Le chapeau de Charles le Téméraire, copie. Musée de Grandson. Photo/Foto: TES

Die Burgunderkriege, der Bischof von Basel und die Entwicklung der Eidgenossenschaft

Die Burgunderkriege (1474–1477) wurden schon zu ihrer Zeit in zahlreichen Chroniken, Liedern, Gedichten, Flugschriften und in lokalen Archiven beschrieben und dargestellt. Auch in diesem Jahr widmen mehrere Museen, insbesondere in Grandson, Murten und Bern, sowie verschiedene Publikationen dieser Epoche breiten Raum. Ein Museum in Saint-Imier beleuchtet zudem ein weniger bekanntes Thema: die Rolle des Bischofs von Basel.

Ein zweiter Aspekt erhält ebenfalls wenig Aufmerksamkeit: die Bedeutung dieser Zeit für die weitere Entwicklung der Schweizer Eidgenossenschaft. In vielen schweizerischen Publikationen wird diese Dimension nach wie vor unterschätzt. Der Schwerpunkt liegt vor allem auf den begrenzten territorialen Gewinnen der Eidgenossenschaft, auf den Spaltungen und Spannungen nach 1477 sowie auf der Gewalt der Jahre 1474–1477.

Das Herzogtum Burgund im Jahr 1476. Sammlung: Historisches Museum Basel

Obwohl vor allem Frankreich und die Habsburger von diesen Kriegen profitierten, gewann die Eidgenossenschaft nach 1477 erhebliches militärisches und politisches Ansehen. Zahlreiche Städte suchten den Anschluss an sie, als Kanton, als Verbündete oder als zugewandter Ort, oder es handelte sich um eroberte Untertanengebiete. Um 1536 hatte die Eidgenossenschaft in ihren Grundzügen bereits ihre heutigen sprachlichen und äusseren Grenzen erreicht, mit Ausnahme der später unter Napoleon vorgenommenen „italienischen“ und „habsburgischen“ Korrekturen.

Bild: Marco Zanoli/Wikipedia. Herzogtum Burgund, 1465-1477

Einleitung

Karl der Kühne (1433–1477), seit 1467 Herzog von Burgund, hegte grosse Ambitionen: Er wollte die Königskrone erlangen, in Kontinuität zu den früheren burgundischen Königreichen. Als Seitenlinie der französischen Königsfamilie (da der französische König Johann II 1363 seinen Sohn Philippe zum ersten Herzog von Burgund benannt hatte) verfügte er zudem bereits über königliches Blut.

Die drei Vorgänger Karls hatten im Verlauf eines Jahrhunderts durch Krieg, Erbschaft und Kauf ein Gebiet erworben, das sich vom alten Herzogtum Burgund bis zur Nordsee erstreckte und Flandern sowie die Freigrafschaft Burgund (Franche-Comté) einschloss. Die Franche-Comté war französischsprachig, doch der deutschsprachige Herzog von Baden-Württemberg war Herrscher über das französischsprachige Mompelberg (Montbéliard).

Das Herzogtum Burgund im Jahr 1467. Sammlung: Historisches Museum Bern

Es handelte sich allerdings nicht um ein zusammenhängendes Territorialgebilde. Das Elsass und das Herzogtum Lothringen gehörten nicht dazu. Der grösste Teil des Elsass lag im Einflussbereich der Habsburger, einschliesslich der freien Reichsstädte des Zehnstädtebundes (Dekapolis) und Strassburgs. Andere kleinere Gebiete gehörten den Bischöfen von Strassburg und Basel. Auch diese Regionen gehörten zum Heiligen Römischen Reich.

Die Eidgenossenschaft um 1474. Bild: Marco Zanoli/Wikipedia

Der Bischof von Basel

Der Fürstbischof von Basel war eng mit den Habsburgern verbunden. Das Gebiet des Bistums umfasste den heutigen Kanton Jura, Teile des Kantons Basel-Landschaft, das Seeland im Kanton Bern sowie Gebiete im Elsass und in Baden-Württemberg. Das Elsass war damals noch deutschsprachig (alemannisch). Der Fürstbischof verfügte über bedeutende weltliche Macht und stellte über seine Vasallen Heere auf.

