Eine kantonale Rivalität
27 Dezember 2020
Die Schweiz hat mehr als 2200 Gemeinden, die von sehr klein (weniger als 20 Einwohner) bis gross (über 400 000 Einwohner) reichen.
Eine Stadt mit mehr als 500 000 bis zu einer Million Einwohnern fehlt, anders als zum Beispiel in den Niederlanden, Dänemark, Österreich, Belgien oder Ungarn.
In der französischsprachigen Romandie sind die grössten Städte Lausanne und Genf, gefolgt bis vor kurzem von La Chaux-de-Fonds (Kanton Neuchâtel).
Nach der Fusion mit den Gemeinden Corcelles-Cormondrèche, Valangin und Peseux am 1. Januar wird die grösste Stadt des Kantons jedoch Neuchatel sein. Die neue Gemeinde hat dann 45 000 Einwohner.
La Chaux-de-Fonds wird aber weiterhin die Hauptstadt der Uhrenindustrie (de cité horlogère) bleiben oder, wie man sagt, La Chaux-de-Fonds hat lange Zeit die Verwaltung des Kantons finanziert.
Wie in jedem Land gibt es auch im kleinen Kanton Neuenburg eine historisch gewachsene Rivalität zwischen Städten und Regionen, der Bergregion des Juras ( le Haut du canton) gegen das Seeufer (Littoral oder le Bas du canton).
Jahrhundertelang war Neuenburg Sitz und (lukrative) Jobmaschine der Grafen von Neuenburg, sowie deren deutschen, französischen und preussischen Nachfolgern (1395-1815/1857).
Die Stadt entwickelte aber auch eine eigene Industrie und einen grossen Sektor von kleinen und mittleren Betrieben und beherbergt heute einige multinationale Unternehmen.
Die Bürger von La Chaux-de-Fonds wehrten sich 1830 (vergeblich) und 1848 (erfolgreich) gegen die Ansprüche des preussischen Königs auf Neuenburg, sozusagen die industrielle Revolution gegen das ancien régime.
La Chaux-de-Fonds ist nach wie vor das UNESCO-Weltkulturerbe des Kantons, ebenso wie Neuenburg die Universitätsstadt ist. Beide Städte verfügen über ein reiches kulturelles Leben und Unternehmergeist und sind gut positioniert und voll in die Eidgenossenschaft eingebettet. Die Rivalität ist kein ‚Graben‘, sondern eher eine Familienangelegenheit.
