Bundeshaus Bern, den. 24. September 2025, Tag der Mehrsprachigkeit im Bundesparlament / Journée du plurilinguisme au Parlement fédéral. Von links nach rechts: Martin Candinas, Anna Giacometti, Greta Gysin et Laurent Wehrli. Foto/Photo: Forum Helveticum

Mehrsprachigkeit, die Kantone, die Schweizer Verfassung und die Confoederatio Helvetica

Im Rahmen des 7. Tags der Mehrsprachigkeit im Bundesparlament präsentierten Nationalrat Martin Candinas (Präsident der parlamentarischen Gruppen «Mehrsprachigkeit CH» und «Lingua e cultura rumantscha“), die Nationalrätinnen Anna Giacometti und Greta Gysin (Co-Präsidentinnen der parlamentarischen Gruppe «ITALIANITÀ), sowie Nationalrat Laurent Wehrli (Präsident von Helvetia Latina) an der Medienkonferenz vom 24. September einen Rückblick auf diese Tage seit 2019. Sie skizzierten die aktuellen Herausforderungen und Möglichkeiten für den schweizerischen Plurilinguismus.

Der deutschsprachige Kanton Basel-Stadt und der französischsprachige Kanton Jura am 27. Juli 2019,  Fête des Vignerons, in Vevey.

Ein anderer Anlass im Bundesparlament hat am Donnerstag, 25. September stattgefunden. Parlamentarierinnen und Parlamentarier äusserten sich in einer anderen Landessprache als ihrer eigenen, mit besonderem Fokus auf die Minderheitensprachen Italienisch und Rätoromanisch.

Auf der Medienkonferenz diskutierten die Anwesenden den Sprachunterricht und weitere zentrale Themen, darunter die Volksinitiative „200 Franken sind genug! (SRG-Initiative)“, die Sprachförderpolitik des Bundes sowie die Chancen und Risiken neuer Technologien und der künstlichen Intelligenz.

Von links nach rechts: Greta Gysin, Anna Giacometti, Laurent Wehrli und Martin Candinas. Foto: Forum Helveticum 

Im Zentrum der Präsentationen stand jedoch der Sprachunterricht auf der Primarstufe und der Sekundarstufe. Mehrere kantonale Initiativen wollen den Unterricht in den Landessprachen hinausschieben oder deren Stundenzahl kürzen und mehr Stunden für Englisch einführen.

Dies gehört immerhin zur kantonalen Autonomie, gefährdet jedoch auf längere Frist den Zusammenhalt, das föderale Prinzip und eben die Identität der vielsprachigen Schweiz. Die Kantone tragen dabei ebenfalls Verantwortung, was auch an verschiedenen Stellen in der Bundesverfassung zum Ausdruck kommt.

Brigels/Breil

Es geht dabei nicht in erster Linie darum, Kinder zu Polyglotten in vier Sprachen zu erziehen, sondern um ihnen das Verständnis und Bewusstsein für die anderen Sprachen des Landes beizubringen. Hier gilt: „Jung gelehrt, ist alt getan“.

Leider wurde auch klar, dass Mitglieder des Parlaments nicht immer das richtige Beispiel geben. Ein Nationalrat erwähnte jedenfalls, dass gerade im Ständerat (bisher ohne Simultanübersetzungen) bald Übersetzungen notwendig sein könnten.

Bern, Bundeshaus, die Kantone

Es ist natürlich weder realistisch noch möglich, Italienisch oder gar die kleine Minderheitensprache Rätoromanisch in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz zur allgemeinen Umgangssprache zu erheben. Allerdings sind Verständnis und zumindest Bewusstsein für diese Sprachen wichtig für die gegenseitige Kommunikation und den Zusammenhalt sowohl im Parlament, in der Verwaltung und Regierung als auch im täglichen Leben.

Sprachen sind schliesslich mehr als nur Kommunikation, sie sind auch ein integraler Bestandteil der Schweizer Verfassung, Föderation, Kultur und Identität und ein Reichtum, ja sogar ein einzigartiges Erbe, was das Rätoromanische betrifft.

