Frankreich, der Schweiz und der Ewige Friede von 1516
2 Februar 2022
Die Beziehung zwischen Frankreich und der Schweiz hat viele Facetten.
Es wird geschätzt, dass heute 175 000Franzosen (les frontaliers) täglich in die Schweiz um in den Firmen zu arbeiten. Frankreich ist das viertgrösste Exportland der Schweiz, während die Schweiz bei Frankreich unter den wirtschaftlichen Top Ten ist.
Darüber hinaus gibt es viele kulturelle, wissenschaftliche, soziale und politische Kontakte. Mehr als 1 Million Schweizer Bürger*innen sprechen die französische Sprache. Die Geschichte liefert auch Anhaltspunkte für die Beziehung, mit ihren guten und schlechten Zeite.
15. Jahrhundert
Im fünfzehnten Jahrhundert existierte die heutige Schweiz nicht und das französische Königreich war damals viel kleiner und wurde militärisch, kulturell und politisch von den mächtigen Herzögen von Burgund und den aufstrebenden Habsburgern und ihrem Heiligen Römischen Reich der Deutschen Nation überschattet.
Elsass, Lothringen, Franche-Comté und Savoyen waren (noch) kein Teil des Königreichs und die Reformation (nach 1517) hatte die Schweiz und Frankreich noch nicht geteilt.
Während des französisch-englischen Hundertjährigen Krieges (1337-1453) führte ein interner Konflikt (Zürcherkrieg) innerhalb der damaligen Eidgnossenschaft (Zürich, unterstützt von Habsburg gegen Bern, Zug, Luzern, Schwyz, Glarus, Unterwalden und Uri) zu einer Intervention des französischen Königs Karl VII (1403-1461) gegen die Eidgenossen.
In der Schlacht bei St. Jakob an den Birs erlitten die Eidgenossen eine Niederlage, aber der französische König war von der Kampfkraft und der Mentalität der Schweizer Soldaten so beeindruckt, dass er der Eidgenossenschaft ein günstiges Friedensangebot machte (Ensisheim, 28. Oktober 1444).
Der Ewige Friede
Es war der Beginn einer freundschaftlichen Beziehung von fast 350 Jahren (bis 1798) und fast einer Million Schweizer Soldaten, die als Söldner im französischen Militärdienst dienen würden, einem wichtigen Schweizer Exportprodukt seit Jahrhunderten.
1453 schlossen der französische König Karl VII. (1403-1461) und die Suysses, die Eidgenossenschaft von insgesamt acht Kantonen, den ersten Vertrag der „paix perpétuelle“, den ewigen Frieden.
Dieser Vertrag würde mit grosser Regelmässigkeit bis 1798 ratifiziert werden. Das französische Interesse galt der Rekrutierung von damals hochgeschätzten Schweizer Soldaten und einem neutralen östlichen Nachbarn.
Die Eidgenossenschaft wollte den Zugang der Schweizer Händler zu den französischen Märkten und eine privilegierte Position gegenüber anderen ausländischen Händlern.
Gegenseitig würden sie sich nicht angreifen. Für Frankreich wurde das Bündnis zum Segen, als die Eidgenossenschaft unter der Führung von Bern und Freiburg 1476 (bei Grandson und Murten) und Nancy (1477) den mächtigen burgundischen Herzog besiegte, einschliesslich des Todes von Karl dem Kühnen (1433-1477) und des Verschwindens von Burgund als mächtige unabhängige politische Einheit.
Der habsburgische Kaiser Maximilian (1459-1519) profitierte jedoch auch, aufgrund seiner Heirat mit Maria von Burgund (1457-1482), der Tochter von Karl dem Kühnen und Erbin der reichen burgundischen Besitztümer.
Marignano
Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde die „paix perpétuelle“ auf die Probe gestellt, als eine Reihe von Kantonen die Poebene in Norditalien und das Herzogtum Mailand kontrollieren wollten.
In einer komplizierten internationalen Situation zwischen Papst, Habsburgern und Frankreich würde dies zu Niederlagen im September und Oktober 1515, unter anderem in Marignano, gegen den französischen König François I (1494-1547) führen.
Dieser König erkannte jedoch die Bedeutung einer guten Beziehung zur Eidgenossenschaft und eine weitere „paix perpétuelle“ wurde am 29. November 1516 geschlossen, was am 5. Mai 1521 in Luzern bestätigt wurde.
Die Schlacht von Marignano wird hier nicht behandelt. Hier genügt es zu erwähnen, dass diese Schlacht die Uneinigkeit der Kantone offenbarte und die Eidgenossenschaft nach dem siegreichen Schwabenkrieg gegen Habsburg von 1499 ihre militärisch beste Stunde hatte.
Die Herrschaft über Norditalien war einen Schritt zu weit, obwohl der heutige Kanton Tessin auf der anderen Seite der Bergpässe ein bleibendes Vermächtnis ist.
In seiner Rivalität mit Habsburg hatte Frankreich grosses Interesse an einer neutralen und stabilen Eidgenossenschaft und insbesondere an der Kampfkraft der Schweizer Söldner.
Für die Schweizer Kantone und ihre Eliten war dies eine wichtige Einnahmequelle, und Bern und Freiburg wurden von Frankreich nicht behindert, als sie 1536 auf Kosten des Herzogtums Savoyen den Waadtländer Raum besetzten.
1798
Die Reformation würde die Situation komplizierter machen, aber im Allgemeinen würde die „paix perpétuelle“ und die guten Beziehungen bis 1798 dauern.
Viele Bewohner der Kantone und vor allem der Untertanengebiete (u.a. Waadt, Thurgau, Aargau, Tessin) hatten Sympathie für die französischen „Befreiungsarmeen“, trotz des Schicksals der Schweizer Garde am 10. August 1792. Daran erinnert das Löwendenkmal in Luzern.
Unter französischer Führung (Napoleon) wurde die Souveränität der Kantone beendet (1798-1803 Helvetische Republik) und der Beginn der Konföderation der 19 Kantone (1803-1813 durch Mediationsakte) angefangen, die 1848 schliesslich zur Schweiz führte.
Die Rolle Frankreichs war auch wichtig bei der Anerkennung der Eidgenossenschaft als (souveräne) völkerrechtliche Einheit im Westfälischen Frieden (1648), und 1801, als Österreich/Habsburg die Souveränität der Eidgenossenschaft durch den Vertrag von Luneville (9. Februar 1801) anerkennen und das Fricktal übergeben musste.
Nur Rhäzuns (Graubünden) blieb bis 1819 offiziell habsburgischer Besitz. Die französische Periode 1798-1813, gefolgt vom Wiener Kongress und den nachfolgenden Friedensverträgen, legte den Grundstein für ihre Neutralität danach und für die heutige Schweiz.
(Quelle: G. Miège, A.-J. Tornare, Suisse et France. Cinq cents ans de Paix Perpétuells 1516-2016, Freiburg 2016).
Korrektorin: Melinda Fechner
