Mediationsakte, 1803. Foto/Photo: Wikipedia.

Napoleon, die Schweiz und die Niederlande

Napoleon Bonaparte (1769-1821) starb am 5. Mai 1821 auf der englischen Insel St. Helena im Südpazifik.

Die Eidgenossenschaft

Die Eidgenossenschaft von zweiundzwanzig Kantonen bestand zu diesem Zeitpunkt seit sechs Jahren und das Land war vom Wiener Kongress (1814-1815) als souveräne und neutrale Republik anerkannt worden, eine Ausnahme in Europa.

Nur wenige ahnten 1798, dem Jahr des französischen Einmarsches in die alte Eidgenossenschaft der dreizehn Kantone, von dieser Entwicklung, . Zudem hatte Frankreich bereits 1792 einen Teil des (Jura-)Gebiets des Fürstbistums Basel annektiert.

Die einzige offizielle Sprache der alten Eidgenossenschaft war Deutsch. Die französisch-, italienisch- und rätoromanischsprachigen oder zweisprachigen Gebiete/Kantone (ausser Freiburg/Fribourg) waren kein Mitglied der alten Eidgenossenschaft.

Die Republik Graubünden, die Republik Genf, die Republik der Sieben Zenden (Dizains) im Wallis und das Fürstentum Neuenburg (Teil des Königreichs Preussen) waren unabhängig.

Waadt, Thurgau und Tessin waren besetzte Gebiete mit dem Status des  Untertanengebietes. Den Jura gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Der Kanton wurde erst 1979 geschaffen.

1798-1813

Nach 1798 blieb nichts mehr, wie es war. Napoleon führte den Einheitsstaat der Helvetischen Republik (1798-1803) ein und teilte das Land in Verwaltungseinheiten unter der zentralen Autorität eines fünfköpfigen Direktoriums nach französischem Vorbild.

Die ehemals besetzten Gebiete hatten die gleichen Rechte wie ihre früheren Herrscher. Auch die Sprachen Italienisch und Französisch erhielten den gleichen Status wie das Deutsche.

Die neue Konföderation wurde durch die (französische) Mediationsakte von 1803 geschaffen. Französisch, Italienisch und Deutsch wurden als Amtssprachen anerkannt. Die Kantone Graubünden (Les Grisons), Waadt (Vaud), Tessin (Ticino), St. Gallen (St. Gall), Thurgau (Thurgovie) und Aargau (Argovie) entstanden.

Die neuen Eidgenossenschaften von 1815 und 1848 bestätigten diese Situation. Das Rätoromanische wurde 1938 als vierte Landessprache anerkannt.

Schlussfolgerung

Napoleon spielte bei der Schaffung der heutigen Eidgenossenschaft eine wesentliche Rolle, ist jedoch nicht als ihr Gründer zu betrachten.

Die Eidgenossenschaft hat ihre Wurzeln in der Eidgenossenschaft des dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts, ohne dominierende Dynastie und Aristokratie und mit souveränen Kantonen und (direkter) Demokratie (nach den Massstäben der Zeit) in den Urkantonen.

Diese lockere Struktur souveräner Staaten schaffte es, die Wirren von Religionskriegen, multikulturellen Spannungen sowie mächtigen und aggressiven Nachbarn zu überstehen. Ohne diese Strukturen hätte der Lauf der Geschichte zu einer Monarchie und einem Einheitsstaat führen können.

Die niederländische Republik der Vereinten Sieben Provinzen wurde 1795 – 1815 zu einem solchen Staat, weil die Strukturen und die Geschichte sich von denen der Schweiz unterschieden und es nie eine (direkte) Demokratie gegeben hatte.

Schlussfolgerung

Die Schweizer und ihre Kantone fügten Napoleon 1802-1803 seine erste Niederlage zu, nicht militärisch, aber politisch.

Selbst sagte er dazu: ” Glückliche Ereignisse haben mich an die Spitze der französischen Regierung berufen, und doch bin ich unfähig die Schweiz zu regieren”.

Die Schweiz hat sich in den Jahren 1803, 1815 und 1848 selbst erfunden in einer Jahrhundertalten Entwicklung. Die Tessiner sagten es schon im Jahr 1797: Liberi e Svizzeri und Edward Gibbon im Jahr 1767 im Buch History of the Liberty of the Swiss (“Introduction à l’Histoire générale der la République des Suisses” (die erste deutsche Übersetzung lautet: Die Freiheit der Schweizer, Zürich 2015).

Dies ist keine Nostalgie, aber das Fundament für diese erfolgreiche demokratische, multikulturelle, innovative und dezentrale Gesellschaft ‘Bottom-Up’.

Wie sich die Geschichte in der Schweiz ohne die Französische Revolution, Napoleon und den Wiener Kongress entwickelt hätte, spielt trotz der enormen Einflussnahme heute keine Rolle. Eine Tatsache, an die man sich zweihundert Jahre nach dem Tod von Napoleon erinnern sollte.

Quelle: T. Kaestli (Hg.),  Nach Napoleon. Die Restauration,  der Wiener Kongress und die Zukunft der Schweiz 1813-1815, Baden, 2016).

Korrektorin: Melinda Fechner