Darüber hinaus hat das Land eine grosse Zahl italienischer Einwanderer. Dabei erleichtert das Rätoromanische zum Beispiel die Integration portugiesischer Einwanderer in Graubünden. Diese lernen diese Sprachen nämlich problemlos (unabhängig vom Idiom).

José Ribeaud sprach in seinem Buch La Suisse plurilingue se délingue (Neuchâtel, 2010) bereits die einzigartige Viersprachigkeit der Schweiz an. Er betonte auch die grundlegende Bedeutung von Bildung, Austausch und Medien.

Die viersprachige Schweiz oder die fünfte Landessprache

Ein Nationalrat fasste es auf der Medienkonferenz (ironisch) kurz und bündig so zusammen: „Ländersprachen First“. Kurz gesagt, nicht nur der Bund ist finanziell und organisatorisch gefordert, sondern auch die Kantone und Gemeinden, der Unterricht, die Medien und nicht zuletzt Bürger und Bürgerinnen.

Nach einem Plädoyer für ausreichende finanzielle Mittel für die SRG und private und öffentliche Medien wurden auch die digitalen Medien, künstliche Intelligenz und deren Chancen thematisiert, unter anderem in Bezug auf Übersetzungen und Zugänglichkeit.

Schlussfolgerung

Diese beiden Tage standen ganz im Zeichen einer der einzigartigen Charakteristiken der Schweiz und sie werden 2026 mit verschiedenen Aktivitäten und Veranstaltungen fortgesetzt.

Tatsächlich steht die Mehrsprachigkeit des Landes unter Druck. Im dreisprachigen Graubünden oder in zweisprachigen Kantonen ist die Entwicklung vielleicht nicht so besorgniserregend wie in rein italienisch-, deutsch- oder französischsprachigen Kantonen. Aber auch in diesen Sprachgebieten ist dies ein Thema, beispielsweise die französische Sprache in Graubünden.

Der Unterricht und die Verwendung von Italienisch und/oder Französisch in deutschsprachigen Kantonen und umgekehrt Deutsch in italienisch- und französischsprachigen Kantonen geben jedoch Anlass zur Sorge.

Vielleicht wäre das Rätoromanische (Rumantsch grischun) als eine organisch entwickelte Version des Esperanto eine Idee für das Land? Es ist zudem eine schöne und nicht allzu komplizierte Sprache mit vielen deutschen, französischen und italienischen Wörtern.

Das Latein hat das Land schliesslich auch in einer Confoederatio Helvetica vereint, anstatt in Svizra, Svizzera, die Schweiz und la Suisse.

Abschliessend noch eine Ergänzung, die nicht Teil der Beiträge, Diskussionen und Gespräche dieser Tage war, sondern ausschliesslich eine Meinung des Swiss Spectators wiedergibt, die jedoch in den verfassungsrechtlichen Kontext passt.

Nicht nur die Kantone haben eine Verantwortung gegenüber der Föderation, sondern auch die Föderation gegenüber den Kantonen, und zwar in Bezug auf das (institutionelle) Abkommen mit der Europäischen Union.

Bern, Bundeshaus

Dieses Abkommen beeinträchtigt nämlich nicht nur das föderale und auf Subsidiarität ausgerichtete Prinzip des (erfolgreichen) Schweizer Modells, sondern auch die Legislative, Exekutive und Judikative und sogar die direkte Demokratie!

Wenn der Bund aus guten Gründen den plurilinguistischen Charakter durch neue Verfassungsgesetze gewährleisten will, dann muss er auch die bestehende Verfassung anwenden und darf die Kantone nicht aufgrund von politischem Opportunismus, dogmatischer Auslegung und Interpretation ohne Berücksichtigung des Zwecks eines jahrhundertealten Gesetzestextes (insbesondere Art. 140 a und b) ausschliessen.

(Quelle und weitere Informationen: Forum Helveticum; Lia Rumantscha)

Giuanna Egger-Maissen, Korrektorin und Lektorat