Plötzlich ist Italien ganz nahe – Die Südschweiz im Zweiten Weltkrieg
24 Oktober 2026
Ab 1943 rückte der Zweite Weltkrieg unmittelbar an die Schweizer Südgrenze. Im benachbarten Ossolagebiet kämpften italienische Partisanen gegen deutsche Besatzungstruppen und Faschisten der Republik von Salò. Für die Kantone Tessin und Wallis wurde die Schweizer Neutralität zur täglichen Gratwanderung (Fortsetzung von Teil eins).
Die Region Ossola und die Stadt Domodossola
Die Region Ossola, zwischen dem Simplon und dem Lago Maggiore gelegen, bot dem sich ab Herbst 1943 bildenden italienischen Widerstandsgruppen günstige Kampfbedingungen (siehe Artikel 1). Neben den Vorteilen des alpinen Geländes lag mit der Schweiz ein neutrales Land in unmittelbarer Nähe, das den Partisanen einen optimalen Rückzugsort bot.
Bedrängte Formationen konnten über die Grenze entkommen, sich dort neu sortieren und anschliessend wieder ins Geschehen eingreifen. Damit war es für die deutschen und faschistischen Besatzungstruppen praktisch unmöglich, die Resistenza in dieser Region langfristig zu kontrollieren. Auch deshalb entwickelte sich das Gebiet rund um das Städtchen Domodossola zu einem wichtigen Schauplatz des italienischen Widerstands.

Für die Partisanen der Region Ossola war die Schweizer Grenze sehr durchlässig. Oft schauten die Verantwortlichen bewusst weg. Bild: Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv
Dieser Widerstand war allerdings alles andere als eine geschlossene und geeinte Gruppe. Er bestand aus verschiedenen Formationen mit teilweise sehr unterschiedlichen politischen Einstellungen. In der Region Ossola kämpften christdemokratische, monarchistische, sozialistische, kommunistische und politisch unabhängige Gruppierungen. Zwar hatten sie mit den Besatzern, bestehend aus SS-Polizisten, kleineren Wehrmachtsverbänden und italienischen Faschisten, einen gemeinsamen Feind. Doch untereinander herrschte weder Einigkeit noch eine grosse Bereitschaft zur Zusammenarbeit.
Ein zufälliger Sieg
Trotzdem gelang es der ossolanischen Resistenza, im September 1944 grosse Teile der Region rund um Domodossola zu befreien. Dabei kam den Partisanen die allgemeine militärische Entwicklung entgegen: Die deutsch-faschistischen Truppen in Italien gerieten zusehends unter Druck, weshalb Kräfte, die zuvor auch für Besatzungs- und Sicherungsaufgaben eingesetzt worden waren, vermehrt an den eigentlichen Fronten benötigt wurden.
Gleichzeitig gewann der Widerstand deutlich an Stärke. Ende August begannen verschiedene Partisanengruppen weitgehend unabhängig voneinander Gebiete zu erobern und schlossen Domodossola Anfang September schliesslich vollständig ein.

Ossolanische Partisanen, abgelichtet im Oktober 1944. Gut zu erkennen ist die unterschiedliche Bewaffnung, die die Versorgung der Widerstandskämpfer besonders erschwerte. Bild: Istituto Storico Piero Fornara, Novara
Die Widerstandsformationen agierten dabei nicht koordiniert. Ihre nahezu gleichzeitig geführten Angriffe erweckten bei den rund 400 deutschen und italienisch-faschistischen Soldaten in Domodossola jedoch den Eindruck einer gemeinsam geplanten Offensive.
Die Besatzer überschätzten zudem die Stärke ihrer Gegner um ein Vielfaches. Weil die meisten Besatzer ausserdem kriegsmüde waren, verhandelten sie mit den Partisanen über einen Abzug aus der Region. Am 10. September 1944 verliessen die Besatzungstruppen samt ihrer Angehörigen Domodossola und zogen nach Süden ab. Das Ossolagebiet war frei.
Die Partisanenrepublik Ossola
Was nun folgte, wurde nach dem Krieg in Italien immer wieder als Modell für einen demokratischen Staat dargestellt. Trotz Konkurrenz und unterschiedlicher politischer Haltungen setzten die Widerstandskämpfer sofort eine zivile Regierung ein. Diese erreichte in kurzer Zeit Beachtliches: Schulen und Postdienst wurden reorganisiert, der öffentliche Verkehr wurde wieder aufgenommen, Mittel für Rentenzahlungen wurden beschafft. Es war ein bemerkenswertes demokratisches Experiment nach mehr als zwei Jahrzehnten des Faschismus.

