Liberaler Leuchtturm

Die moderne Schweiz, mit ihrem eigenartigen manchen Deutschen fremd und anachronistisch anmutenden politischen System, ist ein Produkt des Liberalismus. Sie ist das geglückte Realexperiment der liberalen Revolution von 1848, der Proof of Concept. Bürgerliche und wirtschaftliche Freiheiten, Föderalismus, Minderheitenschutz, aber auch die in der Folge entwickelten Formen der direkten Demokratie – 1874 das Gesetzesreferendum und 1891 die Verfassungsinitiative – sind allesamt Produkte dieser grossen liberalen Epoche. Darum sind Plebiszite auch Teil des liberalen Selbstverständnis. Ludwig Theodor Heuss, Liberaler Leuchtturm, Neue Zürcher Zeitung 7.1.2017).

Die Innerschweiz um 1300

Die Schweiz ist weder 1291 noch 1848 entstanden. Ihre Geschichte kann nicht von einem urschweizerischen kern her erzählt werden. Diese Geschichte hat vielmehr in zeitlichen Querschnitten und unter historischen Fragestellungen alle Gebiete der heutigen Schweiz und der historischen Schweiz zu berücksichtigen. Die Geschichte der Innerschweiz um 1300 ist nur ein Beispiel für Entwicklungen im Gebiet der Schweiz. Die neue Sicht erleichtert den Vergleich mit der Entwicklung in anderen Gesellschaften. (R. Sablonier, Gründungszeit ohne Eidgenossen. Politik und Gesellschaft in der Inerschweiz um 1300, Baden 2008).

Hochmittelalter, die Schweiz und Europa

Das christliche Europa vor tausend Jahren war der ärmste, menschenleerste und kulturell zurückgebliebenste Teil des ehemaligen Römischen Reichs, verglichen mit den Hochkulturen weiter östlich und südöstlich. Mit den Reformen Papst Gregors VII. am Ende des 11. Jahrhunderts wurde die römische Kurie zu einer schlagkräftigen zentralisierten Organisation. Denn erst in diesen Jahrzehnten ging die Antike wirklich zu Ende. Als all das anfing zwischen der Mitte des 11. und dem Beginn des 13. Jahrhunderts ging alles schnell. Mann sollte besser Hochgeschwindigkeitsmittelalter sagen. (V. Groeber, ‘Die Sturzgeburt Europas’ in NZZ Geschichte, Nr.6, Juli 2016, Zürich).

Die romanische Schweiz

Das Territorium des modernen Nationalstaates bildete vom 11. Bbs ins frühe 13. Jahrhundert keine Einheit. Nicht nur politisch war das Gebiet der Schweiz in zahllose Herrschaftsgebiete unterteilt, auch religiös war man nach verschiedenen Zentren ausgerichtet. Gemeinsam ist allen Regionen, dass sie am Rande grosser Zentren der romanischen Kunst lagen. Das Tessin, Graubünden, die Ost-schweiz bis Zürich und die Zentralschweiz bis zum Thunersee orientierten sich hauptsächlich an die Lombardei, während Schaffhausen und die Nordostschweiz zum süddeutschen Raum und Basel zum Oberrhein gehörten. Die Westschweiz wiederum war Teil Burgunds und aufgrund spezieller historischer Konstellationen auch künstlerische Anregungen bis hin zur Auvergne bezogen wurden. (H.-R. Meier, Romanische Schweiz, Würzburg 1996).

Die Karolingerzeit in der Schweiz

Die heutige Schweiz mag als weitgehend weisser Fleck auf der Reisekarte Karls des Grossen erscheinen, die Sach- und Schriftquellen zeugen von mehr. Sie zeigen uns die Karolingerzeit als Epoche eines beispiellosen Umbruchs und einer Neuordnung, in der für vieles der Grund gelegt wurde, was sich bis in unsere Tage als dauerhaft und prägend erweisen sollte. (M. Riek, J. Goll, G. Descœudres (Herausgebers), Die Zeit Karls des Grossen in der Schweiz, Sulgen, 2013).

Die Freiheit der Schweizer

Der Schweizer respektierte die Religion und die Gesetze. Die Freiheit war ihm teuer, und eine Unabhängigkeit, die aus dem Gefühl für die eigene Stärke geboren ist, war die erste Stütze seiner Seele. Die Schweizer zahlten ohne Bedauern den Preis für ihre Freiheit. Sie verdient die Aufmerksamkeit der Philosophen, der den Menschen eher in der Hütte sucht als im Palast. Möge der Philosoph hier ein selteneres und der menschlischen Natur würdigeres Schauspiel erkennen: ein anständiges Volk, das seine heiligsten Rechte mit den Legitimsten Mitteln verteidigt hat; das in der Gefahr Festigkeit und nach dem Sieg Mässigung gezeigt hat. (Edward Gibbon, Die Freiheit der Schweizer, Zürich 2015).

Staatsbildung in der Schweiz

Staatsbildung durch freiwilligen Zusammenschluss von Bundesgenossen ist ein historisch Altes Muster. Wenn es dabei keine einzelne dominierende Macht gibt, handelt es sich um die Verfestigung territorialer Staatlichkeit durch eine Föderation. Die Niederlande und die Schweiz sind Beispiele für eine solche Einigung aus gleichwertiger Polyzentralität heraus. Während aber die Niederlande um 1900 einem “normalen” Nationalstaat ähnlich war, betonte die Schweiz eher die Sonderrolle mit grossen kantonalen Eigenrechten und baute ihre ungewöhnliche direkte Demokratie noch weiter aus. (J. Osterhammel, Die Verwanderung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München 2011).

Die Wesenbestimmung Europas

Mag der Begriff “Europa”in seiner geographischen Bedeutung noch relativ leicht zu definieren sein, so ist es nahezu unmöglich, die Vielfalt und Vielgestaltigkeit der politischen, sozialen und kulturellen Elemente in einem Überblick zusammenzufassen und der Geschichte und eine Wesensbestimmung des Europäischen zu versuchen.( E. Boshof, Europa im 12. Jahrhundert. Auf dem Weg in die Moderne (Stuttgart 2007).

Die Welt von Gestern

Wie sollte ein Volk den Versprechungen des Staates glauben, der alle ihm unbequemen Verpflichtungen gegenüber dem Bürger annuliert ? Nun hatten dieselben Menschen, der sogenannten Erfahrenen, die Torheit des Krieges noch durch das Stümperwerk ihres Frieden (1919) übertroffen. (Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, Stockholm 1944).

Die Institutionen

Jede Bürokratie hat die Tendenz, durch Umsichgreifen die gleiche Wirkung zu erzielen. Die bürokratische Ordnung tötete, wie jede politische Initiative der Untertanen, so auch die ökonomische, für welche ja die entsprechenden Chancen fehlten. Der Verwaltungsakt kann nicht nach oben den politischen Herrscher ersetzen. Das ist ein deutlicher Gefahrenhinweis auf die Verabsolutierung des Prinzips Bürokratie. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft im Rom der Kaiserzeit, 1909.