Wiedervereinigung 1990 ein solides Fundament erhalten.

Frankreich hat seit 1815 fünf Republiken und noch mehr Verfassungen erlebt, und es ist fraglich, ob es die Ziellinie schon erreicht hat. Aber auch hier sind Demokratie, Grundrechte und Freiheit heute fest in der Verfassung verankert.

Die Unterschiedlichkeit der politischen Kulturen und der Verfassungsgeschichte dieser drei Länder fällt am meisten auf, obwohl die Forderungen nach mehr Freiheit, Demokratisierung und Grundrechten die gleichen waren.

Man kann sich daher fragen, wie eine wirksame Verfassung auf europäischer Ebene gestaltet werden kann, wenn drei Nachbarländer mit Deutsch und Französisch als Hauptsprachen bereits so unterschiedliche politische Kulturen und Bezugspunkte haben.

(Quelle und weitere Informationen: Dreiländermuseum in Lörrach)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Wildenstein und seine Eichen

Das ehemalige Fürstentum Basel existiert seit über zwei Jahrhunderten nicht mehr. Doch die über 500 Jahre alten Eichen und das Schloss Wildenstein erlebten noch ihre Blütezeit.

Der grösste Teil des Landes des heutigen Kantons Basel-Landschaft war im Besitz des Fürstbistums Basel. Das galt auch für das Dorf Bubendorf und seine Umgebung (Kanton Basel-Landschaft). In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gab der Bischof ein Stück Land an die Herren von Eptingen zu Lehen.

Basel, Rittergasse, der Eptingerhof

Basel, Rittergasse, der Eptingerhof

Sie kultivierten das Gebiet für Ackerbau und Viehzucht und bauten das Schloss Wildenstein. Seither nannten sie sich Eptinger von Wildenstein. Bis 1792 folgten mehrere neue Besitzer, darunter die Familie Planta und von 1792 bis 1994 die Familie Vischer-Merian. Ab 1995 ist der Kanton der neue Besitzer.

Die Anlage mit ihrem mittelalterlichen Wehrturm, den Malereien und der Innenausstattung aus dem 17. Jahrhundert, den (englischen und französischen) Gärten und dem Schlossweiler aus dem 18. Jahrhundert und der (Ritter-)Romantik aus dem 19. Jahrhundert sind noch weitgehend intakt. Die Landschaft ist auch noch mittelalterlich geprägt und erhalten.

Der Eichenwald, dessen Bäume manchmal mehr als fünf Jahrhunderte alt sind, trägt den Namen Eichenwitwald. Witwald ist die alte deutsche Bezeichnung für Weidewald. Jahrhundertelang ernährten sich die Schweine von den Eicheln und Nüssen der Buchen und die Rinder vom zarten Gras der Wiese.

Die Besitzer von Wildenstein schätzten das zarte Wildschwein und das Rindfleisch. Die Eichen und Buchen verdanken dem ihr Überleben. Denn Eichen- und Buchenholz war auch ein wertvolles Material für die Herstellung von Möbeln, den Bau von Häusern und andere Objekte.

Die Landwirtschaft lieferte den Ertrag an Gemüse, Obst und Getreide. Auch die Brunnen, (Kräuter-)Gärten und Höfe des Schlosses verströmen noch die Atmosphäre vergangener Jahrhunderte.

Seit 1995 unterhält der Kanton als Eigentümer das Naturschutzgebiet. Neue Eichen stehen neben der (verfallenen) Pracht der jahrhundertealten (abgestorbenen) Eichen. Eine mittelalterliche Kulturlandschaft mit einem Schloss als Herzstück, keine 20 Kilometer von der ehemaligen Bischofsresidenz entfernt.

((Quelle und weitere Informationen: Schloss Wildenstein)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Wildegg, Habsburg und Effinger

Das Schloss Wildegg wurde im 13. Jahrhundert von den Habsburgern gegründet. 

Sie legten in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Grundsteine von Wildegg auf den Ausläufern des Chestenbergs bei Holderbank und Möriken  (heute Kanton Aargau).

 

Die Burg wurde von ihren Verwaltern bewohnt, zuletzt von den Herren von Hallwyl.

1415 eroberten Bern und andere Mitglieder der Eidgenossenschaft den Aargau. Obwohl die Verteidiger (die Hallwyler) auf Schloss Wildegg erfolgreich Widerstand leisteten, gelangte das Schloss in den Berner Besitz.

Der Aristokrat Kaspar Effinger (1442-1513) aus Brugg

kaufte 1483 das Schloss. Er hatte unter der Berner Flagge schon gegen die Burgunder (1474-1477) gekämpft und pflegte gute Beziehungen zu Bern. Die Familie Effinger lebte bis 1912 auf Wildegg.