Zu den wichtigen Städten seines Bistums gehörten, neben Basel, La Neuveville, Pruntrut, Delsberg, Biel und St-Ursanne. Obwohl die Beziehungen zur weltlichen Obrigkeit Basels gespannt waren, verliess er die Stadt erst mit der Reformation im Jahr 1528. 1470 war es jedoch noch nicht so weit. Unterdessen dehnte Bern seinen Einfluss im Bistum immer weiter aus, insbesondere im Jura.

Bis 1470 deutete jedoch nichts auf einen Konflikt mit dem Herzog von Burgund hin. Im Gegenteil: Das kulturelle und militärische Prestige des Herzogtums unter den drei vorhergehenden Herzögen war so gross, dass die Habsburger, die Berner Aristokratie und der Bischof von Basel Burgund hoch schätzten.

Zudem befanden sich die Eidgenossenschaft und die Habsburger im Kriegszustand, und die Habsburger unterstützten gerade den Herzog. Frankreich, noch erschöpft vom Hundertjährigen Krieg mit England (1337–1453), spielte militärisch noch keine bedeutende Rolle, erwies sich diplomatisch jedoch bereits als umso wirksamer (gegen den Herzog).

Bischof Johann von Venningen inauguriert die Universität Basel. Rektoratsmatrikel der Universität Basel, Band 1 (1460–1567), AN II, V, fol. 2v. Reproduktion. Sammlung: Musée de Saint-Imier. Foto: TES

Der Bischof von Basel und das Elsass

Johann von Venningen ((1409–1478) , der Bischof von Basel (1458–1478), spielte in diesem Konflikt eine wichtige Rolle. Er entstammte einer angesehenen deutschen Adelsfamilie. Er war nicht nur ein renommierter Theologe und einer der Gründer der Universität Basel im Jahr 1460, sondern verwaltete das Prinz-Bistum auch wie ein weltlicher Fürst.

1469 erhielt Karl der Kühne vom finanziell bedrängten Erzherzog Sigismund von Habsburg mehrere Gebiete im Elsass als Pfand. Damit befand er sich noch näher vor den Toren der habsburgischen Besitzungen und von Basel.

Karl verbarg seine Ambitionen nicht, und die Habsburger, Städte im Elsass (der Zehnstädtebund), Strassburg, der Bischof von Strassburg, die Eidgenossenschaft, die Grafschaft Neuenburg, die Grafschaft Aarberg und Valangin sowie der Bischof von Basel schlossen mit dem Ziel, dieses Pfand zurückzukaufen, ein Bündnis: die Konstanzer Liga.

Am 6. April 1474 wollte Sigismund von Habsburg das Pfand zurückkaufen, doch Karl verweigerte dies. Im Gegenteil: Er versuchte, weitere Gebiete des Elsass gewaltsam an sich zu bringen. Sein Landvogt, Peter von Hagenbach, bezahlte dies mit seinem Leben, was den Beginn der Burgunderkriege markierte. Burgund organisierte daraufhin einen Strafzug ins Elsass und ins Bistum Basel.

Der Bischof erkannte, dass Karl der Kühne auch seine Besitzungen im Elsass begehrte. Die Macht des Bischofs in der Stadt Basel war bereits abgenommen, doch ein gemeinsamer Feind schmiedete auch hier ein Bündnis. Auch La Neuveville und Biel suchten die militärische Annäherung an Bern und die Liga, ebenso die Chorherren von Saint-Imier und Bellelay.

Für viele Familien war diese Zeit übrigens verwirrend, denn vor dem Auftreten Karls des Kühnen waren Macht, Pracht und Prestige des burgundischen Hofes der Ort, an dem man gesehen werden wollte und musste. Nichts deutete auf ein Bündnis zwischen den Habsburgern und der Eidgenossenschaft hin, insbesondere nicht mit Bern.

