Scuol graffiti. Photo/foto: TES.

Sgraffiti im Engadin

Das Wort Sgraffito kommt vom italienischen Verb sgraffiare oder graffiare, was kratzen bedeutet. Sgraffiti (Plural) werden mit einem feinen, verschiedenfarbigen Kalkverputz auf einem gröberen Mörtelgrund aus Kalk und Sand aufgetragen. Die obere Schicht wird zum Teil wieder weggekratzt und es entstehen die Sgraffiti mit ihrem Farbkontrast.

Es gibt eine Vielzahl an Formen und Figuren, die vornehmlich der Dekoration dienen. Die einfachste Art, Hausfassaden mit Sgraffiti zu verzieren, ist die geometrische Hervorhebung der Hausecken durch Quadersteine und die Umrahmung von Türen und Fenstern. Häuser erhalten zum Teil auch Namen, Hausinschriften, Familienwappen, Symbole, Szenen oder Erzählungen, die weit über den dekorativen Charakter hinausgehen.

Diese Zeichen und Symbole haben oft eine (religiöse) Bedeutung, aber häufig wurden alte Grundmuster ohne Einsicht in die tiefere Bedeutung und Aussage weiterverwendet. Damit mutierten sie im Laufe der Zeit.

Es gibt zwei Grundformen. Das Rechteck und der Kreis symbolisieren die Bereiche menschlicher Erfahrungen. Das Rechteck ist das Berechenbare, Menschliche und Irdische. Der Kreis ist das Unberechenbare, Unfassbare oder Göttliche.

Dieser Kreis ist leer oder erscheint als (männlicher) Venusstern oder (weiblicher) Sonnenwirbel. Zu diesen Grundformen gehören eine ganze Reihe von Varianten und alle möglichen Formen der Verbindung. Auf einem Rechteck können zum Beispiel ein oder mehrere Kreise oder Dreiecke stehen.

Die Bibel, die jüdische Religion oder eben die griechische Mythologie geben oft Hinweise auf die Bedeutung. Kenntnis in diesem Bereich ist erforderlich. Der Fluss, das Schiff, der Vogel, der Lebensbaum, das Dreieck,die Tulpe als Symbol für die Trinität oder auch das Wasser sind nur einige Beispiele der Symbolik.

Bei den Hausinschriften gibt es auch ein weites Spektrum von Sinnsprüchen, Namen und Lebensweisheiten bis hin zu philosophischen und religiösen Überlegungen.

Es verwundert also nicht, dass die Interpretationen weit auseinanderlaufen und Experten und Forscher gefragt sind. Das Wichtigste für die Besucher (und heutzutage vielleicht auch für die meisten Bewohner der Häuser) ist jedoch die Schönheit und Qualität der Sgraffiti!

Eine gute Einleitung bietet das Buchlein Sgraffiti sehen, Sgraffiti verstehen, von der Dekoration zur Philosophie im Bergdorf (Hans-Peter Schreich, 2020 Biblioteca Jaura Valchava).

Korrektorin: Petra Ehrismann