Die Schlossbewohner hatten mehrere Wirtschaftsbetriebe: Weinschenken, Bauernhöfe, eine Ziegelei sowie Müller- und Meiereien. Bernhard Effinger (1658-1725) liess um 1700 das mittelalterliche Schloss in ein barockes Lustschloss umbauen und versah dieses mit einer Gartenanlage.

 

Nach 1798 änderte sich auch für die Bewohner der Wildegg das Leben. Im neuen Kanton Aargau (1803) gab es keinen Platz für Adelsprivilegien. Obwohl die Familie Effinger einen grossen Teil ihres Besitzes behalten durfte, verlor sie die meisten ihrer Privilegien.

 

Die letzte Bewohnerin aus der Familie Effinger war schliesslich Adelheid Pauline Juliette von Effinger (1837-1912). Sie vermachte Schloss und Domäne nach ihrem Tod 1912 der Eidgenossenschaft. Das Zürcher Landesmuseum eröffnete das Schlossmuseum. Seit 2011 sind Schloss und Domäne wieder in kantonalem Besitz und Teil des Museums Aargau.

Die reformierte Kirche und ihr Friedhof in Holderbank sind die letzte Ruhestätte der Familie seit 1483. Holderbank hat auch eine habsburgische Geschichte. König Rudolf I. von Habsburg (1228-1291) erwarb das Dorf Holderbank kurz vor seinem Tod durch Kauf. 

 

Die Familie Effinger machte die Kirche zu ihrer Familienkirche. Im Jahr 1528 wurde die Kirche reformiert. Der bereits erwähnte Bernhard Effinger baute sie 1701  im spätbarocken Stil um.

(Quelle und weitere Informationen: Museum Aargau; U. Frick, Die reformierte Kirche Holderbank. Hofkirche der Effinger, Holderbank-Möriken-Wildegg, 2018)

Korrektorin: Petra Ehrismann

Aarburg und seine Burg

Aare und Burg machen Aarburg. Die Aare war seit der Römerzeit eine wichtige Verteidigungslinie. Aarburg wurde jedoch nicht von den Römern gegründet, sondern tausend Jahre später von den Grafen von Froburg, einer lokalen Dynastie.

Im dreizehnten Jahrhundert übernahmen die Habsburger die Kontrolle. Die Eröffnung des Gotthardpasses (1230) und ihre Ambitionen in der Region (und weit darüber hinaus) machten Aarburg und seine Burg zu einem interessanten Standort.

Die Eidgenossen besetzten 1415 den Aargau und Aarburg. Die Invasion der französischen Truppen beendete (1798) diese Herrschaft und 1803 wurde der Aargau ein unabhängiger Kanton. Der Kanton verwaltet heute die Burg.

(Quelle: www.aarburg.ch).

Korrektorin: Melinda Fechner

Die Triennale Roots

Die erste Papierkunstausstellung in Greyerz wurde am 25. September 1993 eröffnet. Dreissig Jahre später präsentiert das Musée de Charmey (Kanton Freiburg) die Triennale unter dem Motto ‚Roots‘.

Rund 520 Künstlerinnen und Künstler aus 40 Ländern zeigten in den letzten drei Jahrzehnten ihre Werke. ‚Roots‘ ist ein umfassendes Konzept, das 59 ausstellende Künstler mit Verve und Wagemut sowohl in der Interpretation des Themas als auch in der Umsetzung erkunden.

Papier wird geschnitten, geklebt, recycelt, gefaltet, zerknüllt, zusammengesetzt, verarbeitet, zerkleinert und gewebt. Die Werke sind eine Entdeckungsreise durch verschiedene Welten – von der Botanik bis zur Blindenschrift, über die Genealogie, lange und kurze Geschichten und sogar die Quadratwurzel.

(Quelle und weitere Informationen: le musée de Charmey)

Wil, die Abt St. Gallen und die Eidgenossenschaft

Das Kloster St. Gallen erhielt in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts Güter und Rechte in Wil geschenkt. Um 1200 gründeten die Freiherren von Toggenburg die Stadt Wil. Der Graf von Toggenburg schenkte 1226 die Stadt Wil dem Abt des Klosters St. Gallen. Die Stadt blieb bis 1798 im Besitz der Fürstabtei St. Gallen.

Der Fürstabt der Fürstabtei St. Gallen

Der mächtige Fürstabt der Fürstabtei St. Gallen war bis 1798 eine der wichtigsten politischen, militärischen und wirtschaftlichen Persönlichkeiten der Ostschweiz. Trotz der Reformation von 1525 und der strikten Trennung (auch durch eine Mauer) der protestantischen Stadt St. Gallen hatte der Abt eine hohe Stellung in der Hierarchie des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Als Fürst hatte er eine wichtige Stimme im Reichsrat und im Reichsfürstenrat, direkt unter dem Kaiser.

