Cavaione. Foto/Photo: Lucca Plozza/ Fondazione Cavaione.

Cavaione und die letzte Gebietserweiterung der Schweiz

Vor 150 Jahren erhielten die Einwohner von Cavaione die Schweizer Staatsbürgerschaft, nachdem sie zwölf Jahre lang staatenlos gewesen waren. Das Dorf liegt an einem sehr steilen Berghang (und ist damit vielleicht die steilste Siedlung der Schweiz) oberhalb von Brusio im Valposchiavo (Kanton Graubünden), unweit von Tirano im Veltlin (Italien).

Das Dorf gehörte jahrhundertelang zu Habsburg, fiel dann unter das Königreich Sardinien, das 1861 zum Königreich Italien wurde. 1863 einigten sich die Schweiz und das neue Königreich Italien darauf, eine neue Grenze zwischen dem Valposchiavo und Veltlin zu ziehen.

Sie regelten jedoch nicht (oder wollten sie es nicht regeln?), was mit den 108 bettelarmen Einwohnern des Dorfes Cavaione geschehen sollte. Auf jeden Fall lag das isolierte Dorf seit der Grenzkorrektur von 1863 auf Schweizer Gebiet, aber sie erhielten weder die Schweizer Staatsbürgerschaft noch einen Schweizer Pass.

In Brusio wartete niemand auf neue Bürger und Familien, die die Armenkasse belasten und keine Steuern zahlen würden, und die Staatsbürgerschaft wird in der Schweiz nun einmal über die Gemeinde vergeben. Erst gegen eine Zahlung der Bundesverwaltung und des Kantons Graubünden akzeptierte die Gemeinde Brusio die neuen Bürger.

Die 108 Einwohner erhielten dann 1875 die Schweizer Staatsbürgerschaft und einen Schweizer Pass. Zuvor konnten die Einwohner weder auswandern noch beispielsweise in Tirano einen Italiener oder eine Italienerin heiraten, da sie keine Staatsbürgerschaft und keinen Pass hatten.

Heute leben noch acht Menschen dauerhaft im Dorf, aber 180 Nachkommen und ihre Freunde feiern in diesem Jahr 150 Jahre Schweizer Staatsbürgerschaft und die letzte und größte territoriale Erweiterung der Schweiz seit dem Wiener Kongress 1815.

Dazu noch eine Anekdote: Ein Einwohner von Tirano bedauert heute, dass Tirano 1863 nicht der Eidgenossenschaft beigetreten ist. Eine Ausstellung im Dorf blickt auf diese Geschichte zurück.

(Quelle und weitere Informationen: Fondazione Cavaione; Il Grigione Italiano)