La Fondation des Archives de l’ancien Évêché de Bâle, Porrentruy. Das Bistum Basel im 15. Jahrhundert

Die Habsburger, das Oberwallis und Savoyen

Karl suchte ausserdem die militärische Konfrontation mit Friedrich III. (1415–1493), Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, der ihm 1473 die Königskrone verweigert hatte. Der Kaiser schloss sich anschliessend ebenfalls dem Bündnis gegen Karl an. Die Schweizer Eidgenossenschaft, mit Bern als treibende Kraft, erklärte Karl dem Kühnen am 25. Oktober 1474 den Krieg. Andere Schweizer Städte wie Basel, Solothurn, Freiburg, Schaffhausen sowie zahlreiche weitere Orte nahmen ebenfalls an den Feldzügen teil.

Georg von Venningen, ein Neffe des Bischofs, sowie lokale Milizen und Vasallen des Bischofs beteiligten sich auch an den Kriegen. Hermann von Eptingen und Oswald von Thierstein waren die wichtigsten militärischen Befehlshaber des Bischofs.

Familienwappen von Thierstein. Scheibler’sches Wappenbuch, Bayerische Staatsbibliothek, Cod.icon. 312c (um 1450). Sammlung: Musée de Saint-Imier. Foto: TES 

Karl konnte formell auf die Unterstützung des Herzogtums Savoyen, des Grafen von Romont, der Vasallen und der Söldner zählen. Tatsächlich leisteten ihm jedoch nur der Graf von Romont, einige Vasallen und viele Söldner militärische Hilfe. Savoyen war militärisch im Wallis gebunden. 1474 hatten die sieben Zenden des Oberwallis das savoyische Unterwallis besetzt. Ausserdem wollte Yolande von Savoyen (1434–1478), Regentin des Herzogtums von 1472 bis 1478, ihren Bruder Ludwig XI., den König von Frankreich, nicht verärgern.

Plünderung des burgundischen Lagers nach der Schlacht bei Grandson. Diebold Schilling, Band 3 der Amtlichen Berner Chronik (1483), Burgerbibliothek, Mss.h.h.I.3, fol. 654, Kopie. Sammlung. Musée de Saint-Imier. Foto: TES

Die Feldzüge

Burgund verlor am 13. November 1474 die Schlacht bei Héricourt und Franquemont (Freigrafschaft Burgund/Franche-Comté) gegen die Truppen der Eidgenossenschaft, des Bischofs von Basel und ihrer Verbündeten. Diese fielen anschliessend in die Waadt ein, einen Besitz Savoyens, und eroberten im Mai 1475 unter anderem Echallens, Grandson, Orbe, Murten, Yverdon-les-Bains und Estavayer-le-Lac. Karl eroberte Grandson wieder am 28. Februar 1476, wurde dort jedoch am 2. März 1476 erneut geschlagen und verlor dabei auch die berühmte „burgundische Beute“.

 

Karl gab jedoch nicht auf und wollte Murten zurückerobern, das vom Berner Adrian von Bubenberg verteidigt wurde, der bis 1474 noch mit Burgund sympathisierte. Obwohl Karl damals über die mächtigste und modernste Armee seiner Zeit verfügte, hatte er zu viele Gegner, darunter seit 1475 auch den Herzog von Lothringen, dessen Herzogtum er in jenem Jahr erobert hatte, sowie den Grafen von Greyerz.

Am 22. Juni 1476 verlor Karl auch die Schlacht bei Murten und den Rest der legendären „burgundischen Beute“, bevor er am 5. Januar 1477 bei Nancy seinen Kopf und sein Herzogtum verlor.

Zwölf Fahnenträger der Kantone und verbündeten Länder vor den Mauern von Bern. Diebold Schilling, Band 3 der Amtlichen Berner Chronik (1483), Burgerbibliothek, Mss.h.h.I.3, fol.008, Reproduktion Musée de Saint-Imier

Die Deutschschweiz und die Westschweiz

Im Zuge dieser Kriege besetzten deutschsprachige Kantone und Städte erstmals französischsprachige Gebiete, und die ersten Bündnisse entstanden. Das deutschsprachige Oberwallis eroberte in dieser Zeit das französischsprachige Unterwallis.