Der Palast des Abts

Wil und die Eidgenossenschaft

Der Abt residierte nicht nur in St. Gallen, sondern auch oft in Wil. Die Stadt trägt deshalb nicht umsonst den Namen „Abtstadt“.

Mit dem Ausbau von Wil als Stützpunkt fürstäbtlicher Herrschaft gerieten die Fürstäbte in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Konflikt mit König Rudolf von Habsburg (1228–1291). Die Streitigkeiten der beiden Herrscher endeten mit der Zerstörung Wils 1292. Nach dem Friedensschluss von 1301 wurde die Stadt  der Fürstabtei St. Gallen zurückerstattet und neu aufgebaut.

Die Fürstäbte von St. Gallen weilten oft in ihrer Nebenresidenz im Hof Wil. 1379 trat Wil trotzdem dem Schwäbischen Städtebund bei und gehörte 1388-1405 auch jenem der Bodenseestädte an. 1425 schloss sie ein Schutzbündnis mit dem Grafen von Toggenburg, das zehn Jahre später erneuert wurde. So kompliziert war die politische Lage damals.

Darüber hinaus war Wil jahrhundertelang Mittelpunkt von Schweizer Streitigkeiten und (religiösen) Bürgerkriegen, zuletzt 1712 (zweiter Villmergerkrieg).

Im Alten Zürichkrieg (1440–1450) beteiligte sich Wil auf eidgenössischer Seite an Kriegszügen gegen Zürich. Als der Fürstabt von St. Gallen 1451 mit den vier Orten Schwyz, Luzern, Glarus und Zürich das ewige Burg- und Landrecht abschloss, wurde auch die Stadt Wil verpflichtet, im Konfliktfall ihren Anteil am fürstäbtlichen Heer zu stellen.

Die vier Orte waren ab 1479 mit einem Landes- bzw. Schirmhauptmann mit Sitz in Wil vertreten. 1463 übertrug Kaiser Friedrich III. (1415-1493) die Hochgerichtsbarkeit über Wil der Fürstabtei St. Gallen. Dadurch war die Stadt faktisch unabhängig vom Heiligen Römischen Reich (Reichsunmittelbarkeit).

Das Baronenhaus

Die (religiösen) Toggenburger Wirren (1701-1712) rückten im Zweiten Villmergerkrieg Wil erneut in den Vordergrund: 1712 wurde die Stadt zur Kapitulation gezwungen.

Zürcher und Berner hielten sie bis zum Frieden von Baden im Juni 1718 besetzt. Dem 1717 im Exil lebenden Fürstabt Joseph von Rudolphi (1666-1740), der den Frieden erfolgreich verhandelt hatte, leisteten die Stadtbürger 1718 erstmals den Huldigungseid.

Nach dem Ende des fürstäbtlichen Territorialstaats St. Gallen 1798 bildete Wil in der Helvetischen Republik (1798–1803) eine Gemeinde des Kantons Säntis. 1803 kam die Stadt zum neu gegründeten Kanton St. Gallen.

Schlussfolgerung

 Wil kennt teilweise eine typisch schweizerische, teilweise die übliche mitteleuropäische Geschichte. Wil zeigt auch die Bedeutung der mittelalterlichen Verträge zwischen den Städten in dieser Region. Sie war Mitglied des Schwäbischen Städtebundes und des Bundes der Bodenseestädte. Die Eidgenossenschaft vom 13. bis zum 16. Jahrhundert war keine Ausnahme, wohl aber die Tatsache, dass sie im Jahr 2023 immer noch existiert.

Dies ist einmalig und nicht das Verdienst „fremder Mächte“, sondern des Willens der Kantone 1499 (Friede von Basel), 1648 (Westfälischer Friede), 1803 (Auflösung der einheitlichen Helvetischen Republik zugunsten der neuen Eidgenossenschaft), 1815 (Neuenburg, Genf und Wallis entschieden sich für die Eidgenossenschaft), wie es das Tessin bereits 1798 getan hatte (Napoleon stellte ihnen den (fast einstimmig abgelehnten) Beitritt zur Cisalpinischen/Italienischen Republik 1798 zur Wahl).

Jahrhunderte zuvor hatten die Ersten Orte bereits die habsburgischen Kaiser und die Herzöge von Burgund und Savoyen besiegt. Frankreich war 1516 (nach Marignano) nur zu gern bereit, ein Bündnis (Ewigen Friede) mit dieser Eidgenossenschaft einzugehen. Ihre Kaufmänner, Bergpässe, Seen, Handelswege, Söldner, Produkte und Politiker wurden geschätzt.

