Schwyz, das Bundesbriefmuseum ist bald bedeutungslos. Foto/Photo: TES

Aufstieg und Fall der Confoederatio Helvetica

Von der Eidgenossenschaft zur EUgenossenschaft: die demokratische, soziale und gesellschaftliche Erosion und Verelendung der ältesten Demokratie Europas. Für zu viele hochgelehrte Schweizer Akademiker, Beamte, Journalisten und andere sogenannte „Hochgebildete“ (was das heutzutage auch immer bedeuten mag und als ob Metzger, Maurer, Bauer oder Spengler nicht hochgebildet wären) ist diese jahrhundertealte Konföderation ein mittelalterliches Kuriosum, das keinen Platz in der heutigen Zeit der Europäischen Union haben soll.

Das systematische Kleinreden der Konföderation

In ihren zahlreichen  Publikationen lassen sie keine Gelegenheit ungenutzt, diese Konföderation herabzuwürdigen. In ihrer Ideologie – denn mit Geschichte hat das wenig zu tun – verdankt die Schweiz ihre Existenz ausschliesslich der Gnade Frankreichs nach 1515 (Marignano und dem ewigen Frieden 1516/1521) sowie dem Wiener Kongress (1814–1815).

Historisch ist dies jedoch falsch. Bereits 1648 wurde die Schweizerische Konföderation aus 13 (souveränen) Kantonen als unabhängiger Staat anerkannt, ebenso wie die Republik der Sieben Vereinigten (souveränen) Provinzen der Niederlande.

Zudem war die Konföderation bis 1515 eine militärische Grossmacht, die nicht nur die Habsburger, sondern auch das Herzogtum Burgund besiegt hatte. Ohne diese Konföderation wäre das schwächelnde Königreich Frankreich möglicherweise von diesem Herzogtum von der Landkarte getilgt worden und das Königreich Burgund wäre die neue Realität.

Frankreich hat die Konföderation ausserdem stets mehr gebraucht als umgekehrt (der ewige Frieden 1516/1521), nämlich als Puffer gegen die Habsburger, als Quelle für Söldner, wegen der Alpenpässe, Verkehrswege und des Handels.

Grandson 1476-2026

Politisch geprägter Anachronismus

Ein Historiker in französisch-deutschen Diensten bagatellisiert sogar die weltweit einzigartige direkte Demokratie („Die direkte Demokratie wird überschätzt“). Das muss man sich trauen – ausgerechnet aus dem zentralistischen, bürokratischen und explosiven Frankreich sowie dem dahinsiechenden Deutschland.

In einer anderen Publikation werden plündernde Eidgenossen des 15. und 16. Jahrhunderts mit  Mafia-Clans verglichen. Das ist nicht nur Anachronismus, sondern auch gezielte Stimmungsmache, denn alle militärischen Formationen plünderten und verwüsteten damals Städte und Landstriche.

Ein anderer Akademiker spricht in dieser Periode von „Neidgenossen“, obwohl Rivalitäten zwischen Städten, Provinzen und Fürstentümern ebenso in den Niederlanden, in Deutschland,  in Italien und in ganz Europa üblich waren.

Die Kompromisse und kurze Kriege in den religiösen Auseinandersetzungen des 16. und 17. Jahrhunderts, das Simultaneum, der kurze Sonderbundskrieg sowie die gemeinsame Verwaltung von Untertanengebieten, beispielsweise in den Kantonen Waadt, Aargau und Thurgau, eröffnen eine ganz andere Perspektive.

Schloss Grandson, Bern und Freiburg verwalteten gemeinsam Grandson bis 1798

Auch der absurde Eifer, die Nichtexistenz von Wilhelm Tell oder die ersten Bündnisse zwischen den heutigen Kantonen aus dem 13. und 14. Jahrhundert beweisen zu wollen, passt in dieses Konzept. Romulus und Remus, die Göttin Athene, Kenau Simonsdochter Hasselaer oder Marianne werden in Italien, Griechenland, Frankreich oder den Niederlanden niemals infrage gestellt. Es geht um Symbolik – und Wilhelm Tell bringt sie auf treffende Weise zum Ausdruck.

Romeyn de Hooghe, 1690, Spanische Belagerung von Haarlem in den Jahren 1572 und 1573. Kenau Simonsdochter Hasselaer vorne links.

