Musée international d’horlogerie. Foto/Photo: TES

Von den Sternen zu den Atomen oder die Geschichte der Präzisionsuhrmacherei in Neuenburg

Die kantonale Sternwarte Neuenburg (l’Observatoire cantonal de Neuchâtel)  ist ein kulturelles und wissenschaftliches Erbe von nationaler und internationaler Bedeutung. Sie ist ihrer Rolle in der Geschichte der Zeitmessung und der Präzisionsuhrmacherei gewidmet. Sie beleuchtet die engen Verbindungen zwischen Uhrmacherei und Astronomie. Lange Zeit war die Beobachtung des Himmels die einzige Möglichkeit, die Genauigkeit einer Uhr zu überprüfen.

Pavillon Hirsch

Diese Beziehung spiegelt sich sowohl in der Arbeitsweise der Uhrmacher als auch in den Ausbildungseinrichtungen und lokalen Initiativen zur Standardisierung der Zeitmessung wider. Die Astronomie wurde so zu einer wichtigen Bezugswissenschaft im Dienste einer Industrie, die nach Zuverlässigkeit und Anerkennung strebte.

Die kantonale Sternwarte Neuenburg

Die Gründung der Sternwarte und ihre Einbindung in eine umfassendere Wirtschafts- und Wissenschaftspolitik entsprangen der Notwendigkeit, die Zeitmessung zu professionalisieren, Chronometer zu kontrollieren und die Wettbewerbsfähigkeit der Neuenburger Uhrenindustrie gegenüber der internationalen Konkurrenz zu stärken. Zertifizierung, Reglemente, technische Geräte und Gangscheine zeugen von der schrittweisen Etablierung einer echten Qualitätswirtschaft.

Fernrohr des Observatoriums von Neuenburg. Le Musée international d’horlogerie de La Chaux-de-Fonds

Die Chronometrie-Wettbewerbe nahmen in diesem System einen wichtigen Stellenwert ein. Sie dienten dazu, die Exzellenz der Produkte zu bestätigen, das Know-how der Regulierer zu würdigen und ein Prestige zu pflegen, das die Uhrenwerbung ausgiebig nutzte. Die Ausstellung zeigt sowohl die technischen Herausforderungen als auch die symbolischen Triebkräfte und deren Grenzen.

Christiaan Huygens (sitzend links) im Kreise anderer Gelehrter seiner Zeit. Wandmalerei Musée International d’Horlogerie

Die Ausstellung Von den Sternen zu den Atomen

Mittels eines auf vier Standorte verteilten Dispositivs und eines Begleitprogramms lädt die Ausstellung (Des étoiles aux atomes) dazu ein, die verschiedenen Arten zu erkunden, wie die Zeit beobachtet, gemessen, aufgezeichnet und verbreitet wurde – von astronomischen Praktiken bis hin zu zeitgenössischen Atomtechnologien.

Entlang dieses chronologischen und thematischen Fadens beleuchtet die Ausstellung die engen Verbindungen zwischen der Beobachtung des Himmels und den Atomen, zwischen wissenschaftlichen Messgeräten und der Entwicklung präziser Zeitmessung sowie zwischen der gemessenen Zeit und ihren sozialen und wissenschaftlichen Nutzungsmöglichkeiten. Das Projekt wird vom Verein Automates & Merveilles getragen.

Kopie der Klepsydra aus Karnak (Ägypten), um 1400 v. Chr. Sammlung: Musée international d’horlogerie de La Chaux-de-Fonds

Als kohärentes Ganzes konzipiert, gliedert sich die Ausstellung in vier eigenständige Teile, die jeweils die Zeitmessung aus eigener Perspektive betrachten. Wer die vier Standorte besucht, kann diese Ansätze miteinander verbinden und nachvollziehen, wie die Zeit im Lauf der Jahrhunderte beobachtet, gemessen und weitergegeben wurde – vom Himmel bis zu den präzisesten Instrumenten.

 Sie beleuchtet die Entstehung einer Präzisionskultur im Neuenburger Jura sowie die Rolle der Sternwarte bei der Zertifizierung von Uhrmacherei-Produkten und der Organisation von Chronometrie-Wettbewerben. Diese Aufgaben werden in einen grösseren historischen Zusammenhang eingebettet, an der Schnittstelle zwischen Navigation, Astronomie und Uhrenindustrie.

Ausrüstung für die Femtosekunde. Sammlung: Musée international d’horlogerie de La Chaux-de-Fonds.

Die Ausstellung bietet einen chronologischen und thematischen Überblick über die Geschichte der Präzisionsuhrmacherei und zeigt, wie sich diese an der Schnittstelle zwischen wissenschaftlichen Herausforderungen, wirtschaftlichen Interessen und institutionellen Entscheidungen entwickelt hat.

Sie beginnt mit den Ursprüngen dieser Präzisionskultur, die seit dem 18. Jahrhundert durch die Suche nach der Längengradbestimmung auf See geprägt wurde. Die Anforderungen der Hochseeschifffahrt trieben damals die Entwicklung der Marinemesstechnik voran und spornten die Uhrmacher des Jurabogens an, insbesondere jene in den Neuenburger Jurahöhen, ihre Instrumente zu perfektionieren.

Schliesslich wendet sich der Rundgang den zeitgenössischen Entwicklungen zu. Das Ende der Wettbewerbe an der Sternwarte bedeutet nicht das Verschwinden des Anspruchs auf Präzision, sondern dessen Transformation. Dieser findet heute seine Fortsetzung in Institutionen wie der Offiziellen Schweizer Chronometer-Kontrolle  und dem METAS, die das Neuenburger Erbe in aktuelle Standards und in erneuerte Perspektiven der Zeitmessung einliessen lassen.

Die vier Standorte der Ausstellung sind: Musée international d’horlogerie in La Chaux-de-Fonds, Musée d’horlogerie du Locle — Château des Monts, Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel und l’Observatoire cantonal de Neuchâtel.

(Quelle und weitere Informationen: l’Association Automates & Merveilles)

Bilder: Sternewarte St. Margarethen in Binningen (Kanton Basel-Landschaft)