Der französische König erkannte, dass ohne die vernichtenden militärischen Siege über Habsburg (1315, 1386, 1388, 1415, 1460 und 1499), Burgund (1474-1477) und Savoyen (1536 und davor schon die sieben Zehnden im Unterwallis) das schwache französische Königreich möglicherweise von der Landkarte verschwunden wäre.

Ein burgundisches Königreich oder ein habsburgischer Herrscher in Paris war damals ein realistischeres Szenario als die „Grande Nation“ Ludwigs XIV. (1638-1715).

(Quelle und weitere Informationen: Stadt Wil)

Korrektorin: Giuanna Egger-Maissen

Hugenotten, Garten- und Weinbau

Der Vorstand der französischen Kirche in Bern (l’église française de Berne) und die Stiftung VIA –Auf den Spuren der Hugenotten und Waldenser luden am 3. September zu einem hugenottischen Mittagessen im Berner Rathaus ein.

‚Banquet Huguenot‘ mit einer Eröffnungsrede vom Pfarrer Olivier Schopfer

Seit der Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts war Frankreich Schauplatz von Religions- und Bürgerkriegen. Die Bartholomäusnacht von 1572 ist vielleicht der berühmteste (oder berüchtigtste) Ausbruch von Gewalt, aber es gab viele weitere. Tausende von Hugenotten flohen in andere Länder.

Das Edikt von Nantes von 1598 gewährte ihnen Religionsfreiheit, doch im Jahre 1685 – nach dem Edikt von Fontainbleau – begann die Verfolgung erneut, und Hunderttausende flohen in nördliche und protestantische Länder, vor allem in die deutschen Fürstentümer und Königreiche, die Schweiz, England, die Republik der Sieben Vereinigten Niederlande, Amerika und Irland.

Die Mauer der Reformatoren

Genf

Viele zogen zunächst nach Genf, der Hauptstadt des Calvinismus und der nördlichsten unabhängigen protestantischen Republik des Kontinents. Der Vorzug von Genf war, dass es in der Nähe von Frankreich gelegen und ein französischsprachiges Gebiet war. Bei den Hugenotten handelte es sich oft um gebildete Handwerker, Kaufleute und Wissenschaftler, vor allem aus dem mediterranen Süden und Südwesten Frankreichs.

Der Ursprung des Wortes “Hugenotten” ist nicht klar. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts kam es als Bezeichnung für protestantische Franzosen in Gebrauch. Möglicherweise hat es seinen Ursprung im Calvinistischen Genf, wohin viele Hugenotten flohen. Die Genfer bezeichneten diese Gruppe als „Eidgnots oder Eidguenots“, in Anlehnung an die Eidgenossenschaft und ihren Eid. Der Glaube war der Eid für die Hugenotten.

Genf wurde die kulturelle Synthese zwischen dem protestantischen Nordeuropa und dem mediterranen Europa der Hugenotten. Das mildere Klima und die Lage am Genfer See erleichterten den Hugenotten zudem die Eingliederung.

Die Einwanderung bedeutete unter anderem eine Wiederbelebung oder den Beginn der Uhren- und Textilindustrie, der Finanzdienstleistungen und des Seidenhandels in der Schweiz. Diese wirtschaftliche Bereicherung ist allgemein bekannt.

Kardy im Stiftsgarten. Foto: Stiftsgarten.ch

Basel, Merian Gärten, Garten ProSpeciesRara, Artischocke aus Genf

Basel, Merian Gärten, Garten ProSpeciesRara, Artischocke aus Laon

Basel, Merian Gärten, Garten ProSpeciesRara, Artischocke aus die Provence

Gärtner und Winzer

Weit weniger bekannt ist der Anteil der Hugenotten an Gartenbau, Landwirtschaft und Weinbau. Die Hugenotten trugen wesentlich zur Entwicklung dieses Sektors in der Schweiz bei. Beim Mittagessen am 3. September stand daher von Hugenotten importiertes Gemüse auf der Speisekarte: Kardy (eine Art von Artischocke), Longeole (eine Wurst), Kartoffeln, Bohnen und Wein.

Der Stiftsgarten 

Die Hugenotten aus dem Mittelmeerraum waren geborene Gärtner und Winzer. Die Stadt und die Republik Genf (Kanton Genf ab 1815) stellten ihnen in der Nähe des Plainpalais Land zur Verfügung. Seither gilt das Plainpalais als Wiege des Garten- und Gemüseanbaus in der Schweiz (Le berceau de la culture maraîchère en Suisse).

Sie verwandelten das sumpfige Gebiet zwischen Arve und Rhone in eine grosse, blühende Gemüse-, Obstgarten- und Weinregion. Dies spiegelt sich auch in der mediterranen Architektur der Bauernhöfe mit ihren flachen Ziegeldächern, den vielen kleinen Dörfern und der Bocage-Landschaft (kleine, durch Hecken getrennte Felder) wider.