Die Partisanenrepublik Ossola erstreckte sich von der Schweizer Grenze bis zum Lago Maggiore und hatte rund 80’000 Einwohnerinnen und Einwohner. Bild: Insubrica Historica, Minusio
Auch gesellschaftspolitisch setzte der kleine Staat Zeichen. Anfang Oktober wurde Gisella Floreanini (1906-1993) zur Kommissarin für Fürsorge berufen – eine Funktion, die einem Ministeramt gleichkam. Und das, noch Jahre bevor die italienischen Frauen überhaupt wählen durften. Floreanini koordinierte unter anderem die Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Roten Kreuz, organisierte die Verteilung von Lebensmitteln und medizinischem Material und hielt engen Kontakt zur Bevölkerung.
Ihre Beziehungen zur Schweiz nutzte die Kommunistin gezielt, um Hilfe für die Menschen der Republik Ossola zu organisieren. Doch die Verbindungen des kleinen Staates zur Schweiz und vor allem zu den Kantonen Wallis und Tessin gingen weit über eine humanitäre Hilfe hinaus.

Gisella Floreanini war die erste Ministerin Italiens und Mitglied der zivilen Regierung der Partisanenrepublik Ossola. Bild: Insubrica Historica, Minusio
Handfeste Unterstützung aus dem Tessin
Im Tessin stiessen die Partisanen und die kleine Republik auf breite Sympathien. Grosse Teile der Bevölkerung unterstützten sie mit Geld, Kleidung und Lebensmitteln. Auch die Tessiner Presse und kirchliche Kreise standen dem Widerstand positiv gegenüber. Einzelne Tessiner gingen noch weiter und beteiligten sich aktiv am Kampf gegen die deutsch-faschistischen Besatzer.
Silvio Baccalà (1911-1990) aus Brissago arbeitete tagsüber als Gärtner in einem Hotel und führte nachts Partisanen über die Bergpfade des Ghiridone ins Cannobinatal. Vincenzo Martinetti (1908-1992), ebenfalls aus Brissago, organisierte die gesamte Logistik einer Partisanenformation namens Divisione Piave.
Die in Locarno lebende Gabriella Antognini (1910-1988) versteckte italienische Widerstandskämpfer oder half Männern, die aus Schweizer Internierungslagern geflohen waren, über die Grenze zurück nach Italien, um dort erneut gegen die Besatzungstruppen zu kämpfen. Diese handfeste Unterstützung war auch deshalb möglich, weil die Tessiner Behörden vieles duldeten und sich teilweise selbst an der Unterstützung beteiligten.
Die offizielle Schweizer Neutralität
Damit geriet die offizielle Schweizer Neutralität zunehmend unter Druck. Zwischen der Praxis im Tessin und der offiziellen Linie der Eidgenossenschaft bestand ein spürbarer Gegensatz. Kantonale und lokale Behörden duldeten die Unterstützung der Partisanen häufig oder legten die geltenden Vorschriften grosszügig aus.
Bei den Bundesbehörden und in der Armeeführung stand dagegen die Einhaltung der Neutralität nach wie vor im Vordergrund. Ganz ohne Konsequenzen blieb diese lokale Hilfe deshalb auch im Tessin nicht: Gabriella Antognini musste 1945 wegen eines illegalen Grenzübertritts eine kurze Haftstrafe verbüssen, Vincenzo Martinetti wurde nach dem Krieg wegen Verletzung der Neutralität zu vier Monaten Haft verurteilt.
Das Ende der Freiheit
Nach 40 Tagen endete die Freiheit im Ossolagebiet. Die Partisanenrepublik war militärisch nicht stark genug, um sich dauerhaft zu behaupten. Nachdem der alliierte Vormarsch weiter südlich zum Stillstand gekommen war, konnten die deutschen Besatzungstruppen ihre Kräfte neu organisieren. Am 9. Oktober 1944 begann die Rückeroberung des Gebiets. Am 23. Oktober war die kleine Republik endgültig zusammengebrochen.

