Hundert Jahre Vertrag von Locarno und der bonus ac diligens pater familias
13 Oktober 2025
In diesem Monat jährt sich zum hundertsten Mal, dass Frankreich und Deutschland am 16. Oktober 1925 in Locarno den Vertrag von Locarno geschlossen haben. Am 1. Dezember 1925 wurde dieser Vertrag in London unterzeichnet und trat in Kraft.
Die Wahl fiel auf Locarno (Kanton Tessin) aufgrund der guten Erreichbarkeit für die Teilnehmer, der italienischen Sprache (also nicht Deutsch oder Französisch), der Neutralität der Schweiz und der geringen Grösse der Stadt, die „spontane und informelle” Begegnungen ermöglichte und ohne grosse Ablenkungen für die Teilnehmer.

Der Sitzungssaal in Locarno: Foto: Gemeinde Locarno
Die Regierungen Frankreichs und Deutschlands waren trotz des Widerstands im eigenen Land über ihren Schatten gesprungen, um Frieden, Stabilität, Handel und wirtschaftliche Entwicklung zu gewährleisten.
Der Hass, die Angst und die Frustration grosser Teile der Bevölkerung in Deutschland und Frankreich waren nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) für eine allgemein akzeptierte Versöhnung jedoch noch zu gross.
Dennoch führte dieser Vertrag zu einer Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs und relativer Stabilität in der Weimarer Republik (1919–1933) und in Frankreich. Die Inflation in Deutschland verschwand, die deutschen Reparationszahlungen an Frankreich (Vertrag von Versailles, 1919) wurden teilweise revidiert und die „Roaring Twenties” erreichten ihren Höhepunkt in Paris und Berlin, als hätte es das Ende des Fin de Siècle nie gegeben.

Locarno, Via della Pace
Die Grossmächte Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Amerika hatten ihre gemeinsamen Interessen gefunden, und Deutschland trat 1926 sogar dem Völkerbund bei. „Locarno” war damals eine Sensation: Es war offenbar doch möglich, Konflikte auf diese Weise zu vermeiden und nach vorne statt in die Vergangenheit zu blicken. Darüber hinaus verpflichteten sich die Länder, Konflikte durch Schiedsverfahren beizulegen.
Der Vertrag von Locarno führte sogar zum Briand-Kellogg-Pakt von 1928. Alle Mitgliedsländer, einschliesslich Amerika, das kein Mitglied des Völkerbundes war, verpflichteten sich, bei Konflikten mit anderen Ländern keine Gewalt anzuwenden.
Amerika wurde innerhalb kürzester Zeit zum grössen Investor im neuen und demokratischen Deutschland. Die Arbeitslosigkeit ging rapide zurück, eine neue Mittelschicht bildete sich und extremistische Parteien stellten (noch) keine Bedrohung für die Demokratie dar.

Sammlung: Bernisches Historisches Museum
Der Börsencrash an der Wall Street am 24. und 29. Oktober 1929 verwandelte diese optimistische Zeit jedoch in einen wirtschaftlichen und damit politischen Albtraum. Extrem linke und extrem rechte Parteien profitierten von der (wirtschaftlichen) Verunsicherung, der (finanziellen) Verzweiflung und der Enttäuschung vieler Bürger.
Das Vertrauen in die etablierten politischen, wirtschaftlichen und demokratischen Institutionen war mit einem Schlag dahin, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern. Und das Vertrauen der Bürger in demokratische Institutionen war und ist der Kitt der Gesellschaft.
Religiöser, politischer und nationalistischer Extremismus gedeihen schliesslich gut auf hungrigen Mägen, leeren Bankkonten, mangelnden (wirtschaftlichen und demokratischen) Perspektiven und der fehlenden Umsicht und Sorgfalt eines vorsichtigen Familienvaters („bonus ac diligens pater familias“) in der Politik und Verwaltung.
Dies gilt nach wie vor auch in der Schweiz, die zwar über eines der besten konstitutionellen, politischen und demokratischen Systeme der Welt verfügt, aber dennoch gegen den Verlust dieses Vertrauens und den Einfluss internationaler und gesellschaftlicher Entwicklungen nicht immun ist.
Paul Troxler (1780-1866), um 1840. Foto: Wikipedia
„Die Umsicht und Sorgfalt eines Familienvaters“ lassen sich nicht genau definieren, aber einer der Begründer der direkten Demokratie in der Schweiz hat es treffend formuliert: Hören Sie auf die Bürger und Bürgerinnen!
Das ist etwas anderes als der politische Missbrauch dieser Beziehung. Denn auch wenn sie vielleicht nicht immer recht haben, funktioniert das (demokratische, wirtschaftliche und politische) System langfristig gerade wegen dieser gegenseitigen Vertrauensbasis am besten.
(Quelle: 100 Jahre Verträge von Locarno)
Giuanna Egger-Maissen, Korrektorin und Lektorat