Kataster, Bild aus dem Jahr 1717. Quelle: Archives d’Etat de Genève, Cadastre B16 (Photo: DZ)

Von Genf aus verbreiteten sich die neue Landwirtschaft, der Gartenbau und der Weinbau je nach den religiösen, geografischen und klimatischen Möglichkeiten in die Waadt (damals vom Kanton Bern verwaltetes und besetztes Untertanengebiet/territoire sujet), nach Bern, Zürich und in andere Gebiete. Genf blieb jedoch jahrhundertelang in der ersten Reihe des Gartenbaus. Die Eröffnung der ersten Gartenbauschule in der Schweiz (L’École d’horticulture) erfolgte im Jahr 1887 in Châtelaine (Kanton Genf).

Die erste Gartenbauschule in der Deutschschweiz wurde 1920 am Oeschberg im Kanton Bern eröffnet. Zu diesem Zeitpunkt war das Berner Seeland nach der ersten Juragewässerkorrektion (1868-1891) bereits zum Obst- und Gemüsegarten der Schweiz geworden.

Botanische Wissenschaftler

Die Hugenotten waren auch (botanische) Wissenschaftler. Der Arzt Jean Bauhin floh 1542 nach Basel. Seine Söhne Johann Bauhin (1541-1612) und Caspar Bauhin (1560-1624) waren bedeutende Ärzte und (botanische) Wissenschaftler. Johann ist einer der Gründerväter der Botanik mit seinem (unvollendeten) Werk Historia plantarum universalis (erschienen 1650) und mehreren von ihm angelegten botanischen Gärten.

Caspar Bauhin, Pinax theatri botanici

Sein Bruder Caspar veröffentlichte eine Übersicht über Tausende von Pflanzen in seinem Pinax theatri botanici (1623). Der berühmte schwedische Botaniker Linnaeus (1707-1778) stützte sich grösstenteils auf dieses Werk.

Olivier de Serres (1539-1619) ist der Begründer der Agronomie mit seinem 1000-seitigen Werk Le théâtre d’agriculture des champs (1600). Das Werk wurde fünfmal nachgedruckt und behandelt unter anderem den Weinbau in Genf (seiner Heimatstadt), den Anbau von Artischocken, Kardys und Bohnen und die Zucht von Seidenraupen.

Weinbau und Hutins

Schliesslich verdient der Weinbau der Hugenotten besondere Aufmerksamkeit. Genf ist heute das drittgrösste Weinbaugebiet der Schweiz, obwohl es sehr klein ist. Das ist auch ein Verdienst der Hugenotten.

Impression von Hutins. J.C.L. Simonde de Sismondi (1773-1842), in ‚Le Tableau de l’agriculture toscane‘, Genf, 1801

Reben gibt es in verschiedenen Sorten. Die bekanntesten sind die niedrige Pfahlrebe oder die hohe Pergola-Rebe. Eine weitere Sorte wurde von den Hugenotten eingeführt, die so genannten Hutins. Hutins sind Rebstöcke, die sich an Obstbäumen entwickeln. Zwischen den Baumreihen mit Rebstöcken wurde zusätzlich Getreide gesät.

Diese Methode hatte mehrere Vorteile: geringere Anfälligkeit für (Nacht-)Frost, vielseitige Verwendung (Obst, Wein und Getreide) und vielseitige Erträge. Der Nachteil war die geringere Sonnenexposition. Wie dem auch sei, gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden 7 % der Fläche der Republik Genf für die Hutins genutzt.

Schlussfolgerung

Der Beitrag der protestantischen französischen (und flämischen) Flüchtlinge zu Wissenschaft und Wirtschaft in den nördlichen Ländern ist seit langem bekannt und anerkannt. Aber auch für die Landwirtschaft, den Gartenbau und den Weinbau war die Einwanderung der Hugenotten von grosser Bedeutung.

Die Wanderausstellung ‘Wurzeln schlagen – Menschen und Pflanzen im Exil/Prendre racine – hommes et plantes en exil’ im (ehemaligen) Stiftsgarten in Bern (bis 1. Oktober) ist ein Gemeinschaftsprojekt der Stifung VIA und ihrer Partner in Frankreich, Italien und Deutschland.

(Quelle und weitere Informationen: Musée protestant; Stiftung Via;  Stiftsgarten Bern)

Der Stiftsgarten 

Hugenotten- und Waldenserweg

Am 24. September wird in Thayngen (Kanton Schaffhausen) das letzte Wegstück der Europäischen Kulturroute des Hugenotten- und Waldenserwegs eingeweiht. Er verbindet dann die französisch- und deutschsprachige Schweiz mit dem Piemont, Südfrankreich und Deutschland.