Die Stadt Genf, traditionell Gegnerin Savoyens und des mit diesem verbündeten Bischofs von Genf, folgte der Reformation von 1536. Bern und Freiburg verwalteten verschiedene Städte (Orbe, Grandson, Estavayer-le-Lac, Murten) von 1476 bis 1798 und Bern anschliessend den Rest der Waadt von 1536 bis 1798.

Zwar befreite Napoleon die Waadt 1798 von der Verwaltung durch die Regierung Ihrer Exzellenzen von Bern, doch die Schaffung des Kantons Waadt 1803 und 1815 sowie seine Bestätigung 1848 wurden trotz der Plünderungen während der Burgunderkriege mit Zustimmung aufgenommen.

Neuenburg, von 1504 bis 1706 ein Fürstentum des französischen Hauses d’Orléans-Longueville, wurde von 1512 bis 1529 von der Eidgenossenschaft verwaltet und unterhielt besonders nach der Reformation von 1524 enge politische, soziale und wirtschaftliche Beziehungen zu ihr.

Die Eidgenossenschaft, zugewandter Orte, Untertanengebiete 1536. Bild: Marco Zanoli/Wikipedia

 Schlussfolgerung

In geistiger, politischer und kultureller Hinsicht brachten die Burgunderkriege und ihre Folgen die Deutschschweiz und die Westschweiz in engen Kontakt und rückten sie stark näher zusammen. Der Bischof von Basel war in dieser Zeit eine der treibenden Kräfte des Bündnisses gegen Karl.

Zudem war das Band zwischen den dreizehn Orten von 1513 dank dieser militärischen, kulturellen und politischen Erfahrungen und Kontakte offenbar bereits stark genug, sodass die unterschiedlichen geografischen, wirtschaftlichen und ab der Reformation auch religiösen Ausrichtungen und Interessen die weitere Entwicklung der Eidgenossenschaft von 1648, 1815 und 1848 nicht verhinderten.

Der schweizerische Pragmatismus, der Realismus und der Umgang mit Konflikten spielten dabei eine wichtige Rolle, wie insbesondere das Stanser Verkommnis (1481), die relativ kurzen Religionskriege (1529/1531 und 1656/1712 mit anschliessenden Religionsfrieden), die konfessionelle Teilung Appenzells durch Volksabstimmung (1597), , das Simultaneum, der Sonderbundskrieg (1847) und vor allem die Lehre nach Marignano (1515) zeigen: Keine weiteren Auslandsabenteuer mehr, nachdem bis 1512 Mailand, das Tessin und drei weitere italienische Gebiete erobert worden waren.

Diebold Schilling, Chronique officielle de Berne, vol. 3. Sammlung: Burgerbibliothek Bern.

Die Eroberung des Waadtlands im Jahr 1536 durch Bern und Freiburg war eine Revanche für die Rückgabe dieses Gebiets (einschliesslich Yverdon-les-Bains) an Savoyen im Jahr 1476 gegen eine hohe Geldsumme.

So hatte die Eidgenossenschaft die Weisheit, den Kanton Genf 1860 in seinen Ansprüchen auf das Chablais und Faucigny nicht zu unterstützen; ebenso wurde Vorarlberg 1919 nicht als Kanton aufgenommen, obwohl eine grosse Mehrheit seiner Bevölkerung dies gewünscht hatte, so wie das Tessin 1798 die Schweiz statt Napoleons italienischer Republik wählte.

Die Eidgenossenschaft erzielte in den Jahren 1474–1477 zwar keine grossen territorialen Gewinne, gewann jedoch beträchtliches politisches und militärisches Ansehen. Um 1536 hatte die heutige Confoederatio Helvetica bereits nicht nur ihre heutigen Sprachgrenzen, sondern auch ihre äusseren Grenzen erreicht. Diese Kontinuität ist kein Zufall: Sie beruht auf Pragmatismus, Realismus, Weisheit, militärischer, wirtschaftlicher und politischer Stärke, Diplomatie und bisweilen auch auf den Umständen.

Ein kleiner Teil der „burgundischen Beute“

Sammlung: Historisches Museum Bern