 Die demokratische Verelendung in den Niederlanden

Vom Fisch sagt man, der Fäulnisprozess beginne immer am Kopf. Das gilt auch für Länder, Unternehmen und Universitäten sowie für deren demokratisches, wirtschaftliches und wissenschaftliches Funktionieren. Dies betrifft nicht nur das oben genannte, politisch gefärbte und nicht wertfreie Agieren von Schweizer Akademikern, sondern auch die Demokratie selbst.

In den in der Praxis wenig demokratischen Niederlanden und ihrer institutionalisierten corruption à la néerlandaise überrascht es nicht, dass die Bürger niemals auch nur das Geringste über Umfang, Tempo und Themen der europäischen Integration mitentscheiden durften.

Mit einer einzigen Ausnahme: 2005 organisierten Parlament und Regierung ein Referendum über „Eine Verfassung für die Europäische Union“. Bei Wahlen zum Europäischen Parlament (mit einer Wahlbeteiligung zwischen 30 % und 40 %) oder zum nationalen Parlament spielen europäische Themen ohnehin nie eine Rolle.

Im Jahr 2005 lag die Wahlbeteiligung bei diesem Referendum bei 63,3 % und 62 % stimmten gegen diese weitere Integration. Die Reaktion des Establishments: Das Ergebnis wurde nicht nur ignoriert, sondern das Referendum wurde anschliessend wieder abgeschafft – das erste Referendum seit 200 Jahren! Zudem fanden die geplanten Referenden in zehn weiteren Ländern ebenfalls nicht statt.

Seitdem schreitet die demokratische Verelendung in den Niederlanden unvermindert voran. Alle paar Jahre Wahlen mit vielen Versprechen, die nie eingehalten werden (Migration, Euro, weniger bürokratische, geldverschwenderische, technokratische und hochverschuldete EU etc.).

Die Bürger sind inzwischen der corruption à la néerlandaise gegenüber –mit Amsterdam als verkommenem,  politischem, antisemitischem, kriminellem und Drogenmüllabladeplatz – abgestumpft. Laut Umfragen haben nur noch 4 % der Bürger in diese Politik und in die Politik als Geschäftsmodell mit lukrativen (europäischen und internationalen) Arbeitsplätzen Vertrauen.

Charles Howard Hodges (1764–1837), 1809, Ludwig Bonaparte (1778–1846), König der Niederlande 1806–1810. Sammlung: Rijksmuseum Amsterdam

Die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen und Napoleon

Was hat das mit der Schweiz zu tun? Sehr viel. Die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen wurde 1795 von Napoleon Bonaparte (1769-1821) aufgelöst – zunächst wurde sie zur Batavischen Republik (Bataafse Republiek), von 1806 bis 1810 (König Louis Bonaparte, 1778-1846) ein Königreich und von 1810 bis 1813 war sie vom Französischen Kaiserreich annektiert. Auf dem Wiener Kongress (1814/1815) wurden diese Monarchie (Dynastie Oranien-Nassau) und der zentralistische Einheitsstaat bestätigt. Wiederstand der Provinzen gab es nicht.

die Konföderation und Napoleon

Napoleon Bonaparte musste aufgrund des heftigen Widerstands der Kantone die Helvetische Republik (1798–1803) wieder aufheben. Die souveränen Kantone der neuen Konföderation (mit 19 Kantonen) wurden als Fortsetzung der Konföderation von 1648 wiederhergestellt (1803-1813). Die Grossmächte (Preussen, Frankreich, England, Russland und Österreich) anerkannten 1815 die Schweiz als wichtige wirtschaftliche und neutrale bewaffnete Konföderation  im Herzen Europas.

Stans (Kanton Nidwalden)

Dies hatte nichts mit einer Gunst zu tun, sondern mit einer jahrhundertealten diplomatischen, politischen, sozialen, kulturellen, wissenschaftlichen, militärischen und wirtschaftlichen Geschichte seit dem 13. Jahrhundert.

Die Dörfer der Innerschweiz wurden – einzigartig in Europa – bereits im 13. und 14. Jahrhundert als freie Orte (Reichsunmittelbarkeit) im Heiligen Römischen Reich anerkannt und mit Städten wie Basel, Strassburg, Köln, Bern oder den Hansestädten gleichgestellt.

Entsprechend weisen sie ein städtisches Gepräge auf – geprägt von Handel, militärischen Erfolgen, europäischen Netzwerken, Diplomatie und Austausch. Die heutigen Schweizer urbanen Eliten, what is in a name, könnten sich gegenüber der Innerschweiz etwas respektvoller verhalten.