 Seit 2011 arbeitet die Stiftung VIA an der Realisierung dieser Route durch die Schweiz. Lokale Vereine in Genf, Waadt, Aargau,  Zürich und Schaffhausen haben die Stiftung VIA bei der Projektumsetzung unterstützt.

Am Sonntag, 24. September feiern Gäste aus der Schweiz, Frankreich und Deutschland und ein Chor aus dem Bergdorf Rorà in den Waldensertälern des Piemonts die Eröffnung der letzten Strecke der Kulturroute.

Das verbindende Element ist die Erinnerung an Flüchtlinge, die ab 1685 zu Tausenden von Südfrankreich und dem Piemont geflohen sind und von Genf über Bern bis zur Grenze in Schaffhausen weitergereist sind. In verschiedenen deutschen Fürstentümern konnten sie dann eine neue Existenz aufbauen.

An der Grenze in Barzheim wird eine Informationsstele enthüllt.. Der Tag wird um 16 Uhr mit einer Feier in der reformierten Kirche Thayngen beendet, begleitet vom Waldenserchor. Die ukrainische Autorin Olena Pantsiuk liest aus ihren Erinnerungen als Kriegsflüchtling.

(Quelle und weitere Informationen: Stiftung VIA – Auf den Spuren der Hugenotten und Waldenser)

Arbon, Rorschach, das Bistum Chur und der Bodensee

Es ist eine Schweizer Besonderheit, dass zwei nahe gelegene Städte oft eine unterschiedliche Geschichte haben. Arbon (Kanton Thurgau) und Rorschach (Kanton St. Gallen) liegen am Bodensee, etwa 12 Kilometer voneinander entfernt. Arbon unterstand jedoch bis 1798 dem Bistum Konstanz, während Rorschach zum Territorium der Abtei St. Gallen gehörte.

Die Bodenregion war bereits in vorgeschichtlicher Zeit besiedelt. In der Nähe von Arbon wurden zahlreiche Objekte aus der Zeit von 5000 bis 850 v. Chr. gefunden, darunter auch Pfahlbauten. In der aktuellen Klimadiskussion könnte es sinnvoll sein, dieser Region einen Besuch abzustatten. Aufgrund der raschen Klimaerwärmung und des steigenden Seespiegels wurden die Pfahlbauten der Kelten um 850 v. Chr. aufgegeben.

Die Arboner Pfahlbauten sind für Wissenschaft und Forschung von grosser europäischer Bedeutung, auch dank der zahlreichen Funde. Hunderte von Werkzeugen aus Bronze und Eisen, Jagdwaffen und Schmuck zeugen von der Fertigkeit der bronze- und eisenzeitlichen Handwerker.

Bronze ist eine Legierung aus Kupfer und Zinn. Das in Arbon verwendete Kupfer stammt aus der Eifel, das Zinn aus dem Südwesten Grossbritanniens. Es ist ein Zeugnis für den regen Fernhandel in Europa (und darüber hinaus) Jahrhunderte vor den Griechen und dem Römischen Reich.

Arbon

Die Römer erkannten die strategische Lage von Arbon und gründeten die Siedlung Arbon Felix (glücklicher Baum) nach der Eroberung der Schweiz im Jahr 13 v. Chr. Der Ort war Teil der gut organisierten römischen Postzustellung (Cursus publicus) im ganzen Reich.

Zudem lag Arbon Felix an der Kreuzung der Handelswege Vitudurum (Winterthur), Constantia (Konstanz), Brigantium (Bregenz) und Curia (Chur). Das römische Kastell wurde im vierten Jahrhundert errichtet, nachdem die Oberrhein-Bodensee-Region zur neuen Grenze (Limes) mit Germania wurde.

Nach dem Abzug der Römer um 410 drangen die Alemannen in das Gebiet ein. Sie ersetzten bald die Sprache und Kultur der romanisierten Kelten und führten die alemannische Sprache und Kultur ein. Die alemannischen Herzöge herrschten bis ins 8. Jahrhundert. Dann übernahmen fränkische Könige und Kaiser (die Karolinger) die Herrschaft.

Gallus und Columban

Mit der Ankunft der irischen Mönche Columban und Gallus begann bereits 612 eine neue Phase in der Geschichte der Region. Gallus blieb zunächst in Arbon und zog dann an den Oberlauf der Steinach bei St. Georgen. Sein Eremitendasein führte er dann an der Stelle des heutigen Klosters St. Gallen. An diesem Ort an der Steinach war er der Legende nach gestolpert und sah dies als göttliches Zeichen an.

Das Bistum

Von 700 bis 1798 war Arbon im Besitz des Bistums Konstanz. Fast 1’000 Jahre (!) residierten die bischöflichen Vögte auf Schloss Arbon. Allerdings hatte die Eidgenossenschaft 1460 den Thurgau von Habsburg erobert, und das bedeutete für Arbon eine komplizierte Situation, denn obwohl der Bischof von Konstanz der rechtmässige Herrscher von Arbon war, hatte die Eidgenossenschaft de facto die Macht und übte sie durch gemeinsame Verwaltung in der Tagsatzung und auch durch Vögte aus. Dies führte zu vielen Konflikten, die hier nicht weiter erwähnt werden.