Auch italienische Faschisten wie diese Männer der Schwarzen Brigaden waren an der Rückeroberung des Ossolagebiets im Herbst 1944 beteiligt. Bild: Insubrica Historica, Minusio
Nun setzte eine grosse Fluchtbewegung in Richtung Tessin und Wallis ein. Nach heutigem Forschungsstand flohen bis zu 10’000 Menschen über die Grenze, darunter etwa 3’500 Partisanen. Viele waren erschöpft, verletzt oder unterernährt.
Besonders dramatisch wurde die Situation im Grenzgebiet bei den Bagni di Craveggia. Dort hatten sich Mitte Oktober mehrere hundert Partisanen nahe der Grenze zurückgezogen. Am 18. Oktober stiessen deutsche und italienisch-faschistische Truppen vor. Bei den anschliessenden Gefechten wurden Flüchtende gnadenlos verfolgt. Die Besatzungstruppen schossen dabei auch auf Menschen, die sich bereits auf Schweizer Gebiet befanden.
Die Ereignisse zeigen, wie schnell aus einem Krieg im Nachbarland ein Schweizer Problem werden konnte. Bereits zuvor hatte die Armee die Südgrenze verstärkt. Nun mussten Schweizer Soldaten verhindern, dass die Kämpfe auf das eigene Staatsgebiet übergriffen, gleichzeitig aber die ankommenden Flüchtlinge aufnehmen und die militärischen Personen entwaffnen.

Geflohene Partisanen aus dem Ossolagebiet treffen im Herbst 1944 in Bern ein. Von hier aus werden sie auf die verschiedenen Internierungslager verteilt. Bild: Staatsarchiv des Kantons Bern
Zuflucht und Internierung
Für die Partisanen bedeutete die Schweiz Sicherheit, aber nicht die Freiheit, ihren Kampf von dort aus fortzusetzen. Sie wurden entwaffnet und möglichst weit von der Grenze entfernt interniert. In der Regel kamen sie in Lager in der Deutschschweiz. Damit sollte ein erneutes Eingreifen in die Kampfhandlungen verhindert und die Schweizer Neutralität gewahrt werden.
Das funktionierte nur mässig, denn zahlreiche Helferinnen und Helfer unterstützten Partisanen bei der Flucht aus Internierungslagern und ihrer Rückkehr nach Italien. Gabriella Antognini war nur eine von mehreren Personen, die sich dabei bewusst über die staatlichen Vorgaben hinwegsetzten.

Das Internierungslager im bernischen Büren an der Aare, fotografiert um 1940. Hier wurden später ebenfalls ossolanische Partisanen interniert. Bild: Staatsarchiv des Kantons Bern
Schlussfolgerung
Gerade darin zeigt sich die Besonderheit der Schweizer Südgrenze während des Zweiten Weltkriegs. Auf dem Papier trennte die Grenze zwischen Tessin und Wallis das italienische Kriegsgebiet. Im Alltag erwies sie sich jedoch als erstaunlich durchlässig.
Die Schweiz blieb als Staat neutral. Doch in den beiden Grenzkantonen wurden Flüchtlinge aufgenommen, Partisanen versteckt, Nachrichten übermittelt und Widerstandskämpfer über Bergpfade geführt. Für manche Tessiner war die Auseinandersetzung jenseits der Grenze kein fremder Krieg, sondern vor allem ein Kampf gegen einen Faschismus, den sie aus unmittelbarer Nähe kannten.
Die Geschichte des Ossola zeigt deshalb, wie schwer sich Neutralität auf eine politische Formel reduzieren lässt. An der Südgrenze musste sie täglich mit einer Wirklichkeit leben, in der Krieg, Verfolgung und Widerstand oft nur wenige Kilometer – manchmal nur wenige Schritte – entfernt waren.
Der Autor Andrej Abplanalp, geboren 1970, hat an der Universität Bern Geschichte studiert und zu den Partisanen im Ossolagebiet geforscht. Heute ist er Kommunikationschef des Schweizerischen Nationalmuseums. Im Frühling 2026 hat Andrej gemeinsam mit dem Tessiner Historiker Raphael Rues das Buch «Kampfzone Ossola. Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943–1945» (Zürich 2026) veröffentlicht. Das Buch ist auch auf Italienisch erschienen: Andrej Abplanalp, Raphael Rues, «L’Ossola in Guerra“ (Minusio 2026). Eine französische Version wird Anfang 2027 beim Genfer Verlag Slatkine erscheinen.