Trogen (Kanton Ausserrhoden)

Es ist auch ein Mythos, dass diese Konföderation im Vergleich zu anderen Ländern sehr arm war. Die Armut in Amsterdam des Goldenen Zeitalters war genauso gross wie in Schweizer Städten. Der Bauernstand war in beiden Ländern relativ wohlhabend und auf jeden Fall frei, was jedoch keine Armut ausschloss. Schweizer meldeten sich wegen Überbevölkerung massenhaft als Söldner, Niederländer gingen massenhaft zur See, wanderten in die Handelsposten, nach Polen, Dänemark oder in andere Gebiete aus.

Die politische Verelendung in der Schweiz

Was hat das mit der Gegenwart zu tun? Sehr viel. Die Politik der Innerschweiz ist bis heute geprägt von Pragmatismus, Realismus und Zurückhaltung und verzichtet seit 1515 auf politische Abenteuer.

Das Establishment des Landes der direkten Demokratie ignoriert  jedoch heute die Verfassung, das Ständemehr– und die souveränen Kantone und bevorzugt ein politisches Abenteuer mit der Europäischen Union. Vielleicht kann das schweizerische Establishment dieses „mittelalterliche“ Ungeheuer gleich ganz abschaffen – nach dem Vorbild der Abschaffung des Referendums in den Niederlanden.

Aktivismus, mangelnde Qualität und Erfahrung sowie immer weniger Swissness (aus verschiedenen Gründen) prägen heute auch die schweizerische Politik. Das ist kein gutes Omen für die Gesellschaft. Kein Ständemehr bedeutet nicht nur politische Verelendung, sondern  ist auch verfassungswidrig und das Ende der einzigartigen Schweizer direkten Demokratie und der Konföderation von Kantonen und Volk. Das Vertrauen in der Politik is weg, wie in den Niederlanden, Frankreich, Deutschland, Belgien und Italien, Gründer der Europaischen Union

Der Politiker und Unternehmer Alfred Escher (1819–1882) formulierte 1848, was noch heute die Grundlage des föderalen und demokratischen Systems ist:

Der schöne Baum unseres neuen Bundes, der seine schützenden Zweige über das ganze Vaterland ausbreitet, hat zu seinen Wurzeln die Kantone. Würden wir diese Wurzeln verkümmern und absterben lassen, so wäre damit auch dem Baum der sichere Untergang bereitet. Die Kantone sind die Säulen, auf denen das ganze Bundesgebäude ruht“ (J. Jung, Alfred Eschers Thronreden, Zürich 2021).

Bern, Bundeshaus, die 26 Kantone

Schlussfolgerung

Nach mehr als zweihundert Jahren haben sich das Establishment der ehemaligen Republik der Sieben Vereinigten Provinzen und der Eidgenossenschaft wiedergefunden, in einer zentralistischen „One‑size‑fits‑all“-Verwaltung. Die neuen Monarchen residieren in Brüssel, ihre Richter in Luxemburg. Die Eidgenossenschaft auf dem Weg zu einer Genossenschaft der EU und ihrer hochprivilegierten Bürokraten, Technokraten und Lobbyisten. Die direkte Demokratie, der Föderalismus, die Subsidiarität, die Eigenverantwortung der Bürger und die Dezentralisierung waren einmal.

Und das ist keine gute Perspektive in wirtschaftlicher, demokratischer, moralischer und sozialer Hinsicht, um dieses multikulturelle Land zusammenzuhalten. Die Schweiz mit ihrer zukunftweisenden multikulturellen Demokratie, Innovation, Wirtschaft, Bildung und Verfassung schafft sich selbst ab, und genau das ist auch das Ziel des Establishments. Die altmödische Confoederatio Helvetica (CH) soll endlich die Schweiz (SCH) werden.

Angstmacherei, Angst vor Sanktionen der EU, lukrative europäische Posten, vermeintliches europäisches Prestige, geschäftliche Interessen und fiktive multikulturelle Brüderschaft locken in den immer tieferen europäischen monetären, megalomanen, wirtschaftlichen, demokratischen und sozialen Sumpf.

Die Ära der „Sept sages“ des Bundesrates ist vorbei. Aktivismus, Demagogie und Opportunismus haben Einzug gehalten. Innerhalb von zehn Jahren herrschen auch in der Confederatio Helvetica „niederländische, deutsche oder schwedische soziale und politische Verhältnisse und Spannungen“.

Die Geschichte vom Aufstieg und Fall einer einzigartigen Gesellschaft mitten in Europa. Die Confederatio wird in diesem Fall ein ’normales‘ europäisches Land sein, und das ist kein Kompliment.