Arbon war zu dieser Zeit eine Stadt (eine Urkunde vom 29. Januar 1255 bestätigt die Stadtrechte) mit einer wichtigen regionalen und wirtschaftlichen Funktion. Anhaltende Streitigkeiten zwischen dem Bischof von Konstanz und dem Abt von St. Gallen veranlassten im 13. Jahrhundert den Bau der Stadtmauer mit Toren und Graben.

Rorschach

Die Geschichte von Rorschach geht auf die Alemannen zurück. Sie gründeten die Siedlung Rorscahun nach dem Abzug der Römer, in der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts. Der deutsche König und spätere erste Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Otto I. (912-973), verlieh dem Ort im Jahr 947 die Marktrechte. Sein Besitzer war das Kloster St. Gallen.

Um das Jahr 1000 war Rorschach ein Durchgangsort für Pilger nach Santiago de Compostela und Einsiedeln und ein Platz für den Handel über und entlang des Bodensees.

Die ständigen Konflikte zwischen der Abtei St. Gallen und dem Bistum Konstanz spiegeln sich auch in den beiden mittelalterlichen Burgen in Rorschacherberg, einer kleinen Gemeinde bei Rorschach.

Marienberg

Konflikte gab es aber nicht nur zwischen dem Abt und dem Bischof, sondern auch zwischen dem Abt und den Appenzellern sowie dem Abt und den St. Galler Bürgern. Die Abtei wollte 1489 das Marienkloster in Rorschach einweihen. Kurz vor der Fertigstellung wurde es jedoch von Appenzellern und St. Galler Bürgern zerstört. Das Kloster wurde wieder aufgebaut, aber nicht als Kloster, sondern als Gebäude für den Abt von St. Gallen. Die Abtei regierte Rorschach bis 1798.

Die Kolumban Kirche (1782)

Die Franzosenzeit 1798-1813

Die Franzosenzeit beendete die (formale) politische Macht und den Besitz des Bischofs und des Abtes. Rorschach wurde eine Gemeinde im Kanton St. Gallen, Arbon 1803 im neuen Kanton Thurgau.

Nach der Auflösung des Bistums Konstanz (1803) war das Schloss lange Zeit im Besitz des Unternehmers Franz Xaver Stoffel. Er gründete die Seidenweberei Stoffel & Söhne, das erste Industrieunternehmen der Stadt. Arnold Baruch Heine gründete später die zweitgrösste Stickereifabrik der Welt!

Nach 1850 entwickelten sich die (Textil-)Industrie und das Handwerk rasant. Die Maschinenfabrik Sauer wurde sogar national und international führend bei Industrieanlagen, Maschinen und später bei Nutzfahrzeugen. Von 1890 bis 1910 wuchs die Bevölkerung von 2 500 auf fast 10 000 Einwohner.

Heute ist Arbon ein vielseitiges Gewerbe-, Industrie- und Dienstleistungszentrum und ein touristisches Ziel am Bodensee.

Auch nach der Unabhängigkeit als selbständige Gemeinde blieb Rorschach lange Zeit vor allem ein Hafen- und Handelszentrum. Das Kornhaus von 1749, also noch im Auftrag des Abtes, ist noch immer das Wahrzeichen der Stadt. Mehrere Stadtpalais im Zentrum erinnern an diese Epoche.

Schlussfolgerung

Arbon und Rorschach waren über Jahrhunderte nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische und dynastische Konkurrenten. Wirtschaftliche Konkurrenten sind sie bis zu einem gewissen Grad immer noch, aber als Gemeinde sind sie politisch und verfassungsmässig unabhängig.

Trotz ihrer jahrhundertelangen politischen Unterordnung unter einem Bischof und einem Abt ist die Geschichte ihnen wohlgesinnt. Beide Städte konnten unter dieser Verwaltung Wohlstand und Kultur entwickeln, und die schlimmsten (Religions-)Kriege (wie auch die Reformation!) sind an ihnen vorübergegangen.

Eine Ausstellung (Mittelalter am Bodensee. Wirtschaftsraum zwischen Alpen und Rheinfall) im Landesmuseum Liechtenstein zeigt das regionale Handelsgebiet des Bodensees im Mittelalter.

Schon damals kümmerten sich Handel und Wirtschaft wenig um Politik und Landesgrenzen. Zudem war das Alemannische im Mittelalter die Sprache in dieser Region (abgesehen vom Lateinischen in kirchlichen, wissenschaftlichen und administrativen Kreisen).

Schon die ersten Pfahlbauer betrachteten die Lage am Bodensee (bis zum rasanten Aufstieg dessen Seepegels um 850 v. Chr.) als Nahrungs- und Klimaparadies. Das gilt auch heute noch für die Bewohner von Arbon und Rorschach, allerdings auch jetzt noch ohne Garantie für die Zukunft.

Korrektorin: Petra Ehrismann

Das internationale Unternehmen Würth siedelte sich 2008 in der Stadt an und eröffnete mit dem Forum Würth sein drittes Institut in der Schweiz.

Die Promenade mit der auf Stelzen gebauten Badeeinrichtung (Badhütte, 1924), den Handelshäusern, dem Seepark und dem Kornhaus verleiht der Stadt mediterrane Grandeur. 

Arbon

Rorschach

Vier Schlösser für Exilanten

Was haben das Schloss Arenenberg (Salenstein, Kanton Thurgau), das Schloss Wartegg (Rorschacherberg, Kanton St. Gallen), das Schloss Coppet und das Schloss Prangins (Kanton Waadt)  gemeinsam? Diese vier Schlösser waren Zufluchtsorte für Monarchen im Exil oder für Exilanten ihrer Regimes. 

Schloss Coppet in der gleichnamigen Gemeinde war während der napoleonischen Herrschaft (1799-1813) lange Zeit der Verbannungsort von Madame de Stäel (1766-1817) und ihrem Gefolge. 

Schloss Arenenberg war ab 1817 die Residenz von Hortense de Beauharnais (1783-1837) und ihrem Sohn Louis-Napoleon (1808-1873), französischer Kaiser von 1851-1871. Hortense war die Frau von Louis Bonaparte (1778-1846), König von Holland (1806-1810).

Schloss Prangins war von 1814-1827 Eigentum und zeitweise Wohnsitz von Joseph Bonaparte (1768-1844), König von Spanien (1808-1813).

Schloss Wartegg

Das Schloss Wartegg war 1789 das Ziel geflüchteter französischer Aristokraten, darunter Marquis de Bombelles (1744-1822). Louise von Bourbon-Parma (1819-1864), Herzogin und Regentin von Parma, kaufte das Schloss 1859 nach dem italienischen Risorgimento. Auf der anderen Seite des Bodensees baute der Grossherzog der Toskana Ferdinand IV. (1835-1908) in Lindau nach dem Risorgimento seine Villa.

Zita (1892-1989), die Enkelin der Herzogin, heiratete 1911 Erzherzog Karl I. von Österreich (1887-1922), den letzten Kaiser von Österreich (1916-1918). Die kaiserliche Familie bewohnte das Schloss für einige Monate, nachdem sie Wien 1919 verlassen hatte. Der Bruder von Karl lebte übrigens von 1919 bis 1934 in Basel. 

Kurze Geschichte

Schloss Wartegg wurde 1557 von Kaspar Blarer von Wartensee (1524-1585) erbaut, der in den Diensten des Bischofs von Konstanz stand. Er bewohnte das Schloss Wartensee, das sich ebenfalls in Rorschacherberg befindet und zwei Jahrhunderte älter ist. Rorschacherberg hat zwei weitere Schlösser: Schloss St. Anna stammt aus dem 12. Jahrhundert, Schloss Wiggen wurde 1573 erbaut.

Die territorialen Interessen der Abtei St. Gallen und des Bistums Konstanz, die Lage am Bodensee und die Strasse von St. Gallen nach Konstanz waren der Grund für diese Burgendichte in einem Dorf mit wenigen hundert Einwohnern.

Auch ein anderer Bewohner der Wartegg ist für die Schweizer Geschichte von Bedeutung. Sebastian Peregrin Zwyer von Evibach (1597-1661) bewohnte das Schloss um 1650. Zusammen mit Rudolf Wettstein (1594-1666, Bürgermeister von Basel) war er 1648 der wichtigste Verhandlungsführer der Eidgenossenschaft. Am Ende des Dreissigjährigen Krieges (1618-1648) erreichte der Westfälische Friede die (faktische) Unabhängigkeit und die Anerkennung der Eidgenossenschaft der 13 Kantone als souveräner Staat.

Aus architektonischer Sicht legte Louise von Bourbon jedoch in den Jahren 1860-1864 den Grundstein für die heutige Pracht der Anlage und des Englischen Gartens. Die Familie de Bourbon-Parma verkaufte das Schloss im Jahr 1924. Heute ist das Schloss ein Hotel-Restaurant und ein Ort für kulturelle Veranstaltungen.

Korrektorin: Petra Ehrismann

Der englische Komponist Robert Lucas Pearsall (1795-1856) kaufte 1842 das Schloss und lebte dort bis zu seinem Tod